Beim Dampfeinlaß wurde eine Platte, die sich auf der Innenseite des

Kessels befand und sich mit einer durch die Kesselwand gehenden

beweglichen Achse drehte, weggeschoben. Diese Achse wurde mittelbar

durch den Steuerbaum hin und her gedreht. Ebenso ließ sich der

Einspritzhahn durch Hin- und Herdrehen einer Achse unter Vermittlung

des Steuerbaums bewegen. Abbildung 10 veranschaulicht die selbsttätige,

von Beighton eingeführte Steuerung sehr klar. Links den Steuerbaum mit

den quergesteckten Zapfen denke man sich aufwärts bewegt. Der oberste

Zapfen wird dann den gebogenen Hebelarm heben und dadurch die obere

Steuerwelle drehen, so daß das oben befindliche Gewicht kippt und

der eine Gabelarm des umgekehrten Ypsilons in den Querzapfen einer

wagrecht angeordneten Zugstange eingreift. Man verfolge nun den Weg

zum Dampfeinlaß. Dann wird man leicht bemerken, daß die gestrichelt

gezeichnete schwingende Dampfeinlaßplatte sich innen im Kessel vor den

Dampfauslaß stellen muß. Der untere Zapfen am Steuerbaum aber wird beim

Hinaufgehen den Hebel in die Höhe drücken, der die zweite Steuerwelle

dreht. Daran befindet sich ein Zahnradabschnitt. Dieser gezähnte

Sektor greift in einen zweiten gleichartigen Zahnradabschnitt ein und

betätigt den Hahn der Kühlwassereinspritzleitung. Schon vor Smeaton,

dem Rechtsanwaltssohn, der die Newcomenmaschine durch systematische

Forschung bedeutend verbesserte, wurde ein Organ zur Regulierung der

Hubzahl oder Arbeitsgeschwindigkeit der Maschine verwandt, Katarakt

(Wasserfall) genannt (Abb. 11). Der Gang der Maschine war abhängig vom

Tempo der Kühlwassereinspritzung. Diese Einspritzung wurde ausgelöst

durch das Emporgehen des links unten in dem Behälter befindlichen

schräg gestellten Hebelarms des Winkelhebels. Sein senkrechter

Winkelarm trägt ein Trichtergefäß, das von oben durch Wasserfluß so

weit gefüllt wird, bis es umkippt und den nach unten gerichteten

Hebelarm in die gestrichelt gezeichnete höhere Lage bringt. Dadurch

wird unten eine Klinke ausgehoben und der Kühlwassereinlaß geöffnet.

Die Hubzahl konnte daher durch Einstellung des kleinen Zuflußhahnes

über dem Katarakt beliebig bemessen werden. Im Munde der Bergleute hieß

der Katarakt scherzweise »~Jack in the box~« (»Hans in der Büchse«).

Das Einspritzwasser, das seine Arbeit getan hatte, wurde durch eine

Abflußröhre aus dem Zylinder entfernt. Die Luft gelangte durch das

sogenannte Schnüffelventil aus dem Dampfarbeitsraum ins Freie, indem

sie ein Ansatzrohr am unteren Zylinderende passierte und, Blasen

werfend, durch das Wasser entwich, das sich über dem Klappventil

befand, um das Eindringen der äußeren Luft zu verhindern. Aus unserer

Beschreibung geht zur Genüge hervor, daß sich an dieser atmosphärischen

Maschine vor dem Eingreifen Watts bereits mancher höchst sinnreiche

Mechanismus befand, daß das Ganze sich überhaupt schon der Papinschen

Vakuumkolbenmaschine gegenüber im Verhältnis des etwas noch plumpen,

aber doch ausgewachsenen Mannes zum unbehilflichen, aber alle Anlagen

enthaltenden Kindlein befand.

[Illustration: Abb. 11. Katarakt.]

Eine verbesserte Newcomenmaschine im Roman.

