Beilage des Gehülfen

„Unsere vortreffliche Vorsteherin läßt mich gewöhnlich die Briefe

lesen, in welchen sie Beobachtungen über ihre Zöglinge den Eltern und

Vorgesetzten mitteilt. Diejenigen, die an Euer Gnaden gerichtet sind,

lese ich immer mit doppelter Aufmerksamkeit, mit doppeltem Vergnügen;

denn indem wir Ihnen zu einer Tochter Glück zu wünschen haben, die alle

jene glänzenden Eigenschaften vereinigt, wodurch man in der Welt

emporsteigt, so muß ich wenigstens Sie nicht minder glücklich preisen,

daß Ihnen in Ihrer Pflegetochter ein Kind beschert ist, das zum Wohl,

zur Zufriedenheit anderer und gewiß auch zu seinem eigenen Glück

geboren ward. Ottilie ist fast unser einziger Zögling, über den ich mit

unserer so verehrten Vorsteherin nicht einig werden kann. Ich verarge

dieser tätigen Frau keinesweges, daß sie verlangt, man soll die Früchte

ihrer Sorgfalt äußerlich und deutlich sehen; aber es gibt auch

verschlossene Früchte, die erst die rechten, kernhaften sind und die

sich früher oder später zu einem schönen Leben entwickeln. Dergleichen

ist gewiß Ihre Pflegetochter. Solange ich sie unterrichte, sehe ich sie

immer gleichen Schrittes gehen, langsam, langsam vorwärts, nie zurück.

Wenn es bei einem Kinde nötig ist, vom Anfange anzufangen, so ist es

gewiß bei ihr. Was nicht aus dem Vorhergehenden folgt, begreift sie

nicht. Sie steht unfähig, ja stöckisch vor einer leicht faßlichen

Sache, die für sie mit nichts zusammenhängt. Kann man aber die

Mittelglieder finden und ihr deutlich machen, so ist ihr das Schwerste

begreiflich.

Bei diesem langsamen Vorschreiten bleibt sie gegen ihre Mitschülerinnen

zurück, die mit ganz andern Fähigkeiten immer vorwärtseilen, alles,

auch das Unzusammenhängende, leicht fassen, leicht behalten und bequem

wieder anwenden. So lernt sie, so vermag sie bei einem beschleunigten

Lehrvortrage gar nichts; wie es der Fall in einigen Stunden ist, welche

von trefflichen, aber raschen und ungeduldigen Lehrern gegeben werden.

Man hat über ihre Handschrift geklagt, über ihre Unfähigkeit, die

Regeln der Grammatik zu fassen. Ich habe diese Beschwerde näher

untersucht: es ist wahr, sie schreibt langsam und steif, wenn man so

will, doch nicht zaghaft und ungestalt. Was ich ihr von der

französischen Sprache, die zwar mein Fach nicht ist, schrittweise

mitteilte, begriff sie leicht. Freilich ist es wunderbar: sie weiß

vieles und recht gut; nur wenn man sie fragt, scheint sie nichts zu

wissen.

Soll ich mit einer allgemeinen Bemerkung schließen, so möchte ich

sagen: sie lernt nicht als eine, die erzogen werden soll, sondern als

eine, die erziehen will; nicht als Schülerin, sondern als künftige

Lehrerin. Vielleicht kommt es Euer Gnaden sonderbar vor, daß ich selbst

als Erzieher und Lehrer jemanden nicht mehr zu loben glaube, als wenn

ich ihn für meinesgleichen erkläre. Euer Gnaden bessere Einsicht,

tiefere Menschen- und Weltkenntnis wird aus meinen beschränkten,

wohlgemeinten Worten das Beste nehmen. Sie werden sich Überzeugen, daß

auch an diesem Kinde viel Freude zu hoffen ist. Ich empfehle mich zu

Gnaden und bitte um die Erlaubnis, wieder zu schreiben, sobald ich

glaube, daß mein Brief etwas Bedeutendes und Angenehmes enthalten

werde“.

Charlotte freute sich über dieses Blatt. Sein Inhalt traf ganz nahe mit

den Vorstellungen zusammen, welche sie von Ottilien hegte; dabei konnte

sie sich eines Lächelns nicht enthalten, indem der Anteil des Lehrers

herzlicher zu sein schien, als ihn die Einsicht in die Tugenden eines

Zöglings hervorzubringen pflegt. Bei ihrer ruhigen, vorurteilsfreien

Denkweise ließ sie auch ein solches Verhältnis, wie so viele andre, vor

sich liegen; die Teilnahme des verständigen Mannes an Ottilien hielt

sie wert; denn sie hatte in ihrem Leben genugsam einsehen gelernt, wie

hoch jede wahre Neigung zu schätzen sei in einer Welt, wo

Gleichgültigkeit und Abneigung eigentlich recht zu Hause sind.

Die Wahlverwandtschaften · 第 9 / 55 题