Herr, sagte Alonso, seiner Wuth fast nicht mehr Meister: ich breche

Ihnen hier auf dem Fleck Ihre kranken morschen Knochen in einander,

wenn Sie mir nicht den Augenblick meinen Platz räumen. Zaudern Sie nur

eine Sekunde, so trete ich Ihnen das Lebenslicht mit den Beinen aus.

Er blickte ihm dabei so grimmig in die Augen, und griff ihm in das

mürbe Schulterblatt, auf dem zufällig seine Hand lag, so gräßlich, daß

Casperchen wohl abnahm, wie mit dieser Riesenkraft nicht zu spaßen sey.

Um kein Aufsehen zu machen! entgegnete Casperchen, und die Lippen

flogen ihm, daß er kaum reden, und die Kniee schlotterten ihm, daß

er kaum gehen konnte; und so schlich er, hinter der Tafel, die ihn

fast laut bespöttelte, zur böslicher Weise verlassenen Lina, die das

erbärmliche Surrogat ihres verlornen Mexikaners kaum eines Blickes

würdigte.

Was haben Sie gemacht? fragte Hulda den siegreichen Alonso, mit

verhaltenem Unwillen. Die ganze Gesellschaft sieht mit zweideutigem

Blick auf mich; ich sitze wie am Pranger, und morgen bin ich das

Gespräch aller Zirkel in der ganzen Stadt.

Was ich gemacht habe? erwiederte Alonso, bis zum Muthwillen fröhlich

-- mir mein Recht bewahrt, und das ist jedes Ehrenmannes Pflicht. So

lange ich glaubte, daß der Wirth des Hauses mich da hinüber neben die

Schmachtlampe bestimmt hatte, so lange mußte ich, als Gast, seine

getroffene Einrichtung ehren; sobald aber Gustchen mir sagte, daß mir

Unrecht geschah, sobald mußte der Patron, der mir schon vom ersten

Eintritt in die Gesellschaft, wie Brechpulver war, wieder herausgeben,

was er mir raubte; und hätte es mir, oder ihm, auf der Stelle das

Leben kosten sollen, ich wäre nicht gewichen. Der Seelenverkäufer hat

mir eine Stunde gestohlen, die mir mit dem ganzen Lumpenleben dieses

Lurrendrehers[29] nicht ersetzt werden kann -- und was die Stadt

anbelangt, die lassen Sie sprechen, was sie will; sie soll hoffentlich

noch mehr von uns zu erzählen bekommen; glauben Sie, die meisten

Menschen, selbst in den Zirkeln der höheren Stände, die wir für die

geistreichern halten sollen, wüßten oft gar nichts zu reden, wenn sie

nicht über die Leute sprechen dürften. Die Stadt wird uns ordentlich

verbindlich seyn, wenn wir ihr einmal etwas zu reden geben. -- Hulda,

setzte er ernster werdend hinzu: meine einzige, liebe Hulda, reichen

Sie mir Ihre Hand, ich bringe Ihre Gesundheit aus, und die ganze Stadt

weiß alsdann, woran sie ist. --

Hulda verging fast vor Todesangst, denn er griff schon zum Glase, und

wollte sich vom Stuhle erheben.

Stürmisches Ungethüm, sagte sie, und wollte böse seyn, und konnte

doch nicht auf ihn grollen; aber mit Wort und Blick bat sie auf

das dringendste, sie nicht in diese entsetzliche Verlegenheit zu

setzen. Sie haben vorhin Ihrer Eltern erwähnt, fügte sie, mit

niedergeschlagenen Augen hinzu, denn sie fühlte, daß das, was sie sagen

wollte, mehr, als ein halbes Jawort war, aber der Dränger -- preßte er

es ihr nicht durch den kecken Vorsatz ab, ihre und seine Gesundheit,

als Braut und Bräutigam, ausbringen zu wollen? Mußte sie, um ihn davon

abzuhalten, nicht zum letzten Mittel greifen? Sie haben vorhin Ihrer

Eltern erwähnt; was würden die meinigen von Ihnen halten müssen, wenn

Sie hier, ohne ihnen ein Wort gegönnt zu haben --

Darf ich kommen? wann? morgen früh? wie viel Uhr? fiel er ihr in die

Rede, und küßte, vor Freude halb unsinnig, ihr die Hand bald wund.

