Zehntes Kapitel

Die Gäste waren bewillkommt und eingeführt; sie freuten sich, das Haus,

die Zimmer wieder zu betreten, wo sie früher so manchen guten Tag

erlebt und die sie eine lange Zeit nicht gesehn hatten. Höchst angenehm

war auch den Freunden ihre Gegenwart. Den Grafen sowie die Baronesse

konnte man unter jene hohen, schönen Gestalten zählen, die man in einem

mittlern Alter fast lieber als in der Jugend sieht; denn wenn ihnen

auch etwas von der ersten Blüte abgehn möchte, so erregen sie doch nun

mit der Neigung ein entschiedenes Zutrauen. Auch dieses Paar zeigte

sich höchst bequem in der Gegenwart. Ihre freie Weise, die Zustände des

Lebens zu nehmen und zu behandeln, ihre Heiterkeit und scheinbare

Unbefangenheit teilte sich sogleich mit, und ein hoher Anstand

begrenzte das Ganze, ohne daß man irgendeinen Zwang bemerkt hätte.

Diese Wirkung ließ sich augenblicks in der Gesellschaft empfinden. Die

Neueintretenden, welche unmittelbar aus der Welt kamen, wie man sogar

an ihren Kleidern, Gerätschaften und allen Umgebungen sehen konnte,

machten gewissermaßen mit unsern Freunden, ihrem ländlichen und

heimlich leidenschaftlichen Zustande eine Art von Gegensatz, der sich

jedoch sehr bald verlor, indem alte Erinnerungen und gegenwärtige

Teilnahme sich vermischten und ein schnelles, lebhaftes Gespräch alle

geschwind zusammenverband.

Es währte indessen nicht lange, als schon eine Sonderung vorging. Die

Frauen zogen sich auf ihren Flügel zurück und fanden daselbst, indem

sie sich mancherlei vertrauten und zugleich die neuesten Formen und

Zuschnitte von Frühkleidern, Hüten und derglichen zu mustern anfingen,

genugsame Unterhaltung, während die Männer sich um die neuen

Reisewagen, mit vorgeführten Pferden, beschäftigten und gleich zu

handeln und zu tauschen anfingen.

Erst zu Tische kam man wieder zusammen. Die Umkleidung war geschehen,

und auch hier zeigte sich das angekommene Paar zu seinem Vorteile.

Alles, was sie an sich trugen, war neu und gleichsam ungesehen und doch

schon durch den Gebrauch zur Gewohnheit und Bequemlichkeit eingeweiht.

Das Gespräch war lebhaft und abwechselnd, wie denn in Gegenwart solcher

Personen alles und nichts zu interessieren scheint. Man bediente sich

der französischen Sprache, um die Aufwartenden von dem Mitverständnis

auszuschließen, und schweifte mit mutwilligem Behagen über hohe und

mittlere Weltverhältnisse hin. Auf einem einzigen Punkt blieb die

Unterhaltung länger als billig haften, indem Charlotte nach einer

Jugendfreundin sich erkundigte und mit einiger Befremdung vernahm, daß

sie ehstens geschieden werden sollte.

„Es ist unerfreulich“, sagte Charlotte, „wenn man seine abwesenden

Freunde irgend einmal geborgen, eine Freundin, die man liebt, versorgt

glaubt; eh man sichs versieht, muß man wieder hören, daß ihr Schicksal

im Schwanken ist, und daß sie erst wieder neue und vielleicht abermals

unsichre Pfade des Lebens betreten soll“.

„Eigentlich, meine Beste“, versetzte der Graf, „sind wir selbst schuld,

wenn wir auf solche Weise überrascht werden. Wir mögen uns die

irdischen Dinge und besonders auch die ehlichen Verbindungen gern so

recht dauerhaft vorstellen, und was den letzten Punkt betrifft, so

verführen uns die Lustspiele, die wir immer wiederholen sehen, zu

solchen Einbildungen, die mit dem Gange der Welt nicht zusammentreffen.

