Als die Gesellschaft zum Frühstück wieder zusammenkam, hätte ein
aufmerksamer Beobachter an dem Betragen der einzelnen die
Verschiedenheit der innern Gesinnungen und Empfindungen abnehmen
können. Der Graf und die Baronesse begegneten sich mit dem heitern
Behagen, das ein Paar Liebende empfinden, die sich nach erduldeter
Trennung ihrer wechselseitigen Neigung abermals versichert halten,
dagegen Charlotte und Eduard gleichsam beschämt und ruhig dem Hauptmann
und Ottilien entgegentraten. Denn so ist die Liebe beschaffen, daß sie
allein recht zu haben glaubt und alle anderen Rechte vor ihr
verschwinden. Ottilie war kindlich heiter, nach ihrer Weise konnte man
sie offen nennen. Ernst erschien der Hauptmann; ihm war bei der
Unterredung mit dem Grafen, indem dieser alles in ihm aufregte, was
einige Zeit geruht und geschlafen hatte, nur zu fühlbar geworden, daß
er eigentlich hier seine Bestimmung nicht erfülle und im Grunde bloß in
einem halbtätigen Müßiggang hinschlendere. Kaum hatten sich die beiden
Gäste entfernt, als schon wieder neuer Besuch eintraf, Charlotten
willkommen, die aus sich selbst herauszugehen, sich zu zerstreuen
wünschte; Eduarden ungelegen, der eine doppelte Neigung fühlte, sich
mit Ottilien zu beschäftigen; Ottilien gleichfalls unerwünscht, die mit
ihrer auf morgen früh so nötigen Abschrift noch nicht fertig war. Und
so eilte sie auch, als die Fremden sich spät entfernten, sogleich auf
ihr Zimmer.
Es war Abend geworden. Eduard, Charlotte und der Hauptmann, welche die
Fremden, ehe sie sich in den Wagen setzten, eine Strecke zu Fuß
begleitet hatten, wurden einig, noch einen Spaziergang nach den Teichen
zu machen. Ein Kahn war angekommen, den Eduard mit ansehnlichen Kosten
aus der Ferne verschrieben hatte. Man wollte versuchen, ob er sich
leicht bewegen und lenken lasse.
Er war am Ufer des mittelsten Teiches nicht weit von einigen alten
Eichbäumen angebunden, auf die man schon bei künftigen Anlagen
gerechnet hatte. Hier sollte ein Landungsplatz angebracht, unter den
Bäumen ein architektonischer Ruhesitz aufgeführt werden, wonach
diejenigen, die über den See fahren, zu steuern hätten.
„Wo wird man denn nun drüben die Landung am besten anlegen?“ fragte
Eduard. „Ich sollte denken, bei meinen Platanen“.
„Sie stehen ein wenig zu weit rechts“, sagte der Hauptmann. „Landet man
weiter unten, so ist man dem Schlosse näher; doch muß man es
überlegen“.
Der Hauptmann stand schon im Hinterteile des Kahns und hatte ein Ruder
ergriffen. Charlotte stieg ein, Eduard gleichfalls und faßte das andre
Ruder; aber als er eben im Abstoßen begriffen war, gedachte er
Ottiliens, gedachte, daß ihn diese Wasserfahrt verspäten, wer weiß erst
wann zurückführen würde. Er entschloß sich kurz und gut, sprang wieder
ans Land, reichte dem Hauptmann das andre Ruder und eilte, sich
flüchtig entschuldigend, nach Hause.
Dort vernahm er, Ottilie habe sich eingeschlossen, sie schreibe. Bei
dem angenehmen Gefühle, daß sie für ihn etwas tue, empfand er das
lebhafteste Mißbehagen, sie nicht gegenwärtig zu sehen. Seine Ungeduld
vermehrte sich mit jedem Augenblicke. Er ging in dem großen Saale auf
und ab, versuchte allerlei, und nichts vermochte seine Aufmerksamkeit
zu fesseln. Sie wünschte er zu sehen, allein zu sehen, ehe noch
Charlotte mit dem Hauptmann zurückkäme. Es ward Nacht, die Kerzen
wurden angezündet.