Aber Alonso, sagte flehentlich die vom ganzen Umkreise mit Lorgnetten

und Brillen Beliebäugelte: die ganze Gesellschaft sieht ja auf uns; wir

sind ja nicht allein!

Wollte doch Gott, erwiederte er lachend: wir säßen auf den berüchtigten

Inseln zwischen dem Nordcap Tschalaginskoi und Siberien; die sind von

Rhinoceros- und Elephantenknochen zusammen gefroren; auf denen wohnt

kein Mensch; dort sähe uns Niemand!

Hulda wollte sich dieses paradisische Eldorado verbitten, aber eben

kam Gustchen, und meldete ihr den Wunsch des Vaters, baldigst zu Hause

zu kommen, weil die Mutter wieder recht krank sey. Sie stand daher

eilig auf, bat, vorfahren zu lassen, und hörte, von der unerwarteten

Nachricht erschüttert, nur mit halbem Ohr, Alonso’s Bedauern, daß sie

die Gesellschaft so zeitig verlasse, so wie seine wiederholte Frage,

ob und wann er morgen früh kommen dürfe, und seine kaum gewagte Bitte,

heute Abend noch, oder wenn dieß nicht möglich seyn sollte, wenigstens

morgen ihrer Blumen auf dem Balkon zu gedenken. Er begleitete sie

bis zum Wagen, und schien wohl auf einen Gutenachtkuß im Stillen

gerechnet zu haben, aber, vor dem Kutscher und den zwei Bedienten mit

Windlichtern und Fackeln, hatte der Schüchterne doch nicht den Muth,

sich vielleicht einer abschlägigen Weisung auszusetzen.

Was sollte er jetzt noch in der Gesellschaft! er flüchtete in seine

stille Kajüte, und blickte, von Zeit zu Zeit, mit der stillen

Sehnsucht glühender Liebe, nach dem Balkon hinauf, aber es ward tiefe

Mitternacht, und Hulda blieb aus.

Die Kindespflicht fesselte sie an das Bette der leidenden Mutter, die

wieder recht krank gewesen war, jetzt aber ein wenig mehr Ruhe bekam,

und nach einer Weile einschlummerte.

Der Vater winkte dem Mädchen in das Nebenzimmer.

Wie ist es gekommen, fragte Hulda ängstlich, daß Mutterchen so

plötzlich wieder erkrankt ist? sie befand sich heute Mittag so wohl!

hätte ich den Rückfall nur ahnen können, ich hätte ja keinen Fuß aus

dem Hause gesetzt; ich mache mir jetzt ordentlich ein Gewissen daraus!

Wie ist es gekommen, erwiederte der Vater verdrüßlich: Du warst kaum

fort, so ließen sich Maklers melden; ich kann die scheinheiligen

Menschen, die ewig und immer die Gottesfurcht im Munde und die

unmenschlichste Kälte im Herzen haben, nicht leiden, und bat, daß sie

ihnen absagen lasse; aber sie meinte, daß ihr recht wohl sey, daß sie

sich nach Unterhaltung sehne, daß sie die Veranlassung des Besuches

schon wisse, und sie daher nur kommen möchten. Ich ging, weil ich das

frömmelnde Wesen der beiden Menschen nun einmal platterdings nicht

ausstehen kann, auf die Ressource, und kam vor einer Stunde erst

wieder. Da rief mich denn die Mutter an das Bette, und machte mich,

nach einer langen, weit ausgeholten Einleitung über die Nothwendigkeit,

auf Dein zeitliches Glück nun mit Ernst bedacht zu seyn, mit dem ihr,

diesen Nachmittag, eröffneten Antrage der Eltern bekannt, Dich ihrem

Caspar zur Frau zu geben?