In der Komödie sehen wir eine Heirat als das letzte Ziel eines durch

die Hindernisse mehrerer Akte verschobenen Wunsches, und im Augenblick,

da er erreicht ist, fällt der Vorhang, und die momentane Befriedigung

klingt bei uns nach. In der Welt ist es anders; da wird hinten immer

fortgespielt, und wenn der Vorhang wieder aufgeht, mag man gern nichts

weiter davon sehen noch hören“.

„Es muß doch so schlimm nicht sein“, sagte Charlotte lächelnd, „da man

sieht, daß auch Personen, die von diesem Theater abgetreten sind, wohl

gern darauf wieder eine Rolle spielen mögen“.

„Dagegen ist nichts einzuwenden“, sagte der Graf. „Eine neue Rolle mag

man gern wieder übernehmen, und wenn man die Welt kennt, so sieht man

wohl: auch bei dem Ehestande ist es nur diese entschiedene, ewige Dauer

zwischen soviel Beweglichem in der Welt, die etwas Ungeschicktes an

sich trägt. Einer von meinen Freunden, dessen gute Laune sich meist in

Vorschlägen zu neuen Gesetzen hervortat, behauptet: eine jede Ehe solle

nur auf fünf Jahre geschlossen werden. Es sei, sagte er, dies eine

schöne, ungrade, heilige Zahl und ein solcher Zeitraum eben

hinreichend, um sich kennenzulernen, einige Kinder heranzubringen, sich

zu entzweien und, was das Schönste sei, sich wieder zu versöhnen.

Gewöhnlich rief er aus: ‘wie glücklich würde die erste Zeit

verstreichen! Zwei, drei Jahre wenigstens gingen vergnüglich hin. Dann

würde doch wohl dem einen Teil daran gelegen sein, das Verhältnis

länger dauern zu sehen, die Gefälligkeit würde wachsen, je mehr man

sich dem Termin der Aufkündigung näherte. Der gleichgültige, ja selbst

der unzufriedene Teil würde durch ein solches Betragen begütigt und

eingenommen. Man vergäße, wie man in guter Gesellschaft die Stunden

vergißt, daß die Zeit verfließe, und fände sich aufs angenehmste

überrascht, wenn man nach verlaufenem Termin erst bemerkte, daß er

schon stillschweigend verlängert sei“.

So artig und lustig dies klang und so gut man, wie Charlotte wohl

empfand, diesem Scherz eine tiefe moralische Deutung geben konnte, so

waren ihr dergleichen Äußerungen, besonders um Ottiliens willen, nicht

angenehm. Sie wußte recht gut, daß nichts gefährlicher sei als ein

allzufreies Gespräch, das einen strafbaren oder halbstrafbaren Zustand

als einen gewöhnlichen, gemeinen, ja löblichen bahandelt; und dahin

gehört doch gewiß alles, was die eheliche Verbindung antastet. Sie

suchte daher nach ihrer gewandten Weise das Gespräch abzulenken; da sie

es nicht vermochte, tat es ihr leid, daß Ottilie alles so gut

eingerichtet hatte, um nicht aufstehen zu dürfen. Das ruhig aufmerksame

Kind verstand sich mit dem Haushofmeister durch Blick und Wink, daß

alles auf das trefflichste geriet, obgleich ein paar neue, ungeschickte

Bedienten in der livree staken.

Und so fuhr der Graf, Charlottens Ablenken nicht empfindend, über

diesen Gegenstand sich zu äußern fort. Ihm, der sonst nicht gewohnt

war, im Gespräch irgend lästig zu sein, lastete diese Sache zu sehr auf

dem Herzen, und die Schwierigkeiten, sich von seiner Gemahlin getrennt

zu sehen, machten ihn bitter gegen alles, was eheliche Verbindung

betraf, die er doch selbst mit der Baronesse so eifrig wünschte.

„Jener Freund“, so fuhr er fort, „tat noch einen andern

Gesetzvorschlag: eine Ehe sollte nur alsdann für unauflöslich gehalten

werden, wenn entweder beide Teile oder wenigstens der eine Teil zum

drittenmal verheiratet wäre. Denn was eine solche Person betreffe, so

bekenne sie unwidersprechlich, daß sie die Ehe für etwas

Unentbehrliches halte. Nun sei auch schon bekannt geworden, wie sie

sich in ihren frühern Verbindungen betragen, ob sie Eigenheiten habe,

die oft mehr zur Trennung Anlaß geben als üble Eigenschaften. Man habe

sich also wechselseitig zu erkundigen; man habe ebensogut auf

Verheiratete wie auf Unverheiratete achtzugeben, weil man nicht wisse,

wie die Fälle kommen können“.

