Nachdrücklich muss ich darauf hinweisen, dass es vom grössten Interesse

ist zu wissen, auf welch specielle Weise eine infektiöse Krankheit

entsteht, und wie die Gifte sich physicalischen und chemischen

Einflüssen gegenüber verhalten.

* * * * *

Zum Schlusse noch eine kurze Besprechung der _Maul- und Klauenseuche_

(_Aphthae epizoöticae_), in Bezug auf welche in der letzten Zeit solche

wichtigen Entdeckungen gemacht worden sind, deren Kenntnis von grösster

Bedeutung hinsichtlich der Fleckenkrankheit des Tabaks ist. Um genügend

Aufschlüsse über die Ergebnisse der jüngsten Nachforschungen auf diesem

Gebiete zu erhalten, habe ich mich an die Herren Tierärzte ~Van der

Sluys~, Unterdirector am Abattoir in Amsterdam, und ~Busing~ in Naarden

gewandt, die mir bereitwilligst ihre Litteratur in Bezug auf diesen

Gegenstand zur Verfügung stellten. Beiden meinen herzlichsten Dank für

ihre Hilfe.

In allen Ländern Europas zeigt sich diese für das Rindvieh so

gefürchtete Seuche. Sie verbreitet sich von einem Individuum zum

andern, also mittels Contact. Maul- und Klauenseuche wird, wie man

annehmen muss, verursacht durch noch unbekannte, unsichtbar lebende

Wesen, Mikroorganismen, die entweder selber oder durch die von ihnen

abgesonderten Stoffe die Krankheitserscheinungen schon nach einigen

Tagen auslösen. Alle bisher gefundenen Bakterien (~Starcovici~,

~Piana~, ~Fiorentini~, ~Behla~, ~Jurgens~, ~Bussenius-Siegel~)

Protozoen, protoplasmatische Körperchen oder andere corpusculäre

Elemente, und irgend welche, mit dem Mikroskop sichtbare Teilchen,

haben offenbar mit der Ätiologie der Maul- und Klauenseuche nichts zu

schaffen. Kein Wunder also bei dem einander vielfach widersprechenden

Befunden, dass eine ganze Reihe Forscher sich diesem für Ackerbau

und Viehzucht so wichtigen Gegenstand widmen. In den letzten zwei

Jahren ist denn auch die »Berliner Tierärztliche Wochenschrift« und

überhaupt die tierärztliche Literatur voll von Meinungen, Theorien und

experimentellen Nachforschungen. Jedenfalls sind die Untersuchungen

nach der Ursache dieser Krankheit eben so schwierig wie nach derjenigen

der Blattern, Masern, des Flecktyphus und Scharlachfiebers. Unstreitig

hat in dieser Frage aber Herr ~C. Hecker~, Tierarzt in Ermsleben, sich

sehr verdient gemacht. Er hat den Weg gezeigt, die Tiere gegen Maul- und

Klauenseuche zu schützen m. a. W. sie zu immunisieren (B. T. W. No.

1897).

Dass die deutsche Regierung einsah, wie nützlich die Bekämpfung dieser

Krankheit ist, geht daraus hervor, dass sie eine Kommission ernannte,

in welcher ~Prof. Dr. Loeffler~ und ~Dr. Frosch~ Sitzung hatten. Mit

Aufopferung grosser Kosten hat die Regierung sie mit den Untersuchungen

beauftragt, und diese sind von ihnen derartig angestellt worden,

dass sie die strengste wissenschaftliche Kritik bestehen können. Der

Bericht dieser höchst wichtigen Untersuchungen, in welchem wir analoge

Erscheinungen wie bei der Fleckenkrankheit des Tabaks antreffen werden,

ist u. a. aufgenommen worden im »Centralblatt für Bakteriologie,

Parasitenkunde und Infektionskrankheiten« No. 9/10 pag. 371, dem auch

folgendes entnommen worden ist.

Wie der Name andeutet, zeigt sich die Maul- und Klauenseuche, beim

Rindvieh, in der Form von Bläschen am Munde, an den Klauen und Eutern.

