15. 10. 23, 10 Uhr Abends.

Liebe Germaine,

Sie fragten mich heute Abend, ob ich meinen Geisteszustand in aller

Kaltblütigkeit überblickt hätte? Nun: Ja! Und nichts mehr wird mich

schwanken machen, verstehen Sie: nichts! ... Im vorigen Jahre

kämpfte ich, wie ich es Ihnen schon sagte, aber ich hatte keinen

Stützpunkt ... Zuweilen lehnte ich mich erbost auf, wenn ich meine

Machtlosigkeit empfand. Wie hätte ich auch in Versammlungen gehen

wollen, und reden! Und dann fühlte ich mich wie vernichtet ...

Ärmste, sagte ich mir, was kannst denn Du? In diesem Zustand befand

ich mich, als ich Sie zum ersten Male sah. Da aber mußten unsere

beiden Seelen sich treffen, unsere Herzen einander verstehen, ohne

daß es eines Wortes bedurfte! Deuten Sie jetzt meinen Ausruf von

neulich: „Nun verstehe ich das Warum meines Lebens!“ Unsere Seelen

sollten nicht mehr getrennt werden ... Wie kam es, daß Sie, als Sie

keine einzige Schwester in Ihre Zelle hereinließen, mich gerade

empfingen? Warum mich eher als jede andere? Und als Sie mir vor

einigen Monaten sagen ließen, nicht mehr zu kommen, hätte mein Stolz

eine solche Behandlung von keiner anderen ertragen, ich hätte sie

mit keinem Blick mehr gewürdigt. Aber zu Ihnen eilte ich im

Gegenteil, erinnern Sie sich? Nun, was war das anderes als die

Ahnung, daß eines Tages unser Leben und unsere Gedanken sich

vereinen würden?

O, Sie werden sehen, ob ich einen „Willen“ habe, und wessen ich

fähig bin! Noch wenige Tage, dann auf in den Kampf! Man sagt, daß

Vertrauen Vertrauen erwecke: ich fühle, daß ich das Ihre besitze,

und das meine wird Ihnen niemals abgehen. Als Kind hatte ich einen

stürmischen Charakter. Mit 14 Jahren war ich schon zweimal meinen

Eltern entlaufen, da sich mein Wille dem ihrigen nicht beugen

konnte. Ermessen Sie also die übermenschliche Kraft, die ich

brauchte, um meine rebellische Natur einzuschläfern. Jetzt aber ist

meine Kraft verbraucht, ich kann nicht mehr ... Sehr jung trat ich

ins Kloster ein, zu jung, und doch war mein Herz nicht mehr ganz

frei. Es war zu wild, um gefühllos zu bleiben. Oh, es war kein

schuldhaftes Verhältnis! Nie habe ich gesündigt, aber ich habe etwas

zerbrechen müssen! ... Und damals schwor ich mir: „Gut, dann will

ich mich für eine größere Sache verschwenden und opfern!“ Indes, ich

wählte einen falschen Weg; wie oft habe ich es bereut!

Glauben Sie aber, daß die Klosterjahre mir in dem neuen Leben

Hindernisse und Schwierigkeiten in den Weg legen werden? Werde ich

sie nie verschweigen können? Wenn es nur von mir abhinge, würde es

niemand in der Welt außer Ihnen wissen. Alle diese hier

niedergelegten Geheimnisse meines Lebens kennen nur Sie (und mein

Beichtvater vor neun Jahren). Vor Ihnen habe ich nichts mehr zu

verbergen. Haben Sie nicht bemerkt, daß oft unsere Gedanken und

Ideen sich trafen, ohne daß wir es wußten? Bitte, reden Sie mich

nicht mehr „Schwester“ an. Ich bin’s nicht mehr, weder vor Gott noch

vor den meinigen. Ich bin es äußerlich, in Kleid und Bewegung, für

wenige Tage noch, aber Herz, Seele und Gefühl sind nicht mehr dabei.

Mein Herz schlägt nur noch für das Volk, für das niedergedrückte,

das niedre.

