allzuweit entfernten Städtchen Glasgow bei einem geeigneten Meister
in die Lehre zu treten. Dort fehlte es ihm nicht an einflußreichen
Verwandten, und von der Gefahr, auf Abwege zu geraten, konnte keine
Rede sein. Nur zwei sich kreuzende Hauptstraßen besaß das Städtchen
damals, dessen meiste Häuser aus Holz gebaut und mit Stroh gedeckt
waren. Selten, daß sich auf dem vorbeifließenden Clyde ein größeres
mehrmastiges Schiff zeigte, obwohl die angesehensten Bürger Händler
mit Virginiatabak waren, die gar stolz in ihren Scharlachröcken,
Hahnfederhüten und Puderzöpfen die kurze Hauptstraße durchwandelten.
Wirtshäuser und Zeitungen gab es nicht; die Neuigkeiten der Welt
kamen den Glasgowern eine Woche später durch ein Londoner Blättchen
zur Kenntnis. Man traf sich, nach Beruf und Neigung zusammengeführt,
abends in den Klubs. Theater waren ebenfalls nicht zu finden, und als
im Jahre 1752 ein hölzernes Theater errichtet wurde, fand sich das Volk
in seinen religiösen Gefühlen so verletzt, daß es die Bude stürmte
und die Besucher mißhandelte. Und als der Bau eines Theaters im Jahre
1762 wiederum ins Auge gefaßt wurde, wollte niemand Grund und Boden
dazu verkaufen. Zu neuen Ausschreitungen kam es zwei Jahre später,
als man vor den Stadttoren dennoch ein Theater baute. Waren also die
biederen Glasgower zwar Feinde des Theaters, so doch nicht eines
kräftigen und reichlich bemessenen Trunkes, eine Schwäche, die dem nie
ganz gesunden Watt jedenfalls nichts anhaben konnte. Zunächst freilich
sollte sein Aufenthalt in dem kleinen Universitätsstädtchen, in dem
er nach einigen Jahren die wichtigste Erfindung für die Dampfmaschine
machte, nicht von langer Dauer sein. Der Meister, bei dem er in die
Lehre trat, nannte sich zwar Optiker und war auch ein sehr vielseitiger
Mann, der Brillen, Geigen und Spinette verkaufte oder zur Ausbesserung
annahm, auch einfachere mathematische Instrumente zur Not wieder
instand setzte, aber um des Lebens Notdurft willen auch Angelruten und
Fischnetze oder was sonst gewünscht wurde, herstellte. Da man sich aber
die Ausbildung des jungen Watt zum mathematischen Instrumentenmacher
doch etwas gründlicher und tiefer vorgestellt hatte, so erhielt Watt
von dem Professor der Naturwissenschaft Dick den Rat und die nötigen
Empfehlungsbriefe zur Übersiedlung nach London. Sie erfolgte in
Begleitung eines Verwandten. Hoch zu Roß gelangte der Jüngling in
ebensoviel Tagen von Glasgow nach der britischen Hauptstadt, wie es
heute mit der Eisenbahn Stunden erfordert, wenn man den bummeligsten
Zug nimmt. Watts Unterbringung bei einem Londoner Meister machte aber
große Schwierigkeiten. Niemand wollte oder durfte ihn nehmen, da er
die vorgeschriebene Bedingung, nämlich siebenjährige Lehrlingschaft
bei einem eingesessenen Meister, weder erfüllt hatte noch erfüllen
konnte. Nach vierzehntägigem vergeblichem Suchen schrieb Watt an seinen
Vater, höchstens gegen Draufzahlung eines Lehrgeldes würde ihn ein
Meister für ein Jahr bei sich aufnehmen. So entschloß er sich denn,
zunächst bei einem ihm durch seinen Verwandten bekannt gewordenen
Uhrmacher namens Neale ohne jede Vergütung in Dienst zu treten.