Der Inhalt jener Bläschen besteht aus einer Flüssigkeit, einer Lymphe,

worin sich corpusculäre Elemente vorfinden, doch worin normal keine

Bakterien zu finden sind. Die von ~Siegel~ und ~Bussenius~ aus den

Bläschen isolierte Mikrobe ist von aussen hineingedrungen, besitzt eine

starke Giftwirkung im Darmkanal, ist jedoch nicht als das ätiologische

Moment der Maul- und Klauenseuche zu betrachten. ~Loeffler~ und ~Frosch~

fanden konstant in den Bläschen farblose Lymphzellen, gekörnte Zellen,

rote Blutkörperchen, kleine runde granulierte Scheibchen ohne Kern,

bewegliche, unregelmässige, protoplasmatische Körperchen und stark

lichtbrechende Körner verschiedener Grösse, keine selbstständigen

Mikroorganismen. Die Krankheit kann durch die Lymphe übertragen

werden auf Rinder und Kälber, bei Schweinen erkrankt nur die Hälfte.

Immun scheinen sich zu verhalten: Kaninchen, Meerschweinchen, Katzen,

(wiewohl ~Hecker~ von der Katze das Gegenteil behauptet in B. T. W.

No. 6, 1898) Ratten, Mäuse, Hühner und Tauben.

Der Inhalt der frischen Bläschen ist äusserst virulent, während das

Blutserum erkrankter Tiere bis zu 14 cm³, drei Kälbern subcutan

eingespritzt, das Krankheitsbild nicht hervorrief. Drei Kälber,

die 12, 17, und 22 Tage nach der ersten Einspritzung mit sehr

wirksamem Material eingespritzt waren, erkrankten mit typischer

Temperaturerhöhung, ohne dass sich Bläschen an Maul oder Klauen

zeigten. Nur das erste Kalb zeigte sehr kleine Bläschen an der Stelle,

wo die Einspritzung geschehen war. Unfehlbar die Krankheit erregend

zeigte sich die Einspritzung der Lymphe ins Blut. Hierbei entstehen

schon nach 24-48 Stunden die Bläschen an Maul und Klauen und beim

Milchvieh an dem Euter. Ganz unsicher wirkt dieselbe Lymphe, wenn sie

in oder unter die Haut eingespritzt wird (Vergl. Hundswut).

Weiter ist es von Bedeutung, zu wissen, dass die Lymphe durch

Eintrocknung bei Sommertemperatur während 24 Stunden, durch Erhitzung

auf 37° C. während 12 Stunden, und durch Erhitzung auf 70° während 1/2

Stunde unwirksam wird.

In kapillaren Röhrchen bei 0° C. bewahrt, bleibt die Lymphe 3-4

Monate wirksam. Dass wir es hier mit einem höchst giftigen Stoff zu

thun haben, beweist die kleine Menge, welche benötigt ist, um nach

Einspritzung die Krankheit hervorzurufen; nl. bei 1/5000 cm^3 ist die

Wirkung gewiss, erst bei Mengen von 1/10000-1/20000 ungewiss.

Zweckdienlich und Schutz gewährend gegen Maul- und Klauenseuche zeigten

sich die Einspritzungen mit einer Mischung von Lymphe und Serum von

Tieren, welche die Krankheit durchgemacht hatten.

Wie schon mitgeteilt, erhalten nicht alle Tiere, welche die Krankheit

überstanden haben, Immunität. Dies gab Anlass zu der Meinung, dass es

nicht möglich sei, mittels Impfung oder Einspritzung gegen die Maul- und

Klauenseuche zu schützen (~Friedberger~, ~Fröhner~). Etwas Ähnliches

nimmt man aber auch wahr bei den Blattern und Masern des Menschen.

Auch hier erhalten nicht alle Individuen nach überstandener Krankheit

sichere Immunität. Es zeigen sich also hier Unterschiede in der

natürlichen Immunität, in der grösseren oder geringeren Empfänglichkeit.

