Wie seltsam mußte nach solchen Ereignissen, nach diesem aufgedrungenen
Gefühl von Vergänglichkeit und Hinschwinden Ottilie durch die Nachricht
getroffen werden, die ihr nicht länger verborgen bleiben konnte, daß
Eduard sich dem wechselnden Kriegsglück überliefert habe. Es entging
ihr leider keine von den Betrachtungen, die sie dabei zu machen Ursache
hatte. Glücklicherweise kann der Mensch nur einen gewissen Grad des
Unglücks fassen; was darüber hinausgeht, vernichtet ihn oder läßt ihn
gleichgültig. Es gibt Lagen, in denen Furcht und Hoffnung eins werden,
sich einander wechselseitig aufheben und in eine dunkle Fühllosigkeit
verlieren. Wie könnten wir sonst die entfernten Geliebtesten in
stündlicher Gefahr wissen und dennoch unser tägliches, gewöhnliches
Leben immer so forttreiben.
Es war daher, als wenn ein guter Geist für Ottilien gesorgt hätte,
indem er auf einmal in diese Stille, in der sie einsam und
unbeschäftigt zu versinken schien, ein wildes Heer hereinbrachte, das,
indem es ihr von außen genug zu schaffen gab und sie aus sich selbst
führte, zugleich in ihr das Gefühl eigener Kraft anregte.
Charlottens Tochter, Luciane, war kaum aus der Pension in die große
Welt getreten, hatte kaum in dem Hause ihrer Tante sich von zahlreicher
Gesellschaft umgeben gesehen, als ihr Gefallenwollen wirklich Gefallen
erregte und ein junger, sehr reicher Mann gar bald eine heftige Neigung
empfand, sie zu besitzen. Sein ansehnliches Vermögen gab ihm ein Recht,
das Beste jeder Art sein eigen zu nennen, und es schien ihm nichts
weiter abzugehen als eine vollkommene Frau, um die ihn die Welt so wie
um das übrige zu beneiden hätte.
Diese Familienangelegenheit war es, welche Charlotten bisher sehr viel
zu tun gab, der sie ihre ganze Überlegung, ihre Korrespondenz widmete,
insofern diese nicht darauf gerichtet war, von Eduard nähere Nachricht
zu erhalten; deswegen auch Ottilie mehr als sonst in der letzten Zeit
allein blieb. Diese wußte zwar um die Ankunft Lucianens; im Hause hatte
sie deshalb die nötigsten Vorkehrungen getroffen; allein so nahe
stellte man sich den Besuch nicht vor. Man wollte vorher noch
schreiben, abreden, näher bestimmen, als der Sturm auf einmal über das
Schloß und Ottilien hereinbrach.
Angefahren kamen nun Kammerjungfern und Bediente, Brancards mit Koffern
und Kisten; man glaubte schon eine doppelte und dreifache Herrschaft im
Hause zu haben; aber nun erschienen erst die Gäste selbst: die
Großtante mit Lucianen und einigen Freundinnen, der Bräutigam
gleichfalls nicht unbegleitet. Da lag das Vorhaus voll Vachen,
Mantelsäcke und anderer lederner Gehäuse. Mit Mühe sonderte man die
vielen Kästchen und Futterale auseinander. Des Gepäckes und Geschleppes
war kein Ende. Dazwischen regnete es mit Gewalt, woraus manche
Unbequemlichkeit entstand. Diesem ungestümen Treiben begegnete Ottilie
mit gleichmütiger Tätigkeit, ja ihr heiteres Geschick erschien im
schönsten Glanze; denn sie hatte in kurzer Zeit alles untergebracht und
angeordnet. Jedermann war logiert, jedermann nach seiner Art bequem,
und glaubte gut bedient zu sein, weil er nicht gehindert war, sich
selbst zu bedienen.
Nun hätten alle gern, nach einer höchst beschwerlichen Reise, einige
Ruhe genossen; der Bräutigam hätte sich seiner Schwiegermutter gern
genähert, um ihr seine Liebe, seinen guten Willen zu beteuern; aber
Luciane konnte nicht rasten. Sie war nun einmal zu dem Glücke gelangt,
ein Pferd besteigen zu dürfen. Der Bräutigam hatte schöne Pferde, und
sogleich mußte man aufsitzen. Wetter und Wind, Regen und Sturm kamen
nicht in Anschlag; es war, als wenn man nur lebte, um naß zu werden und
sich wieder zu trocknen. Fiel es ihr ein, zu Fuße auszugehen, so fragte
sie nicht, was für Kleider sie anhatte und wie sie beschuht war: sie
mußte die Anlagen besichtigen, von denen sie vieles gehört hatte. Was
nicht zu Pferde geschehen konnte, wurde zu Fuß durchrannt. Bald hatte
sie alles gesehen und abgeurteilt. Bei der Schnelligkeit ihres Wesens
war ihr nicht leicht zu widersprechen. Die Gesellschaft hatte manches
zu leiden, am meisten aber die Kammermädchen, die mit Waschen und
Bügeln, Auftrennen und Annähen nicht fertig werden konnten.
