Eduard begleitete den Grafen auf sein Zimmer und ließ sich recht gern
durchs Gespräch verführen, noch eine Zeitlang bei ihm zu bleiben. Der
Graf verlor sich in vorige Zeiten, gedachte mit Lebhaftigkeit an die
Schönheit Charlottens, die er als ein Kenner mit vielem Feuer
entwickelte:“ ein schöner Fuß ist eine große Gabe der Natur. Diese
Anmut ist unverwünstlich. Ich habe sie heute im Gehen Beobachtet; noch
immer möchte man ihren Schuh küssen und die zwar etwas barbarische,
aber doch tief gefühlte Ehrenbezeugung der Aarmaten wiederholen, die
sich nichts Besseres kennen, als aus dem Schuh einer geliebten und
verehrten Person ihre Gesundheit zu trinken“.
Die Spitze des Fußes blieb nicht allein der Gegenstand des Lobes unter
zwei vertrauten Männern. Sie gingen von der Person auf alte Geschichten
und Abenteuer zurück und kamen auf die Hindernisse, die man ehemals den
Zusammenkünften dieser beiden Liebenden entgegengesetzt, welche Mühe
sie sich gegeben, welche Kunstgriffe sie erfunden, nur um sich sagen zu
können, daß sie sich liebten.
„Erinnerst du dich“, fuhr der Graf fort, „welch Abenteuer ich dir recht
freundschaftlich und uneigennützig bestehen helfen, als unsre höchsten
Herrschaften ihren Oheim besuchten und auf dem weitläufigen Schlosse
zusammenkamen? Der Tag war in Feierlichkeiten und Feierkleidern
hingegangen; ein Teil der Nacht sollte wenigstens unter freiem,
liebevollem Gespräch verstreichen“.
„Den Hinweg zu dem Quartier der Hofdamen hatten Sie sich wohl gemerkt“,
sagte Eduard. „Wir gelangten glücklich zu meiner Geliebten“.
„Die“, versetzte der Graf, „mehr an den Anstand als an meine
Zufriedenheit gedacht und eine sehr häßliche Ehrenwächterin bei sich
behalten hatte; da mir denn, indessen ihr euch mit Blicken und Worten
sehr gut unterhieltet, ein höchst unerfreuliches Los zuteil ward“.
„Ich habe mich noch gestern“, versetzte Eduard, „als Sie sich anmelden
ließen, mit meiner Frau an die Geschichte erinnert, besonders an unsern
Rückzug. Wir verfehlten den Weg und kamen an den Vorsaal der Garden.
Weil wir uns nun von da recht gut zu finden wußten, so glaubten wir
auch hier ganz ohne Bedenken hindurch und an dem Posten, wie an den
Übrigen, vorbei gehen zu können. Aber wie groß war beim Eröffnen der
Türe unsere Verwunderung! Der Weg war mit Matratzen verlegt, auf denen
die Riesen in mehreren Reihen ausgestreckt lagen und schliefen. Der
einzige Wachende auf dem Posten sah uns verwundert an; wir aber, im
jugendlichen Mut und Mutwillen, stiegen ganz gelassen über die
ausgestreckten Stiefel weg, ohne daß auch nur einer von diesen
schnarchenden Enakskindern erwacht wäre“.
„Ich hatte große Lust zu stolpern“, sagte der Graf, „damit es Lärm
gegeben hätte; denn welch eine seltsame Auferstehung würden wir gesehen
haben!“
In diesem Augenblick schlug die Schloßglocke zwölf.
„Es ist hoch Mitternacht“, sagte der Graf lächelnd, „und eben gerechte
Zeit. Ich muß Sie, lieber Baron, um eine Gefälligkeit bitten: führen
Sie mich heute, wie ich Sie damals führte; ich habe der Baronesse das
Versprechen gegeben, sie noch zu besuchen. Wir haben uns den ganzen Tag
nicht allein gesprochen, wir haben uns solange nicht gesehen, und
nichts ist natürlicher, als daß man sich nach einer vertraulichen
Stunde sehnt. Zeigen Sie mir den Hinweg, den Rückweg will ich schon
finden, und auf alle Fälle werde ich über keine Stiefel wegzustolpern
haben“.
