Achtzehntes Kapitel

Daß jener wunderlich tätige Mann, den wir bereits kennengelernt, daß

Mittler, nachdem er von dem Unheil, das unter diesen Freunden

ausgebrochen, Nachricht erhalten, obgleich kein Teil noch seine Hülfe

angerufen, in diesem Falle seine Freundschaft, seine Geschicklichkeit

zu beweisen, zu üben geneigt war, läßt sich denken. Doch schien es ihm

rätlich, erst eine Weile zu zaudern; denn er wußte nur zu wohl, daß es

schwerer sei, gebildeten Menschen bei sittlichen Verworrenheiten zu

Hülfe zu kommen als ungebildeten. Er überließ sie deshalb eine Zeitlang

sich selbst; allein zuletzt konnte er es nicht mehr aushalten und

eilte, Eduarden aufzusuchen, dem er schon auf die Spur gekommen war.

Sein Weg führte ihn zu einem angenehmen Tal, dessen anmutig grünen,

baumreichen Wiesengrund die Wasserfülle eines immer lebendigen Baches

bald durchschlängelte, bald durchrauschte. Auf den sanften Anhöhen

zogen sich fruchtbare Felder und wohlbestandene Obstpflanzungen hin.

Die Dörfer lagen nicht zu nah aneinander, das Ganze hatte einen

friedlichen Charakter, und die einzelnen Partieen, wenn auch nicht zum

Malen, schienen doch zum Leben vorzüglich geeignet zu sein.

Ein wohlerhaltenes Vorwerk mit einem reinlichen, bescheidenen

Wohnhause, von Gärten umgeben, fiel ihm endlich in die Augen. Er

vermutete, hier sei Eduards gegenwärtiger Aufenthalt, und er irrte

nicht.

Von diesem einsamen Freunde können wir soviel sagen, daß er sich im

stillen dem Gefühl seiner Leidenschaft ganz überließ und dabei

mancherlei Plane sich ausdachte, mancherlei Hoffnungen nährte. Er

konnte sich nicht leugnen, daß er Ottilien hier zu sehen wünsche, daß

er wünsche, sie hieher zu führen, zu locken, und was er sich sonst noch

Erlaubtes und Unerlaubtes zu denken nicht verwehrte. Dann schwankte

seine Einbildungskraft in allen Möglichkeiten herum. Sollte er sie hier

nicht besitzen, nicht rechtmäßig besitzen können, so wollte er ihr den

Besitz des Gutes zueignen. Hier sollte sie still für sich, unabhängig

leben; sie sollte glücklich sein und, wenn ihn eine selbstquälerische

Einbildungskraft noch weiter führte, vielleicht mit einem andern

glücklich sein.

So verflossen ihm seine Tage in einem ewigen Schwanken zwischen

Hoffnung und Schmerz, zwischen Tränen und Heiterkeit, zwischen

Vorsätzen, Vorbereitungen und Verzweiflung. Der Anblick Mittlers

überraschte ihn nicht. Er hatte dessen Ankunft längst erwartet, und so

war er ihm auch halb willkommen. Glaubte er ihn von Charlotten

gesendet, so hatte er sich schon auf allerlei Entschuldigungen und

Verzögerungen und sodann auf entscheidendere Vorschläge bereitet;

hoffte er nun aber von Ottilien wieder etwas zu vernehmen, so war ihm

Mittler so lieb als ein himmlischer Bote.

Verdrießlich daher und verstimmt war Eduard, als er vernahm, Mittler

komme nicht von dorther, sondern aus eignem Antriebe. Sein Herz

verschloß sich, und das Gespräch wollte sich anfangs nicht einleiten.

Doch wußte Mittler nur zu gut, daß ein liebevoll beschäftigtes Gemüt

das dringende Bedürfnis hat, sich zu äußern, das, was in ihm vorgeht,

vor einem Freunde auszuschütten, und ließ sich daher gefallen, nach

einigem Hin- und Widerreden diesmal aus seiner Rolle herauszugehen und

statt des Vermittlers den Vertrauten zu spielen.