Mich? -- dem Caspar? fragte Hulda erbleicht.

Mach’, was Du willst, fuhr der Vater fort: aber ich kann mir nicht

denken, daß ein reines keusches Mädchen, wie Du, meine Hulda, mit dem

ausgemergelten Menschen glücklich seyn kann. Ich habe ihn heute früh

gesehen. Wie die leibhaftige Sünde sieht er aus, und dabei so brutal,

so plump, so ungeschlacht! das soll englisch seyn! der Narr! Die

Britten sind Ehrenleute, die auf feine Manier und Anstand, auf Sitte

und Anspruchlosigkeit eben so streng halten, als wir. -- Mein einziges

Kind diesem entnervten Wüstlinge in die Arme zu legen! -- nein, es wäre

mir nicht möglich. -- Ich entgegnete dieß der Mutter, aber sie bestand

mit ungewohnter Festigkeit darauf; sie lobte die Eltern, als fromme

christliche Leute, den Sohn als gewandten, mit Glücksgütern reich

begabten Kaufmann; und das Suschen, das einfältige Ding, das allen

Menschen nach dem Munde redet, um sich bei allen einzuschmeicheln, als

ein gefügiges liebenswürdiges Wesen, versicherte wiederholentlich, daß

sie für Dich und uns kein größeres Glück kenne, als Dich in diesem

Hause aufgehoben zu wissen, in welchem Religion und Tugend heimisch

wären, und wo in einem Tage mehr und frömmer und andächtiger gebetet

werde, als in der ganzen Stadt in einem Jahre, und bestürmte mich um

meine Einwilligung in die Verbindung.

Ich war bis dahin recht ruhig geblieben, und hatte mich möglichst

zu fassen gesucht; als ich aber aus ihren Reden merkte, daß von

Caspars Eltern, die, wie Du weißt, auf die Mutter von je an, einen

unbegreiflichen Einfluß gehabt haben, diese Parthie schon seit

längerer Zeit abgekartet war, und ich gewahrte, daß sie, ohne meinen

Einwendungen vorhaltende Gründe entgegen zu setzen, auf ihrem Willen

fest beharrte, mochte ich -- es galt ja Dein ganzes Lebensglück, mein

einzig liebes Kind -- mochte ich wohl etwas zu heftig geworden seyn.

Unser Zweisprach ward immer lebhafter, ich vergaß, daß die arme Mutter

krank war, ich platzte mit dem, seit Jahren schon verhaltenem Grolle

gegen das Schleichervolk, die Maklers, aus der Brust heraus, und das

erschütterte dann die Mutter so, daß sie in die heftigsten Krämpfe

verfiel, und ihr Zustand so bedenklich ward, daß ich Dich holen lassen

mußte. Habe ich gefehlt, so mag mir Gott verzeihen, aber sprach ich

nicht für Dich, wer sollte Deiner sich annehmen, und wo ist der Vater,

der bei ruhigem Blute bleiben kann, wenn er sieht, daß sein Kind, sein

einziges Kind, aus bloßem Vorurtheil, aus blinder Geistesbefangenheit,

um das Heil seines ganzen Lebens hienieden gebracht werden soll. Jetzt

geh, meine Tochter, und leg’ Dich nieder, und bete zu Gott, daß er der

Mutter erkaltetes Herz erwärme, damit sie von Dir nicht fordere, was

Deinen Vater in die Grube bringen würde; denn den Menschen an Deiner

Seite als meinen Schwiegersohn, zu sehen, würde ich kein halbes Jahr

überleben.

