Film vom Selbstmord eines Knaben

1.

Ein Junge flieht an einem Novembermorgen, zur Schulstunde, aus dem

Elternhause und fährt nach Le Havre. Dort mietet er ein Zimmer im Hotel

Bellevue und legt auf den Nachttisch seine einzige Bagage: die Werke von

Boileau und André Chénier. Den ganzen Tag verbringt er am Hafen und

sucht ein Schiff nach Kanada. „Land des Nordens, Land in Schnee und

Reinheit,“ schreibt er in einem Gedicht. Aber die Fahrt kostet 1200

Francs, er hat nur 700. Er schlägt der Schiffahrtsgesellschaft vor, ihn

als Elektromechaniker zu dingen: aber diese nimmt nur englisches

Personal auf. Der Traum der Realität zerrinnt. Kanada oder nichts. Die

Erde schrumpft zu einer Marmel zusammen. Wohin? Schon sind alle Land-

und Meerstraßen verschüttet. Das letzte Schlupfloch ist Paris. Am

nächsten Morgen landet er wieder im Bahnhof St. Lazare.

2.

Am 27. November bringen sämtliche Zeitungen diese Notiz:

Gestern trug Herr Léon Daudet, der Abgeordnete und Chefredakteur der

„Action Française“, seinen fünfzehnjährigen Sohn zu Grabe, der nach

kurzer Krankheit verschied. Der Zeremonie wohnten mehrere Minister,

Generäle, Akademiker und sämtliche Camelots du roi von Paris bei ...

3.

Am Sonntag darauf veröffentlicht „Le Libertaire“ einen Hymnus auf den

unglückseligen „Compagnon“ Philipp Daudet, der ein glühender Anarchist

gewesen sei, bringt Briefe desselben an den Herausgeber und erzählt

folgende Geschehnisse: In der Woche zuvor war ein junger Mensch, der

seine Identität verschwieg, auf die Redaktion gekommen und hatte

gebeten, man möge ihm eine Mission geben. Er müsse etwas für die

anarchistische Sache tun! Solle er in ein Polizeibüro treten und dort

einige Kerle niederknallen oder in einem Dancing einigen Tänzern

Todessprünge beibringen. Was wäre besser? Oder solle er Léon Daudet

ermorden?

4.

Dieser junge Mensch war Philippe Daudet.

Später übergab er dort einen Abschiedsbrief an seine Mutter, den die

„Compagnons“ absenden sollten, wenn etwas „passierte“.

5.

Am gleichen Nachmittage passierte es, daß ein junger unbekannter Mann in

einem Taxi, dem er als Adresse den Zirkus Médrano zugerufen hatte, sich

eine Kugel ins Hirn schoß und starb.

6.

Der Vater vertuscht die „Schande“ und trägt unter Blumen den verlorenen

Sohn durch ganz Paris.

7.

Der „Libertaire“ sprengt die Königsbastion.

Die Frage allein enthält die unzweideutige Antwort.

_Philippe hat in seinem Fleisch den Vater ermordet._ Ein junger

sensibler Knabe hält es in der politischen Lügenatmosphäre des Vaters

nicht aus, will in Neuland fliehen, und, da der Ozean ihn zurückweist,

wirft er sich aus Opposition dem Feind in die Arme. Denn der

„Libertaire“ ist der Feind seiner Rasse.

8.

Daudet, statt vor dem mächtigeren Feind: dem Tod zu kapitulieren, reißt

das Grab seines Kindes auf und zeiht die Anarchisten mörderischen

Anschlags. Die Justiz wird in Bewegung gesetzt. Die Söldner Poincarés

und Daudets finden absolut nichts in den Gewissen und Gesten der

Anarchisten. Umsonst schreien die Camelots du roi, drohen, rasen.

9.

Als Antwort druckt der „Libertaire“ neun Gedichte in Prosa des jungen

Philippe, der sich als genialer Weltsucher offenbart. Ein Kind von

fünfzehn Jahren nahm sein Schicksal in die Hand und floh aus seiner

Familie. Nur dies! Es brauchten nicht einmal die Daudets zu sein.

