Aus Ottiliens Tagebuche

Wir blicken so gern in die Zukunft, weil wir das Ungefähre, was sich in

ihr hin und her bewegt, durch stille Wünsche so gern zu unsern Gunsten

heranleiten möchten.

Wir befinden uns nicht leicht in großer Gesellschaft, ohne zu denken,

der Zufall, der so viele zusammenbringt, solle uns auch unsre Freunde

herbeiführen.

Man mag noch so eingezogen leben, so wird man, ehe man sichs versieht,

ein Schuldner oder ein Gläubiger.

Begegnet uns jemand, der uns Dank schuldig ist, gleich fällt es uns

ein. Wie oft können wir jemand begegnen, dem wir Dank schuldig sind,

ohne daran zu denken!

Sich mitzuteilen ist Natur; mitgeteiltes aufzunehmen, wie es gegeben

wird, ist Bildung.

Niemand würde viel in Gesellschaften sprechen, wenn er sich bewußt

wäre, wie oft er die andern mißversteht.

Man verändert fremde Reden beim Wiederholen wohl nur darum so sehr,

weil man sie nicht verstanden hat.

Wer vor andern lange allein spricht, ohne den Zuhörern zu schmeicheln,

erregt Widerwillen.

Jedes ausgesprochene Wort erregt den Gegensinn.

Widerspruch und Schmeichelei machen beide ein schlechtes Gespräch.

Die angenehmsten Gesellschaften sind die, in welchen eine heitere

Ehrerbietung der Glieder gegeneinander obwaltet.

Durch nichts bezeichnen die Menschen mehr ihren Charakter als durch

das, was sie lächerlich finden.

Das Lächerliche entspringt aus einem sittlichen Kontrast, der auf eine

unschädliche Weise für die Sinne in Verbindung gebracht wird.

Der sinnliche Mensch lacht oft, wo nichts zu lachen ist. Was ihn auch

anregt, sein inneres Behagen kommt zum Vorschein.

Der Verständige findet fast alles lächerlich, der Vernünftige fast

nichts.

Einem bejahrten Manne verdachte man, daß er sich noch um junge

Frauenzimmer bemühte. „Es ist das einzige Mittel“, versetzte er, „sich

zu verjüngen, und das will doch jedermann“.

Man läßt sich seine Mängel vorhalten, man läßt sich strafen, man leidet

manches um ihrer willen mit Geduld; aber ungeduldig wird man, wenn man

sie ablegen soll.

Gewisse Mängel sind notwendig zum Dasein des einzelnen. Es würde uns

unangenehm sein, wenn alte Freunde gewisse Eigenheiten ablegten.

Man sagt: „es stirbt bald“, wenn einer etwas gern seine Art und Weise

tut.

Was für Mängel dürfen wir behalten, ja an uns kultivieren? Solche, die

den andern eher schmeicheln als sie verletzen.

Die Leidenschaften sind Mängel oder Tugenden, nur gesteigerte.

Unsre Leidenschaften sind wahre Phönixe. Wie der alte verbrennt, steigt

der neue sogleich wieder aus der Asche hervor.

Große Leidenschaften sind Krankheiten ohne Hoffnung. Was sie heilen

könnte, macht sie erst recht gefährlich.

Die Leidenschaft erhöht und mildert sich durchs Bekennen. In nichts

wäre die Mittelstraße vielleicht wünschenswerter als im Vertrauen und

Verschweigen gegen die, die wir lieben.

Die Wahlverwandtschaften · 第 36 / 55 题