Aufgeregt durch den Vorfall und die daran sich knüpfenden Gespräche,
begab man sich des andern Tages nach dem Begräbnisplatz zu dessen
Verzierung und Erheiterung der Architekt manchen glücklichen Vorschlag
tat. Allein auch auf die Kirche sollte sich seine Sorgfalt erstrecken,
auf ein Gebäude, das gleich anfänglich seine Aufmerksamkeit an sich
gezogen hatte.
Diese Kirche stand seit mehrern Jahrhunderten, nach deutscher Art und
Kunst in guten Maßen errichtet und auf eine glückliche Weise verziert.
Man konnte wohl nachkommen, daß der Baumeister eines benachbarten
Klosters mit Einsicht und Neigung sich auch an diesem kleineren Gebäude
bewährt, und es wirkte noch immer ernst und angenehm auf den
Betrachter, obgleich die innere neue Einrichtung zum protestantischen
Gottesdienste ihm etwas von seiner Ruhe und Majestät genommen hatte.
Dem Architekten fiel es nicht schwer, sich von Charlotten eine mäßige
Summe zu erbitten, wovon er das äußere sowohl als das Innere im
altertümlichen Sinne herzustellen und mit dem davorliegenden
Auferstehungsfelde zur Übereinstimmung zu bringen gedachte. Er hatte
selbst viel Handgeschick, und einige Arbeiter, die noch am Hausbau
beschäftigt waren, wollte man gern so lange beibehalten, bis auch
dieses fromme Werk vollendet wäre.
Man war nunmehr in dem Falle, das Gebäude selbst mit allen Umgebungen
und Angebäuden zu untersuchen, und da zeigte sich zum größten Erstaunen
und Vergnügen des Architekten eine wenig bemerkte kleine Seitenkapelle
von noch geistreichern und leichtern Maßen, von noch gefälligern und
fleißigern Zierarten. Sie enthielt zugleich manchen geschnitzten und
gemalten Rest jenes älteren Gottesdienstes, der mit mancherlei Gebild
und Gerätschaft die verschiedenen Feste zu bezeichnen und jedes auf
seine eigne Weise zu feiern wußte.
Der Architekt konnte nicht unterlassen, die Kapelle sogleich in seinen
Plan mit hereinzuziehen und besonders diesen engen Raum als ein Denkmal
voriger Zeiten und ihres Geschmacks wiederherzustellen. Er hatte sich
die leeren Flächen nach seiner Neigung schon verziert gedacht und
freute sich, dabei sein malerisches Talent zu üben; allein er machte
seinen Hausgenossen fürs erste ein Geheimnis davon.
Vor allem andern zeigte er versprochenermaßen den Frauen die
verschiedenen Nachbildungen und Entwürfe von alten Grabmonumenten,
Gefäßen und andern dahin sich nähernden Dingen, und als man im Gespräch
auf die einfachern Grabhügel, der nordischen Völker zu reden kam,
brachte er seine Sammlung von mancherlei Waffen und Gerätschaften, die
darin gefunden worden, zur Ansicht. Er hatte alles sehr reinlich und
tragbar in Schubladen und Fächern auf eingeschnittenen, mit Tuch
überzogenen Brettern, sodaß diese alten, ernsten Dinge durch seine
Behandlung etwas Putzhaftes annahmen und man mit Vergnügen darauf wie
auf die Kästchen eines Modehändlers hinblickte. Und da er einmal im
Vorzeigen war, da die Einsamkeit eine Unterhaltung forderte, so pflegte
er jeden Abend mit einem Teil seiner Schätze hervorzutreten. Sie waren
meistenteils deutschen Ursprungs: Brakteaten, Dickmünzen, Siegel und
was sonst sich noch anschließen mag. Alle diese Dinge richteten die
Einbildungskraft gegen die ältere Zeit hin, und da er zuletzt mit den
Anfängen des Drucks, Holzschnitten und den ältesten Kupfern seine
Unterhaltung zierte und die Kirche täglich auch, jenem Sinne gemäß, an
Farbe und sonstiger Auszierung gleichsam der Vergangenheit
entgegenwuchs, so mußte man sich beinahe selbst fragen, ob man denn
wirklich in der neueren Zeit lebe, ob es nicht ein Traum sei, daß man
nunmehr in ganz andern Sitten, Gewohnheiten, Lebensweisen und
Überzeugungen verweile.
Auf solche Art vorbereitet, tat ein größeres Portefeuille, das er
zuletzt herbeibrachte, die beste Wirkung. Es enthielt zwar meist nur
umrissene Figuren, die aber, weil sie auf die Bilder selbst
durchgezeichnet waren, ihren altertümlichen Charakter vollkommen
erhalten hatten, und diesen, wie einnehmend fanden ihn die
Beschauenden! Aus allen Gestalten blickte nur das reinste Dasein
hervor; alle mußte man, wo nicht für edel, doch für gut ansprechen.
Heitere Sammlung, willige Anerkennung eines Ehrwürdigen über uns,
stille Hingebung in Liebe und Erwartung war auf allen Gesichtern, in
allen Gebärden ausgedrückt. Der Greis mit dem kahlen Scheitel, der
reichlockige Knabe, der muntere Jüngling, der ernste Mann, der
verklärte Heilige, der schwebende Engel, alle schienen selig in einem
unschuldigen Genügen, in einem frommen Erwarten. Das Gemeinste, was
geschah, hatte einen Zug von himmlischem Leben, und eine
gottesdienstliche Handlung schien ganz jeder Natur angemessen.
Nach einer solchen Region blicken wohl die meisten wie nach einem
verschwundenen goldenen Zeitalter, nach einem verlorenen Paradiese hin.
Nur vielleicht Ottilie war in dem Fall, sich unter ihresgleichen zu
fühlen.
Wer hätte nun widerstehen können, als der Architekt sich erbot, nach
dem Anlaß dieser Urbilder die Räume zwischen den Spitzbogen der Kapelle
auszumalen und dadurch sein Andenken entschieden an einem Orte zu
stiften, wo es ihm so gut gegangen war. Er erklärte sich hierüber mit
einiger Wehmut; denn er konnte nach der Lage der Sache wohl einsehen,
daß sein Aufenthalt in so vollkommener Gesellschaft nicht immer dauern
könne, ja vielleicht bald abgebrochen werden müsse.
Übrigens waren diese Tage zwar nicht reich an Begebenheiten, doch
voller Anlässe zu ernsthafter Unterhaltung. Wir nehmen daher
Gelegenheit, von demjenigen, was Ottilie sich daraus in ihren Heften
angemerkt, einiges mitzuteilen, wozu wir keinen schicklichern Übergang
finden als durch ein Gleichnis, das sich uns beim Betrachten ihrer
liebenswürdigen Blätter aufdringt.
Wir hören von einer besondern Einrichtung bei der englischen Marine.
Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte, vom stärksten bis zum
schwächsten, sind dergestalt gesponnen, daß ein roter Faden durch das
Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles
aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind, daß sie
der Krone gehören.
Ebenso zieht sich durch Ottiliens Tagebuch ein Faden der Neigung und
Anhänglichkeit, der alles verbindet und das Ganze bezeichnet. Dadurch
werden diese Bemerkungen, Betrachtungen, ausgezogenen Sinnsprüche und
was sonst vorkommen mag, der Schreibenden ganz besonders eigen und für
sie von Bedeutung. Selbst jede einzelne von uns ausgewählte und
mitgeteilte Stelle gibt davon das entschiedenste Zeugnis.