Aus diesen Betrachtungen erhellt, welche tief eingreifende

Veränderungen bei der Gährung stattfinden. Muss man jetzt noch daran

zweifeln, dass durch die Gährung neu gebildete aromatische flüchtige

und nicht flüchtige Körper entstehen, welche dem Tabaksblatte eine

gute oder weniger gute Qualität verleihen? Die Gährung nimmt ihren

Verlauf, abhängig von den anwesenden Mikroorganismen. Sie werden einen

biologischen Prozess hervorrufen, abhängig von dem Boden, der ihnen zur

Nahrung dient. Dort, wo beide, oder eins von beiden, verschieden sind,

muss auch das Endprodukt der Wirkung verschieden sein.

Ich zweifle nicht daran, dass die Reinkulturen, welche von edeln

Tabaksarten gezogen werden, unsern einheimischen Tabak verbessern, wenn

sie auf denselben geimpft werden. Im folgenden bakteriologischen Teil

werde ich den experimentellen Beweis liefern, dass Mikroorganismen, die

Bakterien, die bedeutendste Funktion bei der Gährung erfüllen.

[Fußnote C: Siehe meine Abhandlung im »Indische Mercuur« vom 24. Juni

1899. Een critische beschouwing over ~Loew's~ theorie der »oxidizing

enzymation.«]

[Fußnote D: Siehe meine Abhandlung in »De Natuur«, Augustus

1897. »Micro-organismen en het onderzoek der lucht«.]

Bakteriologische Untersuchungen.

Die Untersuchungen der Fermentation und besonders das Suchen nach

den Bakterien, die hierbei funktionieren, sind Untersuchungen, die

viel Zeit kosten. Wenn wir bedenken, dass das Tabaksblatt nach der

Entfaltung der Knospe der Luft ausgesetzt ist und immer die Einflüsse

der Witterungszustände erfährt, wobei die an Bakterien reiche Luft

dieselben oder die Sporen der Mikroorganismen auf dessen Oberfläche

deponiert, wenn wir bedenken, dass der Staub in den Scheunen sehr reich

ist an Mikroben, dann brauchen wir uns nicht mehr zu fragen, wie es

kommt, dass beim Anlegen der bakteriologischen Kulturen so viele Arten

von Organismen gefunden werden. Um zu einem Resultate zu gelangen,

sind Hunderte von Kulturschälchen von mir angelegt worden und eben

so viele Teilungs- oder Trennungskulturen um zu entscheiden, ob die

Reinkulturen auch »rein« seien. Zuallererst suchte ich nach Hefen, doch

diese Untersuchungen erwiesen sich bald als fruchtlos. Weder die sofort

angestellten mikroskopischen Untersuchungen noch die Malzgelatine

zeigten mir das Erscheinen von Hefenarten bei dieser Fermentation. Dann

wurden Versuche mit der alkalischen Gelatine gemacht. Der ungebrühte

Tabak wird in kleine Stücke geschnitten und in gut schliessenden

gläsernen Schälchen zusammengepresst. Der also zubereitete und mit

sterilem Wasser angefeuchtete Tabak wird mit einer Bleischeibe

beschwert und mit einigen andern Schälchen in eine Glasglocke gebracht

(fig. 4, D). Ein andrer Teil des grob geschnittenen Tabaks wird in eine

Glasglocke gebracht, deren oberer Teil hermetisch an den unteren Teil

schliesst und deren Deckel obendrein noch mit einer gläsernen Röhre und

einem Hahn mit der Aussenluft correspondiert. Auch dieser Tabak ist

angefeuchtet und mittels einer Bleischeibe beschwert.

[Illustration: Fig. 4.

Versuchsanordnungen, welche die Methode, um die Aëroben und Anaëroben

zu züchten, angeben.]

Von einer Wasserstrahlluftpumpe, verbunden mit Manometer, wird die Luft

herausgesogen und Wasserstoffgas hineingebracht. Dies wird einige Male

wiederholt, um die Gewissheit zu erhalten, dass alle Luft ausgetrieben

ist, schliesslich ist und bleibt die Glocke mit Wasserstoff angefüllt,

damit die Anaëroben die Gelegenheit haben, sich zu entwickeln (fig. 4,

A). Wie die Schälchen wird auch diese Glocke in einen Brutschrank bei

40° C. gestellt. Nach Verlauf einiger Tage ist am Geruch merkbar, dass

die Gährung angefangen hat.

