„Von Ottilien läßt mich unsre ehrwürdige Vorsteherin schreiben, teils
weil es ihr, nach ihrer Art zu denken, peinlich wäre, dasjenige, was zu
melden ist, zu melden, teils auch, weil sie selbst einer Entschuldigung
bedarf, die sie lieber mir in den Mund legen mag.
Da ich nur allzuwohl weiß, wie wenig die gute Ottilie das zu äußern
imstande ist, was in ihr liegt und was sie vermag, so war mir vor der
öffentlichen Prüfung einigermaßen bange, um so mehr, als überhaupt
dabei keine Vorbereitung möglich ist, und auch, wenn es nach der
gewöhnlichen Weise sein könnte, Ottilie auf den Schein nicht
vorzubereiten wäre. Der Ausgang hat meine Sorge nur zu sehr
gerechtfertigt; sie hat keinen Preis erhalten und ist auch unter denen,
die kein Zeugnis empfangen haben. Was soll ich viel sagen? Im Schreiben
hatten andere kaum so wohlgeformte Buchstaben, doch viel freiere Züge;
im Rechnen waren alle schneller, und an schwierige Aufgaben, welche sie
besser löst, kam es bei der Untersuchung nicht. Im Französischen
überparlierten und überexponierten sie manche; in der Geschichte waren
ihr Namen und Jahrzahlen nicht gleich bei der Hand; bei der Geographie
vermißte man Aufmerksamkeit auf die politische Einleitung. Zum
musikalischen Vortrag ihrer wenigen bescheidenen Melodien fand sich
weder Zeit noch Ruhe. Im Zeichnen hätte sie gewiß den Preis
davongetragen; ihre Umrisse waren rein und die Ausführung bei vieler
Sorgfalt geistreich. Leider hatte sie etwas zu Großes unternommen und
war nicht fertig geworden.
Als die Schülerinnen abgetreten waren, die Prüfenden zusammen Rat
hielten und uns Lehrern wenigstens einiges Wort dabei gönnten, merkte
ich wohl bald, daß von Ottilien gar nicht und, wenn es geschah, wo
nicht mit Mißbilligung, doch mit Gleichgültigkeit gesprochen wurde. Ich
hoffte, durch eine offne Darstellung ihrer Art zu sein einige Gunst zu
erregen, und wagte mich daran mit doppeltem Eifer, einmal, weil ich
nach meiner Überzeugung sprechen konnte, und sodann, weil ich mich in
jüngeren Jahren in eben demselben traurigen Fall befunden hatte. Man
hörte mich mit Aufmerksamkeit an; doch als ich geendigt hatte, sagte
mir der vorsitzende Prüfende zwar freundlich, aber lakonisch:
‘Fähigkeiten werden vorausgesetzt, sie sollen zu Fertigkeiten werden.
Dies ist der Zweck aller Erziehung, dies ist die laute, deutliche
Absicht der Eltern und Vorgesetzten, die stille, nur halb bewußte der
Kinder selbst. Dies ist auch der Gegenstand der Prüfung, wobei zugleich
Lehrer und Schüler beurteilt werden. Aus dem, was wir von Ihnen
vernehmen, schöpfen wir gute Hoffnung von dem Kinde, und Sie sind
allerdings lobenswürdig, indem Sie auf die Fähigkeiten der Schülerinnen
genau achtgeben. Verwandeln Sie solche übers Jahr in Fertigkeiten, so
wird es Ihnen und Ihrer begünstigten Schülerin nicht an Beifall
mangeln.
‘In das, was hierauf folgte, hatte ich mich schon ergeben, aber ein
noch Übleres nicht befürchtet, das sich bald darauf zutrug. Unsere gute
Vorsteherin, die wie ein guter Hirte auch nicht eins von ihren
Schäfchen verloren oder, wie es hier der Fall war, ungeschmückt sehen
möchte, konnte, nachdem die Herren sich entfernt hatten, ihren Unwillen
nicht bergen und sagte zu Ottilien, die ganz ruhig, indem die andern
sich über ihre Preise freuten, am Fenster stand: ‘aber sagen Sie mir,
um ’s Himmels willen! Wie kann man so dumm aussehen, wenn man es nicht
ist?’ Ottilie versetzte ganz gelassen: ‘verzeihen Sie, liebe Mutter,
ich habe gerade heute wieder mein Kopfweh, und ziemlich stark’.—’Das
kann niemand wissen!’ Versetzte die sonst so teilnehmende Frau und
kehrte sich verdrießlich um.