Bei diesem übte er sich in der Kunst des Gravierens. Bald jedoch
glückte es ihm, bei einem regelrechten Verfertiger mathematischer
Instrumente, namens Morgan, gegen ein Lehrgeld von zwanzig Guineen und
Überlassung seiner Arbeitsergebnisse für ein Jahr unterzukommen. Rasch
erwarb sich der eifrige Jüngling Fertigkeit in der Herstellung von
messingnen Transporteuren, Quadranten, Azimutalkompassen, Theodoliten,
Verhältniszirkeln und was der mathematischen Instrumente noch mehr
sind. Er lernte auch die Vorteile einer weitgehenden Arbeitsteilung
kennen. Im Bestreben, möglichst bald keiner väterlichen Zuschüsse
mehr zu bedürfen, schränkte sich Watt aufs äußerste ein, und wo er
durch Arbeiten in seiner Freizeit etwas verdienen konnte, setzte er
die Stunden der Nacht daran. Schlimme Zustände herrschten damals in
London und seiner Umgebung. Das Schicksal, das den deutschen Dichter
Seume und viele andre unglückliche Opfer fürstlicher Habsucht und
Gewissenlosigkeit traf, über See als Soldat verkauft zu werden,
drohte auch einem Watt, wenn er unvorsichtig war. Truppen von Werbern
griffen junge Männer auf und zwangen sie, Matrosen zu werden;
Agenten der Ostindiengesellschaft führten dieser zwangsweise Leute
für den Kolonialdienst zu, Seelenverkäufer lieferten eingefangenes
Menschenmaterial auch an die amerikanischen Pflanzer. Wehe dem, der in
seinen Personalverhältnissen nicht ganz einwandfrei war! Er entrann
nicht mehr seinen Häschern, und Watt hätte sich ebenfalls nicht vor
dem Lordmayor genügend legitimieren können, denn er befand sich in
einer gesetzlich nicht erlaubten Lehrlingsstellung, er hatte die
vorgeschriebenen sieben Jahre Lehrzeit nicht durchgemacht. So konnte
er sich immer noch in der Werkstatt seines Meisters am sichersten
fühlen, seine zehn Stunden herunterarbeiten und abends, abgerackert und
mit zitternden Händen, wie er selbst schrieb, sein Lager aufsuchen.
Sein Arbeitsplatz in der Nähe der Ladentür zog ihm aber eine schlimme
Erkältung, Husten und Rheumatismus zu. Das Übel wich nicht, so daß Watt
im Herbst 1756 nach der schottischen Heimat zurückkehrte, mit Bions
Werk über mathematische Instrumente und allem Handwerkszeug versehen,
das zur Niederlassung als Meister im Norden erforderlich war.
Watt als Universitätsmechaniker.
Nachdem der Zwanzigjährige in der Pflege des Elternhauses seine
Gesundheit wiederhergestellt hatte, wollte er sich im benachbarten
Glasgow als Meister niederlassen. Aber der Mann, dessen revolutionäre,
in Eisen gebundene Werke bald alle Zunftschranken über den Haufen
stürzen sollten, mußte sich zunächst von der Glasgower Zunft der
Hammerschmiede bedeuten lassen, daß es am Ort keinen Raum für jemanden
gäbe, der nicht die regelmäßige Lehrzeit bei einem Glasgower Meister
durchgemacht noch einen eingesessenen Bürger zum Vater habe. Es
ist ja so ziemlich in den meisten Fällen für die einem Zeitalter
allernötigsten Menschen kein Raum gewesen. In Watts Falle aber wurde
der Schaden, den die eine Zunft stiftete, durch eine andere Zunft,
die Glasgower Professoren, gutgemacht. Watt war mit den Professoren
Muirhead und Anderson verwandt. Den Professor Anderson muß man schon um
deswillen rühmend hervorheben, weil er der erste war, der Vorlesungen
für Arbeiter und Handwerker einführte, Naturwissenschaft ins Volk zu
bringen suchte und die volkstümlichen Zwecken gewidmete Andersonian
University stiftete. Professor Dick verschaffte dem jungen Meister
zunächst den Auftrag, eine Sammlung mathematisch-astronomischer
Instrumente wieder instand zu setzen. Diese Instrumente waren über
See gekommen und zum Teil verrostet. Sie entstammten dem Nachlaß
eines auf Jamaika gestorbenen Kaufmanns Macfarlane, der sich in
seinen Mußestunden mit astronomischen Beobachtungen beschäftigte.
