Ottilie trat ans Fenster, als sie jemanden wegreiten hörte, und sah
Eduarden noch im Rücken. Es kam ihr wunderbar vor, daß er das Haus
verließ, ohne sie gesehen, ohne ihr einen Morgengruß geboten zu haben.
Sie ward unruhig und immer nachdenklicher, als Charlotte sie auf einen
weiten Spaziergang mit sich zog und von mancherlei Gegenständen sprach,
aber des Gemahls, und wie es schien vorsätzlich, nicht erwähnte.
Doppelt betroffen war sie daher, bei ihrer Zurückkunft den Tisch nur
mit zwei Gedecken besetzt zu finden.
Wir vermissen ungern gering scheinende Gewohnheiten, aber schmerzlich
empfinden wir erst ein solches Entbehren in bedeutenden Fällen. Eduard
und der Hauptmann fehlten, Charlotte hatte seit langer Zeit zum
erstenmal den Tisch selbst angeordnet, und es wollte Ottilien scheinen,
als wenn sie abgesetzt wäre. Die beiden Frauen saßen gegeneinander
über; Charlotte sprach ganz unbefangen von der Anstellung des
Hauptmanns und von der wenigen Hoffnung, ihn bald wiederzusehen. Das
einzige tröstete Ottilien in ihrer Lage, daß sie glauben konnte, Eduard
sei, um den Freund noch eine Strecke zu begleiten, ihm nachgeritten.
Allein da sie von Tische aufstanden, sahen sie Eduards Reisewagen unter
dem Fenster, und als Charlotte einigermaßen unwillig fragte, wer ihn
hieher bestellt habe, so antwortete man ihr, es sei der Kammerdiener,
der hier noch einiges aufpacken wolle. Ottilie brauchte ihre ganze
Fassung, um ihre Verwunderung und ihren Schmerz zu verbergen.
Der Kammerdiener trat herein und verlangte noch einiges. Es war eine
Mundtasse des Herrn, ein paar silberne Löffel und mancherlei, was
Ottilien auf eine weitere Reise, auf ein längeres Außenbleiben zu
deuten schien. Charlotte verwies ihm sein Begehren ganz trocken: sie
verstehe nicht, was er damit sagen wolle; denn er habe ja alles, was
sich auf den Herrn beziehe, selbst im Beschluß. Der gewandte Mann, dem
es freilich nur darum zu tun war, Ottilien zu sprechen und sie deswegen
unter irgendeinem Vorwande aus dem Zimmer zu locken, wußte sich zu
entschuldigen und auf seinem Verlangen zu beharren, das ihm Ottilie
auch zu gewähren wünschte; allein Charlotte lehnte es ab, der
Kammerdiener mußte sich entfernen, und der Wagen rollte fort.
Es war für Ottilien ein schrecklicher Augenblick. Sie verstand es
nicht, sie begriff es nicht; aber daß ihr Eduard auf geraume Zeit
entrissen war, konnte sie fühlen. Charlotte fühlte den Zustand mit und
ließ sie allein. Wir wagen nicht, ihren Schmerz, ihre Tränen zu
schildern. Sie litt unendlich. Sie bat nur Gott, daß er ihr nur über
diesen Tag weghelfen möchte; sie überstand den Tag und die Nacht, und
als sie sich wiedergefunden, glaubte sie, ein anderes Wesen
anzutreffen.
Sie hatte sich nicht gefaßt, sich nicht ergeben, aber sie war nach so
großem Verluste noch da und hatte noch mehr zu befürchten. Ihre nächste
Sorge, nachdem das Bewußtsein wiedergekehrt, war sogleich, sie möchte
nun, nach Entfernung der Männer, gleichfalls entfernt werden. Sie ahnte
nichts von Eduards Drohungen, wodurch ihr der Aufenthalt neben
Charlotten gesichert war; doch diente ihr das Betragen Charlottens zu
einiger Beruhigung. Diese suchte das gute Kind zu beschäftigen und ließ
sie nur selten, nur ungern von sich; und ob sie gleich wohl wußte, daß
man mit Worten nicht viel gegen eine entschiedene Leidenschaft zu
wirken vermag, so kannte sie doch die Macht der Besonnenheit, des
Bewußtseins, und brachte daher manches zwischen sich und Ottilien zur
Sprache.