Nun es ist wahr: niemand kann es wissen; denn Ottilie verändert das
Gesicht nicht, und ich habe auch nicht gesehen, daß sie einmal die Hand
nach dem Schlafe zu bewegt hätte.
Das war noch nicht alles. Ihre Fräulein Tochter, gnädige Frau, sonst
lebhaft und freimütig, war im Gefühl ihres heutigen Triumphs
ausgelassen und übermütig. Sie sprang mit ihren Preisen und Zeugnissen
in den Zimmern herum und schüttelte sie auch Ottilien vor dem Gesicht.
„Du bist heute schlecht gefahren!“ rief sie aus. Ganz gelassen
antwortete Ottilie: „es ist noch nicht der letzte Prüfungstag“.—„Und
doch wirst du immer die Letzte bleiben!“ rief das Fräulein und sprang
hinweg.
Ottilie schien gelassen für jeden andern, nur nicht für mich. Eine
innere, unangenehme, lebhafte Bewegung, der sie widersteht, zeigt sich
durch eine ungleiche Farbe des Gesichts. Die linke Wange wird auf einen
Augenblick rot, indem die rechte bleich wird. Ich sah dies Zeichen, und
meine Teilnehmung konnte sich nicht zurückhalten. Ich führte unsre
Vorsteherin beiseite, sprach ernsthaft mit ihr über die Sache. Die
treffliche Frau erkannte ihren Fehler. Wir berieten, wir besprachen uns
lange, und ohne deshalb weitläufiger zu sein, will ich Euer Gnaden
unsern Beschluß und unsre Bitte vortragen: Ottilien auf einige Zeit zu
sich zu nehmen. Die Gründe werden Sie sich selbst am besten entfalten.
Bestimmen Sie sich hiezu, so sage ich mehr über die Behandlung des
guten Kindes. Verläßt uns dann Ihre Fräulein Tochter, wie zu vermuten
steht, so sehen wir Ottilien mit Freuden zurückkehren.
Noch eins, das ich vielleicht in der Folge vergessen könnte: ich habe
nie gesehen, daß Ottilie etwas verlangt oder gar um etwas dringend
gebeten hätte. Dagegen kommen Fälle, wiewohl selten, daß sie etwas
abzulehnen sucht, was man von ihr fordert. Sie tut das mit einer
Gebärde, die für den, der den Sinn davon gefaßt hat, unwiderstehlich
ist. Sie drückt die flachen Hände, die sie in die Höhe hebt, zusammen
und führt sie gegen die Brust, indem sie sich nur wenig vorwärts neigt
und den dringend Fordernden mit einem solchen Blick ansieht, daß er
gern von allem absteht, was er verlangen oder wünschen möchte. Sehen
Sie jemals diese Gebärde, gnädige Frau, wie es bei Ihrer Behandlung
nicht wahrscheinlich ist, so gedenken Sie meiner und schonen Ottilien“.
Eduard hatte diese Briefe vorgelesen, nicht ohne Lächeln und
Kopfschütteln. Auch konnte es an Bemerkungen über die Personen und über
die Lage der Sache nicht fehlen.
„Genug!“ rief Eduard endlich aus; „es ist entschieden, sie kommt! Für
dich wäre gesorgt, meine Liebe, und wir dürfen nun auch mit unserm
Vorschlag hervorrücken. Es wird höchst nötig, daß ich zu dem Hauptmann
auf den rechten Flügel hinüberziehe. Sowohl abends als morgens ist erst
die rechte Zeit, zusammen zu arbeiten. Du erhältst dagegen für dich und
Ottilien auf deiner Seite den schönsten Raum“.
Charlotte ließ sichs gefallen, und Eduard schilderte ihre künftige
Lebensart. Unter andern rief er aus: „es ist doch recht zuvorkommend
von der Nichte, ein wenig Kopfweh auf der linken Seite zu haben; ich
habe es manchmal auf der rechten. Trifft es zusammen und wir sitzen
gegeneinander, ich auf den rechten Ellbogen, sie auf den linken
gestützt und die Köpfe nach verschiedenen Seiten in die Hand gelegt, so
muß das ein Paar artige Gegenbilder geben“.
Der Hauptmann wollte das gefährlich finden. Eduard hingegen rief aus:
„nehmen Sie sich nur, lieber Freund, vor dem D in acht! Was sollte B
denn anfangen, wenn ihm C entrissen würde?“
„Nun, ich dächte doch“, versetzte Charlotte, „das verstünde sich von
selbst“.
„Freilich“, rief Eduard; „es kehrte zu seinem A zurück, zu seinem A und
O!“ rief er, indem er aufsprang und Charlotten fest an seine Brust
drückte.