Ich wiederhole meinen Anfangssatz: „Ich habe kaltblütig, allein vor

mir selber, die Verantwortung und die Leiden des neuen Lebens

erwogen, dem ich mich ergeben will, und bin fest dazu entschlossen,

nichts kann mich mehr davon abbringen!“

Wie denken Sie darüber? Ich möchte warten, bis Ihr Prozeß beendigt

ist, und ich möchte ihm auch so gerne beiwohnen! Aber, wenn es noch

lange dauert, möchte ich Sie auch nicht gern im Gefängnis allein

lassen ...

Gute Nacht, meine liebe Germaine, auf morgen!

Claudia.

Eine Woche später entfloh die Schwester Claudia aus dem doppelten

Gefängnis, das ihr Gott und die Menschen auferlegt. Aber ihr ans

Halbdunkel gewöhntes Herz ging irr im grellen Lärm des Lebens. Die

Geräusche, die Worte der Menschen taten ihr weh. Die Kameraden, zu denen

Germaine sie geschickt, waren kalt, ja ablehnend zu ihr. Wie, wovon

sollte sie leben? Claudia fand keinen anderen Weg als zu ihrem Schwager,

der sie aus Angst vor einem Skandal in die Gefangenschaft

zurückschickte. Bald darauf wurde sie wieder in einem strengen Kloster

in der Provinz eingesperrt.

Aber es war ein großer Triumph für Germaine, und ihrer Tat kann man nur

den Fanatismus mittelalterlicher Christen an die Seite stellen. Seinen

Gefängniswärter bekehren, das gelang einem Thomas Münzer. Das gelang

Germaine Berton. Und wie sie das Schicksal der Irrgegangenen erfährt,

ruft sie dies wunderbare Blasphem aus:

„Nun will ich mit dir um sie kämpfen, Jesus!“

Vor die Geschworenen tritt eine zarte kleine Midinette und setzt sich so

einfach in die Anklagebank, als wär’s ein Autobus, der sie bald, und auf

dem raschesten Wege, zu den Compagnons zurückfahren wird. So einfach die

Geste, mit der sie das herbstüberschüttete Mäntelchen ablegt, das kurz

geschnittene schwarze Haar unter dem unscheinbaren Hut befreit, als

schüttle ein Vogel seine Federn, und endlich aus dem Handsäckchen

Spiegel, Puderquaste und Rotstift hervorzaubert, mit deren Hilfe sie das

angelische Porträt einer modernen Revolutionärin zum letztenmal

nachtuscht. Die Arkaden der Augenbrauen werden um einen Millimeter

erhöht, die Blässe des Gesichts um einen Purpurschatten unterstrichen

und die Erdbeere des Mundes julireif. Und nun sitzt sie da, artig, wie

ein Pensionsmädchen, mit einem weißen runden Kragen und einem breiten

Lavallièreschlips über dem grauen, eng anliegenden Kleidchen.

[Illustration: GERMAINE BERTON

während des Plaidoyers ihres Verteidigers]

Sie sitzt da, ruhig, mit dem Glauben an sich, und der stürmische

Schwurgerichtssaal brandet zu ihren Füßen. Dies kleine Mädchen hat eine

Stirn, die man mit Elfenbein vergleicht, nicht weil sie weiß ist,

sondern so hart. Aus diesen roten leidenschaftlichen Lippen brechen

kalte, metallene Worte. Sie spricht gemessen und überzeugt. Jede Aussage

ist in eine feste Form gegossen. Sie schwindelt nicht mit Gefühlen. Sie

schindet nie Mitleid. Sie hat nichts aus ihrem Leben zurückzunehmen. Sie

steht für ihre Fehler ein und vertuscht keine Linie der Zeichnung.

Ja, sie hat schon mehrmals mit der Polizei zu tun gehabt. Im November

1921 bekam sie drei Monate Gefängnis, weil sie auf dem Kommissariat

einem Sekretär, der ihr ihre Papiere nicht zurückgeben wollte, eine

Ohrfeige gab. Einige Monate später wird sie mit einer Einbrecherbande

festgenommen, aber nicht für ein Delikt, sondern nur wegen verbotenen

Waffentragens bestraft. Sie hat an aufrührerischen Meetings teilgenommen

und einmal bei einer Manifestation der kommunistischen Jugend in Pré St.

