[Fußnote F: Siehe meine Abhandlung im »Indische Mercuur« 24 Juni

1899. »Een critische beschouwing over ~Loew's~ theorie der oxidizing

enzymation.«]

Gifte und Infektionskrankheiten.

Die Fleckenkrankheit beim Tabak ist noch immer ein Gegenstand

des Studiums, und wenn auch die wahre Ursache, die nur durch das

Experiment festzustellen ist, noch nicht bekannt geworden, so habe

ich doch Beobachtungen genug, um ein Urteil über ihr Wesen abgeben zu

können. Meine Untersuchungen sind von langer Dauer gewesen, weil die

Erscheinungen, welche ausschliesslich bei dieser Krankheit auftreten,

sich bei den gesunden Pflanzen in den günstigsten Verhältnissen erst

drei Wochen nach der Infektion zu zeigen anfangen. Eine grosse Zahl von

Pflanzen sind von mir verschiedenen Versuchen unterzogen worden. Dass

hier ein sehr toxischer Stoff wirksam ist, geht schon aus der Thatsache

hervor, dass 5 mgr. eines getrockneten kranken Blattes im Stande sind,

die kräftigsten Pflanzen zu infizieren. (Ich gebrauche hier das Wort

Infektion und nicht Intoxikation; später wird sich zeigen aus welchem

Grund). Wie ich früher schrieb, habe ich oft, jedoch _nicht immer_,

eine Mikrobe isolieren können, welche ein infizierendes Vermögen

besitzt.

Wenn wirklich Bakterien Ursache der Fleckenkrankheit sind, so müssen

diese doch immer aus kranken Exemplaren von _Nicotiana_ isoliert werden

können, um den Beweis zu liefern, dass nur ihnen eine infizierende

Kraft zukommt. Bis jetzt ist noch nicht eine Bakterie in Kultur

gebracht worden, welche für _Nicotiana_ als pathogen zu betrachten

ist. Aus der grossen Menge Versuche werden wir ersehen, dass wir es

zu thun haben mit einem schweren Gifte, gebildet von unbekannten

Mikroorganismen, oder richtiger gesagt, von unsichtbaren Teilchen,

welche sich selbst vermehren und sich in den Pflanzen, oder auch in der

Nähe derselben, befinden können.

Wenn wir nach dem heutigen Stand der Wissenschaft folgende Regel,

welche bei den Infektionskrankheiten beobachtet wird, festhalten, so

handelt es sich hier um allerwinzigste Wesen, Teilchen, welche sich

vermehren, und welche als Gift für die Pflanzen zu betrachten sind.

I. Wenn der durch eine ~Chamberland~-Pasteurkerze filtrierte kranke

Blattgewebesaft gesunde Pflanzen infiziert, und dieser Saft wieder nach

Filtration neue Exemplare u. s. w., so haben wir es mit Mikroorganismen

zu thun, mit einem infektiösen Pflanzen-Krankheitskeim (vergleiche

später Maul- und Klauenseuche).

II. Wenn der filtrierte kranke Blattgewebesaft in gesunde Pflanzen

hineingebracht wird und die Krankheit verursacht, wenn weiter der aus

den zweiterkrankten Pflanzen gewonnene Saft wieder nach Filtration

einer neuen Reihe Pflanzen eingespritzt wird, und dies keine Krankheit

erregt, so handelt es sich um toxische Stoffen, welche gebildet sind

von Mikroorganismen in der ersten Versuchsreihe (wie bei Diphtherie,

Tetanus.)

Ehe ich mich über diesen Gegenstand verbreite, folgen hier einige

allgemeine Betrachtungen über Gifte und Infektionskrankheiten. Eine

Übersicht hiervon ist notwendig, um später die Fleckenkrankheit damit

vergleichen zu können.