Unwillkürlich denkt man an das andere Dichterkind Rimbaud, das seine

Lebensqual nach Belgien trug, nach Afrika, in eine Wildnis, abseits von

Mensch und Literatur. Diese mit Gottheit Geladenen explodieren irgend

einmal. Den bourbonischen Vater überspringend fand der unglückselige

Enkel zu Alphonse Daudet zurück, dem gütigen Großvater der „Petit Chose“

und „Tartarin“ ...

10.

Philippes Tod bleibt dennoch ein Geheimnis für alle. Später beschuldigt

der Vater die Pariser Polizei, den Mord angezettelt zu haben. Monate,

Jahre lang wird hin- und hergeredet. Diese Morde sind ein schlimmes

Zeichen für ein Regime! Die phrygische Mütze der Republik schleift im

Kot. Die Wahrheit kennt niemand ...

Doch heute wird Philippe, knapp einen Monat vor Germaines Prozeß, zum

Märtyrer der Anarchie, der er fehlte. Einer aus dem Hause Daudet!

(Shakespeare.) Schleier der Melancholie weben um die Wirklichkeit, die

sich in wenigen Jahren zum zartesten Märchen verdichten wird. Unser

Jahrhundert, wie einst die große Antike, schafft sich ihre eigne

Mythologie. Für den blutigen Verleumder der Guten zahlt ein bis zur

Verzweiflung niedergeduckter Vater.

Germaine liebt diesen Philippe. Er ist ihr Bruder im Leid geworden. Sie

zeichnet im Gefängnis sein Bild. Er ist der Bräutigam ihrer Einsamkeit,

der fünfzehnjährige Gast ihrer Gesinnung. Und: er wird keiner

menschlichen Schwäche mehr anheimfallen, er ist heilig, weil er tot ist.

Am letzten Tage vor ihrem Urteilsspruch, der ein schrecklicher, langer

Sonntag ist, hält sie Philippes Photographie wie ihren einzigen Talisman

in Händen, drückt sie an die Lippen und murmelt: „Schütze du mich gegen

deinen Vater, frühgefallener Märtyrer du!“

Ein Jahr später, wenn sie der neuerlangten Freiheit unter den billigen

Menschen schon wieder müde ist, sie, die nur im Kampf und im Schmerz

Selige, wird sie zur Nonne seines Gedächtnisses. Sie trägt das Bild des

Knaben mit sich. Sie herzt ihn im Traum. Und sie bildet es sich so fest

ein, daß sie es nun glaubt, seine Braut gewesen zu sein. Es gibt wieder

Nonnen und Heilige, oh, ihr tauben Schieber dieser Zeit! Am 1. November

1924 wird Germaine Berton bewußtlos in der kleinen Kirche Notre Dame de

Lourdes aufgefunden. Es ist Allerseelen: der graue Tag, an dem die

Bürger in den Friedhöfen ihrer Dummheit spazieren laufen. Der Tag ohne

Musik, an dem der Selbstmord einzige Freiheit. Von Kirche zu Kirche, von

Kapelle zu Kapelle ist Germaine den ganzen Nebeltag geirrt, um einen

Gott, Trost und Ruhe zu suchen, sie ist hingekniet vor vielen lächelnden

und wurmstichigen Marien, sie hat ihre Kleider mit dem faden Parfüm des

Weihrauchs durchtränkt und gebetet. Und im grauen Friedhof

Père-Lachaise, in dem die Toten hart auf Stein liegen, nicht weich an

der Erde Brust, unter den Nebelbäumen hat sie gestanden an Philippes

Grab und hat gemeint sterben zu müssen vor Leid und Ekstase.

