Eduard von seiner Seite ist in einer ganz verschiedenen Stimmung. Zu
schlafen denkt er so wenig, daß es ihm nicht einmal einfällt, sich
auszuziehen. Die Abschrift des Dokuments küßte er tausendmal, den
Anfang von Ottiliens kindlich schüchterner Hand; das Ende wagt er kaum
zu küssen, weil er seine eigene Hand zu sehen glaubt. ‘O, daß es ein
andres Dokument wäre!’ sagt er sich im stillen; und doch ist es ihm
auch schon die schönste Versicherung, daß sein höchster Wunsch erfüllt
sei. Bleibt es ja doch in seinen Händen! Und wird er es nicht immerfort
an sein Herz drücken, obgleich entstellt durch die Unterschrift eines
Dritten?
Der abnehmende Mond steigt über den Wald hervor. Die warme Nacht lockt
ins Freie; er schweift umher, er ist der unruhigste und der
glücklichste aller Sterblichen. Er wandelt durch die Gärten; sie sind
ihm zu enge; er eilt auf das Feld, und es wird ihm zu weit. Nach dem
Schlosse zieht es ihn zurück; er findet sich unter Ottiliens Fenstern.
Dort setzt er sich auf eine Terrassentreppe. ‘Mauern und Riegel’, sagt
er zu sich selbst, ‘trennen uns jetzt, aber unsre Herzen sind nicht
getrennt. Stünde sie vor mir, in meine Arme würde sie fallen, ich in
die ihrigen, und was bedarf es weiter als diese Gewißheit!’ Alles war
still um ihn her, kein Lüftchen regte sich; so still wars, daß er das
wühlende Arbeiten emsiger Tiere unter der Erde vernehmen konnte, denen
Tag und Nacht gleich sind. Er hing ganz seinen glücklichen Träumen
nach, schlief endlich ein und erwachte nicht eher wieder, als bis die
Sonne mit herrlichem Blick heraufstieg und die frühsten Nebel
gewältigte.
Nun fand er sich den ersten Wachenden in seinen Besitzungen. Die
Arbeiter schienen ihm zu lange auszubleiben. Sie kamen; es schienen ihm
ihrer zu wenig und die vorgesetzte Tagesarbeit für seine Wünsche zu
gering. Er fragte nach mehreren Arbeitern; man versprach sie und
stellte sie im Laufe des Tages. Aber auch diese sind ihm nicht genug,
um seine Vorsätze schleunig ausgeführt zu sehen. Das Schaffen macht ihm
keine Freude mehr; es soll schon alles fertig sein, und für wen? Die
Wege sollen gebahnt sein, damit Ottilie bequem sie gehen, die Sitze
schon an Ort und Stelle, damit Ottilie dort ruhen könne. Auch an dem
neuen Hause treibt er, was er kann; es soll an Ottiliens Geburtstage
gerichtet werden. In Eduards Gesinnungen wie in seinen Handlungen ist
kein Maß mehr. Das Bewußtsein, zu lieben und geliebt zu werden, treibt
ihn ins Unendliche. Wie verändert ist ihm die Ansicht von allen
Zimmern, von allen Umgebungen! Er findet sich in seinem eigenen Hause
nicht mehr. Ottiliens Gegenwart verschlingt ihm alles; er ist ganz in
ihr versunken, keine andre Betrachtung steigt vor ihm auf, kein
Gewissen spricht ihm zu; alles, was in seiner Natur gebändigt war,
bricht los, sein ganzes Wesen strömt gegen Ottilien.
Der Hauptmann beobachtet dieses leidenschaftliche Treiben und wünscht
den traurigen Folgen zuvorzukommen. Alle diese Anlagen, die jetzt mit
einem einseitigen Triebe, übermäßig gefördert werden, hatte er auf ein
ruhig freundliches Zusammenleben berechnet. Der Verkauf des Vorwerks
war durch ihn zustande gebracht, die erste Zahlung geschehen, Charlotte
hatte sie der Abrede nach in ihre Kasse genommen. Aber sie muß gleich
in der ersten Woche Ernst und Geduld und Ordnung mehr als sonst üben
und im Auge haben; denn nach der übereilten Weise wird das Ausgesetzte
nicht lange reichen.
Es war viel angefangen und viel zu tun. Wie soll er Charlotten in
dieser Lage lassen! Sie beraten sich und kommen überein, man wolle die
planmäßigen Arbeiten lieber selbst beschleunigen, zu dem Ende Gelder
aufnehmen und zu deren Abtragung die Zahlungstermine anweisen, die vom
Vorwerksverkauf zurückgeblieben waren. Es ließ sich fast ohne Verlust
durch Zession der Gerechtsame tun; man hatte freiere Hand; man
leistete, da alles im Gange, Arbeiter genug vorhanden waren, mehr auf
einmal und gelangte gewiß und bald zum Zweck. Eduard stimmte gern bei,
weil es mit seinen Absichten übereintraf.