Wird jedoch Blutserum von gesunden Tieren genommen und dies mit Lymphe

vermischt, so erscheint die Maul- und Klauenseuche wohl. Um mich jedoch

in meinen Mitteilungen über diesen so bedeutungsvollen Gegenstand kurz

zu fassen, folgen nur noch einige merkwürdige Eigenschaften des

unbekannten Giftes. Die schon früher beschriebenen Filtrationsversuche

mittels Kerzen werden wahrscheinlich auch ein Licht aufgehen lassen

über vielerlei Krankheiten, deren Ursache noch im Dunkeln liegt.

~Loeffler~ und ~Frosch~ filtrierten 1 cm^3 Lymphe verdünnt mit 39

Teilen Wasser mit Hinzufügung des _Bacillus fluorescens_ zur Kontrolle.

Das Filtrat zeigte sich als ein ganz keimfreies. Weder die zugefügte

Bakterie noch andre Mikroorganismen kamen in ihren Kulturplatten zum

Vorschein. Das Filtrat erzeugte die Maul- und Klauenseuche, als es in

das Blut von Kälbern eingebracht wurde. Die nämliche Erscheinung, die

als Intoxication bezeichnet wird, ist auch bei andern Krankheiten

beobachtet worden; was jedoch noch unbekannt war, ist, dass der Inhalt

der jetzt gebildeten Bläschen neuerdings filtriert, immerfort wieder

die Krankheit hervorrief.

Im Filtrate befinden sich also Krankheitskeime, welche durch die Poren

der Kerze hindurchdrangen, es wäre denn, dass das Filtrat ein Gift von

eminenter Wirkung enthielte. Nach mancherlei Versuchen hat sich jedoch

herausgestellt, dass eine Vermehrung des Giftes stattfindet. ~Brieger~

fand, dass 1 cm^3 des so heftigen Tetanus-giftes 20000 Mäuse tötete.

Die Berechnung jedoch giebt bei dem Filtrate ~Löffler's~ zu erkennen,

dass eine Verdünnung von 1: 2-1/2 Trillion noch im Stande ist, Tiere

zu vergiften, und zwar schon als das unbekannte Virus nur durch zwei

Tiere hindurch gegangen war. Solche und noch durch weitere Tierpassage

hervorgerufenen Verdünnungen können nicht mehr auf ein gelöstes Gift

bezogen werden.

In einem späteren Bericht der mehrere Male erwähnten Kommission,

welcher u. a. in der »Wochenschrift für Tierheilkunde und Viehzucht«,

No. 39, Sept. '98 enthalten ist, finden wir, dass wiederholte

Filtration der verdünnten Lymphe durch sehr dichte ~Kitasato~-Kerzen

die Tiere nicht mehr mit Maul- und Klauenseuche krank machen konnte.

Das krankheiterregende Agens ist also jetzt zurückgehalten worden. Wir

haben es demnach zu thun mit »_Infektion_.« Weiter giebt die Kommission

noch die Mitteilung, dass Rinder noch immunisiert werden können mit

einer Mischung von Immun-Serum und Lymphe, welche also eine Zeit lang

mit einander in Kontakt gewesen sind. Wichtig ist auch die Beobachtung,

dass das Junge eines immunisierten Rindes, welches vor dem Anstellen

des Versuches sich schon in den Ställen befand, nach der Geburt sich

sofort als immun erwies. Drei Tage nach der Geburt wurde es mit 1/100

cm^3 sehr wirksamer Lymphe mit dem Resultate behandelt, dass das

Tier nicht erkrankte, selbst nicht nach einer zweiten Einspritzung

mit 1/10 cm^3 6 Tage später. Die Mutter hat hier ihre Immunität auf

das Junge übertragen. Da das von der immunen Kuh geworfene Kalb

sich immun zeigte, ist es deutlich, dass die Einspritzung gegen

Maul- und Klauenseuche, bei kräftigen Tieren angewendet, eine immune

Nachkommenschaft erzeugen wird.

Es ist zu erwarten, dass die Resultate der hier geschilderten Versuche

bald fruchtbringend in der Praxis angewendet werden können.