Die Aërobenkulturen werden wie gewöhnlich in Petri'schen Schälchen

angelegt. Ein Wenig des gährenden Tabaks wird mit sterilen

Instrumenten aus einem der Schälchen genommen, auf sterilem Papier

feingeschnitten und in flüssige alkalische Gelatine gebracht. Die

Stückchen werden tüchtig mit einer ausgeglühten Platinnadel abgerieben

und gleichmässig durch Schwenken der Röhre in derselben verteilt. Um

Verdünnungen von dieser Röhre zu machen, wird eine geringe Quantität

dieser Gelatine mittels einer Platinspirale, die in diesem Falle 50

mgr. aufnimmt, in eine zweite Röhre hineingebracht, und hiervon nach

guter Teilung eine oder mehr Spiralen in eine dritte Röhre u. s. w.

Jede Röhre wird dann in ein Kulturschälchen ausgegossen. Nach einigen

Tagen haben die Bakterien sichtbare Kolonien gebildet, mit denen man

weitere Versuche anstellen kann.

Die Anlage der Anaërobenkulturen geschieht in anderer Weise, und zwar

nach der Methode ~Liborius~ und ~Buchner~.

Im ersten Falle wird wieder der fein geschnittene Tabak aus der

mit Wasserstoff gefüllten Glocke in flüssige Gelatine gebracht und

verteilt, und hiervon werden wieder die nämlichen Verdünnungen gemacht.

In kaltem Wasser lässt man die Gelatine fest werden und nachher wird

die ganze Röhre bis zum Wattepfropfen mit steriler Gelatine angefüllt

(fig. 4, B).

Im zweiten Falle wird der Tabak aus der nämlichen Glocke in derselben

Weise in die Gelatine-Röhre hineingebracht und werden gleichfalls

Verdünnungen angelegt. Nachdem die Gelatine fest geworden ist, wird

der Wattepfropfen fast bis zum Gelatine-niveau geschoben und nachdem

der obere Teil der Röhre mit einem Diamanten abgeschnitten worden ist,

wird diese kurze Röhre in eine weite Reagirröhre auf ein sich dort

befindendes kleines Stück Metallgaze gebracht (fig. 4, C). In diese

grosse Röhre ist unter das Drahtnetz, welches der Kulturröhre zum

Ruhepunkt dient, 2 Gramm Pyrogallol gebracht. Wenn dies alles fertig

ist, lässt man mit einer Pipette 10 cm^3 von einer 1 % KOH-lösung in

die weite Röhre hinein fliessen und schliesst dann sofort die Röhre

mit einem gut schliessenden Kautschukstöpsel, der obendrein noch mit

Paraffin umgeben wird.

Nach beiden Methoden gelangen die Anaëroben zum Wachstum und bilden,

obgleich langsam, gut sichtbare Koloniën. Damit man hiervon Impfungen

machen kann, wird die Gelatineröhre an denjenigen Stellen mit einem

Diamanten durchschnitten, an denen man die Kolonien mit einer Nadel

erreichen kann. Auch diese Impfungen, Strich- oder Stichkulturen,

geschehen derartig, dass entweder durch das Aufgiessen von Gelatine

oder in der genannten Weise mit alkalischer Pyrogallollösung die

Anaëroben sich in dem sauerstofffreien Raum entwickeln können. Auf

diese Weise habe ich eine Anzahl Versuche gemacht, und als sich ergab,

dass die Anaëroben fakultative Anaëroben waren, wurden die Versuche

mit der alkalischen Gelatine in Petri'schen Schälchen fortgesetzt. In

der Zwischenzeit, im Winter von 96-97, wurde mir, wie beschrieben ist,

durch chemische Analyse bekannt, welche Stoffe bei der Fermentation

angegriffen wurden. Damals ist der Nährboden, wie folgt, von mir

geändert worden:

alkalische Gelatine (Koch) 100

Kalium-nitrat 0.2

Asparagin 0.1

Glycerin 1.5

Glucose 0.5

Nicotin Spuren.

