Dreizehntes Kapitel

Eduard von seiner Seite ist in einer ganz verschiedenen Stimmung. Zu

schlafen denkt er so wenig, daß es ihm nicht einmal einfällt, sich

auszuziehen. Die Abschrift des Dokuments küßte er tausendmal, den

Anfang von Ottiliens kindlich schüchterner Hand; das Ende wagt er kaum

zu küssen, weil er seine eigene Hand zu sehen glaubt. ‘O, daß es ein

andres Dokument wäre!’ sagt er sich im stillen; und doch ist es ihm

auch schon die schönste Versicherung, daß sein höchster Wunsch erfüllt

sei. Bleibt es ja doch in seinen Händen! Und wird er es nicht immerfort

an sein Herz drücken, obgleich entstellt durch die Unterschrift eines

Dritten?

Der abnehmende Mond steigt über den Wald hervor. Die warme Nacht lockt

ins Freie; er schweift umher, er ist der unruhigste und der

glücklichste aller Sterblichen. Er wandelt durch die Gärten; sie sind

ihm zu enge; er eilt auf das Feld, und es wird ihm zu weit. Nach dem

Schlosse zieht es ihn zurück; er findet sich unter Ottiliens Fenstern.

Dort setzt er sich auf eine Terrassentreppe. ‘Mauern und Riegel’, sagt

er zu sich selbst, ‘trennen uns jetzt, aber unsre Herzen sind nicht

getrennt. Stünde sie vor mir, in meine Arme würde sie fallen, ich in

die ihrigen, und was bedarf es weiter als diese Gewißheit!’ Alles war

still um ihn her, kein Lüftchen regte sich; so still wars, daß er das

wühlende Arbeiten emsiger Tiere unter der Erde vernehmen konnte, denen

Tag und Nacht gleich sind. Er hing ganz seinen glücklichen Träumen

nach, schlief endlich ein und erwachte nicht eher wieder, als bis die

Sonne mit herrlichem Blick heraufstieg und die frühsten Nebel

gewältigte.

Nun fand er sich den ersten Wachenden in seinen Besitzungen. Die

Arbeiter schienen ihm zu lange auszubleiben. Sie kamen; es schienen ihm

ihrer zu wenig und die vorgesetzte Tagesarbeit für seine Wünsche zu

gering. Er fragte nach mehreren Arbeitern; man versprach sie und

stellte sie im Laufe des Tages. Aber auch diese sind ihm nicht genug,

um seine Vorsätze schleunig ausgeführt zu sehen. Das Schaffen macht ihm

keine Freude mehr; es soll schon alles fertig sein, und für wen? Die

Wege sollen gebahnt sein, damit Ottilie bequem sie gehen, die Sitze

schon an Ort und Stelle, damit Ottilie dort ruhen könne. Auch an dem

neuen Hause treibt er, was er kann; es soll an Ottiliens Geburtstage

gerichtet werden. In Eduards Gesinnungen wie in seinen Handlungen ist

kein Maß mehr. Das Bewußtsein, zu lieben und geliebt zu werden, treibt

ihn ins Unendliche. Wie verändert ist ihm die Ansicht von allen

Zimmern, von allen Umgebungen! Er findet sich in seinem eigenen Hause

nicht mehr. Ottiliens Gegenwart verschlingt ihm alles; er ist ganz in

ihr versunken, keine andre Betrachtung steigt vor ihm auf, kein

Gewissen spricht ihm zu; alles, was in seiner Natur gebändigt war,

bricht los, sein ganzes Wesen strömt gegen Ottilien.

Der Hauptmann beobachtet dieses leidenschaftliche Treiben und wünscht

den traurigen Folgen zuvorzukommen. Alle diese Anlagen, die jetzt mit

einem einseitigen Triebe, übermäßig gefördert werden, hatte er auf ein

ruhig freundliches Zusammenleben berechnet. Der Verkauf des Vorwerks

war durch ihn zustande gebracht, die erste Zahlung geschehen, Charlotte

hatte sie der Abrede nach in ihre Kasse genommen. Aber sie muß gleich

in der ersten Woche Ernst und Geduld und Ordnung mehr als sonst üben

und im Auge haben; denn nach der übereilten Weise wird das Ausgesetzte

nicht lange reichen.

Es war viel angefangen und viel zu tun. Wie soll er Charlotten in

dieser Lage lassen! Sie beraten sich und kommen überein, man wolle die

planmäßigen Arbeiten lieber selbst beschleunigen, zu dem Ende Gelder

aufnehmen und zu deren Abtragung die Zahlungstermine anweisen, die vom

Vorwerksverkauf zurückgeblieben waren. Es ließ sich fast ohne Verlust

durch Zession der Gerechtsame tun; man hatte freiere Hand; man

leistete, da alles im Gange, Arbeiter genug vorhanden waren, mehr auf

einmal und gelangte gewiß und bald zum Zweck. Eduard stimmte gern bei,

weil es mit seinen Absichten übereintraf.