Kaum hatte sie das Haus und die Gegend erschöpft, als sie sich
verpflichtet fühlte, rings in der Nachbarschaft Besuch abzulegen. Weil
man sehr schnell ritt und fuhr, so reichte die Nachbarschaft ziemlich
fern umher. Das Schloß ward mit Gegenbesuchen überschwemmt, und damit
man sich ja nicht verfehlen möchte, wurden bald bestimmte Tage
angesetzt.
Indessen Charlotte mit der Tante und dem Geschäftsträger des Bräutigams
die innern Verhältnisse festzustellen bemüht war und Ottilie mit ihren
Untergebenen dafür zu sorgen wußte, daß es an nichts bei so großem
Zugang fehlen möchte, da denn Jäger und Gärtner, Fischer und Krämer in
Bewegung gesetzt wurden, zeigte sich Luciane immer wie ein brennender
Kometenkern, der einen langen Schweif nach sich zieht. Die gewöhnlichen
Besuchsunterhaltungen dünkten ihr bald ganz unschmackhaft. Kaum daß sie
den ältesten Personen eine Ruhe am Spieltisch gönnte: wer noch
einigermaßen beweglich war—und wer ließ sich nicht durch ihre reizenden
Zudringlichkeiten in Bewegung setzen?—mußte herbei, wo nicht zum Tanze,
doch zum lebhaften Pfand-, Straf- und Vexierspiel. Und obgleich das
alles, so wie hernach die Pfänderlösung, auf sie selbst berechnet war,
so ging doch von der andern Seite niemand, besonders kein Mann, er
mochte von einer Art sein, von welcher er wollte, ganz leer aus; ja es
glückte ihr, einige ältere Personen von Bedeutung ganz für sich zu
gewinnen, indem sie ihre eben einfallenden Geburts- und Namenstage
ausgeforscht hatte und besonders feierte. Dabei kam ihr ein ganz eignes
Geschick zustatten, sodaß, indem alle sich begünstigt sahen, jeder sich
für den am meisten Begünstigten hielt: eine Schwachheit, deren sich
sogar der älteste in der Gesellschaft am allermerklichsten schuldig
machte.
Schien es bei ihr Plan zu sein, Männer, die etwas vorstellten, Rang,
Ansehen, Ruhm oder sonst etwas Bedeutendes für sich hatten, für sich zu
gewinnen, Weisheit und Besonnenheit zuschanden zu machen und ihrem
wilden, wunderlichen Wesen selbst bei der Bedächtlichkeit Gust zu
erwerben, so kam die Jugend doch dabei nicht zu kurz; jeder hatte sein
Teil, seinen Tag, seine Stunde, in der sie ihn zu entzücken und zu
fesseln wußte. So hatte sie den Architekten schon bald ins Auge gefaßt,
der jedoch aus seinem schwarzen, langlockigen Haar so unbefangen
heraussah, so gerad und ruhig in der Entfernung stand, auf alle Fragen
kurz und verständig antwortete, sich aber auf nichts weiter einzulassen
geneigt schien, daß sie sich endlich einmal, halb unwillig halb listig,
entschloß, ihn zum Helden des Tages zu machen und dadurch auch für
ihren Hof zu gewinnen.
Nicht umsonst hatte sie so vieles Gepäck mitgebracht, ja es war ihr
noch manches gefolgt. Sie hatte sich auf eine unendliche Abwechselung
in Kleidern vorgesehen. Wenn es ihr Vergnügen machte, sich des Tages
drei-, viermal umzuziehen und mit gewöhnlichen, in der Gesellschaft
üblichen Kleidern vom Morgen bis in die Nacht zu wechseln, so erschien
sie dazwischen wohl auch einmal im wirklichen Maskenkleid, als Bäuerin
und Fischerin, als Fee und Blumenmädchen. Sie verschmähte nicht, sich
als alte Frau zu verkleiden, um desto frischer ihr junges Gesicht aus
der Kutte hervorzuzeigen; und wirklich verwirrte sie dadurch das
Gegenwärtige und das Eingebildete dergestalt, daß man sich mit der
Saalnixe verwandt und verschwägert zu sein glaubte.
Wozu sie aber diese Verkleidungen hauptsächlich benutzte, waren
pantomimische Stellungen und Tänze, in denen sie verschiedene
Charaktere auszudrücken gewandt war. Ein Kavalier aus ihrem Gefolge
hatte sich eingerichtet, auf dem Flügel ihre Gebärden mit der wenigen
nötigen Musik zu begleiten; es bedurfte nur einer kurzen Abrede, und
sie waren sogleich in Einstimmung.
Eines Tages, als man sie bei der Pause eines lebhaften Balls auf ihren
eigenen heimlichen Antrieb gleichsam aus dem Stegereife zu einer
solchen Darstellung aufgefordert hatte, schien sie verlegen und
überrascht und ließ sich wider ihre Gewohnheit lange bitten. Sie zeigte
sich unentschlossen, ließ die Wahl, bat wie ein Imporvisator um einen
Gegenstand, bis endlich jener Klavier spielende Gehülfe, mit dem es
abgeredet sein mochte, sich an den Flügel setzte, einen Trauermarsch zu
spielen anfing und sie aufforderte, jene Artemisia zu geben, welche sie
so vortrefflich einstudiert habe. Sie ließ sich erbitten, und nach
einer kurzen Abwesenheit erschien sie, bei den zärtlich traurigen Tönen
des Totenmarsches, in Gestalt der königlichen Witwe, mit gemessenem
Schritt, einen Aschenkrug vor sich hertragend. Hinter ihr brachte man
eine große schwarze Tafel und in einer goldenen Reißfeder ein
wohlzugeschnitztes Stück Kreide.