Auf diesem Boden entwickeln die Kolonien sich schneller und in grosser

Menge. Ein Beweis, wie nützlich es ist, eine Untersuchung, welche

ursprünglich nur die Gährung betraf, auf ein völliges Studium des

Tabaks auszudehnen.

Bei der Untersuchung der Platten zeigen sich noch eine Menge

Schwierigkeiten, welche zu Irrtum Veranlassung geben könnten. Sehr

verführerisch scheinen die Verdünnungsplatten, auf denen sich 10

oder 20 Kolonien zeigen, die makroskopisch gleich aussehen und

doch nicht bei der Gährung funktionieren: ich betrachte dieselben

entweder als zufällige örtliche Verunreinigungen in dem gährenden

Tabak, oder als Kolonien, welche durch Teilung einer Bakterienkette

während der mechanischen Behandlung beim Anlegen der Kulturen

entstehen. Im ersteren Falle finden sich doch im gährenden Tabak die

Lebensbedingungen für eine bestimmte Bakterienart; es ist dort, dass

sie örtlich zur Entwicklung und Vermehrung kommen.

Dergleichen Erscheinungen beim Anlegen der Kulturen erschweren die

Untersuchungen. Auch später fand ich bei den Untersuchungen der

lebenden Blätter, dass ihre Oberfläche durch das Wachstum bestimmter

Bakterienarten eingenommen wird (~Rhizobium Frank~ u. a.). Auch hier

scheint also auf der Blattoberfläche der Kampf ums Dasein zu bestehen.

Nicht selten gelang es mir, von den Blättern die nämlichen Arten zu

isolieren. Der Gebrauch starker Verdünnungen ist bei Untersuchungen

wie diese Hauptsache. Ein Quantum gährenden Tabaks, welches noch

nicht die Oberfläche von einem Gulden einnahm, brachte in einzelnen

Fällen tausende Kolonien zur Entwicklung. In einem zuerst angelegten

Petri-Schälchen berechnete ich einmal 40.000 Kolonien, ein Beweis, dass

Verdünnung das angezeigte Mittel ist, Ordnung in das Chaos zu bringen.

Von dem Tabak, welcher in den Schälchen und in der Glocke zum

Gähren gebracht wurde, wurden einmal die Woche, neun Wochen lang,

die Kulturen angelegt. Dadurch, dass eine grosse Menge Platten auf

diese Weise untersucht wurden, war es nicht schwer, diejenigen

Kolonien zu isolieren, welche schon in grosser Masse anwesend waren.

Besonders in den ersten Wochen zeigten sie sich in wachsender Anzahl

und verursachten deshalb nicht selten, dass die Platten ganz sich

verflüssigten, ungeachtet der starken Verdünnungen, auf die man soviel

Sorgfalt verwendet hatte. In derselben eben beschriebenen Weise wurden

in Wageningen die Kulturen angelegt.

* * * * *

Fast nie fehlte der _B. mycoides_ und der _B. subtilis_; beide sind

streng aërobe Bakterien. Ersterer bildet NH_{3} aus Eiweiss, doch lebt

nur in O-haltigen Räumen, der zweite könnte gleichfalls bei der Gährung

die Rolle spielen, dass er daran mitarbeitet dem Haufen die nötige

Temperatur zu geben. Der _B. subtilis_, der nach ~Cohn~ die Brühung des

Heus und des Stalldüngers verursacht, könnte gleichfalls in dem bereit

stehenden Haufen den noch anwesenden freien O verbrauchen.

Wenn also in dieser Weise die Lebensbedingungen auch für die Anaëroben

geschaffen werden, wird sich die Temperatur durch die biologischen

Prozesse der Mikroben zu jener Höhe steigern, die im gährenden Haufen

beobachtet wurde. Jedoch muss hier wieder bemerkt werden, dass immer

fakultative Anaëroben aus den Kulturen von mir isoliert worden sind,

die also zusammen mit dem _Mycoides_ und _Subtilis_ erst den Sauerstoff

verbrauchen, um später getrennt von diesen letzeren Mikroben, welche

streng aërob sind, ihre Lebensfunktionen fortzusetzen. Durch den

Einfluss dieser fakultativen Anaëroben bekommt der Tabak sein Arom,

insofern wir bei unserm holländischen Tabak davon reden können.