„Ich will Ihnen recht gern diese gastliche Gefälligkeit erzeigen“,
versetzte Eduard; „nur sind die drei Frauenzimmer drüben zusammen auf
dem Flügel. Wer weiß, ob wir sie nicht noch beieinander finden, oder
was wir sonst für Händel anrichten, die irgendein wunderliches Ansehn
gewinnen“.
„Nur ohne Sorge!“ sagte der Graf; „die Baronesse erwartet mich. Sie ist
um diese Zeit gewiß auf ihrem Zimmer und allein“.
„Die Sache ist übringens leicht“, versetzte Eduard und nahm ein Licht,
dem Grafen vorleuchtend eine geheime Treppe hinunter, die zu einem
langen Gang führte. Am Ende desselben öffnete Eduard eine kleine Türe.
Sie erstiegen eine Wendeltreppe; oben auf einem engen Ruheplatz deutete
Eduard dem Grafen, dem er das Licht in die Hand gab, nach einer
Tapetentüre rechts, die beim ersten Versuch sogleich sich öffnete, den
Grafen aufnahm und Eduarden in dem dunklen Raum zurückließ.
Eine andre Türe links ging in Charlottens Schlafzimmer. Er hörte reden
und horchte. Charlotte sprach zu ihrem Kammermädchen: „ist Ottilie
schon zu Bette?“—„Nein“, versetzte jene, „sie sitzt noch unten und
schreibt“. „So zünde Sie das Nachtlicht an“, sagte Charlotte, „und gehe
Sie nur hin: es ist spät. Die Kerze will ich selbst auslöschen und für
mich zu Bette gehen“.
Eduard hörte mit Entzücken, daß Ottilie noch schreibe. ‘Sie beschäftigt
sich für mich!’ dachte er triumphierend. Durch die Finsternis ganz in
sich selbst geengt, sah er sie sitzen, schreiben; er glaubte zu ihr zu
treten, sie zu sehen, wie sie sich nach ihm umkehrte; er fühlte ein
unüberwindliches Verlangen, ihr noch einmal nahe zu sein. Von hier aber
war kein Weg in das Halbgeschoß, wo sie wohnte. Nun fand er sich
unmittelbar an seiner Frauen Türe, eine sonderbare Verwechselung ging
in seiner Seele vor; er suchte die Türe aufzudrehen, er fand sie
verschlossen, er pochte leise an, Charlotte hörte nicht.
Sie ging in dem größeren Nebenzimmer lebhaft auf und ab. Sie
wiederholte sich aber und abermals, was sie seit jenem unerwarteten
Vorschlag des Grafen oft genug bei sich um und um gewendet hatte. Der
Hauptmann schien vor ihr zu stehen. Er füllte noch das Haus, er belebte
noch die Spaziergänge, und er sollte fort, das alles sollte leer
werden! Sie sagte sich alles, was man sich sagen kann, ja sie
antizipierte, wie man gewöhnlich pflegt, den leidigen Trost, daß auch
solche Schmerzen durch die Zeit gelindert werden. Sie verwünschte die
Zeit, die es braucht, um sie zu lindern; sie verwünschte die totenhafte
Zeit, wo sie würden gelindert sein.