Seyn Sie auf die Mutter nicht böse, mein Vater, hob Hulda an, und

weinte kindlich fromme Thränen: sie meint es gut mit mir, und glaubt,

mein Glück durch diese Verbindung zu begründen; wenn ich ihr aber

sagen werde, daß ich den Menschen +nie+ lieben +kann+, wird

sie sicher von dem Plane abstehen. Sie ist ja gut und verständig; ich

will schon mit ihr reden, daß meine Worte Eingang finden sollen in ihr

mütterliches Herz.

Thue das, mein Kind, sagte der Vater: und leg Dich nun zur Ruhe, und

bereite Dich zu morgen vor, daß Du gefaßt bist, und ihre Wünsche

zurückweisen kannst, ohne Gefährdung ihrer Gesundheit.

Hulda legte sich wohl nieder, aber schlafen konnte sie nicht; die Augen

fielen ihr vor Müdigkeit zwar hundertmal zu, aber sie schlug sie auch

hundertmal wieder auf, denn bald umklammerte sie Caspar mit seinen

langen dürren Armen, bald sah sie sich von einem Schlangenindianer

an den Gewässern der Columbia verfolgt; bald lustwandelte sie mit

Alonso am Meerbusen von Florida, umduftet von den hier wild wachsenden

Orangen, im Schatten der breitblättrigen Banane und des zierlichen

Bambusbusches; bald sprang das sanftmüthige flüchtige Thier, die

Antelope, an den himmelhohen Basaltwänden des obern Missuri vor ihnen

vorüber; -- bald hörte sie seine sanfte Rede, und sah in das dunkele

Veilchenblau seiner großen Augen und fühlte das Schwellen seiner

frischen Lippen auf ihrem rosigen Munde. Bald schwebte sie, umschlungen

von seinem kräftigen Arm, und unter vollstimmiger Begleitung eines

köstlichen Walzers, zum Ballsaal hinaus, über die blauen Berge am

Kanhawa, über die goldgedeckten Tempel der Omegas im Innern von Guyana

hin, bis zu den blumenreichen Küsten des stillen Meeres; -- bald kamen

wieder die Bilder am gestrigen Abendhimmel ihr vor die träumende

Seele, und das lange hohe Kreuz und die drohende Mutter und die dürre

Gestalt des Eskimos auf Labrador. -- Da habe ich ja, sagte sie von der

Stille der Mitternacht umdunkelt, leise zu sich selbst: da habe ich ja

die Deutung jener Himmelsbilder! das Kreuz -- ach es ist so schwarz

und so schwer, und das Gesicht der Mutter so kalt und finster -- und

der entsetzliche Eskimo mit der grausenden Larve -- weg, weg mit den

schrecklichen Bildern -- an ihn will ich denken, der so freundlich

mit mir sprach, dessen Rede mir so wohl klang, dessen Seele so klar

vor mir liegt, wie die Krystallquellen am Fuße der Luftvulkane[30]

bei Turbako; in dessen Armen mir war, als stände ich kühl beschattet

vom silberglänzenden Laubwerk des Riesenbaums.[31] -- Aber, kann ich

denn auch im Traume nicht aus dem verwünschten Amerika heraus, sagte

sie jetzt völlig erwacht, und konnte nun nicht mehr schlafen, und

wiederholte sich, vom Frühroth des ersten Morgengoldes im Bettchen

freundlich begrüßt, alles, was er gesprochen, und hatte vor der

heutigen Unterhaltung mit der Mutter keine Angst mehr, denn er wollte

ja selbst kommen, und mit ihm hielt Casperchen keinen Vergleich aus;

sah die Mutter auf zeitliches Gut, so wog der zwanzigste Theil von

Alonsos Vermögen, den ganzen Caspar auf, und da Alonso erklärt hatte,

daß die Wahl des künftigen Wohnorts lediglich von ihr abhängen solle;

so verstand es sich, daß sie ihrem gestrigen Versprechen eingedenk, die

Mutter nicht verlassen, sondern wenigstens so lange als diese lebe,

hier bleiben werde, und somit war jede Schwierigkeit beseitiget.

