Die Gäste waren bewillkommt und eingeführt; sie freuten sich, das Haus,
die Zimmer wieder zu betreten, wo sie früher so manchen guten Tag
erlebt und die sie eine lange Zeit nicht gesehn hatten. Höchst angenehm
war auch den Freunden ihre Gegenwart. Den Grafen sowie die Baronesse
konnte man unter jene hohen, schönen Gestalten zählen, die man in einem
mittlern Alter fast lieber als in der Jugend sieht; denn wenn ihnen
auch etwas von der ersten Blüte abgehn möchte, so erregen sie doch nun
mit der Neigung ein entschiedenes Zutrauen. Auch dieses Paar zeigte
sich höchst bequem in der Gegenwart. Ihre freie Weise, die Zustände des
Lebens zu nehmen und zu behandeln, ihre Heiterkeit und scheinbare
Unbefangenheit teilte sich sogleich mit, und ein hoher Anstand
begrenzte das Ganze, ohne daß man irgendeinen Zwang bemerkt hätte.
Diese Wirkung ließ sich augenblicks in der Gesellschaft empfinden. Die
Neueintretenden, welche unmittelbar aus der Welt kamen, wie man sogar
an ihren Kleidern, Gerätschaften und allen Umgebungen sehen konnte,
machten gewissermaßen mit unsern Freunden, ihrem ländlichen und
heimlich leidenschaftlichen Zustande eine Art von Gegensatz, der sich
jedoch sehr bald verlor, indem alte Erinnerungen und gegenwärtige
Teilnahme sich vermischten und ein schnelles, lebhaftes Gespräch alle
geschwind zusammenverband.
Es währte indessen nicht lange, als schon eine Sonderung vorging. Die
Frauen zogen sich auf ihren Flügel zurück und fanden daselbst, indem
sie sich mancherlei vertrauten und zugleich die neuesten Formen und
Zuschnitte von Frühkleidern, Hüten und derglichen zu mustern anfingen,
genugsame Unterhaltung, während die Männer sich um die neuen
Reisewagen, mit vorgeführten Pferden, beschäftigten und gleich zu
handeln und zu tauschen anfingen.
Erst zu Tische kam man wieder zusammen. Die Umkleidung war geschehen,
und auch hier zeigte sich das angekommene Paar zu seinem Vorteile.
Alles, was sie an sich trugen, war neu und gleichsam ungesehen und doch
schon durch den Gebrauch zur Gewohnheit und Bequemlichkeit eingeweiht.
Das Gespräch war lebhaft und abwechselnd, wie denn in Gegenwart solcher
Personen alles und nichts zu interessieren scheint. Man bediente sich
der französischen Sprache, um die Aufwartenden von dem Mitverständnis
auszuschließen, und schweifte mit mutwilligem Behagen über hohe und
mittlere Weltverhältnisse hin. Auf einem einzigen Punkt blieb die
Unterhaltung länger als billig haften, indem Charlotte nach einer
Jugendfreundin sich erkundigte und mit einiger Befremdung vernahm, daß
sie ehstens geschieden werden sollte.
„Es ist unerfreulich“, sagte Charlotte, „wenn man seine abwesenden
Freunde irgend einmal geborgen, eine Freundin, die man liebt, versorgt
glaubt; eh man sichs versieht, muß man wieder hören, daß ihr Schicksal
im Schwanken ist, und daß sie erst wieder neue und vielleicht abermals
unsichre Pfade des Lebens betreten soll“.
„Eigentlich, meine Beste“, versetzte der Graf, „sind wir selbst schuld,
wenn wir auf solche Weise überrascht werden. Wir mögen uns die
irdischen Dinge und besonders auch die ehlichen Verbindungen gern so
recht dauerhaft vorstellen, und was den letzten Punkt betrifft, so
verführen uns die Lustspiele, die wir immer wiederholen sehen, zu
solchen Einbildungen, die mit dem Gange der Welt nicht zusammentreffen.