Und dies alles war kein Irrwandel: der Glaube war wirklicher als die

Realität. Sie schrieb einen Brief an Philippes Mutter, an die Mutter, in

dem sie ihr mitteilte, sie sterbe aus Gram an Philippes Tode ... Sie

empfinde keine Schuld dafür, daß sie den Jungen in ihren Armen gehalten

und geliebt habe ... „Verzeihen Sie mir, Madame, denn wenn Philippe für

mich gestorben ist, gebe ich mir heute den Tod für ihn.“

Man fand sie bewußtlos auf den Dielen der Kirche. Unweit von ihr lag ein

korsisches Messer. Aber sie hatte sich nichts angetan. Man führte sie

ins Krankenhaus, ohne zu entdecken, um wen es sich handelte ... Sie

hatte ihren Tod tief erlebt. Aber sie starb nicht daran.

* * * * *

Dann die Linkspartei: Nun kommen die wahren Männer der Republik, und ihr

einziges Ziel ist, aus dieser Affäre Berton eine Revision des

Jaurès-Prozesses zu machen. Jaurès ist das Stichwort. Jaurès ist die

Klage, mittels deren die ganze Anklage immun wird.

Publizisten, Advokaten, Schriftsteller, Abgeordnete, Generäle, Minister

treten mit erhobener Hand vor und nehmen die Angeklagte vor der Justiz,

vor der Weltgeschichte und vor ihr selber in Schutz. Die bekanntesten

Gesichter des echten, des ewigen Paris treten auf und geben der Welt

eine voltairische Lektion. Es quellen die pathetischen Worte aus ihrem

Munde, wie man sie aus der Zeit Victor Hugos und Zolas kennt, aber mit

dem Klang des vollen Herzens. Kommt es ihnen auf die Wahrheit oder auf

den Geist an? Ein Mädchen sitzt da, eine Vision Frankreichs, das gilt es

zu retten.

Jaurès! Jaurès! klingt es durch den Saal, öfter wie Berton! Berton! Der

Nationalheld ist erschossen worden und sein Mörder Villain

freigesprochen. Das ist die These. Und da stehen sie, die Freunde, die

Mitarbeiter, die Jünger Jaurès, und fordern ein republikanisches Urteil.

Es ist nur noch ein politischer Prozeß. Die Daudet-Leute werden mit

ihren eigenen Explosivstoffen gesprengt. Sie haben den Gewaltakt

gepredigt und haben den Gewaltakt in ihrem eigenen Blut erfahren. Sie

haben sich nicht zu beklagen: „Wer durch das Schwert gesündigt hat, wird

durch das Schwert umkommen ...“

Jaurès! ruft der Sozialistenführer Léon Blum, dessen zugetanster Freund,

und erinnert, daß die Witwe und die Freunde des Tribunen die Gnade

seines Mörders verlangt haben, denn Rache heische nur Rache, und Jaurès

selber hätte nie zugegeben, daß sein Leben mit einem anderen bezahlt

würde. „Unsere einzige Rache an Villain sollte sein, daß er seine

Tollheit einsähe und daß sein Gewissen ihn zerfräße.“ Und in der Tat hat

sich dieser nach seiner Freisprechung nicht selber das Leben genommen?

„Jaurès!“ ruft Jean Longuet, tränenerstickt: „mit ihm unternahm ich die

letzte Brüsseler Fahrt, wo der letzte Versuch gemacht wurde, den

europäischen Frieden zu retten. Ich warnte Jaurès davor, sich in

dasselbe Restaurant zu setzen, in dem Daudet und Maurras verkehrten.

Hatte nicht letzterer acht Tage zuvor in der „Action Française“

öffentlich den Tod des Tribunen provoziert, indem er schrieb: ‚Gegen

diese moralische Fäulnis kann nur das Eisen noch helfen!‘ Und wirklich,

unser Freund erlag.“

„Jaurès!“ ruft Marcel Cachin, der Chef der Kommunisten und erinnert, wie

oft den edlen „Camelots du roi“ seine eigene Ermordung aufgetragen

wurde, unter denen sich aber kein Charakter fand wie die Germaine

Berton.