Als er hiernach auf eine freundliche Weise Eduarden wegen seines

einsamen Lebens tadelte, erwiderte dieser: „o, ich wüßte nicht, wie ich

meine Zeit angenehmer zubringen sollte! Immer bin ich mit ihr

beschäftigt, immer in ihrer Nähe. Ich habe den unschätzbaren Vorteil,

mir denken zu können, wo sich Ottilie befindet, wo sie geht, wo sie

steht, wo sie ausruht. Ich sehe sie vor mir tun und handeln wie

gewöhnlich, schaffen und vornehmen, freilich immer das, was mir am

meisten schmeichelt. Dabei bleibt es aber nicht; denn wie kann ich fern

von ihr glücklich sein! Nun arbeitet meine Phantasie durch, was Ottilie

tun sollte, sich mir zu nähern. Ich schreibe süße, zutrauliche Briefe

in ihrem Namen an mich, ich antworte ihr und verwahre die Blätter

zusammen. Ich habe versprochen, keinen Schritt gegen sie zu tun, und

das will ich halten. Aber was bindet sie, daß sie sich nicht zu mir

wendet? Hat etwa Charlotte die Grausamkeit gehabt, Versprechen und

Schwur von ihr zu fordern, daß sie mir nicht schreiben, keine Nachricht

von sich geben wolle? Es ist natürlich, es ist wahrscheinlich, und doch

finde ich es unerhört, unerträglich. Wenn sie mich liebt, wie ich

glaube, wie ich weiß, warum entschließt sie sich nicht, warum wagt sie

es nicht, zu fliehen und sich in meine Arme zu werfen? Sie sollte das,

denke ich manchmal, sie könnte das. Wenn sich etwas auf dem Vorsaale

regt, sehe ich gegen die Türe. Sie soll hereintreten! Denk ich, hoff

ich. Ach! Und da das Mögliche unmöglich ist, bilde ich mir ein, das

Unmögliche müsse möglich werden. Nachts, wenn ich aufwache, die Lampe

einen unsichern Schein durch das Schlafzimmer wirft, da sollte ihre

Gestalt, ihr Geist, eine Ahnung von ihr vorüberschweben, herantreten,

mich ergreifen, nur einen Augenblick, daß ich eine Art von Versicherung

hätte, sie denke mein, sie sei mein.

Eine einzige Freude bleibt mir noch. Da ich ihr nahe war, träumte ich

nie von ihr; jetzt aber, in der Ferne, sind wir im Traume zusammen, und

sonderbar genug: seit ich andre liebenswürdige Personen hier in der

Nachbarschaft kennengelernt, jetzt erst erscheint mir ihr Bild im

Traum, als wenn sie mir sagen wollte: ‘siehe nur hin und her! Du

findest doch nichts Schöneres und Lieberes als mich.’ Und so mischt

sich ihr Bild in jeden meiner Träume. Alles, was mir mit ihr begegnet,

schiebt sich durch- und übereinander. Bald unterschreiben wir einen

Kontrakt; da ist ihre Hand und die meinige, ihr Name und der meinige;

beide löschen einander aus, beide verschlingen sich. Auch nicht ohne

Schmerz sind diese wonnevollen Gaukeleien der Phantasie. Manchmal tut

sie etwas, das die reine Idee beleidigt, die ich von ihr habe, dann

fühl ich erst, wie sehr ich sie liebe, indem ich über alle Beschreibung

geängstet bin. Manchmal neckt sie mich ganz gegen ihre Art und quält

mich; aber sogleich verändert sich ihr Bild, ihr schönes, rundes,

himmlisches Gesichtchen verlängert sich: es ist eine andre. Aber ich

bin doch gequält, unbefriedigt und zerrüttet.

Lächeln Sie nicht, lieber Mittler, oder lächeln Sie auch! O ich schäme

mich nicht dieser Anhänglichkeit, dieser, wenn Sie wollen, törigen,

rasenden Neigung. Nein, ich habe noch nie geliebt; jetzt erfahre ich

erst, was das heißt. Bisher war alles in meinem Leben nur ein Vorspiel,

nur Hinhalten, nur Zeitvertreib, nur Zeitverderb, bis ich sie

kennenlernte, bis ich sie liebte und ganz und eigentlich liebte. Man

hat mir mir nicht gerade ins Gesicht, aber doch wohl im Rücken den

Vorwurf gemacht: ich pfusche, ich stümpere nur in den meisten Dingen.