Und weil die Glasgower Handwerkerzunft Watt nicht einmal eine
Werkstatt zu Experimenten beziehen lassen wollte, so ernannte die
Professorenschaft den jungen Verwandten zweier ihrer Mitglieder zum
Universitätsmechaniker, der den Professoren der Naturwissenschaft mit
der Herstellung von Instrumenten an die Hand gehen sollte. Innerhalb
der Universitätsräume, in denen die Handwerker nichts zu sagen hatten,
wurde Watts Werkstatt eingerichtet, auch durfte er sich noch einen
Laden nach der Straße zu halten. Freilich, zu verdienen bekam er nicht
viel. Es bestand keine zureichende Nachfrage nach seinen Instrumenten,
und der Vater mußte hier und da noch aushelfen. Watt verlegte sich
auf den Verkauf von Karten, besserte Geigen, Flöten und Gitarren
aus, fertigte auch solche Instrumente und baute sogar auf Bestellung
Drehorgeln.
Es ist nicht ohne einen geheimen Reiz, daß der Schöpfer der
vervollkommten _Dampfmaschine_ eine Zeitlang _Musikinstrumentenmacher_
war; die reine Unterhaltungs- und Vergnügungskunst der Musik war hier,
wie in manch andern interessanten Fällen, die Amme der Technik. So
begann auch der englische Physiker Wheatstone, den die Geschichte
der Telegraphie kennt, seine Laufbahn als Musikinstrumentenmacher,
Hughes war erst Musiklehrer, ehe er in die Telegraphie eingriff,
Chladni kam von der Musik her zur Physik, und derartige Beziehungen
zwischen Musik und Technik, zwischen einem ästhetischen und dem rein
praktischen Gebiet, gibt es noch mehrere, ein Vergnügen für Leute,
die gerne verknüpfende Fäden zwischen Gegensätzen aufsuchen. Aus
jener Zeit so schlechten Geschäftsganges wird uns berichtet, daß
Watt auch, seine Muße auszufüllen, Erzählungen und Verse schrieb --
schade, daß uns davon nichts erhalten ist. Dank seiner Vielseitigkeit
und den Freundschaften, die er sich erst in Professorenkreisen, dann
bei Studenten und Glasgowern Bürgern zu erwerben verstand, brachte
er allmählich sein Geschäft doch in die Höhe. Er mietete einen Laden
in der Stadt, verband sich 1760 mit einem gewissen Craig, der die
kaufmännische Leitung übernahm, und beschäftigte vier Jahre später
bereits 16 Arbeiter. Da er nun achtundzwanzig Jahre zählte, war es
Zeit, sich nach einer Lebensgefährtin umzuschauen. Die Wahl fiel
auf eine Base, namens Miller, ein Mädchen, das ihm eine treue, nie
verzagende, aber leider früh entrissene Gefährtin wurde.
Ein Jahr nach seiner Verheiratung machte Watt, als Frucht sorgfältiger
experimenteller Forschungen, jene für die Umgestaltung der
Dampfmaschine so folgenreiche Erfindung des Kondensators. Ehe wir
darauf weiter eingehen, müssen wir unsre Aufmerksamkeit noch einer
Person zuwenden, die etwa ums Jahr 1758 den jungen Watt zum ersten Male
auf die Verwertung der Dampfkraft hinlenkte.