Zuerst hat man Gifte, welche von Mikroorganismen erzeugt werden,

abgesondert aus faulenden organischen Stoffen. Es waren meist

stickstoffhaltige Basen. ~Selmi~ nannte diese entweder giftigen oder

nicht giftigen Basen »Kadaver-Alkaloide« oder »Ptomaine«. Damals waren

diese Gifte noch nicht chemisch rein gewonnen sondern noch mit toxisch

wirkenden Extraktionsstoffen vermischt. Erst ~Nencki~ gelang es,

aus faulender Gelatine und faulendem Eiweiss einen kristallinischen

Stoff zu isolieren von der Zusammensetzung C_{8} H_{11} N mit einer

wahrscheinlichen Struktur von:

-- CH_{3} --

C_{6}H_{4} NH_{2}

-- CH_{2} --

Diese Basis ist also isomer mit _Collidin_, doch verhält sich bei

Erhitzung anders. Von vielen Forschern wurden bald toxische Stoffe in

sehr reinem Zustande isoliert, so z. B. von ~Gautier~ 2 Alkaloide aus

faulendem Fisch, _Parvolin_, C_{9} H_{13} N, und das stark reduzierende

_Hydrocollidin_, C_{8} H_{13} N; von ~Guareschi~ aus faulendem

Rindfleisch eine Basis von der Zusammensetzung C_{10} H_{15} N.

Dieses Suchen nach den Giften ist mit eigentümlichen Schwierigkeiten

verbunden. Nicht nur, dass der Amylalcohol, welchen man beim

Ausschütteln der Flüssigkeiten nötig hat, selbst Spuren von Giften

enthält, sondern nach ~Gram~ könnte auch das _Cholin_, welches, nach

~Brieger~ wieder, immer die _Ptomaine_ begleitet oder einen Teil

derselben ausmacht, leicht in das giftige _Neurin_ übergeführt werden.

Besonders ~Brieger~ hat die Untersuchungen der Gifte übernommen und

glänzende Resultate erzielt. Aus verschiedenen faulenden Substanzen

hat er stickstoffhaltige Basen isoliert, von denen viele keine giftige

Wirkung zeigten, andere dahingegen als schwere Gifte auftraten.

Letztere nannte er »_Toxine_«.

Zu den nicht giftigen oder zu denen, welche erst in grossen Dosen als

Gift wirkten, gehören:

_Neuridin_, C_{5} H_{14} N_{2}, welches sich allgemein vorfindet

beim Faulen von Käse, Fleisch und nach 3 Tagen bei der Fäulnis von

Menschenleichen,

_Gadinin_, C_{7} H_{17} NO_{2}, aus faulendem Fisch,

_Cadaverin_, C_{5} H_{16} N_{2}, in Leichnamen nach dem 4^{ten} Tage,

_Putrescin_, C_{4} H_{12} N_{2}, wie oben,

_Saprin_, wie oben,

_Cholin_, C_{5} H_{15} NO_{2}, wie oben, aber in den ersten Tagen; es

zersetzt sich später in _Di-_ und _Trimethylamin_ und _Triaethylamin_;

das _Cholin_ ist zu betrachten als

_Trimethyl-oxyaethylammonium-hydroxyd_. (CH_{3}){3} N. OH. C_{2} H_{4}

OH;

_Mydatoxin_ und _Mydin_, wie oben.

Zu den äusserst giftigen Basen gehören:

_Peptotoxin_, der giftige Bestandteil vieler Peptone; es entsteht z.

B. auch bei der Verdauung von Fibrin durch künstlichen Magensaft,

wahrscheinlich ebenfalls durch die peptonisierende Wirkung von Mikroben,

_Neurin_, C_{5} H_{13} N O, aus faulendem Fleische nach 5-6 Tagen,

_Muscarin_, C_{5} H_{15} N O_{3}, ein Oxydationsprodukt von _Cholin_,

_Tyrotoxicon_, ein schweres Gift, gefunden in Vanille-Eis von

~Vaughan~, weiter in Milch und vielen andern Nahrungsmitteln, besonders

während der heissen Sommertage.

Chemisch nähert sich dieser Körper den _Diazobenzol_-verbindungen.

Die toxische Wirkung giebt sich durch Diarrhöen kund. Es ist ~Flügge~

gelungen, dieses heftig wirkende Gift abzusondern und durch Versuche an

Tieren zu zeigen, dass furchtbare Diarrhöen dadurch entstehen können,

und sogar der Tod eintreten kann.