Bei der Fermentation haben wir also zu thun mit Zersetzungen,

nicht hervorgerufen durch chemische Agentien, sondern durch einige

Mikroorganismen. Dass die von mir isolierten Mikroben eine entschiedene

Wirkung ausüben, stimmt mit meinen letzten Untersuchungen, die noch im

Monat September des Jahres 1897 gemacht worden sind, überein. Alsdann

ist es mir gelungen, als ich nach der Ursache der Mosaikkrankheit

suchte, von der Epidermis der lebenden Blätter, Bakterien zu isolieren,

welche denjenigen, die ich in grosser Zahl aus dem gährenden Haufen

in Kultur brachte, völlig glichen. Sie fanden sich auf jenen Blättern

nicht als latente Mikroben, als Sporen, sondern in vegetativen Formen

als »Örtliche Kulturen«. Hierdurch auch zeigten meine Kulturplatten

jenen Reichtum, nicht an Arten, sondern an »Reinkulturen«. Die

Bakterien, die ich im Allgemeinen im gährenden Tabak fand, sind,

ausser den genannten _Mycoides_ und _Subtilis_, Mikroben, welche ich

in »Flügges« System in die Gruppe der _Subtilis_ und _Proteus_ bringe.

In Figur 5, I-V sind deren Kulturen, in Gelatine, auf Agar und

Kartoffel wiedergegeben, ebenso die Form der Bakterien und der

Kolonien in den verschiedenen Stadien ihrer Entwicklung. Ich nenne die

funktionierenden Bakterien: _Bacillus Tabaci I_, _II_, u. s. w.

Wie die Figur zeigt, haben die Gelatine-Stichkulturen I_a_ und IV_c_

nebst VI_a_ mit B. anthracis (zur Vergleichung) grosse Ähnlichkeit;

gleichfalls die Kulturen auf Kartoffel von I_c_ und II_c_, wobei

erstere hell rosa und feinkörnig, letztere milchweiss und schwer

gefaltet ist. Weiter zeigen die Strichkulturen auf Gelatine von IV_b_

und V_a_ Übereinkunft in den Ausläufern, welche federartig sind; bei

IV_b_ liegen sie auf der Gelatine und durchdringen dieselbe, bei V_a_

liegen sie besonders regelmässig nur auf der Gelatine. Alle von I-V

sind Stäbchen oder _Bacillen_. Von den Eigenschaften der Kulturen I,

II und IV nenne ich die Bildung von NH_{2} aus Eiweiss. Ebenso wie der

_B. Mycoides_, ist der _B. Tabaci I_, _II_ und _IV_ im Stande, die

Eiweisse, Peptone und den sterilen Tabak derartig zu zersetzen, dass

NH_{3} entsteht. --Es sind Aëroben.--

[Illustration: Fig. 5. (I-V) Reinkulturen der Bakterien, welche

allgemein in gährendem Tabak angetroffen werden und wobei die _B. T.

I_ und _III_ die Hauptrolle spielen. VI zur Vergleichung _Bacillus

anthracis_.]

Der _B. Tabaci III_ bewirkt den neutralen Verlauf der Gährung;

dabei wächst er anaërob, doch ist selbst eine fakultativ

anaërobe Bakterie. Er besitzt jedoch unter ihren verwandten

Formen »Eiweissfermente« und »Saprophyten der Fäulnis«; er bildet weiter

2 Sporen (?) in einem etwas gekrümmten Stäbchen (III), ist nicht

beweglich, bildet kein Indol, macht Löfflersche Bouillon trübe, und

bildet ein dünnes Häutchen an der Oberfläche. Er verflüssigt die

Gelatine, giebt einen dünnen, matt ausgebreiteten Niederschlag auf Agar

und eine rahmartige, dicke nicht gefaltete Kultur auf Kartoffel. Dieser

_B. Tabaci III_ muss in die Gruppe des _Subtilis_ untergebracht

werden.