Im innern Herzen beharrt indessen Charlotte bei dem, was sie bedacht

und sich vorgesetzt, und männlich steht ihr der Freund mit gleichem

Sinn zur Seite. Aber eben dadurch wird ihre Vertraulichkeit nur

vermehrt. Sie erklären sich wechselseitig über Eduards Leidenschaft,

sie beraten sich darüber. Charlotte schließt Ottilien näher an sich,

beobachtet sie strenger, und je mehr sie ihr eigen Herz gewahr worden,

desto tiefer blickt sie in das Herz des Mädchens. Sie sieht keine

Rettung, als sie muß das Kind entfernen.

Nun scheint es ihr eine glückliche Fügung, daß Luciane ein so

ausgezeichnetes Lob in der Pension erhalten; denn die Großtante, davon

unterrichtet, will sie nun ein für allemal zu sich nehmen, sie um sich

haben, sie in die Welt einführen. Ottilie konnte in die Pension

zurückkehren, der Hauptmann entfernte sich wohlversorgt; und alles

stand wie vor wenigen Monaten, ja um so viel besser. Ihr eigenes

Verhältnis hoffte Charlotte zu Eduard bald wiederherzustellen, und sie

legte das alles so verständig bei sich zurecht, daß sie sich nur immer

mehr in dem Wahn bestärkte: in einen frühern, beschränktern Zustand

könne man zurückkehren, ein gewaltsam Entbundenes lasse sich wieder ins

Enge bringen.

Eduard empfand indessen die Hindernisse sehr hoch, die man ihm in den

Weg legte. Er bemerkte gar bald, daß man ihn und Ottilien

auseinanderhielt, daß man ihm erschwerte, sie allein zu sprechen, ja

sich ihr zu nähern, außer in Gegenwart von mehreren; und indem er

hierüber verdrießlich war, ward er es über manches andere. Konnte er

Ottilien flüchtig sprechen, so war es nicht nur, sie seiner Liebe zu

versichern, sondern sich auch über seine Gattin, über den Hauptmann zu

beschweren. Er fühlte nicht, daß er selbst durch sein heftiges Treiben

die Kasse zu erschöpfen auf dem Wege war; er tadelte bitter Charlotten

und den Hauptmann, daß sie bei dem Geschäft gegen die erste Abrede

handelten, und doch hatte er in die zweite Abrede gewilligt, ja er

hatte sie selbst veranlaßt und notwendig gemacht.

Der Haß ist parteiisch, aber die Liebe ist es noch mehr. Auch Ottilie

entfremdete sich einigermaßen von Charlotten und dem Hauptmann. Als

Eduard sich einst gegen Ottilien über den letztern beklagte, daß er als

Freund und in einem solchen Verhältnisse nicht ganz aufrichtig handle,

versetzte Ottilie unbedachtsam: „es hat mir schon früher mißfallen, daß

er nicht ganz redlich gegen Sie ist. Ich hörte ihn einmal zu Charlotten

sagen: ‘wenn uns nur Eduard mit seiner Flötendudelei verschonte! Es

kann daraus nichts werden und ist für die Zuhörer so lästig.’ Sie

können denken, wie mich das geschmerzt hat, da ich Sie so gern

akkompagniere“.

Kaum hatte sie es gesagt, als ihr schon der Geist zuflüsterte, daß sie

hätte schweigen sollen; aber es war heraus. Eduards Gesichtszüge

verwandelten sich. Nie hatte ihn etwas mehr verdrossen; er war in

seinen liebsten Forderungen angegriffen, er war sich eines kindlichen

Strebens ohne die mindeste Anmaßung bewußt. Was ihn unterhielt, was ihn

erfreute, sollte doch mit Schonung von Freunden behandelt werden. Er

dachte nicht, wie schrecklich es für einen Dritten sei, sich die Ohren

durch ein unzulängliches Talent verletzen zu lassen. Er war beleidigt,

wütend, um nicht wieder zu vergeben. Er fühlte sich von allen Pflichten

losgesprochen.

Die Notwendigkeit, mit Ottilien zu sein, sie zu sehen, ihr etwas

zuzuflüstern, ihr zu vertrauen, wuchs mit jedem Tage. Er entschloß

sich, ihr zu schreiben, sie um einen geheimen Briefwechsel zu bitten.