Man behauptet, dieses Gift entstehe durch eine sporenbildende,

mittels Abkochung nicht zu tötende Bakterie, welche bei der günstigen

Temperatur, wodurch im Sommer schnelle Vermehrung stattfindet, das

Eiweiss so zersetzt, dass heftig wirkende Toxine gebildet werden.

Noch bedeutender waren die Untersuchungen der Gifte, welche aus

Reinkulturen gewonnen waren. Auch hier hat ~Brieger~ sich äusserst

verdienstlich gemacht. Er bekam aus dem _Staphylococcus pyogenes

aureus_ und dem _Streptococcus pyogenes_ nicht giftige Ptomaine.

Ersterer entwickelt hauptsächlich Ammoniak, letzterer Trimethylamin.

Aus Typhusbacillen erhielt ~Brieger~ einen sehr toxischen Stoff,

das _Typhotoxin_ C_{7} H_{17} N O_{2}. Weiter aus Cholera-Mikroben

_Spermin_, aus Tetanusbacillen 4 Toxine, von denen das _Tetanin_ sehr

giftig ist, dann das _Tetanotoxin_ und das _Spasmotoxin_.

Ausser diesen Alkaloid-artigen Stoffen wurden aus den Reinkulturen

anderer pathogenen Mikroben noch Gifte isoliert, welche eine sehr

toxische Wirkung besitzen, jedoch in chemischer Zusammensetzung sich

mehr den Eiweissen nähern und deshalb auch wohl »_Toxalbumine_« genannt

werden. In wässeriger Lösung sind diese Gifte von schwachem Bau,

da sie schon bei 60° C. in kurzer Zeit, bei 100° sehr schnell

zerstört werden. Ferner besitzen sie noch die Eigenschaft, dass sie

in Wasser oder verdünntem Alcohol gelöst, durch starken Alcohol

präcipitiert werden, durch ~Chamberland-Pasteur~-Kerzen gehen, langsam

oder gar nicht dialysieren und die Eiweissreaktionen geben. Diese

Eiweissreaktionen sind nicht nur dem Eiweisse, sondern auch dessen

Zersetzungsprodukten eigen. Das eigentliche Gift kann also, ausser dem

Eiweisse, auch Verunreinigungen zugeschrieben werden. ~Brieger~ und

~de Boer~ nl. haben das Tetanus- und Diphtheriegift durch Präcipitation

mit Zinkchlorid als Doppelverbindung, ausgeschieden und es nicht nur

qualitativ, sondern auch quantitativ bestimmt und zwar aus Lösungen,

welche nicht die Spur von Eiweiss enthielten.

Die Absonderung der Toxalbumine, Toxine u. s. w. von den

Bakterien geschieht meistens mittels Filtration durch

~Chamberland-Pasteur~-Kerzen, oder, da sie, nach ~Sirotinin~, nicht

alle gelösten Stoffe durchlassen, durch ~Berckefeld-Nordtmeijers~

Infusorienerdefilter.

[Illustration: Fig. 12. Filtration durch eine

~Chamberland-Pasteur~-Kerze unter dem Drucke der Wasserleitung.]

In beigehender Figur 12 ist die Einrichtung wiedergegeben, wie sie

in meinem Laboratorium besteht, und wie sie benutzt wird, um die

Reinkulturen, welche in einen Vaporisator gebracht worden sind, in die

Tabaksbüschel unter Luftdruck verstieben zu lassen. Links sieht man

eine Wasserstrahlluftpumpe abgebildet, welche zugleicherzeit durch

Wasserleitungsdruck einen konstanten Luftstrom erzielt. Die Vorrichtung

ist oberhalb eines Kübels aufgestellt. Der Wasserleitungshahn lässt das

Wasser (der Minimumdruck ist 2 Atmosphären) in der Richtung der Pfeile

W die Vorrichtung durchströmen, während zugleicherzeit die Luft in

der Richtung der Pfeile L durch die Kautschukverbindung in die rechts

abgebildete ~Chamberland-Pasteur~-Kerze gepresst wird.

Diese Kerze ist in einem gläsernen Mantel mit der gebräuchlichen

Fürsorge mittels Watte abgeschlossen, mittels strömenden Wasserdampfes

eine Stunde bei 110° C. sterilisiert worden und, um etwaiger Infektion

von aussen vorzubeugen, unmittelbar in Anwendung gebracht.

