VI. Der Geist

Die Vernunft ist Geist, indem die Gewißheit, alle Realität zu sein,

zur Wahrheit erhoben, und sie sich ihrer selbst als ihrer Welt und

der Welt als ihrer selbst bewußt ist.--Das Werden des Geistes zeigte

die unmittelbar vorhergehende Bewegung auf, worin der Gegenstand des

Bewußtseins, die reine Kategorie, zum Begriffe der Vernunft sich

erhob. In der _beobachtenden_ Vernunft ist diese reine Einheit des

_Ich_ und des _Seins_, des _Für-sich-_ und des _An-sich-_seins, als

das _An-sich_ oder als _Sein_ bestimmt, und das Bewußtsein der

Vernunft findet sie. Aber die Wahrheit des Beobachtens ist vielmehr

das Aufheben dieses unmittelbaren findenden Instinkts, dieses

bewußtlosen Daseins derselben. Die _angeschaute_ Kategorie, das

_gefundne Ding_ tritt in das Bewußtsein als das _Für-sich-sein_ des

Ich, welches sich nun im gegenständlichen Wesen als das _Selbst_ weiß.

Aber diese Bestimmung der Kategorie, als des Für-sich-seins

entgegengesetzt dem An-sich-sein, ist ebenso einseitig und ein sich

selbst aufhebendes Moment. Die Kategorie wird daher für das

Bewußtsein bestimmt, wie sie in ihrer allgemeinen Wahrheit ist, als

_an- und fürsich_seiendes Wesen. Diese noch _abstrakte_ Bestimmung,

welche die _Sache selbst_ ausmacht, ist erst das _geistige Wesen_,

und sein Bewußtsein ein formales Wissen von ihm, das sich mit

mancherlei Inhalt desselben herumtreibt; es ist von der Substanz in

der Tat noch als ein Einzelnes unterschieden, gibt entweder

willkürliche Gesetze, oder meint die Gesetze, wie sie an und für sich

sind, in seinem Wissen als solchem zu haben; und hält sich für die

beurteilende Macht derselben.--Oder von der Seite der Substanz

betrachtet, so ist diese das _an- und fürsichseiende_ geistige Wesen,

welches noch nicht _Bewußtsein_ seiner selbst ist.--Das _an- und

fürsichseiende_ Wesen aber, welches sich zugleich als Bewußtsein

wirklich und sich sich selbst vorstellt, ist _der Geist_.

Sein geistiges _Wesen_ ist schon als die _sittliche Substanz_

bezeichnet worden; der Geist aber ist _die sittliche Wirklichkeit_.

Er ist das _Selbst_ des wirklichen Bewußtseins, dem er oder vielmehr

das sich als gegenständliche wirkliche Welt gegenübertritt, welche

aber ebenso für das Selbst alle Bedeutung eines Fremden, so wie das

Selbst alle Bedeutung eines von ihr getrennten, abhängigen oder

unabhängigen Für-sich-seins verloren hat. Die _Substanz_ und das

allgemeine, sichselbstgleiche, bleibende Wesen--ist er der

unverrückte und unaufgelöste _Grund_ und _Ausgangspunkt_ des Tuns

Aller,--und ihr _Zweck_ und _Ziel_, als das gedachte _An-sich_ aller

Selbstbewußtsein.--Diese Substanz ist ebenso das allgemeine Werk, das

sich durch das _Tun_ Aller und jeder als ihre Einheit und Gleichheit

erzeugt, denn sie ist das _Für-sich-sein_, das Selbst, das Tun. Als

die _Substanz_ ist der Geist die unwankende gerechte

_Sichselbstgleichheit_; aber als _Für-sich-sein_ ist sie das

aufgelöste, das sich aufopfernde gütige Wesen, an dem jeder sein

eignes Werk vollbringt, das allgemeine Sein zerreißt und sich seinen

Teil davon nimmt. Diese Auflösung und Vereinzelung des Wesens ist

eben das _Moment_ des Tuns und Selbsts Aller; es ist die Bewegung und

Seele der Substanz, und das bewirkte allgemeine Wesen. Gerade darin

daß sie das im Selbst aufgelöste Sein ist, ist sie nicht das tote

Wesen, sondern _wirklich_ und _lebendig._

Der Geist ist hiemit das sich selbst tragende absolute reale Wesen.

