So peitschte Luciane den Lebensrausch im geselligen Strudel immer vor
sich her. Ihr Hofstaat vermehrte sich täglich, teils weil ihr Treiben
so manchen erregte und anzog, teils weil sie sich andre durch
Gefälligkeit und Wohltun zu verbinden wußte. Mittteilend war sie im
höchsten Grade; denn da ihr durch die Neigung der Tante und des
Bräutigams soviel Schönes und Köstliches auf einmal zugeflossen war, so
schien sie nichts Eigenes zu besitzen und den Wert der Dinge nicht zu
kennen, die sich um sie gehäuft hatten. So zauderte sie nicht einen
Augenblick, einen kostbaren Schal abzunehmen und ihn einem Frauenzimmer
umzuhängen, das ihr gegen die übrigen zu ärmlich gekleidet schien, und
sie tat das auf eine so neckische, geschickte Weise, daß niemand eine
solche Gabe ablehnen konnte. Einer von ihrem Hofstaat hatte stets eine
Börse und den Auftrag, in den Orten, wo sie einkehrten, sich nach den
ältesten und Kränksten zu erkundigen und ihren Zustand wenigstens für
den Augenblick zu erleichtern. Dadurch entstand ihr in der ganzen
Gegend ein Name von Vortrefflichkeit, der ihr doch auch manchmal
unbequem ward, weil er allzuviel lästige Notleidende an sie heranzog.
Durch nichts aber vermehrte sie so sehr ihren Ruf als durch ein
auffallendes, gutes, beharrliches Benehmen gegen einen unglücklichen
jungen Mann, der die Gesellschaft floh, weil er, übrigens schön und
wohlgebildet, seine rechte Hand, obgleich rühmlich, in der Schlacht
verloren hatte. Diese Verstümmlung erregte ihm einen solchen Mißmut, es
war ihm so verdrießlich, daß jede neue Bekanntschaft sich auch immer
mit seinem Unfall bekannt machen sollte, daß er sich lieber versteckte,
sich dem Lesen und andern Studien ergab und ein für allemal mit der
Gesellschaft nichts wollte zu schaffen haben.
Das Dasein dieses jungen Mannes blieb ihr nicht verborgen. Er mußte
herbei, erst in kleiner Gesellschaft, dann in größerer, dann in der
größten. Sie benahm sich anmutiger gegen ihn als gegen irgendeinen
andern; besonders wußte sie durch zudringliche Dienstfertigkeit ihm
seinen Verlust wert zu machen, indem sie geschäftig war, ihn zu
ersetzen. Bei Tafel mußte er neben ihr seinen Platz nehmen; sie schnitt
ihm vor, sodaß er nur die Gabel gebrauchen durfte. Nahmen ältere,
Vornehmere ihm ihre Nachbarschaft weg, so erstreckte sie ihre
Aufmerksamkeit über die ganze Tafel hin, und die eilenden Bedienten
mußten das ersetzen, was ihm die Entfernung zu rauben drohte. Zuletzt
munterte sie ihn auf, mit der linken Hand zu schreiben; er mußte alle
seine Versuche an sie richten, und so stand sie, entfernt oder nah,
immer mit ihm in Verhältnis. Der junge Mann wußte nicht, wie ihm
geworden war, und wirklich fing er von diesem Augenblick ein neues
Leben an.
Vielleicht sollte man denken, ein solches Betragen wäre dem Bräutigam
mißfällig gewesen; allein es fand sich das Gegenteil. Er rechnete ihr
diese Bemühungen zu großem Verdienst an und war um so mehr darüber ganz
ruhig, als er ihre fast übertriebenen Eigenheiten kannte, wodurch sie
alles, was im mindesten verfänglich schien, von sich abzulehnen wußte.
