Des andern Morgens war der Hauptmann verschwunden und ein dankbar
gefühltes Blatt an die Freunde von ihm zurückgeblieben. Er und
Charlotte hatten abends vorher schon halben und einsilbigen Abschied
genommen. Sie empfand eine ewige Trennung und ergab sich darein; denn
in dem zweiten Briefe des Grafen, den ihr der Hauptmann zuletzt
mitteilte, war auch von einer Aussicht auf eine vorteilhafte Heirat die
Rede, und obgleich er diesem Punkt keine Aufmerksamkeit schenkte, so
hielt sie doch die Sache schon für gewiß und entsagte ihm rein und
völlig.
Dagegen glaubte sie nun auch die Gewalt, die sie über sich selbst
ausgeübt, von andern fordern zu können. Ihr war es nicht unmöglich
gewesen, andern sollte das gleiche möglich sein. In diesem Sinne begann
sie das Gespräch mit ihrem Gemahl, um so mehr offen und zuversichtlich,
als sie empfand, daß die Sache ein für allemal abgetan werden müsse.
„Unser Freund hat uns verlassen“, sagte sie; „wir sind nun wieder
gegeneinander über wie vormals, und es käme nun wohl auf uns an, ob wir
wieder völlig in den alten Zustand zurückkehren wollten“.
Eduard, der nichts vernahm, als was seiner Leidenschaft schmeichelte,
glaubte, daß Charlotte durch diese Worte den früheren Witwenstand
bezeichnen und, obgleich auf unbestimmte Weise, zu einer Scheidung
Hoffnung machen wolle. Er antwortete deshalb mit Lächeln: „warum nicht?
Es käme nur darauf an, daß man sich verständigte“.
Er fand sich daher gar sehr betrogen, als Charlotte versetzte: „auch
Ottilien in eine andere Lage zu bringen, haben wir gegenwärtig nur zu
wählen; denn es findet sich eine doppelte Gelegenheit, ihr Verhältnisse
zu geben, die für sie wünschenswert sind. Sie kann in die Pension
zurückkehren, da meine Tochter zur Großtante gezogen ist; sie kann in
ein angesehenes Haus aufgenommen werden, um mit einer einzigen Tochter
alle Vorteile einer standesmäßigen Erziehung zu genießen“.
„Indessen“, versetzte Eduard ziemlich gefaßt, „hat Ottilie sich in
unserer freundlichen Gesellschaft so verwöhnt, daß ihr eine andere wohl
schwerlich willkommen sein möchte“.
„Wir haben uns alle verwöhnt“, sagte Charlotte, „und du nicht zum
letzten. Indessen ist es eine Epoche, die uns zur Besinnung auffordert,
die uns ernstlich ermahnt, an das Beste sämtlicher Mitglieder unseres
kleinen Zirkels zu denken und auch irgendeine Aufopferung nicht zu
versagen“.
„Wenigstens finde ich es nicht billig“, versetzte Eduard, „daß Ottilie
aufgeopfert werde, und das geschähe doch, wenn man sie gegenwärtig
unter fremde Menschen hinunterstieße. Den Hauptmann hat sein gutes
Geschick hier aufgesucht; wir dürfen ihn mit Ruhe, ja mit Behagen von
uns wegscheiden lassen. Wer weiß, was Ottilien bevorsteht; warum
sollten wir uns übereilen?“
„Was uns bevorsteht, ist ziemlich klar“, versetzte Charlotte mit
einiger Bewegung, und da sie die Absicht hatte, ein für allemal sich
auszusprechen, fuhr sie fort: „du liebst Ottilien, du gewöhnst dich an
sie. Neigung und Leidenschaft entspringt und nährt sich auch von ihrer
Seite. Warum sollen wir nicht mit Worten aussprechen, was uns jede
Stunde gesteht und bekennt? Sollen wir nicht soviel Vorsicht haben, uns
zu fragen, was das werden wird?“
„Wenn man auch sogleich nicht darauf antworten kann“, versetzte Eduard,
der sich zusammennahm, „so läßt sich doch soviel sagen, daß man eben
alsdann sich am ersten entschließt abzuwarten, was uns die Zukunft
lehren wird, wenn man gerade nicht sagen kann, was aus einer Sache
werden soll“.
„Hier vorauszusehen“, versetzte Charlotte, „bedarf es wohl keiner
großen Weisheit, und soviel läßt sich auf alle Fälle gleich sagen, daß
wir beide nicht mehr jung genug sind, um blindlings dahin zu gehen,
wohin man nicht möchte oder nicht sollte. Niemand kann mehr für uns
sorgen; wir müssen unsre eigenen Freunde sein, unsre eigenen
Hofmeister. Niemand erwartet von uns, daß wir uns in ein Äußerstes
verlieren werden, niemand erwartet, uns tadelnswert oder gar lächerlich
zu finden“.