Armes, getäuschtes Mädchen!

Beim Frühstück schon, trat die Mutter mit den Absichten hervor,

die ihr Caspars Eltern gestern eröffnet hatten; sie erinnerte Hulda

an deren gegebenes Versprechen, sich nicht außerhalb des Orts zu

verheirathen; hielt der Familie, in deren Kreise sie künftig leben

werde, die gebührende Lobrede, und ließ sich über Caspars wohlgeordnete

Vermögensumstände und seine, im Auslande erworbene Bildung des weiteren

aus; vergaß auch nicht die Schwierigkeit, bei der gegenwärtigen

Heirathscheu der meisten jungen Leute im Orte, eine ähnliche

vortheilhafte Parthie sobald wieder zu finden, in das gehörige Licht

zu setzen, und schloß mit der Bemerkung, daß sie auf dieß alles, von

der gehorsamen und liebenden Tochter, eine, den elterlichen Wünschen

entsprechende Erklärung erwarte.

Hulda bog freundlich lächelnd aus; kam Alonso, der blühend schöne,

frische Mann, dem der liebe Herr Gott die Reinheit des unverdorbensten

Herzens, die Unschuld der zartesten Sitte, und die Gediegenheit der

ehrenfesten Grundsätze auf jeden Zug seines einnehmenden Gesichts

geprägt hatte, und hörte die Mutter von den zehn Millionen Piaster, die

ihm der alte Handelsgerichtsdirector nachrechnen wollte, und erfuhr

sie, daß ihr Hulda nicht aus dem Hause geführt werden, sondern bis

an des Lebens Ende bei ihr bleiben sollte, so war von dem Casperchen

keine Rede mehr; das stand mit mathematischer Gewißheit ihr im Köpfchen

geschrieben; und kommen wollte er ja; er hatte es versprochen, und

dieser wunderhübsche Mund hatte gewiß noch keine Lüge gesagt. Sie

küßte der Mutter die Hand, nahm die ganze Sache als einen leichten

Scherz, indem es bei ihrer Jugend keine Eile habe, meinte, daß es

ihr ordentlich lächerlich sey, jetzt an das Heirathen zu denken, und

betheuerte, daß vor allem erst die geliebte Mutter gesund werden müsse,

und sich dann hierüber ja wohl werde ein Mehreres sprechen lassen.