Sie wollte mit jedermann nach Belieben umspringen, jeder war in Gefahr,
von ihr einmal angestoßen, gezerrt oder sonst geneckt zu werden;
niemand aber durfte sich gegen sie ein Gleiches erlauben, niemand sie
nach Willkür berühren, niemand auch nur im entferntesten Sinne eine
Freiheit, die sie sich nahm, erwidern; und so hielt sie die andern in
den strengsten Grenzen der Sittlichkeit gegen sich, die sie gegen
andere jeden Augenblick zu übertreten schien.
Überhaupt hätte man glauben können, es sei bei ihr Maxime gewesen, sich
dem Lobe und dem Tadel, der Neigung und der Abneigung gleichmäßig
auszusetzen. Denn wenn sie die Menschen auf mancherlei Weise für sich
zu gewinnen suchte, so verdarb sie es wieder mit ihnen gewöhnlich durch
eine böse Zunge, die niemanden schonte. So wurde kein Besuch in der
Nachbarschaft abgelegt, nirgends sie und ihre Gesellschaft in
Schlössern und Wohnungen freundlich aufgenommen, ohne daß sie bei der
Rückkehr auf das ausgelassenste merken ließ, wie sie alle menschlichen
Verhältnisse nur von der lächerlichen Seite zu nehmen geneigt sei. Da
waren drei Brüder, welche unter lauter Komplimenten, wer zuerst
heiraten sollte, das Alter übereilt hatte; hier eine kleine, junge Frau
mit einem großen, alten Manne; dort umgekehrt ein kleiner, munterer
Mann und eine unbehülfliche Riesin. In dem einen Hause stolperte man
bei jedem Schritt über ein Kind; das andre wollte ihr bei der größten
Gesellschaft nicht voll erscheinen, weil keine Kinder gegenwärtig
waren. Alte Gatten sollten sich nur schnell begraben lassen, damit doch
wieder einmal jemand im Hause zum Lachen käme, da ihnen keine Noterben
gegeben waren. Junge Eheleute sollten reisen, weil das Haushalten sie
gar nicht kleide. Und wie mit den Personen, so machte sie es auch mit
den Sachen, mit den Gebäuden wie mit dem Haus- und Tischgeräte.
Besonders alle Wandverzierungen reizten sie zu lustigen Bemerkungen.
Von dem ältesten Hautelisseteppich bis zu der neusten Papiertapete, vom
ehrwürdigsten Familienbilde bis zum frivolsten neuen Kupferstich, eins
wie das andre mußte leiden, eins wie das andre wurde durch ihre
spöttischen Bemerkungen gleichsam aufgezehrt, so daß man sich hätte
verwundern sollen, wie fünf Meilen umher irgend etwas nur noch
existierte.
Eigentliche Bosheit war vielleicht nicht in diesem verneinenden
Bestreben; ein selbstischer Mutwille mochte sie gewöhnlich anreizen;
aber eine wahrhafte Bitterkeit hatte sich in ihrem Verhältnis zu
Ottilien erzeugt. Auf die ruhige, ununterbrochene Tätigkeit des lieben
Kindes, die von jedermann bemerkt und gepriesen wurde, sah sie mit
Verachtung herab; und als zur Sprache kam, wie sehr sich Ottilie der
Gärten und der Treibhäuser annehme, spottete sie nicht allein darüber,
indem sie uneingedenk des tiefen Winters, in dem man lebte, sich zu
verwundern schien, daß man weder Blumen noch Früchte gewahr werde,
sondern sie ließ auch von nun an so viel Grünes, so viel Zweige und was
nur irgend keimte, herbeiholen und zur täglichen Zierde der Zimmer und
des Tisches verschwenden, daß Ottilie und der Gärtner nicht wenig
gekränkt waren, ihre Hoffnungen für das nächste Jahr und vielleicht auf
längere Zeit zerstört zu sehen.
