Siebzehntes Kapitel

Ottilie trat ans Fenster, als sie jemanden wegreiten hörte, und sah

Eduarden noch im Rücken. Es kam ihr wunderbar vor, daß er das Haus

verließ, ohne sie gesehen, ohne ihr einen Morgengruß geboten zu haben.

Sie ward unruhig und immer nachdenklicher, als Charlotte sie auf einen

weiten Spaziergang mit sich zog und von mancherlei Gegenständen sprach,

aber des Gemahls, und wie es schien vorsätzlich, nicht erwähnte.

Doppelt betroffen war sie daher, bei ihrer Zurückkunft den Tisch nur

mit zwei Gedecken besetzt zu finden.

Wir vermissen ungern gering scheinende Gewohnheiten, aber schmerzlich

empfinden wir erst ein solches Entbehren in bedeutenden Fällen. Eduard

und der Hauptmann fehlten, Charlotte hatte seit langer Zeit zum

erstenmal den Tisch selbst angeordnet, und es wollte Ottilien scheinen,

als wenn sie abgesetzt wäre. Die beiden Frauen saßen gegeneinander

über; Charlotte sprach ganz unbefangen von der Anstellung des

Hauptmanns und von der wenigen Hoffnung, ihn bald wiederzusehen. Das

einzige tröstete Ottilien in ihrer Lage, daß sie glauben konnte, Eduard

sei, um den Freund noch eine Strecke zu begleiten, ihm nachgeritten.

Allein da sie von Tische aufstanden, sahen sie Eduards Reisewagen unter

dem Fenster, und als Charlotte einigermaßen unwillig fragte, wer ihn

hieher bestellt habe, so antwortete man ihr, es sei der Kammerdiener,

der hier noch einiges aufpacken wolle. Ottilie brauchte ihre ganze

Fassung, um ihre Verwunderung und ihren Schmerz zu verbergen.

Der Kammerdiener trat herein und verlangte noch einiges. Es war eine

Mundtasse des Herrn, ein paar silberne Löffel und mancherlei, was

Ottilien auf eine weitere Reise, auf ein längeres Außenbleiben zu

deuten schien. Charlotte verwies ihm sein Begehren ganz trocken: sie

verstehe nicht, was er damit sagen wolle; denn er habe ja alles, was

sich auf den Herrn beziehe, selbst im Beschluß. Der gewandte Mann, dem

es freilich nur darum zu tun war, Ottilien zu sprechen und sie deswegen

unter irgendeinem Vorwande aus dem Zimmer zu locken, wußte sich zu

entschuldigen und auf seinem Verlangen zu beharren, das ihm Ottilie

auch zu gewähren wünschte; allein Charlotte lehnte es ab, der

Kammerdiener mußte sich entfernen, und der Wagen rollte fort.

Es war für Ottilien ein schrecklicher Augenblick. Sie verstand es

nicht, sie begriff es nicht; aber daß ihr Eduard auf geraume Zeit

entrissen war, konnte sie fühlen. Charlotte fühlte den Zustand mit und

ließ sie allein. Wir wagen nicht, ihren Schmerz, ihre Tränen zu

schildern. Sie litt unendlich. Sie bat nur Gott, daß er ihr nur über

diesen Tag weghelfen möchte; sie überstand den Tag und die Nacht, und

als sie sich wiedergefunden, glaubte sie, ein anderes Wesen

anzutreffen.

Sie hatte sich nicht gefaßt, sich nicht ergeben, aber sie war nach so

großem Verluste noch da und hatte noch mehr zu befürchten. Ihre nächste

Sorge, nachdem das Bewußtsein wiedergekehrt, war sogleich, sie möchte

nun, nach Entfernung der Männer, gleichfalls entfernt werden. Sie ahnte

nichts von Eduards Drohungen, wodurch ihr der Aufenthalt neben

Charlotten gesichert war; doch diente ihr das Betragen Charlottens zu

einiger Beruhigung. Diese suchte das gute Kind zu beschäftigen und ließ

sie nur selten, nur ungern von sich; und ob sie gleich wohl wußte, daß

man mit Worten nicht viel gegen eine entschiedene Leidenschaft zu

wirken vermag, so kannte sie doch die Macht der Besonnenheit, des

Bewußtseins, und brachte daher manches zwischen sich und Ottilien zur

Sprache.