Einer ihrer Verehrer und Adjutanten, dem sie etwas ins Ohr sagte, ging
sogleich den Architekten aufzufordern, zu nötigen und gewissermaßen
herbeizuschieben, daß er als Baumeister das Grab des mausolus zeichnen
und also keineswegs einen Statisten, sondern einen ernstlich
Mitspielenden vorstellen sollte. Wie verlegen der Architekt auch
äußerlich erschien—denn er machte in seiner ganz schwarzen, knappen,
modernen Zivilgestalt einen wunderlichen Kontrast mit jenen Flören,
Kreppen, Fransen, Schmelzen, Quasten und Kronen -, so faßte er sich
doch gleich innerlich, allein um so wunderlicher war es anzusehen. Mit
dem größten Ernst stellte er sich vor die große Tafel, die von ein paar
Pagen gehalten wurde, und zeichnete mit viel Bedacht und Genauigkeit
ein Grabmal, das zwar eher einem longobardischen als einem karischen
König wäre gemäß gewesen, aber doch in so schönen Verhältnissen, so
ernst in seinen Teilen, so geistreich in seinen Zieraten, daß man es
mit Vergnügen entstehen sah und, als es fertig war, bewunderte.
Er hatte sich in diesem ganzen Zeitraum fast nicht gegen die Königin
gewendet, sondern seinem Geschäft alle Aufmerksamkeit gewidmet.
Endlich, als er sich vor ihr neigte und andeutete, daß er nun ihre
Befehle vollzogen zu haben glaube, hielt sie ihm noch die Urne hin und
bezeichnete das Verlangen, diese oben auf dem Gipfel abgebildet zu
sehen. Er tat es, obgleich ungern, weil sie zu dem Charakter seines
übrigen Entwurfs nicht passen wollte. Was Lucianen betraf, so war sie
endlich von ihrer Ungeduld erlöst; denn ihre Absicht war keineswegs,
eine gewissenhafte Zeichnung von ihm zu haben. Hätte er mit wenigen
Strichen nur hinskizziert, was etwa einem Monument ähnlich gesehen, und
sich die übrige Zeit mit ihr abgegeben, so wäre das wohl dem Endzweck
und ihren Wünschen gemäßer gewesen. Bei seinem Benehmen dagegen kam sie
in die größte Verlegenheit; denn ob sie gleich in ihrem Schmerz, ihren
Anordnungen und Andeutungen, ihrem Beifall über das nach und nach
Entstehende ziemlich abzuwechseln suchte und sie ihn einigemal beinahe
herumzerrte, um nur mit ihm in eine Art von Verhältnis zu kommen, so
erwies er sich doch gar zu steif, dergestalt daß sie allzuoft ihre
Zuflucht zur Urne nehmen, sie an ihr Herz drücken und zum Himmel
schauen mußte, ja zuletzt, weil sich doch dergleichen Situationen immer
steigern, mehr einer Witwe von Ephesus als einer Königin von Karien
ähnlich sah. Die Vorstellung zog sich daher in die Lage; der
Klavierspieler, der sonst Geduld genug hatte, wußte nicht mehr, in
welchen Ton er ausweichen sollte. Er dankte Gott, als er die Urne auf
der Pyramide stehn sah, und fiel unwillkürlich, als die Königin ihren
Dank ausdrücken wollte, in ein lustiges Thema, wodurch die Vorstellung
zwar ihren Charakter verlor, die Gesellschaft jedoch völlig
aufgeheitert wurde, die sich denn sogleich teilte, der Dame für ihren
vortrefflichen Ausdruck und dem Architekten für seine künstliche und
zierliche Zeichnung eine freudige Bewunderung zu beweisen.
Besonders der Bräutigam unterhielt sich mit dem Achritekten. „Es tut
mir leid“, sagte jener, „daß die Zeichnung so vergänglich ist. Sie
erlauben wenigstens, daß ich sie mir auf mein Zimmer bringen lasse und
mich mit Ihnen darüber unterhalte“. „Wenn es Ihnen Vergnügen macht“,
sagte der Architekt, „so kann ich Ihnen sorgfältige Zeichnungen von
dergleichen Gebäuden und Monumenten vorlegen, wovon dieses nur ein
zufälliger, flüchtiger Entwurf ist“.
Ottilie stand nicht fern und trat zu den beiden. „Versäumen Sie nicht“,
sagte sie zum Architekten, „den Herrn Baron gelegentlich Ihre Sammlung
sehen zu lassen; er ist ein Freund der Kunst und des Altertums; ich
wünsche, daß Sie sich näher kennenlernen“.