Im innern Herzen beharrt indessen Charlotte bei dem, was sie bedacht
und sich vorgesetzt, und männlich steht ihr der Freund mit gleichem
Sinn zur Seite. Aber eben dadurch wird ihre Vertraulichkeit nur
vermehrt. Sie erklären sich wechselseitig über Eduards Leidenschaft,
sie beraten sich darüber. Charlotte schließt Ottilien näher an sich,
beobachtet sie strenger, und je mehr sie ihr eigen Herz gewahr worden,
desto tiefer blickt sie in das Herz des Mädchens. Sie sieht keine
Rettung, als sie muß das Kind entfernen.
Nun scheint es ihr eine glückliche Fügung, daß Luciane ein so
ausgezeichnetes Lob in der Pension erhalten; denn die Großtante, davon
unterrichtet, will sie nun ein für allemal zu sich nehmen, sie um sich
haben, sie in die Welt einführen. Ottilie konnte in die Pension
zurückkehren, der Hauptmann entfernte sich wohlversorgt; und alles
stand wie vor wenigen Monaten, ja um so viel besser. Ihr eigenes
Verhältnis hoffte Charlotte zu Eduard bald wiederherzustellen, und sie
legte das alles so verständig bei sich zurecht, daß sie sich nur immer
mehr in dem Wahn bestärkte: in einen frühern, beschränktern Zustand
könne man zurückkehren, ein gewaltsam Entbundenes lasse sich wieder ins
Enge bringen.
Eduard empfand indessen die Hindernisse sehr hoch, die man ihm in den
Weg legte. Er bemerkte gar bald, daß man ihn und Ottilien
auseinanderhielt, daß man ihm erschwerte, sie allein zu sprechen, ja
sich ihr zu nähern, außer in Gegenwart von mehreren; und indem er
hierüber verdrießlich war, ward er es über manches andere. Konnte er
Ottilien flüchtig sprechen, so war es nicht nur, sie seiner Liebe zu
versichern, sondern sich auch über seine Gattin, über den Hauptmann zu
beschweren. Er fühlte nicht, daß er selbst durch sein heftiges Treiben
die Kasse zu erschöpfen auf dem Wege war; er tadelte bitter Charlotten
und den Hauptmann, daß sie bei dem Geschäft gegen die erste Abrede
handelten, und doch hatte er in die zweite Abrede gewilligt, ja er
hatte sie selbst veranlaßt und notwendig gemacht.
Der Haß ist parteiisch, aber die Liebe ist es noch mehr. Auch Ottilie
entfremdete sich einigermaßen von Charlotten und dem Hauptmann. Als
Eduard sich einst gegen Ottilien über den letztern beklagte, daß er als
Freund und in einem solchen Verhältnisse nicht ganz aufrichtig handle,
versetzte Ottilie unbedachtsam: „es hat mir schon früher mißfallen, daß
er nicht ganz redlich gegen Sie ist. Ich hörte ihn einmal zu Charlotten
sagen: ‘wenn uns nur Eduard mit seiner Flötendudelei verschonte! Es
kann daraus nichts werden und ist für die Zuhörer so lästig.’ Sie
können denken, wie mich das geschmerzt hat, da ich Sie so gern
akkompagniere“.
Kaum hatte sie es gesagt, als ihr schon der Geist zuflüsterte, daß sie
hätte schweigen sollen; aber es war heraus. Eduards Gesichtszüge
verwandelten sich. Nie hatte ihn etwas mehr verdrossen; er war in
seinen liebsten Forderungen angegriffen, er war sich eines kindlichen
Strebens ohne die mindeste Anmaßung bewußt. Was ihn unterhielt, was ihn
erfreute, sollte doch mit Schonung von Freunden behandelt werden. Er
dachte nicht, wie schrecklich es für einen Dritten sei, sich die Ohren
durch ein unzulängliches Talent verletzen zu lassen. Er war beleidigt,
wütend, um nicht wieder zu vergeben. Er fühlte sich von allen Pflichten
losgesprochen.
Die Notwendigkeit, mit Ottilien zu sein, sie zu sehen, ihr etwas
zuzuflüstern, ihr zu vertrauen, wuchs mit jedem Tage. Er entschloß
sich, ihr zu schreiben, sie um einen geheimen Briefwechsel zu bitten.
