Die topographische Karte, auf welcher das Gut mit seinen Umgebungen
nach einem ziemlich großen Maßstabe charakteristisch und faßlich durch
Federstriche und Farben dargestellt war und welche der Hauptmann durch
einige trigonometrische Messungen sicher zu gründen wußte, war bald
fertig; denn weniger Schlaf als dieser tätige Mann bedurfte kaum
jemand, so wie sein Tag stets dem augenblicklichen Zwecke gewidmet und
deswegen jederzeit am Abende etwas getan war.
„Laß uns nun“, sagte er zu seinem Freunde, „an das Übrige gehen, an die
Gutsbeschreibung, wozu schon genugsame Vorarbeit da sein muß, aus der
sich nachher Pachtanschläge und anderes schon entwickeln werden. Nur
Eines laß uns festsetzen und einrichten: trenne alles, was eigentlich
Geschäft ist, vom Leben! Das Geschäft verlangt Ernst und Strenge, das
Leben Willkür; das Geschäft die reinste Folge, dem Leben tut eine
Inkonsequenz oft not, ja sie ist liebenswürdig und erheiternd. Bist du
bei dem einen sicher, so kannst du in dem andern desto freier sein,
anstatt daß bei einer Vermischung das Sichre durch das Freie
weggerissen und aufgehoben wird“.
Eduard fühlte in diesen Vorschlägen einen leisen Vorwurf. Zwar von
Natur nicht unordentlich, konnte er doch niemals dazu kommen, seine
Papiere nach Fächern abzuteilen. Das, was er mit andern abzutun hatte,
was bloß von ihm selbst abhing, es war nicht geschieden, so wie er auch
Geschäfte und Beschäftigung, Unterhaltung und Zerstreuung nicht
genugsam voneinander absonderte. Jetzt wurde es ihm leicht, da ein
Freund diese Bemühung übernahm, ein zweites Ich die Sonderung bewirkte,
in die das eine Ich nicht immer sich spalten mag.
Sie errichteten auf dem Flügel des Hauptmanns eine Repositur für das
Gegenwärtige, ein Archiv für das Vergangene, schafften alle Dokumente,
Papiere, Nachrichten aus verschiedene Behältnissen, Kammern, Schränken
und Kisten herbei, und auf das geschwindeste war der Wust in eine
erfreuliche Ordnung gebracht, lag rubriziert in bezeichneten Fächern.
Was man wünschte, ward vollständiger gefunden, als man gehofft hatte.
Hierbei ging ihnen ein alter Schreiber sehr an die Hand, der den Tag
über, ja einen Teil der nicht vom Pulte kam und mit dem Eduard bisher
immer unzufrieden gewesen war.
„Ich kenne ihn nicht mehr“, sagte Eduard zu seinem Freund, „wie tätig
und brauchbar der Mensch ist“. „Das macht“, versetzte der Hauptmann,
„wir tragen ihm nichts Neues auf, als bis er das Alte nach seiner
Bequemlichkeit vollendet hat; und so leistet er, wie du siehst, sehr
viel; sobald man ihn stört, vermag er gar nichts“.
Brachten die Freunde auf diese Weise ihre Tage zusammen zu, so
versäumten sie abends nicht, Charlotten regelmäßig zu besuchen. Fand
sich keine Gesellschaft von benachbarten Orten und Gütern, welches
öfters geschah, so war das Gespräch wie das Lesen meist solchen
Gegenständen gewidmet, welche den Wohlstand, die Vorteile und das
Behagen der bürgerlichen Gesellschaft vermehren.
Charlotte, ohnehin gewohnt, die Gegenwart zu nutzen, fühlte sich, indem
sie ihren Mann zufrieden sah, auch persönlich gefördert. Verschiedene
häusliche Anstalten, die sie längst gewünscht, aber nicht recht
einleiten können, wurden durch die Tätigkeit des Hauptmanns bewirkt.