„Das würde freilich das Interesse der Gesellschaft sehr vermehren“,

sagte Eduard; „denn in der Tat jetzt, wenn wir verheiratet sind, fragt

niemand weiter mehr nach unsern Tugenden noch unsern Mängeln“.

„Bei einer solchen Einrichtung“, fiel die Baronesse lächelnd ein,

„hätten unsere lieben Wirte schon zwei Stufen glücklich überstiegen und

könnten sich zu der dritten vorbereiten“.

„Ihnen ists wohl geraten“, sagte der Graf; „hier hat der Tod willig

getan, was die Konsistorien sonst nur ungern zu tun pflegen“.

„Lassen wir die Toten ruhen“, versetzte Charlotte mit einem halb

ernsten Blicke.

„Warum?“ versetzte der Graf, „da man ihrer in Ehren gedenken kann. Sie

waren bescheiden genug, sich mit einigen Jahren zu begnügen für

mannigfaltiges Gute, das sie zurückließen“.

„Wenn nur nicht gerade“, sagte die Baronesse mit einem verhaltenen

Seufzer, „in solchen Fällen das Opfer der besten Jahre gebracht werden

müßte!“

„Jawohl“, versetzte der Graf, „man müßte darüber verzweifeln, wenn

nicht überhaupt in der Welt so weniges eine gehoffte Folge zeigte.

Kinder halten nicht, was sie versprechen, junge Leute sehr selten, und

wenn sie Wort halten, hält es ihnen die Welt nicht“.

Charlotte, welche froh war, daß das Gespräch sich wendete, versetzte

heiter:“ nun! Wir müssen uns ja ohnehin bald genug gewöhnen, das Gute

stück- und teilweise zu genießen“.

„Gewiß“, versetzte der Graf, „Sie haben beide sehr schöner Zeiten

genossen. Wenn ich mir die Jahre zurückerinnere, da Sie und Eduard das

schönste Paar bei Hof waren; weder von so glänzenden Zeiten noch von so

hervorleuchtenden Gestalten ist jetzt die Rede mehr. Wenn Sie beide

zusammen tanzten, aller Augen waren auf Sie gerichtet, und wie umworben

beide, indem Sie sich nur ineinander bespiegelten!“

„Da sich so manches verändert hat“, sagte Charlotte, „können wir wohl

soviel Schönes mit Bescheidenheit anhören“.

„Eduarden habe ich doch oft im stillen getadelt“, sagte der Graf, „daß

er nicht beharrlicher war; denn am Ende hätten seine wunderlichen

Eltern wohl nachgegeben; und zehn frühe Jahre gewinnen ist keine

Kleinigkeit“.

„Ich muß mich seiner anehmen“, fiel die Baronesse ein. „Charlotte war

nicht ganz ohne Schuld, nicht ganz rein von allem Umhersehen, und ob

sie gleich Eduarden von Herzen liebte und sich ihn auch heimlich zum

Gatten bestimmte, so war ich doch Zeuge, wie sehr sie ihn manchmal

quälte, sodaß man ihn leicht zu dem unglücklichen Entschluß drängen

konnte, zu reisen, sich zu entfernen, sich von ihr zu entwöhnen“.

Eduard nickte der Baronesse zu und schien dankbar für ihre Fürsprache.

„Und dann muß ich eins“, fuhr sie fort, „zu Charlottens Entschuldigung

beifügen: der Mann, der zu jener Zeit um sie warb, hatte sich schon

lange durch Neigung zu ihr ausgezeichnet und war, wenn man ihn näher

kannte, gewiß liebenswürdiger, als ihr andern gern zugestehen mögt“.