So war es für diese ein großer Trost, als jene gelegentlich mit Bedacht
und Vorsatz die weise Betrachtung anstellte: „wie lebhaft ist“, sagte
sie, „die Dankbarkeit derjenigen, denen wir mit Ruhe über
leidenschaftliche Verlegenheiten hinaushelfen! Laß uns freudig und
munter in das eingreifen, was die Männer unvollendet zurückgelassen
haben; so bereiten wir uns die schönste Aussicht auf ihre Rückkehr,
indem wir das, was ihr stürmendes, ungeduldiges Wesen zerstören möchte,
durch unsre Mäßigung erhalten und fördern“.
„Da Sie von Mäßigung sprechen, liebe Tante“, versetzte Ottilie, „so
kann ich nicht bergen, daß mir dabei die Unmäßigkeit der Männer,
besonders was den Wein betrifft, einfällt. Wie oft hat es mich betrübt
und geängstigt, wenn ich bemerken mußte, daß reiner Verstand, Klugheit,
Schonung anderer, Anmut und Liebenswürdigkeit selbst für mehrere
Stunden verlorengingen und oft statt alles des Guten, was ein
trefflicher Mann hervorzubringen und zu gewähren vermag, Unheil und
Verwirrung hereinzubrechen drohte! Wie oft mögen dadurch gewaltsame
Entschließungen veranlaßt werden!“
Charlotte gab ihr recht, doch setzte sie das Gespräch nicht fort; denn
sie fühlte nur zu wohl, daß auch hier Ottilie bloß Eduarden wieder im
Sinne hatte, der zwar nicht gewöhnlich, aber doch öfter, als es
wünschenswert war, sein Vergnügen, seine Gesprächigkeit, seine
Tätigkeit durch einen gelegentlichen Weingenuß zu steigern pflegte.
Hatte bei jener Äußerung Charlottens sich Ottilie die Männer, besonders
Eduarden, wieder herandenken können, so war es ihr um desto
auffallender, als Charlotte von einer bevorstehenden Heirat des
Hauptmanns wie von einer ganz bekannten und gewissen Sache sprach,
wodurch denn alles ein andres Ansehn gewann, als sie nach Eduards
frühern Versicherungen sich vorstellen mochte. Durch alles dies
vermehrte sich die Aufmerksamkeit Ottiliens auf jede Äußerung, jeden
Wink, jede Handlung, jeden Schritt Charlottens. Ottilie war klug,
scharfsinnig, argwöhnisch geworden, ohne es zu wissen.
Charlotte durchdrang indessen das einzelne ihrer ganzen Umgebung mit
scharfem Blick und wirkte darin mit ihrer klaren Gewandtheit, wobei sie
Ottilien beständig teilzunehmen nötigte. Sie zog ihren Haushalt ohne
Bänglichkeit ins Enge; ja, wenn sie alles genau betrachtete, so hielt
sie den leidenschaftlichen Vorfall für eine Art von glücklicher
Schickung. Denn auf den bisherigen Wege wäre man leicht ins Grenzenlose
geraten und hätte den schönen Zustand reichlicher Glücksgüter, ohne
sich zeitig genug zu besinnen, durch ein vordringliches Leben und
Treiben, wo nicht zerstört, doch erschüttert.
Was von Parkanlagen im Gange war, störte sie nicht. Sie ließ vielmehr
dasjenige fortsetzen, was zum Grunde künftiger Ausbildung liegen mußte;
aber dabei hatte es auch sein Bewenden. Ihr zurückkehrender Gemahl
sollte noch genug erfreuliche Beschäftigung finden.
Bei diesen Arbeiten und Vorsätzen konnte sie nicht genug das Verfahren
des Architekten loben. Der See lag in kurzer Zeit ausgebreitet vor
ihren Augen und die neuentstandenen Ufer zierlich und mannigfaltig
bepflanzt und beraset. An dem neuen Hause ward alle rauhe Arbeit
vollbracht, was zur Erhaltung nötig war, besorgt, und dann machte sie
einen Abschluß da, wo man mit Vergnügen wieder von vorn anfangen
konnte. Dabei war sie ruhig und heiter; Ottilie schien es nur; denn in
allem beobachtete sie nichts als Symptome, ob Eduard wohl bald erwartet
werde oder nicht. Nichts interessierte sie an allem als diese
Betrachtung.