In der Komödie sehen wir eine Heirat als das letzte Ziel eines durch
die Hindernisse mehrerer Akte verschobenen Wunsches, und im Augenblick,
da er erreicht ist, fällt der Vorhang, und die momentane Befriedigung
klingt bei uns nach. In der Welt ist es anders; da wird hinten immer
fortgespielt, und wenn der Vorhang wieder aufgeht, mag man gern nichts
weiter davon sehen noch hören“.
„Es muß doch so schlimm nicht sein“, sagte Charlotte lächelnd, „da man
sieht, daß auch Personen, die von diesem Theater abgetreten sind, wohl
gern darauf wieder eine Rolle spielen mögen“.
„Dagegen ist nichts einzuwenden“, sagte der Graf. „Eine neue Rolle mag
man gern wieder übernehmen, und wenn man die Welt kennt, so sieht man
wohl: auch bei dem Ehestande ist es nur diese entschiedene, ewige Dauer
zwischen soviel Beweglichem in der Welt, die etwas Ungeschicktes an
sich trägt. Einer von meinen Freunden, dessen gute Laune sich meist in
Vorschlägen zu neuen Gesetzen hervortat, behauptet: eine jede Ehe solle
nur auf fünf Jahre geschlossen werden. Es sei, sagte er, dies eine
schöne, ungrade, heilige Zahl und ein solcher Zeitraum eben
hinreichend, um sich kennenzulernen, einige Kinder heranzubringen, sich
zu entzweien und, was das Schönste sei, sich wieder zu versöhnen.
Gewöhnlich rief er aus: ‘wie glücklich würde die erste Zeit
verstreichen! Zwei, drei Jahre wenigstens gingen vergnüglich hin. Dann
würde doch wohl dem einen Teil daran gelegen sein, das Verhältnis
länger dauern zu sehen, die Gefälligkeit würde wachsen, je mehr man
sich dem Termin der Aufkündigung näherte. Der gleichgültige, ja selbst
der unzufriedene Teil würde durch ein solches Betragen begütigt und
eingenommen. Man vergäße, wie man in guter Gesellschaft die Stunden
vergißt, daß die Zeit verfließe, und fände sich aufs angenehmste
überrascht, wenn man nach verlaufenem Termin erst bemerkte, daß er
schon stillschweigend verlängert sei“.
So artig und lustig dies klang und so gut man, wie Charlotte wohl
empfand, diesem Scherz eine tiefe moralische Deutung geben konnte, so
waren ihr dergleichen Äußerungen, besonders um Ottiliens willen, nicht
angenehm. Sie wußte recht gut, daß nichts gefährlicher sei als ein
allzufreies Gespräch, das einen strafbaren oder halbstrafbaren Zustand
als einen gewöhnlichen, gemeinen, ja löblichen bahandelt; und dahin
gehört doch gewiß alles, was die eheliche Verbindung antastet. Sie
suchte daher nach ihrer gewandten Weise das Gespräch abzulenken; da sie
es nicht vermochte, tat es ihr leid, daß Ottilie alles so gut
eingerichtet hatte, um nicht aufstehen zu dürfen. Das ruhig aufmerksame
Kind verstand sich mit dem Haushofmeister durch Blick und Wink, daß
alles auf das trefflichste geriet, obgleich ein paar neue, ungeschickte
Bedienten in der livree staken.
Und so fuhr der Graf, Charlottens Ablenken nicht empfindend, über
diesen Gegenstand sich zu äußern fort. Ihm, der sonst nicht gewohnt
war, im Gespräch irgend lästig zu sein, lastete diese Sache zu sehr auf
dem Herzen, und die Schwierigkeiten, sich von seiner Gemahlin getrennt
zu sehen, machten ihn bitter gegen alles, was eheliche Verbindung
betraf, die er doch selbst mit der Baronesse so eifrig wünschte.
„Jener Freund“, so fuhr er fort, „tat noch einen andern
Gesetzvorschlag: eine Ehe sollte nur alsdann für unauflöslich gehalten
werden, wenn entweder beide Teile oder wenigstens der eine Teil zum
drittenmal verheiratet wäre. Denn was eine solche Person betreffe, so
bekenne sie unwidersprechlich, daß sie die Ehe für etwas
Unentbehrliches halte. Nun sei auch schon bekannt geworden, wie sie
sich in ihren frühern Verbindungen betragen, ob sie Eigenheiten habe,
die oft mehr zur Trennung Anlaß geben als üble Eigenschaften. Man habe
sich also wechselseitig zu erkundigen; man habe ebensogut auf
Verheiratete wie auf Unverheiratete achtzugeben, weil man nicht wisse,
wie die Fälle kommen können“.