Robison war es, der, noch etwas jünger als Watt und voll Interesses
für mechanische Erfindungen und Gesetze, die Absicht hegte, einen
durch Dampfkraft getriebenen Wagen zu erfinden und zu diesem Zwecke
Watts Mitarbeit wünschte. Deshalb wollen wir einige Stellen sowohl
aus Watts Äußerungen über Robison als aus dessen Mitteilungen über
Watt hierhersetzen. Den Siebzigern nahe, schrieb Watt in seinen
Erinnerungen an den eben verstorbenen, im Leben treu bewährten Robison
folgendes: »Unsre Bekanntschaft begann im Jahre 1756 oder 57, als ich
von der Universität Glasgow beauftragt wurde, einige astronomische
Instrumente, die ihr Doktor Macfarlane in Jamaika vermacht hatte, in
Ordnung zu bringen. Mr. Robison war damals ein sehr hübscher junger
Mann und ziemlich jünger als ich. Er führte sich bei mir ein, und
ich war glücklich, in ihm eine Person zu finden, die so viel besser
über mathematische und philosophische Gegenstände unterrichtet war
als ich und, während sie äußerst mitteilsam war, eine sehr klare Art
besaß, ihre Gedanken darzulegen. Zwischen zwei jungen Leuten feurigen
Geistes und ähnlicher Ziele bildete sich bald eine Freundschaft. --
-- Bald darnach ließ ich mich als mathematischer Instrumentenmacher
im Glasgower Universitätshause nieder und wurde häufig durch Mr.
Robisons Gesellschaft beglückt, bis er gegen Ende 1758 die Universität
verließ und, wie ich glaube, in einem von Sr. Majestät Schiffen auf
See ging. Während dieser Periode lenkte er meine Aufmerksamkeit auf
die Dampfmaschine, eine Maschine, von der ich damals sehr wenig
Kenntnis besaß, und meinte, daß sie verwendet werden könnte, Räderwagen
Bewegung zu geben, und daß es zu diesem Zwecke sehr angebracht sein
würde, den Zylinder mit seinem offenen Ende nach unten zu setzen, um
die Notwendigkeit zu vermeiden, einen Balancier zu gebrauchen. Diese
letztere Idee hatte er einige Zeit zuvor im ‚Universal Magazine‛
veröffentlicht. Demgemäß begann ich ein Modell, mit zwei Zylindern von
Zinnblech, die mittels Zahngetriebes abwechselnd auf zwei Räder auf
der Achse der Wagenräder wirken sollten. Aber das Modell entsprach,
weil zu leicht und ungenau gearbeitet, nicht den Erwartungen. Beide,
Mr. Robison und ich, hatten andre Geschäfte, die dringend zu erledigen
waren; und da keiner von uns beiden eine Idee von den wahren Prinzipien
der Maschine hatte, so wurde der Plan verlassen.« Watt erzählt weiter,
wie er dann seine Experimente wieder aufnahm, wie ferner noch einmal
im Jahre 1765 Robison ihm die Anregung gab, einen perspektivischen
Zeichenapparat des Doktor Lind zu verbessern, wie drei Jahrzehnte
später, 1799, Robison, obwohl schwer leidend, im Winter von Edinburg
nach London reiste, um in Watts Patentprozeß ein glänzendes Zeugnis
für den Erfinder abzulegen. Zum Schluß entwirft Watt noch mit
einigen Strichen ein glänzendes Charakterbild seines Freundes, dem
er nachrühmt, daß niemand ihm in der schnellen und klaren Erfassung
wissenschaftlicher Probleme gleichkam.
In sehr anmutiger Weise wird diese Schilderung des Charakters Robisons
durch dessen Worte über Watt ergänzt. Wir müssen sie hierhersetzen,
schon weil sie uns den bezaubernden Eindruck beschreiben, den der
junge Feinmechaniker auf seine studierte oder studierende Umgebung
ausübte. Freilich müssen wir dabei, um kritisch zu bleiben, mit
veranschlagen, daß der also gelobte Watt damals bereits der berühmte
Erfinder war, den in jungen Jahren gekannt und bewundert zu haben man
stolz sein durfte. Robison nun gibt folgende Schilderung: »Ich sah
einen Handwerker und erwartete nicht mehr; war aber erstaunt, einen
Forscher zu sehen, so jung wie ich selbst und allzeit bereit, mich
zu belehren. Ich hatte die Eitelkeit, mich für einen ansehnlich weit
vorgeschrittenen Kopf in meinem Lieblingsfache (Naturwissenschaft
und Mechanik) zu halten, fühlte mich aber ziemlich vernichtet, Mr.