Die kleinsten der bekannten lebenden Wesen sind die von ~Pfeiffer~

aufgefundenen Influenzabakterien. Wären die Mikroorganismen der

Maul- und Klauenseuche 1/10-1/5 so gross wie diese, was nicht unmöglich

sein würde, so könnten sie nach der Berechnung von ~Prof. Abbe~ in

Jena, als die Grenze des Vergrösserungsvermögens unserer Mikroskope

übersteigend, selbst unter den besten modernen Immersionssystemen nicht

mehr wahrgenommen werden. Die Untersuchungen nach ihrer Anwesenheit im

Filtrate werden fortgesetzt und sind von grösster Wichtigkeit. Die Zeit

wird dann ausweisen, ob andere ansteckende Krankheiten, deren Ursachen

jetzt noch unbekannt sind, auch ähnliche Verhältnisse darbieten.

Man denke nur an die Blattern, das Scharlachfieber, die Masern, den

Flecktyphus, die Rinderpest u. a. m., nach deren Ursache so oft

vergebens gesucht worden ist.

Aus diesen Beschreibungen der Gifte, welche Krankheiten erregen

und oft den Tod zur Folge haben, erhellt, dass sie sich chemischen

Reagenzien, physicalischen Einflüssen, der Filtration durch Kerzen

und dem Experimente auf lebenden Wesen gegenüber ungleich verhalten.

Fremdartig und noch unerklärlich ist hierbei das Gift der Hundswut und

das der Maul- und Klauenseuche.

Jetzt nach diesen Betrachtungen über verschiedene Krankheitsstoffe ist

zu sehen, wie es mit dem Gift der Fleckenkrankheit beim Tabak steht,

und mit welchem Virus es sich vergleichen lässt.

[Fußnote G: Aus diesen für den Menschen später so wichtigen

Versuchen, erhellt der Nutzen des Tierexperiments, welches allerdings

nur erfahrenen Personen anvertraut werden darf. Meiner Meinung nach

muss jedoch der zwecklos wiederholte Nachweis schon konstatierter

Vergiftungen bei Tieren auf mechanischem, chemischem oder

bakteriologischem Wege unterlassen werden, wenn, was nach dem heutigen

Stande der Technik möglich ist, durch die Projektion von Lichtbildern

ein deutliches Bild der Versuche geliefert werden kann.]

Die Flecken- oder Mosaikkrankheit des holländischen Tabaks.

Wie bereits im vergangenen Jahre mitgeteilt, offenbart sich die

Flecken- oder Mosaikkrankheit bei unserem Tabak in der Form von

dunkelgrünen Flecken, die stets bei jungen Blättern zwischen den Nerven

und längs derselben ihren Ursprung nehmen. Bei älteren Pflanzen zeigt

sie sich in der Form von unregelmässig liegenden Flecken, die allmählig

braun werden. Wenn auch in der Regel der Tod der Pflanze bei dieser

Krankheit nicht eintritt, so werden die Blätter doch so verändert und

missgestaltet, dass sie keinen Handelswert mehr besitzen. Wenn man in

Betracht zieht, dass die von den Züchtern so sehr gefürchtete Krankheit

jedes Jahr mehr um sich greift, so ist es nicht ohne Bedeutung, ihre

Ursache zu erforschen und wo möglich die Mittel liefern, welche der

Flecken- oder Mosaikkrankheit vorbeugen. Im Laufe dieses Jahres sind

mit einer grossen Anzahl von Pflanzen Versuche angestellt worden. Um

ein deutliches Bild von dem Verlauf der Krankheit zu erhalten, folgt

hier die Beschreibung eines der zahlreichen Fälle, bei welchen die

Fleckenkrankheit künstlich verursacht worden ist.