Gervais eine regelrechte Schlacht mit der Polizei ausgefochten, wobei

sie einen Säbelhieb am Kopf davontrug. Sie nimmt nichts zurück.

Ja, sie hat gearbeitet und sie hat auch gehungert, sie hat Geld und Brot

verdient und erpreßt, denn sie verachtet das alles im Hinblick auf das

letzte Ideal: „Freiheit“. Sie nimmt nichts zurück.

Ja, sie hat im Namen der Petites Sœurs des Pauvres Armengelder erbettelt

und unterschlagen.

Der Präsident gibt in einer einzigen Frage drei passionierte Romane:

„Am 13. Dezember wohnten Sie in der Rue Lécuyer, bei Gohary, genannt

Harmant. Sie verließen ihn und verbrachten einige Tage bei Charles

d’Aoray. Dann lebten Sie zwei Tage mit Boucher zusammen, der sich Rondel

nennt. Aber wir wissen nicht, wo Sie die Nächte vom 31. Dezember bis zum

22. Januar gewohnt haben!“

Germaine leugnet nichts: „Auch wenn Sie es wüßten, das würde niemand

kompromittieren.“

Ja, sie hat viele revolutionäre Hetzartikel im „Réveil de Tours“

geschrieben. Und einmal die Republik „als eine Hure mit blutbesudeltem

Maul“ und Frankreich „als eine Rabenmutter, die ihre Kinder auf die

Schlachtfelder krepieren schickte“ beschimpft. Sie nimmt es nicht

zurück. Jedesmal, wenn sich die Gelegenheit bietet, bekundet sie ihren

Haß gegen den Krieg.

„Krieg! ... welch verhaltenen Schmerz erweckte dieses Wort in mir!

Furchtbare Erinnerung! 1914, noch ein Kind, sah ich das 66.

Infanterie-Regiment mit blumengeschmücktem Bajonett ausziehen! Wenige

Wochen drauf blieb nichts davon übrig ... Ich sah dann die Helden in den

Bahnhöfen am Boden siechen, ich sah sie stumpf, irrsinnig, von Kot und

Läusen bedeckt, auf den Bänken des Rathausplatzes in Tours herumlungern,

während zehn Schritte weiter die geschniegelten Offiziere in blitzenden

Uniformen gemeinsam mit Weibern den Sekt vergossen! Ich sah in den

Spitälern die Vergasten, die ihre Lungen herausspuckten, die

Erblindeten, die umsonst noch die Augen aufsperrten, die mit den

zerschossenen Schädeln, und auf den Promenaden weinte ich, wenn man die

Tapferen wie Greise in kleinen Wägelchen vorbeischob ... Wer das erlebt

hat und befürchten muß, daß es noch einmal möglich werden könnte, durch

die Schuld der Hetzer, der müßte von allen Gefühlen verlassen oder ein

Feigling sein, um sich nicht dagegen zu revoltieren!

Und ich habe mich revoltiert! Da kam mir, angesichts der

fünfzehnhunderttausend Toten Frankreichs, der Gedanke, den aus der Welt

zu schaffen, der den Militarismus noch immer zu preisen wagte, den

schlimmsten Feind des Volkes und der Republik, den Abenteurer Léon

Daudet ...“

Ja, sie hat einen Royalisten ermordet, weil die Führer der Action

Française nicht nur zum Bürgerkrieg hetzten, sondern auch von einem

äußeren Krieg, und vor allem von einer Niederlage Frankreichs, einen

nützlichen Ausgangspunkt zur Einsetzung eines neuen Königtums

erwarteten. – Sie nimmt es nicht zurück.

Sie antwortet mit den Argumenten einer festen Gesinnung. Sie scheut

nicht einen Augenblick den Kampf. Sie verteidigt sich nicht, sie klagt

an. Sie hat nach erfolgter Tat sterben wollen. Sie fürchtet nicht den

Tod. Sie hat im Gegenteil einen krankhaften Hang zum Tod. Aber nun steht

sie da, um die vollbrachte Tat mit den nötigen Beweisen zu unterstützen.

