Liebe Germaine,
Sie fragten mich heute Abend, ob ich meinen Geisteszustand in aller
Kaltblütigkeit überblickt hätte? Nun: Ja! Und nichts mehr wird mich
schwanken machen, verstehen Sie: nichts! ... Im vorigen Jahre
kämpfte ich, wie ich es Ihnen schon sagte, aber ich hatte keinen
Stützpunkt ... Zuweilen lehnte ich mich erbost auf, wenn ich meine
Machtlosigkeit empfand. Wie hätte ich auch in Versammlungen gehen
wollen, und reden! Und dann fühlte ich mich wie vernichtet ...
Ärmste, sagte ich mir, was kannst denn Du? In diesem Zustand befand
ich mich, als ich Sie zum ersten Male sah. Da aber mußten unsere
beiden Seelen sich treffen, unsere Herzen einander verstehen, ohne
daß es eines Wortes bedurfte! Deuten Sie jetzt meinen Ausruf von
neulich: „Nun verstehe ich das Warum meines Lebens!“ Unsere Seelen
sollten nicht mehr getrennt werden ... Wie kam es, daß Sie, als Sie
keine einzige Schwester in Ihre Zelle hereinließen, mich gerade
empfingen? Warum mich eher als jede andere? Und als Sie mir vor
einigen Monaten sagen ließen, nicht mehr zu kommen, hätte mein Stolz
eine solche Behandlung von keiner anderen ertragen, ich hätte sie
mit keinem Blick mehr gewürdigt. Aber zu Ihnen eilte ich im
Gegenteil, erinnern Sie sich? Nun, was war das anderes als die
Ahnung, daß eines Tages unser Leben und unsere Gedanken sich
vereinen würden?
O, Sie werden sehen, ob ich einen „Willen“ habe, und wessen ich
fähig bin! Noch wenige Tage, dann auf in den Kampf! Man sagt, daß
Vertrauen Vertrauen erwecke: ich fühle, daß ich das Ihre besitze,
und das meine wird Ihnen niemals abgehen. Als Kind hatte ich einen
stürmischen Charakter. Mit 14 Jahren war ich schon zweimal meinen
Eltern entlaufen, da sich mein Wille dem ihrigen nicht beugen
konnte. Ermessen Sie also die übermenschliche Kraft, die ich
brauchte, um meine rebellische Natur einzuschläfern. Jetzt aber ist
meine Kraft verbraucht, ich kann nicht mehr ... Sehr jung trat ich
ins Kloster ein, zu jung, und doch war mein Herz nicht mehr ganz
frei. Es war zu wild, um gefühllos zu bleiben. Oh, es war kein
schuldhaftes Verhältnis! Nie habe ich gesündigt, aber ich habe etwas
zerbrechen müssen! ... Und damals schwor ich mir: „Gut, dann will
ich mich für eine größere Sache verschwenden und opfern!“ Indes, ich
wählte einen falschen Weg; wie oft habe ich es bereut!
Glauben Sie aber, daß die Klosterjahre mir in dem neuen Leben
Hindernisse und Schwierigkeiten in den Weg legen werden? Werde ich
sie nie verschweigen können? Wenn es nur von mir abhinge, würde es
niemand in der Welt außer Ihnen wissen. Alle diese hier
niedergelegten Geheimnisse meines Lebens kennen nur Sie (und mein
Beichtvater vor neun Jahren). Vor Ihnen habe ich nichts mehr zu
verbergen. Haben Sie nicht bemerkt, daß oft unsere Gedanken und
Ideen sich trafen, ohne daß wir es wußten? Bitte, reden Sie mich
nicht mehr „Schwester“ an. Ich bin’s nicht mehr, weder vor Gott noch
vor den meinigen. Ich bin es äußerlich, in Kleid und Bewegung, für
wenige Tage noch, aber Herz, Seele und Gefühl sind nicht mehr dabei.
Mein Herz schlägt nur noch für das Volk, für das niedergedrückte,
das niedre.