Willkommen war ihr daher eine Anstalt, zu der man die Bauerknaben
versammelte und die darauf abzielte, den weitläufig gewordenen Park
immer rein zu erhalten. Eduard hatte schon den Gedanken gehegt. Man
ließ den Knaben eine Art von heiterer Montierung machen, die sie in den
Abendstunden anzogen, nachdem sie sich durchaus gereinigt und gesäubert
hatten. Die Garderobe war im Schloß; dem verständigsten, genausten
Knaben vertraute man die Aufsicht an; der Architekt leitete das Ganze,
und ehe man sichs versah, so hatten die Knaben alle ein gewisses
Geschick. Man fand an ihnen eine bequeme Dressur, und sie verrichteten
ihr Geschäft nicht ohne eine Art von Manöver. Gewiß, wenn sie mit ihren
Scharreisen, gestielten Messerklingen, Rechen, kleinen Spaten und
Hacken und wedelartigen Besen einherzogen, wenn andre mit Körben
hinterdrein kamen, um Unkraut und Steine beiseitezuschaffen, andre das
hohe, große, eiserne Walzenrad hinter sich herzogen, so gab es einen
hübschen, erfreulichen Aufzug, in welchem der Architekt eine artige
Folge von Stellungen und Tätigkeiten für den Fries eines Gartenhauses
sich anmerkte; Ottilie hingegen sah darin nur eine Art von Parade,
welche den rückkehrenden Hausherrn bald begrüßen sollte.
Dies gab ihr Mut und Lust, ihn mit etwas Ähnlichem zu empfangen. Man
hatte zeither die Mädchen des Dorfes im Nähen, Stricken, Spinnen und
andern weiblichen Arbeiten zu ermuntern gesucht. Auch diese Tugenden
hatten zugenommen seit jenen Anstalten zu Reinlichkeit und Schönheit
des Dorfes. Ottilie wirkte stets mit ein, aber mehr zufällig, nach
Gelegenheit und Neigung. Nun gedachte sie es vollständiger und
folgerechter zu machen. Aber aus einer Anzahl Mädchen läßt sich kein
Chor bilden wie aus einer Anzahl Knaben. Sie folgte ihrem guten Sinne,
und ohne sichs ganz deutlich zu machen, suchte sie nichts, als einem
jeden Mädchen Anhänglichkeit an sein Haus, seine Eltern und seine
Geschwister einzuflößen.
Das gelang ihr mit vielen. Nur über ein kleines, lebhaftes Mädchen
wurde immer geklagt, daß sie ohne Geschick sei und im Hause nun ein für
allemal nichts tun wolle. Ottilie konnte dem Mädchen nicht feind sein,
denn ihr war es besonders freundlich. Zu ihr zog es sich, mit ihr ging
und lief es, wenn sie es erlaubte. Da war es tätig, munter und
unermüdet. Die Anhänglichkeit an eine schöne Herrin schien dem Kinde
Bedürfnis zu sein. Anfänglich duldete Ottilie die Begleitung des
Kindes; dann faßte sie selbst Neigung zu ihm; endlich trennten sie sich
nicht mehr, und Nanny begleitete ihre Herrin überallhin.
Diese nahm öfters den Weg nach dem Garten und freute sich über das
schöne Gedeihen. Die Beeren- und Kirschenzeit ging zu Ende, deren
Spätlinge jedoch Nanny sich besonders schmecken ließ. Bei dem übrigen
Obste, das für den Herbst eine so reichliche Ernte versprach, gedachte
der Gärtner beständig des Herrn und niemals, ohne ihn herbeizuwünschen.
Ottilie hörte dem guten alten Manne so gern zu. Er verstand sein
Handwerk vollkommen und hörte nicht auf, ihr von Eduard vorzusprechen.