Es mag sein; aber ich hatte das noch nicht gefunden, worin ich mich als

Meister zeigen kann. Ich will den sehen, der mich im Talent des Liebens

übertrifft.

Zwar ist es ein jammervolles, ein schmerzen-, ein tränenreiches; aber

ich finde es mir so natürlich, so eigen, daß ich es wohl schwerlich je

wieder aufgebe“.

Durch diese lebhaften, herzlichen Äußerungen hatte sich Eduard wohl

erleichtert; aber es war ihm auch auf einmal jeder einzelne Zug seines

wunderlichen Zustandes deutlich vor die Augen getreten, daß er, vom

schmerzlichen Widerstreit überwältigt, in Tränen ausbrach, die um so

reichlicher flossen, als sein Herz durch Mitteilung weich geworden war.

Mittler, der sein rasches Naturell, seinen unerbittlichen Verstand um

so weniger verleugnen konnte, als er sich durch diesen schmerzlichen

Ausbruch der Leidenschaft Eduards weit von dem Ziel seiner Reise

verschlagen sah, äußerte aufrichtig und derb seine Mibilligung.

Eduard—hieß es—solle sich ermannen, solle bedenken, was er seiner

Manneswürde schuldig sei, solle nicht vergessen, daß dem Menschen zur

höchsten Ehre gereiche, im Unglück sich zu fassen, den Schmerz mit

Gleichmut und Anstand zu ertragen, um höchlich geschätzt, verehrt und

als Muster aufgestellt zu werden.

Aufgeregt, durchdrungen von den peinlichsten Gefühlen, wie Eduard war,

mußten ihm diese Worte hohl und nichtig vorkommen. „Der Glückliche, der

Behagliche hat gut reden“, fuhr Eduard auf; „aber schämen würde er

sich, wenn er einsähe, wie unerträglich er dem Leidenden wird. Eine

unendliche Geduld soll es geben, einen unendlichen Schmerz will der

starre Behagliche nicht anerkennen. Es gibt Fälle, ja, es gibt deren!

Wo jeder Trost niederträchtig und Verzweiflung Pflicht ist. Verschmäht

doch ein edler Grieche, der auch Helden zu schildern weiß, keineswegs,

die seinigen bei schmerzlichem Drange weinen zu lassen. Selbst im

Sprüchwort sagt er: ‘tränenreiche Männer sind gut.’ Verlasse mich

jeder, der trocknen Herzens, trockner Augen ist! Ich verwünsche die

Glücklichen, denen der Unglückliche nur zum Spektakel dienen soll. Er

soll sich in der grausamsten Lage körperlicher und geistiger Bedrängnis

noch edel gebärden, um ihren Beifall zu erhalten, und, damit sie ihm

beim Verscheiden noch applaudieren, wie ein Gladiator mit Anstand vor

ihren Augen umkommen. Lieber Mittler, ich danke Ihnen für Ihren Besuch;

aber Sie erzeigten mir eine große Liebe, wenn Sie sich im Garten, in

der Gegend umsähen. Wir kommen wieder zusammen. Ich suche gefaßter und

Ihnen ähnlicher zu werden“.

Mittler mochte lieber einlenken als die Unterhaltung abbrechen, die er

so leicht nicht wieder anknüpfen konnte. Auch Eduarden war es ganz

gemäß, das Gespräch weiter fortzusetzen, das ohnehin zu seinem Ziele

abzulaufen strebte.