So war es für diese ein großer Trost, als jene gelegentlich mit Bedacht

und Vorsatz die weise Betrachtung anstellte: „wie lebhaft ist“, sagte

sie, „die Dankbarkeit derjenigen, denen wir mit Ruhe über

leidenschaftliche Verlegenheiten hinaushelfen! Laß uns freudig und

munter in das eingreifen, was die Männer unvollendet zurückgelassen

haben; so bereiten wir uns die schönste Aussicht auf ihre Rückkehr,

indem wir das, was ihr stürmendes, ungeduldiges Wesen zerstören möchte,

durch unsre Mäßigung erhalten und fördern“.

„Da Sie von Mäßigung sprechen, liebe Tante“, versetzte Ottilie, „so

kann ich nicht bergen, daß mir dabei die Unmäßigkeit der Männer,

besonders was den Wein betrifft, einfällt. Wie oft hat es mich betrübt

und geängstigt, wenn ich bemerken mußte, daß reiner Verstand, Klugheit,

Schonung anderer, Anmut und Liebenswürdigkeit selbst für mehrere

Stunden verlorengingen und oft statt alles des Guten, was ein

trefflicher Mann hervorzubringen und zu gewähren vermag, Unheil und

Verwirrung hereinzubrechen drohte! Wie oft mögen dadurch gewaltsame

Entschließungen veranlaßt werden!“

Charlotte gab ihr recht, doch setzte sie das Gespräch nicht fort; denn

sie fühlte nur zu wohl, daß auch hier Ottilie bloß Eduarden wieder im

Sinne hatte, der zwar nicht gewöhnlich, aber doch öfter, als es

wünschenswert war, sein Vergnügen, seine Gesprächigkeit, seine

Tätigkeit durch einen gelegentlichen Weingenuß zu steigern pflegte.

Hatte bei jener Äußerung Charlottens sich Ottilie die Männer, besonders

Eduarden, wieder herandenken können, so war es ihr um desto

auffallender, als Charlotte von einer bevorstehenden Heirat des

Hauptmanns wie von einer ganz bekannten und gewissen Sache sprach,

wodurch denn alles ein andres Ansehn gewann, als sie nach Eduards

frühern Versicherungen sich vorstellen mochte. Durch alles dies

vermehrte sich die Aufmerksamkeit Ottiliens auf jede Äußerung, jeden

Wink, jede Handlung, jeden Schritt Charlottens. Ottilie war klug,

scharfsinnig, argwöhnisch geworden, ohne es zu wissen.

Charlotte durchdrang indessen das einzelne ihrer ganzen Umgebung mit

scharfem Blick und wirkte darin mit ihrer klaren Gewandtheit, wobei sie

Ottilien beständig teilzunehmen nötigte. Sie zog ihren Haushalt ohne

Bänglichkeit ins Enge; ja, wenn sie alles genau betrachtete, so hielt

sie den leidenschaftlichen Vorfall für eine Art von glücklicher

Schickung. Denn auf den bisherigen Wege wäre man leicht ins Grenzenlose

geraten und hätte den schönen Zustand reichlicher Glücksgüter, ohne

sich zeitig genug zu besinnen, durch ein vordringliches Leben und

Treiben, wo nicht zerstört, doch erschüttert.

Was von Parkanlagen im Gange war, störte sie nicht. Sie ließ vielmehr

dasjenige fortsetzen, was zum Grunde künftiger Ausbildung liegen mußte;

aber dabei hatte es auch sein Bewenden. Ihr zurückkehrender Gemahl

sollte noch genug erfreuliche Beschäftigung finden.

Bei diesen Arbeiten und Vorsätzen konnte sie nicht genug das Verfahren

des Architekten loben. Der See lag in kurzer Zeit ausgebreitet vor

ihren Augen und die neuentstandenen Ufer zierlich und mannigfaltig

bepflanzt und beraset. An dem neuen Hause ward alle rauhe Arbeit

vollbracht, was zur Erhaltung nötig war, besorgt, und dann machte sie

einen Abschluß da, wo man mit Vergnügen wieder von vorn anfangen

konnte. Dabei war sie ruhig und heiter; Ottilie schien es nur; denn in

allem beobachtete sie nichts als Symptome, ob Eduard wohl bald erwartet

werde oder nicht. Nichts interessierte sie an allem als diese

Betrachtung.