Diese Kerze wird nach Benutzung noch mittels Lufteinpressung

kontrolliert, ob sie etwa unsichtbare Sprünge oder Risse hat, in

dem Falle bilden sich Luftblasen unter Wasser. In die Kerze wird ±

20cm^3 kranken Gewebesaftes von _Nicotiana_ gebracht, der Verschluss

hergestellt und die Filtration unternommen. Durch die zusammengepresste

Luft wird innerhalb der Kerze ein Druck ausgeübt, sodass der grüne,

immer bakterienreiche Gewebesaft nun hell braungelb und frei von

Bakterien, die auf der Kerze zurückbleiben, aus der Kerze hervortritt.

Diese Filtration geschieht sehr langsam und das Filtrat ist vollkommen

steril. Aus der Kontrolleprobe, welche auf dieses Filtrat angewendet

wurde, ergiebt sich, dass 10-20 Tropfen auf dem sauren und alkalischen

Nährboden (~Koch~) keine einzige Kolonie entstehen lassen. Alle

Mikroben, welche bis jetzt mit den stärksten Vergrösserungen und als

Kontrolle auf von ihnen angelegten Kulturen wahrgenommen werden können,

dringen also nicht durch das unverglaste Porzellan hindurch.

Der Fall kann vorkommen, doch er würde einzig dastehen in der

Litteratur, dass bei genannten Vorsorgen Mikroorganismen bestehen

(siehe Maul- und Klauenseuche), welche unmittelbar die Kerze

durchdringen, doch deren Dasein sich weder bei den mikroskopischen

Untersuchungen noch nach dem Inkulturbringen auf diversen Nährboden

offenbart. Letzteres ist nicht von so überwiegender Bedeutung, da viele

sichtbare, besonders für den Menschen pathogene Mikroorganismen, lange

nicht beim Züchten auf künstlichen Nährboden zur Entwicklung gebracht

werden konnten.

Ferner erwähne ich, dass erst neulich (Sept. '98) mir der Fall bekannt

geworden ist, dass ein Filtrat, sichtbar und bei den Untersuchungen,

frei von lebenden Wesen, eine unbegrenzte Infektion von Individuum auf

Individuum entfaltete. Ein Gramm kranken Gewebesaftes von _Nicotiana_

enthielt meinen Kulturproben nach reichlich 2900 Mikroorganismen in

sechs Arten, und keine von allen konnte Pflanzen infizieren.

Das schon genannte _Tetanusgift_, genau von ~Kitasato~ studiert, wird

bei Erhitzung auf 65° C. innerhalb weniger Minuten, bei 55° innerhalb

anderthalb Stunden vernichtet.

Bei Eintrocknung in einem Exsiccator zeigt sich, dass es seine toxische

Wirkung behalten hat. Diffuses Tageslicht nimmt dem Gifte innerhalb

einiger Wochen, helles Sonnenlicht innerhalb 15-18 Stunden seine

Wirkung, in beiden Versuchen mit Zutritt von Luft. ~Brieger~ und ~Cohn~

fanden, dass 0,000.0003 gr. dieses Giftes innerhalb 4 Tagen eine weisse

Maus von 20 gr. tötete, es ist also ein Gift von eminenter Wirkung.

Zum Verständnis der Fleckenkrankheit beim Tabak ist es auch nicht ohne

Interesse, hier zu bemerken, dass ~Petri~ aus Cholerakulturen nebst

anderen Giften auch eine giftigen Substanz isolierte, welche in ihren

Reaktionen an die Peptone denken lässt, das sogenannte _Toxopepton_,

das sogar die Temperatur von 100° C. _längere Zeit_ erträgt, also nicht

zersetzt wird, und seine toxische Wirkung dabei behält.

Weiter muss bemerkt werden, dass in den ersten Tagen der Fäulnis viele

Fäulnisbakterien zusammen äusserst giftige Toxalbumine erzeugen, dass

diese Giftstoffe jedoch nach Verlauf von 14 Tagen verschwunden sein

können. (~Scholl-Nielsen~).

