Viertes Kapitel

Wie seltsam mußte nach solchen Ereignissen, nach diesem aufgedrungenen

Gefühl von Vergänglichkeit und Hinschwinden Ottilie durch die Nachricht

getroffen werden, die ihr nicht länger verborgen bleiben konnte, daß

Eduard sich dem wechselnden Kriegsglück überliefert habe. Es entging

ihr leider keine von den Betrachtungen, die sie dabei zu machen Ursache

hatte. Glücklicherweise kann der Mensch nur einen gewissen Grad des

Unglücks fassen; was darüber hinausgeht, vernichtet ihn oder läßt ihn

gleichgültig. Es gibt Lagen, in denen Furcht und Hoffnung eins werden,

sich einander wechselseitig aufheben und in eine dunkle Fühllosigkeit

verlieren. Wie könnten wir sonst die entfernten Geliebtesten in

stündlicher Gefahr wissen und dennoch unser tägliches, gewöhnliches

Leben immer so forttreiben.

Es war daher, als wenn ein guter Geist für Ottilien gesorgt hätte,

indem er auf einmal in diese Stille, in der sie einsam und

unbeschäftigt zu versinken schien, ein wildes Heer hereinbrachte, das,

indem es ihr von außen genug zu schaffen gab und sie aus sich selbst

führte, zugleich in ihr das Gefühl eigener Kraft anregte.

Charlottens Tochter, Luciane, war kaum aus der Pension in die große

Welt getreten, hatte kaum in dem Hause ihrer Tante sich von zahlreicher

Gesellschaft umgeben gesehen, als ihr Gefallenwollen wirklich Gefallen

erregte und ein junger, sehr reicher Mann gar bald eine heftige Neigung

empfand, sie zu besitzen. Sein ansehnliches Vermögen gab ihm ein Recht,

das Beste jeder Art sein eigen zu nennen, und es schien ihm nichts

weiter abzugehen als eine vollkommene Frau, um die ihn die Welt so wie

um das übrige zu beneiden hätte.

Diese Familienangelegenheit war es, welche Charlotten bisher sehr viel

zu tun gab, der sie ihre ganze Überlegung, ihre Korrespondenz widmete,

insofern diese nicht darauf gerichtet war, von Eduard nähere Nachricht

zu erhalten; deswegen auch Ottilie mehr als sonst in der letzten Zeit

allein blieb. Diese wußte zwar um die Ankunft Lucianens; im Hause hatte

sie deshalb die nötigsten Vorkehrungen getroffen; allein so nahe

stellte man sich den Besuch nicht vor. Man wollte vorher noch

schreiben, abreden, näher bestimmen, als der Sturm auf einmal über das

Schloß und Ottilien hereinbrach.

Angefahren kamen nun Kammerjungfern und Bediente, Brancards mit Koffern

und Kisten; man glaubte schon eine doppelte und dreifache Herrschaft im

Hause zu haben; aber nun erschienen erst die Gäste selbst: die

Großtante mit Lucianen und einigen Freundinnen, der Bräutigam

gleichfalls nicht unbegleitet. Da lag das Vorhaus voll Vachen,

Mantelsäcke und anderer lederner Gehäuse. Mit Mühe sonderte man die

vielen Kästchen und Futterale auseinander. Des Gepäckes und Geschleppes

war kein Ende. Dazwischen regnete es mit Gewalt, woraus manche

Unbequemlichkeit entstand. Diesem ungestümen Treiben begegnete Ottilie

mit gleichmütiger Tätigkeit, ja ihr heiteres Geschick erschien im

schönsten Glanze; denn sie hatte in kurzer Zeit alles untergebracht und

angeordnet. Jedermann war logiert, jedermann nach seiner Art bequem,

und glaubte gut bedient zu sein, weil er nicht gehindert war, sich

selbst zu bedienen.

