Fünftes Kapitel

So peitschte Luciane den Lebensrausch im geselligen Strudel immer vor

sich her. Ihr Hofstaat vermehrte sich täglich, teils weil ihr Treiben

so manchen erregte und anzog, teils weil sie sich andre durch

Gefälligkeit und Wohltun zu verbinden wußte. Mittteilend war sie im

höchsten Grade; denn da ihr durch die Neigung der Tante und des

Bräutigams soviel Schönes und Köstliches auf einmal zugeflossen war, so

schien sie nichts Eigenes zu besitzen und den Wert der Dinge nicht zu

kennen, die sich um sie gehäuft hatten. So zauderte sie nicht einen

Augenblick, einen kostbaren Schal abzunehmen und ihn einem Frauenzimmer

umzuhängen, das ihr gegen die übrigen zu ärmlich gekleidet schien, und

sie tat das auf eine so neckische, geschickte Weise, daß niemand eine

solche Gabe ablehnen konnte. Einer von ihrem Hofstaat hatte stets eine

Börse und den Auftrag, in den Orten, wo sie einkehrten, sich nach den

ältesten und Kränksten zu erkundigen und ihren Zustand wenigstens für

den Augenblick zu erleichtern. Dadurch entstand ihr in der ganzen

Gegend ein Name von Vortrefflichkeit, der ihr doch auch manchmal

unbequem ward, weil er allzuviel lästige Notleidende an sie heranzog.

Durch nichts aber vermehrte sie so sehr ihren Ruf als durch ein

auffallendes, gutes, beharrliches Benehmen gegen einen unglücklichen

jungen Mann, der die Gesellschaft floh, weil er, übrigens schön und

wohlgebildet, seine rechte Hand, obgleich rühmlich, in der Schlacht

verloren hatte. Diese Verstümmlung erregte ihm einen solchen Mißmut, es

war ihm so verdrießlich, daß jede neue Bekanntschaft sich auch immer

mit seinem Unfall bekannt machen sollte, daß er sich lieber versteckte,

sich dem Lesen und andern Studien ergab und ein für allemal mit der

Gesellschaft nichts wollte zu schaffen haben.

Das Dasein dieses jungen Mannes blieb ihr nicht verborgen. Er mußte

herbei, erst in kleiner Gesellschaft, dann in größerer, dann in der

größten. Sie benahm sich anmutiger gegen ihn als gegen irgendeinen

andern; besonders wußte sie durch zudringliche Dienstfertigkeit ihm

seinen Verlust wert zu machen, indem sie geschäftig war, ihn zu

ersetzen. Bei Tafel mußte er neben ihr seinen Platz nehmen; sie schnitt

ihm vor, sodaß er nur die Gabel gebrauchen durfte. Nahmen ältere,

Vornehmere ihm ihre Nachbarschaft weg, so erstreckte sie ihre

Aufmerksamkeit über die ganze Tafel hin, und die eilenden Bedienten

mußten das ersetzen, was ihm die Entfernung zu rauben drohte. Zuletzt

munterte sie ihn auf, mit der linken Hand zu schreiben; er mußte alle

seine Versuche an sie richten, und so stand sie, entfernt oder nah,

immer mit ihm in Verhältnis. Der junge Mann wußte nicht, wie ihm

geworden war, und wirklich fing er von diesem Augenblick ein neues

Leben an.

Vielleicht sollte man denken, ein solches Betragen wäre dem Bräutigam

mißfällig gewesen; allein es fand sich das Gegenteil. Er rechnete ihr

diese Bemühungen zu großem Verdienst an und war um so mehr darüber ganz

ruhig, als er ihre fast übertriebenen Eigenheiten kannte, wodurch sie

alles, was im mindesten verfänglich schien, von sich abzulehnen wußte.

