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James Watt
und die Erfindung der Dampfmaschine
[Illustration]
Die »Technischen Monatshefte«
sind die erste auch allgemeinverständliche technische Zeitschrift.
Der vorliegende Band ist von den »Technischen Monatsheften«, Stuttgart,
herausgegeben. Er geht den Abonnenten des Jahrgangs 1911 dieser
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Technische Monatshefte
Zeitschrift für Technik, Kultur und Leben
Unter Mitwirkung hervorragender Fachleute herausgegeben von
Ing. ~Dr. phil. et jur.~ J. Kollmann und Dipl.-Ing. ~Dr.~ Ad. Reitz.
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_Dessauer_, Aschaffenburg. Dr.-Ing. E. _Foerster_, Blankenese.
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Dr.-Ing. Ludwig _Günther_, Berlin. Dr. Bruno _Heinemann_, Assistent
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Dipl.-Ing. Otto Ernst _Sutter_, Frankfurt a. M. Rechtsanwalt Dr.
Ludwig _Wertheimer_, Frankfurt a. M. Dr. A. _Zart_, Vohwinkel.
Prof. Otto _Kammerer_, Charlottenburg.
Die »Technischen Monatshefte« wollen
dem strebenden Laien und der studierenden Jugend
stete Belehrung und Anregung bieten, daneben aber auch der
Allgemeinbildung der
Techniker, Industriellen, Kaufleute und Beamten
dienen.
Die »Technischen Monatshefte« erscheinen monatlich etwa im Umfang von
2 Bogen. Sie enthalten ein Hauptblatt und dazu die Beiblätter »Technik
und Schule«, »Technik und Hygiene« und »Industrielle Monographien«,
denen sich später weitere angliedern sollen.
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Im Jahre 1910 erschienen:
1. Max Eyth, ein deutscher Ingenieur und Dichter.
2. Der Ingenieur. Essays verschiedener Verfasser.
3. Deutsche Elektrotechnik im Ausland.
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Für 1911 sind vorgesehen:
1. James Watt und die Erfindung der Dampfmaschine.
2. Musterkatalog: Technische Bücherei.
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4. Aus Industrie und Werkstatt. Technische Plaudereien.
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Verlag der »Technischen Monatshefte«, Stuttgart
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Abonnement jederzeit, bereits Erschienenes wird nachgeliefert.
James Watt
und die Erfindung der Dampfmaschine
_Eine biographische Skizze_
von
Dr. Georg Biedenkapp
Mit 23 Abbildungen
[Illustration]
1911
Verlag der Technischen Monatshefte
:: Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart ::
Inhalt
Seite
Watt und Nietzsche 5
Watts engere Heimat und ihre berühmten Männer 7
Watts Vorfahren 8
Watts Jugend 9
Watts Lehrzeit 13
Watt als Universitätsmechaniker 15
Geschichte der Dampfmaschine bis auf Watt 17
Eine verbesserte Newcomenmaschine im Roman 27
Watt erfindet den Kondensator 29
Watts erste Maschine im Modell 31
~Many a clip 'twixt cup and lip~ 33
»Mein Herz blutet für ihn« 34
Boulton 37
Die Retterin der Cornwallgruben 39
Drehbewegung, Doppelwirkung, Dampfsteuerung, Drosselklappe 43
Prozesse 47
Andre Entdeckungen und Erfindungen Watts 49
Watt, Darwins Großvater und Goethe 51
Watts Lebensabend und Tod 53
[Illustration]
Watt und Nietzsche.
»Eine tolle Zusammenstellung«, wird vielleicht mancher sagen, wenn er
diese beiden Großen so nebeneinander gerückt findet!
Was hat der Erfinder eines zwar sehr nützlichen, aber sonst »öden
Mechanismus«, -- was hat der Förderer menschlicher Bequemlichkeit
und des krassen Materialismus mit dem idealen Streben eines einsamen
Philosophen gemein, der erhabenste Gedanken der Schnellkraft
geflügelter Worte anvertraute und sich der Massenwucht, der
Herrschaftslüsternheit der Pöbeltriebe entgegenstemmte?
Was hat der nüchterne Techniker und Mechaniker Watt mit dem poetisch
gestaltenden Denker zu schaffen?
Wie kommt die Grauheit des Fabrikbetriebs zur Buntheit der
Nietzscheschen Gedankenwelt?
Verbietet es wirklich nicht der gute Geschmack, den Mann, der Millionen
von Pferdekräften aus dem Boden stampfte und dem Menschen eine bis
dahin unerhörte Macht über die Elemente und Schätze der Natur gab, in
einem Atem zu nennen mit dem Lenker der Geister, der neue seelische
Schätze ans Licht hob und Millionen von Geisteskräften freimachte? Soll
im Ernste der Schöpfer der modernen _Dampfmaschine_ mit dem »_Umwerter
aller Werte_« verglichen werden?
Ohne mit einer Wimper zu zucken, behaupten wir, daß jeder nur zu
seinem Nutzen und Besten sich von dem übertriebenen Gerede über die
Umwertung aller Werte durch Nietzsche hinwenden wird zu dem Urheber der
gewaltigen Umwertung vieler Werte, als der James Watt unbestritten in
aller Zukunft wird gelten müssen.
Wir wollen Nietzsche das Verdienst nicht absprechen, daß er dazu
beitrug, das bessere Individuum gegenüber den Herdentrieben zur
Selbstbesinnung zu bringen. Wir wollen uns vieler seiner glänzenden,
scharfsinnigen, in so künstlerische Form gegossenen Gedanken
freuen, darüber wollen wir aber auch ihre Mängel, ihr unlogisches
Widereinanderstreben, ihr schwachen Gemütern gefährliches Wesen nicht
übersehen! Gerade aber weil mit der »Umwertung aller Werte«, als einer
Leistung Nietzsches, soviel Unfug getrieben worden ist und immer noch
getrieben wird, wollen wir zeigen, daß der große Schotte und Mehrer
menschlicher Machtmittel eine jedenfalls ganz unübersehbare, heute
noch nicht zum Stillstand gelangte Umwertung der Werte eingeleitet
hat. Mehr noch als der erste Napoleon, dessen glänzende Taten und
Leistungen immer mit dem entsetzlichsten Blutgeruch behaftet bleiben
werden, hat der vom Norden Englands gekommene Erfinder das äußere
Antlitz der Erde umgestaltet. Die Revolution im Wirtschaftsleben, die
von Watts Hirn ihren Ausgang nahm, war wohl nicht minder folgenreich
als die große französische Revolution, die bald nach der Erfindung
der Dampfmaschine ausbrach. Denn durch den still beschaulichen Sproß
einer schottischen Mathematikerfamilie ist Dampf hinter alle Dinge
gekommen, konnten die Schächte tiefer in die Erde getrieben werden,
wurden Meere ausgetrocknet, Berge versetzt, Zünfte und Sticklüfte
beseitigt, die schaffenstüchtige Menschheit um Millionen leidloser,
eiserner Knechte bereichert, zahlreiche Gewerbe umgeschaffen und die
Bevölkerungsmöglichkeit der Kulturländer ganz gewaltig gesteigert.