„Liebe Freundin“, versetzte der Graf etwas lebhaft, „bekennen wir nur,

daß er Ihnen nicht ganz gleichgültig war, und daß Charlotte von Ihnen

mehr zu befürchten hatte als von einer andern. Ich finde das einen sehr

hübschen Zug an den Frauen, daß sie ihre Anhänglichkeit an irgendeinen

Mann solange noch fortsetzen, ja durch keine Art von Trennung stören

oder aufheben lassen“.

„Diese gute Eigenschaft besitzen vielleicht die Männer noch mehr“,

versetzte die Baronesse; „wenigstens an Ihnen lieber Graf, habe ich

bemerkt, daß niemand mehr Gewalt über Sie hat als ein Frauenzimmer, dem

Sie früher geneigt waren. So habe ich gesehen, daß Sie auf die

Fürsprache einer solchen sich mehr Mühe gaben, um etwas auszuwirken,

als vielleicht die Freundin des Augenblicks von Ihnen erlangt hätte“.

„Einen solchen Vorwurf darf man sich wohl gefallen lassen“, versetzte

der Graf; „doch was Charlottens ersten Gemahl betrifft, so konnte ich

ihn deshalb nicht leiden, weil er mir das schöne Paar

auseinandersprengte, ein wahrhaft prädestiniertes Paar, das, einmal

zusammengegeben, weder fünf Jahre zu scheuen, noch auf eine zweite oder

gar dritte Verbindung hinzusehen brauchte“.

„Wir wollen versuchen“, sagte Charlotte, „wieder einzubringen, was wir

versäumt haben“.

„Da müssen Sie sich dazuhalten“, sagte der Graf. „Ihre ersten

Heiraten“, fuhr er mit einiger Heftigkeit fort, „waren doch so

eigentlich rechte Heiraten von der verhaßten Art, und leider haben

überhaupt die Heiraten—verzeihen Sie mir einen lebhafteren

Ausdruck—etwas Tölpelhaftes; sie verderben die zartesten Verhältnisse,

und es liegt doch eigentlich nur an der plumpen Sicherheit, auf die

sich wenigstens ein Teil etwas zugute tut. Alles versteht sich von

selbst, und man scheint sich nur verbunden zu haben, damit eins wie das

andere nunmehr seiner Wege gehe“.

In diesem Augenblick machte Charlotte, die ein für allemal dies

Gespräch abbrechen wollte, von einer kühnen Wendung Gebrauch; es gelang

ihr. Die Unterhaltung ward allgemeiner, die beiden Gatten und der

Hauptmann konnten daran teilnehmen; selbst Ottilie ward veranlaßt sich

zu äußern, und der Nachtisch ward mit der besten Stimmung genossen,

woran der in zierlichen Fruchtkörben aufgestellte Obstreichtum, die

bunteste, in Prachtgefäßen schön verteilte Blumenfülle den

vorzüglichsten Anteil hatte.

Auch die neuen Parkanlagen kamen zur Sprache, die man sogleich nach

Tische besuchte. Ottilie zog sich unter dem Vorwande häuslicher

Beschäftigung zurück; eigentlich aber setzte sie sich nieder zur

Abschrift. Der Graf wurde von dem Hauptmann unterhalten; später

gesellte sich Charlotte zu ihm. Als sie oben auf die Höhe gelangt waren

und der Hauptmann gefällig hinuntereilte, um den Plan zu holen, sagte

der Graf zu Charlotten: „Dieser Mann gefällt mir außerordentlich. Er

ist sehr wohl und im Zusammenhang unterrichtet. Ebenso scheint seine

Tätigkeit sehr ernst und folgerecht. Was er hier leistet, würde in

einem höhern Kreise von viel Bedeutung sein“.

Charlotte vernahm des Hauptmanns Lob mit innigem Behagen. Sie faßte

sich jedoch und bekräftigte das Gesagte mit Ruhe und Klarheit. Wie

überrascht war sie aber, als der Graf fortfuhr: „diese Bekanntschaft

kommt mir sehr zu gelegener Zeit. Ich weiß eine Stelle, an die der Mann

vollkommen paßt, und ich kann mir durch eine solche Empfehlung, indem

ich ihn glücklich mache, einen hohen Freund auf das allerbeste

verbinden“.