Am 2. Juni 1898 wurden mir durch Herrn ~N. van Os~ zu Amerongen einige

Hundert junge Tabakspflanzen geschickt, die soweit sichtbar, vollkommen

gesund waren. Einige Tage später erhielt ich zwei fleckenkranke

Pflanzen, die streng isoliert und in ständiger Beobachtung gehalten

wurden. Diese kranken Exemplare wuchsen sehr langsam; die Flecken

wurden immer dunkler, während die Krankheit sich in den verschiedenen

Blättern langsam verbreitete.

Eine vollkommen gesunde, junge Pflanze erhielt am 5. Juli, wie Figur

13 _A_ angiebt, einen Einschnitt mit einem sterilisierten Messer in

den Stengel bis an das Gefässbündel. In diesen Einschnitt wurde ein

sehr kleines Stückchen eines gefleckten Blattes von einer der kranken

Pflanzen gebracht. Ein gleiches Stückchen Tabaksblatt wurde gewogen,

nach Trocknung der Gewichtsverlust bestimmt und dieser als die

Menge Gewebesaft berechnet, der ursprünglich darin war. Nach meiner

Berechnung waren ungefähr 34 mgr. Blattsaft in den Einschnitt gebracht

worden. Man kann aber ruhig annehmen, dass unter den günstigsten

Verhältnissen wenige Milligramm, ja vielleicht nur Zehntel oder

Hundertel eines Milligramms durch das Gefässbündel aufgenommen und

fortgeführt werden. Am 20. Juli begann sich am Rande eines jungen

Blattes zwischen ein paar kleinen dünnen Nerven ein dunkles Fleckchen

zu zeigen. Im Verlauf der folgenden Tage erschienen an den anderen

jungen Blättern ebenfalls Fleckchen, während das Blatt selbst durch

~Vergrösserung des Pallisadengewebes~ ein unebenes, unregelmässiges

Aussehen bekam. Auch der Blattrand wurde gleichzeitig sehr abnormal,

hier und da eingeschnürt oder eingebuchtet. (S. die Formen der fünf

jungen Blättchen rechts unten in fig. 14.)

[Illustration: Fig. 13. Die Flecken- oder Mosaikkrankheit des Tabaks.]

Die Anzahl der Flecken, die noch stets von Tag zu Tag an Ausdehnung

zunahmen, jedoch untereinander isoliert blieben, wurde ständig grösser.

Am 1. August waren die inneren Blätter vollkommen dunkelgrün und

zeigten nur hier und da noch das reine normale Hellgrün. Einige der

älteren Blätter, solche also, die sich unten an der Pflanze befanden,

hatten unregelmässig liegende, kleine Fleckchen von einer andern Farbe.

Man sollte nicht vermuten, dass die Krankheit auf solche verschiedene

Art in die Erscheinung treten kann, da doch die Ursache dieselbe ist.

Wir finden hier eben die Wirkung des Giftes auf junge, zarte und auf

ältere Gewebeelemente. Am 9. August waren zwei der untersten Blätter

stark punktiert. Hier lagen die Fleckchen nicht zwischen den Nerven,

sondern scheinbar ganz unregelmässig verteilt. In _B_ sehen wir den

Zustand eines jungen, also Spitzenblattes, in _C_ denjenigen eines der

untersten Blätter abgebildet. Die Farbe der Fleckchen der punktierten

Blätter zeigt sich zuerst als graublau, doch geht sie im Laufe der

Tage in rotbraun über und endigt dort mit dem Tod des Gewebes. Bei

den grösseren Flecken nimmt man konzentrisch gefärbte Ringe wahr, von

denen die am meisten nach aussen liegenden stets am dunkelsten sind.