Die Hausapotheke, die bisher nur aus wenigen Mitteln bestanden, ward
bereichert und Charlotte so wohl durch faßliche Bücher als durch
Unterredung in den Stand gesetzt, ihr tätiges und hülfreiches Wesen
öfter und wirksamer als bisher in Übung zu bringen.
Da man auch die gewöhnlichen und dessen ungeachtet nur zu oft
überraschenden Notfälle durchdachte, so wurde alles, was zur Rettung
der Ertrunkenen nötig sein möchte, um so mehr angeschafft, als bei der
Nähe so mancher Teiche, Gewässer und Wasserwerke öfters ein und der
andere Unfall dieser Art vorkam. Diese Rubrik besorgte der Hauptmann
sehr ausführlich, und Eduarden entschlüpfte die Bemerkung, daß ein
solcher Fall in dem Leben seines Freundes auf die seltsamste Weise
Epoche gemacht. Doch als dieser schwieg und einer traurigen Erinnerung
auszuweichen schien, hielt Eduard gleichfalls an, so wie auch
Charlotte, die nicht weniger im allgemeinen davon unterrichtet war,
über jene Äußerungen hinausging.
„Wie wollen alle diese vorsorglichen Anstalten loben“, sagte eines
Abends der Hauptmann; „nun geht uns aber das Notwendigste noch ab, ein
tüchtiger Mann, der das alles zu handhaben weiß. Ich kann hiezu einen
mir bekannten Feldchirurgus vorschlagen, der jetzt um leidliche
Bedingung zu haben ist, ein vorzüglicher Mann in seinem Fache, und der
mir auch in Behandlung heftiger innerer Übel öfters mehr Genüge getan
hat als ein berühmter Arzt; und augenblickliche Hülfe ist doch immer
das, was auf dem Lande am meisten vermißt wird“.
Auch dieser wurde sogleich verschrieben, und beide Gatten freuten sich,
daß sie so manche Summe, die ihnen zu willkürlichen Ausgaben
übrigblieb, auf die nötigsten zu verwenden Anlaß gefunden.
So benutzte Charlotte die Kenntnisse, die Tätigkeit des Hauptmanns auch
nach ihrem Sinne und fing an, mit seiner Gegenwart völlig zufrieden und
über alle Folgen beruhigt zu werden. Sie bereitete sich gewöhnlich vor,
manches zu fragen, und da sie gern leben mochte, so suchte sie alles
Schädliche, alles Tödliche zu entfernen. Die Bleiglasur der
Töpferwaren, der Grünspan kupferner Gefäße hatte ihr schon manche Sorge
gemacht. Sie ließ sich hierüber belehren, und natürlicherweise mußte
man auf die Grundbegriffe der Physik und Chemie zurückgehen.
Zufälligen, aber immer willkommenen Anlaß zu solchen Unterhaltungen gab
Eduards Neigung, der Gesellschaft vorzulesen. Er hatte eine sehr
wohlklingende, tiefe Stimme und war früher wegen lebhafter, gefühlter
Rezitation dichterischer und rednerischer Arbeiten angenehm und berühmt
gewesen. Nun waren es andre Gegenstände, die ihn beschäftigten, andre
Schriften, woraus er vorlas, und eben seit einiger Zeit vorzüglich
Werke physischen, chemischen und technischen Inhalts.
Eine seiner besondern Eigenheiten, die er jedoch vielleicht mit mehrern
Menschen teilt, war die, daß es ihm unerträglich fiel, wenn jemand ihm
beim Lesen in das Buch sah. In früherer Zeit, beim Vorlesen von
Gedichten, Schauspielen, Erzählungen, war es die natürliche Folge der
lebhaften Absicht, die der Vorlesende so gut als der Dichter, der
Schauspieler, der Erzählende hat, zu überraschen, Pausen zu machen,
Erwartungen zu erregen; da es denn freilich dieser beabsichtigten
Wirkung sehr zuwider ist, wenn ihm ein Dritter wissentlich mit den
Augen vorspringt. Er pflegte sich auch deswegen in solchem Falle immer
so zu setzen, daß er niemand im Rücken hatte. Jetzt zu dreien war diese
Vorsicht unnötig; und da es diesmal nicht auf Erregung des Gefühls, auf
Überraschung der Einbildungskraft angesehen war, so dachte er selbst
nicht daran, sich sonderlich in acht zu nehmen.