Nun hätten alle gern, nach einer höchst beschwerlichen Reise, einige

Ruhe genossen; der Bräutigam hätte sich seiner Schwiegermutter gern

genähert, um ihr seine Liebe, seinen guten Willen zu beteuern; aber

Luciane konnte nicht rasten. Sie war nun einmal zu dem Glücke gelangt,

ein Pferd besteigen zu dürfen. Der Bräutigam hatte schöne Pferde, und

sogleich mußte man aufsitzen. Wetter und Wind, Regen und Sturm kamen

nicht in Anschlag; es war, als wenn man nur lebte, um naß zu werden und

sich wieder zu trocknen. Fiel es ihr ein, zu Fuße auszugehen, so fragte

sie nicht, was für Kleider sie anhatte und wie sie beschuht war: sie

mußte die Anlagen besichtigen, von denen sie vieles gehört hatte. Was

nicht zu Pferde geschehen konnte, wurde zu Fuß durchrannt. Bald hatte

sie alles gesehen und abgeurteilt. Bei der Schnelligkeit ihres Wesens

war ihr nicht leicht zu widersprechen. Die Gesellschaft hatte manches

zu leiden, am meisten aber die Kammermädchen, die mit Waschen und

Bügeln, Auftrennen und Annähen nicht fertig werden konnten.

Kaum hatte sie das Haus und die Gegend erschöpft, als sie sich

verpflichtet fühlte, rings in der Nachbarschaft Besuch abzulegen. Weil

man sehr schnell ritt und fuhr, so reichte die Nachbarschaft ziemlich

fern umher. Das Schloß ward mit Gegenbesuchen überschwemmt, und damit

man sich ja nicht verfehlen möchte, wurden bald bestimmte Tage

angesetzt.

Indessen Charlotte mit der Tante und dem Geschäftsträger des Bräutigams

die innern Verhältnisse festzustellen bemüht war und Ottilie mit ihren

Untergebenen dafür zu sorgen wußte, daß es an nichts bei so großem

Zugang fehlen möchte, da denn Jäger und Gärtner, Fischer und Krämer in

Bewegung gesetzt wurden, zeigte sich Luciane immer wie ein brennender

Kometenkern, der einen langen Schweif nach sich zieht. Die gewöhnlichen

Besuchsunterhaltungen dünkten ihr bald ganz unschmackhaft. Kaum daß sie

den ältesten Personen eine Ruhe am Spieltisch gönnte: wer noch

einigermaßen beweglich war—und wer ließ sich nicht durch ihre reizenden

Zudringlichkeiten in Bewegung setzen?—mußte herbei, wo nicht zum Tanze,

doch zum lebhaften Pfand-, Straf- und Vexierspiel. Und obgleich das

alles, so wie hernach die Pfänderlösung, auf sie selbst berechnet war,

so ging doch von der andern Seite niemand, besonders kein Mann, er

mochte von einer Art sein, von welcher er wollte, ganz leer aus; ja es

glückte ihr, einige ältere Personen von Bedeutung ganz für sich zu

gewinnen, indem sie ihre eben einfallenden Geburts- und Namenstage

ausgeforscht hatte und besonders feierte. Dabei kam ihr ein ganz eignes

Geschick zustatten, sodaß, indem alle sich begünstigt sahen, jeder sich

für den am meisten Begünstigten hielt: eine Schwachheit, deren sich

sogar der älteste in der Gesellschaft am allermerklichsten schuldig

machte.

