Endlich leuchtete Eduarden der sehnlich erwartete Morgen, und nach und
nach stellten viele Gäste sich ein; denn man hatte die Einladungen weit
umhergeschickt, und manche, die das Legen des Grundsteins versäumt
hatten, wovon man soviel Artiges erzählte, wollten diese zweite
Feierlichkeit um so weniger verfehlen.
Vor Tafel erschienen die Zimmerleute mit Musik im Schloßhofe, ihren
reichen Kranz tragend, der aus vielen stufenweise übereinander
schwankenden Laub- und Blumenreifen zusammengesetzt war. Sie sprachen
ihren Gruß und erbaten sich zur gewöhnlichen Ausschmückung seidene
Tücher und Bänder von dem schönen Geschlecht. Indes die Herrschaft
speiste, setzten sie ihren jauchzenden Zug weiter fort, und nachdem sie
sich eine Zeitlang im Dorfe aufgehalten und daselbst Frauen und Mädchen
gleichfalls um manches Band gebracht, so kamen sie endlich, begleitet
und erwartet von einer großen Menge, auf die Höhe, wo das gerichtete
Haus stand.
Charlotte hielt nach der Tafel die Gesellschaft einigermaßen zurück.
Sie wollte keinen feierlichen, förmlichen Zug, und man fand Sich daher
in einzelnen Partieen, ohne Rang und Ordnung, auf dem Platz gemächlich
ein. Charlotte zögerte mit Ottilien und machte dadurch die Sache nicht
besser; denn weil Ottilie wirklich die letzte war, die herantrat, so
schien es, als wenn Trompeten und Pauken nur auf sie gewartet hätten,
als wenn die Feierlichkeit bei ihrer Ankunft nun gleich beginnen müßte.
Dem Hause das rohe Ansehn zu nehmen, hatte man es mit grünem Reisig und
Blumen, nach Angabe des Hauptmanns, architektonisch ausgeschmückt;
allein ohne dessen Mitwissen hatte Eduard den Architekten veranlaßt, in
dem Gesims das Datum mit Blumen zu bezeichnen. Das mochte noch
hingehen; allein zeitig genug langte der Hauptmann an, um zu
verhindern, daß nicht auch der Name Ottiliens im Giebelfelde glänzte.
Er wußte dieses Beginnen auf eine geschickte Weise abzulehnen und die
schon fertigen Blumenbuchstaben beiseitezubringen.
Der Kranz war aufgesteckt und weit umher in der Gegend sichtbar. Bunt
flatterten die Bänder und Tücher in der Luft, und eine kurze Rede
verscholl zum größten Teil im Winde. Die Feierlichkeit war zu Ende, der
Tanz auf dem geebneten und mit Lauben umkreiseten Platze vor dem
Gebäude sollte nun angehen. Ein schmucker Zimmergeselle führte Eduarden
ein flinkes Bauermädchen zu und forderte Ottilien auf, welche
danebenstand. Die beiden Paare fanden sogleich ihre Nachfolger, und
bald genug wechselte Eduard, indem er Ottilien ergriff und mit ihr die
Runde machte. Die jüngere Gesellschaft mischte sich fröhlich in den
Tanz des Volks, indes die ältern beobachteten.
Sodann, ehe man sich auf den Spaziergängen zerstreute, ward abgeredet,
daß man sich mit Untergang der Sonne bei den Platanen wieder versammeln
wollte. Eduard fand sich zuerst ein, ordnete alles und nahm Abrede mit
dem Kammerdiener, der auf der andern Seite in Gesellschaft des
Feuerwerkers die Lusterscheinungen zu besorgen hatte.
Der Hauptmann bemerkte die dazu getroffenen Vorrichtungen nicht mit
Vergnügen; er wollte wegen des zu erwartenden Andrangs der Zuschauer
mit Eduard sprechen, als ihn derselbe etwas hastig bat, er möge ihm
diesen Teil der Feierlichkeit doch allein überlassen.
Schon hatte sich das Volk auf die oberwärts abgestochenen und vom Rasen
entblößten Dämme gedrängt, wo das Erdreich uneben und unsicher war. Die
Sonne ging unter, die Dämmerung trat ein, und in Erwartung größerer
Dunkelheit wurde die Gesellschaft unter den Platanen mit Erfrischungen
bedient. Man fand den Ort unvergleichlich und freute sich in Gedanken,
künftig von hier die Aussicht auf einen weiten und so mannigfaltig
begrenzten See zu genießen.