Das Streifchen Papier, worauf er dies lakonisch genug getan hatte, lag

auf dem Schreibtisch und ward vom Zugwind heruntergeführt, als der

Kammerdiener hereintrat, ihm die Haare zu kräuseln. Gewöhnlich, um die

Hitze des Eisens zu versuchen, bückte sich dieser nach Papierschnitzeln

auf der Erde; diesmal ergriff er das Billet, zwickte es eilig, und es

war versengt. Eduard, den Mißgriff bemerkend, riß es ihm aus der Hand.

Bald darauf setzte er sich hin, es noch einmal zu schreiben; es wollte

nicht ganz so zum zweitenmal aus der Feder. Er fühlte einiges Bedenken,

einige Besorgnis, die er jedoch überwand. Ottilien wurde das Blättchen

in die Hand gedrückt, den ersten Augenblick, wo er sich ihr nähern

konnte.

Ottilie versäumte nicht, ihm zu antworten. Ungelesen steckte er das

Zettelchen in die Weste, die, modisch kurz, es nicht gut verwahrte. Es

schob sich heraus und fiel, ohne von ihm bemerkt zu werden, auf den

Boden. Charlotte sah es und hob es auf und reichte es ihm mit einem

flüchtigen Überblick. „Hier ist etwas von deiner Hand“, sagte sie, „das

du vielleicht ungern verlörest“.

Er war betroffen. ‘Verstellt sie sich?’ dachte er. ‘Ist sie den Inhalt

des Blättchens gewahr worden, oder irrt sie sich an der Ähnlichkeit der

Hände?’ Er hoffte, er dachte das letztre. Er war gewarnt, doppelt

gewarnt; aber diese sonderbaren, zufälligen Zeichen, durch die ein

höheres Wesen mit uns zu sprechen scheint, waren seiner Leidenschaft

unverständlich; vielmehr, indem sie ihn immer weiter führte, empfand er

die Beschränkung, in der man ihn zu halten schien, immer unangenehmer.

Die freundliche Geselligkeit verlor sich. Sein Herz war verschlossen,

und wenn er mit Eduard und Frau zusammenzusein genötigt war, so gelang

es ihm nicht, seine frühere Neigung zu ihnen in seinem Busen wieder

aufzufinden, zu beleben. Der stille Vorwurf, den er sich selbst

hierüber machen mußte, war ihm unbequem, und er suchte sich durch eine

Art von Humor zu helfen, der aber, weil er ohne Liebe war, auch der

gewohnten Anmut ermangelte.

Über alle diese Prüfungen half Charlotten ihr inneres Gefühl hinweg.

Sie war sich ihres ernsten Vorsatzes bewußt, auf eine so schöne, edle

Neigung Verzicht zu tun.

Wie sehr wünschte sie, jenen beiden auch zu Hülfe zu kommen!

Entfernung, fühlte sie wohl, wird nicht allein hinreichend sein, ein

solches Übel zu heilen. Sie nimmt sich vor, die Sache gegen das gute

Kind zur Sprache zu bringen; aber sie vermag es nicht; die Erinnerung

ihres eignen Schwankens steht ihr im Wege. Sie sucht sich darüber im

allgemeinen auszudrücken; das Allgemeine paßt auch auf ihren eignen

Zustand, den sie auszusprechen scheut. Ein jeder Wink, den sie Ottilien

geben will, deutet zurück in ihr eignes Herz. Sie will warnen und

fühlt, daß sie wohl selbst noch einer Warnung bedürfen könnte.

Schweigend hält sie daher die Liebenden noch immer auseinander, und die

Sache wird dadurch nicht besser. Leise Andeutungen, die ihr manchmal

entschlüpfen, wirken auf Ottilien nicht; denn Eduard hatte diese von

Charlottens Neigung zum Hauptmann überzeugt, sie überzeugt, daß

Charlotte selbst eine Scheidung wünsche, die er nun auf eine anständige

Weise zu bewirken denke.

Ottilie, getragen durch das Gefühl ihrer Unschuld, auf dem Wege zu dem

erwünschtesten Glück, lebt nur für Eduard. Durch die Liebe zu ihm in

allem Guten gestärkt, um seinetwillen freudiger in ihrem Tun,

aufgeschlossener gegen andre, findet sie sich in einem Himmel auf

Erden.

So setzen alle zusammen, jeder auf seine Weise, das tägliche Leben

fort, mit und ohne Nachdenken; alles scheint seinen gewöhnlichen Gang

zu gehen, wie man auch in ungeheuren Fällen, wo alles auf dem Spiele

steht, noch immer so fortlebt, als wenn von nichts die Rede wäre.

Die Wahlverwandtschaften · 第 21 / 55 题