Schien es bei ihr Plan zu sein, Männer, die etwas vorstellten, Rang,

Ansehen, Ruhm oder sonst etwas Bedeutendes für sich hatten, für sich zu

gewinnen, Weisheit und Besonnenheit zuschanden zu machen und ihrem

wilden, wunderlichen Wesen selbst bei der Bedächtlichkeit Gust zu

erwerben, so kam die Jugend doch dabei nicht zu kurz; jeder hatte sein

Teil, seinen Tag, seine Stunde, in der sie ihn zu entzücken und zu

fesseln wußte. So hatte sie den Architekten schon bald ins Auge gefaßt,

der jedoch aus seinem schwarzen, langlockigen Haar so unbefangen

heraussah, so gerad und ruhig in der Entfernung stand, auf alle Fragen

kurz und verständig antwortete, sich aber auf nichts weiter einzulassen

geneigt schien, daß sie sich endlich einmal, halb unwillig halb listig,

entschloß, ihn zum Helden des Tages zu machen und dadurch auch für

ihren Hof zu gewinnen.

Nicht umsonst hatte sie so vieles Gepäck mitgebracht, ja es war ihr

noch manches gefolgt. Sie hatte sich auf eine unendliche Abwechselung

in Kleidern vorgesehen. Wenn es ihr Vergnügen machte, sich des Tages

drei-, viermal umzuziehen und mit gewöhnlichen, in der Gesellschaft

üblichen Kleidern vom Morgen bis in die Nacht zu wechseln, so erschien

sie dazwischen wohl auch einmal im wirklichen Maskenkleid, als Bäuerin

und Fischerin, als Fee und Blumenmädchen. Sie verschmähte nicht, sich

als alte Frau zu verkleiden, um desto frischer ihr junges Gesicht aus

der Kutte hervorzuzeigen; und wirklich verwirrte sie dadurch das

Gegenwärtige und das Eingebildete dergestalt, daß man sich mit der

Saalnixe verwandt und verschwägert zu sein glaubte.

Wozu sie aber diese Verkleidungen hauptsächlich benutzte, waren

pantomimische Stellungen und Tänze, in denen sie verschiedene

Charaktere auszudrücken gewandt war. Ein Kavalier aus ihrem Gefolge

hatte sich eingerichtet, auf dem Flügel ihre Gebärden mit der wenigen

nötigen Musik zu begleiten; es bedurfte nur einer kurzen Abrede, und

sie waren sogleich in Einstimmung.

Eines Tages, als man sie bei der Pause eines lebhaften Balls auf ihren

eigenen heimlichen Antrieb gleichsam aus dem Stegereife zu einer

solchen Darstellung aufgefordert hatte, schien sie verlegen und

überrascht und ließ sich wider ihre Gewohnheit lange bitten. Sie zeigte

sich unentschlossen, ließ die Wahl, bat wie ein Imporvisator um einen

Gegenstand, bis endlich jener Klavier spielende Gehülfe, mit dem es

abgeredet sein mochte, sich an den Flügel setzte, einen Trauermarsch zu

spielen anfing und sie aufforderte, jene Artemisia zu geben, welche sie

so vortrefflich einstudiert habe. Sie ließ sich erbitten, und nach

einer kurzen Abwesenheit erschien sie, bei den zärtlich traurigen Tönen

des Totenmarsches, in Gestalt der königlichen Witwe, mit gemessenem

Schritt, einen Aschenkrug vor sich hertragend. Hinter ihr brachte man

eine große schwarze Tafel und in einer goldenen Reißfeder ein

wohlzugeschnitztes Stück Kreide.

Einer ihrer Verehrer und Adjutanten, dem sie etwas ins Ohr sagte, ging

sogleich den Architekten aufzufordern, zu nötigen und gewissermaßen

herbeizuschieben, daß er als Baumeister das Grab des mausolus zeichnen

und also keineswegs einen Statisten, sondern einen ernstlich

Mitspielenden vorstellen sollte. Wie verlegen der Architekt auch

äußerlich erschien—denn er machte in seiner ganz schwarzen, knappen,

modernen Zivilgestalt einen wunderlichen Kontrast mit jenen Flören,

Kreppen, Fransen, Schmelzen, Quasten und Kronen -, so faßte er sich

doch gleich innerlich, allein um so wunderlicher war es anzusehen. Mit

dem größten Ernst stellte er sich vor die große Tafel, die von ein paar

Pagen gehalten wurde, und zeichnete mit viel Bedacht und Genauigkeit

ein Grabmal, das zwar eher einem longobardischen als einem karischen

König wäre gemäß gewesen, aber doch in so schönen Verhältnissen, so

ernst in seinen Teilen, so geistreich in seinen Zieraten, daß man es

mit Vergnügen entstehen sah und, als es fertig war, bewunderte.