(Fig. _M_.) Wenn wir die Tabaksfelder besuchen, sehen wir bei den

kranken Exemplaren die jüngsten Blätter im Zustande _B_, die älteren im

Zustande _C_. Einige Felder sind selbst rot gefärbt und scheinen wie

mit Blut übergossen. Die Krankheit herrscht dann auf solch einem Felde

sehr stark und zeigt sich in dieser Form Jahr für Jahr. Es ist eine

öfters beobachtete Erscheinung, dass Pflanzen, die verwundet oder krank

sind, einen roten Zellsaft bilden. Wahrscheinlich ist dieser Umstand,

auch nach den neueren Untersuchungen von ~Flammarion~, günstig für die

Atmung. Nicht alle Lichtstrahlen haben dabei eine gleiche Wirkung. Im

gelben Licht ist die Zerlegung der Kohlensäure am stärksten und nimmt

nach den Spektrumfarben nach links und rechts ab. Die Spaltung der

Kohlensäure findet also stärker hinter gelben und roten, schwächer

dagegen hinter blauen Farben statt. Dies ist auffallend, da doch gerade

die blauen Farben mit ihrer kürzeren Wellenlänge zu den intensiv

wirkenden chemischen Strahlen gehören, und z. B. das photographische

Papier am stärksten zersetzen. Könnte auch hier nicht die rotbraune

Farbe der Flecken die Pflanze im Kampfe gegen die schädlichen Einflüsse

der Krankheit beschützen und dadurch die Assimilation befördern? Im

September sind alle jungen Blätter dunkelgrün gefleckt und dabei

vollständig missgestaltet, während die älteren ganz dunkelbraun

gefleckt sind. Nicht selten fallen aus den Blättern ganze Stücke heraus

und scheint es, als ob Insekten das Blatt ausgefressen hätten. (S. die

punktierte Linie in Fig. _C_)[H].

Dies ist der gewöhnliche Verlauf der Krankheit. Unter den günstigsten

Verhältnissen werden im Sommer und nach abwechselndem Wetter die jungen

Pflanzen innerhalb drei Wochen krank. Gelangt das Virus in ältere

Pflanzen, dann entsteht die Krankheit etwas später. Dabei ist noch ein

Unterschied in der Zeit zu beobachten, wenn das Gift in den Stamm oder

in den Hauptnerv der jungen oder älteren Blätter gebracht wird. Bei

einer nur oberflächlichen Verwundung des Parenchyms des Stammes habe

ich mehrere Male die Krankheit ausbleiben sehen. Es hat den Anschein,

als ob das Gift sich den Gefässbündeln entlang verbreitet und dann ist

das Phloëmbündel hierfür der angewiesene Weg.

Die mikroskopische Untersuchung der kranken Blattteile bringt nicht

viel an's Licht. Man sollte eigentlich das Gegenteil vermuten, da

doch gerade das Krankheitsbild hier so scharf umschrieben ist. Im

allerjüngsten Zustand der Fleckchen bei sehr jungen Blättern, wo noch

keine Trennung in Pallisaden- und Schwammparenchym stattgefunden hat,

trifft man zwischen den Zellen dunkelblaugrün aussehende Streifen sowie

Bläschen an, die man am besten mit Luftstreifchen vergleichen kann,

welche sich zwischen den Zellenwänden befinden (_D_). Es ist mir nicht

gelungen, die Flecken dadurch zum Verschwinden zu bringen, dass ich ein

Blatt in einen luftleeren Raum brachte und darin behielt. Auch in einem

älteren Stadium, wo bereits die Trennung zwischen Pallisadengewebe

und Schwammparenchym eingetreten ist, werden Streifen und Bläschen

noch angetroffen (_E_). Macht man einen Längsschnitt, dann wird wieder

dasselbe wahrgenommen (_F_ _H_). Stets zeigen sich bei den dunkelgrünen

Flecken obige Abweichungen zwischen den Zellen, die ich durch schwarze

hier und da untergebrochene Linien angegeben habe (_D_ _E_ _F_ _H_). An

der Oberhaut (_I_) werden keine Veränderungen beobachtet. Betrachtet

man die Flecken _C_ bei stärkerer Vergrösserung, dann sieht man die

Oberhaut zusammengeschrumpft, vertrocknet und verfärbt. Das Chlorophyll

ist desorganisiert und ~die Zellwände sind verschwunden~. Es ist gerade

so, als ob Insekten das Blattparenchym weggefressen hätten (_G_). Dies

sind die einzigen Veränderungen, die mit dem Mikroskop beobachtet

werden konnten.