„Jaurès!“ ruft der sanfte Georges Pioch, der dicke Mann, der die Güte

selbst personifiziert, der auf allen Meetings, allen Gedenkfeiern und

allen Faubourgs und Vorstädten eine lächelnde Revolution predigt.

Und da kommen die altgedienten Republikaner alle, die im Dienst für

Frieden und Menschenrecht graugewordenen Intellektuellen, die alle seit

mehr als zwanzig Jahren den blutheischenden Zorn Daudets und seiner

Königsclique ertragen.

Da ist der zweiundachtzigjährige Ferdinand Buisson, der Präsident der

Liga für Menschenrechte, und sein zweites Wort ist „Jaurès!“

Da ist der Theoretiker der anarchistischen Lehre und Shaw-Übersetzer

Augustin Hamon, da ist Urbain Gohier, den seit dem Dreyfus-Prozeß die

Royalisten aus tiefstem antisemitischem Haß durch Verleumdung und Lüge

aus dem Weg zu räumen suchten: „Hätte ich zwei Pistolen in der Tasche

gehabt und die „Action Française“ gesäubert, ich wäre bestimmt

freigesprochen worden,“ sagt er. Da ist Ernest Judet, der frühere

Herausgeber des „Eclair“, soeben erst aus sechsjähriger Verbannung in

der Schweiz heimgekehrt – lauter alte Männer, und alle bedauern nur, den

Mut der Germaine Berton nicht aufgebracht zu haben.

Da sind der Exminister Violette, der Caillaux-Verteidiger Marius Moutet,

der bekannte Pazifist Marc Sangnier, die ersten Opfer der faschistischen

Gewaltakte der Action Française, die eines Abends, als sie sich in eine

Versammlung der Salle des Sociétés Savantes begeben wollten, mit

Knüppeln von der Daudetbande traktiert wurden.

Da ist der Hauptmann Fontanie und beichtet: „Als ich von der Tat der

Berton hörte, war ich tief geknickt, weil ich mich oftmals während des

Krieges selber gefragt hatte, ob ich Léon Daudet nicht erschießen müßte.

Wir sollten republikanische Propagandaschriften in die deutschen

Schützengräben schmuggeln, aber währenddessen bereiteten andere in Paris

die Monarchie vor. Ich habe Daudet nicht getötet, weil ich aus ihm

keinen Märtyrer machen wollte, aber daß die Berton es getan, verstehe

ich vollkommen.“

Da ist sogar der Kriegsminister Lefèvre, dessen Objektivität einer

Verteidigung Germaines gleichkommt (denn alle hielten ihn für einen

Helfershelfer Daudets). Da ist der General Sarrail, der Verteidiger von

Saloniki, und ruft seinerseits „Jaurès!“

Und da ist Pierre Hamp, der sozial-lyrische Dichter der Arbeit, der in

einer großen Fuge „La Peine des hommes“ die Schönheit und die

Schrecklichkeit der alltäglichen Fron schildert, einem Werk, das den

Naturalismus Zolas auf statistischer Basis ausbaut und die Technik des

Jahrhunderts mit Menschlichkeit anfüllt. Hamp entrückt das Bild

Germaines in die Geschichte und vergleicht sie mit Charlotte Corday, der

sie über hundertdreißig Jahre Distanz die schwesterliche Hand reichen

darf. Die passionierte Corday hatte Plutarch und Rousseau gelesen und

handelte für das republikanische Ideal. Germaine Berton hatte Zola und

Tolstoi gelesen und tötete im Namen des Proletariats. Zwei parallele

Taten: beide erschlagen das Monstrum, das ihnen als Symbol für die

Qualen ihrer Zeit erscheint: Marat und Léon Daudet. Marat war zu seiner

Zeit sehr beliebt und doch ereignete es sich, daß sich sein Gesicht im

Abstand der Zeit in eine Fratze verwandelte, während sich die Gestalt

der Charlotte Corday vergeistigte. Dichter wie André Chénier besangen

sie und Lamartine nannte sie „L’ange de l’assassinat“. Welche Hymnen

werden noch auf Germaine Berton geschrieben werden?