„Freilich“, sagte Eduard, „hilft das Hin- und Widerdenken, das Hin- und

Widerreden zu nichts; doch unter diesem Reden bin ich mich selbst erst

gewahr worden, habe ich erst entschieden gefühlt, wozu ich mich

entschließen sollte, wozu ich entschlossen bin. Ich sehe mein

gegenwärtiges, mein zukünftiges Leben vor mir; nur zwischen Elend und

Genuß habe ich zu wählen. Bewirken Sie, bester Mann, eine Scheidung,

die so notwendig, die schon geschehen ist; schaffen Sie mir Charlottens

Einwilligung! Ich will nicht weiter ausführen, warum ich glaube, daß

sie zu erlangen sein wird. Gehen Sie hin, lieber Mann, beruhigen Sie

uns alle, machen Sie uns glücklich!“

Mittler stockte. Eduard fuhr fort: „mein Schicksal und Ottiliens ist

nicht zu trennen, und wir werden nicht zugrunde gehen. Sehen Sie dieses

Glas! Unsere Namenszüge sind dareingeschnitten. Ein fröhlich Jubelnder

warf es in die Luft; niemand sollte mehr daraus trinken, auf dem

felsigen Boden sollte es zerschellen; aber es ward aufgefangen. Um

hohen Preis habe ich es wieder eingehandelt, und ich trinke nun täglich

daraus, um mich täglich zu überzeugen, daß alle Verhältnisse

unzerstörlich sind, die das Schicksal beschlossen hat“.

„O wehe mir“, rief Mittler, „was muß ich nicht mit meinen Freunden für

Geduld haben! Nun begegnet mir noch gar der Aberglaube, der mir als das

Schädlichste, was bei den Menschen einkehren kann, verhaßt bleibt. Wir

spielen mit Voraussagungen und Träumen und machen dadurch das

alltägliche Leben bedeutend. Aber wenn das Leben nun selbst bedeutend

wird, wenn alles um uns sich bewegt und braust, dann wird das Gewitter

durch jene Gespenster nur noch fürchterlicher“.

„Lassen Sie in dieser Ungewißheit des Lebens“, rief Eduard, „zwischen

diesem Hoffen und Bangen dem bedürftigen Herzen doch nur eine Art von

Leitstern, nach welchem es hinblicke, wenn es auch nicht darnach

steuern kann“.

„Ich ließe mirs wohl gefallen“, versetzte Mittler, „wenn dabei nur

einige Konsequenz zu hoffen wäre, aber ich habe immer gefunden: auf die

warnenden Symptome achtet kein Mensch, auf die schmeichelnden und

versprechenden allein ist die Aufmerksamkeit gerichtet und der Glaube

für sie ganz allein lebendig“.

Da sich nun Mittler sogar in die dunklen Regionen geführt sah, in denen

er sich immer unbehaglicher fühlte, je länger er darin verweilte, so

nahm er den dringenden Wunsch Eduards, der ihn zu Charlotten gehen

hieß, etwas williger auf. Denn was wollte er überhaupt Eduarden in

diesem Augenblicke noch entgegensetzen? Zeit zu gewinnen, zu

erforschen, wie es um die Frauen stehe, das war es, was ihm selbst nach

seinen eignen Gesinnungen zu tun übrigblieb.

Er eilte zu Charlotten, die er wie sonst gefaßt und heiter fand. Sie

unterrichtete ihn gern von allem, was vorgefallen war; denn aus Eduards

Reden konnte er nur die Wirkung abnehmen. Er trat von seiner Seite

behutsam heran, konnte es aber nicht über sich gewinnen, das Wort

Scheidung auch nur im Vorbeigehn auszusprechen. Wie verwundert,

erstaunt und, nach seiner Gesinnung, erheitert war er daher, als

Charlotte ihm in Gefolg so manches Unerfreulichen endlich sagte: „ich

muß glauben, ich muß hoffen, daß alles sich wieder geben, daß Eduard

sich wieder nähern werde. Wie kann es auch wohl anders sein, da Sie

mich guter Hoffnung finden“.

„Versteh ich Sie recht?“ fiel Mittler ein.

„Vollkommen“, versetzte Charlotte.

„Tausendmal gesegnet sei mir diese Nachricht!“ rief er, die Hände

zusammenschlagend. „Ich kenne die Stärke dieses Arguments auf ein

männliches Gemüt. Wie viele Heiraten sah ich dadurch beschleunigt,

befestigt, wiederhergestellt! Mehr als tausend Worte wirkt eine solche

gute Hoffnung, die fürwahr die beste Hoffnung ist, die wir haben

können. Doch“, fuhr er fort, „was mich betrifft, so hätte ich alle

Ursache, verdrießlich zu sein. In diesem Falle, sehe ich wohl, wird

meiner Eigenliebe nicht geschmeichelt. Bei euch kann meine Tätigkeit

keinen Dank verdienen. Ich komme mir vor wie jener Arzt, mein Freund,

dem alle Kuren gelangen, die er um Gottes willen an Armen tat, der aber

selten einen Reichen heilen konnte, der es gut bezahlen wollte.