Der _B. T. IV_ gehört wie der _B. T. I._ zu der Gruppe des »Proteus« und

ich betrachte sie als sehr nahe verwandt mit dem _B. Proteus Zopfii_.

Die Entstehung der Kolonien auf und in alkalischer Gelatine ist sehr

eigentümlich. In der Figur ist IV_e_ und IV_g_ die Kolonie, welche an

der Oberfläche, IV_ff_ dieselbe welche in Gelatine wächst.

Ursprünglich ist diese letztere hellblau von Farbe und geht allmählich

in hellgrün über. Es besteht also in diesem Wachstum, mikroskopisch

betrachtet, eine Ähnlichkeit mit dem _B. Mycoides_, jedoch bildet _B.

T. IV_ keine Sporen. Die Kolonie wächst anaërob sehr schwach.

Von der ursprünglich gebildeten Kolonie IV_e_ strahlen Bakterienfäden

in allen Richtungen aus. An bestimmten Punkten entstehen

Tochterkolonien, welche wiederum Fäden aussenden, um neue Kolonien zu

bilden, wie IV_f_, _g_ zeigt. Auch bei _B. anthracis_ wird bekanntlich

eine derartige Erscheinung beobachtet, VI_b_.

Höchst wahrscheinlich spielt der verwandte _B. Tabaci V_ auch eine

Rolle bei der Gährung. In einer grossen Anzahl Platten habe ich ihn

gefunden; auch er ist, ebenso wie _B. T. IV_, schwach anaërob und

stimmt in vielen Eigenschaften mit diesem überein.

Das Wachstum der Kolonie in der Gelatine zeigt die nämliche Erscheinung

wie beim _B. T. IV_. In Unmasse entstehen um die ursprünglich gebildete

Kolonie Tochterkolonien, V_c_. Durch eine chemotactische Wirkung des

noch unverbrauchten Nährbodens entsteht die concentrische Anordnung der

Tochterkolonien, die alle einem einzigen Bakterienfaden, der von der

Mutterkolonie radial austritt, ihre Entstehung verdanken.

In groben Zügen ist dies die Beschreibung der Mikroben, welche

die Gährung unseres Tabaks verursachen. Später komme ich hierauf

ausführlich zurück.

Die Erscheinung, dass der Betuwer Tabak weniger NH_{3} bildet, muss

höchstwahrscheinlich der geringen Anwesenheit des _B. T. I_, _II_,

_IV_ oder _V_ zugeschrieben werden, da der _B. Mycoides_ allgemein

verbreitet ist. Wenn der Betuwer Tabak künstlich mit _B. T. I_, _II_,

_IV_ oder _V_ geimpft wird, entsteht im Anfange der Gährung reichlich

NH_{3}.

Es zeigte sich in den Jahren 1894 und 96 (Tabak von 94 und 96), dass

das Erd- und Sandgut nicht brühen wollte, während das Bestgut, welches

zuletzt gepflückt worden war, sich nicht so hartnäckig erwies. Es

muss hierfür eine Ursache vorhanden sein. Es fiel mir auf, als ich

in den Monaten August und September des Jahres 1897 die lebenden

Blätter untersuchte, dass der _B. T. I_, _IV_ und _V_ fast immer von

mir gefunden wurden, während ich sie nicht auf den jungen Blättern im

regnerischen Monat Juni fand.

Alle Bakterien, welche auf die Blätter fallen, kommen von der

Erdoberfläche und werden durch Luftströme darauf gebracht. Im Anschluss

an meine Untersuchungen der Luft, die ich früher mitgeteilt habe,

ist die Luft am ärmsten an Keimen, wenn der Boden nass ist. Desshalb

vermute ich, dass die regnerischen Sommer von 94 und 96 einen nicht

geringen Anteil an dem trägen Verlauf der genannten Gährung gehabt

haben. Die Tabakspflanzer und Fermentierer sollten künftighin

darauf achten. Das Bestgut, welches länger der Luft ausgesetzt war,

hat auch besser Gelegenheit gehabt, während der verschiedensten

Witterungszustände mehr Bakterien auf seinen Blättern festzuhalten.

