Es ist eine so angenehme Empfindung, sich mit etwas zu beschäftigen,
was man nur halb kann, daß niemand den Dilettanten schelten sollte,
wenn er sich mit einer Kunst abgibt, die er nie lernen wird, noch den
Künstler tadeln dürfte, wenn er über die Grenze seiner Kunst hinaus in
einem benachbarten Felde sich zu ergehen Lust hat.
Mit so billigen Gesinnungen betrachten wir die Anstalten des
Architekten zum Ausmalen der Kapelle. Die Farben waren bereitet, die
Maße genommen, die Kartone gezeichnet; allen Anspruch auf Erfindung
hatte er aufgegeben; er hielt sich an seine Umrisse: nur die sitzenden
und schwebenden Figuren geschickt auszuteilen, den Raum damit
geschmackvoll auszuzieren, war seine Sorge.
Das Gerüste stand, die Arbeit ging vorwärts, und da schon einiges, was
in die Augen fiel, erreicht war, konnte es ihm nicht zuwider sein, daß
Charlotte mit Ottilien ihn besuchte. Die lebendigen Engelsgesichter,
die lebhaften Gewänder auf dem blauen Himmelsgrunde erfreuten das Auge,
indem ihr stilles frommes Wesen das Gemüt zur Sammlung berief und eine
sehr zarte Wirkung hervorbrachte.
Die Frauen waren zu ihm aufs Gerüst gestiegen, und Ottilie bemerkte
kaum, wie abgemessen leicht und bequem das alles zuging, als sich in
ihr das durch frühern Unterricht Empfangene mit einmal zu entwickeln
schien, sie nach Farbe und Pinsel griff und auf erhaltene Anweisung ein
faltenreiches Gewand mit soviel Reinlichkeit als Geschicklichkeit
anlegte.
Charlotte, welche gern sah, wenn Ottilie sich auf irgendeine Weise
beschäftigte und zerstreute, ließ die beiden gewähren und ging, um
ihren eigenen Gedanken nachzuhängen, um ihre Betrachtungen und Sorgen,
die sie niemanden mitteilen konnte, für sich durchzuarbeiten.
Wenn gewöhnliche Menschen, durch gemeine Verlegenheiten des Tags zu
einem leidenschaftlich ängstlichen Betragen aufgeregt, uns ein
mitleidiges Lächeln abnötigen, so betrachten wir dagegen mit Ehrfurcht
ein Gemüt, in welchem die Saat eines großen Schicksals ausgesäet
worden, das die Entwicklung dieser Empfängnis abwarten muß und weder
das Gute noch das Böse, weder das Glückliche noch das Unglückliche, was
daraus entspringen soll, beschleunigen darf und kann.
Eduard hatte durch Charlottens Boten, den sie ihm in seine Einsamkeit
gesendet, freundlich und teilnehmend, aber doch eher gefaßt und ernst
als zutraulich und liebevoll, geantwortet. Kurz darauf war Eduard
verschwunden, und seine Gattin konnte zu keiner Nachricht von ihm
gelangen, bis sie endlich von ungefähr seinen Namen in den Zeitungen
fand, wo er unter denen, die sich bei einer bedeutenden
Kriegsgelegenheit hervorgetan hatten, mit Auszeichnung genannt war. Sie
wußte nun, welchen Weg er genommen hatte, sie erfuhr, daß er großen
Gefahren entronnen war; allein sie überzeugte sich sogleich, daß er
größere aufsuchen würde, und sie konnte sich daraus nur allzusehr
deuten, daß er in jedem Sinne schwerlich vom Äußersten würde
zurückzuhalten sein. Sie trug diese Sorgen für sich allein immer in
Gedanken und mochte sie hin und wider legen, wie sie wollte, so konnte
sie doch bei keiner Ansicht Beruhigung finden.
Ottilie, von alle dem nichts ahnend, hatte indessen zu jener Arbeit die
größte Neigung gefaßt und von Charlotten gar leicht die Erlaubnis
erhalten, regelmäßig darin fortfahren zu dürfen. Nun ging es rasch
weiter, und der azurne Himmel war bald mit würdigen Bewohnern
bevölkert. Durch eine anhaltende Übung gewannen Ottilie und der
Architekt bei den letzten Bildern mehr Freiheit; sie wurden zusehends
besser. Auch die Gesichter, welche dem Architekten zu malen allein
überlassen war, zeigten nach und nach eine ganz besondere Eigenschaft;
sie fingen sämtlich an, Ottilien zu gleichen. Die Nähe des schönen
Kindes mußte wohl in die Seele des jungen Mannes, der noch keine
natürliche oder künstlerische Physiognomie vorgefaßt hatte, einen so
lebhaften Eindruck machen, daß ihm nach und nach auf dem Wege vom Auge
zur Hand nichts verlorenging, ja daß beide zuletzt ganz gleichstimmig
arbeiteten. Genug, eins der letzten Gesichtchen glückte vollkommen, so
daß es schien, als wenn Ottilie selbst aus den himmlischen Räumen
heruntersähe.