Ich wiederhole meinen Anfangssatz: „Ich habe kaltblütig, allein vor
mir selber, die Verantwortung und die Leiden des neuen Lebens
erwogen, dem ich mich ergeben will, und bin fest dazu entschlossen,
nichts kann mich mehr davon abbringen!“
Wie denken Sie darüber? Ich möchte warten, bis Ihr Prozeß beendigt
ist, und ich möchte ihm auch so gerne beiwohnen! Aber, wenn es noch
lange dauert, möchte ich Sie auch nicht gern im Gefängnis allein
lassen ...
Gute Nacht, meine liebe Germaine, auf morgen!
Claudia.
Eine Woche später entfloh die Schwester Claudia aus dem doppelten
Gefängnis, das ihr Gott und die Menschen auferlegt. Aber ihr ans
Halbdunkel gewöhntes Herz ging irr im grellen Lärm des Lebens. Die
Geräusche, die Worte der Menschen taten ihr weh. Die Kameraden, zu denen
Germaine sie geschickt, waren kalt, ja ablehnend zu ihr. Wie, wovon
sollte sie leben? Claudia fand keinen anderen Weg als zu ihrem Schwager,
der sie aus Angst vor einem Skandal in die Gefangenschaft
zurückschickte. Bald darauf wurde sie wieder in einem strengen Kloster
in der Provinz eingesperrt.
Aber es war ein großer Triumph für Germaine, und ihrer Tat kann man nur
den Fanatismus mittelalterlicher Christen an die Seite stellen. Seinen
Gefängniswärter bekehren, das gelang einem Thomas Münzer. Das gelang
Germaine Berton. Und wie sie das Schicksal der Irrgegangenen erfährt,
ruft sie dies wunderbare Blasphem aus:
„Nun will ich mit dir um sie kämpfen, Jesus!“
Vor die Geschworenen tritt eine zarte kleine Midinette und setzt sich so
einfach in die Anklagebank, als wär’s ein Autobus, der sie bald, und auf
dem raschesten Wege, zu den Compagnons zurückfahren wird. So einfach die
Geste, mit der sie das herbstüberschüttete Mäntelchen ablegt, das kurz
geschnittene schwarze Haar unter dem unscheinbaren Hut befreit, als
schüttle ein Vogel seine Federn, und endlich aus dem Handsäckchen
Spiegel, Puderquaste und Rotstift hervorzaubert, mit deren Hilfe sie das
angelische Porträt einer modernen Revolutionärin zum letztenmal
nachtuscht. Die Arkaden der Augenbrauen werden um einen Millimeter
erhöht, die Blässe des Gesichts um einen Purpurschatten unterstrichen
und die Erdbeere des Mundes julireif. Und nun sitzt sie da, artig, wie
ein Pensionsmädchen, mit einem weißen runden Kragen und einem breiten
Lavallièreschlips über dem grauen, eng anliegenden Kleidchen.
[Illustration: GERMAINE BERTON
während des Plaidoyers ihres Verteidigers]
Sie sitzt da, ruhig, mit dem Glauben an sich, und der stürmische
Schwurgerichtssaal brandet zu ihren Füßen. Dies kleine Mädchen hat eine
Stirn, die man mit Elfenbein vergleicht, nicht weil sie weiß ist,
sondern so hart. Aus diesen roten leidenschaftlichen Lippen brechen
kalte, metallene Worte. Sie spricht gemessen und überzeugt. Jede Aussage
ist in eine feste Form gegossen. Sie schwindelt nicht mit Gefühlen. Sie
schindet nie Mitleid. Sie hat nichts aus ihrem Leben zurückzunehmen. Sie
steht für ihre Fehler ein und vertuscht keine Linie der Zeichnung.
Ja, sie hat schon mehrmals mit der Polizei zu tun gehabt. Im November
1921 bekam sie drei Monate Gefängnis, weil sie auf dem Kommissariat
einem Sekretär, der ihr ihre Papiere nicht zurückgeben wollte, eine
Ohrfeige gab. Einige Monate später wird sie mit einer Einbrecherbande
festgenommen, aber nicht für ein Delikt, sondern nur wegen verbotenen
Waffentragens bestraft. Sie hat an aufrührerischen Meetings teilgenommen
und einmal bei einer Manifestation der kommunistischen Jugend in Pré St.