Sie geht selbst zum Angriff vor. Sie erhebt sich zur Anklägerin und zur

Rächerin. Und hier erhöht sich der Prozeß zum Symbol. Der ganze Konflikt

eines Volkes und einer Epoche wird hier ausgefochten. Es handelt sich

nicht nur um eine Mörderin und eine Leiche: es handelt sich um den Kampf

der eingeborenen Freiheitsliebe der Franzosen gegen den Diktaturwillen

einer kleinen übermütigen Faschistenbande.

Auf die Frage des Präsidenten Pressard: „Was hatte Ihnen Marius Plateau

getan?“ springt sie in der Anklagebank auf: „Mir persönlich nichts! Aber

all denen, die heute im Bagno siechen, weil sie sich gegen den Krieg

auflehnten! All denen, die als Opfer seiner schmählichen Verleumdungen

standrechtlich erschossen wurden! All denen, die sich gegen die

aufbrechende Reaktion stemmen wollten! Mein Gewissen befahl mir die

Tat!“

„Immerhin, Sie haben einen Menschen ermordet. Bedauern Sie es?“ fragt

der Präsident.

„Es fiel mir nicht leicht, ein menschliches, denkendes Wesen aus der

Welt zu schaffen. Und doch bereue ich nichts, weil ich mich am 22.

Januar für etwas mehr als eine gewöhnliche Mörderin fühlte, nämlich als

die Rächerin aller Opfer der Action Française. Mein Gewissen hat es mir

diktiert. Und da ich mir bewußt war, für das Wohl des Volkes zu handeln,

wie sollte ich jetzt bereuen? Es wäre widersinnig ...“

„Ein Murmeln ging durch den Saal“, berichtet die Presse. Die Zeitungen

nennen sie gefühllos. Doch konnte man von einer Anarchistin eine

schönere Antwort verlangen? Die Silhouette einer großen, in unserem

Zeitalter ungewöhnlichen Figur begann sich abzuheben. Die Atmosphäre

wurde gespannter. Langsam glitt der ganze Prozeß, wie alles in

Frankreich, ins Politische hinüber. Und sofort, wo das Volk eingreift,

spielt eine gewisse Sentimentalität mit, die das kalte Gesetz, die kalte

Logik abschwächt. Das französische Volk liebt das Pathos, das Theater,

die Tränen. Die Frauen werden von den Schwurgerichten freigesprochen,

weil die Liebe immer ein Melodram ist.

[Illustration: TORRÈS]

Der Verteidiger, Henry Torrès, wußte was er tat, als er als

Entlastungszeugen die namhaftesten Vertreter der Linksparteien, des

Pazifismus, der Liga für Menschenrechte, der literarischen Fronde vor

die Schranken rief, alle, die den hundertpulsigen Herzschlag des Pariser

Volkes kennen und fühlen. Und so wurden in diesem Prozeß nicht die

Anklageschrift, nicht die Aussagen während der Untersuchungshaft, nicht

die Plaidoyers, nicht einmal die Stimme des Präsidenten maßgebend,

sondern die flammenden Reden der Zeugen, die alle mit der Wärme des

Herzens für ein mutiges Mädchen eintraten. Es ward ein Défilé sämtlicher

Persönlichkeiten, die das politische und demagogische Frankreich

darstellen, und da auch die gesammelten Mannschaften der Action

Française die Ankläger spielten, trafen sich zum erstenmal Rechts und

Links, die Reaktion und die Revolution vor diesem Tribunal, als ob nicht

mehr über den Mord eines Menschen, sondern über ihre Ideen gerichtet

werden würde. Und tatsächlich wurde auch das Urteil als Sieg für die

eine oder die andere Partei bewertet.

* * * * *

Die Rechtspartei:

Léon Daudet, der Zuhälter der Republik: er läßt die anderen mit ihr

schlafen und sie ist ihm gerade gut genug, um sich später von ihrem Bett

aus auf die Stiegen eines morschen Thrones zu hissen. Er ist das, was

alle Karikaturisten immer wieder aus ihm gemacht haben: ein Clown: aber

ein böser und gefährlicher. Er spielt die erste Rolle in diesem Prozeß.