Die Newcomenschen Feuermaschinen wurden in der Folgezeit mannigfach

verbessert. Besondere Ersparnisse an Feuerungsmaterial erzielte der

Erbauer des Eddystoneleuchtturmes Smeaton, der berühmte Ingenieur und

Freund Watts, der Watt nach dessen eigenem Zeugnis wie die jüngeren

Ingenieure überhaupt technisch denken gelehrt hat. Als die Wattschen

Maschinen aufkamen, hörte man noch lange nicht auf, Newcomensche

Feuermaschinen zu bauen, zumal da, wo die Kohle reichlich und billig

war. Auch Wattsche Verbesserungen wurden dabei verwandt, so zum

Beispiel die Schließung des Zylinders auch oben, die Durchführung der

Kolbenstange durch eine gutgedichtete Stopfbüchse, die Lenkung des

Dampfes so, daß er bald über, bald unter dem Kolben eintritt und so

die Arbeit übernimmt, die vorher der Luftdruck allein besorgt hatte.

Eine solche Maschine beschreibt uns Max Eyth in seinem Roman »Der

Schneider von Ulm«. Sie war zu Anfang des 19. Jahrhunderts in der

Friedrichsgrube bei Tarnowitz in Oberschlesien tätig; gerade aber die

bedeutendsten Wattschen Verbesserungen, der getrennte Kondensator und

das Parallelogramm zur Geradführung der Kolbenstange, fehlten nach der

Beschreibung. Diese Maschine, im Grunde eine Mischung Newcomenscher und

Wattscher Ideen, ist aber gerade, weil ihr das Wichtigste der Wattschen

Maschine abgeht, nämlich der gesonderte Dampfverdichtungsraum oder

Kondensator, mehr als eine Newcomensche denn als Wattsche Feuermaschine

zu bezeichnen. Weil sie den Übergang von der einen zur andern gut

veranschaulicht, wollen wir die Stelle aus dem Eythschen Roman

hierhersetzen:

»Auf dem Weg nach dem Maschinenhaus hörten sie die dumpfen,

geheimnisvollen Schläge des Ungetüms mit jedem Schritt deutlicher.

Vor dem Haus schien der Boden zu zittern, Ketten klirrten, Stangen

rasselten; hinter dem Haus hörte man Wasser rauschen, als ob ein

mächtiger Bach über Felsen stürzte. -- Als sie in den hohen, matt

erhellten Raum eintraten, war es zunächst schwierig, irgend etwas zu

unterscheiden. Ein finsteres, formloses Ding, wie die Trommel einer

riesigen Säule, stand auf einem Untersatz aus roh behauenen Quadern.

Dies war der neue Zylinder, aus dem eine blinkende, runde Stange

emporschoß, um sodann wieder in seinem Inneren zu versinken. Die Stange

hing an einer schweren Kette, die hoch oben, fast am Dach des Gebäudes,

von einem Arm aus wuchtigen Holzbalken in die Höhe gezogen wurde,

der sich langsam und feierlich auf und ab bewegte, aber bei jedem

Niedergang mit dröhnendem Lärm auf eine Unterlage aufschlug, die im

Mauerwerk angebracht war. Hinter dem Steinpfeiler, der den Drehzapfen

dieses wagebalkenartigen Doppelarmes trug, hing, wieder an einer Kette,

das gewaltige Pumpengestäng, das in der unergründlichen Tiefe einer

schwarzen Schachtöffnung verschwand. Von den Armen des Schwingbaums

hingen vor und hinter dem Pfeiler weitere Stangen herab, von denen die

eine an wunderlich geformten Hebeln und Knaggen zog und drückte, die

manchmal dem Gang der Stange folgten, dann wieder plötzlich, als ob

sie ärgerlich wären, selbständige, unerwartete, schnappende Bewegungen

machten. Die Stange auf der andern Seite des Pfeilers saugte an einer

kleinen Pumpe, die in einer Grube verdeckt stand und in heftigen Stößen

dampfendes Wasser in eine Rinne warf, das gurgelnd durch ein Loch in

der Mauer davonlief. Das also war die Feuermaschine. Neben ihr, in

einen unförmlichen Backsteinmantel eingemauert, stand der Dampfkessel,

vor dessen feuersprühender Esse ein schweißtriefender, kohlenschwarzer

Mann hantierte. Wenn er die Feuertür öffnete, um frische Kohlen auf

die sausende Glut zu werfen, glühten der ganze Raum, die Hebeln und

Knaggen, die blinkende Kolbenstange und die schwarzen Ketten in

flammrotem Licht, das wildbewegte, fast greifbare Schatten in die Ecken

und Winkel des finsteren Gebäudes warf. Das Unheimlichste waren die

Töne des Ungetüms. Das knarrte und ächzte, knallte und krachte, zischte

und sauste, seufzte und stöhnte, bald da, bald dort, als ob in jedem

Winkel ein andrer Kobold säße. Alles aber übertönte der donnerähnliche

Schlag in der Höhe, wenn der Schwingbaum auf seine Unterlage traf.