Da war denn zuletzt die Zuflucht zu den Tränen um so willkommner, als
sie bei ihr selten stattfand. Sie warf sich auf den Sofa und überließ
sich ganz ihrem Schmerz. Eduard seinerseits konnte von der Türe nicht
weg; er pochte nochmals, und zum drittenmal etwas stärker, sodaß
Charlotte durch die Nachtstille es ganz deutlich vernahm und erschreckt
auffuhr. Der erste Gedanke war, es könne, es müsse der Hauptmann sein;
der zweite, das sei unmöglich. Sie hielt es für Täuschung, aber sie
hatte es gehört, sie wünschte, sie fürchtete es gehört zu haben. Sie
ging ins Schlafzimmer, trat leise zu der verriegelten Tapetentür. Sie
schalt sich über ihre Furcht. Wie leicht kann die Gräfin etwas
bedürfen! sagte sie zu sich selbst und rief gefaßt und gesetzt: „ist
jemand da?“ Eine leise Stimme antwortete: „ich bins“. „Wer?“ entgegnete
Charlotte, die den Ton nicht unterscheiden konnte. Ihr stand des
Hauptmanns Gestalt vor der Tür. Etwas lauter klang es ihr entgegen:“
Eduard!“ Sie öffnete, und ihr Gemahl stand vor ihr. Er begrüßte sie mit
einem Scherz. Es ward ihr möglich, in diesem Tone fortzufahren. Er
verwickelte den rätselhaften Besuch in rätselhafte Erklärungen. „Warum
ich denn aber eigentlich komme“, sagte er zuletzt, „muß ich dir nur
gestehen. Ich habe ein Gelübde getan, heute abend noch deinen Schuh zu
küssen“.
„Das ist dir lange nicht eingefallen“, sagte Charlotte. „Desto
schlimmer“, versetzte Eduard, „und desto besser!“
Sie hatte sich in einen Sessel gesetzt, um ihre leichte Nachtkleidung
seinen Blicken zu entziehen. Er warf sich vor ihr nieder, und sie
konnte sich nicht erwehren, daß er nicht ihren Schuh küßte, und daß,
als dieser ihm in der Hand blieb, er den Fuß ergriff und ihn zärtlich
an seine Brust drückte.
Charlotte war eine von den Frauen, die, von Natur mäßig, im Ehestande
ohne Vorsatz und Anstrengung die Art und Weise der Liebhaberinnen
fortführen. Niemals reizte sie den Mann, ja seinem Verlangen kam sie
kaum entgegen; aber ohne Kälte und abstoßende Strenge glich sie immer
einer liebevollen Braut, die selbst vor dem Erlaubten noch innige Scheu
trägt. Und so fand sie Eduard diesen Abend in doppeltem Sinne. Wie
sehnlich wünschte sie den Gatten weg; denn die Luftgestalt des Freundes
schien ihr Vorwürfe zu machen. Aber das, was Eduarden hätte entfernen
sollen, zog ihn nur mehr an. Eine gewisse Bewegung war an ihr sichtbar.
Sie hatte geweint, und wenn weiche Personen dadurch meist an Anmut
verlieren, so gewinnen diejenigen dadurch unendlich, die wir gewöhnlich
als stark und gefaßt kennen. Eduard war so liebenswürdig, so
freundlich, so dringend; er bat sie, bei ihr bleiben zu dürfen, er
forderte nicht, bald ernst bald scherzhaft suchte er sie zu bereden, er
dachte nicht daran, daß er Rechte habe, und löschte zuletzt mutwillig
die Kerze aus.
In der Lampendämmerung sogleich behauptete die innre Neigung,
behauptete die Einbildungskraft ihre Rechte über das Wirkliche: Eduard
hielt nur Ottilien in seinen Armen, Charlotten schwebte der Hauptmann
näher oder ferner vor der Seele, und so verwebten, wundersam genug,
sich Abwesendes und Gegenwärtiges reizend und wonnevoll durcheinander.
Und doch läßt sich die Gegenwart ihr ungeheures Recht nicht rauben. Sie
brachten einen Teil der Nacht unter allerlei Gesprächen und Scherzen
zu, die um desto freier waren, als das Herz leider keinen Teil daran
nahm. Aber als Eduard des andern Morgens an dem Busen seiner Frau
erwachte, schien ihm der Tag ahnungsvoll hereinzublicken, die Sonne
schien ihm ein Verbrechen zu beleuchten; er schlich sich leise von
ihrer Seite, und sie fand sich, seltsam genug, allein, als sie
erwachte.