Aus Ottiliens Tagebuche

Eine Bemerkung des jungen Künstlers muß ich aufzeichnen: „wie am

Handwerker so am bildenden Künstler kann man auf das deutlichste gewahr

werden, daß der Mensch sich am wenigsten zuzueignen vermag, was ihm

ganz eigens angehört. Seine Werke verlassen ihn so wie die Vögel das

Nest, worin sie ausgebrütet worden“.

Der Baukünstler vor allen hat hierin das wunderlichste Schicksal. Wie

oft wendet er seinen ganzen Geist, seine ganze Neigung auf, um Räume

hervorzubringen, von denen er sich selbst ausschließen muß! Die

königlichen Säle sind ihm ihre Pracht schuldig, deren größte Wirkung er

nicht mitgenießt. In den Tempeln zieht er eine Grenze zwischen sich und

dem Allerheiligsten; er darf die Stufen nicht mehr betreten, die er zur

herzerhebenden Feierlichkeit gründete, so wie der Goldschmied die

Monstranz nur von fern anbetet, deren Schmelz und Edelsteine er

zusammengeordnet hat. Dem Reichen übergibt der Baumeister mit dem

Schlüssel des Palastes alle Bequemlichkeit und Behäbigkeit, ohne irgend

etwas davon mitzugenießen. Muß sich nicht allgemach auf diese Weise die

Kunst von dem Künstler entfernen, wenn das Werk wie ein ausgestattetes

Kind nicht mehr auf den Vater zurückwirkt? Und wie sehr mußte die Kunst

sich selbst befördern, als sie fast allein mit dem Öffentlichen, mit

dem, was allen und also auch dem Künstler gehörte, sich zu beschäftigen

bestimmt war!

Eine Vorstellung der alten Völker ist ernst und kann furchtbar

scheinen. Sie dachten sich ihre Vorfahren in großen Höhlen ringsumher

auf Thronen sitzend in stummer Unterhaltung. Dem Neuen, der hereintrat,

wenn er würdig genug war, standen sie auf und neigten ihm einen

Willkommen. Gestern, als ich in der Kapelle saß und meinem geschnitzten

Stuhle gegenüber noch mehrere umhergestellt sah, erschien mir jener

Gedanke gar freundlich und anmutig. „Warum kannst du nicht

sitzenbleiben?“ dachte ich bei mir selbst, „still und in dich gekehrt

sitzenbleiben, lange, lange, bis endlich die Freunde kämen, denen du

aufstündest und ihren Platz mit freundlichem Neigen anwiesest“. Die

farbigen Scheiben machen den Tag zur ernsten Dämmerung, und jemand

müßte eine ewige Lampe stiften, damit auch die Nacht nicht ganz finster

bliebe.

Man mag sich stellen, wie man will, und man denkt sich immer sehend.

Ich glaube, der Mensch träumt nur, damit er nicht aufhöre zu sehen. Es

könnte wohl sein, daß das innere Licht einmal aus uns herausträte,

sodaß wir keines andern mehr bedürften.

Das Jahr klingt ab. Der Wind geht über die Stoppeln und findet nichts

mehr zu bewegen; nur die roten Beeren jener schlanken Bäume scheinen

uns noch an etwas Munteres erinnern zu wollen, so wie uns der

Taktschlag des Dreschers den Gedanken erweckt, daß in der abgesichelten

Ähre soviel Nährendes und Lebendiges verborgen liegt.

Die Wahlverwandtschaften · 第 33 / 55 题