Ebensowenig gönnte sie Ottilien die Ruhe des häuslichen Ganges, worin
sie sich mit Bequemlichkeit fortbewegte. Ottilie sollte mit auf die
Lust- und Schlittenfahrten, sie sollte mit auf die Bälle, die in der
Nachbarschaft veranstaltet wurden; sie sollte weder Schnee noch Kälte
noch gewaltsame Nachtstürme scheuen, da ja soviel andre nicht davon
stürben. Das zarte Kind litt nicht wenig darunter, aber Luciane gewann
nichts dabei; denn obgleich Ottilie sehr einfach gekleidet ging, so war
sie doch, oder so schien sie wenigstens immer den Männern die Schönste.
Ein sanftes Anziehen versammelte alle Männer um sie her, sie mochte
sich in den großen Räumen am ersten oder am letzten Platze befinden; ja
der Bräutigam Lucianens selbst unterhielt sich oft mit ihr, und zwar um
so mehr, las er in einer Angelegenheit, die ihn beschäftigte, ihren
Rat, ihre Mitwirkung verlangte.
Er hatte den Architekten näher kennen lernen, bei Gelegenheit seiner
Kunstsammlung viel über das Geschichtliche mit ihm gesprochen, in
andern Fällen auch, besonders bei Betrachtung der Kapelle, sein Talent
schätzen gelernt. Der Baron war jung, reich; er sammelte, er wollte
bauen; seine Liebhaberei war lebhaft, seine Kenntnisse schwach; er
glaubte in dem Architekten seinen Mann zu finden, mit dem er mehr als
einen Zweck zugleich erreichen könnte. Er hatte seiner Braut von dieser
Absicht gesprochen; sie lobte ihn darum und war höchlich mit dem
Vorschlag zufrieden, doch vielleicht mehr, um diesen jungen Mann
Ottilien zu entziehen—denn sie glaubte so etwas von Neigung bei ihm zu
bemerken -, als daß sie gedacht hätte, sein Talent zu ihren Absichten
zu benutzen. Denn ob er gleich bei ihren extemporierten Festen sich
sehr tätig erwiesen und manche Ressourcen bei dieser und jener Anstalt
dargeboten, so glaubte sie es doch immer selbst besser zu verstehen;
und da ihre Erfindungen gewöhnlich gemein waren, so reichte, um sie
auszuführen, die Geschicklichkeit eines gewandten Kammerdieners
ebensogut hin als die des vorzüglichsten Künstlers. Weiter als zu einem
Altar, worauf geopfert ward, und zu einer Bekränzung, es mochte nun ein
gipsernes oder ein lebendes Haupt sein, konnte ihre Einbildungskraft
sich nicht versteigen, wenn sie irgend jemand zum Geburts- und
Ehrentage ein festliches Kompliment zu machen gedachte.
Ottilie konnte dem Bräutigam, der sich nach dem Verhältnis des
Architekten zum Hause erkundigte, die beste Auskunft geben. Sie wußte,
daß Charlotte sich schon früher nach einer Stelle für ihn umgetan
hatte; denn wäre die Gesellschaft nicht gekommen, so hätte sich der
junge Mann gleich nach Vollendung der Kapelle entfernt, weil alle
Bauten den Winter über stillstehn sollten und mußten; und es war daher
sehr erwünscht, wenn der geschickte Künstler durch einen neuen Gönner
wieder genutzt und befördert wurde.
Das persönliche Verhältnis Ottiliens zum Architekten war ganz rein und
unbefangen. Seine angenehme und tätige Gegenwart hatte sie wie die Nähe
eines ältern Bruders unterhalten und erfreut. Ihre Empfindungen für ihn
blieben auf der ruhigen, leidenschaftslosen Oberfläche der
Blutsverwandtschaft; denn in ihrem Herzen war kein Raum mehr; es war
von der Liebe zu Eduard ganz gedrängt ausgefüllt, und nur die Gottheit,
die alles durchdringt, konnte dieses Herz zugleich mit ihm besitzen.
