Schreiben Sie mir.“

Was geht in Germaine vor? Eine neue Krise, ein neues Verlangen nach

Läuterung. Aber diesmal von innen heraus. Was mit politischem Skandal,

was mit allen modernen Trompeten der Welt, was mit Blut, Tod, Gericht

nicht erreichbar war (ein Mädchen von 20 Jahren konnte diesem irdischen

Tumult gewiß eine Bedeutung zuschreiben, wo die Millionen der Lebenden

bis zu ihrem Tod den Zustand als wertgültig hinnehmen!), das versucht

nun die durch die Flamme heil Emporgegangene mit dem Gegenteil, mit der

Liebe, mit der Einkehr, mit einem neuen _Glauben_ zu erreichen. Auf

diesen Glauben kommt es an! Nur in diesem Glauben liegt die wahre

Freiheit geborgen.

Germaine Berton hat alle politischen Formen verbraucht. Sie wirft die

menschlich-irdischen Möglichkeiten zum alten Eisen. Sie richtet jetzt

die Frage an die Religionen, an alle Götter. Alle interessieren sie. Sie

tastet und sucht. Wo liegt das Unfindbare? Christentum, Buddhismus,

Rosenkreuz, Spiritismus: das zweiundzwanzigjährige Mädchen richtet die

eine naive, immer dieselbe Frage an die Galerie der Götter. –

Wird eine Antwort ihr entgegenschallen? Vielleicht hört sie Stimmen? In

dieser selben Geistesverfassung befand sich die heilige Jungfrau von

Arc. Germaine Berton ist gewappnet. Sie hat einen Glauben. Sie bereitet

sich vor. Sie weiß von sich. Sie fühlt sich getragen. Sie ist das

vollkommenste Abbild der „Freiheit“. Sie hat Geduld und Ehrgeiz, diese

Attribute des Genius. Sie erwartet die wahre Revolution.

Wie groß sie noch wird, hängt von der Zeit ab, deren Form der Einzelne

spiegelt.

Germaine glaubt.

Wir glauben an sie.

Dezember 1924.

Gesegnet sei Frankreich, daß es neben den Opferfreudigen auch die

milden, die geduldigen Frauen besitzt! Séverine ist das Symbol der

allseits mütterlichen Güte. Eine Heilige der Republik. Eine Frau, die

seit fünfzig Jahren mitten in den sozialistischen Reihen steht und ihre

ganze Existenz dem Volk gewidmet hat. Heute trägt sie einen Silberkopf,

zwei unverwelkte Veilchen in den Augen und das unsagbare Lächeln,

geheimnisvoll und rein, wie die Entsagenden. Sie tritt vor die Schranke

und lächelt, und schon ist Germaine gerettet. Sie faltet die Hände, wie

die stillen Damen es zu tun pflegen, und ein Wunder geschieht. Der Saal,

eben noch ein stürmisch aufgeworfenes Meer, ruht wie von Öl begossen.

Sie spricht nicht, sie singt. Sie singt von einem Kinde, das nie eine

Mutter gehabt hat und arm und kalt in die Großstadt hineinwehte. Man hat

ihr vieles vorgeworfen und vorzuwerfen, aber ... „Sehen Sie, Ihr Herren

Geschworenen, es ist ein Kind, das nicht ausgebrütet wurde unter den

Küssen einer Mama. Man hat ihr das Herz nicht entwickelt, diesem Mädel.

Sie weiß ja nichts. Und sie ist erst zwanzig ... Wenn Sie wüßten, was

ich schon alles in diesem Saal erlebt habe, den Freispruch der Frau

Clovis Hugues, der Frau Steinheil, der Frau Caillaux, und diese alle

hatten nur aus egoistischen Gründen, aus Ehrgeiz, aus Habsucht oder aus

Liebe gehandelt. Diese hier aber hat weder an Geld, noch an sich

gedacht. Sie hat sich für die anderen geopfert! „Es ist ein armes

Kleines. Man muß es lieb haben!“

[Illustration: SÉVERINE]

So sprach Séverine, und das Volk Frankreichs widersteht der Kraft des

Herzens nicht. Eine Frau sprach leise und ward besser erhört als alle

die acht Tage hindurch schreienden zornigen Männer.