Zum Schluss dieser allgemeinen Betrachtungen, welche notwendig waren

zum Verständnis der Gifte, einige die Fermente betreffende Mitteilungen.

Unter Enzymen und Fermenten versteht man sehr zusammengesetzte

organische, sich leicht zersetzende Stoffe, welche innerhalb bestimmter

Temperaturgrenzen relativ sehr grosse Mengen anderer Stoffe umsetzen

können. In der Physiologie spielen sie eine grosse Rolle. Ihre

Aufgabe ist es, die Stoffe, welche sich in einem, zur Aufnahme in den

Organismus ungeeigneten Zustande befinden, derartig umzubilden, dass

sie aufgenommen werden können.

Ich nenne hier nur den Übergang von Eiweiss in Pepton, Amylum und

Cellulose in Zucker, Fette in Fettsäure und Glycerin, Saccharose in

Glukose und Fructose u. s. w. Meistens können diese Umsetzungen auch

durch physische und chemische Wirkungen hervorgerufen werden. So u.

a. die von Eiweiss in Pepton durch Wasserdampf unter Druck, die des

Rohrzuckers durch die Abkochung mit Säuren; jedoch sind diese Mittel

natürlich für den lebenden Organismus nicht passend. Aus dem Grunde

stehen den lebenden Wesen die Fermente zur Verfügung, sowohl den am

meisten zusammengesetzten wie den einfachsten Wesen. Bei ersteren

liegt die Fermentproduktion in bestimmten Drüsen, bei den letzteren

in dem Zellenkörper selbst. Eine kleine Menge Ferment ist im Stande,

eine scheinbar unbestimmte Quantität Stoff umzusetzen, und zwar in

solcher Weise, dass das Ferment selbst sich dabei kaum ändert. Dies

war Ursache, dass man früher das Ferment in die nämliche Klasse wie

die allereinfachsten Wesen einreihte, welche Gährung und Fäulnis

zum Vorschein rufen. Lebende Wesen, welche Gährung verursachten und

Enzyme, wurden mit dem nämlichen Namen »Ferment« bezeichnet. Schwieriger

wurde die Unterscheidung da, wo bei der Gährung zugleicherzeit Enzym

produziert wurde. Einen deutlicheren Unterschied kann man erst angeben

nach dem Studium der Gährung und der Enzym-Wirkung.

Enzyme im engeren Sinne sind chemisch aufgebaute, also unorganisierte

Körper. ~Buchner~ in Tübingen hat in der letzten Zeit Versuche mit

dem ausgepressten Saft feingeriebener Hefezellen angestellt, welcher

unter einem Drucke von 500 Atmosphären gewonnen ist. Dieser kann

unabhängig von lebenden Wesen die Gährung erwecken und erhalten.

Der Gährungsprozess muss also seiner Meinung nach nicht als eine

physiologische Funktion, sondern als ein verwickelter chemischer

Prozess betrachtet werden, welcher durch einen enzym-artigen Stoff, die

_Zymase_, hervorgerufen wird, der aber in der Natur nur in der lebenden

Hefezelle gebildet wird. Später stellte sich allerdings heraus, dass

dieser ausgepresste Saft eine sehr beschränkte Wirkung habe.

* * * * *

Pathogene Mikroorganismen können sich in bestimmten Wesen vermehren,

Krankheiten erregen und sogar den Tod verursachen. Einmal geschieht

die Vermehrung örtlich, d. h. auf oder in sehr begrenzten Teilen

des lebenden Individuums, ein anderes Mal findet man, dass sie

sich langsam im Körper oder auch ganz durch die Organe verbreiten.

Es ist also möglich, den Effekt der Infektion an einem Punkte zu

finden, ohne die Mikrobe, welche doch Ursache hiervon ist, entdecken

zu können. All diese Fälle muss man in Betracht ziehen, und sie

erleichtern die Untersuchungen nicht. Alle infektiöse Mikroben haben

eine lokale Wirkung und reagieren kräftig im lebenden Individuum.