Watt mir so sehr überlegen zu finden.« Weiter schildert Robison, wie
er Watt immer auf vorher nicht von andern betretenen Wegen fand, und
wie er selber, statt Führer zu sein, ihm folgen mußte. »Alle jungen
Leute, die wegen irgendeiner wissenschaftlichen Liebhaberei bekannt
waren, wurden Besucher Watts; und sein Zimmer war ein Stelldichein
für all dergleichen Leute. Kam irgendeinem von uns eine zu harte
Nuß zwischen die Zähne, so gingen wir zu Mr. Watt. Er brauchte nur
angeregt zu werden; alles wurde ihm Ausgangspunkt eines neuen und
ernsthaften Studiums, und wir wußten, daß er es nicht fahren lassen
würde, bis er entweder seine Bedeutungslosigkeit entdeckt oder etwas
daraus gemacht hatte. Einerlei, in welcher Richtung, -- Sprachen,
Altertum, Naturgeschichte, ja sogar auch Poesie, Kunstkritik, Werke
von Geschmack wie auch jedes beliebige in der Richtung auf Zivil-
oder Kriegsingenieurkunst -- er war überall zu Hause und bereit zu
unterrichten. Kaum je wurden Projekte wie Kanäle, Flußvertiefungen,
Kartenaufnahmen oder dergleichen in der Nachbarschaft unternommen, ohne
Mr. Watt zu befragen; und er wurde sogar dazu gedrängt, sich einige
beträchtliche Arbeiten auf den Hals zu laden, obwohl sie derart waren,
daß er darin nicht die geringste Erfahrung besaß. Fügt man noch zur
Überlegenheit seines Wissens, die jedermann zugab, die ungezwungene
Einfachheit und Lauterkeit von Mr. Watts Charakter, so ist es kein
Wunder, daß die Anhänglichkeit seiner Bekannten stark war. Ich habe
ein Stück von der Welt gesehen und ich muß sagen, daß ich nie einen
zweiten Fall so allgemeiner und herzlicher Zuneigung zu einer Person,
die alle als ihnen überlegen anerkannten, gesehen habe. Doch wurde
diese Überlegenheit unter der liebenswürdigsten Lauterkeit verborgen,
unter bereitwilliger Anerkennung jeden Verdienstes eines andern. Mr.
Watt war der erste, der Begabung eines Freundes Dinge zuzuschreiben,
die oft nichts anderes waren als seine eignen Anregungen, weiter
entwickelt und ausgestaltet durch einen andern. Ich bin wohl berechtigt
dies zu sagen, denn ich habe es oft in meinem eignen Falle erfahren.«
Weiter führt Robison in seinem begeisterten Lobeshymnus auf den jungen
Watt aus, wie dieser Deutsch lernte, nur um Leupolds »Schauplatz der
Maschinen« verstehen zu können, wie Robison selber deshalb ebenfalls
die schwere Sprache in Angriff nahm, wie sie beide in einem andern
Falle sich an das Italienische machten. Und dann hebt Robison hervor,
daß Watt sein Wissen nicht für sich, sondern stets zum allgemeinen
Besten erstrebt und aufgespeichert habe. So mitteilsam und offenherzig
sei er hinsichtlich seiner Erfindungen und Ideen gewesen, daß er in
andern Kreisen, etwa in London, seines geistigen Eigentums hätte
leicht beraubt werden können, da andre auf Erfindungen, von denen er
kein Aufhebens machte, gleich mehrere Patente genommen haben würden.