Hiermit am Ende dieser Arbeit, habe ich Veluwer Tabak von einer

Sorte in gläsernen Schälchen sterilisiert, mit den Kulturen _B. T.

I_, _II_, _III_, _IV_, _I_ + _II_, _I_ + _III_ u. s. w. geimpft, mit

einer Bleischeibe beschwert und langsam auf eine Temperatur von 40° C.

gebracht. Die Gährung habe ich reichlich 6 Wochen ihren Verlauf nehmen

lassen und dann gehemmt. Die Reaktion wurde stets kontrolliert und in

Übereinstimmung gefunden mit dem, was schon beschrieben worden ist.

Dann habe ich unparteiisch diesen Tabak von erfahrenen Händlern und

Züchtern beurteilen lassen, mit dem Erfolge, dass alle, nl. die Herren

~A. Herschel~ in Amersfoort, ~H. de Hartog~ und ~v. Druijnen~ in

Wageningen, ~Gijsberts Jr.~, in Valburg und ~N. v. Os Fz.~ in Amerongen

ohne Zaudern denjenigen Tabak erwählten, welcher geimpft war mit _B.

Tabaci I_ + _III_, während ein alter Arbeiter der Impfung mit _B. T.

IV_ den Vorzug gab und nach dieser gleichfalls die Impfung mit _B. T.

I_ + _III_ als die beste angab.

Durch die Impfung mit der Reinkultur von _Bacillus Tabaci I_ + _III_

erhält der Tabak ein angenehmes, honigsüsses Aroma. Die Zukunft wird

zeigen, wie die Gährung unseres Tabaks verlaufen wird, wenn ich diesen

mit den Reinkulturen impfe, welche ich aus unserm indischen und dem

Havanna-Tabak isolieren werde. Von der Versuchsstation in Buitenzorg

erwarte ich eine Sendung ungebrühten Tabaks edler Arten, und dann

hoffe ich später das Resultat dieser Untersuchungen mitzuteilen. Ebenso

nehme ich mir vor, _nicht-sterilisierten_ Tabak mit Reinkulturen zu

impfen.

Krankheiten.

Von einer grossen Zahl Mikroorganismen ist bewiesen worden, dass sie

Tier und Pflanze zu infizieren vermögen. Ebenso wie der künstlich

präparierte Nährboden sie zur Entwicklung bringen kann, kann das

lebende Wesen, sei es Tier oder Pflanze, solches thun. In beiden Fällen

wachsen und vermehren sie sich auf Kosten der angebotenen Nahrung; im

erstern Falle wird die tote Materie, der Nährboden, im zweiten Falle

werden das Gewebe und die Säfte des lebenden Organismus durch ihr

Wachstum geändert. Die Änderungen, welche Tier und Pflanze, im ganzen

genommen, hier zeigen, treten hervor als »_Krankheitserscheinungen_«.

Man nennt die Mikroorganismen Parasiten, wenn sie sich in oder auf dem

lebenden Organismus entwickeln und vermehren, Saprophyten wenn sie auf

totem, organischem Stoff leben.

Die Sporen vieler Fungi, Hefen und Bakterien, und auch die nicht

Sporenbildenden Formen, können die Gesundheit von Tier und Pflanze also

bedrohen und sogar den Tod verursachen, aber die lebenden Wesen sind

nicht alle gleich empfindlich für dieselben pathogenen Mikroben.

Meerschweinchen und Kaninchen sind sehr empfindlich für Tuberkulose,

weniger ist dies der Fall mit den Feldmäusen, Katzen, weissen Mäusen,

Ratten und Hunden, während die kaltblütigen Tiere dem Bacillus

tuberculosis gegenüber sogar immun sind (Koch).

Die natürliche und künstliche Immunität kann auf verschiedene Weisen

entstehen oder erhalten werden.