Jetzt zweifelt man nicht mehr daran, dass solche Effekte durch die

Verbreitung aufgelöster Stoffe entstehen, welche ihren Ausgang von

der Infektionsstelle nehmen, m. a. W. »_die Infektion geht zusammen

mit einer Vergiftung_«. Auch bei denjenigen Krankheiten, wo die

pathogenen Mikroben durch den ganzen Körper verbreitet sind, wie bei

den _Septicaemieën_ der höheren Wesen, muss man die Anwesenheit solcher

Gifte annehmen. Der Unterschied liegt nur hierin, dass im letzteren

Falle das Gift einen kürzeren Weg zurückzulegen hat, um die Zellen und

Gewebe zu erreichen und anzugreifen. Warum sollte dergleichen bei der

Pflanze im allgemeinen nicht auch möglich sein? In der Erde, die sie

umgiebt, an den Wurzeln oder in denselben, in den Gefässbündeln, im

Xylem oder Phloëm, im Parenchym und an andern Stellen können doch auch

örtliche Bakterienwucherungen entstehen, welche Gifte absondern und

diese weiter führen und dann irgendwo anders das Bild der Krankheit

erzeugen. Bei der Fleckenkrankheit wird aus der grossen Menge Versuche,

welche an Pflanzen von mir gemacht worden sind, erhellen, dass es sich

hier um ein stark wirkendes Gift handelt, welches nach unmittelbarer

Wahrnehmung frei von Mikroorganismen ist, geradeso wie ein offenbar

toxischer Stoff gesunde Pflanzen vergiftet.

Dies ist nicht unmöglich und schliesst sich dem an, was vorher

behandelt worden ist. Merkwürdiger wird der Fall, wenn diese kranken

Pflanzen wieder gesunde Pflanzen, in einer grossen Reihe auf einander

folgender Versuche, befällt und da eine Infektion erregt. Man müsste

also annehmen, dass wir es hier mit einem sich vermehrenden Gifte

zu thun haben, wobei die unmittelbare oder mittelbare Wirkung der

Mikroorganismen notwendig ist.

Zwar ist z. B. ein Individuum empfänglich für Diphterie, zwar bilden

sich da örtlich die Toxine nach der Infektion und verbreiten sich von

da aus, und zwar lässt das Filtrat der Diphterie-Bouillon-Kulturen

ein zweites Individuum erkranken, aber dieses ist wegen der grossen

Abschwächung des Giftes und durch die Bildung von baktericiden Stoffen

nicht im Stande, andere Individuen zu vergiften oder zu töten.

* * * * *

Voriges Jahr erzielte ich mit Reinkulturen einer Bakterienart, der

_Rhizobium Leguminosarum_, und mit einer _Beggiatoa_ Infektion, jedoch

nicht immer.

Wenn ich eine Quantität von krankem Gewebesaft benutze, um Platten

davon anzulegen, so bringe ich doch das unbekannte Virus auf oder in

die Gelatine.

Die ganze Menge Gelatine wird gewiss die Pflanzen vergiften, also dort

Intoxikation oder Infektion entstehen lassen, denn der Gewebesaft thut

es ja.

Es scheint mir denn auch gar nicht so unmöglich, ja selbst

sehr wahrscheinlich, dass weder die Bakterienkultur, noch die

_Beggiatoa_-Art die Pflanze infiziert, sondern das anklebende Gift

oder das unbekannte, unsichtbar lebende Virus. Wenn man immer neu

geimpfte Reinkulturen gebrauchte und hiermit die Pflanzen einspritzte,

könnte man in diesem Punkte sicher gehen; dann ist das Gift oder der

unbekannte Mikroorganismus, welcher sich auf dem künstlichen Medium,

das ihm kein Nährboden ist, nicht entwickelt, zu sehr verdünnt, oder zu

viel verbreitet um immerfort Infektion oder Intoxikation hervorzurufen.

Bei der stärksten Vergrösserung unter Immersion, bemerkt man im kranken

Gewebe, im Protoplasma, schwach unregelmässig sich bewegende Teilchen,

wahrscheinlich in der _Brownsche_ Molekülarbewegung begriffen. Auch

beim gesunden Gewebe wird dies wahrgenommen, und wer wird, selbst

mit dem bewaffneten Auge, lebende Wesen von so äusserst winzigen

Dimensionen von dem körnigen Protoplasma unterscheiden können?