„Kannst du mirs verdenken“, versetzte Eduard, der die offne, reine
Sprache seiner Gattin nicht zu erwidern vermochte, „kannst du mich
schelten, wenn mir Ottiliens Glück am Herzen liegt? Und nicht etwa ein
künftiges, das immer nicht zu berechnen ist, sondern ein gegenwärtiges?
Denke dir aufrichtig und ohne Selbstbetrug Ottilien aus unserer
Gesellschaft gerissen und fremden Menschen untergeben—ich wenigstens
fühle mich nicht grausam genug, ihr eine solche Veränderung zuzumuten“.
Charlotte ward gar wohl die Entschlossenheit ihres Gemahls hinter
seiner Verstellung gewahr. Erst jetzt fühlte sie, wie weit er sich von
ihr entfernt hatte. Mit einiger Bewegung rief sie aus: „kann Ottilie
glücklich sein, wenn sie uns entzweit, wenn sie mir einen Gatten,
seinen Kindern einen Vater entreißt?“
„Für unsere Kinder, dächte ich, wäre gesorgt“, sagte Eduard lächelnd
und kalt; etwas freundlicher aber fügte er hinzu: „wer wird auch gleich
das äußerste denken!“
„Das Äußerste liegt der Leidenschaft zu allernächst“, bemerkte
Charlotte. „Lehne, solange es noch Zeit ist, den guten Rat nicht ab,
nicht die Hülfe, die ich uns biete. In trüben Fällen muß derjenige
wirken und helfen, der am klarsten sieht. Diesmal bin ichs. Lieber,
liebster Eduard, laß mich gewähren! Kannst du mir zumuten, daß ich auf
mein wohlerworbenes Glück, auf die schönsten Rechte, auf dich so
geradehin Verzicht leisten soll?“
„Wer sagt das?“ versetzte Eduard mit einiger Verlegenheit.
„Du selbst“, versetzte Charlotte; „indem du Ottilien in der Nähe
behalten willst, gestehst du nicht alles zu, was daraus entspringen
muß? Ich will nicht in dich dringen; aber wenn du dich nicht überwinden
kannst, so wirst du wenigstens dich nicht lange mehr betriegen können“.
Eduard fühlte, wie recht sie hatte. Ein ausgesprochenes Wort ist
fürchterlich, wenn es das auf einmal ausspricht, was das Herz lange
sich erlaubt hat; und um nur für den Augenblick auszuweichen, erwiderte
Eduard: „es ist mir ja noch nicht einmal klar, was du vorhast“.
„Meine Absicht war“, versetzte Charlotte, „mit dir die beiden
Vorschläge zu überlegen. Beide haben viel Gutes. Die Pension würde
Ottilien am gemäßesten sein, wenn ich betrachte, wie das Kind jetzt
ist. Jene größere und weitere Lage verspricht aber mehr, wenn ich
bedenke, was sie werden soll“. Sie legte darauf umständlich ihrem
Gemahl die beiden Verhältnisse dar und schloß mit den Worten: „was
meine Meinung betrifft, so würde ich das Haus jener Dame der Pension
vorziehen aus mehreren Ursachen, besonders aber auch, weil ich die
Neigung, ja die Leidenschaft des jungen Mannes, den Ottilie dort für
sich gewonnen, nicht vermehren will“.
Eduard schien ihr Beifall zu geben, nur aber, um einigen Aufschub zu
suchen. Charlotte, die darauf ausging, etwas Entscheidendes zu tun,
ergriff sogleich die Gelegenheit, als Eduard nicht unmittelbar
widersprach, die Abreise Ottiliens, zu der sie schon alles im stillen
vorbereitet hatte, auf die nächsten Tage festzusetzen.
Eduard schauderte, er hielt sich für verraten und die liebevolle
Sprache seiner Frau für ausgedacht, künstlich und planmäßig, um ihn auf
ewig von seinem Glücke zu trennen. Er schien ihr die Sache ganz zu
überlassen; allein schon war innerlich sein Entschluß gefaßt. Um nur zu
Atem zu kommen, um das bevorstehende unabsehliche Unheil der Entfernung
Ottiliens abzuwenden, entschied er sich, sein Haus zu verlassen, und
zwar nicht ganz ohne Vorbewußt Charlottens, die er jedoch durch die
Einleitung zu täuschen verstand, daß er bei Ottiliens Abreise nicht
gegenwärtig sein, ja sie von diesem Augenblick an nicht mehr sehen
wolle. Charlotte, die gewonnen zu haben glaubte, tat ihm allen
Vorschub. Er befahl seine Pferde, gab dem Kammerdiener die nötige
Anweisung, was er einpacken und wie er ihm folgen solle, und so, wie
schon im Stegreife, setzte er sich hin und schrieb.