Eduard an Charlotten

„Das Übel, meine Liebe, das uns befallen hat, mag heilbar sein oder

nicht, dies nur fühle ich: wenn ich im Augenblicke nicht verzweifeln

soll, so muß ich Aufschub finden für mich, für uns alle. Indem ich mich

aufopfre, kann ich fordern. Ich verlasse mein Haus und kehre nur unter

günstigern, ruhigern Aussichten zurück. Du sollst es indessen besitzen,

aber mit Ottilien. Bei dir will ich sie wissen, nicht unter fremden

Menschen. Sorge für sie, behandle sie wie sonst, wie bisher, ja nur

immer liebevoller, freundlicher und zarter. Ich verspreche, kein

heimliches Verhältnis zu Ottilien zu suchen. Laßt mich lieber eine

Zeitlang ganz unwissend, wie ihr lebt; ich will mir das Beste denken.

Denkt auch so von mir. Nur, was ich dich bitte, auf das innigste, auf

das lebhafteste: mache keinen Versuch, Ottilien sonst irgendwo

unterzugeben, in neue Verhältnisse zu bringen! Außer dem Bezirk deines

Schlosses, deines Parks, fremden Menschen anvertraut, gehört sie mir,

und ich werde mich ihrer bemächtigen. Ehrst du aber meine Neigung,

meine Wünsche, meine Schmerzen, schmeichelst du meinem Wahn, meinen

Hoffnungen, so will ich auch der Genesung nicht widerstreben, wenn sie

sich mir anbietet“.

Diese letzte Wendung floß ihm aus der Feder, nicht aus dem Herzen. Ja,

wie er sie auf dem Papier sah, fing er bitterlich an zu weinen. Er

sollte auf irgendeine Weise dem Glück, ja dem Unglück, Ottilien zu

lieben, entsagen! Jetzt fühlte er, was er tat. Er entfernte sich, ohne

zu wissen, was daraus entstehen konnte. Er sollte sie wenigstens jetzt

nicht wiedersehen; ob er sie je widersähe, welche Sicherheit konnte er

sich darüber versprechen? Aber der Brief war geschrieben; die Pferde

standen vor der Tür; jeden Augenblick mußte er fürchten, Ottilien

irgendwo zu erblicken und zugleich seinen Entschluß vereitelt zu sehen.

Er faßte sich; er dachte, daß es ihm doch möglich sei, jeden Augenblick

zurückzukehren und durch die Entfernung gerade seinen Wünschen näher zu

kommen. Im Gegenteil stellte er sich Ottilien vor, aus dem Hause

gedrängt, wenn er bliebe. Er siegelte den Brief, eilte die Treppe hinab

und schwang sich aufs Pferd.

Als er beim Wirtshause vorbeitritt, sah er den Bettler in der Laube

sitzen, den er gestern nacht so reichlich beschenkt hatte. Dieser saß

behaglich an seinem Mittagsmahle, stand auf und neigte sich

ehrerbietig, ja anbetend vor Eduarden. Eben diese Gestalt war ihm

gestern erschienen, als er Ottilien am Arm führte; nun erinnerte sie

ihn schmerzlich an die glücklichste Stunde seines Lebens. Seine Leiden

vermehrten sich; das Gefühl dessen, was er zurückließ, war ihm

unerträglich; nochmals blickte er nach dem Bettler: „o du

Beneidenswerter!“ rief er aus; „du kannst noch am gestrigen Almosen

zehren und ich nicht mehr am gestrigen Glücke!“

Die Wahlverwandtschaften · 第 25 / 55 题