„Das würde freilich das Interesse der Gesellschaft sehr vermehren“,
sagte Eduard; „denn in der Tat jetzt, wenn wir verheiratet sind, fragt
niemand weiter mehr nach unsern Tugenden noch unsern Mängeln“.
„Bei einer solchen Einrichtung“, fiel die Baronesse lächelnd ein,
„hätten unsere lieben Wirte schon zwei Stufen glücklich überstiegen und
könnten sich zu der dritten vorbereiten“.
„Ihnen ists wohl geraten“, sagte der Graf; „hier hat der Tod willig
getan, was die Konsistorien sonst nur ungern zu tun pflegen“.
„Lassen wir die Toten ruhen“, versetzte Charlotte mit einem halb
ernsten Blicke.
„Warum?“ versetzte der Graf, „da man ihrer in Ehren gedenken kann. Sie
waren bescheiden genug, sich mit einigen Jahren zu begnügen für
mannigfaltiges Gute, das sie zurückließen“.
„Wenn nur nicht gerade“, sagte die Baronesse mit einem verhaltenen
Seufzer, „in solchen Fällen das Opfer der besten Jahre gebracht werden
müßte!“
„Jawohl“, versetzte der Graf, „man müßte darüber verzweifeln, wenn
nicht überhaupt in der Welt so weniges eine gehoffte Folge zeigte.
Kinder halten nicht, was sie versprechen, junge Leute sehr selten, und
wenn sie Wort halten, hält es ihnen die Welt nicht“.
Charlotte, welche froh war, daß das Gespräch sich wendete, versetzte
heiter:“ nun! Wir müssen uns ja ohnehin bald genug gewöhnen, das Gute
stück- und teilweise zu genießen“.
„Gewiß“, versetzte der Graf, „Sie haben beide sehr schöner Zeiten
genossen. Wenn ich mir die Jahre zurückerinnere, da Sie und Eduard das
schönste Paar bei Hof waren; weder von so glänzenden Zeiten noch von so
hervorleuchtenden Gestalten ist jetzt die Rede mehr. Wenn Sie beide
zusammen tanzten, aller Augen waren auf Sie gerichtet, und wie umworben
beide, indem Sie sich nur ineinander bespiegelten!“
„Da sich so manches verändert hat“, sagte Charlotte, „können wir wohl
soviel Schönes mit Bescheidenheit anhören“.
„Eduarden habe ich doch oft im stillen getadelt“, sagte der Graf, „daß
er nicht beharrlicher war; denn am Ende hätten seine wunderlichen
Eltern wohl nachgegeben; und zehn frühe Jahre gewinnen ist keine
Kleinigkeit“.
„Ich muß mich seiner anehmen“, fiel die Baronesse ein. „Charlotte war
nicht ganz ohne Schuld, nicht ganz rein von allem Umhersehen, und ob
sie gleich Eduarden von Herzen liebte und sich ihn auch heimlich zum
Gatten bestimmte, so war ich doch Zeuge, wie sehr sie ihn manchmal
quälte, sodaß man ihn leicht zu dem unglücklichen Entschluß drängen
konnte, zu reisen, sich zu entfernen, sich von ihr zu entwöhnen“.
Eduard nickte der Baronesse zu und schien dankbar für ihre Fürsprache.
„Und dann muß ich eins“, fuhr sie fort, „zu Charlottens Entschuldigung
beifügen: der Mann, der zu jener Zeit um sie warb, hatte sich schon
lange durch Neigung zu ihr ausgezeichnet und war, wenn man ihn näher
kannte, gewiß liebenswürdiger, als ihr andern gern zugestehen mögt“.