Sie wollte mit jedermann nach Belieben umspringen, jeder war in Gefahr,

von ihr einmal angestoßen, gezerrt oder sonst geneckt zu werden;

niemand aber durfte sich gegen sie ein Gleiches erlauben, niemand sie

nach Willkür berühren, niemand auch nur im entferntesten Sinne eine

Freiheit, die sie sich nahm, erwidern; und so hielt sie die andern in

den strengsten Grenzen der Sittlichkeit gegen sich, die sie gegen

andere jeden Augenblick zu übertreten schien.

Überhaupt hätte man glauben können, es sei bei ihr Maxime gewesen, sich

dem Lobe und dem Tadel, der Neigung und der Abneigung gleichmäßig

auszusetzen. Denn wenn sie die Menschen auf mancherlei Weise für sich

zu gewinnen suchte, so verdarb sie es wieder mit ihnen gewöhnlich durch

eine böse Zunge, die niemanden schonte. So wurde kein Besuch in der

Nachbarschaft abgelegt, nirgends sie und ihre Gesellschaft in

Schlössern und Wohnungen freundlich aufgenommen, ohne daß sie bei der

Rückkehr auf das ausgelassenste merken ließ, wie sie alle menschlichen

Verhältnisse nur von der lächerlichen Seite zu nehmen geneigt sei. Da

waren drei Brüder, welche unter lauter Komplimenten, wer zuerst

heiraten sollte, das Alter übereilt hatte; hier eine kleine, junge Frau

mit einem großen, alten Manne; dort umgekehrt ein kleiner, munterer

Mann und eine unbehülfliche Riesin. In dem einen Hause stolperte man

bei jedem Schritt über ein Kind; das andre wollte ihr bei der größten

Gesellschaft nicht voll erscheinen, weil keine Kinder gegenwärtig

waren. Alte Gatten sollten sich nur schnell begraben lassen, damit doch

wieder einmal jemand im Hause zum Lachen käme, da ihnen keine Noterben

gegeben waren. Junge Eheleute sollten reisen, weil das Haushalten sie

gar nicht kleide. Und wie mit den Personen, so machte sie es auch mit

den Sachen, mit den Gebäuden wie mit dem Haus- und Tischgeräte.

Besonders alle Wandverzierungen reizten sie zu lustigen Bemerkungen.

Von dem ältesten Hautelisseteppich bis zu der neusten Papiertapete, vom

ehrwürdigsten Familienbilde bis zum frivolsten neuen Kupferstich, eins

wie das andre mußte leiden, eins wie das andre wurde durch ihre

spöttischen Bemerkungen gleichsam aufgezehrt, so daß man sich hätte

verwundern sollen, wie fünf Meilen umher irgend etwas nur noch

existierte.

Eigentliche Bosheit war vielleicht nicht in diesem verneinenden

Bestreben; ein selbstischer Mutwille mochte sie gewöhnlich anreizen;

aber eine wahrhafte Bitterkeit hatte sich in ihrem Verhältnis zu

Ottilien erzeugt. Auf die ruhige, ununterbrochene Tätigkeit des lieben

Kindes, die von jedermann bemerkt und gepriesen wurde, sah sie mit

Verachtung herab; und als zur Sprache kam, wie sehr sich Ottilie der

Gärten und der Treibhäuser annehme, spottete sie nicht allein darüber,

indem sie uneingedenk des tiefen Winters, in dem man lebte, sich zu

verwundern schien, daß man weder Blumen noch Früchte gewahr werde,

sondern sie ließ auch von nun an so viel Grünes, so viel Zweige und was

nur irgend keimte, herbeiholen und zur täglichen Zierde der Zimmer und

des Tisches verschwenden, daß Ottilie und der Gärtner nicht wenig

gekränkt waren, ihre Hoffnungen für das nächste Jahr und vielleicht auf

längere Zeit zerstört zu sehen.

