Aus Ottiliens Tagebuche

Neben denen dereinst zu ruhen, die man liebt, ist die angenehmste

Vorstellung, welche der Mensch haben kann, wenn er einmal über das

Leben hinausdenkt. Zu den Seinigen versammelt werden ist ein so

herzlicher Ausdruck.

Es gibt mancherlei Denkmale und Merkzeichen, die uns Entfernte und

Abgeschidene näher bringen. Keins ist von der Bedeutung des Bildes. Die

Unterhaltung mit einem geliebten Bilde, selbst wenn es unähnlich ist,

hat was Reizendes, wie es manchmal etwas Reizendes hat, sich mit einem

Freunde streiten. Man fühlt auf eine angenehme Weise, daß man zu zweien

ist und doch nicht auseinander kann.

Man unterhält sich manchmal mit einem gegenwärtigen Menschen als mit

einem Bilde. Er braucht nicht zu sprechen, uns nicht anzusehen, sich

nicht mit uns zu beschäftigen; wir sehen ihn, wir fühlen unser

Verhältnis zu ihm, ja sogar unsere Verhältnisse zu ihm können wachsen,

ohne daß er etwas dazu tut, ohne daß er etwas davon empfindet, daß er

sich eben bloß zu uns wie ein Bild verhält.

Man ist niemals mit einem Porträt zufrieden von Personen, die man

kennt. Deswegen habe ich die Porträtmaler immer bedauert. Man verlangt

so selten von den Leuten das Unmögliche, und gerade von diesen fordert

mans. Sie sollen einem jeden sein Verhältnis zu den Personen, seine

Neigung und Abneigung mit in ihr Bild aufnehmen; sie sollen nicht bloß

darstellen, wie sie einen Menschen fassen, sondern wie jeder ihn fassen

würde. Es nimmt mich nicht wunder, wenn solche Künstler nach und nach

verstockt, gleichgültig und eigensinnig werden. Daraus möchte denn

entstehen, was wollte, wenn man nur nicht gerade darüber die

Abbildungen so mancher lieben und teuren Menschen entbehren müßte.

Es ist wohl wahr, die Sammlung des Architekten von Waffen und alten

Gerätschaften, die nebst dem Körper mit hohen Erdhügeln und

Felsenstücken zugedeckt waren, bezeugt uns, wie unnütz die Vorsorge des

Menschen sei für die Erhaltung seiner Persönlichkeit nach dem Tode. Und

so widersprechend sind wir! Der Architekt gesteht, selbst solche

Grabhügel der Vorfahren geöffnet zu haben, und fährt dennoch fort, sich

mit Denkmälern für die Nachkommen zu beschäftigen.

Warum soll man es aber so streng nehmen? Ist denn alles, was wir tun,

für die Ewigkeit getan? Ziehen wir uns nicht morgens an, um uns abends

wieder auszuziehen? Verreisen wir nicht, um wiederzukehren? Und warum

sollten wir nicht wünschen, neben den Unsrigen zu ruhen, und wenn es

auch nur für ein Jahrhundert wäre?

Wenn man die vielen versunkenen, die durch Kirchgänger abgetretenen

Grabsteine, die über ihren Grabmälern selbst zusammengestürzten Kirchen

erblickt, so kann einem das Leben nach dem Tode doch immer wie ein

zweites Leben vorkommen, in das man nun im Bilde, in der Überschrift

eintritt und länger darin verweilt als in dem eigentlichen lebendigen

Leben. Aber auch dieses Bild, dieses zweite Dasein verlischt früher

oder später. Wie über die Menschen, so auch über die Denkmäler läßt

sich die Zeit ihr Recht nicht nehmen.

Die Wahlverwandtschaften · 第 31 / 55 题