Nur eines Abends fiel es ihm auf, als er sich nachlässig gesetzt hatte,
daß Charlotte ihm in das Buch sah. Seine alte Ungeduld erwachte, und er
verwies es ihr, gewissermaßen unfreundlich: „wollte man sich doch
solche Unarten, wie so manches andre, was der Gesellschaft lästig ist,
ein für allemal abgewöhnen! Wenn ich jemand vorlese, ist es denn nicht,
als wenn ich ihm mündlich etwas vortrüge? Das Geschriebene, das
Gedruckte tritt an die Stelle meines eigenen Sinnes, meines eigenen
Herzens; und würde ich mich wohl zu reden bemühen, wenn ein Fensterchen
vor meiner Stirn, vor meiner Brust angebracht wäre, so daß der, dem ich
meine Gedanken einzeln zuzählen, meine Empfindungen einzeln zureichen
will, immer schon lange vorher wissen könnte, wo es mit mir hinaus
wollte? Wenn mir jemand ins Buch sieht, so ist mir immer, als wenn ich
in zwei Stücke gerissen würde“.
Charlotte, deren Gewandtheit sich in größeren und kleineren Zirkeln
besonders dadurch bewies, daß sie jede unangenehme, jede heftige, ja
selbst nur lebhafte Äußerung zu beseitigen, ein sich verlängerndes
Gespräch zu unterbrechen, ein stockendes anzuregen wußte, war auch
diesmal von ihrer guten Gabe nicht verlassen:“ du wirst mir meinen
Fehler gewiß verzeihen, wenn ich bekenne, was mir diesen Augenblick
begegnet ist. Ich hörte von Verwandtschaften lesen, und da dacht ich
eben gleich an meine Verwandten, an ein paar Vettern, die mir gerade in
diesem Augenblick zu schaffen machen. Meine Aufmerksamkeit kehrt zu
deiner Vorlesung zurück; ich höre, daß von ganz leblosen Dingen die
Rede ist, und blicke dir ins Buch, um mich wieder zurechtzufinden“.
„Es ist eine Gleichnisrede, die dich verführt und verwirrt hat“, sagte
Eduard. „Hier wird freilich nur von Erden und Mineralien gehandelt,
aber der Mensch ist ein wahrer Narziß; er bespiegelt sich überall gern
selbst, er legt sich als Folie der ganzen Welt unter“.
„Jawohl!“ fuhr der Hauptmann fort; „so behandelt er alles, was er außer
sich findet; seine Weisheit wie seine Torheit, seinen Willen wie seine
Willkür leiht er den Tieren, den Pflanzen, den Elementen und den
Göttern“.
„Möchtet ihr mich“, versetzte Charlotte, „da ich euch nicht zu weit von
dem augenblicklichen Interesse wegführen will, nur kürzlich belehren,
wie es eigentlich hier mit den Verwandtschaften gemeint sei?“
„Das will ich wohl gerne tun“, erwiderte der Hauptmann, gegen den sich
Charlotte gewendet hatte, „freilich nur so gut, als ich es vermag, wie
ich es etwa vor zehn Jahren gelernt, wie ich es gelesen habe. Ob man in
der wissenschaftlichen Welt noch so darüber denkt, ob es zu den neuern
Lehren paßt, wüßte ich nicht zu sagen“.
„Es ist schlimm genug“, rief Eduard, „daß man jetzt nichts mehr für
sein ganzes Leben lernen kann. Unsre Vorfahren hielten sich an den
Unterricht, den sie in ihrer Jugend empfangen; wir aber müssen jetzt
alle fünf Jahre umlernen, wenn wir nicht ganz aus der Mode kommen
wollen“.