Das Streifchen Papier, worauf er dies lakonisch genug getan hatte, lag
auf dem Schreibtisch und ward vom Zugwind heruntergeführt, als der
Kammerdiener hereintrat, ihm die Haare zu kräuseln. Gewöhnlich, um die
Hitze des Eisens zu versuchen, bückte sich dieser nach Papierschnitzeln
auf der Erde; diesmal ergriff er das Billet, zwickte es eilig, und es
war versengt. Eduard, den Mißgriff bemerkend, riß es ihm aus der Hand.
Bald darauf setzte er sich hin, es noch einmal zu schreiben; es wollte
nicht ganz so zum zweitenmal aus der Feder. Er fühlte einiges Bedenken,
einige Besorgnis, die er jedoch überwand. Ottilien wurde das Blättchen
in die Hand gedrückt, den ersten Augenblick, wo er sich ihr nähern
konnte.
Ottilie versäumte nicht, ihm zu antworten. Ungelesen steckte er das
Zettelchen in die Weste, die, modisch kurz, es nicht gut verwahrte. Es
schob sich heraus und fiel, ohne von ihm bemerkt zu werden, auf den
Boden. Charlotte sah es und hob es auf und reichte es ihm mit einem
flüchtigen Überblick. „Hier ist etwas von deiner Hand“, sagte sie, „das
du vielleicht ungern verlörest“.
Er war betroffen. ‘Verstellt sie sich?’ dachte er. ‘Ist sie den Inhalt
des Blättchens gewahr worden, oder irrt sie sich an der Ähnlichkeit der
Hände?’ Er hoffte, er dachte das letztre. Er war gewarnt, doppelt
gewarnt; aber diese sonderbaren, zufälligen Zeichen, durch die ein
höheres Wesen mit uns zu sprechen scheint, waren seiner Leidenschaft
unverständlich; vielmehr, indem sie ihn immer weiter führte, empfand er
die Beschränkung, in der man ihn zu halten schien, immer unangenehmer.
Die freundliche Geselligkeit verlor sich. Sein Herz war verschlossen,
und wenn er mit Eduard und Frau zusammenzusein genötigt war, so gelang
es ihm nicht, seine frühere Neigung zu ihnen in seinem Busen wieder
aufzufinden, zu beleben. Der stille Vorwurf, den er sich selbst
hierüber machen mußte, war ihm unbequem, und er suchte sich durch eine
Art von Humor zu helfen, der aber, weil er ohne Liebe war, auch der
gewohnten Anmut ermangelte.
Über alle diese Prüfungen half Charlotten ihr inneres Gefühl hinweg.
Sie war sich ihres ernsten Vorsatzes bewußt, auf eine so schöne, edle
Neigung Verzicht zu tun.
Wie sehr wünschte sie, jenen beiden auch zu Hülfe zu kommen!
Entfernung, fühlte sie wohl, wird nicht allein hinreichend sein, ein
solches Übel zu heilen. Sie nimmt sich vor, die Sache gegen das gute
Kind zur Sprache zu bringen; aber sie vermag es nicht; die Erinnerung
ihres eignen Schwankens steht ihr im Wege. Sie sucht sich darüber im
allgemeinen auszudrücken; das Allgemeine paßt auch auf ihren eignen
Zustand, den sie auszusprechen scheut. Ein jeder Wink, den sie Ottilien
geben will, deutet zurück in ihr eignes Herz. Sie will warnen und
fühlt, daß sie wohl selbst noch einer Warnung bedürfen könnte.
Schweigend hält sie daher die Liebenden noch immer auseinander, und die
Sache wird dadurch nicht besser. Leise Andeutungen, die ihr manchmal
entschlüpfen, wirken auf Ottilien nicht; denn Eduard hatte diese von
Charlottens Neigung zum Hauptmann überzeugt, sie überzeugt, daß
Charlotte selbst eine Scheidung wünsche, die er nun auf eine anständige
Weise zu bewirken denke.
Ottilie, getragen durch das Gefühl ihrer Unschuld, auf dem Wege zu dem
erwünschtesten Glück, lebt nur für Eduard. Durch die Liebe zu ihm in
allem Guten gestärkt, um seinetwillen freudiger in ihrem Tun,
aufgeschlossener gegen andre, findet sie sich in einem Himmel auf
Erden.
So setzen alle zusammen, jeder auf seine Weise, das tägliche Leben
fort, mit und ohne Nachdenken; alles scheint seinen gewöhnlichen Gang
zu gehen, wie man auch in ungeheuren Fällen, wo alles auf dem Spiele
steht, noch immer so fortlebt, als wenn von nichts die Rede wäre.