Willkommen war ihr daher eine Anstalt, zu der man die Bauerknaben

versammelte und die darauf abzielte, den weitläufig gewordenen Park

immer rein zu erhalten. Eduard hatte schon den Gedanken gehegt. Man

ließ den Knaben eine Art von heiterer Montierung machen, die sie in den

Abendstunden anzogen, nachdem sie sich durchaus gereinigt und gesäubert

hatten. Die Garderobe war im Schloß; dem verständigsten, genausten

Knaben vertraute man die Aufsicht an; der Architekt leitete das Ganze,

und ehe man sichs versah, so hatten die Knaben alle ein gewisses

Geschick. Man fand an ihnen eine bequeme Dressur, und sie verrichteten

ihr Geschäft nicht ohne eine Art von Manöver. Gewiß, wenn sie mit ihren

Scharreisen, gestielten Messerklingen, Rechen, kleinen Spaten und

Hacken und wedelartigen Besen einherzogen, wenn andre mit Körben

hinterdrein kamen, um Unkraut und Steine beiseitezuschaffen, andre das

hohe, große, eiserne Walzenrad hinter sich herzogen, so gab es einen

hübschen, erfreulichen Aufzug, in welchem der Architekt eine artige

Folge von Stellungen und Tätigkeiten für den Fries eines Gartenhauses

sich anmerkte; Ottilie hingegen sah darin nur eine Art von Parade,

welche den rückkehrenden Hausherrn bald begrüßen sollte.

Dies gab ihr Mut und Lust, ihn mit etwas Ähnlichem zu empfangen. Man

hatte zeither die Mädchen des Dorfes im Nähen, Stricken, Spinnen und

andern weiblichen Arbeiten zu ermuntern gesucht. Auch diese Tugenden

hatten zugenommen seit jenen Anstalten zu Reinlichkeit und Schönheit

des Dorfes. Ottilie wirkte stets mit ein, aber mehr zufällig, nach

Gelegenheit und Neigung. Nun gedachte sie es vollständiger und

folgerechter zu machen. Aber aus einer Anzahl Mädchen läßt sich kein

Chor bilden wie aus einer Anzahl Knaben. Sie folgte ihrem guten Sinne,

und ohne sichs ganz deutlich zu machen, suchte sie nichts, als einem

jeden Mädchen Anhänglichkeit an sein Haus, seine Eltern und seine

Geschwister einzuflößen.

Das gelang ihr mit vielen. Nur über ein kleines, lebhaftes Mädchen

wurde immer geklagt, daß sie ohne Geschick sei und im Hause nun ein für

allemal nichts tun wolle. Ottilie konnte dem Mädchen nicht feind sein,

denn ihr war es besonders freundlich. Zu ihr zog es sich, mit ihr ging

und lief es, wenn sie es erlaubte. Da war es tätig, munter und

unermüdet. Die Anhänglichkeit an eine schöne Herrin schien dem Kinde

Bedürfnis zu sein. Anfänglich duldete Ottilie die Begleitung des

Kindes; dann faßte sie selbst Neigung zu ihm; endlich trennten sie sich

nicht mehr, und Nanny begleitete ihre Herrin überallhin.

Diese nahm öfters den Weg nach dem Garten und freute sich über das

schöne Gedeihen. Die Beeren- und Kirschenzeit ging zu Ende, deren

Spätlinge jedoch Nanny sich besonders schmecken ließ. Bei dem übrigen

Obste, das für den Herbst eine so reichliche Ernte versprach, gedachte

der Gärtner beständig des Herrn und niemals, ohne ihn herbeizuwünschen.

Ottilie hörte dem guten alten Manne so gern zu. Er verstand sein

Handwerk vollkommen und hörte nicht auf, ihr von Eduard vorzusprechen.