„Wir Frauen“, sagte Charlotte, „nehmen es nicht so genau; und wenn ich
aufrichtig sein soll, so ist es mir eigentlich nur um den Wortverstand
zu tun; denn es macht in der Gesellschaft nichts lächerlicher, als wenn
man ein fremdes, ein Kunstwort falsch anwendet. Deshalb möchte ich nur
wissen, in welchem Sinne dieser Ausdruck eben bei diesen Gegenständen
gebraucht wird. Wie es wissenschaftlich damit zusammenhänge, wollen wir
den Gelehrten überlassen, die übrigens, wie ich habe bemerken können,
sich wohl schwerlich jemals vereinigen werden“.
„Wo fangen wir aber nun an, um am schnellsten in die Sache zu kommen?“
fragte Eduard nach einer Pause den Hauptmann, der, sich ein wenig
bedenkend, bald darauf erwiderte: „wenn es mir erlaubt ist, dem Scheine
nach weit auszuholen, so sind wir bald am Platze“.
„Sein Sie meiner ganzen Aufmerksamkeit versichert“, sagte Charlotte,
indem sie ihre Arbeit beseitelegte.
Und so begann der Hauptmann: „an allen Naturwesen, die wir gewahr
werden, bemerken wir zuerst, daß sie einen Bezug auf sich selbst haben.
Es klingt freilich wunderlich, wenn man etwas ausspricht, was sich
ohnehin versteht; doch nur indem man sich über das Bekannte völlig
verständig hat, kann man miteinander zum Unbekannten fortschreiten“.
„Ich dächte“, fiel ihm Eduard ein, „wir machten ihr und uns die Sache
durch Beispiele bequem. Stelle dir nur das Wasser, das Öl, das
Quicksilber vor, so wirst du eine Einigkeit, einen Zusammenhang ihrer
Teile finden. Diese Einung verlassen sie nicht, außer durch Gewalt oder
sonstige Bestimmung. Ist diese beseitigt, so treten sie gleich wieder
zusammen“.
„Ohne Frage“, sagte Charlotte beistimmend.
„Regentropfen vereinigen sich gern zu Strömen. Und schon als Kinder
spielen wir erstaunt mit dem Quecksilber, indem wir es in Kügelchen
trennen und es wieder zusammenlaufen lassen“.
„Und so darf ich wohl“, fügte der Hauptmann hinzu, „eines bedeutenden
Punktes im flüchtigen Vorbeigehen erwähnen, daß nämlich dieser völlig
reine, durch Flüssigkeit mögliche Bezug sich entschieden und immer
durch die Kugelgestalt auszeichnet. Der fallende Wassertropfen ist
rund; von den Quecksilberkügelchen haben Sie selbst gesprochen; ja ein
fallendes geschmolzenes Blei, wenn es Zeit hat, völlig zu erstarren,
kommt unten in Gestalt einer Kugel an“.
„Lassen Sie mich voreilen“, sagte Charlotte, „ob ich treffe, wo Sie
hinwollen. Wie jedes gegen sich selbst einen Bezug hat, so muß es auch
gegen andere ein Verhältnis haben“.
„Und das wird nach Verschiedenheit der Wesen verschieden sein“, fuhr
Eduard eilig fort. „Bald werden sie sich als Freunde und alte Bekannte
begegnen, die schnell zusammentreten, sich vereinigen, ohne aneinander
etwas zu verändern, wie sich Wein mit Wasser vermischt. Dagegen werden
andre fremd nebeneinander verharren und selbst durch mechanisches
Mischen und Reiben sich keinesweges verbinden; wie Öl und Wasser,
zusammengerüttelt, sich den Augenblick wieder auseinander sondert“.
„Es fehlt nicht viel“, sagte Charlotte, „so sieht man in diesen
einfachen Formen die Menschen, die man gekannt hat; besonders aber
erinnert man sich dabei der Sozietäten, in denen man lebte. Die meiste
Ähnlichkeit jedoch mit diesen seelenlosen Wesen haben die Massen, die
in der Welt sich einander gegenüberstellen, die Stände, die
Berufsbestimmungen, der Adel und der dritte Stand, der Soldat und der
Zivilist“.