Eine unmittelbare Folge der Dampfmaschine waren Dampfschiff und
Eisenbahn, und diese neuen Verkehrsmittel haben überhaupt erst das
Aufblühen Europas und Amerikas ermöglicht. Sie gaben dem Volkskörper
der weißen Rasse, der sich über Europa hinaus reckte, neue Nerven und
Adern, neue Arme, Beine und Hirne.
Als Watt Armeen eiserner, unfühlender Diener fast aus dem Boden
stampfte, schuf er einen neuen Begriff menschlicher Leistungsfähigkeit,
gab er dem Denken Vertrauen zu sich selber, half er somit den
menschlichen Geist aus den starren Banden aufgepfropfter oder
eingewurzelter Vorstellungen befreien. Schon dadurch also war er ein
Umwerter vieler Werte.
Durch Eisenbahn und Dampfschiff, die Watt erst ermöglichte, schrumpften
Räume und Zeiten zusammen. Die Entfernungen verkürzten sich, die
Begriffe _nah und fern_, _lang und kurz_, _schnell und langsam_ wurden
umgewertet. Mit dem Anfang der Eisenbahnen in Deutschland war das Ende
der traurigen Kleinstaaterei gekommen. Der Unfug hörte auf, daß der
Sachse, der Thüringer, der Schwabe schon innerhalb eines Tagemarsches
oder binnen weniger Stunden ins »Ausland« gelangen konnten. Fortab war
der Deutsche nicht mehr Ausländer für den Deutschen. Mithin haben wir
hier ein Beispiel für politische Umwertungen, und nur eines für viele.
Geldfürstentümer von unerhörtem Reichtume wuchsen aus dem Boden. Der
alte Schwertadel verarmte. Dazwischen schob sich durch streberhafte
Gefügigkeit emporgekommener Ämteradel. Mit solchen Wandlungen aber
ergab sich eine Umwertung der Begriffe _reich_ und _arm_, _hoch_ und
_niedrig_, _vornehm_ und _gemein_, _edel_ und _unedel_, _gut_ und
_schlecht_. Und nur logische Folgerungen aus technischen Prämissen
waren die Untersuchungen Nietzsches über die Begriffe gut und böse.
Unverständige und Übelwollende gefallen sich gern darin, die Technik
als die Mutter »öder Mechanismen«, als die Amme eines krassen
Materialismus anzuschwärzen. Nicht nur wird dabei geflissentlich
übersehen, daß die Technik oft die Retterin aus größten Nöten war;
man will auch nicht Wort haben, daß die Technik hohen Gemütswert
besitzt, daß sie eine poetische Seite hat und zur Quelle ästhetischer
Befriedigung werden kann. Dichter und Ingenieure in einer Person
waren nicht nur und nicht erst die Deutschen _Max Eyth_ und _Heinrich
Seidel_. James Watt selber war Poet und Mechaniker zugleich, wie
Nietzsche Poet und Philosoph. Und die vielseitigere Natur besaß
vielleicht der Schotte. Denn er vereinigte mit der nüchternen
Sachlichkeit des tiefgründigen Forschers die zähe Beharrlichkeit
des Tatmenschen und den Phantasiereichtum einer künstlerischen
Persönlichkeit. _Erasmus Darwin_, des berühmten Zoologen Großvater,
war vom Zauber der Wattschen Dampfmaschine so sehr entzückt, daß er
ihr eine längere Dichtung widmete, die in seinem Werke »Der Botanische
Garten« erschien. So alt ist also bereits das Thema von der Poesie der
Technik, und auch hier ist Watt der Einleiter einer Umwertung geworden.
In der gleichen Stadt Glasgow, wo Watt seine Laufbahn als Mechaniker
begann, war der berühmte Begründer der Nationalökonomie, _Adam Smith_,
als Professor tätig, und Watt und Smith gehörten, wie Smiles in einem
Werke über »Boulton und Watt« erzählt, _einem_ Klub an. Der große
Nationalökonom aber hat später in seinem Werke über die Ursachen des
Reichtums der Nationen gerade die Berufstätigkeit nicht genügend
beachtet und veranschlagt, die von Watt vertreten wurde, die _Technik_.
Das war sein Schaden, denn das wurde zur Fehlerquelle des Werks.
So schreibt mit Recht Eugen _Dühring_ in seiner Geschichte der
Nationalökonomie: »Wie Adam Smith schon die Technik überhaupt nicht
als erste produktive Macht ansah, so konnte er insbesondere noch viel
weniger die Bedeutung würdigen, die diejenigen ausschließlich geistigen
Tätigkeiten haben, die auf Erfindungen hinarbeiten oder sie unmittelbar
machen. Die auf technische Erfindungen gerichtete Forschung ist so
gewaltig produktiv, daß sich mit ihr keine andere wirtschaftliche
Macht messen kann.« Man wird es dem Schotten Adam Smith zugut halten
müssen, daß erst durch seinen jüngeren Landsmann James Watt der
Welt in glänzendster Weise dargetan werden mußte, was technische
Schöpferkraft und Erforschung der Natur _wirtschaftlich_ zu bedeuten
haben. Indem Watt also die noch von Smith nicht gebührend gewürdigte
Technik zu Glanz und Geltung brachte, hat er auch in dieser Richtung
»Werte umgewertet«. Die Herausbildung neuer Berufsstände, nämlich
der Ingenieure, Monteure usw., knüpft sich zu einem wesentlichen
Teile an das Schaffen des ehemaligen Mechanikers. Prozentual nehmen
im Volkskörper die Personen zu, die einen Teil ihrer Vorbildung auf
den strengsten Gebieten der Wissenschaft empfangen, auf den Gebieten
der Mathematik und Mechanik. Somit sehen wir hier James Watt als den
Ausgangspunkt sozialer Verschiebungen und Umwertungen.