Endlich trat sie herein, glänzend von Liebenswürdigkeit. Das Gefühl,
etwas für den Freund getan zu haben, hatte ihr ganzes Wesen über sich
selbst gehoben. Sie legte das Original und die Abschrift vor Eduard auf
den Tisch. „Wollen wir kollationieren?“ sagte sie lächelnd. Eduard
wußte nicht, was er erwidern sollte. Er sah sie an, er besah die
Abschrift. Die ersten Blätter waren mit der größten Sorgfalt, mit einer
zarten weiblichen Hand geschrieben, dann schienen sich die Züge zu
verändern, leichter und freier zu werden; aber wie erstaunt war er, als
er die letzten Seiten mit den Augen überlief! „Um Gottes willen!“ rief
er aus, „was ist das? Das ist meine Hand!“ Er sah Ottilien an und
wieder auf die Blätter, besonders der Schluß war ganz, als wenn er ihn
selbst geschrieben hätte. Ottilie schwieg, aber sie blickte ihm mit der
größten Zufriedenheit in die Augen. Eduard hob seine Arme empor: „du
liebst mich!“ rief er aus, „Ottilie, du liebst mich!“ und sie hielten
einander umfaßte. Wer das andere zuerst ergriffen, wäre nicht zu
unterscheiden gewesen.
Von diesem Augenblick an war die Welt für Eduarden umgewendet, er nicht
mehr, was er gewesen, die Welt nicht mehr, was sie gewesen. Sie standen
voreinander, er hielt ihre Hände, sie sahen einander in die Augen, im
Begriff, sich wieder zu umarmen.
Charlotte mit dem Hauptmann trat herein. Zu den Entschuldigungen eines
längeren Außenbleibens lächelte Eduard heimlich. ‘O wie viel zu früh
kommt ihr!’ sagte er zu sich selbst.
Sie setzten sich zum Abendessen. Die Personen des heutigen Besuchs
wurden beurteilt. Eduard, liebevoll aufgeregt, sprach gut von einem
jeden, immer schonend, oft billigend. Charlotte, die nicht durchaus
seiner Meinung war, bemerkte diese Stimmung und scherzte mit ihm, daß
er, der sonst über die scheidende Gesellschaft immer das strengste
Zungengericht ergehen lasse, heute so mild und nachsichtig sei.
Mit Feuer und herzlicher Überzeugung rief Eduard: „man muß nur Ein
Wesen recht von Grund aus lieben, da kommen einem die Übrigen alle
liebenswürdig vor!“ Ottilie schlug die Augen nieder, und Charlotte sah
vor sich hin.
Der Hauptmann nahm das Wort und sagte:“ mit den Gefühlen der
Hochachtung, der Verehrung ist es doch auch etwas Ähnliches. Man
erkennt nur erst das Schätzenswerte in der Welt, wenn man solche
Gesinnungen an Einem Gegenstande zu üben Gelegenheit findet“.
Charlotte suchte bald in ihr Schlafzimmer zu gelangen, um sich der
Erinnerung dessen zu überlassen, was diesen Abend zwischen ihr und dem
Hauptmann vorgegangen war.
Als Eduard ans Ufer springend den Kahn vom Lande stieß, Gattin und
Freund dem schwankenden Element selbst überantwortete, sah nunmehr
Charlotte den Mann, um den sie im stillen schon soviel gelitten hatte,
in der Dämmerung vor sich sitzen und durch die Führung zweier Ruder das
Fahrzeug in beliebiger Richtung fortbewegen. Sie empfand eine tiefe,
selten gefühlte Traurigkeit. Das Kreisen des Kahns, das Plätschern der
Ruder, der über den Wasserspiegel hinschauernde Wildhauch, das Säuseln
der Rohre, das letzte Schweben der Vögel, das Blinken und Widerblinken
der ersten Sterne: alles hatte etwas Geisterhaftes in dieser
allgemeinen Stille. Es schien ihr, der Freund führe sie weit weg, um
sie auszusetzen, sie allein zu lassen. Eine wunderbare Bewegung war in
ihrem Innern, und sie konnte nicht weinen.
Der Hauptmann beschrieb ihr unterdessen, wie nach seiner Absicht die
Anlagen werden sollten. Er rühmte die guten Eigenschaften des Kahns,
daß er sich leicht mit zwei Rudern von einer Person bewegen und
regieren lasse. Sie werde das selbst lernen, es sei eine angenehme
Empfindung, manchmal allein auf dem Wasser hinzuschwimmen und sein
eigner Fähr- und Steuermann zu sein.
