Luciane kam herbeigefahren und fragte: „wovon ist die Rede?“

„Von einer Sammlung Kunstwerke“, antwortete der Baron, „welche dieser

Herr besitzt und die er uns gelegentlich zeigen will“.

„Er mag sie nur gleich bringen!“ rief Luciane. „Nicht wahr, Sie bringen

sie gleich?“ setzte sie schmeichelnd hinzu, indem sie ihn mit beiden

Händen freundlich anfaßte.

„Es möchte jetzt der Zeitpunkt nicht sein“, versetzte der Architekt.

„Was!“ rief Luciane gebieterisch, „Sie wollen dem Befehl Ihrer Königin

nicht gehorchen?“ Dann legte sie sich auf ein neckisches Bitten.

„Sein Sie nicht eigensinnig!“ sagte Ottilie halb leise.

Der Architekt entfernte sich mit einer Beugung; sie war weder bejahend

noch verneinend.

Kaum war er fort, als Luciane sich mit einem Windspiel im Saale

herumjagte. „Ach!“ rief sie aus, indem sie zufällig an ihre Mutter

stieß, „wie bin ich nicht unglücklich! Ich habe meinen Affen nicht

mitgenommen; man hat es mir abgeraten; es ist aber nur die

Bequemlichkeit meiner Leute, die mich um dieses Vergnügen bringt. Ich

will ihn aber nachkommen lassen, es soll mir jemand hin, ihn zu holen.

Wenn ich nur sein Bildnis sehen könnte, so wäre ich schon vergnügt. Ich

will ihn aber gewiß auch malen lassen, und er soll mir nicht von der

Seite kommen“.

„Vielleicht kann ich dich trösten“, versetzte Charlotte, „wenn ich dir

aus der Bibliothek einen ganzen Band der wunderlichsten Affenbilder

kommen lasse“. Luciane schrie vor Freuden laut auf, und der Folioband

wurde gebracht. Der Anblick dieser menschenähnlichen und durch den

Künstler noch mehr vermenschlichten abscheulichen Geschöpfe machte

Lucianen die größte Freude. Ganz glücklich aber fühlte sie sich, bei

einem jeden dieser Tiere die Ähnlichkeit mit bekannten Menschen zu

finden. „Sieht der nicht aus wie die Onkel?“ rief sie unbarmherzig,

„der wie der Galanteriehändler M—, der wie der Pfarrer S—, und dieser

ist der Dings—der—leibhaftig. Im Grunde sind doch die Affen die

eigentlichen Incroyables, und es ist unbegreiflich, wie man sie aus der

besten Gesellschaft ausschließen mag“.

Sie sagte das in der besten Gesellschaft, doch niemand nahm es ihr

übel. Man war so gewohnt, ihrer Anmut vieles zu erlauben, daß man

zuletzt ihrer Unart alles erlaubte.

Ottilie unterhielt sich indessen mit dem Bräutigam. Sie hoffte auf die

Rückkunft des Architekten, dessen ernstere, geschmackvollere Sammlungen

die Gesellschaft von diesem Affenwesen befreien sollten. In dieser

Erwartung hatte sie sich mit dem Baron besprochen und ihn auf manches

aufmerksam gemacht. Allein der Architekt blieb aus, und als er endlich

wiederkam, verlor er sich unter der Gesellschaft, ohne etwas

mitzubringen und ohne zu tun, als ob von etwas die Frage gewesen wäre.

Ottilie ward einen Augenblick—wie soll mans nennen?—Verdrießlich,

ungehalten, betroffen; sie hatte ein gutes Wort an ihn gewendet, sie

gönnte dem Bräutigam eine vergnügte Stunde nach seinem Sinne, der bei

seiner unendlichen Liebe für Lucianen doch von ihrem Betragen zu leiden

schien.

Die Affen mußten einer Kollation Platz machen. Gesellige Spiele, ja

sogar noch Tänze, zuletzt ein freudeloses Herumsitzen und

Wiederaufjagen einer schon gesunkenen Lust dauerten diesmal, wie sonst

auch, weit über Mitternacht. Denn schon hatte sich Luciane gewöhnt,

morgens nicht aus dem Bette und abends nicht ins Bette gelangen zu

können.

Um diese Zeit finden sich in Ottiliens Tagebuch Ereignisse seltner

angemerkt, dagegen häufiger auf das Leben bezügliche und vom Leben

abgezogene Maximen und Sentenzen. Weil aber die meisten derselben wohl

nicht durch ihre eigene Reflexion entstanden sein können, so ist es

wahrscheinlich, daß man ihr irgendeinen Heft mitgeteilt, aus dem sie

sich, was ihr gemütlich war, ausgeschrieben. Manches Eigene von

innigererem Bezug wird an dem roten Faden wohl zu erkennen sein.

Die Wahlverwandtschaften · 第 35 / 55 题