Ebensowenig gönnte sie Ottilien die Ruhe des häuslichen Ganges, worin

sie sich mit Bequemlichkeit fortbewegte. Ottilie sollte mit auf die

Lust- und Schlittenfahrten, sie sollte mit auf die Bälle, die in der

Nachbarschaft veranstaltet wurden; sie sollte weder Schnee noch Kälte

noch gewaltsame Nachtstürme scheuen, da ja soviel andre nicht davon

stürben. Das zarte Kind litt nicht wenig darunter, aber Luciane gewann

nichts dabei; denn obgleich Ottilie sehr einfach gekleidet ging, so war

sie doch, oder so schien sie wenigstens immer den Männern die Schönste.

Ein sanftes Anziehen versammelte alle Männer um sie her, sie mochte

sich in den großen Räumen am ersten oder am letzten Platze befinden; ja

der Bräutigam Lucianens selbst unterhielt sich oft mit ihr, und zwar um

so mehr, las er in einer Angelegenheit, die ihn beschäftigte, ihren

Rat, ihre Mitwirkung verlangte.

Er hatte den Architekten näher kennen lernen, bei Gelegenheit seiner

Kunstsammlung viel über das Geschichtliche mit ihm gesprochen, in

andern Fällen auch, besonders bei Betrachtung der Kapelle, sein Talent

schätzen gelernt. Der Baron war jung, reich; er sammelte, er wollte

bauen; seine Liebhaberei war lebhaft, seine Kenntnisse schwach; er

glaubte in dem Architekten seinen Mann zu finden, mit dem er mehr als

einen Zweck zugleich erreichen könnte. Er hatte seiner Braut von dieser

Absicht gesprochen; sie lobte ihn darum und war höchlich mit dem

Vorschlag zufrieden, doch vielleicht mehr, um diesen jungen Mann

Ottilien zu entziehen—denn sie glaubte so etwas von Neigung bei ihm zu

bemerken -, als daß sie gedacht hätte, sein Talent zu ihren Absichten

zu benutzen. Denn ob er gleich bei ihren extemporierten Festen sich

sehr tätig erwiesen und manche Ressourcen bei dieser und jener Anstalt

dargeboten, so glaubte sie es doch immer selbst besser zu verstehen;

und da ihre Erfindungen gewöhnlich gemein waren, so reichte, um sie

auszuführen, die Geschicklichkeit eines gewandten Kammerdieners

ebensogut hin als die des vorzüglichsten Künstlers. Weiter als zu einem

Altar, worauf geopfert ward, und zu einer Bekränzung, es mochte nun ein

gipsernes oder ein lebendes Haupt sein, konnte ihre Einbildungskraft

sich nicht versteigen, wenn sie irgend jemand zum Geburts- und

Ehrentage ein festliches Kompliment zu machen gedachte.

Ottilie konnte dem Bräutigam, der sich nach dem Verhältnis des

Architekten zum Hause erkundigte, die beste Auskunft geben. Sie wußte,

daß Charlotte sich schon früher nach einer Stelle für ihn umgetan

hatte; denn wäre die Gesellschaft nicht gekommen, so hätte sich der

junge Mann gleich nach Vollendung der Kapelle entfernt, weil alle

Bauten den Winter über stillstehn sollten und mußten; und es war daher

sehr erwünscht, wenn der geschickte Künstler durch einen neuen Gönner

wieder genutzt und befördert wurde.

Das persönliche Verhältnis Ottiliens zum Architekten war ganz rein und

unbefangen. Seine angenehme und tätige Gegenwart hatte sie wie die Nähe

eines ältern Bruders unterhalten und erfreut. Ihre Empfindungen für ihn

blieben auf der ruhigen, leidenschaftslosen Oberfläche der

Blutsverwandtschaft; denn in ihrem Herzen war kein Raum mehr; es war

von der Liebe zu Eduard ganz gedrängt ausgefüllt, und nur die Gottheit,

die alles durchdringt, konnte dieses Herz zugleich mit ihm besitzen.