Er hatte sich in diesem ganzen Zeitraum fast nicht gegen die Königin

gewendet, sondern seinem Geschäft alle Aufmerksamkeit gewidmet.

Endlich, als er sich vor ihr neigte und andeutete, daß er nun ihre

Befehle vollzogen zu haben glaube, hielt sie ihm noch die Urne hin und

bezeichnete das Verlangen, diese oben auf dem Gipfel abgebildet zu

sehen. Er tat es, obgleich ungern, weil sie zu dem Charakter seines

übrigen Entwurfs nicht passen wollte. Was Lucianen betraf, so war sie

endlich von ihrer Ungeduld erlöst; denn ihre Absicht war keineswegs,

eine gewissenhafte Zeichnung von ihm zu haben. Hätte er mit wenigen

Strichen nur hinskizziert, was etwa einem Monument ähnlich gesehen, und

sich die übrige Zeit mit ihr abgegeben, so wäre das wohl dem Endzweck

und ihren Wünschen gemäßer gewesen. Bei seinem Benehmen dagegen kam sie

in die größte Verlegenheit; denn ob sie gleich in ihrem Schmerz, ihren

Anordnungen und Andeutungen, ihrem Beifall über das nach und nach

Entstehende ziemlich abzuwechseln suchte und sie ihn einigemal beinahe

herumzerrte, um nur mit ihm in eine Art von Verhältnis zu kommen, so

erwies er sich doch gar zu steif, dergestalt daß sie allzuoft ihre

Zuflucht zur Urne nehmen, sie an ihr Herz drücken und zum Himmel

schauen mußte, ja zuletzt, weil sich doch dergleichen Situationen immer

steigern, mehr einer Witwe von Ephesus als einer Königin von Karien

ähnlich sah. Die Vorstellung zog sich daher in die Lage; der

Klavierspieler, der sonst Geduld genug hatte, wußte nicht mehr, in

welchen Ton er ausweichen sollte. Er dankte Gott, als er die Urne auf

der Pyramide stehn sah, und fiel unwillkürlich, als die Königin ihren

Dank ausdrücken wollte, in ein lustiges Thema, wodurch die Vorstellung

zwar ihren Charakter verlor, die Gesellschaft jedoch völlig

aufgeheitert wurde, die sich denn sogleich teilte, der Dame für ihren

vortrefflichen Ausdruck und dem Architekten für seine künstliche und

zierliche Zeichnung eine freudige Bewunderung zu beweisen.

Besonders der Bräutigam unterhielt sich mit dem Achritekten. „Es tut

mir leid“, sagte jener, „daß die Zeichnung so vergänglich ist. Sie

erlauben wenigstens, daß ich sie mir auf mein Zimmer bringen lasse und

mich mit Ihnen darüber unterhalte“. „Wenn es Ihnen Vergnügen macht“,

sagte der Architekt, „so kann ich Ihnen sorgfältige Zeichnungen von

dergleichen Gebäuden und Monumenten vorlegen, wovon dieses nur ein

zufälliger, flüchtiger Entwurf ist“.

Ottilie stand nicht fern und trat zu den beiden. „Versäumen Sie nicht“,

sagte sie zum Architekten, „den Herrn Baron gelegentlich Ihre Sammlung

sehen zu lassen; er ist ein Freund der Kunst und des Altertums; ich

wünsche, daß Sie sich näher kennenlernen“.

Die Wahlverwandtschaften · 第 34 / 55 题