Gervais eine regelrechte Schlacht mit der Polizei ausgefochten, wobei
sie einen Säbelhieb am Kopf davontrug. Sie nimmt nichts zurück.
Ja, sie hat gearbeitet und sie hat auch gehungert, sie hat Geld und Brot
verdient und erpreßt, denn sie verachtet das alles im Hinblick auf das
letzte Ideal: „Freiheit“. Sie nimmt nichts zurück.
Ja, sie hat im Namen der Petites Sœurs des Pauvres Armengelder erbettelt
und unterschlagen.
Der Präsident gibt in einer einzigen Frage drei passionierte Romane:
„Am 13. Dezember wohnten Sie in der Rue Lécuyer, bei Gohary, genannt
Harmant. Sie verließen ihn und verbrachten einige Tage bei Charles
d’Aoray. Dann lebten Sie zwei Tage mit Boucher zusammen, der sich Rondel
nennt. Aber wir wissen nicht, wo Sie die Nächte vom 31. Dezember bis zum
22. Januar gewohnt haben!“
Germaine leugnet nichts: „Auch wenn Sie es wüßten, das würde niemand
kompromittieren.“
Ja, sie hat viele revolutionäre Hetzartikel im „Réveil de Tours“
geschrieben. Und einmal die Republik „als eine Hure mit blutbesudeltem
Maul“ und Frankreich „als eine Rabenmutter, die ihre Kinder auf die
Schlachtfelder krepieren schickte“ beschimpft. Sie nimmt es nicht
zurück. Jedesmal, wenn sich die Gelegenheit bietet, bekundet sie ihren
Haß gegen den Krieg.
„Krieg! ... welch verhaltenen Schmerz erweckte dieses Wort in mir!
Furchtbare Erinnerung! 1914, noch ein Kind, sah ich das 66.
Infanterie-Regiment mit blumengeschmücktem Bajonett ausziehen! Wenige
Wochen drauf blieb nichts davon übrig ... Ich sah dann die Helden in den
Bahnhöfen am Boden siechen, ich sah sie stumpf, irrsinnig, von Kot und
Läusen bedeckt, auf den Bänken des Rathausplatzes in Tours herumlungern,
während zehn Schritte weiter die geschniegelten Offiziere in blitzenden
Uniformen gemeinsam mit Weibern den Sekt vergossen! Ich sah in den
Spitälern die Vergasten, die ihre Lungen herausspuckten, die
Erblindeten, die umsonst noch die Augen aufsperrten, die mit den
zerschossenen Schädeln, und auf den Promenaden weinte ich, wenn man die
Tapferen wie Greise in kleinen Wägelchen vorbeischob ... Wer das erlebt
hat und befürchten muß, daß es noch einmal möglich werden könnte, durch
die Schuld der Hetzer, der müßte von allen Gefühlen verlassen oder ein
Feigling sein, um sich nicht dagegen zu revoltieren!
Und ich habe mich revoltiert! Da kam mir, angesichts der
fünfzehnhunderttausend Toten Frankreichs, der Gedanke, den aus der Welt
zu schaffen, der den Militarismus noch immer zu preisen wagte, den
schlimmsten Feind des Volkes und der Republik, den Abenteurer Léon
Daudet ...“
Ja, sie hat einen Royalisten ermordet, weil die Führer der Action
Française nicht nur zum Bürgerkrieg hetzten, sondern auch von einem
äußeren Krieg, und vor allem von einer Niederlage Frankreichs, einen
nützlichen Ausgangspunkt zur Einsetzung eines neuen Königtums
erwarteten. – Sie nimmt es nicht zurück.
Sie antwortet mit den Argumenten einer festen Gesinnung. Sie scheut
nicht einen Augenblick den Kampf. Sie verteidigt sich nicht, sie klagt
an. Sie hat nach erfolgter Tat sterben wollen. Sie fürchtet nicht den
Tod. Sie hat im Gegenteil einen krankhaften Hang zum Tod. Aber nun steht
sie da, um die vollbrachte Tat mit den nötigen Beweisen zu unterstützen.