Indessen je tiefer der Winter sich senkte, je wilderes Wetter, je
unzugänglicher die Wege, desto anziehender schien es, in so guter
Gesellschaft die abnehmenden Tage zuzubringen. Nach kurzen Ebben
überflutete die Menge von Zeit zu Zeit das Haus. Offiziere von
entfernteren Garnisonen, die gebildeten zu ihrem großen Vorteil, die
roheren zur Unbequemlichkeit der Gesellschaft, zogen sich herbei; am
Zivilstande fehlte es auch nicht, und ganz unerwartet kamen eines Tages
der Graf und die Baronesse zusammen angefahren.
Ihre Gegenwart schien erst einen wahren Hof zu bilden. Die Männer von
Stand und Sitten umgaben den Grafen, und die Frauen ließen der
Baronesse Gerechtigkeit widerfahren. Man verwunderte sich nicht lange,
sie beide zusammen und so heiter zu sehen; denn man vernahm, des Grafen
Gemahlin sei gestorben, und eine neue Verbindung werde geschlossen
sein, sobald es die Schicklichkeit nur erlaube. Ottilie erinnerte sich
jenes ersten Besuchs, jedes Worts, was über Ehestand und Scheidung,
über Verbindung und Trennung, über Hoffnung, Erwartung, Entbehren und
Entsagen gesprochen ward. Beide Personen, damals noch ganz ohne
Aussichten, standen nun vor ihr, dem gehofften Glück so nahe, und ein
unwillkürlicher Seufzer drang aus ihrem Herzen.
Luciane hörte kaum, daß der Graf ein Liebhaber von Musik sei, so wußte
sie ein Konzert zu veranstalten; sie wollte sich dabei mit Gesang zur
Gitarre hören lassen. Es geschah. Das Instrument spielte sie nicht
ungeschickt, ihre Stimme war angenehm; was aber die Worte betraf, so
verstand man sie so wenig, als wenn sonst eine deutsche Schöne zur
Gitarre singt. Indes versicherte jedermann, sie habe mit viel Ausdruck
gesungen, und sie konnte mit dem lauten Beifall zufrieden sein. Nur ein
wunderliches Unglück begegnete bei dieser Gelegenheit. In der
Gesellschaft befand sich ein Dichter, den sie auch besonders zu
verbinden hoffte, weil sie einige Lieder von ihm an sie gerichtet
wünschte, und deshalb diesen Abend meist nur von seinen Liedern
vortrug. Er war überhaupt, wie alle, höflich gegen sie, aber sie hatte
mehr erwartet. Sie legte es ihm einigemal nahe, konnte aber weiter
nichts von ihm vernehmen, bis sie endlich aus Ungeduld einen ihrer
Hofleute an ihn schickte und sondieren ließ, ob er denn nicht entzückt
gewesen sei, seine vortrefflichen Gedichte so vortrefflich vortragen zu
hören. „Meine Gedichte?“ versetzte dieser mit Erstaunen. „Verzeihen
Sie, mein Herr“, fügte er hinzu; „ich habe nichts als Vokale gehört und
die nicht einmal alle. Unterdessen ist es meine Schuldigkeit, mich für
eine so liebenswürdige Intention dankbar zu erweisen“. Der Hofmann
schwieg und verschwieg. Der andre suchte sich durch einige wohltönende
Komplimente aus der Sache zu ziehen. Sie ließ ihre Absicht nicht
undeutlich merken, auch etwas eigens für sie Gedichtetes zu besitzen.
Wenn es nicht allzu unfreundlich gewesen wäre, so hätte er ihr das
Alphabet überreichen können, um sich daraus ein beliebiges Lobgedicht
zu irgendeiner vorkommenden Melodie selbst einzubilden. Doch sollte sie
nicht ohne Kränkung aus dieser Begebenheit scheiden. Kurze Zeit darauf
erfuhr sie, er habe noch selbigen Abend einer von Ottiliens
Lieblingsmelodien ein allerliebstes Gedicht untergelegt, das noch mehr
als verbindlich sei.
