Im gemeinen Leben begegnet uns oft, was wir in der Epopöe als
Kunstgriff des Dichters zu rühmen pflegen, daß nämlich, wenn die
Hauptfiguren sich entfernen, verbergen, sich der Untätigkeit hingeben,
gleich sodann schon ein Zweiter, Dritter, bisher kaum Bemerkter den
Platz füllt und, indem er seine ganze Tätigkeit äußert, uns gleichfalls
der Aufmerksamkeit, der Teilnahme, ja des Lobes und Preises würdig
erscheint.
So zeigte sich gleich nach der Entfernung des Hauptmanns und Eduards
jener Architekt täglich bedeutender, von welchem die Anordnung und
Ausführung so manches Unternehmens allein abhing, wobei er sich genau,
verständig und tätig erwies und zugleich den Damen auf mancherlei Art
beistand und in stillen, langwierigen Stunden sie zu unterhalten wußte.
Schon sein äußeres war von der Art, daß es Zutrauen einflößte und
Neigung erweckte. Ein Jüngling im vollen Sinne des Wortes, wohlgebaut,
schlank, eher ein wenig zu groß, bescheiden ohne ängstlich, zutraulich
ohne zudringend zu sein. Freudig übernahm er jede Sorge und Bemühung,
und weil er mit großer Leichtigkeit rechnete, so war ihm bald das ganze
Hauswesen kein Geheimnis, und überallhin verbreitete sich sein
günstiger Einfluß. Die Fremden ließ man ihn gewöhnlich empfangen, und
er wußte einen unerwarteten Besuch entweder abzulehnen oder die Frauen
wenigstens dergestalt darauf vorzubereiten, daß ihnen keine
Unbequemlichkeit daraus entsprang.
Unter andern gab ihm eines Tages ein junger Rechtsgelehrter viel zu
schaffen, der, von einem benachbarten Edelmann gesendet, eine Sache zur
Sprache brachte, die, zwar von keiner sonderlichen Bedeutung,
Charlotten dennoch innig berührte. Wir müssen dieses Vorfalls gedenken,
weil er verschiedenen Dingen einen Anstoß gab, die sonst vielleicht
lange geruht hätten.
Wir erinnern uns jener Veränderung, welche Charlotte mit dem Kirchhofe
vorgenommen hatte. Die sämtlichen Monumente waren von ihrer Stelle
gerückt und hatten an der Mauer, an dem Sockel der Kirche Platz
gefunden. Der übrige Raum war geebnet. Außer einem breiten Wege, der
zur Kirche und an derselben vorbei zu dem jenseitigen Pförtchen führte,
war das Übrige alles mit verschiedenen Arten Klee besäet, der auf das
schönste grünte und blühte. Nach einer gewissen Ordnung sollten vom
Ende heran die neuen Gräber bestellt, doch der Platz jederzeit wieder
verglichen und ebenfalls besäet werden. Niemand konnte leugnen, daß
diese Anstalt beim sonn- und festtätigen Kirchgang eine heitere und
würdige Ansicht gewährte. Sogar der betagte und an alten Gewohnheiten
haftende Geistliche, der anfänglich mit der Einrichtung nicht
sonderlich zufrieden gewesen, hatte nunmehr seine Freude daran, wenn er
unter den alten Linden, gleich Philemon, mit seiner Baucis vor der
Hintertüre ruhend, statt der holprigen Grabstätten einen schönen,
bunten Teppich vor sich sah, der noch überdies seinem Haushalt zugute
kommen sollte, indem Charlotte die Nutzung dieses Fleckes der Pfarre
zusichern lassen.
Allein desungeachtet hatten schon manche Gemeindeglieder früher
gemißbilligt, daß man die Bezeichnung der Stelle, wo ihre Vorfahren
ruhten, aufgehoben und das Andenken dadurch gleichsam ausgelöscht; denn
die wohlerhaltenden Monumente zeigen zwar an, wer begraben sei, aber
nicht, wo er begraben sei, und auf das Wo komme es eigentlich an, wie
viele behaupteten.
Von eben solcher Gesinnung war eine benachbarte Familie, die sich und
den Ihrigen einen Raum auf dieser allgemeinen Ruhestätte vor mehreren
Jahren ausbedungen und dafür der Kirche eine kleine Stiftung zugewendet
hatte. Nun war der junge Rechtsgelehrte abgesendet, um die Stiftung zu
widerrufen und anzuzeigen, daß man nicht weiterzahlen werde, weil die
Bedingung, unter welcher dieses bisher geschehen, einseitig aufgehoben
und auf alle Vorstellungen und Widerreden nicht geachtet worden.