Sie geht selbst zum Angriff vor. Sie erhebt sich zur Anklägerin und zur
Rächerin. Und hier erhöht sich der Prozeß zum Symbol. Der ganze Konflikt
eines Volkes und einer Epoche wird hier ausgefochten. Es handelt sich
nicht nur um eine Mörderin und eine Leiche: es handelt sich um den Kampf
der eingeborenen Freiheitsliebe der Franzosen gegen den Diktaturwillen
einer kleinen übermütigen Faschistenbande.
Auf die Frage des Präsidenten Pressard: „Was hatte Ihnen Marius Plateau
getan?“ springt sie in der Anklagebank auf: „Mir persönlich nichts! Aber
all denen, die heute im Bagno siechen, weil sie sich gegen den Krieg
auflehnten! All denen, die als Opfer seiner schmählichen Verleumdungen
standrechtlich erschossen wurden! All denen, die sich gegen die
aufbrechende Reaktion stemmen wollten! Mein Gewissen befahl mir die
Tat!“
„Immerhin, Sie haben einen Menschen ermordet. Bedauern Sie es?“ fragt
der Präsident.
„Es fiel mir nicht leicht, ein menschliches, denkendes Wesen aus der
Welt zu schaffen. Und doch bereue ich nichts, weil ich mich am 22.
Januar für etwas mehr als eine gewöhnliche Mörderin fühlte, nämlich als
die Rächerin aller Opfer der Action Française. Mein Gewissen hat es mir
diktiert. Und da ich mir bewußt war, für das Wohl des Volkes zu handeln,
wie sollte ich jetzt bereuen? Es wäre widersinnig ...“
„Ein Murmeln ging durch den Saal“, berichtet die Presse. Die Zeitungen
nennen sie gefühllos. Doch konnte man von einer Anarchistin eine
schönere Antwort verlangen? Die Silhouette einer großen, in unserem
Zeitalter ungewöhnlichen Figur begann sich abzuheben. Die Atmosphäre
wurde gespannter. Langsam glitt der ganze Prozeß, wie alles in
Frankreich, ins Politische hinüber. Und sofort, wo das Volk eingreift,
spielt eine gewisse Sentimentalität mit, die das kalte Gesetz, die kalte
Logik abschwächt. Das französische Volk liebt das Pathos, das Theater,
die Tränen. Die Frauen werden von den Schwurgerichten freigesprochen,
weil die Liebe immer ein Melodram ist.
[Illustration: TORRÈS]
Der Verteidiger, Henry Torrès, wußte was er tat, als er als
Entlastungszeugen die namhaftesten Vertreter der Linksparteien, des
Pazifismus, der Liga für Menschenrechte, der literarischen Fronde vor
die Schranken rief, alle, die den hundertpulsigen Herzschlag des Pariser
Volkes kennen und fühlen. Und so wurden in diesem Prozeß nicht die
Anklageschrift, nicht die Aussagen während der Untersuchungshaft, nicht
die Plaidoyers, nicht einmal die Stimme des Präsidenten maßgebend,
sondern die flammenden Reden der Zeugen, die alle mit der Wärme des
Herzens für ein mutiges Mädchen eintraten. Es ward ein Défilé sämtlicher
Persönlichkeiten, die das politische und demagogische Frankreich
darstellen, und da auch die gesammelten Mannschaften der Action
Française die Ankläger spielten, trafen sich zum erstenmal Rechts und
Links, die Reaktion und die Revolution vor diesem Tribunal, als ob nicht
mehr über den Mord eines Menschen, sondern über ihre Ideen gerichtet
werden würde. Und tatsächlich wurde auch das Urteil als Sieg für die
eine oder die andere Partei bewertet.
* * * * *
Die Rechtspartei:
Léon Daudet, der Zuhälter der Republik: er läßt die anderen mit ihr
schlafen und sie ist ihm gerade gut genug, um sich später von ihrem Bett
aus auf die Stiegen eines morschen Thrones zu hissen. Er ist das, was
alle Karikaturisten immer wieder aus ihm gemacht haben: ein Clown: aber
ein böser und gefährlicher. Er spielt die erste Rolle in diesem Prozeß.