Und von diesem Dichter Pierre Hamp liest dann der Verteidiger einen

blendenden Essay über Germaine vor, in welchem die Kategorien der Mörder

mit neuen und klaren Ideen belichtet werden. Hamp dreht den Spieß um,

und gibt der „Action Française“ die moralische Schuld an Plateaus Tode:

„Der Anschlag auf ein Menschenleben ist unverzeihlich. Schlagen ist

dumm. Nichts widerspricht dem adligen Denken mehr als die Theorie der

Action Française: ‚Denkst du nicht so wie ich, so erschlage ich dich!‘

Der Unterschied zwischen der Action Française und der Anarchie ist der,

daß letztere kein Gesetz anerkennt, sich außerhalb ihrer Grenzen

befindet und nur nach ihrer eigenen Moral und Rechtsanschauung lebt;

hingegen geht das dogmatische Institut der Action Française darauf aus,

uns mit Gewalt ihre Moral und ihre Gesetze aufzuzwingen. Sie besitzt

eine Gendarmerie, ein Tribunal, Spitzel und Teeranstreicher für sich.

Die Tat der Germaine Berton entspricht nur den Forderungen der Action

Française; aber für ein solches Attentat sind alle Indifferenten

verantwortlich; sie ist der Ausfluß der öffentlichen Empörung, bei

diesem Kind eine Geste des Edelmuts und des leidenschaftlichen

Interesses am Gemeinwohl.

Unter den Verbrechern, die nach dem Leben anderer trachten, gibt es

erstens diejenigen, die vor allem sich deren Güter aneignen wollen. Dann

die aus Leidenschaft, Eifersucht oder Liebe handeln. Auch hier ein

materieller Beweggrund. Endlich aber gibt es Opfer-Verbrecher, die

keinen Vorteil für sich selbst suchen, sondern ihr Leben für das

Allgemeinwohl aufs Spiel setzen. Zu diesen gehören die politischen

Attentäter. Die politische Tat entspringt immer einem Kollektivwillen:

einer Majorität wie bei Wilhelm Tell, einer Minorität, wie bei

Ravaillac, aber nie dem Individuum allein, das es vollbringt. Dafür gibt

es kein Beispiel. Hinter Ravaillac stand die katholische Kirche; hinter

Charlotte Corday die Gironde; hinter Raoul Villain die Action Française;

und hinter Germaine Berton? Sie zwar sagte: ‚Ich habe allein den Willen

zum Mord gehabt!‘ aber sie hat nicht allein den Gedanken daran gehabt.

Die Republik ist für das Treiben der Action Française zu nachsichtig

gewesen. Léon Daudet ist zwar ein großer Literat, aber auch ein großer

Halunke, und wir _alle_ sind für Germaine Bertons Tat verantwortlich.

Sie hat uns endlich ein Beispiel bürgerlichen Mutes gegeben! Eine Waise

aus den Reihen der Anarchie hat sich für das Proletariat geopfert ...“

Epilog.

Weltgeschichte: lächelnde Sphinx. Ein Lächeln von Stein! Die

Vergangenheit allein hat Bestand. Die Legenden sind wahr.

Die Tat der Germaine Berton ist bereits Legende. Aber sie selber lebt

noch: und das Leben ist gestaltlos wie das fließende Wasser.

Die Tat ist geschehen: die Welt aber nicht besser geworden, Frankreich

nicht glücklicher, die Freiheit nicht wirklicher. Wozu dann?

Freiheit? Nur die Toten sind frei! Deshalb verlockte sie das Los der

Toten. Ist sie denn am Allerseelentag nicht gestorben? Sie hat ihren Tod

so stark erlebt! Wohl stärker als den wirklichen!