Bei diesen Worten fiel der Freundin die bevorstehende Trennung aufs
Herz. ‘Sagt er das mit Vorsatz?’ dachte sie bei sich selbst. ‘Weiß er
schon davon? Vermutet ers? Oder sagt er es zufällig, so daß er mir
bewußtlos mein Schicksal vorausverkündigt?’ Es ergriff sie eine große
Wehmut, eine Ungeduld; sie bat ihn, baldmöglichst zu landen und mit ihr
nach dem Schlosse zurückzukehren.
Es war das erstemal, daß der Hauptmann die Teiche befuhr, und ob er
gleich im allgemeinen ihre Tiefe untersucht hatte, so waren ihm doch
die einzelnen Stellen unbekannt. Dunkel fing es an zu werden; er
richtete seinen Lauf dahin, wo er einen bequemen Ort zum Aussteigen
vermutete und den Fußpfad nicht entfernt wußte, der nach dem Schlosse
führte. Aber auch von dieser Bahn wurde er einigermaßen abgelenkt, als
Charlotte mit einer Art von Angstlichkeit den Wunsch wiederholte, bald
am Lande zu sein. Er näherte sich mit erneuten Anstrengungen dem Ufer,
aber leider fühlte er sich in einiger Entfernung davon angehalten; er
hatte sich festgefahren, und seine Bemühungen, wieder loszukommen,
waren vergebens. Was war zu tun? Ihm blieb nichts übrig, als in das
Wasser zu steigen, das seicht genug war, und die Freundin an das Land
zu tragen. Glücklich brachte er die liebe Bürde hinüber, stark genug,
um nicht zu schwanken oder ihr einige Sorgen zu geben; aber doch hatte
sie ängstlich ihre Arme um seinen Hals geschlungen. Er hielt sie fest
und drückte sie an sich. Erst auf einem Rasenabhang ließ er sie nieder,
nicht ohne Bewegung und Verwirrung. Sie lag noch an seinem Halse; er
schloß sie aufs neue in seine Arme und drückte einen lebhaften Kuß auf
ihre Lippen; aber auch im Augenblick lag er zu ihrem Füßen, drückte
seinen Mund auf ihre Hand und rief: „Charlotte, werden Sie mir
vergeben?“
Der Kuß, den der Freund gewagt, den sie ihm beinahe zurückgegeben,
brachte Charlotten wieder zu sich selbst. Sie drückte seine Hand, aber
sie hob ihn nicht auf. Doch indem sie sich zu ihm hinunterneigte und
eine Hand auf seine Schultern legte, rief sie aus: „daß dieser
Augenblick in unserm Leben Epoche mache, können wir nicht verhindern;
aber daß sie unser wert sei, hängt von uns ab. Sie müssen scheiden,
lieber Freund, und Sie werden scheiden. Der Graf macht Anstalt, Ihr
Schicksal zu verbessern; es freut und schmerzt mich. Ich wollte es
verschweigen, bis es gewiß wäre; der Augenblick nötigt mich, dies
Geheimnis zu entdecken. Nur insofern kann ich Ihnen, kann ich mir
verzeihen, wenn wir den Mut haben, unsre Lage zu ändern, da es von uns
nicht abhängt, unsre Gesinnung zu ändern“. Sie hub ihn auf und ergriff
seinen Arm, um sich darauf zu stützen, und so kamen sie stillschweigend
nach dem Schlosse.
Nun aber stand sie in ihrem Schlafzimmer, wo sie sich als Gattin
Eduards empfinden und betrachten mußte. Ihr kam bei diesen
Widersprüchen ihr tüchtiger und durchs Leben mannigfaltig geübter
Charakter zu Hülfe. Immer gewohnt, sich ihrer selbst bewußt zu sein,
sich selbst zu gebieten, ward es ihr auch jetzt nicht schwer, durch
ernste Betrachtung sich dem erwünschten Gleichgewichte zu nähern; ja
sie mußte über sich selbst lächeln, indem sie des wunderlichen
Nachtbesuches gedachte. Doch schnell ergriff sie eine seltsame Ahnung,
ein freudig bängliches Erzittern, das in fromme Wünsche und Hoffnungen
sich auflöste. Gerührt kniete sie nieder, sie wiederholte den Schwur,
den sie Eduarden vor dem Altar getan. Freundschaft, Neigung, Entsagen
gingen vor ihr in heitern Bildern vorüber. Sie fühlte sich innerlich
wiederhergestellt. Bald ergreift sie eine süße Müdigkeit und ruhig
schläft sie ein.