Nein, erwiederte die Sterbende: ist er es nicht, so ist’s sein Sohn;
ich habe ihm geflucht bis in das dritte Glied -- Sophie wird Dir alles
sagen.
Der Heiland hat verziehen, entgegnete Hulda: er betete für seine
Feinde; und Du, mein Mütterchen, willst scheiden aus der Welt mit
solchem Groll, und wie -- wie kann Alonso den verdienen, da Du ihn nie
sahest?
Gott strafte auch der Väter Sünde bis in’s vierte Glied. Alonso soll
des Vaters Sünde büßen.
Kennst Du den Vater denn?
Ein schwerer Seufzer war die Antwort; das Auge fand die letzten
Thränen; -- die Arme schluchzte laut, das hart gequälte Herz ward
endlich weich und milde.
Nimm Mutter, Deinen Fluch zurück, bat Hulda christlich fromm, in Angst
und Schmerz ganz aufgelös’t. Der Tod versöhnt ja alles! Laß beten mich
für Deiner Seele Ruhe. O -- Mutter richte nicht! Ich weiß nicht, was
man gegen Dich verbrochen hat. Alonso aber ist nicht schuldig! Und Gott
allein ist unser Richter. Mach’ Dir die Sterbestunde leicht. Vergib,
so wird auch Gott Dir gern vergeben, und Engel werden Deine fromme
Seele zu seinen Himmeln sanft geleiten.
Da fiel ein Schuß, ein zweiter, und ein dritter, und von dem Hafenfort
erdonnerte des Abschiedgrusses Antwort.
Alonso geht in See, schrie händeringend Hulda, und sank ohnmächtig in
einander. --
* * * * *
Die Unglückliche hatte sich nicht getäuscht.
Alonso, bis in den Grund der Seele erschüttert, des Mutterfluches
grause Worte in dem Herzen, kam todtenbleich an seines Schiffes Bord.
Er fand den alten Linsing, warf weinend sich ihm in die Arme und rief,
vom scharfen Schmerz zerrissen: Ich muß von dannen, ich muß fort.
Allmählig nur gelang dem antheilvollen Freunde, das schreckliche
Begebniß ihm abzufragen.
Alonso, hob er tröstend an: nur hier nicht gleich so rasch gehandelt.
Die Frau hat phantasirt; ein Mißverständniß seltner Art muß hier zum
Grunde liegen. Mein Freund, mein lieber Sohn, sey ruhig. Es wird, es
muß sich alles noch enträthseln.
Kann Hulda den je lieben, den ihrer Mutter Fluch getroffen hat? fragte
Alonso und starrte dunkeln Blickes vor sich hin. Ich ahne Gräßliches!
Ein Mißverständniß ist es nicht. Die Frau gehörte dieser Welt schon
nicht mehr an, und drüben sieht man heller, als wir blöde Menschen.
Sie hat sich nicht geirrt. Mein Vater -- und ihr Bild! Im Sterben noch
war sie sich ähnlich. -- Antoinette nannte sie der Mann -- des Vaters
Lieblingsname -- zu ehren ihn, hab’ ich mein Schiff also genannt.
-- Aus Frankfurt sagt Auguste -- aus jedem Umstand press’ ich einen
Tropfen zu dem Gifte, das mir in ihrem Fluche liegt. Und Hulda -- mein
ganzes Glück, mein Leben -- dem Fluchbedeckten darf sie ja die reine
Hand in Ewigkeit nicht reichen. -- O -- hätt’ ich doch aus meinem
Scherze Ernst gemacht; ich wollte gestern mit ihr fort, -- da hielt
sie mich, um ihrer Mutter Segen willen. Statt dessen schleuderte die
Sterbende, aus ihres Grabes Schauertiefe, mir ihren Fluch in’s todte
Leben nach! -- So wahr mein Gott im hohen reinen Himmel -- ich büße
eine fremde Schuld. -- Was helfen nun mir alle Millionen! Das Höchste
meines Lebens, das Herz des Engels ist mir freventlich geraubt, und ich
bin bettelarm! So lang ich athme, wird das meine ihr allein gehören.
-- Nein, außer ihr kann Keine ich je lieben! -- Mein alter Herr und
Freund, bringt meine Schwüre ihr. Der Sonne Strahl soll langsam quälend
mich vertrocknen, des Mondes mildes Licht mir nimmer wieder scheinen,
und meines großen Gottes Rache fort und fort mich überall verfolgen,
wenn meinen Schwur der Treue ich je breche. Bringt, Freund, ihr diesen
Kuß! Ich kann sie nimmer wieder sehen.