Dem Schlag folgte eine fünf Sekunden lange feierliche Stille. Dann

war es, als ob jemand auf den Boden, auf ein Blech klopfte; langsam,

widerwillig setzte der Schwingbaum sich wieder in Bewegung, unten im

Schacht räusperten sich die Pumpen, und das grause Spiel, das Ächzen

und Stöhnen, das Sausen und Zischen, das Knallen und Schlagen begann

aufs neue. Wer erinnert sich an all das, wenn er in den spiegelblanken

Salon tritt, in dem heutzutage eine Dampfmaschine von tausend

Pferdekräften mit einem kaum hörbaren Seufzer, wenn nicht ganz lautlos,

ihre Riesenarbeit verrichtet? So aber sah und hörte es sich an, als

die Dampfmaschine in ihrer Kindheit die Glieder zu regen begann!« Die

folgende Schilderung von der Dampfsteuerung bald über, bald unter den

Kolben betrifft eine Anordnung, die erst Watt aufgebracht hat; dagegen

beachte man, daß die Kondensation nicht in einem besonderen Behälter

wie bei Watt, sondern unmittelbar noch wie bei Newcomen unter dem

Kolben erfolgt. Von der fundamentalsten Erfindung Watts ist also hier

kein Gebrauch gemacht.

Es heißt da im Roman weiter: »Die Knaggen und Hebel, die ein vom

Schwingbaum auf- und abgezogener Rahmen in Bewegung setzte, öffneten

und schlossen die Ventile, die den Dampf bald in den oberen, bald in

den unteren Zylinderraum eintreten ließen. Das aber ging so zu: zuerst

strömte der Dampf in den oberen Zylinderraum und drückte den Kolben

nach unten. War der Kolben am Boden angelangt, so schloß sich das

Einlaßventil, und ein anderes öffnete sich, so daß der Dampf aus dem

oberen in den unteren Zylinderraum treten konnte, während das Gewicht

des Pumpengestänges am andern Ende des Schwingbaums den Kolben nach

oben zog. War der Kolben wieder oben und infolgedessen aller Dampf

im Zylinder in den unteren Zylinderraum getreten, so schloß sich das

Ventil zwischen dem oberen und unteren Raum. Gleichzeitig spritzte

eine kleine Hilfspumpe kaltes Wasser in den Zylinder, so daß sich der

dort befindliche Dampf kondensierte und ein luftleerer Raum entstand,

der den Kolben wieder herabzusaugen suchte. Wenige Sekunden nachher

öffnete sich aber auch das Ventil wieder, das frischen Dampf in den

oberen Zylinderraum zuließ, so daß sich der Kolben wieder mit voller

Kraft abwärts bewegte und das Pumpengestäng aufs neue emporhob,

worauf sich diese Bewegungen wie zuvor wiederholten. Das Gewicht

des Pumpengestänges drückten die Grubenwasser in die Höhe; was die

Feuermaschine tat, war, nach jedem Pumpenstoß das Gestäng wieder zu

heben oder, in andern Worten, die vierzig Pferde zu ersetzen, die

vordem an dem Pumpengestäng gezogen hatten.«

Watt erfindet den Kondensator.

Watts jugendlicher Freund Robison hatte die Aufmerksamkeit des

Erfinders zum ersten Male auf die Dampfmaschine gelenkt, als er ihm

vorschlug, die in Newcomenschen Maschinen bereits so erfolgreich

verwertete Dampfkraft zur Bewegung von Wagen heranzuziehen. Das ist

nach Watts eigner Angabe 1759, vielleicht oder schon etwas früher

gewesen. Sobald seine Geschäfte es ihm wieder erlaubten, befaßte

er sich mit Versuchen, indem er auf einen Papinschen Digestor

oder Kochtopf eine Röhre mit beweglichem Kolben aufsetzte, den

hochgespannten Dampf durch eine verschließbare Öffnung in diese Röhre

treten und darin den ziemlich belasteten Kolben hochschieben ließ.