Nur eines kurzen Hinweises bedarf es auf die Arbeiterfrage, die sich
beim Heraufkommen des Maschinenzeitalters entwickelt hat. Auch hier
trug Watt dazu bei, daß neue Fragestellungen sich erhoben, Werte
zusammenbrachen und neue entstanden. Die von ihm unabsichtlich
eingeleitete Wertumwertung ist heute noch nicht zu ihrem Abschluß
gelangt.
Es wäre eine reizvolle Aufgabe, den Vergleich Watts mit Nietzsche
ausführlicher zu behandeln, als es hier im Rahmen einer Wattbiographie
möglich ist. Aber auf einige weitere Vergleichspunkte sei doch noch
kurz hingewiesen. Wie Nietzsche seinen »Zarathustra« auf sonnigen
Spaziergängen binnen wenigen Tagen im Geiste entwarf, so empfing Watt
die Hauptidee seiner Erfindung auf einem Spaziergang im Freien. Wie
der Dichterphilosoph seine Werke zur Welt brachte unter jahrelangen
Kopfschmerzen, so zieht sich durch die Schaffenszeit Watts die immer
wiederholte Klage über das gleiche Elend. Wie Nietzsche ein Entzücken
gerade an der gedrungenen Begriffsfülle der lateinischen Sprache
empfand, so begegnen wir in Watts Briefen einer Menge lateinischer
Zitate, die man dem Mechaniker bei all seiner Belesenheit kaum
zutrauen sollte. »Um die Erfinder neuer Werte dreht sich die Welt«,
sagt der Einsiedler von Sils-Maria, »unhörbar dreht sie sich. Die
stillsten Stunden sind es, die den Sturm bringen. Der Pöbel aber
glaubt, die Welt drehe sich um die Erfinder neuen Lärms.« Ist es
nicht eine hübsche Gleichläufigkeit dazu, wenn Watt an seinen Freund
und Geschäftsteilhaber, den vornehmen Industriellen Boulton, in
einem Briefe über die Aufstellung einer der ersten Dampfmaschinen im
Cornwaller Grubenbezirk folgendes berichtet: »Geschwindigkeit, Kraft,
Größe und der furchtbare Lärm der Maschine haben jetzt alle, die sie
sahen, ob Freund, ob Feind, befriedigt. Ich hatte sie ein- oder zweimal
so eingestellt, daß ihr Gang ruhiger war, und sie weniger Lärm machte;
aber Mister Wilson (der Besitzer) kann nicht schlafen, wenn sie nicht
tobt. Da habe ich sie denn dem Maschinenwärter überlassen. Nebenbei
gesagt -- _die Leute scheinen von der Größe des Lärms auf die Kraft der
Maschine zu schließen. Das bescheidene Verdienst wird hier ebensowenig
anerkannt wie bei den Menschen_.«
Watts engere Heimat und ihre berühmten Männer.
Seiner Herkunft nach ist Watt ein Sohn Schottlands, in dessen
nördlichsten Teil vor einem Jahrtausend die Kelten von den andringenden
Angelsachsen zurückgedrängt wurden. Heute noch wird im schottischen
Hochland meist keltisch gesprochen. Das Land ist durchweg gebirgig.
Tiefe Meeresbuchten zerfransen die Küste. Wald und Weide, Seen und
zahlreiche Wasserläufe erhöhen die landschaftlichen Reize, die aber
wiederum durch Nebel, Regen und mehr windiges als kaltes Wetter
beeinträchtigt werden. Noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts,
also noch zu Lebzeiten Watts, zählte Schottland im ganzen nicht
mehr Einwohner als eine moderne Riesenstadt: etwas über anderthalb
Millionen. Aber darin gleicht dieses dünn bevölkerte Land andern
merkwürdigen europäischen Landstrichen wie Schweden, der Normandie, dem
Elsaß, Schwaben, Thüringen und dem Harzgebiet, daß es eine auffallend
große Zahl ganz ausgezeichneter Männer hervorbrachte. Hervorragende
Kenner der Wissensgeschichte pflegen den feineren schottischen
Geist über den gröberen englischen zu stellen, der sich in breiten
Ausspinnungen gefällt.
Zur selben Zeit, da Watt durch seine Dampfmaschine eine Umwertung
vieler Werte einleitete, lebte, wie schon erwähnt, der Schotte Adam
Smith, dann Hume, Black und Burns, lauter berühmte Schotten. Burns war
der bekannte Lyriker, der auch in Deutschland Nachahmer und Bewunderer
fand. Adam Smith begründete die moderne Nationalökonomie; er machte die
Arbeit zum Grundstein seines Systems, während vor ihm der Boden oder
der Handel als alleinige Ursachen des Wohlstandes der Völker in den
Vordergrund gerückt worden waren. Smith bewies in seinem Werke bereits
großes Wohlwollen für die arbeitende Klasse und wollte die Einmischung
des Staates in die wirtschaftlichen Vorgänge aufs äußerste beschränkt
wissen.
Mit Smith eng befreundet war der aus Edinburg stammende berühmte
Philosoph David Hume, der durch seine klassischen Arbeiten drei
wissenschaftlichen Gebieten angehört, der Philosophie, der
Geschichtsschreibung und der Nationalökonomie. Wir brauchen uns nur zu
vergegenwärtigen, was Kant dem schottischen Denker schuldet, um einen
Begriff von Humes Bedeutung zu bekommen. Humes Untersuchungen über den
menschlichen Verstand waren es, die den Königsberger Philosophen »aus
seinem dogmatischen Schlummer erweckten«. Hume setzte die von Locke
begonnene Erkenntniskritik fort. Er übte tief einschneidende Kritik
an den metaphysischen Ideen und erweckte dem Verstand wieder Lust
und Vertrauen zu sich selbst. Bis auf den heutigen Tag hat Hume in
Sachen des Denkens einen wachsenden Einfluß ausgeübt. Erinnern wir uns
deshalb hier, daß auch Watts mehr in die Augen fallende Leistung dazu
beigetragen hat, dem menschlichen Geiste einen erhöhten Begriff von
seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten beizubringen!