Alonso, liebster Freund, ermahnte bittend der Director: ach haltet
diesesmal nur Euern raschen Sinn im Zügel. Die Mutter ist ja krank, sie
kann sich bessern; das böse Wort, dem Irrthum bloß enteilt, kann sie
ja widerrufen. -- Sie kann vielleicht auch sterben, und dann ist Hulda
frei! --
So denkt Ihr hier in Eurer alten Welt? fragte Alonso bitter. Ein
Irrthum war es nicht! Der Geist des höhern Lichts sprach aus des
Todtenrichters Munde. Und lebt sie Jahre noch, sie wird, sie kann nicht
widerrufen. Und thät sie es -- meint Ihr, daß sie damit den in Gift
getauchten Dolch mir aus dem Herzen ziehen könnte, den sie tief hinein
gestoßen hat? Was ich hörte, ich kann es nicht ungehört machen. Ich
könnte nimmermehr mit Liebe mich ihr nahen; ich könnte nie Vertrauen zu
ihr fassen. Sie könnte Mutter nimmermehr mir seyn. -- Und frei, sagt
Ihr, sey Hulda wenn sie stürbe? Wohl werden Wunder nicht geschehn, wenn
Hulda mir die Hand nach ihrer Mutter Tode gäbe. Kann Hulda aber das?
Kann Hulda an der Seite des Verfluchten sich eine Stunde nur des Lebens
freuen? -- Beim kleinsten Mißgeschick -- muß sie nicht immer gleich des
Mutterfluches harte Folgen fürchten? -- Das Drohbild, was sie gestern
in den Wolken sah! -- Mein Gott und Herr, soll das ein Vorgefühl des
Jammers, den der Zorn der Mutter uns bereitet hat, gewesen seyn? --
Ich kann nicht bleiben; -- ich muß fort. Sie noch einmal zu sehen, ist
mehr als ich ertragen kann. -- Mein Arm darf sie nicht mehr umfangen!
Sie muß mich fliehen, ich bin geächtet. -- In wenig Stunden bin ich der
ganzen Stadt Gespött! man zeigt mit Fingern auf den kühnen Fremden, der
sich erdreistete, der Blumen lieblichste Europa’s Gärten zu entführen,
und den ein Weib mit Fluch und Bann belegte! -- Nein! fort von hier!
hinaus in’s wilde Meer! vielleicht wirft bald eine Welle mich in des
Abgrunds dunkle Tiefe! -- Gott sey mir Armen gnädig.
Mit wildem Ungestüm sprang er zum Fockmast vor, und schrie den Negern
zu: ~Listo! levad el ancla~,[50] und andern: ~Listo! dad vela~[51];
und pfeilschnell flogen sie auf ihre Posten. Die schweren Anker wanden
sich aus ihrem Grunde, und in die aufgehießten Segel blies der leichte
Landwind seewärts.
Alonso ließ ein kleines Boot aussetzen, um den alten Linsing an das
Land zu bringen. Noch einmal schloß er ihn in seine Arme. Ein heißer
Thränenstrom entstürzte seinen Augen. Mein letztes Wort ist Hulda! rief
er im Schmerz der Trennung fast vergehend. Beschwöret sie, mit Liebe
meiner immer eingedenk zu bleiben. -- Doch ihre Hand sey frei. Kann
sie mit einem Andern glücklich seyn, so segne ich den Bund, mag es mir
auch das Leben kosten. Kein Bild, kein Blatt, nicht eine Locke, ich
habe nichts von ihr, das süße Wehe nur in der gequälten Brust. Noch
höre ich den Wohllaut ihrer Stimme, noch sehe ich die reizende Gestalt;
mein guter Gott, laß mir dies beides nur, so lange ich das Leben hier
noch friste. -- Noch einmal laßt mich athmen tief -- es ist die Luft
in der sie lebt, laßt ihres Athems Würze mich einsaugen. -- Ich sehe
sie ja +nie+ -- verstehst Du alter Freund, verstehst Du dieses
Schreckenswort? -- Ich sehe nie sie wieder; -- die Lootsen kommen an
den Bord, aus Euerm Hafen mich zu bringen. Gehabt Euch wohl. Ich steure
meinen Cours in’s Grab. Mein Herzensfreund, wenn Du mich liebst, so
bitte mit mir Gott, daß er das liebeleere Leben mir bald ende. Dort
oben gilt kein Fluch. Dort seh ich Hulda wieder! -- Dank Dir, mein
alter Freund, daß Du die bittere Scheidestunde mir versüßest. Bring
Frau und Kindern meinen Gruß. Dieß, Linsing, meiner Hulda!
Er gab ihm aus einem neben ihm stehenden Blumentopfe, einen Zweig
brennender Liebe, drückte ihm einen Kuß auf die Lippen, zog ihn noch
einmal an sein Herz, und die Kanonen seines Schiffes sagten dem Hafen
Lebewohl.