Luciane, wie alle Menschen ihrer Art, die immer durcheinander mischen,
was ihnen vorteilhaft und was ihnen nachteilig ist, wollte nun ihr
Glück im Rezitieren versuchen. Ihr Gedächtnis war gut, aber, wenn man
aufrichtig reden sollte, ihr Vortrag geistlos und heftig, ohne
leidenschaftlich zu sein. Sie rezitierte Balladen, Erzählungen und was
sonst in Deklamatorien vorzukommen pflegt. Dabei hatte sie die
unglückliche Gewohnheit angenommen, das, was sie vortrug, mit Gesten zu
begleiten, wodurch man das, was eigentlich episch und lyrisch ist, auf
eine unangenehme Weise mit dem Dramatischen mehr verwirrt als
verbindet.
Der Graf, ein einsichtsvoller Mann, der gar bald die Gesellschaft, ihre
Neigungen, Leidenschaften und Unterhaltungen übersah, brachte Lucianen
glücklicher- oder unglücklicherweise auf eine neue Art von Darstellung,
die ihrer Persönlichkeit sehr gemäß war. „Ich finde“, sagte er, „hier
so manche wohlgestaltete Personen, denen es gewiß nicht fehlt,
malerische Bewegungen und Stellungen nachzuahmen. Sollten sie es noch
nicht versucht haben, wirkliche, bekannte Gemälde vorzustellen? Eine
solche Nachbildung, wenn sie auch manche mühsame Anordnung erfordert,
bringt dagegen auch einen unglaublichen Reiz hervor“.
Schnell ward Luciane gewahr, daß sie hier ganz in ihrem Fach sein
würde. Ihr schöner Wuchs, ihre volle Gestalt, ihr regelmäßiges und doch
bedeutendes Gesicht, ihre lichtbraunen Haarflechten, ihr schlanker
Hals, alles war schon wie aufs Gemälde berechnet; und hätte sie nun gar
gewußt, daß sie schöner aussah, wenn sie still stand, als wenn sie sich
bewegte, indem ihr im letzten Falle manchmal etwas störendes
Ungraziöses entschlüpfte, so hätte sie sich mit noch mehrerem Eifer
dieser natürlichen Bildnerei ergeben.
Man suchte nun Kupferstiche nach berühmten Gemälden, man wählte zuerst
den Belisar nach van Dyck. Ein großer und wohlgebauter Mann von
gewissen Jahren sollte den sitzenden blinden General, der Architekt den
vor ihm teilnehmend traurig stehenden Krieger nachbilden, dem er
wirklich etwas ähnlich sah. Luciane hatte sich, halb bescheiden, das
junge Weibchen im Hintergrunde gewählt, das reichliche Almosen aus
einem Beutel in die flache Hand zählt, indes eine Alte sie abzumahnen
und ihr vorzustellen scheint, daß sie zuviel tue. Eine andre, ihm
wirklich Almosen reichende Frauensperson war nicht vergessen.
Mit diesen und andern Bildern beschäftigte man sich sehr ernstlich. Der
Graf gab dem Architekten über die Art der Einrichtung einige Winke, der
sogleich ein Theater dazu aufstellte und wegen der Beleuchtung die
nötige Sorge trug. Man war schon tief in die Anstalten verwickelt, als
man erst bemerkte, daß ein solches Unternehmen einen ansehnlichen
Aufwand verlangte und daß auf dem Lande mitten im Winter gar manches
Erfordernis abging. Deshalb ließ, damit ja nichts stocken möge. Luciane
beinah ihre sämtliche Garderobe zerschneiden, um die verschiedenen
Kostüme zu liefern, die jene Künstler willkürlich genug angegeben
hatten.