Es war wie ein Donnerschlag, der auf Charlotten herabfiel. Der Graf

bemerkte nichts; denn die Frauen, gewohnt, sich jederzeit zu bändigen,

behalten in den außerordentlichsten Fällen immer noch eine Art von

scheinbarer Fassung. Doch hörte sie schon nicht mehr, was der Graf

sagte, indem er fortfuhr: „wenn ich von etwas überzeugt bin, geht es

bei mir geschwind her. Ich habe schon meinen Brief im Kopfe

zusammengestellt, und mich drängts, ihn zu schreiben. Sie verschaffen

mir einen reitenden Boten, den ich noch heute abend wegschicken kann“.

Charlotte war innerlich zerrissen. Von diesen Vorschlägen sowie von

sich selbst überrascht, konnte sie kein Wort hervorbringen. Der Graf

fuhr glücklicherweise fort, von seinen Planen für den Hauptmann zu

sprechen, deren Günstiges Charlotten nur allzusehr in die Augen fiel.

Es war Zeit, daß der Hauptmann herauftrat und seine Rolle vor dem

Grafen entfaltete. Aber mit wie andern Augen sah sie den Freund an, den

sie verlieren sollte! Mit einer notdürftigen Verbeugung wandte sie sich

weg und eilte hinunter nach der Mooshütte. Schon auf halbem Wege

stürzten ihr die Tränen aus den Augen, und nun warf sie sich in den

engen Raum der kleinen Einsiedelei und überließ sich ganz einem

Schmerz, einer Leidenschaft, einer Verzweiflung, von deren Möglichkeit

sie wenig Augenblicke vorher auch nicht die leiseste Ahnung gehabt

hatte.

Auf der andern Seite war Eduard mit der Baronesse an den Teichen

hergegangen. Die kluge Frau, die gern von allem unterrichtet sein

mochte, bemerkte bald in einem tastenden Gespräch, daß Eduard sich zu

Ottiliens Lobe weitläufig herausließ, und wußte ihn auf eine so

natürliche Weise nach und nach in den Gang zu bringen, daß ihr zuletzt

kein Zweifel übrigblieb, hier sei eine Leidenschaft nicht auf dem Wege,

sondern wirklich angelangt.

Verheiratete Frauen, wenn sie sich auch untereinander nicht lieben,

stehen doch stillschweigend miteinander, besonders gegen junge Mädchen,

im Bündnis. Die Folgen einer solchen Zuneigung stellten sich ihrem

weltgewandten Geiste nur allzugeschwind dar. Dazu kam noch, daß sie

schon heute früh mit Charlotten über Ottilien gesprochen und den

Aufenthalt dieses Kindes auf dem Lande, besonders bei seiner stillen

Gemütsart, nicht gebilligt und den Vorschlag getan hatte, Ottilien in

die Stadt zu einer Freundin zu bringen, die sehr viel an die Erziehung

ihrer einzigen Tochter wende und sich nur nach einer gutartigen

Gespielin umsehe, die an die zweite Kindesstatt eintreten und alle

Vorteile mitgenießen solle. Charlotte hatte sichs zur Überlegung

genommen.

Nun aber brachte der Blick in Eduards Gemüt diesen Vorschlag bei der

Baronesse ganz zur vorsätzlichen Festigkeit, und um so schneller dieses

in ihr vorging, um desto mehr schmeichelte sie äußerlich Eduards

Wünschen. Denn niemand besaß sich mehr als diese Frau, und diese

Selbstbeherrschung in außerordentlichen Fällen gewöhnt uns, sogar einen

gemeinen Fall mit Verstellung zu behandeln, macht uns geneigt, indem

wir soviel Gewalt über uns selbst üben, unsre Herrschaft auch über die

andern zu verbreiten, um uns durch das, was wir äußerlich gewinnen, für

dasjenige, was wir innerlich entbehren, gewissermaßen schadlos zu

halten.