Charlotte, die Urheberin dieser Veränderung, wollte den jungen Mann
selbst sprechen, der zwar lebhaft, aber nicht allzu vorlaut seine und
seines Prinzipals Gründe darlegte und der Gesellschaft manches zu
denken gab.
„Sie sehen“, sprach er nach einem kurzen Eingang, in welchem er seine
Zudringlichkeit zu rechtfertigen wußte, „Sie sehen, daß dem Geringsten
wie dem Höchsten daran gelegen ist, den Ort zu bezeichnen, der die
Seinigen aufbewahrt. Dem ärmsten Landmann, der ein Kind begräbt, ist es
eine Art von Trost, ein schwaches hölzernes Kreuz auf das Grab zu
stellen, es mit einem Kranze zu zieren, um wenigstens das Andenken so
lange zu erhalten, als der Schmerz währt, wenn auch ein solches
Merkzeichen, wie die Trauer selbst, durch die Zeit aufgehoben wird.
Wohlhabende verwandeln diese Kreuze in eiserne, befestigen und schützen
sie auf mancherlei Weise, und hier ist schon Dauer für mehrere Jahre.
Doch weil auch diese endlich sinken und unscheinbar werden, so haben
Begüterte nichts Angelegeneres, als einen Stein aufzurichten, der für
mehrere Generationen zu dauern verspricht und von den Nachkommen erneut
und aufgefrischt werden kann. Aber dieser Stein ist es nicht, der uns
anzieht, sondern das darunter Enthaltene, das daneben der Erde
Vertraute. Es ist nicht sowohl vom Andenken die Rede als von der Person
selbst, nicht von der Erinnerung, sondern von der Gegenwart. Ein
geliebtes Abgeschiedenes umarme ich weit eher und inniger im Grabhügel
als im Denkmal, denn dieses ist für sich eigentlich nur wenig; aber um
dasselbe her sollen sich wie um einen Markstein Gatten, Verwandte,
Freunde selbst nach ihrem Hinscheiden noch versammeln, und der Lebende
soll das Recht behalten, Fremde und Mißwollende auch von der Seite
seiner geliebten Ruhenden abzuweisen und zu entfernen.
Ich halte deswegen dafür, daß mein Prinzipal völlig recht habe, die
Stiftung zurückzunehmen; und dies ist noch billig genug, denn die
Glieder der Familie sind auf eine Weise verletzt, wofür gar kein Ersatz
zu denken ist. Sie sollen das schmerzlich süße Gefühl entbehren, ihren
Geliebten ein Totenopfer zu bringen, die tröstliche Hoffnung, dereinst
unmittelbar neben ihnen zu ruhen“.
„Die Sache ist nicht von der Bedeutung“, versetzte Charlotte, „daß man
sich deshalb durch einen Rechtshandel beunruhigen sollte. Meine Anstalt
reut mich so wenig, daß ich die Kirche gern wegen dessen, was ihr
entgeht, entschädigen will. Nur muß ich Ihnen aufrichtig gestehen: Ihre
Argumente haben mich nicht überzeugt. Das reine Gefühl einer endlichen
allgemeinen Gleichheit, wenigstens nach dem Tode, scheint mir
beruhigender als dieses eigensinnige, starre Fortsetzen unserer
Persönlichkeiten, Anhänglichkeiten und Lebensverhältnisse.—Und was
sagen Sie hierzu?“ richtete sie ihre Frage an den Architekten.
„Ich möchte“, versetzte dieser, „in einer solchen Sache weder streiten
noch den Ausschlag geben. Lassen Sie mich das, was meiner Kunst, meiner
Denkweise am nächsten liegt, bescheidentlich äußern. Seitdem wir nicht
mehr so glücklich sind, die Reste eines geliebten Gegenstandes
eingeurnt an unsere Brust zu drücken, da wir weder reich noch heiter
genug sind, sie unversehrt in großen, wohlausgezierten Sarkophagen zu
verwahren, ja da wir nicht einmal in den Kirchen mehr Platz für uns und
für die Unsrigen finden, sondern hinaus ins Freie gewiesen sind, so
haben wir alle Ursache, die Art und Weise, die Sie, meine gnädige Frau,
eingeleitet haben, zu billigen. Wenn die Glieder einer Gemeinde
reihenweise nebeneinander liegen, so ruhen sie bei und unter den
Ihrigen; und wenn die Erde uns einmal aufnehmen soll, so finde ich
nichts natürlicher und reinlicher, als daß man die zufällig
entstandenen, nach und nach zusammensinkenden Hügel ungesäumt
vergleiche und so die Decke, indem alle sie tragen, einem jeden
leichter gemacht werde“.
„Und ohne irgendein Zeichen des Andenkens, ohne irgend etwas, das der
Erinnerung entgegenkäme, sollte das alles so vorübergehen?“ versetzte
Ottilie.