Glücklicherweise hilft sich hier die Sache von selbst, da meine

Bemühungen, mein Zureden fruchtlos geblieben wären“.

Charlotte verlangte nun von ihm, er solle die Nachricht Eduarden

bringen, einen Brief von ihr mitnehmen und sehen, was zu tun, was

herzustellen sei. Er wollte das nicht eingehen. „Alles ist schon

getan“, rief er aus. „Schreiben Sie! Ein jeder Bote ist so gut als ich.

Muß ich doch meine Schritte hinwenden, wo ich nötiger bin. Ich komme

nur wieder, um Glück zu wünschen; ich komme zur Taufe“.

Charlotte war diesmal, wie schon öfters, über Mittlern unzufrieden.

Sein rasches Wesen brachte manches Gute hervor, aber seine Übereilung

war schuld an manchem Mißlingen. Niemand war abhängiger von

augenblicklich vorgefaßten Meinungen als er.

Charlottens Bote kam zu Eduarden, der ihn mit halbem Schrecken empfing.

Der Brief konnte ebensogut für Nein als für Ja entscheiden. Er wagte

lange nicht, ihn aufzubrechen, und wie stand er betroffen, als er das

Blatt gelesen, versteinert bei folgender Stelle, womit es sich endigte:

„Gedenke jener nächtlichen Stunden, in denen du deine Gattin

abenteuerlich als Liebender besuchtest, sie unwiderstehlich an dich

zogst, sie als eine Geliebte, als eine Braut in die Arme schlossest.

Laß uns in dieser seltsamen Zufälligkeit eine Fügung des Himmels

verehren, die für ein neues Band unserer Verhältnisse gesorgt hat in

dem Augenblick, da das Glück unseres Lebens auseinanderzufallen und zu

verschwinden droht“.

Was von dem Augenblick an in der Seele Eduards vorging, würde schwer zu

schildern sein. In einem solchen Gedränge treten zuletzt alte

Gewohnheiten, alte Neigungen wieder hervor, um die Zeit zu töten und

den Lebensraum auszufüllen. Jagd und Krieg sind eine solche für den

Edelmann immer bereite Aushülfe. Eduard sehnte sich nach äußerer

Gefahr, um der innerlichen das Gleichgewicht zu halten. Er sehnte sich

nach dem Untergang, weil ihm das Dasein unerträglich zu werden drohte;

ja es war ihm ein Trost zu denken, daß er nicht mehr sein werde und

eben dadurch seine Geliebten, seine Freunde glücklich machen könne.

Niemand stellte seinem Willen ein Hindernis entgegen, da er seinen

Entschluß verheimlichte. Mit allen Förmlichkeiten setzte er sein

Testament auf; es war ihm eine süße Empfindung, Ottilien das Gut

vermachen zu können. Für Charlotten, für das Ungeborne, für den

Hauptmann, für seine Dienerschaft war gesorgt. Der wieder ausgebrochene

Krieg begünstigte sein Vorhaben. Militärische Halbheiten hatten ihm in

seiner Jugend viel zu schaffen gemacht; er hatte deswegen den Dienst

verlassen. Nun war es ihm eine herrliche Empfindung, mit einem

Feldherrn zu ziehen, von dem er sich sagen konnte: unter seiner

Anführung ist der Tod wahrscheinlich und der Sieg gewiß.

Ottilie, nachdem auch ihr Charlottens Geheimnis bekannt geworden,

betroffen wie Eduard, und mehr, ging in sich zurück. Sie hatte nichts

weiter zu sagen. Hoffen konnte sie nicht, und wünschen durfte sie

nicht. Einen Blick jedoch in ihr Inneres gewährt uns ihr Tagebuch, aus

dem wir einiges mitzuteilen gedenken.

Die Wahlverwandtschaften · 第 27 / 55 题