In dieser Richtung auf eine Dampfmaschine hinzuarbeiten, gab er aber

auf, als ihm klar wurde, daß genügende Dichtung nicht zu erreichen

und die Explosionsgefahr zu groß war. Jedenfalls aber sah er sich

bereits in der Literatur über Dampfmaschinen um, zumal, als ihm 1763

von der Universität der Auftrag wurde, das Modell einer Newcomenschen

Maschine (Abb. 12) wieder instand zu setzen. Diesen Auftrag hatte Watt

vielleicht selbst durch Vermittlung des ihm befreundeten Professors

Anderson herbeigeführt, als ihm bekannt wurde, daß dies Modell

vorhanden war und sich bei einem Londoner Mechaniker zur Ausbesserung

befand, ohne dort in Angriff genommen zu werden. Watt studierte

fleißig die Werke von Desaguliers und Belidor über die Geschichte der

Dampfmaschine. Nachdem er jenes Modell vom mechanischen Standpunkt aus

völlig instand gesetzt hatte, fand er, daß trotz des großen Kessels

nicht genügend Dampf erzeugt wurde, um einen Hub zu erzielen, dabei

war der Dampfkessel im Gegensatz zu den wirklichen Maschinen sogar

unverhältnismäßig groß. Dies setzte Watt in nicht geringes Erstaunen.

Wo lag der Grund, daß im kleinen trotz verhältnismäßig größeren Kessels

der Apparat nicht arbeitete? Watt stellte Versuche an, ob vielleicht

das ungünstige Verhältnis der Gesamtoberfläche des Zylinders zum

Zylinderinhalt schuld trüge. Er stellte sich ferner Zylinder aus anderm

Material, aus Eisen und Holz statt aus Bronze her, woraus der Zylinder

des Modells gemacht war. Vielleicht waren die Wärmeleitungsverhältnisse

dieser Stoffe entscheidend? Aber alle diese Versuche führten zu

keinem befriedigenden Ergebnis. Was er da fand, stand in schwer

vereinbarem Gegensatz zu den Tatsachen bei großen Maschinen. Erzielte

er durch stärkere Kühlwassereinspritzung ein schnelleres, größeres

und kräftigeres Vakuum, so bedurfte es gleich hinterher wieder viel

mehr Dampfes, da die Abkühlung der Zylinderwände größer geworden war

und nunmehr ein Teil des Dampfes seiner Elastizität durch die größere

Abkühlung verlustig ging. Auch ward es Watt offenbar, daß bei minder

starker Abkühlung im Vakuum ein Teil des Einspritzwassers unter dem

niedrigeren Druck schneller verdampfte als unter Atmosphärendruck.

[Illustration: Abb. 12. Modell einer atmosphärischen Maschine

(Newcomenmaschine) um 1750, wie es Watt zur Instandsetzung übergeben

wurde.]

Es half nichts. Wollte der junge Mechaniker eine auf Maß, Zahl und

Gewicht zurückgeführte Klarheit über diese Verhältnisse gewinnen, so

mußte untersucht werden, bei welchen Temperaturen Wasser unter größeren

als atmosphärischen Drucken kocht, mußte festgestellt werden, welche

Menge Dampfes sich aus einer bestimmten Menge Wassers entwickelt,

mußte erforscht werden, wieviel Wärme der Dampf an Wasser abgibt, wenn

er dessen Wärme auf seine eigene Temperatur erhöht.

Als Arago, ein französischer Physiker, der das Leben Watts im

Rahmen eines Akademievortrages behandelte, diese von Watt noch vor

seiner Haupterfindung angestellten Untersuchungen aufzählte, kam

er zu dem Schlusse, das sei Stoff genug gewesen, das Leben eines

fleißigen Naturforschers auszufüllen, und damit dürfte er nicht so

unrecht haben. Aber wie einfach waren die Mittel, mit denen Watt

seine Untersuchungen machte! Nicht einmal ein Laboratorium stand ihm

zur Verfügung, und doch gelangte er zu Ergebnissen, die ein halbes

Jahrhundert später mit weitaus besseren Mitteln nicht wesentlich

genauer erzielt wurden. Er untersuchte das Verhältnis, in dem bei

wachsenden Temperaturen die Spannungen des Wasserdampfes zunehmen.