„Liebe Freundin“, versetzte der Graf etwas lebhaft, „bekennen wir nur,
daß er Ihnen nicht ganz gleichgültig war, und daß Charlotte von Ihnen
mehr zu befürchten hatte als von einer andern. Ich finde das einen sehr
hübschen Zug an den Frauen, daß sie ihre Anhänglichkeit an irgendeinen
Mann solange noch fortsetzen, ja durch keine Art von Trennung stören
oder aufheben lassen“.
„Diese gute Eigenschaft besitzen vielleicht die Männer noch mehr“,
versetzte die Baronesse; „wenigstens an Ihnen lieber Graf, habe ich
bemerkt, daß niemand mehr Gewalt über Sie hat als ein Frauenzimmer, dem
Sie früher geneigt waren. So habe ich gesehen, daß Sie auf die
Fürsprache einer solchen sich mehr Mühe gaben, um etwas auszuwirken,
als vielleicht die Freundin des Augenblicks von Ihnen erlangt hätte“.
„Einen solchen Vorwurf darf man sich wohl gefallen lassen“, versetzte
der Graf; „doch was Charlottens ersten Gemahl betrifft, so konnte ich
ihn deshalb nicht leiden, weil er mir das schöne Paar
auseinandersprengte, ein wahrhaft prädestiniertes Paar, das, einmal
zusammengegeben, weder fünf Jahre zu scheuen, noch auf eine zweite oder
gar dritte Verbindung hinzusehen brauchte“.
„Wir wollen versuchen“, sagte Charlotte, „wieder einzubringen, was wir
versäumt haben“.
„Da müssen Sie sich dazuhalten“, sagte der Graf. „Ihre ersten
Heiraten“, fuhr er mit einiger Heftigkeit fort, „waren doch so
eigentlich rechte Heiraten von der verhaßten Art, und leider haben
überhaupt die Heiraten—verzeihen Sie mir einen lebhafteren
Ausdruck—etwas Tölpelhaftes; sie verderben die zartesten Verhältnisse,
und es liegt doch eigentlich nur an der plumpen Sicherheit, auf die
sich wenigstens ein Teil etwas zugute tut. Alles versteht sich von
selbst, und man scheint sich nur verbunden zu haben, damit eins wie das
andere nunmehr seiner Wege gehe“.
In diesem Augenblick machte Charlotte, die ein für allemal dies
Gespräch abbrechen wollte, von einer kühnen Wendung Gebrauch; es gelang
ihr. Die Unterhaltung ward allgemeiner, die beiden Gatten und der
Hauptmann konnten daran teilnehmen; selbst Ottilie ward veranlaßt sich
zu äußern, und der Nachtisch ward mit der besten Stimmung genossen,
woran der in zierlichen Fruchtkörben aufgestellte Obstreichtum, die
bunteste, in Prachtgefäßen schön verteilte Blumenfülle den
vorzüglichsten Anteil hatte.
Auch die neuen Parkanlagen kamen zur Sprache, die man sogleich nach
Tische besuchte. Ottilie zog sich unter dem Vorwande häuslicher
Beschäftigung zurück; eigentlich aber setzte sie sich nieder zur
Abschrift. Der Graf wurde von dem Hauptmann unterhalten; später
gesellte sich Charlotte zu ihm. Als sie oben auf die Höhe gelangt waren
und der Hauptmann gefällig hinuntereilte, um den Plan zu holen, sagte
der Graf zu Charlotten: „Dieser Mann gefällt mir außerordentlich. Er
ist sehr wohl und im Zusammenhang unterrichtet. Ebenso scheint seine
Tätigkeit sehr ernst und folgerecht. Was er hier leistet, würde in
einem höhern Kreise von viel Bedeutung sein“.
Charlotte vernahm des Hauptmanns Lob mit innigem Behagen. Sie faßte
sich jedoch und bekräftigte das Gesagte mit Ruhe und Klarheit. Wie
überrascht war sie aber, als der Graf fortfuhr: „diese Bekanntschaft
kommt mir sehr zu gelegener Zeit. Ich weiß eine Stelle, an die der Mann
vollkommen paßt, und ich kann mir durch eine solche Empfehlung, indem
ich ihn glücklich mache, einen hohen Freund auf das allerbeste
verbinden“.