Wie Smith auf nationalökonomischem, Hume auf philosophischem und
historischem, Watt auf technischem Gebiete ein Bahnbrecher war, so
erstand in Black, der erst in Glasgow, dann in Edinburg als Professor
der Medizin wirkte, ein Bahnbrecher auf dem Gebiete der Chemie und der
Physik. Black war der erste Chemiker, der den Gewichtsveränderungen
einen entscheidenden Einfluß auf die Erklärung von chemischen Vorgängen
einräumte, und der erste Entdecker eines von der Luft verschiedenen
Gases: der Kohlensäure, die er »fixe Luft« nannte. Ferner hat Black
die latente oder Schmelzwärme entdeckt und dadurch auch Beziehungen
zur Geschichte der Dampfmaschine erhalten. Wir werden noch sehen, wie
gerade seine Freundschaft sich für Watt als sehr nützlich erwies. Hier
aber wollen wir nochmals betonen, wie merkwürdig es doch ist, daß
ein so kleines, dünn bevölkertes Stückchen Europas, wie Schottland,
um die gleiche Zeit vier auf modernen Gebieten bahnbrechende Männer
hervorbringen konnte, einen Hume, Smith, Black und Watt! Und wie
vorher den Logarithmenerfinder Lord Napier, so hat es später noch den
Philanthropen Carnegie hervorgebracht.
Watts Vorfahren.
Watts Urgroßvater war als Pächter bei Aberdeen ansässig und kam
in einem Gefecht der presbyterianischen Covenanter gegen die
königlichen Truppen ums Leben. Dessen Sohn, also Watts Großvater,
wurde von Verwandten erzogen und ließ sich später in einem Orte bei
Greenock als Lehrer der Mathematik und Schiffahrtskunde nieder. Sein
Protestantismus stempelte ihn in den Augen der damaligen Regierung
zu einem widerspenstigen, gesetzeswidrigen Schulmeister (~disorderly
schoolmaster officiating contrary to law~). Aber das hinderte nicht,
daß Thomas Watt in seiner Gemeinde bürgerliche und kirchliche Ämter
versah, bis er hochangesehen im Alter von 92 Jahren als Professor
der Mathematik das Zeitliche segnete. Er bekleidete in Greenock
verschiedene Ämter, war Ratsherr, Gemeinderechner und Bürgermeister.
Watts Vater hatte, obwohl der Mathematikprofessor Watt seinen beiden
Söhnen Vermögen hinterließ, einen praktischen Beruf ergriffen, während
der Oheim des Erfinders, also der andre Sohn des Mathematikprofessors,
wiederum Mathematiker wurde. Der Vater des Erfinders entwickelte als
Häuser- und Schiffsbauer, als Schreiner, Tischler, Zimmermann, als
Reeder, Kaufmann und Schiffsgeräteverfertiger im Laufe eines langen
Lebens eine bedeutende Vielseitigkeit, die offenbar durch die dürftigen
Verhältnisse des kleinen Platzes bedingt wurde. Denn Greenock war zu
Beginn des 18. Jahrhunderts nur ein Fischerdorf, entwickelte sich
aber bald darauf derart, daß es das Örtchen Crawfordsdyke, wo Watts
Großvater sich angesiedelt hatte, überholte und in sich aufnahm.
Die männliche Linie der Familie Watt starb im Jahre 1848 mit dem Sohne
des Erfinders aus. Auch dieser Sohn hatte eine mathematisch-technische
Bildung erhalten, so daß wir von vier Generationen dieser Familie
sagen können: sie gehörten dem mathematisch-mechanischen Gebiete an,
erreichten alle vier ein außerordentlich hohes Alter, waren aber
dennoch ein aussterbendes Geschlecht. Auf Rechtschaffenheit und
Glaubenstreue wurde von Urgroßvaters Zeiten her besonders gehalten.
Übrigens wollen wir nicht unerwähnt lassen, daß uns der Familienname
Watt als der eines adligen Geschlechtes in der Schweiz begegnet. Ein
Joachim von Watt, 1484 in Sankt Gallen geboren, studierte in Wien,
führte dort eine Zeitlang ein tolles Raufleben, wurde mit dreißig
Jahren Professor und ließ sich später in Sankt Gallen als Arzt nieder.
Mit Zwingli, Erasmus und Luther befreundet, war er ein Hauptförderer
der Reformation und amtierte auch als Bürgermeister. Von seinen
zahlreichen Schriften ist seine Chronik der Äbte von Sankt Gallen die
wichtigste. Das Kloster Sankt Gallen ist von irischen oder, wie sie im
Mittelalter genannt wurden, _skotischen_, also _schottischen_ Mönchen
gegründet worden. Indessen ist es höchst unwahrscheinlich, daß etwa
schottische Watts sich im Schutze des genannten Klosters angesiedelt
hätten. Eher möchte man vermuten, daß Abkömmlinge des schweizerischen
Rittergeschlechtes nach England auswanderten.
So sehen wir zum Beispiel den Erfinder selbst die Hilfe eines aus
der Schweiz zugewanderten Färbers in Anspruch nehmen, um Deutsch zu
lernen, dessen er zum Verständnis von Leupolds »~Theatrum machinarum~«
benötigte. Vielleicht gelingt es einer künftigen Forschung, hier noch
Licht zu schaffen.
Watts Jugend.