Als Ottilie sich freute, daß die Pfropfreiser dieses Frühjahrs alle so

gar schön gekommen, erwiderte der Gärtner bedenklich: „ich wünsche nur,

daß der gute Herr viel Freude daran erleben möge. Wäre er diesen Herbst

hier, so würde er sehen, was für köstliche Sorten noch von seinem Herrn

Vater her im alten Schloßgarten stehen. Die jetzigen Herren Obstgärtner

sind nicht so zuverlässig, als sonst die Kartäuser waren. In den

Katalogen findet man wohl lauter honette Namen. Man pfropft und erzieht

und endlich, wenn sie Fürchte tragen, so ist es nicht der Mühe wert,

daß solche Bäume im Garten stehen“.

Am wiederholtesten aber fragte der treue Diener, fast so oft er

Ottilien sah, nach der Rückkunft des Herrn und nach dem Termin

derselben. Und wenn Ottilie ihn nicht angeben konnte, so ließ ihr der

gute Mann nicht ohne stille Betrübnis merken, daß er glaube, sie

vertraue ihm nicht, und peinlich war ihr das Gefühl der Unwissenheit,

das ihr auf diese Weise recht aufgedrungen ward. Doch konnte sie sich

von diesen Rabatten und Beeten nicht trennen. Was sie zusammen zum Teil

gesäet, alles gepflanzt hatten, stand nur im völligen Flor; kaum

bedurfte es noch einer Pflege, außer daß Nanny immer zum Gießen bereit

war. Mit welchen Empfindungen betrachtete Ottilie die späteren Blumen,

die sich erst anzeigten, deren Glanz und Fülle dereinst an Eduards

Geburtstag, dessen Feier sie sich manchmal versprach, prangen, ihre

Neigung und Dankbarkeit ausdrücken sollten! Doch war die Hoffnung,

dieses Fest zu sehen, nicht immer gleich lebendig. Zweifel und Sorgen

umflüsterten stets die Seele des guten Mädchens.

Zu einer eigentlichen, offnen Übereinstimmung mit Charlotten konnte es

auch wohl nicht wieder gebracht werden. Denn freilich war der Zustand

beider Frauen sehr verschieden. Wenn alles beim alten blieb, wenn man

in das Gleis des gesetzmäßigen Lebens zurückkehrte, gewann Charlotte an

gegenwärtigem Glück, und eine frohe Aussicht in die Zukunft öffnete

sich ihr; Ottilie hingegen verlor alles, man kann wohl sagen alles;

denn sie hatte zuerst Leben und Freude in Eduard gefunden, und in dem

gegenwärtigen Zustande fühlte sie eine unendliche Leere, wovon sie

früher kaum etwas geahnet hatte. Denn ein Herz, das sucht, fühlt wohl,

daß ihm etwas mangle; ein Herz, das verloren hat, fühlt, daß es

entbehre. Sehnsucht verwandelt sich in Unmut und Ungeduld, und ein

weibliches Gemüt, zum Erwarten und Abwarten gewöhnt, möchte nun aus

seinem Kreise herausschreiten, tätig werden, unternehmen und auch etwas

für sein Glück tun.

Ottilie hatte Eduarden nicht entsagt. Wie konnte sie es auch, obgleich

Charlotte klug genug, gegen ihre eigne Überzeugung die Sache für

bekannt annahm und als entschieden voraussetzte, daß ein

freundschaftliches, ruhiges Verhältnis zwischen ihrem Gatten und

Ottilien möglich sei. Wie oft aber lag diese nachts, wenn sie sich

eingeschlossen, auf den Knieen vor dem eröffneten Koffer und

betrachtete die Geburtstagsgeschenke, von denen sie noch nichts

gebraucht, nichts zerschnitten, nichts gefertigt. Wie oft eilte das

gute Mädchen mit Sonnenaufgang aus dem Hause, in dem sie sonst alle

ihre Glückseligkeit gefunden hatte, ins Freie hinaus, in die Gegend,

die sie sonst nicht ansprach. Auch auf dem Boden mochte sie nicht

verweilen. Sie sprang in den Kahn und ruderte sich bis mitten in den

See; dann zog sie eine Reisebeschreibung hervor, ließ sich von den

bewegten Wellen schaukeln, las, träumte sich in die Fremde, und immer

fand sie dort ihren Freund; seinem Herzen war sie noch immer nahe

geblieben, er dem ihrigen.

Die Wahlverwandtschaften · 第 26 / 55 题