Nun ist sie beinahe beruhigt. Und plötzlich akzeptiert sie die wissende,

die unvermeidliche Erde. Ihre politische Laufbahn ist irgendwie

abgeschlossen. Die Vergangenheit ist zwar da: aber wie eine Statue

gewordene Form des Lebens. Nun entdeckte Germaine ein neues Reich: das

des Geistes und der Liebe. Hier vielleicht ist eine höhere Freiheit zu

finden, als in der brutalen, unnützlichen, irdischen Tat?

Sie schreibt am 10. November 1924 diesen Brief:

„Ihren lieben Brief[1] erhalte ich jetzt erst ... Wie gütig von

Ihnen, Madame, Ihre Anteilnahme rührt mich. Aber ... trotz allem

bleibt meine Seele voll von jener Vergangenheit, die mit meinem

ganzen Wesen Eins ist und die ich nicht mehr aus mir zu reißen

vermöchte; zuweilen dachte ich, es zu können, indem ich einige

Fetzen lebenden Fleisches mit herunterriß ... aber wie ein Krebs kam

es wieder.

[1] Dieser Brief ist im Original als Anhang faksimiliert

wiedergegeben.

Dennoch habe ich unrecht gehabt, ich gebe es Ihnen gern zu, eine

Zuflucht im Grabe zu suchen. Ich hätte wissen sollen, daß das Leben

ewig triumphiert, und daß der Sarg keineswegs das letzte Lager ist,

in welchem man – ‚auf ewig‘ – seine müden Glieder und sein

priesterliches Herz ausstrecken darf!

Dies alles erscheint mir ach! sehr grausam und unerbittlich. Es ist

so süß, zuweilen von einer vollständigen Auflösung zu träumen, und

Sie werden mich nach folgenden Zeilen besser verstehen.

Ich glaube an Gott, obwohl ich keine Christin bin ... Ich habe mich

immer danach gesehnt, Schmerzen lindern und so heiß lieben zu

können, daß meiner Liebe Glut andere erfreuen und den Haß schmelzen

würde – Das aber habe ich hienieden nicht fertiggebracht, und im

Gegenteil Samen ins Feld des Hasses gestreut ...

Ich träumte auch davon, über den Tod hinaus lieben zu können; aber

ich sah ein, daß ich selbst als der Engel des Lichtes bei dem großen

‚Irdischen Lamento‘ erbeben würde, und ihm selbst da noch nicht Halt

gebieten könnte ...

Wenn Sie wüßten, wie schrecklich diese Einsicht ist: ‚Ich bin

ohnmächtig!‘ Wenn Sie wüßten, wie dieser Gedanke mich auf den Tod

unglücklich macht! Und ist das nicht übrigens auch Jesus’

furchtbarste Qual gewesen, als er am Kreuz aus dem Herzen und den

vier Gliedmaßen blutete? ...

Wie soll man noch glücklich leben, wenn man weiß, daß selbst ein

Gott unfähig ist, seine Liebe auf alle zu übertragen, daß es am Ende

der Jahrhunderte doch noch eine Hölle und Verdammte geben wird!

Wie soll man noch einfach dahinleben, wenn man weiß, daß es trotz

des Opfers immer noch verlorene Seelen geben wird? – Und daß die

Erlösung keine vollständige sein wird!

Wie sollen wir am Erlösungsdurst nicht untergehen, der ewig

unstillbar ist, wo doch ein Gott selber daran verdarb! Wie kann auch

dieser Gott mich in meiner Schwäche stützen? Lieben kann ich ihn, in

Wahrheit, aber aus meiner Liebe kann nur eine tiefe Melancholie und

ein großes Mitleid mit diesem Ohnmächtigen erwachsen, der in 20

Jahrhunderten das angefangene Werk von Gethsemane nicht vollenden

konnte – es nie vollenden wird!

So sind wir Menschen die ewig Betrübten, wir weinen über unseren

Gott und unser irdisches Ideal! Ach! –

Germaine Berton, die rote Jungfrau · 第 4 / 7 题