Ein ruhiger Abend, eine vollkommene Windstille versprachen das
nächtliche Fest zu begünstigen, als auf einmal ein entsetzliches
Geschrei entstand. Große Schollen hatten sich vom Damme losgetrennt,
man sah mehrere Menschen ins Wasser stürzen. Das Erdreich hatte
nachgegeben unter dem Drängen und Treten der immer zunehmenden Menge.
Jeder wollte den besten Platz haben, und nun konnte niemand vorwärts
noch zurück.
Jedermann sprang auf und hinzu, mehr um zu schauen als zu tun; denn was
war da zu tun, wo niemand hinreichen konnte. Nebst einigen
Entschlossenen eilte der Hauptmann herbei, trieb sogleich die Menge von
dem Damm herunter nach den Ufern, um den Hülfreichen freie Hand zu
geben, welche die Versinkenden herauszuziehen suchten. Schon waren alle
teils durch eignes, teils durch fremdes Bestreben wieder auf dem
Trochnen, bis auf einen Knaben, der durch allzu ängstliches Bemühen,
statt sich dem Damm zu nähern, sich davon entfernt hatte. Die Kräfte
schienen ihn zu verlassen, nur einigemal kam noch eine Hand, ein Fuß in
die Höhe. Unglücklicherweise war der Kahn auf der andern Seite, mit
Feuerwerk gefüllt, nur langsam konnte man ihn ausladen, und die Hülfe
verzögerte sich. Des Hauptmanns Entschluß war gefaßt, er warf die
Oberkleider weg, aller Augen richteten sich auf ihn, und seine
tüchtige, kräftige Gestalt flößte jedermann Zutrauen ein; aber ein
Schrei der Überraschung drang aus der Menge hervor, als er sich ins
Wasser stürzte, jedes Auge begleitete ihn, der als geschickter
Schwimmer den Knaben bald erreichte und ihn, jedoch für tot, an den
Damm brachte.
Indessen ruderte der Kahn herbei, der Hauptmann bestieg ihn und
forschte genau von den Anwesenden, ob denn auch wirklich alle gerettet
seien. Der Chirurgus kommt und übernimmt den totgeglaubten Knaben;
Charlotte tritt hinzu, sie bittet den Hauptmann, nur für sich zu
sorgen, nach dem Schlosse zurückzukehren und die Kleider zu wechseln.
Er zaudert, bis ihm gesetzte, verständige Leute, die ganz nahe
gegenwärtig gewesen, die selbst zur Rettung der einzelnen beigetragen,
auf das heiligste versichern, daß alle gerettet seien.
Charlotte sieht ihn nach Hause gehen, sie denkt, daß Wein und Tee und
was sonst nötig wäre, verschlossen ist, daß in solchen Fällen die
Menschen gewöhnlich verkehrt handeln; sie eilt durch die zerstreute
Gesellschaft, die sich noch unter den Platanen befindet. Eduard ist
beschäftigt, jedermann zuzureden: man soll bleiben; in kurzem gedenkt
er das Zeichen zu geben, und das Feuerwerk soll beginnen. Charlotte
tritt hinzu und bittet ihn, ein Vergnügen zu verschieben, das jetzt
nicht am Platze sei, das in dem gegenwärtigen Augenblick nicht genossen
werden könne; sie erinnert ihn, was man dem Geretteten und dem Retter
schuldig sei. „Der Chirurgus wird schon seine Pflicht tun“, versetzte
Eduard. „Er ist mit allem versehen, und unser Zudringen wäre nur eine
hinderliche Teilnahme“.
Charlotte bestand auf ihrem Sinne und winkte Ottilien, die sich
sogleich zum Weggehen anschickte. Eduard ergriff ihre Hand und rief:
„wir wollen diesen Tag nicht im Lazarett endigen! Zur barmherzigen
Schwester ist sie zu gut. Auch ohne uns werden die Scheintoten erwachen
und die Lebendigen sich abtrocknen“.
Charlotte schwieg und ging. Einige folgten ihr, andere diesen; endlich
wollte niemand der Letzte sein, und so folgten alle. Eduard und Ottilie
fanden sich allein unter den Platanen. Er bestand darauf, zu bleiben,
so dringend, so ängstlich sie ihn auch bat, mit ihr nach dem Schlosse
zurückzukehren. „Nein, Ottilie!“ rief er, „das Außerordentliche
geschieht nicht auf glattem, gewöhnlichem Wege. Dieser überraschende
Vorfall von heute abend bringt uns schneller zusammen. Du bist die
Meine! Ich habe dirs schon so oft gesagt und geschworen; wir wollen es
nicht mehr sagen und schwören, nun soll es werden“.