Indessen je tiefer der Winter sich senkte, je wilderes Wetter, je

unzugänglicher die Wege, desto anziehender schien es, in so guter

Gesellschaft die abnehmenden Tage zuzubringen. Nach kurzen Ebben

überflutete die Menge von Zeit zu Zeit das Haus. Offiziere von

entfernteren Garnisonen, die gebildeten zu ihrem großen Vorteil, die

roheren zur Unbequemlichkeit der Gesellschaft, zogen sich herbei; am

Zivilstande fehlte es auch nicht, und ganz unerwartet kamen eines Tages

der Graf und die Baronesse zusammen angefahren.

Ihre Gegenwart schien erst einen wahren Hof zu bilden. Die Männer von

Stand und Sitten umgaben den Grafen, und die Frauen ließen der

Baronesse Gerechtigkeit widerfahren. Man verwunderte sich nicht lange,

sie beide zusammen und so heiter zu sehen; denn man vernahm, des Grafen

Gemahlin sei gestorben, und eine neue Verbindung werde geschlossen

sein, sobald es die Schicklichkeit nur erlaube. Ottilie erinnerte sich

jenes ersten Besuchs, jedes Worts, was über Ehestand und Scheidung,

über Verbindung und Trennung, über Hoffnung, Erwartung, Entbehren und

Entsagen gesprochen ward. Beide Personen, damals noch ganz ohne

Aussichten, standen nun vor ihr, dem gehofften Glück so nahe, und ein

unwillkürlicher Seufzer drang aus ihrem Herzen.

Luciane hörte kaum, daß der Graf ein Liebhaber von Musik sei, so wußte

sie ein Konzert zu veranstalten; sie wollte sich dabei mit Gesang zur

Gitarre hören lassen. Es geschah. Das Instrument spielte sie nicht

ungeschickt, ihre Stimme war angenehm; was aber die Worte betraf, so

verstand man sie so wenig, als wenn sonst eine deutsche Schöne zur

Gitarre singt. Indes versicherte jedermann, sie habe mit viel Ausdruck

gesungen, und sie konnte mit dem lauten Beifall zufrieden sein. Nur ein

wunderliches Unglück begegnete bei dieser Gelegenheit. In der

Gesellschaft befand sich ein Dichter, den sie auch besonders zu

verbinden hoffte, weil sie einige Lieder von ihm an sie gerichtet

wünschte, und deshalb diesen Abend meist nur von seinen Liedern

vortrug. Er war überhaupt, wie alle, höflich gegen sie, aber sie hatte

mehr erwartet. Sie legte es ihm einigemal nahe, konnte aber weiter

nichts von ihm vernehmen, bis sie endlich aus Ungeduld einen ihrer

Hofleute an ihn schickte und sondieren ließ, ob er denn nicht entzückt

gewesen sei, seine vortrefflichen Gedichte so vortrefflich vortragen zu

hören. „Meine Gedichte?“ versetzte dieser mit Erstaunen. „Verzeihen

Sie, mein Herr“, fügte er hinzu; „ich habe nichts als Vokale gehört und

die nicht einmal alle. Unterdessen ist es meine Schuldigkeit, mich für

eine so liebenswürdige Intention dankbar zu erweisen“. Der Hofmann

schwieg und verschwieg. Der andre suchte sich durch einige wohltönende

Komplimente aus der Sache zu ziehen. Sie ließ ihre Absicht nicht

undeutlich merken, auch etwas eigens für sie Gedichtetes zu besitzen.

Wenn es nicht allzu unfreundlich gewesen wäre, so hätte er ihr das

Alphabet überreichen können, um sich daraus ein beliebiges Lobgedicht

zu irgendeiner vorkommenden Melodie selbst einzubilden. Doch sollte sie

nicht ohne Kränkung aus dieser Begebenheit scheiden. Kurze Zeit darauf

erfuhr sie, er habe noch selbigen Abend einer von Ottiliens

Lieblingsmelodien ein allerliebstes Gedicht untergelegt, das noch mehr

als verbindlich sei.