Er ist der lebende Leichnam. Auf seiner Person baut sich die ganze
Verteidigung auf. Wenn Germaine Berton gefragt wird, ob sie bereut,
antwortet sie: „Ich bereue nicht, Plateau erschossen zu haben, aber ich
bereue, nicht Daudet ermordet zu haben.“
Es handelt sich um ein Komma, das sie den Kopf kosten wird oder nicht.
Aber sie ist mutig. Sie tanzt auf diesem Komma Seil.
Ihre Defensivstellung besteht darin, daß sie sagt:
„Ich wollte Daudet töten (aber ich habe es ja nicht getan). Ich habe die
Opfer der Action Française gerächt (aber ich wollte platonisch töten).“
Herr Daudet trägt als Zeuge eine ganz andere Maske denn als Deputierter
oder Zeitungsdirektor. Er benimmt sich still und bescheiden, wie ihn
noch nie ein Pariser gesehen und gehört hat. Kein einziger Fluch, kein
einziges Giftwort kommt über seine Lippen. Er enttäuscht. Und Germaine
Berton ist es, die ihrerseits offensiv gegen ihn vorgehen muß. Schon hat
er seine Aussage beendet und will sich unter dem Schutz seiner Truppen
zurückziehen, da hält ihn die Angeklagte zurück und schreit ihm zu:
„_Herr Léon Daudet, ich habe Sie töten wollen, weil Sie für den Mord an
Jaurès verantwortlich sind!_ Sie haben ihn umgebracht. Wir haben Jaurès
geliebt, selbst wir Anarchisten. Jaurès bedeutete für uns ein Symbol,
die Seele des edlen Frankreichs. Ich erinnere mich, ihn einmal in Tours
gehört zu haben. Damals war ich noch sehr jung, aber unsere Verehrung
für diesen Mann war so tief, daß wir in seinen Vortrag gingen wie zur
Kirche. Sie haben ihn uns getötet. Und deshalb will ich heute auf die
doppelte Frage, die mir gestern gestellt wurde, antworten: Herr Daudet,
ich bereue bitter, nicht Sie statt Marius Plateau niedergeschossen zu
haben!“
Und nun hat plötzlich ein neuer Verteidiger im Saal Platz genommen, ein
unsichtbarer, aber noch mächtigerer und gewaltigerer als Torrès: er
schwebt neben dem Christusbild hinter dem Präsidenten. Es ist ein dicker
genereuser Mann, er hat die eine Hand erhoben, sein Bart ist versilbert,
seine leuchtenden Blicke reißen das Licht der fahlen Fenster an sich,
und durch das schwarze bürgerliche Jackett leuchtet ein rotes Herz: das
ist der Tribun, der aus dem Kosmos herniederschwebt und seine Rächerin
in seinen heiligen Schutz nimmt.
„Im Namen Jaurès!“ werden jetzt alle Zeugen schwören.
Und in diesem Augenblick erfährt Léon Daudet die zweitgrößte Sühne
seines Lebens. Er wird von einem kleinen Mädchen vor versammeltem Volke
von Paris mit den Worten der Wahrheit und der Freiheit einfach
hingerichtet. Er rührt sich nicht. Er duckt sich hinter seinem feisten
Leib. Er geht unsicher ab.
Zweitgrößte Sühne: die größte nicht! Die hat er schon gebüßt. Die
Gerechtigkeit des Schicksals ist weit größer und erstaunlicher als die
menschliche. Hier spielen antike Kräfte, die Götter selbst, mit.
Denn es ist kaum einen Monat her, daß sein fünfzehnjähriger Sohn Philipp
sich erschoß, daß das Verblüffendste sich ereignen konnte, was ein
Shakespeare zum Aufbau eines Dramas nicht zu erfinden gewagt hätte. Es
ereignete sich das, was wie ein Film der Erinnerung hinter den
augenblicklichen Begebnissen durchschimmert, und hier als solcher
eingefügt sein möge.