In den jüngsten Jahren hat sich herausgestellt, dass, die schon längst

bekannte parasitäre Wucherung der höheren Fungi ausgenommen, auch die

Bakterien Krankheiten unter den Pflanzen verursachen (_Migula_, _Ludwig

Russell_, _Heintz_ u. a.), und es würde mich nicht Wunder nehmen,

wenn durch die eigentümliche Nahrung (Düngung) unserer Tabakspflanze,

wodurch die Gewebe und Säfte einen gewissen Reichtum an bestimmten

anorganischen und organischen Salzen erhalten, diese Pflanze, der

nachher näher zu beschreibenden Ursache der Mosaikkrankheit gegenüber,

nicht so »immunisiert« wäre, wie andere. Verwandte der Familie der

_Solanaceae_ sind dem das Tabaksblatt krankmachenden Gewebesaft der

Tabakspflanze, welche an Fleckkrankheit leidet, gegenüber immun.

Von Pflanzenkrankheiten, die durch Bacterien verursacht werden, sind

schon bekannt und beschrieben:

1^o der Pear-blight und Apple-blight der Amerikaner,

2^o der Hirsebrand,

3^o die Bakterienkrankheit des Mais,

4^o der Rotz der Hyazinthen,

5^o die Nassfäule der Kartoffeln,

6^o die Gallenkrankheit der Aleppokiefer,

7^o die Gallenkrankheit der Oliven,

8^o der gelbe Rotz der Hyazinthen,

9^o die Bakteriosis der Weintrauben,

10^o die Bakteriosis der Zuckerrüben.

~Flügge~ giebt diese Namen (1-9) in seinem »Mikroorganismen« Bd. I, pg. 418.

* * * * *

Die Folge der Infektion ist bei der Pflanze meistens eine

Zellendegeneration, Wucherung oder Sekretion. Sehr wenig

Pflanzenvarietäten sind empfänglich für den nämlichen infizierenden

Stoff, die meisten sind immun.

Meistens hat man hier die natürliche Immunität in dem Bau der Gewebe

zu suchen. Viele Arten von Birnbäumen, welche bei der natürlichen

Infection den Geschlechtsorganen entlang resistent sind, können nach

Injection in das parenchymatöse Gewebe ebenso gut infiziert werden

mit dem _Bacillus Amylovorus_ wie die empfindlichen Arten. Durch die

mehr oder weniger grosse Festigkeit der Zellenwände wird der Lauf des

Infektionsstoffes durch die Pflanzengewebe beherrscht, daher, dass die

jüngsten Sprossen bei den Pflanzen die empfindlichsten Teile für die

Verbreitung der Krankheit sind (Mosaikkrankheit).

Viele Mikroorganismen weiterhin können sich nicht den sauren Zellensaft

entwickeln, während andere darin wohl gedeihen. Bis jetzt ist es

aber nicht gelungen, im Pflanzengewebe einen mikrobiciden Stoff zu

finden, so wie das »Alexin« von ~Buchner~ im tierischen Organismus.

Nährversuche, Chlornatrium- und Sulfatinjektionen von mir an gesunden

Tabakspflanzen gemacht, werden vielleicht lehren, ob es möglich ist,

einen alexin-artigen Stoff aufzufinden oder zu verstärken, welcher

den Bakterien der Fleckkrankheit gegenüber baktericide Eigenschaften

besitzt.

Eine specifische Immunität, welche nach Heilung einer

Infektionskrankheit erhalten werden kann, ist bei der Pflanze noch

nicht beobachtet worden. Ein ganzes Feld bietet sich hier der Forschung

dar.

* * * * *

Als ich im Sommer 1897 nach der Ursache der Fleckkrankheit bei unserm

Tabak suchte, brauchten meine hierzu verwendeten Pflänzchen noch einige

Wochen um sich kräftig zu entwickeln. In jener Zwischenzeit wurde

der »Rost« des Sumatra-Tabaks mikroskopisch von mir untersucht. Dass das

unerwünschte Hervortreten dieser Flecken bei jenem Tabak nicht ohne

Wichtigkeit ist, ergiebt sich aus dem Wert der von mir empfangenen

Blätter, der von _f_ 0.35 bis _f_ 0.40 per lb betrug, während bei

Abwesenheit dieser zahlreichen grösseren und kleineren Flecken der Wert

mit _f_ 4.--bis _f_ 4.50 angegeben wird.

Der Tabak: Studien über seine Kultur und Biologie · 第 2 / 9 段