Luciane, wie alle Menschen ihrer Art, die immer durcheinander mischen,

was ihnen vorteilhaft und was ihnen nachteilig ist, wollte nun ihr

Glück im Rezitieren versuchen. Ihr Gedächtnis war gut, aber, wenn man

aufrichtig reden sollte, ihr Vortrag geistlos und heftig, ohne

leidenschaftlich zu sein. Sie rezitierte Balladen, Erzählungen und was

sonst in Deklamatorien vorzukommen pflegt. Dabei hatte sie die

unglückliche Gewohnheit angenommen, das, was sie vortrug, mit Gesten zu

begleiten, wodurch man das, was eigentlich episch und lyrisch ist, auf

eine unangenehme Weise mit dem Dramatischen mehr verwirrt als

verbindet.

Der Graf, ein einsichtsvoller Mann, der gar bald die Gesellschaft, ihre

Neigungen, Leidenschaften und Unterhaltungen übersah, brachte Lucianen

glücklicher- oder unglücklicherweise auf eine neue Art von Darstellung,

die ihrer Persönlichkeit sehr gemäß war. „Ich finde“, sagte er, „hier

so manche wohlgestaltete Personen, denen es gewiß nicht fehlt,

malerische Bewegungen und Stellungen nachzuahmen. Sollten sie es noch

nicht versucht haben, wirkliche, bekannte Gemälde vorzustellen? Eine

solche Nachbildung, wenn sie auch manche mühsame Anordnung erfordert,

bringt dagegen auch einen unglaublichen Reiz hervor“.

Schnell ward Luciane gewahr, daß sie hier ganz in ihrem Fach sein

würde. Ihr schöner Wuchs, ihre volle Gestalt, ihr regelmäßiges und doch

bedeutendes Gesicht, ihre lichtbraunen Haarflechten, ihr schlanker

Hals, alles war schon wie aufs Gemälde berechnet; und hätte sie nun gar

gewußt, daß sie schöner aussah, wenn sie still stand, als wenn sie sich

bewegte, indem ihr im letzten Falle manchmal etwas störendes

Ungraziöses entschlüpfte, so hätte sie sich mit noch mehrerem Eifer

dieser natürlichen Bildnerei ergeben.

Man suchte nun Kupferstiche nach berühmten Gemälden, man wählte zuerst

den Belisar nach van Dyck. Ein großer und wohlgebauter Mann von

gewissen Jahren sollte den sitzenden blinden General, der Architekt den

vor ihm teilnehmend traurig stehenden Krieger nachbilden, dem er

wirklich etwas ähnlich sah. Luciane hatte sich, halb bescheiden, das

junge Weibchen im Hintergrunde gewählt, das reichliche Almosen aus

einem Beutel in die flache Hand zählt, indes eine Alte sie abzumahnen

und ihr vorzustellen scheint, daß sie zuviel tue. Eine andre, ihm

wirklich Almosen reichende Frauensperson war nicht vergessen.

Mit diesen und andern Bildern beschäftigte man sich sehr ernstlich. Der

Graf gab dem Architekten über die Art der Einrichtung einige Winke, der

sogleich ein Theater dazu aufstellte und wegen der Beleuchtung die

nötige Sorge trug. Man war schon tief in die Anstalten verwickelt, als

man erst bemerkte, daß ein solches Unternehmen einen ansehnlichen

Aufwand verlangte und daß auf dem Lande mitten im Winter gar manches

Erfordernis abging. Deshalb ließ, damit ja nichts stocken möge. Luciane

beinah ihre sämtliche Garderobe zerschneiden, um die verschiedenen

Kostüme zu liefern, die jene Künstler willkürlich genug angegeben

hatten.