Als Ottilie sich freute, daß die Pfropfreiser dieses Frühjahrs alle so
gar schön gekommen, erwiderte der Gärtner bedenklich: „ich wünsche nur,
daß der gute Herr viel Freude daran erleben möge. Wäre er diesen Herbst
hier, so würde er sehen, was für köstliche Sorten noch von seinem Herrn
Vater her im alten Schloßgarten stehen. Die jetzigen Herren Obstgärtner
sind nicht so zuverlässig, als sonst die Kartäuser waren. In den
Katalogen findet man wohl lauter honette Namen. Man pfropft und erzieht
und endlich, wenn sie Fürchte tragen, so ist es nicht der Mühe wert,
daß solche Bäume im Garten stehen“.
Am wiederholtesten aber fragte der treue Diener, fast so oft er
Ottilien sah, nach der Rückkunft des Herrn und nach dem Termin
derselben. Und wenn Ottilie ihn nicht angeben konnte, so ließ ihr der
gute Mann nicht ohne stille Betrübnis merken, daß er glaube, sie
vertraue ihm nicht, und peinlich war ihr das Gefühl der Unwissenheit,
das ihr auf diese Weise recht aufgedrungen ward. Doch konnte sie sich
von diesen Rabatten und Beeten nicht trennen. Was sie zusammen zum Teil
gesäet, alles gepflanzt hatten, stand nur im völligen Flor; kaum
bedurfte es noch einer Pflege, außer daß Nanny immer zum Gießen bereit
war. Mit welchen Empfindungen betrachtete Ottilie die späteren Blumen,
die sich erst anzeigten, deren Glanz und Fülle dereinst an Eduards
Geburtstag, dessen Feier sie sich manchmal versprach, prangen, ihre
Neigung und Dankbarkeit ausdrücken sollten! Doch war die Hoffnung,
dieses Fest zu sehen, nicht immer gleich lebendig. Zweifel und Sorgen
umflüsterten stets die Seele des guten Mädchens.
Zu einer eigentlichen, offnen Übereinstimmung mit Charlotten konnte es
auch wohl nicht wieder gebracht werden. Denn freilich war der Zustand
beider Frauen sehr verschieden. Wenn alles beim alten blieb, wenn man
in das Gleis des gesetzmäßigen Lebens zurückkehrte, gewann Charlotte an
gegenwärtigem Glück, und eine frohe Aussicht in die Zukunft öffnete
sich ihr; Ottilie hingegen verlor alles, man kann wohl sagen alles;
denn sie hatte zuerst Leben und Freude in Eduard gefunden, und in dem
gegenwärtigen Zustande fühlte sie eine unendliche Leere, wovon sie
früher kaum etwas geahnet hatte. Denn ein Herz, das sucht, fühlt wohl,
daß ihm etwas mangle; ein Herz, das verloren hat, fühlt, daß es
entbehre. Sehnsucht verwandelt sich in Unmut und Ungeduld, und ein
weibliches Gemüt, zum Erwarten und Abwarten gewöhnt, möchte nun aus
seinem Kreise herausschreiten, tätig werden, unternehmen und auch etwas
für sein Glück tun.
Ottilie hatte Eduarden nicht entsagt. Wie konnte sie es auch, obgleich
Charlotte klug genug, gegen ihre eigne Überzeugung die Sache für
bekannt annahm und als entschieden voraussetzte, daß ein
freundschaftliches, ruhiges Verhältnis zwischen ihrem Gatten und
Ottilien möglich sei. Wie oft aber lag diese nachts, wenn sie sich
eingeschlossen, auf den Knieen vor dem eröffneten Koffer und
betrachtete die Geburtstagsgeschenke, von denen sie noch nichts
gebraucht, nichts zerschnitten, nichts gefertigt. Wie oft eilte das
gute Mädchen mit Sonnenaufgang aus dem Hause, in dem sie sonst alle
ihre Glückseligkeit gefunden hatte, ins Freie hinaus, in die Gegend,
die sie sonst nicht ansprach. Auch auf dem Boden mochte sie nicht
verweilen. Sie sprang in den Kahn und ruderte sich bis mitten in den
See; dann zog sie eine Reisebeschreibung hervor, ließ sich von den
bewegten Wellen schaukeln, las, träumte sich in die Fremde, und immer
fand sie dort ihren Freund; seinem Herzen war sie noch immer nahe
geblieben, er dem ihrigen.