Es war wie ein Donnerschlag, der auf Charlotten herabfiel. Der Graf
bemerkte nichts; denn die Frauen, gewohnt, sich jederzeit zu bändigen,
behalten in den außerordentlichsten Fällen immer noch eine Art von
scheinbarer Fassung. Doch hörte sie schon nicht mehr, was der Graf
sagte, indem er fortfuhr: „wenn ich von etwas überzeugt bin, geht es
bei mir geschwind her. Ich habe schon meinen Brief im Kopfe
zusammengestellt, und mich drängts, ihn zu schreiben. Sie verschaffen
mir einen reitenden Boten, den ich noch heute abend wegschicken kann“.
Charlotte war innerlich zerrissen. Von diesen Vorschlägen sowie von
sich selbst überrascht, konnte sie kein Wort hervorbringen. Der Graf
fuhr glücklicherweise fort, von seinen Planen für den Hauptmann zu
sprechen, deren Günstiges Charlotten nur allzusehr in die Augen fiel.
Es war Zeit, daß der Hauptmann herauftrat und seine Rolle vor dem
Grafen entfaltete. Aber mit wie andern Augen sah sie den Freund an, den
sie verlieren sollte! Mit einer notdürftigen Verbeugung wandte sie sich
weg und eilte hinunter nach der Mooshütte. Schon auf halbem Wege
stürzten ihr die Tränen aus den Augen, und nun warf sie sich in den
engen Raum der kleinen Einsiedelei und überließ sich ganz einem
Schmerz, einer Leidenschaft, einer Verzweiflung, von deren Möglichkeit
sie wenig Augenblicke vorher auch nicht die leiseste Ahnung gehabt
hatte.
Auf der andern Seite war Eduard mit der Baronesse an den Teichen
hergegangen. Die kluge Frau, die gern von allem unterrichtet sein
mochte, bemerkte bald in einem tastenden Gespräch, daß Eduard sich zu
Ottiliens Lobe weitläufig herausließ, und wußte ihn auf eine so
natürliche Weise nach und nach in den Gang zu bringen, daß ihr zuletzt
kein Zweifel übrigblieb, hier sei eine Leidenschaft nicht auf dem Wege,
sondern wirklich angelangt.
Verheiratete Frauen, wenn sie sich auch untereinander nicht lieben,
stehen doch stillschweigend miteinander, besonders gegen junge Mädchen,
im Bündnis. Die Folgen einer solchen Zuneigung stellten sich ihrem
weltgewandten Geiste nur allzugeschwind dar. Dazu kam noch, daß sie
schon heute früh mit Charlotten über Ottilien gesprochen und den
Aufenthalt dieses Kindes auf dem Lande, besonders bei seiner stillen
Gemütsart, nicht gebilligt und den Vorschlag getan hatte, Ottilien in
die Stadt zu einer Freundin zu bringen, die sehr viel an die Erziehung
ihrer einzigen Tochter wende und sich nur nach einer gutartigen
Gespielin umsehe, die an die zweite Kindesstatt eintreten und alle
Vorteile mitgenießen solle. Charlotte hatte sichs zur Überlegung
genommen.
Nun aber brachte der Blick in Eduards Gemüt diesen Vorschlag bei der
Baronesse ganz zur vorsätzlichen Festigkeit, und um so schneller dieses
in ihr vorging, um desto mehr schmeichelte sie äußerlich Eduards
Wünschen. Denn niemand besaß sich mehr als diese Frau, und diese
Selbstbeherrschung in außerordentlichen Fällen gewöhnt uns, sogar einen
gemeinen Fall mit Verstellung zu behandeln, macht uns geneigt, indem
wir soviel Gewalt über uns selbst üben, unsre Herrschaft auch über die
andern zu verbreiten, um uns durch das, was wir äußerlich gewinnen, für
dasjenige, was wir innerlich entbehren, gewissermaßen schadlos zu
halten.