Den Vater haben wir schon als ungemein rührigen, vom Vertrauen seiner
Mitbürger getragenen Mann kennen gelernt. Die Mutter des Erfinders wird
als unübertreffliche Frau von großem Liebreiz, mit trefflichen Gaben
des Geistes und des Gemütes geschildert. Sie entstammte einer Familie
Muirhead, die zu Professorenkreisen gehörte; ein Professor Muirhead,
Verwandter von Watts Mutter, war durch eine Homerausgabe berühmt. Von
fünf Kindern starben drei in frühester Jugend, ein Bruder Watts, der
auf einem Schiffe seines Vaters nach Amerika fuhr, fand bei Sturm auf
hoher See den Untergang. Für das Verhältnis des einzig überlebenden
Sohnes James zu seiner Mutter ist es bezeichnend, daß sie in ihm alles
fand, was sie von einer Tochter Liebes hätte erwarten dürfen. Denn
Watt war ein außerordentlich schwächliches Kind und gedieh nur dank
sorgsamster Pflege. So wurde er eben ein Muttersöhnchen. Und weil er
infolge häufiger Kränklichkeit und oft wochenlangen Kopfschmerzes nicht
mit den übrigen Knaben mittun, nicht mit ihnen an den Ufern des Clyde
herumspielen oder Entdeckungs- und Räuberfahrten in die Umgebung machen
konnte, im Gegenteil wegen seiner Schwächlichkeit dem Spott und der
Roheit der stärkeren Jungen ausgesetzt war, so mußte sich das ganze
Wesen dieses Kindes nach innen entfalten und Anschluß bei der Mutter
suchen. Erinnern wir uns hier, daß die alten Völker, die schwächliche
Kinder einfach beseitigten, sich gerade dadurch oft der besten, nämlich
der geistigsten, Kräfte beraubten! Ein Kepler, ein Newton, ein Watt
wären im alten Sparta Kinder des Todes gewesen.
Ein hübscher Zufall wollte es, daß der wohl größte Techniker seiner
Zeit fast in der gleichen Woche wie der wohl größte Mathematiker der
gleichen Epoche zur Welt kam. Lagrange wurde am 25. Januar 1736 zu
Turin geboren, Watt am 19. oder 31. Januar dieses Jahres zu Greenock am
Clydeflusse. In allen Biographien Watts findet man als Geburtsdatum den
19. Januar angegeben. Das muß aber auf einem mit rührender Treue immer
wieder nachgeschriebenen Irrtum beruhen, vielleicht dadurch veranlaßt,
daß Watt am 19. August des Jahres 1819 starb. Er selbst schreibt am
31. Januar 1770 an seinen Freund ~Dr.~ Small in Birmingham: »Ich trat
heute (~to-day~) in das 35. Jahr meines Lebens und ich glaube, ich habe
noch nicht für 35 Pfennig Gutes auf der Welt getan, aber ich kann's
nicht ändern.« Hier bezeichnet also Watt den 31. Januar als seinen
Geburtstag. Aber ob so oder so, es sind nur wenige Tage Unterschied vom
Geburtstage des großen französischen Mathematikers. Im Mannesstamm sind
die Familien Watt und Lagrange heute ausgestorben.
Allerhand Anekdoten werden von der Frühreife des späteren Erfinders
überliefert. Dabei ist zu beachten, daß selbst Personen, wie der
französische Naturforscher Arago, sie ohne Zweifelsbekundung
wiedergeben und von Watts Sohne selber Berichte empfingen oder
empfangen konnten. Von der Mutter im Lesen, vom Vater im Schreiben und,
den Familientraditionen entsprechend, früh in Mathematik unterrichtet,
soll er bereits als Sechsjähriger über geometrischen Aufgaben gesessen
haben. Mit einem Stück Kreide in der Hand stand er am Herde, als ein
Bekannter seines Vaters zu diesem äußerte, er solle doch den Knaben
in die Schule schicken, statt ihn zu Hause seine Zeit vertrödeln zu
lassen. »Sehen Sie erst, was der Junge macht,« versetzte der Vater,
»bevor Sie ihn verurteilen.« Klein-Jamie befaßte sich gerade mit
einer geometrischen Aufgabe. Ein andermal tadelte ihn seine Tante
mütterlicherseits, weil er seit einer Stunde, ohne ein Wort zu sprechen
und ohne ein nützliches Buch zur Hand zu nehmen, am Teekessel spielte,
indem er über die Mündung bald einen Löffel, bald eine Tasse hielt
und die Tropfen zählte, die sich bildeten. Während Arago in seiner
Wattbiographie dies jugendliche Experiment als eine Vorbereitung zu
späteren Dampfbändigungstaten darstellt, hat Watt selber jedenfalls
in seinen Auslassungen über die ersten Anregungen zum Studium der
Dampfmaschine nichts von solchen Kindheitserinnerungen erwähnt, und
dies Schweigen scheint mir gegen die Anekdote zu sprechen. Auch Smiles
mißt in seiner großen Biographie »Boulton und Watt« der Anekdote keine
Bedeutung bei. Von außerordentlicher Tragweite war dagegen der Umstand,
daß Watt neben und in einer Werkstatt aufwuchs, wo er die Handhabung
aller möglichen Geräte kennen lernte, die Zimmerleute und Mechaniker
bei ihrer Arbeit sah und selber von klein auf bosselte und drechselte.
Die Werkleute seines Vaters sagten von ihm, er habe ein Vermögen in
seinen Fingern. Schon in frühester Kindheit also beginnt bei ihm die
Vorbereitung für den späteren Beruf eines Mechanikers, und wir können
uns hier erinnern, daß einem Heinrich Hertz, einem Philipp Reis und
Grafen Zeppelin die früh erworbene Geschicklichkeit der Hand und
Fertigkeit im Drechseln und Bosseln für ihre Erfindungen von großem
Nutzen gewesen ist. Regelmäßigen Schulunterricht empfing Watt vor dem
vierzehnten Jahre nicht. Teils war seine Kränklichkeit die Ursache,
teils wohl auch der Wille des Vaters, der sich sagen mochte, daß der
schwächliche Junge von mechanischen Arbeiten gleichen Nutzen für den
Körper wie für den Geist haben würde. Soweit aber James die Schule
besuchte, erwies er sich als _unter dem Durchschnitt, als dumm und
hinter seinen Jahren zurückgeblieben_. Das änderte sich erst, als er
in die Mathematikklasse kam, wo er sich bald auszeichnete. Wir haben
hier also ein neues Beispiel zu der langen Reihe berühmter Forscher
und Erfinder, die auf der Schule sehr geringe Erwartungen weckten und
später durch ihr Leben und Wirken glänzend enttäuschten: Robert Mayer,
Darwin, Gustav Jäger, Liebig, Berzelius, Linné, Bessel, Alexander v.