Er ist der lebende Leichnam. Auf seiner Person baut sich die ganze

Verteidigung auf. Wenn Germaine Berton gefragt wird, ob sie bereut,

antwortet sie: „Ich bereue nicht, Plateau erschossen zu haben, aber ich

bereue, nicht Daudet ermordet zu haben.“

Es handelt sich um ein Komma, das sie den Kopf kosten wird oder nicht.

Aber sie ist mutig. Sie tanzt auf diesem Komma Seil.

Ihre Defensivstellung besteht darin, daß sie sagt:

„Ich wollte Daudet töten (aber ich habe es ja nicht getan). Ich habe die

Opfer der Action Française gerächt (aber ich wollte platonisch töten).“

Herr Daudet trägt als Zeuge eine ganz andere Maske denn als Deputierter

oder Zeitungsdirektor. Er benimmt sich still und bescheiden, wie ihn

noch nie ein Pariser gesehen und gehört hat. Kein einziger Fluch, kein

einziges Giftwort kommt über seine Lippen. Er enttäuscht. Und Germaine

Berton ist es, die ihrerseits offensiv gegen ihn vorgehen muß. Schon hat

er seine Aussage beendet und will sich unter dem Schutz seiner Truppen

zurückziehen, da hält ihn die Angeklagte zurück und schreit ihm zu:

„_Herr Léon Daudet, ich habe Sie töten wollen, weil Sie für den Mord an

Jaurès verantwortlich sind!_ Sie haben ihn umgebracht. Wir haben Jaurès

geliebt, selbst wir Anarchisten. Jaurès bedeutete für uns ein Symbol,

die Seele des edlen Frankreichs. Ich erinnere mich, ihn einmal in Tours

gehört zu haben. Damals war ich noch sehr jung, aber unsere Verehrung

für diesen Mann war so tief, daß wir in seinen Vortrag gingen wie zur

Kirche. Sie haben ihn uns getötet. Und deshalb will ich heute auf die

doppelte Frage, die mir gestern gestellt wurde, antworten: Herr Daudet,

ich bereue bitter, nicht Sie statt Marius Plateau niedergeschossen zu

haben!“

Und nun hat plötzlich ein neuer Verteidiger im Saal Platz genommen, ein

unsichtbarer, aber noch mächtigerer und gewaltigerer als Torrès: er

schwebt neben dem Christusbild hinter dem Präsidenten. Es ist ein dicker

genereuser Mann, er hat die eine Hand erhoben, sein Bart ist versilbert,

seine leuchtenden Blicke reißen das Licht der fahlen Fenster an sich,

und durch das schwarze bürgerliche Jackett leuchtet ein rotes Herz: das

ist der Tribun, der aus dem Kosmos herniederschwebt und seine Rächerin

in seinen heiligen Schutz nimmt.

„Im Namen Jaurès!“ werden jetzt alle Zeugen schwören.

Und in diesem Augenblick erfährt Léon Daudet die zweitgrößte Sühne

seines Lebens. Er wird von einem kleinen Mädchen vor versammeltem Volke

von Paris mit den Worten der Wahrheit und der Freiheit einfach

hingerichtet. Er rührt sich nicht. Er duckt sich hinter seinem feisten

Leib. Er geht unsicher ab.

Zweitgrößte Sühne: die größte nicht! Die hat er schon gebüßt. Die

Gerechtigkeit des Schicksals ist weit größer und erstaunlicher als die

menschliche. Hier spielen antike Kräfte, die Götter selbst, mit.

Denn es ist kaum einen Monat her, daß sein fünfzehnjähriger Sohn Philipp

sich erschoß, daß das Verblüffendste sich ereignen konnte, was ein

Shakespeare zum Aufbau eines Dramas nicht zu erfinden gewagt hätte. Es

ereignete sich das, was wie ein Film der Erinnerung hinter den

augenblicklichen Begebnissen durchschimmert, und hier als solcher

eingefügt sein möge.

Germaine Berton, die rote Jungfrau · 第 3 / 7 题