An diese Gesinnung schließt sich meist eine Art heimlicher
Schadenfreude über die Dunkelheit der andern, über das Bewußtlose,
womit sie in eine Falle gehen. Wir freuen uns nicht allein über das
gegenwärtige Gelingen, sondern zugleich auch auf die künftig
überraschende Beschämung. Und so war die Baronesse boshaft genug,
Eduarden zur Weinlese auf ihre Güter mit Charlotten einzuladen und die
Frage Eduards, ob sie Ottilien mitbringen dürften, auf eine Weise, die
er beliebig zu seinen Gunsten auslegen konnte, zu beantworten.
Eduard sprach schon mit Entzücken von der herrlichen Gegend, dem großen
Flusse, den Hügeln, Felsen und Weinbergen, von alten Schlössern, von
Wasserfahrten, von dem Jubel der Weinlese, des Kelterns und so weiter,
wobei er in der Unschuld seines Herzens sich schon zum voraus laut über
den Eindruck freute, den dergleichen Szenen auf das frische Gemüt
Ottiliens machen würden. In diesem Augenblick sah man Ottilien
herankommen, und die Baronesse sagte schnell zu Eduard, er möchte von
dieser vorhabenden Herbstreise ja nichts reden; denn gewöhnlich
geschähe das nicht, worauf man sich so lange voraus freue. Eduard
versprach, nötigte sie aber, Ottilien entgegen geschwinder zu gehen,
und eilte ihr endlich, dem lieben Kinde zu, mehrere Schritte voran.
Eine herzliche Freude drückte sich in seinem ganzen Wesen aus. Er küßte
ihr die Hand, in die er einen Strauß Feldblumen drückte, die er
unterwegs zusammengepflückt hatte. Die Baronesse fühlte sich bei diesem
Anblick in ihrem Innern fast erbittert. Denn wenn sie auch das, was an
dieser Neigung strafbar sein mochte, nicht billigen durfte, so konnte
sie das, was daran liebenswürdig und angenehm war, jenem unbedeutenden
Neuling von Mädchen keineswegs gönnen.
Als man sich zum Abendessen zusammengesetzt hatte, war eine völlig
andre Stimmung in der Gesellschaft verbreitet. Der Graf, der schon vor
Tische geschrieben und den Boten fortgeschickt hatte, unterhielt sich
mit dem Hauptmann, den er auf eine verständige und bescheidene Weise
immer mehr ausforschte, indem er ihn diesen Abend an seine Seite
gebracht hatte. Die zur Rechten des Grafen sitzende Baronesse fand von
daher wenig Unterhaltung, ebensowenig an Eduard, der, erst durstig,
dann aufgeregt, des Weines nicht schonte und sich sehr lebhaft mit
Ottilien unterhielt, die er an sich gezogen hatte, wie von der andern
Seite neben dem Hauptmann Charlotte saß, der es schwer, ja beinahe
unmöglich ward, die Bewegungen ihres Innern zu verbergen.
Die Baronesse hatte Zeit genug, Beobachtungen anzustellen. Sie bemerkte
Charlottens Unbehagen, und weil sie nur Eduards Verhältnis zu Ottilien
im Sinn hatte, so überzeugte sie sich leicht, auch Charlotte sei
bedenklich und verdrießlich über ihres Gemahls Benehmen, und überlegte,
wie sie nunmehr am besten zu ihren Zwecken gelangen könne.
Auch nach Tische fand sich ein Zwiespalt in der Gesellschaft. Der Graf,
der den Hauptmann recht ergründen wollte, brauchte bei einem so
ruhigen, keineswegs eitlen und überhaupt lakonischen Manne verschiedene
Wendungen, um zu erfahren, was er wünschte. Sie gingen miteinander an
der einen Seite des Saals auf und ab, indes Eduard, aufgeregt von Wein
und Hoffnung, mit Ottilien an einem Fenster scherzte, Charlotte und die
Baronesse aber stillschweigend an der andern Seite des Saals
nebeneinander hin und wider gingen. Ihr Schweigen und müßiges
Umherstehen brachte denn auch zuletzt eine Stockung in die übrige
Gesellschaft. Die Frauen zogen sich zurück auf ihren Flügel, die Männer
auf den andern, und so schien dieser Tag abgeschlossen.