Humboldt, Werner Siemens, Riggenbach, List, Thaer u. a. Der gleiche
Knabe, der seinen Lehrern so schwerfällig und zurückgeblieben erschien,
konnte Erwachsene durch seine frei erfundenen Erzählungen stundenlang
in höchste Spannung versetzen. Man kann als sicher annehmen, daß Watt,
als Sohn eines Geistlichen und infolgedessen zuerst vorwiegend mit
Literatur und Sprachen genährt, wohl einer der fruchtbarsten Dichter
Schottlands geworden wäre. Ehe er vierzehn Jahre zählte, brachte ihn
seine Mutter Luftwechsels wegen zu Verwandten nach Glasgow. Damals
war es ein kleines Universitätsstädtchen, das noch keinen einzigen
großen Fabrikschornstein kannte. Jeden Abend vor dem Schlafengehen
begann Jung-Jamie seine Tante in ein Gespräch zu verwickeln, in dessen
Verlaufe er eine Geschichte nach der andern, fröhlichen oder gruseligen
Inhalts, erzählte, während die ganze Familie auf den jedesmaligen
Ausgang gespannt war. So verstrichen die Stunden, und die gute Tante
kam nicht mehr zu genügendem Schlafe, so daß sie den Jungen nach
Greenock zurückbrachte, um die Ordnung ihres Lebens wieder ins Geleise
zu bringen. An der Glaubhaftigkeit dieser Anekdote dürfte um deswillen
nicht zu rütteln sein, weil auch Walter Scott aus eigner Beobachtung
und von Hörensagen wußte, daß noch der hoch betagte Erfinder ein
Meister in selbsterfundenen Geschichten war. Als er in hohem Alter in
Gesellschaft eines Tages den Faden seiner frei erfundenen Erzählung
nicht schnell genug weiterspinnen konnte, vielmehr durch reichliche
Griffe in die Schnupftabaksdose Kunstpausen erzielte und dadurch die
Frage veranlaßte, ob er heute etwa eine von ihm selbst erfundene
Geschichte berichte, soll er geantwortet haben: »Diese Frage setzt
mich in Erstaunen. Seit vielen Jahren verbringe ich meine Abende in
ihrer Gesellschaft und tue nichts anderes.« Wir haben also sowohl
aus der Jugend wie aus dem Alter die gut bezeugte Überlieferung, daß
Watt einen unerschöpflichen Phantasiereichtum, eine seltene Gabe für
packende, anschauliche Erzählungen besaß. Der große Mechaniker war auch
ein hochbegabter Poet, und seine Briefe, fast die einzigen von ihm
erhaltenen Schriftstücke literarischen Charakters, bestätigen diese
Behauptung, denn Watts Sprache verrät einen wahren Bilderreichtum.
Doch verfolgen wir den Gang seiner weiteren Schulbildung. Von der
Handelsschule, die er bis zu seinem vierzehnten Jahre mit reichlichen
Unterbrechungen besuchte, kam er in die Latein- oder Grammarschule.
Dort machte er gute Fortschritte in Latein und Griechisch, noch
bessere aber in Mathematik. In diesem Fache war er der Beste. Zu
Hause wurde Zeichnen, Schnitzen, Konstruieren geübt; Jamie besserte
Kompasse, Quadranten und sonstige Schiffsinstrumente aus. Watts ganze
Denkrichtung hatte sich durch den Mangel an körperlicher Betätigung
früh von den Trieben der gleichaltrigen Jugend abzweigen müssen. Vater,
Mutter und gute Bücher bildeten den hauptsächlichen Umgang. Und da
der Umgang mit Büchern immer auch ein Umgang mit den Menschen ist, die
diese Bücher schrieben, so wuchs eben Jamie in der besten Gesellschaft
auf, die damals in Greenock zu haben war. Unterhaltungslektüre,
Balladen und Geschichten las er so oft, bis er die besten Sachen
auswendig wußte.
In die Jugendzeit Watts fiel das letzte Aufflackern der schottischen
Rebellion gegen die britische Herrschaft. Bis in die unmittelbare
Nähe von Greenock kam eine Streifschar wilder Bewohner der Hochlande.
So lernte der Knabe denn die Aufregungen des Krieges, die ihm
aus vielen Erzählungen bekannt waren, auch aus dem unmittelbaren
Erleben in der engeren Heimat kennen. Aber mehr fesselten ihn doch
Instrumente und Maschinen, deren Geheimnis zu enträtseln er keine
Ruhe hatte. Wir erfahren, daß er vor Vollendung des fünfzehnten
Jahres mit größter Aufmerksamkeit bereits zweimal die Elemente der
Naturphilosophie, wir würden sagen der Naturwissenschaft, von 's
Gravesande durchgegangen hatte. Das Buch gehörte seinem Vater und
ist vermutlich das große zweibändige Werk 's Gravesandes, betitelt
»~Physices Elementa Mathematica experimentis confirmata~«, das 1720
erschien, und von dem mir eine vierte Auflage aus dem Jahre 1748
vorliegt, also aus einem Jahre, da Watt 12 Winter zählte. Dies Werk
ist lateinisch geschrieben, mit schönen großen lateinischen Typen
gedruckt und so reich mit Kupferstichen ausgestattet, wie man es heute
kaum bei einem wissenschaftlichen Werke findet. Selbst wenn Watt
aus der englischen Ausgabe in englischer Übersetzung gelernt haben
sollte, so dürfte doch anzunehmen sein, daß auch diese die Gesetze der
Mechanik, des Luft- und Dampfdruckes, des Lichtes, der Elektrizität
usw. mit reichlichen Illustrationen erläutert hat. Vergegenwärtigen
wir uns überhaupt einmal, welcherlei naturwissenschaftlich wichtige
Tatsachen als Neufunde in den Gesichtskreis des jungen Watt getreten
sein mögen, um uns ein Bild der damaligen Zeit in wissenschaftlicher