Es ist von Bedeutung hier noch einen Augenblick über die _Hundswut_

(_Rabies Canina_) zu sprechen. Hier hat man es mit einem für alle

warmblütigen Tiere schweren Gifte zu thun, das in der Regel mittels des

Speichels der hundswütigen Tiere übertragen wird. Meistens wird der

Hund, doch auch der Wolf, die Katze u. a. davon ergriffen.

Der Infektionsstoff befindet sich nach den Untersuchungen

~Pasteurs~ besonders im Centralnervensystem. Bis jetzt hat man noch

keine Mikroorganismen darin nachweisen können, obwohl ~Gibier~,

~Fol~, ~Babes~ und ~Cornil~ verschiedene Formen gefunden haben.

Infektionsversuche, welche hiermit angestellt wurden, blieben ohne

Erfolg. Verschiedene Forscher wie ~Golgi~, ~Germano~, ~Schaffer~,

~Giantarco~ u. a. haben ziemlich dieselben histologischen Veränderungen

im Rückenmark und dem Gehirne der angesteckten Tiere nachgewiesen.

Ausser an diesen Stellen findet sich der Infektionsstoff noch in den

grossen peripherischen Nervenstämmen und, schon einige Tage vor dem

Auftreten der Krankheitserscheinungen, im Sekret der Speicheldrüsen.

Die Infektion ist am sichersten zu erzielen durch Einspritzungen

einer Rückenmark-Emulsion der Menschen und Tiere, welche an der

Hundswut starben (subdurale Einspritzung). Eine subcutane Einspritzung

ruft nicht immer diese gefürchtete Krankheit hervor. Nach ~Helmann~

erklärt dies sich hieraus, dass bald Nerven verletzt werden, bald

wieder nicht; daher auch, dass grosse Verletzungen, welche bis in

die Muskel hineindringen, und weiter Bisse in nervenreiche Teile,

wie des Antlitzes und der Hand, besonders gefährlich sind. Nicht

unwahrscheinlich wird bei Bissen durch Kleidungsstücke hindurch

das Gift entweder nicht oder nur in geringer Menge in die Wunde

hineingebracht. Die Verbreitung des Giftes kann so schnell stattfinden,

dass das Ausbrennen der Wunden, oft kurz nach der Infektion, ohne

Erfolg bleibt. Die Krankheit offenbart sich bei Menschen selten vor

dem 15^{ten} Tag, gewöhnlich erst im Laufe des zweiten Monats, selten

nach dem dritten und ausnahmsweise erst nach dem sechsten Monat.

Zwischen dem Augenblicke der Infektion und dem Ausbrechen der Tollwut

werden die Einspritzungen nach der von ~Pasteur~ angegebenen Methode

verrichtet. Er hat das unbekannte Gift zuerst durch wiederholte

Impfungen auf Affen geschwächt, und auch durch wiederholte Impfungen

von Kaninchen auf Kaninchen, einen Krankheitsstoff von bestimmtem

Infektionsvermögen erhalten. Indem man das Gift durch eine Reihe

von, durch ~Pasteur~ ausgewählten, Tieren hindurch gehen liess, und

deren Rückenmark in einem mit Watte verschlossenen Kolben, über

Kalk aufgehängt, konservierte, erhielt man innerhalb 14 Tagen ein

einigermassen geschwächtes Material, welches Hunde nicht mehr tötete,

sondern gegen die Krankheit schützte. Hunde, welche täglich subcutan

kleine Stücke dieses Materials injiciert bekamen, das 14, 13, 12 Tage

u. s. w. bis auf einen Tag auf obige Weise getrocknet worden war,

wurden unempfindlich gegen das schwere oder ungeschwächte Gift[G].

Das Gift der Hundswut, dies muss noch erwähnt werden, kann durch Licht,

durch erhöhte Temperatur (50°-60° C.) durch Antiseptica, weiter durch

künstliche Behandlung geschwächt und vernichtet werden. Filtration des

giftigen Rückenmarks durch Gypsplatten lieferte ein Filtrat, welches

nach ~Paul Bert~ nicht mehr infizieren konnte.

Der Tabak: Studien über seine Kultur und Biologie · 第 6 / 9 段