Alle bisherigen Gestalten des Bewußtseins sind Abstraktionen

desselben; sie sind dies, daß er sich analysiert, seine Momente

unterscheidet, und bei einzelnen verweilt. Dies Isolieren solcher

Momente hat ihn selbst zur _Voraussetzung_ und zum _Bestehen_, oder

es existiert nur in ihm, der die Existenz ist. Sie haben so isoliert

den Schein, als ob sie als solche _wären_; aber wie sie nur Momente

oder verschwindende Größen sind, zeigte ihre Fortwälzung und Rückgang

in ihren Grund und Wesen; und dies Wesen eben ist diese Bewegung und

Auflösung dieser Momente. Hier, wo der Geist oder die Reflexion

derselben in sich selbst gesetzt ist, kann unsre Reflexion an sie

nach dieser Seite kurz erinnern, sie waren Bewußtsein,

Selbstbewußtsein und Vernunft. Der Geist ist also _Bewußtsein_

überhaupt, was sinnliche Gewißheit, Wahrnehmen und den Verstand in

sich begreift, insofern er in der Analyse seiner selbst das Moment

festhält, daß er sich _gegenständliche, seiende_ Wirklichkeit ist,

und davon abstrahiert, daß diese Wirklichkeit sein eignes

Für-sich-sein ist. Hält er im Gegenteil das andre Moment der Analyse

fest, daß sein Gegenstand sein _Für-sich-sein_ ist, so ist er

Selbstbewußtsein. Aber als unmittelbares Bewußtsein des _An- und

Für-sich-seins_, als Einheit des Bewußtseins und des

Selbstbewußtseins ist er das Bewußtsein, das _Vernunft hat_, das, wie

das _Haben_ es bezeichnet, den Gegenstand hat als _an sich_

vernünftig bestimmt, oder vom Werte der Kategorie, aber so, daß er

noch für das Bewußtsein desselben den Wert der Kategorie nicht hat.

Er ist das Bewußtsein, aus dessen Betrachtung wir soeben herkommen.

Diese Vernunft, die er _hat_, endlich als eine solche von ihm

angeschaut, die Vernunft _ist_, oder die Vernunft, die in ihm

_wirklich_ und die seine Welt ist, so ist er in seiner Wahrheit; er

_ist_ der Geist, er ist das _wirkliche sittliche_ Wesen.

Der Geist ist das _sittliche Leben_ eines _Volks_, insofern er die

_unmittelbare Wahrheit ist_; das Individuum, das eine Welt ist. Er

muß zum Bewußtsein über das, was er unmittelbar ist, fortgehen, das

schöne sittliche Leben aufheben, und durch eine Reihe von Gestalten

zum Wissen seiner selbst gelangen. Diese unterscheiden sich aber von

den vorhergehenden dadurch, daß sie die realen Geister sind,

eigentliche Wirklichkeiten, und statt Gestalten nur des Bewußtseins,

Gestalten einer Welt.

Die _lebendige sittliche_ Welt ist der Geist in seiner _Wahrheit_;

wie er zunächst zum abstrakten _Wissen_ seines Wesens kommt, geht die

Sittlichkeit in der formalen Allgemeinheit des Rechts unter. Der in

sich selbst nunmehr entzweite Geist beschreibt in seinem

gegenständlichen Elemente als in einer harten Wirklichkeit die eine

seiner Welten, das _Reich der Bildung_, und ihr gegenüber im Elemente

des Gedankens die _Welt des Glaubens_, das _Reich des Wesens_. Beide

Welten aber von dem Geiste, der aus diesem Verluste seiner selbst in

sich geht, von dem _Begriffe_ erfaßt, werden durch die _Einsicht_ und

ihre Verbreitung, die _Aufklärung_, verwirrt und revolutioniert, und

das in das _Diesseits_ und _Jenseits_ verteilte und ausgebreitete

Reich kehrt in das Selbstbewußtsein zurück, das nun in der

_Moralität_ sich als die Wesenheit und das Wesen als wirkliches

Selbst erfaßt, seine _Welt_ und ihren _Grund_ nicht mehr aus sich

heraussetzt, sondern alles in sich verglimmen läßt, und als

_Gewissen_ der _seiner selbst gewisse_ Geist ist.

Die sittliche Welt, die in das Diesseits und Jenseits zerrissene Welt

und die moralische Weltanschauung sind also die Geister, deren

Bewegung und Rückgang in das einfache fürsichseiende Selbst des

Geistes sich entwickeln, und als deren Ziel und Resultat das

wirkliche Selbstbewußtsein des absoluten Geistes hervortreten wird.

Phänomenologie des Geistes · 第 35 / 46 题