„Und doch!“ versetzte Eduard; „wie diese durch Sitten und Gesetze
vereinbar sind, so gibt es auch in unserer chemischen Welt
Mittelglieder, dasjenige zu verbinden, was sich einander abweist“.
„So verbinden wir“, fiel der Hauptmann ein, „das Öl durch Laugensalz
mit dem Wasser“.
„Nur nicht zu geschwind mit Ihrem Vortrag!“ sagte Charlotte, „damit ich
zeigen kann, daß ich Schritt halte. Sind wir nicht hier schon zu den
Verwandtschaften gelangt?“
„Ganz richtig“, erwiderte der Hauptmann; „und wir werden sie gleich in
ihrer vollen Kraft und Bestimmtheit kennenlernen. Die jenigen Naturen,
die sich beim Zusammentreffen einander schnell ergreifen und
wechselseitig bestimmen, nennen wir verwandt. An den Alkalien und
Säuren, die, obgleich einander entgegengesetzt und vielleicht eben
deswegen, weil sie einander entgegengesetzt sind, sich am
entschiedensten suchen und fassen, sich modifizieren und zusammen einen
neuen Körper bilden, ist diese Verwandtschaft auffallend genug.
Gedenken wir nur des Kalks, der zu allen Säuren eine große Neigung,
eine entschiedene Vereinigungslust äußert! Sobald unser chemisches
Kabinett ankommt, wollen wir Sie verschiedene Versuche sehen lassen,
die sehr unterhaltend sind und einen bessern Begriff geben als Worte,
Namen und Kunstausdrücke“.
„Lassen Sie mich gestehen“, sagte Charlotte, „wenn Sie diese Ihre
wunderlichen Wesen verwandt nennen, so kommen sie mir nicht sowohl als
Blutsverwandte, vielmehr als Geistes- und Seelenverwandte vor. Auf eben
diese Weise können unter Menschen wahrhaft bedeutende Freundschaften
entstehen; denn entgegengesetzte Eigenschaften machen eine innigere
Vereinigung möglich. Und so will ich denn abwarten, was Sie mir von
diesen geheimnisvollen Wirkungen vor die Augen bringen werden. „Ich
will dich“, sagte sie, zu Eduard gewendet, „jetzt im Vorlesen nicht
weiter stören und, um so viel besser unterrichtet, deinen Vortrag mit
Aufmerksamkeit vernehmen“.
„Da du uns einmal aufgerufen hast“, versetzte Eduard, „so kommst du so
leicht nicht los; denn eigentlich sind die verwickelten Fälle die
interessantesten. Erst bei diesen lernt man die Grade der
Verwandtschaften, die nähern, stärkern, entferntern, geringern
Beziehungen kennen; die Verwandtschaften werden erst interessant, wenn
sie Scheidungen bewirken“.
„Kommt das traurige Wort“, rief Charlotte, „das man leider in der Welt
jetzt so oft hört, auch in der Naturlehre vor?“
„Allerdings!“ erwiderte Eduard. „Es war sogar ein bezeichnender
Ehrentitel der Chemiker, daß man sie Scheidekünstler nannte“.
„Das tut man also nicht mehr“, versetzte Charlotte, „und tut sehr wohl
daran. Das Vereinigen ist eine größere Kunst, ein größeres Verdienst.