Und endlich kam der Tag des Urteils, ein Montag, der 24. Dezember, der

Weihtag, vor der Weihnacht. Alles in diesem Prozeß hat eine

schicksalhafte Bedeutung. Dieses Datum wird in den Annalen des

nachkriegerischen Paris bleiben. Es regnet, es nebelt, es schneit. Die

Stadt wird nimmer hell, der Abend greift schon lange vor. Aber seit vier

Uhr früh warten vor dem Gerichtsgebäude die blassen Freunde Germaines in

langen Reihen. In den Gängen hört man Schreie, Schritte und dumpfe Laute

wie im Maschinenraum eines Ozeandampfers. Der Schwurgerichtssaal ist ein

pochender Dampfkessel. Noch einmal steigern sich die Passionen bis zur

Siedehitze.

Schon am vergangenen Samstag hatte der Fürsprecher der Action Française,

Marie de Roux, ein Südländer, mit einem genereusen Renaissancebart, wie

man sie von der Bühne her gewohnt ist, der Anarchie den Prozeß gemacht.

Er liest aus einem Artikel vor, der von Germaine Berton geschrieben ist,

und beweist, daß Germaine wissentlich und willentlich diesen

anarchistischen Akt beging:

„Ich habe die absolute Überzeugung,“ so schreibt sie, „daß allein die

individuelle Tat wirksam sein kann. Ich meine nicht die isolierte, aber

mehrere in kurzen Abständen, trotz Verhaftung und Verurteilung

unermüdlich wiederholte Taten, die wie der höhlende Tropfen im Felsen

wirken. Wir brauchen furchterzeugende Beispiele. Mein Mitleid mit jenen,

die sich opfern: sie sind es, die Mitleid haben mit Euch!“ Die

angebliche „Theorie der Gewalt“ aber, die man der Action Française

unterschiebt, sei nur eine „Theorie zur Eindämmung der Gewalt ...“

[Illustration: CAMPINCHI]

An diesem Montag folgen die Anklagereden des heftigen metallenen

Campinchi, dessen Worte und Stimme wie Rasierklingen sirren, aber dessen

Argumente aus schlechtem Material sind. Der Staatsanwalt Sens-Olive ist

kühl, objektiv, logisch, behauptet, daß ein Mord eben ein Mord sei und

läßt sogar gutväterliche mildernde Umstände zu.

Aber am Nachmittag erhebt sich der donnernde Verteidiger Torrès, der wie

eine Lawine wüten und wie ein Südwind seiner Heimat schmeicheln kann. Er

tobt wie ein Löwe in einem Käfig. Aber bald zerbricht er die eisernen

Stangen der Geschehnisse und jagt empor ins Freie, ins Geistige, der

Löwe verwandelt sich in eine Gazelle, und die Vision Jaurès wächst

langsam bei hereinbrechender Nacht im Hintergrunde des Saales empor. Wie

in einem Film sehen wir noch einmal die Silhouetten auftauchen: den

trivialen und tragischen Scylla Daudet, eine enge geizige Mutter, die

blonde heroische Madame Caillaux, den hingerichteten Almereyda, Cottin,

der auf Clemenceau schoß, Madame Paulmier, die 1898 auf Millerand

schießen will und, da sie ihn nicht trifft, sich mit Herrn Ollivier

begnügt, Plateau, der schon davon träumte, sich als königlicher

Polizeichef im Ministerium des Innern zu installieren, und endlich

Séverine, deren Name so zart ist, daß jedes Adjektivum überflüssig wird,

und Germaine, Germaine, Germaine.

„Friede auf Erden! werden die Glocken zu Mitternacht läuten. Daß es ein

echter Friede sei, werdet ihr Herren Geschworenen nicht Blut vergießen,

sondern den Schnee des Vergessens darüberbreiten ...“

Eine halbe Stunde darauf ist Germaine freigesprochen. Zwei Fragen: „Ist

G. B. des Mordes an Plateau schuldig? Hat sie ihn vorbedacht?“ Zwei

Nein. Das bedeutet ein millionenfaches Ja. Die dunkle Menge, das ewige,

das unfaßbare Paris wartet in strömendem Regen auf den Boulevards. Die

Nachricht verbreitet sich von Mund zu Mund, schneller als von

Radiostation zu Radiostation. Menschen umarmen sich. Die Extraausgaben

überfliegen zehn Minuten später die Stadt wie ein Rudel weißer Tauben.