Tatsächlich werden ja mehrere Erfindungen Watts auf dem Gebiete der
Nivellierkunst und der Vermessung namhaft gemacht, auf die andre sich
früher oder später Patente erteilen ließen. Brachte es doch sogar der
Knopffabrikant Pickard fertig, sich die Watt durch Verrat entwendete
Idee der Kurbelbenutzung zur Erzielung von Drehbewegung patentieren
zu lassen, während der erste Erfinder gezwungen war, seine eigne,
aber einem andern patentierte Idee zu umgehen. Zahlreiche Erfahrungen
solcher Art, dazu die jahrelangen Kämpfe nur um das nackte Dasein und
das Gelingen seiner Pläne machten freilich aus dem allseits beliebten
jungen Manne fast einen Menschenfeind, der sich in den stärksten
Ausdrücken über Plagiate und »Schuftigkeit des größten Teiles der
Menschheit« erging. Neun Zehntel seien schurkig, der Rest meist Narren.
Oder »Die Schuftigkeit der Menschheit übersteigt jede Vorstellung«.
Er hatte von seinem Standpunkte aus recht. Gerade die überquellende
Begeisterung des bei seinen Landsleuten berühmten Professors Robison
darf uns eine Gewähr sein, daß der junge Meister Watt jene Erfahrung
durchlebte, die Schiller in seinem kleinen Gedichte »Licht und Wärme«
folgendermaßen beschreibt:
»Der bessre Mensch tritt in die Welt
Mit fröhlichem Vertrauen
Und glaubt, was ihm die Seele schwellt,
Auch außer sich zu schauen,
Und weiht, von edlem Eifer warm,
Der Wahrheit seinen treuen Arm.
Doch alles ist so klein, so eng.
Hat er es erst erfahren,
So sucht er in dem Weltgedräng
Sich selbst nur zu bewahren.
Das Herz in kalter, stolzer Ruh'
Schließt endlich sich der Liebe zu.«
Erst als Watt, der Existenzsorgen und ewigen Kopfleiden enthoben, sich
eines behaglichen Alters erfreuen konnte, scheint das Gewinnende und
Einnehmende seiner Jugend wiedergekehrt zu sein. Doch wir haben uns
nunmehr dem Hauptabschnitt seines Lebens zuzuwenden, der die Geschichte
seiner Dampfmaschine umfaßt. Und da ist es an der Zeit, die Geschichte
der Dampfmaschine vor dem Eingreifen Watts kurz hier vor Augen zu
führen.
Geschichte der Dampfmaschine bis auf Watt.
[Illustration: Abb. 1. Püstrich.
(Aus Feldhaus, Ruhmesblätter der Technik.)]
[Illustration: Abb. 2. Vorrichtung zum Öffnen von Tempeltüren.
(Aus Feldhaus, Ruhmesblätter der Technik.)]
Mindestens seit fünftausend Jahren hat die europäische und asiatische
Menschheit in oft riesigen bauchigen Gefäßen, die, mit Wasser gefüllt,
über dem Feuer hingen oder standen, sich Dampf entwickeln sehen.
Unmittelbar vor Augen hatten da denkende Köpfe ein Beispiel für die
auch sonst in der Natur beobachtete Verwandlung eines Stoffes in einen
anderen, von Wasser in Luft, -- denn der Dampf wurde noch vor einigen
Jahrhunderten eben als Luft bezeichnet, -- von Feuer oder Wärme in
Wasser -- denn das Wasser nahm die Wärme, das Feuer also, in sich
auf, -- und daß das Wasser Erde in sich enthält, lehren die Flüsse:
Ägypten z. B. ist ja ein Geschenk des Niles! Den umgekehrten Weg der
Stoffverwandlung beobachtete man beim Gewitter: aus der Regenwolke
(dem Dampfe) fällt Wasser und Feuer herunter; Wasser scheint, zumal
in heißen Ländern, die Pflanzen plötzlich zu nähren; die Pflanzen
wieder, die Hölzer, geben Feuer! So bildete sich bereits vor
mindestens dreitausend Jahren hier und da, bei Indern und Griechen
nachweisbar, wohl auch bei Babyloniern und Ägyptern und später auch
bei den Germanen, die Einheitslehre, daß das Feuer das Urelement der
Welt sei, das Feuer, das in den Gestirnen, in der Sonne, im Blitz, im
Wolkenwasser, im Bauch der Tiere und Menschen sitzt, das Feuer, das aus
den roten Rosen und anderen gelben oder flammroten Blüten hervorlodert.