Ein Einungskünstler wäre in jedem Fache der ganzen Welt
willkommen.—„Nun so laßt mich denn, weil ihr doch einmal im Zug seid,
ein paar solche Fälle wissen!“
„So schließen wir uns denn gleich“, sagte der Hauptmann, „an dasjenige
wieder an, was wir oben schon benannt und besprochen haben. Zum
Beispiel was wir Kalkstein nennen, ist eine mehr oder weniger reine
Kalkerde, innig mit einer zarten Säure verbunden, die uns in Luftform
bekannt geworden ist. Bringt man ein Stück solchen Steines in verdünnte
Schwefelsäure, so ergreift diese den Kalk und erscheint mit ihm als
Gips; jene zarte, luftige Säure hingegen entflieht. Hier ist eine
Trennung, eine neue Zusammensetzung entstanden, und man glaubt sich
nunmehr berechtigt, sogar das Wort Wahlverwandtschaft anzuwenden, weil
es wirklich aussieht, als wenn ein Verhältnis dem andern vorgezogen,
eins vor dem andern erwählt würde“.
„Verzeihen Sie mir“, sagte Charlotte, „wie ich dem Naturforscher
verzeihe; aber ich würde hier niemals eine Wahl, eher eine
Naturnotwendigkeit erblicken, und diese kaum; denn es ist am Ende
vielleicht gar nur die Sache der Gelegenheit. Gelegenheit macht
Verhältnisse, wie sie Diebe macht; und wenn von Ihren Naturkörpern die
Rede ist, so scheint mir die Wahl bloß in den Händen des Chemikers zu
liegen, der diese Wesen zusammenbringt. Sind sie aber einmal beisammen,
dann gnade ihnen Gott! In dem gegenwärtigen Falle dauert mich nur die
arme Luftsäure, die sich wieder im Unendlichen herumtreiben muß“.
„Es kommt nur auf sie an“, versetzte der Hauptmann, „sich mit dem
Wasser zu verbinden und als Mineralquelle Gesunden und Kranken zur
Erquickung zu dienen“.
„Der Gips hat gut reden“, sagte Charlotte; „der ist nun fertig, ist ein
Körper, ist versorgt, anstatt daß jenes ausgetriebene Wesen noch manche
Not haben kann, bis es wieder unterkommt“.
„Ich müßte sehr irren“, sagte Eduard lächelnd, „oder es steckt eine
kleine Tücke hinter deinen Reden. Gesteh nur deine Schalkheit! Am Ende
bin ich in deinen Augen der Kalk, der vom Hauptmann, als einer
Schwefelsäure, ergriffen, deiner anmutigen Gesellschaft entzogen und in
einen refraktären Gips verwandelt wird“.
„Wenn das Gewissen“, versetzte Charlotte, „dich solche Betrachtungen
machen heißt, so kann ich ohne Sorge sein. Diese Gleichnisreden sind
artig und unterhaltend, und wer spielt nicht gern mit Ähnlichkeiten!
Aber der Mensch ist doch um so manche Stufe über jene Elemente erhöht,
und wenn er hier mit den schönen Worten Wahl und Wahlverwandtschaft
etwas freigebig gewesen, so tut er wohl, wieder in sich selbst
zurückzukehren und den Wert solcher Ausdrücke bei diesem Anlaß recht zu
bedenken. Mir sind leider Fälle genug bekannt, wo eine innige,
unauflöslich scheinende Verbindung zweier Wesen durch gelegentlich
Zugesellung eines dritten aufgehoben und eins der erst so schön
verbundenen ins lose Weite hinausgetrieben ward“.
„Da sind die Chemiker viel galanter“, sagte Eduard; „sie gesellen ein
viertes dazu, damit keines leer ausgehe“.
„Jawohl!“ versetzte der Hauptmann; „diese Fälle sind allerdings die
bedeutendsten und merkwürdigsten, wo man das Anziehen, das
Verwandtsein, dieses Verlassen, dieses Vereinigen gleichsam übers Kreuz
wirklich darstellen kann, wo vier bisher je zwei zu zwei verbundene
Wesen, in Berührung gebracht, ihre bisherige Vereinigung verlassen und
sich aufs neue verbinden. In diesem Fahrenlassen und Ergreifen, in
diesem Fliehen und Suchen glaubt man wirklich eine höhere Bestimmung zu
sehen; man traut solchen Wesen eine Art von Wollen und Wählen zu und
hält das Kunstwort ‘Wahlverwandtschaften’ für vollkommen
gerechtfertigt“.