Der Abend kam herbei, und die Darstellung wurde vor einer großen
Gesellschaft und zu allgemeinem Beifall ausgeführt. Eine bedeutende
Musik spannte die Erwartung. Jener Belisar eröffnete die Bühne. Die
Gestalten waren so passend, die Farben so glücklich ausgeteilt, die
Beleuchtung so kunstreich, daß man fürwahr in einer andern Welt zu sein
glaubte, nur daß die Gegenwart des Wirklichen statt des Scheins eine
Art von ängstlicher Empfindung hervorbrachte.
Der Vorhang fiel und ward auf Verlangen mehr als einmal wieder
aufgezogen. Ein musikalisches Zwischenspiel unterhielt die
Gesellschaft, die man durch ein Bild höherer Art überraschen wollte. Es
war die bekannte Vorstellung von Poussin: Ahasverus und Esther. Diesmal
hatte sich Luciane besser bedacht. Sie entwickelte in der ohnmächtig
hingesunkenen Königin alle ihre Reize und hatte sich klugerweise zu den
umgebenden, unterstützenden Mädchen lauter hübsche, wohlgebildete
Figuren ausgesucht, worunter sich jedoch keine mit ihr auch nur im
mindesten messen konnte. Ottilie blieb von diesem Bilde wie von den
übrigen ausgeschlossen. Auf den goldnen Thron hatten sie, um den Zeus
gleichen König vorzustellen, den rüstigsten und schönsten Mann der
Gesellschaft gewählt, sodaß dieses Bild wirklich eine unvergleichliche
Vollkommenheit gewann.
Als drittes hatte man die sogenannte „väterliche Ermahnung“ von Terburg
gewählt, und wer kennt nicht den herrlichen Kupferstich unseres Wille
von diesem Gemälde! Einen Fuß über den andern geschlagen, sitzt ein
edler, ritterlicher Vater und scheint seiner vor ihm stehenden Tochter
ins Gewissen zu reden. Diese, eine herrliche Gestalt im faltenreichen,
weißen Atlaskleide, wird zwar nur von hinten gesehen, aber ihr ganzes
Wesen scheint anzudeuten, daß sie sich zusammennimmt. Daß jedoch die
Ermahnung nicht heftig und beschämend sei, sieht man aus der Miene und
Gebärde des Vaters; und was die Mutter betrifft, so scheint diese eine
kleine Verlegenheit zu verbergen, indem sie in ein Glas Wein blickt,
das sie eben auszuschlürfen im Begriff ist.
Bei dieser Gelegenheit nun sollte Luciane in ihrem höchsten Glanze
erscheinen. Ihre Zöpfe, die Form ihres Kopfes, Hals und Nacken waren
über alle Begriffe schön, und die Taille, von der bei den modernen
antikisierenden Bekleidungen der Frauenzimmer wenig sichtbar wird,
höchst zierlich, schlank und leicht, zeigte sich an ihr in dem älteren
Kostüm äußerst vorteilhaft; und der Architekt hatte gesorgt, die
reichen Falten des weißen Atlasses mit der künstlichsten Natur zu
legen, sodaß ganz ohne Frage diese lebendige Nachbildung weit über
jenes Originalbildnis hinausreichte und ein allgemeines Entzücken
erregte. Man konnte mit dem Wiederverlangen nicht endigen, und der ganz
natürliche Wunsch, einem so schönen Wesen, das man genugsam von der
Rückseite gesehen, auch ins Angesicht zu schauen, nahm dergestalt
überhand, daß ein lustiger, ungeduldiger Vogel die Worte, die man
manchmal an das Ende einer Seite zu schreiben pflegt: „tournez s’il
vous plait“, laut ausrief und eine allgemeine Beistimmung erregte. Die
Darstellenden aber kannten ihren Vorteil zu gut und hatten den Sinn
dieser Kunststücke zu wohl gefaßt, als daß sie dem allgemeinen Ruf
hätten nachgeben sollen. Die beschämt scheinende Tochter blieb ruhig
stehen, ohne den Zuschauern den Ausdruck ihres Angesichts zu gönnen;
der Vater blieb in seiner ermahnenden Stellung sitzen, und die Mutter
brachte Nase und Augen nicht aus dem durchsichtigen Glase, worin sich,
ob sie gleich zu trinken schien, der Wein nicht verminderte.—Was sollen
wir noch viel von kleinen Nachstücken sagen, wozu man niederländische
Wirtshaus- und Jahrmarktsszenen gewählt hatte!