Der Kahn von der andern Seite schwamm herüber. Es war der Kammerdiener,
der verlegen anfragte, was nunmehr mit dem Feuerwerk werden sollte.
„Brennt es ab!“ rief er ihm entgegen. „Für dich allein war es bestellt,
Ottilie, und nun sollst du es auch allein sehen! Erlaube mir, an deiner
Seite sitzend, es mitzugenießen“. Zärtlich bescheiden setzte er sich
neben sie, ohne sie zu berühren.
Raketen rauschten auf, Kanonenschläge donnerten, Leuchtkugeln stiegen,
Schwärmer schlängelten und platzten, Räder gischten, jedes erst
einzeln, dann gepaart, dann alle zusammen und immer gewaltsamer
hintereinander und zusammen. Eduard, dessen Busen brannte, verfolgte
mit lebhaft zufriedenem Blick diese feurigen Erscheinungen. Ottiliens
zartem, aufgeregtem Gemüt war dieses rauschende, blitzende Entstehen
und Verschwinden eher ängstlich als angenehm. Sie lehnte sich
schüchtern an Eduard, dem diese Annäherung, dieses Zutrauen das volle
Gefühl gab, daß sie ihm ganz angehöre.
Die Nacht war kaum in ihre Rechte wieder eingetreten, als der Mond
aufging und die Pfade der beiden Rückkehrenden beleuchtete. Eine Figur,
den Hut in der Hand, vertrat ihnen den Weg und sprach sie um ein
Almosen an, da er an diesem Festlichen Tage versäumt worden sei. Der
Mond schien ihm ins Gesicht, und Eduard erkannte die Züge jenes
zudringlichen Bettlers. Aber so glücklich wie er war, konnte er nicht
ungehalten sein, konnte es ihm nicht einfallen, daß besonders für heute
das Betteln höchlich verpönt worden. Er forschte nicht lange in der
Tasche und gab ein Goldstück hin. Er hätte jeden gern glücklich
gemacht, da sein Glück ohne Grenzen schien.
Zu Hause war indes alles erwünscht gelungen. Die Tätigkeit des
Chirurgen, die Bereitschaft alles Nötigen, der Beistand Charlottens,
alles wirkte zusammen, und der Knabe ward wieder zum Leben hergestellt.
Die Gäste zerstreuten sich, sowohl um noch etwas vom Feuerwerk aus der
Ferne zu sehen, als auch um nach solchen verworrnen Szenen ihre ruhige
Heimat wieder zu betreten.
Auch hatte der Hauptmann, geschwind umgekleidet, an der nötigen
Vorsorge tätigen Anteil genommen; alles war beruhigt, und er fand sich
mit Charlotten allein. Mit zutraulicher Freundlichkeit erklärte er nun,
daß seine Abreise nahe bevorstehe. Sie hatte diesen Abend so viel
erlebt, daß diese Entdeckung wenig Eindruck auf sie machte; sie hatte
gesehen, wie der Freund sich aufopferte, wie er rettete und selbst
gerettet war. Diese wunderbaren Ereignisse schienen ihr eine bedeutende
Zukunft, aber keine unglückliche zu weissagen.
Eduarden, der mit Ottilien hereintrat, wurde die bevorstehende Abreise
des Hauptmanns gleichfalls angekündigt. Er argwohnte, daß Charlotte
früher um das Nähere gewußt habe, war aber viel zu sehr mit sich und
seinen Absichten beschäftigt, als daß er es hätte Übel empfinden
sollen.
Im Gegenteil vernahm er aufmerksam und zufrieden die gute und
ehrenvolle Lage, in die der Hauptmann versetzt werden sollte. Unbändig
drangen seine geheimen Wünsche den Begebenheiten vor. Schon sah er
jenen mit Charlotten verbunden, sich mit Ottilien. Man hätte ihm zu
diesem Fest kein größeres Geschenk machen können.
Aber wie erstaunt war Ottilie, als sie auf ihr Zimmer trat und den
köstlichen kleinen Koffer auf ihrem Tische fand! Sie säumte nicht, ihn
zu eröffnen. Da zeigte sich alles so schön gepackt und geordnet, daß
sie es nicht auseinanderzunehmen, ja kaum zu lüften wagte. Musselin,
Batist, Seide, Schals und Spitzen wetteiferten an Feinheit,
Zierlichkeit und Kostbarkeit. Auch war der Schmuck nicht vergessen. Sie
begriff wohl die Absicht, sie mehr als einmal vom Kopf bis auf den Fuß
zu kleiden; es war aber alles so kostbar und fremd, daß sie sichs in
Gedanken nicht zuzueignen getraute.