An diese Gesinnung schließt sich meist eine Art heimlicher

Schadenfreude über die Dunkelheit der andern, über das Bewußtlose,

womit sie in eine Falle gehen. Wir freuen uns nicht allein über das

gegenwärtige Gelingen, sondern zugleich auch auf die künftig

überraschende Beschämung. Und so war die Baronesse boshaft genug,

Eduarden zur Weinlese auf ihre Güter mit Charlotten einzuladen und die

Frage Eduards, ob sie Ottilien mitbringen dürften, auf eine Weise, die

er beliebig zu seinen Gunsten auslegen konnte, zu beantworten.

Eduard sprach schon mit Entzücken von der herrlichen Gegend, dem großen

Flusse, den Hügeln, Felsen und Weinbergen, von alten Schlössern, von

Wasserfahrten, von dem Jubel der Weinlese, des Kelterns und so weiter,

wobei er in der Unschuld seines Herzens sich schon zum voraus laut über

den Eindruck freute, den dergleichen Szenen auf das frische Gemüt

Ottiliens machen würden. In diesem Augenblick sah man Ottilien

herankommen, und die Baronesse sagte schnell zu Eduard, er möchte von

dieser vorhabenden Herbstreise ja nichts reden; denn gewöhnlich

geschähe das nicht, worauf man sich so lange voraus freue. Eduard

versprach, nötigte sie aber, Ottilien entgegen geschwinder zu gehen,

und eilte ihr endlich, dem lieben Kinde zu, mehrere Schritte voran.

Eine herzliche Freude drückte sich in seinem ganzen Wesen aus. Er küßte

ihr die Hand, in die er einen Strauß Feldblumen drückte, die er

unterwegs zusammengepflückt hatte. Die Baronesse fühlte sich bei diesem

Anblick in ihrem Innern fast erbittert. Denn wenn sie auch das, was an

dieser Neigung strafbar sein mochte, nicht billigen durfte, so konnte

sie das, was daran liebenswürdig und angenehm war, jenem unbedeutenden

Neuling von Mädchen keineswegs gönnen.

Als man sich zum Abendessen zusammengesetzt hatte, war eine völlig

andre Stimmung in der Gesellschaft verbreitet. Der Graf, der schon vor

Tische geschrieben und den Boten fortgeschickt hatte, unterhielt sich

mit dem Hauptmann, den er auf eine verständige und bescheidene Weise

immer mehr ausforschte, indem er ihn diesen Abend an seine Seite

gebracht hatte. Die zur Rechten des Grafen sitzende Baronesse fand von

daher wenig Unterhaltung, ebensowenig an Eduard, der, erst durstig,

dann aufgeregt, des Weines nicht schonte und sich sehr lebhaft mit

Ottilien unterhielt, die er an sich gezogen hatte, wie von der andern

Seite neben dem Hauptmann Charlotte saß, der es schwer, ja beinahe

unmöglich ward, die Bewegungen ihres Innern zu verbergen.

Die Baronesse hatte Zeit genug, Beobachtungen anzustellen. Sie bemerkte

Charlottens Unbehagen, und weil sie nur Eduards Verhältnis zu Ottilien

im Sinn hatte, so überzeugte sie sich leicht, auch Charlotte sei

bedenklich und verdrießlich über ihres Gemahls Benehmen, und überlegte,

wie sie nunmehr am besten zu ihren Zwecken gelangen könne.

Auch nach Tische fand sich ein Zwiespalt in der Gesellschaft. Der Graf,

der den Hauptmann recht ergründen wollte, brauchte bei einem so

ruhigen, keineswegs eitlen und überhaupt lakonischen Manne verschiedene

Wendungen, um zu erfahren, was er wünschte. Sie gingen miteinander an

der einen Seite des Saals auf und ab, indes Eduard, aufgeregt von Wein

und Hoffnung, mit Ottilien an einem Fenster scherzte, Charlotte und die

Baronesse aber stillschweigend an der andern Seite des Saals

nebeneinander hin und wider gingen. Ihr Schweigen und müßiges

Umherstehen brachte denn auch zuletzt eine Stockung in die übrige

Gesellschaft. Die Frauen zogen sich zurück auf ihren Flügel, die Männer

auf den andern, und so schien dieser Tag abgeschlossen.

Die Wahlverwandtschaften · 第 18 / 55 题