„Beschreiben Sie mir einen solchen Fall!“ sagte Charlotte.
„Man sollte dergleichen“, versetzte der Hauptmann, „nicht mit Worten
abtun. Wie schon gesagt: sobald ich Ihnen die Versuche selbst zeigen
kann, wird alles anschaulicher und angenehmer werden. Jetzt müßte ich
Sie mit schrecklichen Kunstworten hinhalten, die Ihnen doch keine
Vorstellung gäben. Man muß diese tot scheinenden und doch zur Tätigkeit
innerlich immer bereiten Wesen wirkend vor seinen Augen sehen, mit
Teilnahme schauen, wie sie einander suchen, sich anziehen, ergreifen,
zerstören, verschlingen, aufzehren und sodann aus der innigsten
Verbindung wieder in erneuter, neuer, unerwarteter Gestalt hervortreten
: dann traut man ihnen erst ein ewiges Leben, ja wohl gar Sinn und
Verstand zu, weil wir unsere Sinne kaum genügend fühlen, sie recht zu
beobachten, und unsre Vernunft kaum hinlänglich, sie zu fassen“.
„Ich leugne nicht“, sagte Eduard, „daß die seltsamen Kunstwörter
demjenigen, der nicht durch sinnliches Anschauen, durch Begriffe mit
ihnen versöhnt ist, beschwerlich, ja lächerlich werden müssen. Doch
könnten wir leicht mit Buchstaben einstweilen das Verhältnis
ausdrücken, wovon hier die Rede war“.
„Wenn Sie glauben, daß es nicht pedantisch aussieht“, versetzte der
Hauptmann, „so kann ich wohl in der Zeichensprache mich kürzlich
zusammenfassen. Denken Sie sich ein A, das mit einem B innig verbunden
ist, durch viele Mittel und durch manche Gewalt nicht von ihm zu
trennen; denken Sie sich ein C, das sich ebenso zu einem D verhält;
bringen Sie nun die beiden Paare in Berührung: A wird sich zu C, C zu B
werfen, ohne daß man sagen kann, wer das andere zuerst verlassen, wer
sich mit dem andern zuerst wieder verbunden habe“.
„Nun denn!“ fiel Eduard ein; „bis wir alles dieses mit Augen sehen,
wollen wir diese Formel als Gleichnisrede betrachten, woraus wir uns
eine Lehre zum unmittelbaren Gebrauch ziehen. Du stellst das A vor,
Charlotte, und ich dein B; denn eigentlich hänge ich doch nur von dir
ab und folge dir wie dem A das B. Das C ist ganz deutlich der Kapitän,
der mich für diesmal dir einigermaßen entzieht. Nun ist es billig, daß,
wenn du nicht ins Unbestimmte entweichen sollst, dir für ein D gesorgt
werde, und das ist ganz ohne Frage das liebenswürdige Dämchen Ottilie,
gegen deren Annäherung du dich nicht länger verteidigen darfst“.
„Gut!“ versetzte Charlotte. „Wenn auch das Beispiel, wie mir scheint,
nicht ganz auf unsern Fall paßt, so halte ich es doch für ein Glück,
daß wir heute einmal völlig zusammentreffen und daß diese Natur- und
Wahlverwandtschaften unter uns eine vertrauliche Mitteilung
beschleunigen. Ich will es also nur gestehen, daß ich seit diesem
Nachmittage entschlossen bin, Ottilien zu berufen; denn meine bisherige
treue Beschließerin und Haushälterin wird abziehen, weil sie heiratet.
Dies wäre von meiner Seite und um meinetwillen; was mich um Ottiliens
willen bestimmt, das wirst du uns vorlesen. Ich will dir nicht ins
Blatt sehen, aber freilich ist mir der Inhalt schon bekannt. Doch ließ
nur, lies!“ Mit diesen Worten zog sie einen Brief hervor und reichte
ihn Eduarden.