Erst heute fassen wir, belehrt durch älteste Mythologie, Philosophie
und Dichtung, bei vergleichender Betrachtung dieser Gebiete, welch
große Denkarbeit bereits von scheinbar kindlichen Zeitaltern geleistet
worden ist. Aber noch weit war der Weg, den Urgott, das Urelement
Feuer, in der Feuermaschine (wie die Dampfmaschine noch im vorigen
Jahrhundert hieß) uns dienstbar zu machen. Erst hat sich der Feuergott
reichlich verehren und von den Priestern zu mancherlei Volksbetrug
mißbrauchen lassen, ehe im alexandrinischen Zeitalter, nachdem eine
vielhundertjährige Aufklärungsarbeit durch griechische Philosophen
geleistet war, Gelehrte ohne Schaden für ihr leibliches Wohl,
gewissermaßen ohne Furcht vor der Rache des verratenen Feuergottes, so
manches Priesterkunststückchen in ihren Büchern beschreiben konnten,
bei dem unter Benutzung von Dampf oder erhitzter Luft dem Volke Wunder
vor Augen geführt wurden. Ja, wenn wir heute dank babylonischer
Forschungsarbeit erkennen, wie selbst ausgeprägte Religionslehren und
Kultgebräuche in merkwürdiger, auffallender Übereinstimmung sich von
Vorderasien bis nach Nordeuropa hin erstrecken, -- wenn wir in den
_Püstrichen_ des germanischen Mittelalters (Abb. 1) noch Nachkommen
jener Dampfmaschinerien erblicken dürfen, mit denen man Götterfurcht
erzeugte, dann möchte man fast glauben, daß der Dampf im Geheimwissen
der Priester bereits seit fünftausend Jahren eine völkerbezwingende
Rolle spielte. Vielleicht hat sich mit seiner Hilfe das Priestertum vom
Ganges-, Nil- und Euphratgebiet bis nach Britannien hin organisiert.
Freilich geben uns zu solchen fast tollkühn scheinenden Vermutungen
erst Forschungsergebnisse der jüngsten Vergangenheit die Berechtigung.
Heron von Alexandria, der zu einer Zeit lebte, wo er von Arminius und
den ersten Christen gehört haben konnte, beschreibt uns ein Modell,
bei dem mit Hilfe des Druckes, den eingeschlossene und erwärmte Luft
ausübt, ein Gewicht abwärts bewegt und dadurch zwei _Tempeltüren_
geöffnet werden (Abb. 2). Er beschreibt uns auch eine Turbine oder,
wenn man will, Dampfmaschine, die auf dem Rückstoß ausströmenden
Dampfes beruht. Der Äolipile oder dem Äolsball strömten aus einem
Wassergefäß durch seitlich einmündende Röhren Dämpfe zu. Die gleichen
Dämpfe entwichen dann aus angelöteten Röhrchen und führten eine
Drehung herbei. Dergleichen kann man ja heute bei Rasensprengern
in Gärten beobachten. Übrigens hatte man nicht erst die Vorgänge
im Heronsball (Abb. 3) nötig, um das Erdbeben unter Berufung auf
Dampfausbrüche zu erklären. Schon das Bullern des siedenden Wassers
im Kessel leistete diesen Dienst. Sicher hat das Mittelalter noch
manche Kunde von Dampfmechanismen aus dem Altertum besessen, die
verloren gegangen sind. Eine Dampfkanone, den Erzdonnerer, beschreibt
uns Leonardo da Vinci, der gewaltige, seiner Zeit oft um ein halbes
Jahrtausend vorauseilende Denker, Künstler und Forscher, der schon ein
Jahrhundert vor Galilei eindringlich experimentelle Naturwissenschaft
trieb und sie dem Wortgelehrtentum der Aristoteliker entgegensetzte.