Die Werte der Temperaturen trug er als Abszissen, der Spannungen als

Ordinaten in ein Koordinatensystem ein und fand, daß die Temperaturen

im arithmetischen, die Spannungen im geometrischen Verhältnis zunehmen.

In dem Werke Desaguliers stieß er bei der Berechnung, welches

Quantum Dampf einer bestimmten Menge Wassers bei Atmosphärendruck

entspricht, auf einen groben Rechenfehler. Das ermutigte ihn, diese

Frage noch einmal zu untersuchen. In einen Glaskolben füllte er eine

geringe Menge Wassers und befestigte in der Mündung eine beiderseits

offene, unten bis auf das Wasser reichende Glasröhre, so daß Luft

aus diesem Gefäße nur durch die Röhre entweichen konnte. Das Gefäß

wurde dann in einem Ofen so erhitzt, daß das Wasser darin verdampfte.

Der aufsteigende Dampf riß an Luft alles, was nicht schon infolge

der Wärme entwichen war, mit sich zur Röhre hinaus. Als der letzte

Wassertropfen verdampft war, wurde die Glasröhre geschlossen, das Gefäß

aus dem Ofen genommen, und ein kalter Luftstrom gegen eine Stelle des

Gefäßes gerichtet, damit sich der darin befindliche Dampf verdichte.

Abwiegen des Gefäßes mit und ohne den jetzigen Inhalt, weiter des

gänzlich ausgetrockneten und danach des mit Wasser ganz gefüllten

Gefäßes ergab die Werte, aus denen Watt berechnete, daß ein bestimmtes

Wasserquantum bei Verwandlung in Dampf von der Temperatur des siedenden

Wassers sich auf das Achtzehnhundertfache seines Rauminhalts ausdehnt.

Es war Watt aufgefallen, daß eine verhältnismäßig sehr große Menge

Einspritzwassers durch die Dampffüllung des Zylinders, die aus einer

sehr viel geringeren Menge Wassers herrührte, so stark erwärmt wurde.

Um die Sache genauer zu untersuchen, stellte er Wasser in einem gegen

Wärmeverluste geschützten Behälter neben einen Teekessel, in dem Wasser

verdampft wurde. Der ausströmende Dampf wurde so lange durch eine erst

wagrecht, dann senkrecht verlaufende Glasröhre in den Wasserbehälter

geleitet, bis das Wasser darin fast kochte, d. h. aufhörte, noch

länger Dampf zu verdichten. Beim Wiegen fand sich, daß das erwärmte

Wasser, das den ausströmenden Dampf aufgenommen hatte, sich um ⅙

seines Gewichtes vermehrt hatte. Watt folgerte, daß Wasser, in Dampf

verwandelt, sechsmal sein eignes Gewicht Brunnenwassers zur Siedehitze

bringe. Damit war Watt für seine Person selbständig zur Entdeckung

der latenten Wärme gelangt, und er wurde nicht wenig überrascht,

daß der ihm befreundete ~Dr.~ Black, ein Mediziner an der Glasgower

Universität, dem er seine Resultate mitteilte, schon früher zur

Entdeckung dieser Tatsachen gelangt war. Black hatte gefunden, daß eine

bestimmte Gewichtsmenge Eis von 0° ~C~ in einer gleichen Gewichtsmenge

Wassers von 80° ~C~ schmilzt und daß die Temperatur der beiden

Gewichtsmengen flüssigen Wassers 0 ist, während eine Gewichtsmenge

Wassers von 0° ~C~, mit gleicher Gewichtsmenge Wassers von 80° ~C~

gemischt, eine gemeinsame Temperatur von 40° ~C~ ergibt. Er schloß

daraus, es müßte die aus dem Eise hervorgegangene Wassermenge 80° ~C~

Wärme in sich aufgenommen haben, ohne daß diese verborgene (latente)

Wärme für unsere Instrumente unmittelbar meßbar wäre. Wenn Watt nun

feststellte, daß verdampftes Wasser das Sechsfache seines eignen

Gewichtes an Brunnenwasser auf Siedehitze bringen könne, so war diese

Temperaturerhöhung auch nur möglich dank der im Dampf latenten, mit dem

Thermometer nicht meßbaren Wärme.