„Keineswegs!“ fuhr der Architekt fort; „nicht vom Andenken, nur vom
Platze soll man sich lossagen. Der Baukünstler, der Bildhauer sind
höchlich interessiert, daß der Mensch von ihnen, von ihrer Kunst, von
ihrer Hand eine Dauer seines Daseins erwarte; und deswegen wünschte ich
gut gedachte, gut ausgeführte Monumente, nicht einzeln und zufällig
ausgesäet, sondern an einem Orte aufgestellt, wo sie sich Dauer
versprechen können. Da selbst die Frommen und Hohen auf das Vorrecht
Verzicht tun, in den Kirchen persönlich zu ruhen, so stelle man
wenigstens dort oder in schönen Hallen um die Begräbnisplätze
Denkzeichen, Denkschriften auf. Es gibt tausenderlei Formen, die man
ihnen vorschreiben, tausenderlei Zieraten, womit man sie ausschmücken
kann“.
„Wenn die Künstler so reich sind“, versetzte Charlotte, „so sagen Sie
mir doch: wie kann man sich niemals aus der Form eines kleinlichen
Obelisken, einer abgestutzten Säule und eines Aschenkrugs herausfinden?
Anstatt der tausend Erfindungen, deren Sie sich rühmen, habe ich immer
nur tausend Wiederholungen gesehen“.
„Das ist wohl bei uns so“, entgegnete ihr der Architekt, „aber nicht
überall. Und überhaupt mag es mit der Erfindung und der schicklichen
Anwendung eine eigne Sache sein. Besonders hat es in diesem Falle
manche Schwierigkeit, einen ernsten Gegenstand zu erheitern und bei
einem unerfreulichen nicht ins Unerfreuliche zu geraten. Was Entwürfe
zu Monumenten aller Art betrifft, deren habe ich viele gesammelt und
zeige sie gelegentlich; doch bleibt immer das schönste Denkmal des
Menschen eigenes Bildnis. Dieses gibt mehr als irgend etwas anders
einen Begriff von dem, was er war; es ist der beste Text zu vielen oder
wenigen Noten; nur müßte es aber auch in seiner besten Zeit gemacht
sein, welches gewöhnlich versäumt wird. Niemand denkt daran, lebende
Formen zu erhalten, und wenn es geschieht, so geschieht es auf
unzulängliche Weise. Da wird ein Toter geschwind noch abgegossen und
eine solche Maske auf einen Block gesetzt, und das heißt man eine
Büste. Wie selten ist der Künstler imstande, sie völlig
wiederzubeleben!“
„Sie haben, ohne es vielleicht zu wissen ud zu wollen“, versetzte
Charlotte, „dies Gespräch ganz zu meinen Gunsten gelenkt. Das Bild
eines Menschen ist doch wohl unabhängig; überall, wo es steht, steht es
für sich, und wir werden von ihm nicht verlangen, daß es die
eigentliche Grabstätte bezeichne. Aber soll ich Ihnen eine wunderliche
Empfindung bekennen? Selbst gegen die Bildnisse habe ich eine Art von
Abneigung; denn sie scheinen mir immer einen stillen Vorwurf zu machen;
sie deuten auf etwas Entferntes, Abgeschiedenes und erinnern mich, wie
schwer es sei, die Gegenwart recht zu ehren. Gedenkt man, wieviel
Menschen man gesehen, gekannt, und gesteht sich, wie wenig wir ihnen,
wie wenig sie uns gewesen, wie wird uns da zumute! Wir begegnen dem
Geistreichen, ohne uns mit ihm zu unterhalten, dem Gelehrten, ohne von
ihm zu lernen, dem Gereisten, ohne uns zu unterrichten, dem
Liebevollen, ohne ihm etwas Angenehmes zu erzeigen.
Und leider ereignet sich dies nicht bloß mit den Vorübergehenden.
Gesellschaften und Familien betragen sich so gegen ihre liebsten
Glieder, Städte gegen ihre würdigsten Bürger, Völker gegen ihre
trefflichsten Fürsten, Nationen gegen ihre vorzüglichsten Menschen.
Ich hörte fragen, warum man von den Toten so unbewunden Gutes sage, von
den Lebenden immer mit einer gewissen Vorsicht. Es wurde geantwortet:
weil wir von jenen nichts zu befürchten haben und diese uns noch
irgendwo in den Weg kommen könnten. So unrein ist die Sorge für das
Andenken der andern; es ist meist nur ein selbstischer Scherz, wenn es
dagegen ein heiliger Ernst wäre, seine Verhältnisse gegen die
Überbliebenen immer lebendig und tätig zu erhalten“.