Die kleinen Taxi-Autos, mit den schönen Frauen drin, eilen die Rue des

Martyrs hinan. Auf der Place de la Madeleine wird diese neue Madeleine

angebetet. Réveillon! Réveillon! Diese Nacht ist die größte, die

tollste, die hellste des Jahres. In allen Restaurants sind die Tische

seit Monaten vorbestellt. Christus ist frisch rasiert und begibt sich

ins Moulin Rouge. Die Gänseleberpasteten aus Straßburg sind ausverkauft.

Die Midinetten sind alle in Marquisen verwandelt. Die Läden sind offen

bis fünf Uhr früh. Aus den Auslagen der Juweliere verschwinden die

Perlenkolliers wie tauender Schnee. Auf den Straßen verteilen Familien

unter sich die Austern, die Hummern, die Hühner und die Fasane. An jeder

Straßenecke wird getanzt. Réveillon! Oben neben dem Sacré-Cœur, in der

kleinen Kirche St. Pierre lassen fromme Bürgerinnen die tiefen Klänge

der Orgel über ihr ehebrecherisches Herz ergehen und sind wieder treu,

wieder fromm, wieder Mütter. Die Waisenkinder erwarten das neue

Brüderchen Christus ... Aber auf der Place Pigalle ist es ein Feuerwerk

von roten, violetten, goldenen Monden, Reklamen, Fanfaren, und die ganze

Welt, die Perser mit ihren falschen Teppichen, die Russen mit ihren

falschen Patronentaschen, die Bettler mit ihren falschen Brillen, die

armen Blumenverkäuferinnen mit ihren falschen Kindern loben und singen

die Größe dieser Nacht ...

Aber ein kleines, einfaches, unscheinbares Taxi rollt aus einem

abseitigen Tor des Justizpalastes auf den schweigenden Quai, über

schwebende Seinebrücken, durch stille, ganz verkrochene Straßen:

Germaine Berton, die befreite Befreierin, fährt, ohne etwas zu denken,

ohne sich zu freuen, ohne zu wissen, in die kleine bürgerliche Wohnung

des armen Lecoin und verplaudert dort mit ihm und dessen Frau diese

geheimnisvolle, diese stille heilige Nacht.

DIE FÜNF IM TEXT STEHENDEN

ZEICHNUNGEN SIND ARBEITEN

VON L. BERINGS

In der Sammlung

AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT

– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART. –

ERSCHIENEN BISHER:

Band 1:

ALFRED DÖBLIN

DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND IHR GIFTMORD

Band 2:

EGON ERWIN KISCH

DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS REDL

Band 3:

EDUARD TRAUTNER

DER MORD AM

POLIZEIAGENTEN BLAU

Band 4:

ERNST WEISS

DER FALL VUKOBRANKOVICS

Band 5:

IWAN GOLL

DIE ROTE JUNGFRAU

GERMAINE BERTON

Band 6:

THEODOR LESSING

HAARMANN, DIE GESCHICHTE

EINES WERWOLFS

Band 7:

KARL OTTEN

DER FALL STRAUSS

Band 8:

ARTHUR HOLITSCHER

DER FALL RAVACHOL

Die Sammlung

AUSSENSEITER DER

GESELLSCHAFT

Die Verbrechen der Gegenwart

wird ständig fortgesetzt. Aus der großen Zahl der Mitarbeiter nennen

wir an dieser Stelle nur: Henri Barbusse / Martin Beradt / Max Brod

/ F. Th. Csokor / Karl Federn / Max Freyhan / E. I. Gumbel / Walter

Hasenclever / Walter von Hollander / Georg Kaiser / Otto Kaus / Kurt

Kersten / Thomas Mann / Leo Matthias / Eugen Ortner / Walter Petry /

Joseph Roth / René Schickele / Hermann Ungar / Jacob Wassermann /

Alfred Wolfenstein / Über die Erscheinungstermine und weitere

Einzelheiten werden wir genaue Daten jeweils durch Sonderprospekte

bekannt geben.

VERLAG DIE SCHMIEDE

BERLIN

Germaine Berton, die rote Jungfrau · 第 5 / 7 题