An Wasserstandsgläsern, die Watt statt der Probierhähne bei den

Dampfkesseln einführte, konnte er jederzeit ablesen, wieviel Wasser

verdampft war. Er konnte also auch feststellen, wievielmal eine

bestimmte Menge Wassers den Zylinder mit Dampf füllte. Den Schluß,

den er nun aus allen diesen mehrfach abgeänderten Versuchen und

Feststellungen zog, hätte er vielleicht auch ohne sie gewinnen können.

Es ist nicht abzusehen, warum der Gedanke, die Dampfkondensation in

einen besonderen Raum abseits vom Zylinder zu verlegen, nicht hätte

auftauchen können, nachdem man sich einmal klar geworden war, daß die

abwechselnde Erhitzung und Abkühlung des Zylinders überflüssigerweise

viel Brennstoff vertat. Dergleichen läßt sich aber nur hinterher leicht

sagen. Gerade die zahlenmäßigen Feststellungen gaben Watt erst recht

deutliche Vorstellungen, erhöhten sein Erstaunen und schärften sein

Nachdenken, wie der Brennstoffverschwendung abzuhelfen sei.

Helmholtz schilderte einmal in einer Tischrede, wie ihm am besten und

ehesten erlösende Gedanken kämen, wenn er wochenlang der gleichen

Sache nachging und sie auf Spaziergängen in sonniger, bergiger

Landschaft mit sich herumtrüge. Nietzsche schuf unter ähnlichen

Umständen seinen Zarathustra. Watt hat sich auf eine Anfrage Harts

über das erstmalige Aufblitzen der erlösenden Idee, nämlich des

getrennten Dampfverdichtungsraumes, folgendermaßen geäußert: »Eines

Sonntagnachmittags hatte ich im Glasgower Grün einen Spaziergang

unternommen: als ich halbwegs zwischen Hirts Haus und Arns Brunnen

war und meine Gedanken sich natürlicherweise mit jenen Experimenten

beschäftigten, die ich gerade anstellte, um Wärme im Zylinder zu

sparen, so kam mir eben auf jener Wegstrecke der Gedanke in den Sinn,

daß, weil Dampf ein elastischer Dunst (~Vapour~) war, er sich ausdehnen

und in einen vorher luftleer gemachten Raum stürzen würde; und daß,

wenn ich einen luftverdünnten Raum in einem getrennten Gefäß herstellen

würde, dazu auch eine Verbindung zwischen dem Dampf im Zylinder und dem

luftleer gemachten Gefäß, jene Folge eintreten müßte.« Es war im Anfang

des Jahres 1765, daß Watt diese nachträglich so selbstverständlich

erscheinende Idee faßte. Mit ihr zugleich ergaben sich binnen zwei

Tagen alle übrigen Erfindungen zur Verbesserung der Dampfmaschine

gewissermaßen nur als Ergänzungen und von selbst. Die Entfernung

des Einspritz- und Kondensationswassers sowie der mit dem Wasser

eingedrungenen Luft mußte durch Pumpen erfolgen. Die Dichtung des

Kolbens in der Newcomenmaschine durch eine auf der oberen Kolbenfläche

ruhende, immer neu ergänzte Wasserschicht vertrug sich nicht mit dem

neuen Prinzip, den Zylinder andauernd so heiß als möglich zu erhalten.