Hinsicht zu machen! Das Werk 's Gravesandes selbst veranschaulicht uns
auf das lebhafteste, mit welchem Anteil man der Zusammensetzung des
weißen Lichtes aus den bunten Farben nachging, mit welchem Eifer man
elektrische Versuche anstellte, wie man sich freute, einen luftleeren
Raum herstellen zu können, nachdem das Mittelalter mit seinem Glauben
an den Abscheu der Natur vor dem Leeren abgewirtschaftet hatte. Man
lebte unter dem Eindruck eines glänzenden Aufschwungs der auf Versuche
sich stützenden Forschung und der Mathematik. Die Zeit unmittelbar
_vor_ Watt war an naturwissenschaftlichen Entdeckungen vielleicht
noch reicher als unsre eigene. Galilei hatte mit dem Fernrohr neue
Welten am Firmament entdeckt, hatte den leichten Hauch, das Nichts,
die Luft gewogen. Sein Schüler Torricelli maß den Luftdruck. Das
Barometer wurde erfunden. Otto von Guericke hatte die Luftpumpe und
die erste Elektrisiermaschine erdacht. Huygens konstruierte eine
Pulverexplosionsmaschine, in der die Pulvergase einen luftverdünnten
Raum erzeugten und der äußere Luftdruck verwendet wurde, durch die
Maschine Wasser in die Höhe zu heben. Von da aus nahm die Geschichte
der Dampfmaschine ihren Anfang. Newton hatte Versuche über die
Zusammensetzung des Lichtes angestellt, das Gravitationsgesetz
gefunden, die Infinitesimalrechnung geschaffen. Huygens bewies, daß das
Licht eine Art Wellenbewegung sein müsse. Der Schotte und Landsmann
Watts, Lord Napier von Merchiston, hatte die Logarithmen eingeführt
und damit eine neue Art Hexerei gelehrt. Gerade auf den Gebieten der
exakten Wissenschaften ist also das Jahrhundert vor Watts Geburt ein
klassisches zu nennen. Aber man würde sich gewaltig irren, wenn man
meinte, alle die hochinteressanten Dinge, die _uns_ heute über das
Leben der Tiere und Pflanzen, insbesondere über die Kleinlebewelt,
über die Insekten und Polypen in ungezählten volkstümlichen Schriften
dargeboten werden, seien jenem Zeitalter fremd geblieben. Hales
hatte in England physiologische Versuche über das Leben der Pflanze
veröffentlicht. Linné war fast zwei Jahrzehnte vor Watt geboren. Der
ehemalige Angestellte eines Tuchgeschäftes Anton Leeuwenhoek hatte mit
einem selbstgefertigten Kleinseher (Mikroskop nennt man es auf deutsch)
die Welt der kleinen Ungeheuer im Wassertropfen entdeckt. Swammerdam
lehrte den kunstvollen Bau eines Bienenleibes kennen. Als Watt acht
Jahre alt war, gab der Genfer Trembley seinen Zeitgenossen die
merkwürdige Entdeckung bekannt, daß der zentimetergroße Süßwasserpolyp
sich Umstülpung und zehnfache Zerschneidung gefallen läßt, ohne daß
sein Leben endet. Jedes Schnittstück wird sogar wieder ein ganzer
Polyp. In die Kindheit Watts fällt die Herausgabe eines sechsbändigen
Werkes über das Leben der Insekten, in dem der französische Physiker
Réaumur, der gleiche, dem wir die bekannte Thermometerskala verdanken,
die erstaunlichen Leistungen der Insekten im Weben und Spinnen, im
Bauen und Zusammenarbeiten schildert. Und als Watt aus seinem 's
Gravesande die damals noch mit dem ganzen Reiz der Neuheit verklärten
elektrischen Versuche und Tatsachen kennen lernte, da dauerte es
keine drei Jahre mehr, bis aus Amerika die Nachricht kam, dort habe
einer den Beweis erbracht, der Blitz sei nur eine große elektrische
Entladung -- worüber sich die Londoner Königliche Gesellschaft der
Wissenschaften pflichtschuldig erst lustig machte. Ja, so groß war im
Anfang des 18. Jahrhunderts die Anteilnahme an den Naturwissenschaften,
daß der Hamburger Dichter Brockes in seinen poetischen Werken, die
er »Irdisches Vergnügen in Gott« betitelte, gar nicht so üble Verse
auf allerhand physikalische, zoologische und sonstige Erscheinungen
brachte, Verse, die man auch heute noch lesen kann. Ich wünschte,
ich könnte dem Leser hier einen Begriff geben, mit wie zahlreichen
belehrenden Abbildungen Werke damaliger Zeit ausgestattet waren, um
glaubhaft zu machen, daß James, ein unersättlicher Leser in seiner
Jugend, voll Interesse für Physik und Mechanik, für Botanik und
Geologie, der lebhaftesten Anregungen selbst in dem weltentlegenen
Greenock mit seinen Strohdächern nicht entbehrte. Und wenn der
Fünfunddreißigjährige später einmal klagt, er habe noch nichts auf
der Welt genützt, so wollen wir angesichts dieser Bekundung von
Ehrgeiz nicht unerwähnt lassen, daß auch das Gerücht von andren als
wissenschaftlichen Heldentaten an sein jugendliches Ohr drang: die
Taten Friedrichs des Großen, des Philosophen auf dem Throne, der einen
Voltaire, einen Lagrange in seine Umgebung berief und ein Kriegsheld
ersten Ranges war.
Ein Genie ohne die Fähigkeit zum Alleinsein, ohne Hang zur Einsamkeit
und Zwiesprache mit sich selbst, dürfte ein Widerspruch in sich
sein. Daher wird uns auch von Watt berichtet, daß er gerne bei
Nacht einsame Spaziergänge machte, Mond und Sterne beobachtete,
ohne Begleitung ausgedehnte Streifzüge in die Umgebung unternahm,
in einsame Täler und zu endlos sich streckenden Wasserflächen.
