Der Frühling war gekommen, später, aber auch rascher und freudiger als
gewöhnlich. Ottilie fand nun im Garten die Frucht ihres Vorsehens;
alles keimte, grünte und blühte zur rechten Zeit; manches, was hinter
wohlangelegten Glashäusern und Beeten vorbereitet worden, trat nun
sogleich der endlich von außen wirkenden Natur entgegen, und alles, was
zu tun und zu besorgen war, blieb nicht bloß hoffnungsvolle Mühe wie
bisher, sondern ward zum heitern Genusse.
An dem Gärtner aber hatte sie zu trösten über manche durch Lucianens
Wildheit entstandene Lücke unter den Topfgewächsen, über die zerstörte
Symmetrie mancher Baumkrone. Sie machte ihm Mut, daß sich das alles
bald wieder herstellen werde; aber er hatte zu ein tiefes Gefühl, zu
einen reinen Begriff von seinem Handwerk, als daß diese Trostgründe
viel bei ihm hätten fruchten sollen. So wenig der Gärtner sich durch
andere Liebhabereien und Neigungen zerstreuen darf, so wenig darf der
ruhige Gang unterbrochen werden, den die Pflanze zur dauernden oder zur
vorübergehenden Vollendung nimmt. Die Pflanze gleicht den eigensinnigen
Menschen, von denen man alles erhalten kann, wenn man sie nach ihrer
Art behandelt. Ein ruhiger Blick, eine stille Konsequenz, in jeder
Jahrszeit, in jeder Stunde das ganz Gehörige zu tun, wird vielleicht
von niemand mehr als vom Gärtner verlangt.
Diese Eigenschaften besaß der gute Mann in einem hohen Grade, deswegen
auch Ottilie so gern mit ihm wirkte; aber sein eigentliches Talent
konnte er schon einige Zeit nicht mehr mit Behaglichkeit ausüben. Denn
ob er gleich alles, was die Baum- und Küchengärtnerei betraf, auch die
Erfordernisse eines ältern Ziergartens, vollkommen zu leisten verstand,
wie denn überhaupt einem vor dem andern dieses oder jenes gelingt, ob
er schon in Behandlung der Orangerie, der Blumenzwiebeln, der Nelken-
und Aurikelnstöcke die Natur selbst hätte herausfordern können, so
waren ihm doch die neuen Zierbäume ud Modeblumen einigermaßen fremd
geblieben, und er hatte vor dem unendlichen Felde der Botanik, das sich
nach der Zeit auftat, und den darin herumsummenden fremden Namen eine
Art von Scheu, die ihn verdrießlich machte. Was die Herrschaft voriges
Jahr zu verschreiben angefangen, hielt er um so mehr für unnützen
Aufwand und Verschwendung, als er gar manche kostbare Pflanze ausgehen
sah und mit den Handelsgärtnern, die ihn, wie er glaubte, nicht redlich
genug bedienten, in keinem sonderlichen Verhältnisse stand.
Er hatte sich darüber nach mancherlei Versuchen eine Art von Plan
gemacht, in welchem ihn Ottilie um so mehr bestärkte, als er auf die
Wiederkehr Eduards eigentlich gegründet war, dessen Abwesenheit man in
diesem wie in manchem andern Falle täglich nachteiliger empfinden
mußte.
Indem nun die Pflanzen immer mehr Wurzel schlugen und Zweige trieben,
fühlte sich auch Ottilie immer mehr an diese Räume gefesselt. Gerade
vor einem Jahre trat sie als Fremdling, als ein unbedeutendes Wesen
hier ein; wieviel hatte sie sich seit jener Zeit nicht erworben! Aber
leider wieviel hatte sie nicht auch seit jener Zeit wieder verloren!
Sie war nie so reich und nie so arm gewesen. Das Gefühl von beidem
wechselte augenblicklich miteinander ab, ja durchkreuzte sich aufs
innigste, sodaß sie sich nicht anders zu helfen wußte, als daß sie
immer wieder das Nächste mit Anteil, ja mit Leidenschaft ergriff.
Daß alles, was Eduarden besonders lieb war, auch ihre Sorgfalt am
stärksten an sich zog, läßt sich denken; ja warum sollte sie nicht
hoffen, daß er selbst nun bald wiederkommen, daß er die fürsorgliche
Dienstlichkeit, die sie dem Abwesenden geleistet, dankbar gegenwärtig
bemerken werde?
Aber noch auf eine viel andre Weise war sie veranlaßt, für ihn zu
wirken. Sie hatte vorzüglich die Sorge für das Kind übernommen, dessen
unmittelbare Pflegerin sie um so mehr werden konnte, als man es keiner
Amme übergeben, sondern mit Milch und Wasser aufzuziehen sich
entschieden hatte. Es sollte in jener schönen Zeit der freien Luft
genießen; und so trug sie es am liebsten selbst heraus, trug das
schlafende, unbewußte zwischen Blumen und Blüten her, die dereinst
seiner Kindheit so freundlich entgegenlachen sollten, zwischen jungen
Sträuchen und Pflanzen, die mit ihm in die Höhe zu wachsen durch ihre
Jugend bestimmt schienen. Wenn sie um sich her sah, so verbarg sie sich
nicht, zu welchem großen, reichen Zustande das Kind geboren sei; denn
fast alles, wohin das Auge blickte, sollte dereinst ihm gehören. Wie
wünschenswert war es zu diesem allen, daß es vor den Augen des Vaters,
der Mutter aufwächse und eine erneute, frohe Verbindung bestätigte!
Ottilie fühlte dies alles so rein, daß sie sichs als entschieden
wirklich dachte und sich selbst dabei gar nicht empfand. Unter diesem
klaren Himmel, bei diesem hellen Sonnenschein ward es ihr auf einmal
klar, daß ihre Liebe, um sich zu vollenden, völlig uneigennützig werden
müsse; ja in manchen Augenblicken glaubte sie diese Höhe schon erreicht
zu haben. Sie wünschte nur das Wohl ihres Freundes, sie glaubte sich
fähig, ihm zu entsagen, sogar ihn niemals wiederzusehen, wenn sie ihn
nur glücklich wisse. Aber ganz entschieden war sie für sich, niemals
einem andern anzugehören.
Daß der Herbst ebenso herrlich würde wie der Frühling, dafür war
gesorgt. Alle sogenannten Sommergewächse, alles, was im Herbst mit
Blühen nicht enden kann und sich der Kälte noch keck
entgegenentwickelt, Astern besonders, waren in der größten
Mannigfaltigkeit gesäet und sollten nun, überallhin verpflanzt, einen
Sternhimmel über die Erde bilden.