An dem Gewölbe war man fertig; die Wände hatte man sich vorgenommen
einfach zu lassen und nur mit einer hellern bräunlichen Farbe zu
überziehen; die zarten Säulen und künstlichen bildhauerischen Zieraten
sollten sich durch eine dunklere auszeichnen. Aber wie in solchen
Dingen immer eins zum andern führt, so wurden noch Blumen und
Fruchtgehänge beschlossen, welche Himmel und Erde gleichsam
zusammenknüpfen sollten. Hier war nun Ottilie ganz in ihrem Felde. Die
Gärten lieferten die schönsten Muster, und obschon die Kränze sehr
reich ausgestattet wurden, so kam man doch früher, als man gedacht
hatte, damit zustande.
Noch sah aber alles wüste und roh aus. Die Gerüste waren durcheinander
geschoben, die Bretter übereinander geworfen, der ungleiche Fußboden
durch mancherlei vergossene Farben noch mehr verunstaltet. Der
Architekt erbat sich nunmehr, daß die Frauenzimmer ihm acht Tage Zeit
lassen und bis dahin die Kapelle nicht betreten möchten. Endlich
ersuchte er sie an einem schönen Abende, sich beiderseits dahin zu
verfügen; doch wünschte er, sie nicht begleiten zu dürfen, und empfahl
sich sogleich.
„Was er uns auch für eine Überraschung zugedacht haben mag“, sagte
Charlotte, als er weggegangen war, „so habe ich doch gegenwärtig keine
Lust hinunterzugehen. Du nimmst es wohl allein über dich und gibst mir
Nachricht. Gewiß hat er etwas Angenehmes zustande gebracht. Ich werde
es erst in deiner Beschreibung und dann gern in der Wirklichkeit
genießen“.
Ottilie, die wohl wußte, daß Charlotte sich in manchen Stücken in acht
nahm, alle Gemütsbewegungen vermied und besonders nicht überrascht sein
wollte, begab sich sogleich allein auf den Weg und sah sich
unwillkürlich nach dem Architekten um, der aber nirgends erschien und
sich mochte verborgen haben. Sie trat in die Kirche, die sie offen
fand. Diese war schon früher fertig, gereinigt und eingeweiht. Sie trat
zur Türe der Kapelle, deren schwere, mit Erz beschlagene Last sich
leicht vor ihr auftat und sie in einem bekannten Raume mit einem
unerwarteten Anblick überraschte.
Durch das einzige hohe Fenster fiel ein ernstes, buntes Licht herein;
denn es war von farbigen Gläsern anmutig zusammengesetzt. Das Ganze
erhielt dadurch einen fremden Ton und bereitete zu einer eigenen
Stimmung. Die Schönheit des Gewölbes und der Wände ward durch die
Zierde des Fußbodens erhöht, der aus besonders geformten, nach einem
schönen Muster gelegten, durch eine gegossene Gipsfläche verbundenen
Ziegelsteinen bestand. Diese sowohl als die farbigen Scheiben hatte der
Architekt heimlich bereiten lassen und konnte nun in kurzer Zeit alles
zusammenfügen. Auch für Ruheplätze war gesorgt. Es hatten sich unter
jenen kirchlichen Altertümern einige schön geschnitzte Chorstühle
vorgefunden, die nun gar schicklich an den Wänden angebracht
umherstanden.
Ottilie freute sich der bekannten, ihr als ein unbekanntes Ganze
entgegentretenden Teile. Sie stand, ging hin und wider, sah und besah;
endlich setzte sie sich auf einen der Stühle, und es schien ihr, indem
sie auf- und umherblickte, als wenn sie wäre und nicht wäre, als wenn
sie sich empfände und nicht empfände, als wenn dies alles vor ihr, sie
vor sich selbst verschwinden sollte; und nur als die Sonne das bisher
sehr lebhaft beschienene Fenster verließ, erwachte Ottilie vor sich
selbst und eilte nach dem Schlosse.
Sie verbarg sich nicht, in welche sonderbare Epoche diese Überraschung
gefallen sei. Es war der Abend vor Eduards Geburtstage. Diesen hatte
sie freilich ganz anders zu feiern gehofft. Wie sollte nicht alles zu
diesem Feste geschmückt sein! Aber nunmehr stand der ganze herbstliche
Blumenreichtum ungepflückt. Diese Sonnenblumen wendeten noch immer ihr
Angesicht gen Himmel, diese Astern sahen noch immer still bescheiden
vor sich hin, und was allenfalls davon zu Kränzen gebunden war, hatte
zum Muster gedient, einen Ort auszuschmücken, der, wenn er nicht bloß
eine Künstlergrille bleiben, wenn er zu irgend etwas genutzt werden
sollte, nur zu einer gemeinsamen Grabstätte geeignet schien.
Sie mußte sich dabei der geräuschvollen Geschäftigkeit erinnern, mit
welcher Eduard ihr Geburtsfest gefeiert; sie mußte des neugerichteten
Hauses gedenken, unter dessen Decke man sich soviel Freundliches
versprach. Ja das Feuerwerk rauschte ihr wieder vor Augen und Ohren, je
einsamer sie war, desto mehr vor der Einbildungskraft; aber sie fühlte
sich auch nur um desto mehr allein. Sie lehnte sich nicht mehr auf
seinen Arm und hatte keine Hoffnung, an ihm jemals wieder eine Stütze
zu finden.