Der Graf und die Baronesse reisten ab und versprachen, in den ersten
glücklichen Wochen ihrer nahen Verbindung wiederzukehren, und Charlotte
hoffte nunmehr, nach zwei mühsam überstandenen Monaten, die übrige
Gesellschaft gleichfalls loszuwerden. Sie war des Glücks ihrer Tochter
gewiß, wenn bei dieser der erste Braut- und Jugendtaumel sich würde
gelegt haben; denn der Bräutigam hielt sich für den glücklichsten
Menschen von der Welt. Bei großem Vermögen und gemäßigter Sinnesart
schien er auf eine wunderbare Weise von dem Vorzuge geschmeichelt, ein
Frauenzimmer zu besitzen, das der ganzen Welt gefallen mußte. Er hatte
einen so ganz eigenen Sinn, alles auf sie und erst durch sie auf sich
zu beziehen, daß es ihm eine unangenehme Empfindung machte, wenn sich
nicht gleich ein Neuankommender mit aller Aufmerksamkeit auf sie
richtete und mit ihm, wie es wegen seiner guten Eigenschaften besonders
von älteren Personen oft geschah, eine nähere Verbindung suchte, ohne
sich sonderlich um sie zu kümmern. Wegen des Architekten kam es bald
zur Richtigkeit. Aufs Neujahr sollte ihm dieser folgen und das Karneval
mit ihm in der Stadt zubringen, wo Luciane sich von der Wiederholung
der so schön eingerichteten Gemälde sowie von hundert andern Dingen die
größte Glückseligkeit versprach, um so mehr, als Tante und Bräutigam
jeden Aufwand für gering zu achten schienen, der zu ihrem Vergnügen
erfordert wurde.
Nun sollte man scheiden, aber das konnte nicht auf eine gewöhnliche
Weise geschehen. Man scherzte einmal ziemlich laut, daß Charlottens
Wintervorräte nun bald aufgezehrt seien, als der Ehrenmann, der den
Belisar vorgestellt hatte und freilich reich genug war, von Lucianens
Vorzügen hingerissen, denen er nun schon so lange huldigte,
unbedachtsam ausrief: „so lassen Sie es uns auf politische Art halten!
Kommen Sie nun und zehren mich auch auf! Und so geht es dann weiter in
der Runde herum“. Gesagt, getan: Luciane schlug ein. Den andern Tag war
gepackt, und der Schwarm warf sich auf ein anderes Besitztum. Dort
hatte man auch Raum genug, aber weniger Bequemlichkeit und Einrichtung.
Daraus entstand manches Unschickliche, das erst Lucianen recht
glücklich machte. Das Leben wurde immer wüster und wilder. Treibjagen
im tiefsten Schnee, und was man sonst nur Unbequemes auffinden konnte,
wurde veranstaltet. Frauen so wenig als Männer durften sich
ausschließen, und so zog man jagend und reitend, schlittenfahrend und
lärmend von einem Gute zum andern, bis man sich endlich der Residenz
näherte; da denn die Nachrichten und Erzählungen, wie man sich bei Hofe
und in der Stadt vergnüge, der Einbildungskraft eine andere Wendung
gaben und Lucianen mit ihrer sämtlichen Begleitung, indem die Tante
schon vorausgegangen war, unaufhaltsam in einen andern Lebenskreis
hineinzogen.