Der Abend kam herbei, und die Darstellung wurde vor einer großen

Gesellschaft und zu allgemeinem Beifall ausgeführt. Eine bedeutende

Musik spannte die Erwartung. Jener Belisar eröffnete die Bühne. Die

Gestalten waren so passend, die Farben so glücklich ausgeteilt, die

Beleuchtung so kunstreich, daß man fürwahr in einer andern Welt zu sein

glaubte, nur daß die Gegenwart des Wirklichen statt des Scheins eine

Art von ängstlicher Empfindung hervorbrachte.

Der Vorhang fiel und ward auf Verlangen mehr als einmal wieder

aufgezogen. Ein musikalisches Zwischenspiel unterhielt die

Gesellschaft, die man durch ein Bild höherer Art überraschen wollte. Es

war die bekannte Vorstellung von Poussin: Ahasverus und Esther. Diesmal

hatte sich Luciane besser bedacht. Sie entwickelte in der ohnmächtig

hingesunkenen Königin alle ihre Reize und hatte sich klugerweise zu den

umgebenden, unterstützenden Mädchen lauter hübsche, wohlgebildete

Figuren ausgesucht, worunter sich jedoch keine mit ihr auch nur im

mindesten messen konnte. Ottilie blieb von diesem Bilde wie von den

übrigen ausgeschlossen. Auf den goldnen Thron hatten sie, um den Zeus

gleichen König vorzustellen, den rüstigsten und schönsten Mann der

Gesellschaft gewählt, sodaß dieses Bild wirklich eine unvergleichliche

Vollkommenheit gewann.

Als drittes hatte man die sogenannte „väterliche Ermahnung“ von Terburg

gewählt, und wer kennt nicht den herrlichen Kupferstich unseres Wille

von diesem Gemälde! Einen Fuß über den andern geschlagen, sitzt ein

edler, ritterlicher Vater und scheint seiner vor ihm stehenden Tochter

ins Gewissen zu reden. Diese, eine herrliche Gestalt im faltenreichen,

weißen Atlaskleide, wird zwar nur von hinten gesehen, aber ihr ganzes

Wesen scheint anzudeuten, daß sie sich zusammennimmt. Daß jedoch die

Ermahnung nicht heftig und beschämend sei, sieht man aus der Miene und

Gebärde des Vaters; und was die Mutter betrifft, so scheint diese eine

kleine Verlegenheit zu verbergen, indem sie in ein Glas Wein blickt,

das sie eben auszuschlürfen im Begriff ist.

Bei dieser Gelegenheit nun sollte Luciane in ihrem höchsten Glanze

erscheinen. Ihre Zöpfe, die Form ihres Kopfes, Hals und Nacken waren

über alle Begriffe schön, und die Taille, von der bei den modernen

antikisierenden Bekleidungen der Frauenzimmer wenig sichtbar wird,

höchst zierlich, schlank und leicht, zeigte sich an ihr in dem älteren

Kostüm äußerst vorteilhaft; und der Architekt hatte gesorgt, die

reichen Falten des weißen Atlasses mit der künstlichsten Natur zu

legen, sodaß ganz ohne Frage diese lebendige Nachbildung weit über

jenes Originalbildnis hinausreichte und ein allgemeines Entzücken

erregte. Man konnte mit dem Wiederverlangen nicht endigen, und der ganz

natürliche Wunsch, einem so schönen Wesen, das man genugsam von der

Rückseite gesehen, auch ins Angesicht zu schauen, nahm dergestalt

überhand, daß ein lustiger, ungeduldiger Vogel die Worte, die man

manchmal an das Ende einer Seite zu schreiben pflegt: „tournez s’il

vous plait“, laut ausrief und eine allgemeine Beistimmung erregte. Die

Darstellenden aber kannten ihren Vorteil zu gut und hatten den Sinn

dieser Kunststücke zu wohl gefaßt, als daß sie dem allgemeinen Ruf

hätten nachgeben sollen. Die beschämt scheinende Tochter blieb ruhig

stehen, ohne den Zuschauern den Ausdruck ihres Angesichts zu gönnen;

der Vater blieb in seiner ermahnenden Stellung sitzen, und die Mutter

brachte Nase und Augen nicht aus dem durchsichtigen Glase, worin sich,

ob sie gleich zu trinken schien, der Wein nicht verminderte.—Was sollen

wir noch viel von kleinen Nachstücken sagen, wozu man niederländische

Wirtshaus- und Jahrmarktsszenen gewählt hatte!