Ein Sohn der Schmerzen, insonderheit des Kopfwehs von Jugend auf,
las er auch gerne medizinische Bücher, wo er ihrer habhaft werden
konnte, und zu seinem Sohne soll er später gesagt haben, er wäre
Arzt geworden, hätte er sich fähig gefühlt, das Leiden der Kranken
mitanzusehen. Bekanntlich kamen auch Darwin und Herder, beide Väter
der Entwicklungslehre, dadurch vom medizinischen Studium ab, daß
sie den Anblick der zu ihrer Zeit freilich noch entsetzlich blutig
verlaufenden Operationen nicht ertragen konnten. Gerade weil aber für
feinere Naturen das ärztliche Studium schwere Hindernisse bietet,
will es mir um so unglaubhafter erscheinen, was durch Smiles und
Arago, die beide aus bester Quelle schöpfen konnten, berichtet wird:
Watt sei eines Tages dabei betroffen worden, wie er den Kopf eines
an einer ungewöhnlichen Krankheit gestorbenen Kindes in sein Zimmer
trug, um ihn zu sezieren. Dazu gehörten doch wohl nicht nur starke,
sondern auch rohe Nerven. Das Fehlen näherer Einzelheiten, nach denen
doch die Überlieferer dieser Nachricht hätten forschen müssen, macht
die Sache höchst unglaubhaft. Zur Ehre Watts wollen wir annehmen,
daß es eine auf Mißverständnis beruhende Anekdote ist. Wir wissen
ja aus unsrer eignen Zeit, wie selbst berühmte lebende Forscher
in wissenschaftlichen Nachschlagewerken tot oder als im Irrenhaus
befindlich verzeichnet wurden; wir wissen, wie Unwahrheiten sich
jahrzehntelang in wissenschaftlichen Werken trotz längst erfolgter
Widerlegungen erhalten: da mag leicht auch über einen berühmten Mann
des 18. Jahrhunderts eine unwahrscheinliche Anekdote vermeintlich zu
seiner Ehre, in Wahrheit zu seinem Schaden in Umlauf gebracht worden
sein. Es entspricht ein solcher Zug durchaus nicht dem Charakter des
großen Erfinders. Watt war es ein unerträglicher Gedanke, daß andre
Leute durch seine technischen Projekte sollten zu Schaden kommen; wie
hätte er sich da auch nur im Geiste an einer Kindesleiche, an den
Gefühlen der nichtsahnenden Eltern versündigen können, abgesehen davon,
daß es früher selbst große Gelehrte Kämpfe gekostet hat, in den Besitz
von Leichen zu gelangen. Auf diese Art sich Wissen zu verschaffen,
stimmt auch nicht zum Wesen eines Mannes, der in seinen Kindertagen
täglich im Hause auf die Bilder zweier solcher Geistesriesen zu schauen
gewohnt war, wie Newtons und des Logarithmenschöpfers Lord Napiers.
Schon aus den bisher vorgetragenen Bemerkungen über wissenschaftliche
und literarische Neigungen des jungen Watt dürfte hervorgehen, daß
hier eine außerordentlich vielseitige geistige Beanlagung, ein höchst
seltenes Beieinander verschiedenster Talente vorhanden war, die
Hand geschickt zu feinsten Zeichnungen, zum Schnitzen, Bosseln und
Drechseln, -- der Verstand den mathematischen Naturwissenschaften
zugewandt und gewachsen, -- die Phantasie üppig sprudelnd wie die
des fruchtbarsten Romanschriftstellers, -- und ein Charakter, dem
es vielleicht zur Empfehlung gereicht, daß er sich mit der übrigen
Jugend nicht gemein machen konnte, sondern lieber für sich blieb. Wir
haben Schilderungen, die den jungen Mann und den ehrwürdigen Greis im
gleichen Sinne darstellen. Hier sei zunächst nur das Zeugnis Walter
Scotts angeführt, von welcher reichen Vielseitigkeit Watt in seinen
alten Tagen noch glänzende Proben ablegte. In der Vorrede zum »Kloster«
äußert sich der schottische Romanschriftsteller folgendermaßen:
»Watt war nicht nur der tiefste Gelehrte und derjenige, der mit dem
glücklichsten Erfolge aus gewissen Kombinationen von Zahlen und Kräften
brauchbare Anwendungen gezogen hatte, er nahm nicht nur unter denen,
die durch die Allgemeinheit ihrer Bildung sich auszeichnen, einen der
ersten Plätze ein: er war auch der beste, der liebenswürdigste Mensch.
Das einzige Mal, wo ich mit ihm zusammengetroffen bin, war er von einer
kleinen Gesellschaft Gelehrter aus dem Norden umgeben.... Da sah und
hörte ich, was ich niemals wieder sehen und hören werde. Der muntere,
liebenswürdige, wohlwollende Greis von 81 Jahren nahm an allen Fragen
einen lebhaften Anteil; seine Kenntnisse standen jedem zur Verfügung,
der sie in Anspruch nahm. Er verbreitete über jeden Gegenstand die
Schätze seiner Talente und seiner Einbildungskraft. Unter den Gentlemen
befand sich ein gelehrter Philologe; Watt unterredete sich mit ihm über
den Ursprung des Alphabets, als wenn er der Zeitgenosse des Kadmos
gewesen wäre. Als ein berühmter Kunstrichter sich zu ihnen gesellte,
hätte man behaupten mögen, daß der Greis sein ganzes Leben dem Studium
der schönen Wissenschaften oder der Nationalökonomie gewidmet habe.
Es würde überflüssig sein, die exakten Wissenschaften zu erwähnen:
sie bildeten seine glänzende und spezielle Lebensaufgabe; wenn er
indessen mit unserem Landsmann Jedediah Cleishbotham sprach, so hätte
man darauf geschworen, daß er der Zeitgenosse Claverhouses und Burleys,
der Verfolger und der Verfolgten, gewesen wäre; daß er wirklich genau
die Flintenschüsse gezählt hätte, die die Dragoner auf die flüchtigen
Covenanter abfeuerten. Wir entdeckten endlich, daß kein Roman von nur
einigem Ruf ihm entgangen war, und daß die Leidenschaft des berühmten
Gelehrten für diese Art von Schriften derjenigen an Lebhaftigkeit
gleichkam, die sie einer jungen Putzmacherin von 18 Jahren einflößen.«
Indessen sollte sich doch diesem so reich beanlagten und
verschwenderisch ausgestatteten Jüngling, dem Sohn eines der
angesehensten und wohlhabendsten Bürger von Greenock, nicht die
gelehrte Laufbahn öffnen. Watts Vater war durch kaufmännische
Unternehmungen, durch den Verlust von Seeschiffen in seinen
Vermögensverhältnissen zurückgekommen. Er mußte deshalb darauf
Bedacht nehmen, den Sohn und dessen jüngeren Bruder bald etwas
Praktisches lernen zu lassen. Die Aussicht, Professor der Mathematik
oder Naturwissenschaft zu werden, war durch düstere finanzielle
Wolken verhängt. Daher galt es, eine Wahl zu treffen, die der
Forderung der angeborenen Neigungen und des praktischen Nutzens
gleicherweise entsprach: Watt entschied sich für den Beruf eines
mathematischen Instrumentenmachers, um als Feinmechaniker immer noch
den Überlieferungen der Vorfahren, dem Geiste Newtons und Napiers, den
Mahnungen ihrer Wandbilder, treu bleiben zu können. Wir kommen damit zu
Watts Lehrjahren.
Watts Lehrzeit.