Leonardo schreibt die Dampfkanonen einem als bekannt vorausgesetzten
Archimedes zu, der aber nicht unbedingt identisch zu sein braucht mit
dem großen griechischen Mathematiker und Verteidiger von Syrakus. In
einen erhitzten Raum wurde Wasser eingelassen, so daß es plötzlich
verdampfte und eine Kugel vom Gewicht eines Talentes sechs Stadien,
also rund einen Kilometer, weit schleuderte. Wieder hundert Jahre
später beschreibt uns der Italiener Branca, ein Zeitgenosse Galileis,
in einem Werke über seine verschiedenen Maschinen einen Turbinenapparat
(Abb. 4). Aus dem Munde eines Mannskopfes hervorströmender Dampf
treibt ein Schaufelrad, wie ein Waldbach das Rad einer Mühle. Diese
Drehung wird dann zum Drehen von Bratspießen verwendet, und es lag
nahe, entsprechende Variationen zu ersinnen, zum Beispiel ein kleines
Farbenstampfwerk treiben zu lassen. Wenn Giambattista della Porta in
seinem 1606, also noch vor Branca erschienenen Buche einen Apparat
beschreibt, womit durch den Druck des Dampfes Wasser gehoben wird, so
war dies auch im Prinzip nichts andres als jene von Heron beschriebene
Heißluftverwendung zum Öffnen von Tempeltüren; Dampf war ja bis in die
Neuzeit hinein nichts anderes als »Luft«.
[Illustration: Abb. 3. Heronsball (Äolipile).]
[Illustration: Abb. 4. Brancas Dampfrad 1629.]
Daß bei genauerem Durchsuchen der älteren Literatur immer mehr
Schriftsteller gefunden werden, die von fern her in die Geschichte der
Dampfmaschine gehören, darf nicht wundernehmen. Sie haben aber meist
nur das Verdienst, ein Problem am Einschlafen verhindert zu haben.
Ein Salomon de Caus verschwindet unter dieser neueren Betrachtung
fast ganz aus der Vorgeschichte der Feuermaschine, nachdem er durch
Dokumentenfälscher zu einem Märtyrer der Technik und Forschung geworden
war. Was es für eine Bewandtnis mit der Maschine des Engländers David
Ramseye hat, der 1630 ein Patent auf die Erfindung nahm, Wasser aus
tiefen Gruben durch Feuer zu heben, wissen wir nicht. Ebensowenig
ist man sich darüber klar, was es mit der Maschine des Engländers
Edward Somerset, Marquis of Worcester, auf sich hat. Dieser tief in
die politischen Kämpfe seiner Zeit verwickelte Edelmann kam in der
Kerkerhaft dazu, unter hundert angeblich von ihm erfundenen Maschinen
und Vorrichtungen auch eine »wunderbare und höchst kraftvolle Art zu
erwähnen, Wasser durch Feuer in die Höhe zu treiben.«
Vieles Phantastische in den 1663 veröffentlichten »Hundert Namen
und Proben« solcher Erfindungen, die er versucht und vollkommen
gemacht zu haben sich rühmt, machten den katholischen Royalisten in
den Augen nüchterner Forscher seiner Zeit verdächtig, es mehr auf
Geld und Reklame als auf Ehre abgesehen zu haben. Indessen scheint
doch der Marquis nur einem verständnislosen Zeitalter gegenüber
gestanden zu haben, denn daß die größten Gelehrten ihn verwarfen,
darf nicht irremachen; auch in den letzten Menschenaltern haben
»größte Gelehrte« gediegenste Erfindungen und Entdeckungen verworfen
oder nicht zu würdigen verstanden. Merkwürdig ist noch, daß der 1667
verstorbene unglückliche Marquis sich eines deutschen Mechanikers
Kalthof bei seinen Erfindungen bediente; vielleicht war gerade dieser
Mechaniker der ~spiritus rector~, wie man denn auch im 19. Jahrhundert
Mechanikererfindungen, um ihnen besseren Absatz zu sichern, mit
Professorennamen taufte. Gerade das höchst unglückliche Schicksal des
Marquis spricht wohl dafür, daß er ein bedeutender Kopf war, der sich
bei wirklichen Schwindelabsichten leicht ein besseres Dasein hätte
schaffen können.