Eine grosse Anzahl Pflanzen ist von mir auf Mikroorganismen untersucht

worden, jedoch nur in einzelnen Fällen habe ich Bakterien in

Pallisadenzellen gefunden, welche aber nach wiederholter Übertragung

auf Nährböden, wobei wie beschrieben das vielleicht vorhandene,

unsichtbare Virus verdünnt wurde, keine Pflanzen zu infizieren

vermochten. Wiederholte Versuche wurden gemacht, um vermittelst feiner

Pincetten von einem kranken Blattteilchen die Epidermis an beiden

Seiten zu entfernen, was einige Male gelang. Vom Inneren des Blattes

wurden dann Plattenkulturen angelegt, die abgesehen von einzelnen

bekannten, sehr viel vorkommenden Pilzcolonien scheinbar steril

blieben. Als Nährböden hierfür wurden gebraucht die alkalische und

saure Nährgelatine von ~Koch~, Tabakssaft-Gelatine, Malz-Gelatine

und der von ~Beyerinck~ angegebene _Leguminosen_-Nährboden. Ebenso

entwickelten sich auf oder in einem sauren oder alkalisch reagierenden

Nährboden, der wie folgt zusammengestellt war, keine Kolonien:

Tabakssaft 5, Kaliumphosphat 0, 050, Asparagin 0,5, Glukose 2,0,

Gelatine 10,0 oder Agar 1,5, Wasser 100,0.

Ein einziges Mal entwickelte sich Gas in schwach alkalischer Bouillon,

welche zu anaërober Kultur benutzt wurde (verursacht durch einen

Organismus, welcher schwierig von Coccen zu unterscheiden ist).

Viele Male sind auch grössere kranke Blattteile zur Untersuchung

genommen worden. Zuerst wurden die beiden Blattoberflächen gut

abgewaschen, dann mit sterilen, nassen Wattepfropfen abgerieben und

darauf mit sterilem Wasser abgespritzt. Es gelang mir unter einer

ganzen Reihe von Platten mehrere Male, Mikroorganismen zu isolieren,

die, von der Plattenoberfläche genommen, junge Tabakspflanzen krank

machten. Die Krankheit trat ~nicht stets ein~, wenn ich mit viele

Malen übergeimpften Kulturen arbeitete. Ich erreichte eine Erkrankung

mit drei Mikroorganismen, mit einem _Rhizobium Leguminosarum_, einer

_Beggiatoa-_ und einer _Streptothrix_-Art. Wie gesagt, trat eine

Erkrankung öfters nicht ein, wenn ich Überimpfungen gebrauchte. Das

fiel mir besonders auf, und bestärkte mich in meiner schon oben

erwähnten Ansicht, dass die von den ursprünglichen Platten abgenommen

Kulturen ein unbekanntes, ~unsichtbares~ Gift, wenn auch in höchst

starker Verdünnung, enthielten; denn eine minimale Menge ~Saftes~ von

krankem Gewebe ist immer im Stande, die Fleckenkrankheit zu verursachen.

Im Oktober 1897 wurde in einen kühlen Treibkasten Tabakssamen gesät,

um Versuchspflanzen zu bekommen. In der Zwischenzeit wurde Erde,

in der kranke Pflanzen gestanden hatten, und die an deren Wurzeln

hängende Erde auf Mikroorganismen untersucht. Nach Lage der Sache ist

dies eine sehr schwierige Untersuchung, wenn man bedenkt, dass die

Anzahl Mikroorganismen per Gramm darin einige Hunderttausenden bis

Millionen beträgt. Aus einer grossen Anzahl Platten wurden damals

8 Mikroorganismen isoliert, die im Februar 1898 auf junge Pflanzen

geimpft, die Fleckenkrankheit ~nicht~ hervorbrachten. Sie waren also

nicht das ätiologische Moment derselben. Auffallend war es, dass an

den jungen Wurzeln der Tabakpflanzen häufig _Streptothrix chromogena

Gasperini_ angetroffen wurde.

Der Tabak: Studien über seine Kultur und Biologie · 第 7 / 9 段