Das Wasser über dem Kolben wäre verdampft oder hätte den Zylinder

gekühlt. Andre Dichtungsmittel, Wachs, Talg, Fett, Dung, mußten somit

erprobt werden. Auch die Luft über dem Kolben konnte in dem oben

offenen Newcomenschen Zylinder dessen Temperatur erniedrigen. Also war

der Zylinder oben zu schließen. Die Kolbenstange mußte durch ein Loch

des Deckels, durch eine Stopfbüchse, durchgehen. Dann ließ sich aber

auch der Dampf _über_ den Kolben leiten und dazu verwenden, den Druck

der atmosphärischen Luft zu ersetzen und den Kolben herabzudrücken. Um

nun auch von außerhalb des Zylinders die Kühlung durch umgebende Luft

zu verhindern, mußte der Zylinder von einem Mantel umgeben werden,

der Wärme nach außen nicht abgab und weit genug vom Zylinder abstand,

damit zwischen Mantel und Zylinderwandung Dampf eintreten konnte,

der die Temperatur innerhalb des Zylinders gleichmäßig erhielt. Alle

diese Verbesserungen ergaben sich, wie Watt selbst schreibt, in einem

oder zwei Tagen ungezwungen aus der einzigen, so fruchtbaren Idee vom

getrennten Kondensator. Und nun machte sich Watt an die experimentelle

Prüfung, um auch hier wieder zu zeigen, mit wie geringen Mitteln das

Genie Großes leistet.

Watts erste Maschine im Modell.

Viel Zeit und mehr Geld, als sich mit einem schuldenfreien Dasein

vertrug, hatte Watt an seine theoretischen und experimentellen

Untersuchungen gewandt, um die Größenbeziehungen zwischen Wasser,

Dampf, Zylinderfüllung und verdampftem Wasser herauszubekommen. Lange

war er im dunkeln weitergetappt, gefoppt von manchem Irrlicht, bis ihm

in wenig Stunden eine ganze Reihe neuer Ideen oder eine Hauptidee, die

aber eine Reihe andrer in ihrem Schoße barg, aufblitzte. Sofort machte

er sich an die Herstellung eines Maschinenmodells. Dieser denkwürdige

Apparat (Abb. 13) ist noch erhalten. Er befindet sich in London im

Kensingtonmuseum. »Ich nahm eine große Messingspritze, eindreiviertel

Zoll Durchmesser und zehn Zoll lang, machte aus Zinnblech einen Deckel

und Boden daran, dazu eine Röhre, die (zu der als Zylinder dienenden

Spritze) vom Kessel her den Dampf nach beiden Enden des Zylinders

führen sollte; eine zweite Röhre hatte den Dampf von dem oberen Ende

des Zylinders nach dem Kondensator zu leiten -- denn um Apparat zu

sparen, kehrte ich den Zylinder um (so daß die Kolbenstange nach

unten hing und das Vakuum oberhalb des Kolbens erzeugt wurde); ich

bohrte der Länge nach durch die Kolbenstange ein Loch und befestigte

am unteren Ende ein Ventil, das Wasser herauszulassen, das bei

der ersten Zylinderfüllung durch den verdichteten Dampf entstehen

würde. Der Kondensator, den ich benutzte, bestand aus zwei Röhren

dünnen Zinnblechs, zehn oder zwölf Zoll lang und etwa ein sechstel

Zoll Durchmesser. Diese Röhren standen senkrecht und waren oben in

Verbindung mit einer kurzen wagrechten Röhre großen Durchmessers.

Letztere hatte auf der Oberseite eine Öffnung, die durch ein nach außen

gehendes Ventil geschlossen wurde. Diese Röhren wurden unten verbunden

mit einer andern senkrechten Röhre, die als Luft- und Wasserpumpe

diente. Beide Kondensatorröhren und die Luftpumpe wurden in eine

kleine, mit kaltem Wasser gefüllte Büchse gestellt. Diese Konstruktion

des Kondensators wurde gewählt, weil ich wußte, daß Wärme sehr

rasch dünne Metallplatten durchdrang, und bedachte, daß, wenn keine

Einspritzung in ein luftleer gemachtes Gefäß erfolgte, nur das Wasser,

aus dem der Dampf bestanden hatte, und die Luft, die mit dem Dampf oder

durch undichte Stellen eintrat, herauszuschaffen wären. Die Dampfröhre

wurde an einen kleinen Kessel befestigt.

[Illustration: Abb. 13. Watts erstes Modell einer Dampfmaschine mit

getrenntem Kondensator 1765.

(Aus »Zeitschr. d. Vereins D. Ingenieure« 1896, S. 979.)]

James Watt und die Erfindung der Dampfmaschine · 第 4 / 8 段