Linsing ließ sich an das Land setzen, und Alonso stand wie ein
Wahnsinniger, mit starrem Blicke nach dem Balkon gerichtet.
Weiter und weiter trieb der Wind die Antoinette hinaus, dem
unermeßlichen Weltmeere zu -- Hulda erschien nicht -- Alonso’s Kräfte
schwanden. Die starke Eiche brach, wie mürbes Rohr, zusammen. Er stieß
der bittersten Verzweiflung lauten Schrei aus der zerrissenen Brust,
und stürzte halb todt auf das Verdeck; da eilten seine treuen Neger
schnell herbei, und trugen ihren Herrn erstarrt in die Kajütte.
* * * * *
Wer mahlt der armen Hulda namenlosen Schmerz, als sie erwachte. Die
Mutter lag entseelt vor ihr im Bette. Das Herz, es schlug nicht mehr,
kein Athemzug -- das starre Auge hatte nicht mehr Leben, vom bittern
Todeskampf war das Gesicht entstellt -- der Fluch -- es war, als hätte
sie ihn nicht zurück genommen, als wäre sie mit ihm zur Unterwelt
gefahren.
Des Kindes Angstgeschrei rief den Vater und die Bedienung herbei.
Auch der Arzt kam. Alle Mittel, des Todes Macht zu bannen, blieben
erfolglos.
Hulda konnte nicht bleiben; das furchtbar zürnende Gesicht der -- mein
Jesus, rief sie laut: ich will ja, Mutter, Deinen Willen thun, nur
zürne mir im Tode nicht! Ich war Dein liebes Kind ja immer, und Gott
wird Kraft mir geben, daß ich -- O Mutter, Mutter, höre noch aus Deiner
fernen Welt auf Deines Kindes banges Flehen -- geh’ nicht mit diesem
Groll in Deine stille Gruft.
Der Vater bat weinend die Umstehenden, Hulda auf ihr Zimmer zu bringen.
Bete mein Kind, sagte er, ihr ängstliches Zagen beschwichtigend: auf
Deinen Knieen um die Ruhe der Verklärten. Alles meines Bestrebens
ungeachtet, hat ihr das Leben der Freuden wenig nur geboten. Sie nannte
oft den Tod nur ihren einzigen Freund. Sein sanfter Schlaf möge ihr die
Erquickung schenken, die sie hier nirgends finden konnte, und jenseits,
wo uns kein Kummer trüben soll und wo wir klarer schauen werden, wird
sich vielleicht auch mir des Trübsinns Grund eröffnen, der überall die
Rosen ihres Lebens bleichte.
Hulda, in Thränen der kindlichsten Wehmuth zerfließend, lag in ihrem
Zimmer, vor ihrem Gott gebeugt, als der alte Linsing eintrat, die
brennende Liebe ihr reichte, Alonso’s Scheidekuß ihr auf die Lippen
drückte, und ihre vorhin geäußerte, über das plötzliche Verscheiden der
Mutter aber wieder entschwundene Ahnung von Alonsos Abreise, durch die
einfachen, im Munde des tief gerührten Mannes kaum vernehmbaren Worte:
Er ist fort! bestätigte.
Sie sah den Todesboten mit thränenschweren Augen an, that aus der
blutenden Brust einen lauten Schmerzensschrei und sank, dem Jammer des
Lebens auf ewig verfallen, ohne Besinnung zu Boden.
Nach einer Stunde erst kam sie so weit wieder zu sich, daß sie ihrer
Sinne mächtig ward. Unter dem Vorwande, frische Luft zu schöpfen, ging
sie in den Garten, trat später in den Saal und bestieg den Balkon.
Auf der Stelle im Hafen, wo die prächtige Antoinette vor Anker lag,
befand sich jetzt ein unansehnlicher Grönlandsfahrer; draußen auf dem
Meere, ganz oben, auf der fernsten Höhe des Wasserspiegels, gewahrte
sie einen schwarzen Punkt. Das war Alonso’s Schiff; mit gebrochenem
Herzen rief sie dem Entschwindenden, der unauslöschlichen Liebe
verzweiflungvolles Lebewohl, leise nach, und sah, still vor sich
weinend, starren Auges, nach dem immer mehr und mehr enteilenden Punkte
hin, bis er verschwand.
Zehnmal wischte sie sich die aus der gepreßten Brust unaufhaltsam
hervorquellenden Thränen von den Wimpern, um noch einmal, nur noch ein
einziges Mal das fliehende Schiff zu erspähen. Aber ihr Auge erreichte
es nicht mehr! --