Der Graf und die Baronesse reisten ab und versprachen, in den ersten

glücklichen Wochen ihrer nahen Verbindung wiederzukehren, und Charlotte

hoffte nunmehr, nach zwei mühsam überstandenen Monaten, die übrige

Gesellschaft gleichfalls loszuwerden. Sie war des Glücks ihrer Tochter

gewiß, wenn bei dieser der erste Braut- und Jugendtaumel sich würde

gelegt haben; denn der Bräutigam hielt sich für den glücklichsten

Menschen von der Welt. Bei großem Vermögen und gemäßigter Sinnesart

schien er auf eine wunderbare Weise von dem Vorzuge geschmeichelt, ein

Frauenzimmer zu besitzen, das der ganzen Welt gefallen mußte. Er hatte

einen so ganz eigenen Sinn, alles auf sie und erst durch sie auf sich

zu beziehen, daß es ihm eine unangenehme Empfindung machte, wenn sich

nicht gleich ein Neuankommender mit aller Aufmerksamkeit auf sie

richtete und mit ihm, wie es wegen seiner guten Eigenschaften besonders

von älteren Personen oft geschah, eine nähere Verbindung suchte, ohne

sich sonderlich um sie zu kümmern. Wegen des Architekten kam es bald

zur Richtigkeit. Aufs Neujahr sollte ihm dieser folgen und das Karneval

mit ihm in der Stadt zubringen, wo Luciane sich von der Wiederholung

der so schön eingerichteten Gemälde sowie von hundert andern Dingen die

größte Glückseligkeit versprach, um so mehr, als Tante und Bräutigam

jeden Aufwand für gering zu achten schienen, der zu ihrem Vergnügen

erfordert wurde.

Nun sollte man scheiden, aber das konnte nicht auf eine gewöhnliche

Weise geschehen. Man scherzte einmal ziemlich laut, daß Charlottens

Wintervorräte nun bald aufgezehrt seien, als der Ehrenmann, der den

Belisar vorgestellt hatte und freilich reich genug war, von Lucianens

Vorzügen hingerissen, denen er nun schon so lange huldigte,

unbedachtsam ausrief: „so lassen Sie es uns auf politische Art halten!

Kommen Sie nun und zehren mich auch auf! Und so geht es dann weiter in

der Runde herum“. Gesagt, getan: Luciane schlug ein. Den andern Tag war

gepackt, und der Schwarm warf sich auf ein anderes Besitztum. Dort

hatte man auch Raum genug, aber weniger Bequemlichkeit und Einrichtung.

Daraus entstand manches Unschickliche, das erst Lucianen recht

glücklich machte. Das Leben wurde immer wüster und wilder. Treibjagen

im tiefsten Schnee, und was man sonst nur Unbequemes auffinden konnte,

wurde veranstaltet. Frauen so wenig als Männer durften sich

ausschließen, und so zog man jagend und reitend, schlittenfahrend und

lärmend von einem Gute zum andern, bis man sich endlich der Residenz

näherte; da denn die Nachrichten und Erzählungen, wie man sich bei Hofe

und in der Stadt vergnüge, der Einbildungskraft eine andere Wendung

gaben und Lucianen mit ihrer sämtlichen Begleitung, indem die Tante

schon vorausgegangen war, unaufhaltsam in einen andern Lebenskreis

hineinzogen.

Die Wahlverwandtschaften · 第 37 / 55 题