Damit kam die Schlaue aber nicht los. Die Mutter ward empfindlich und

begriff nicht, wie der besonnenen Hulda, die kein Kind mehr sey, ein

so wichtiger Schritt, als die Verbindung eines Mädchens mit einem

jungen Manne, auf die ganze Lebenszeit wäre, lächerlich seyn könne,

und bat sie, dem sehr wichtigen Gegenstande einen Augenblick ernster

Betrachtung zu schenken. Meine Tage, setzte sie hinzu: sind gezählt,

ich habe auf dieser Welt keinen Wunsch mehr, als Dich glücklich zu

wissen; ich habe zu Gott gebetet, daß er mir in dieser letzten Sorge

hienieden, seinen Beistand nicht versage; er hat mir in den Eltern

des, Dir vom Schicksal Bestimmten, christlich gesinnte Rathgeber

geschenkt, und daß der Himmel unsern Beschluß segnet, beweis’t, daß der

junge Mann, der Deine Hand begehrt, noch ehe ich die Augen schließe,

glücklich und mit dem reichen Erwerbe seines redlichen Fleißes hier

eintrifft, und ich die Freude noch erlebe, Dir den Brautkranz in das

Haar zu flechten, und Deinen Ehrentag mit zu feiern. Ich bin daher fest

überzeugt, daß das Werk, was wir mit frommem Gebet begannen, ein Gott

wohlgefälliges sey, und Dein Glück und Deine Zufriedenheit begründen

werde. Ich sehe also keinen Grund ab, warum Du mit Deiner Erklärung

bis zu dem sehr ungewissen, und wahrscheinlich nie eintretenden

Zeitpunkt meiner Genesung, Anstand nehmen willst, besonders da eine

Menge Eltern hier, welche unbescholtene und mannbare Töchter haben,

den von Dir herbeigeführten Aufschub mit Freuden benutzen, und den

Entschluß des jungen Mannes, Dir seine Hand zu bieten, durch allerhand

Zwischenträgereien schwankend, und ihn, am Ende, Dir selbst abwendig

zu machen suchen würden. Alle diese Umstände bestimmen mich, Deine

Erklärung und, da Du gegen das Haus so wenig als gegen ihn selbst

etwas einwenden kannst, Dein Jawort in dieser Sache +jetzt+ zu

gewärtigen.

Die arme Hulda verlor fast die Fassung. In diesem Augenblicke der

Mutter zu sagen, daß ihr Herz nicht mehr frei sey, war nicht möglich.

Die Mutter kannte ja den nicht, dem es gehörte. -- Sie hatte, als der

Vater zum ersten Male von ihm sprach, und ihn vom Kopfe bis zum Fuß

beschrieb, gesagt: nichts weiter, wenn ihr nicht wollt, daß ich sterben

soll; als der Vater vorgestern Abend bei Tische von ihm wieder anfing,

legte sie Messer und Gabel weg; wie dieser äusserte, daß des

jungen Mannes Schiff ihren Namen führe, klagte sie über heftigeres

Uebelseyn; gestern früh erregte der schwarze Krepp, den Tante Sophie,

von Lima aus, im Traume sandte, ihr spöttelndes Gelächter. Sie eiferte

gegen die spanische Sprache; -- alles das zusammen genommen, webte in

dem feinfühlenden Mädchen eine Ahnung, deren Daseyn es sich kaum selbst

recht bewußt war; aber es mußte etwas seyn, was mit ihm, wenn auch,

wie natürlich, in ganz entfernter Beziehung stand, und was der Mutter

an ihm unlieb war; doch sie hatte ihn selbst ja noch nicht gesehen,

ihm konnte, nach Almas Geständniß, kein Mädchen gram seyn; bei seinem

Anblick war bestimmt auch die Mutter gewonnen; er kam gewiß heute,

spätestens morgen, allerspätestens übermorgen. Drei Tage also bat sich

Hulda Bedenkzeit aus, küßte der Mutter beide Hände, und ärgerte sich,

daß sie nicht einmal so viel Gewalt über sich hatte, wenigstens ein

ernsthaftes Gesicht zu machen. Aber der ewig wolkenlose Südhimmel des

paradisischen Climas, in dem ihr Alonso geboren wurde, lag in ihrer

Seele, in ihrem Auge; die heimliche Freude, die Mutter mit einem

zehntausendmal bessern Schwiegersohne zu überraschen, blitzte ihr aus

allen Mienen, und sich zu verstellen, hatte ja das reine Wesen nie

gelernt.

Die drei Tage sind Dir vergönnt, sagte die Mutter nach einigem Besinnen

höchst mißgelaunt; aber ich begreife Dich nicht; Du behandelst den

Schritt, zu dem jedes wohlgesittete Mädchen mit feierlichem Ernst sich

vorbereitet, so leichtsinnig, als wäre es eine Ballangelegenheit; wenn

Du vorliesest, so steht Dir bei irgend einer sentimentalen Stelle

gleich das Wasser in den Augen, und jetzt ist Dir das Lachen näher, als

das Weinen, und wo hier zwanzig Mädchen aus den ersten Familien mit

beiden Händen zugreifen würden, thust Du, als ob Dir die angetragene,

weiß Gott, doch höchst ehrenwerthe Parthie noch nicht gut genug wäre.

Auf was willst Du denn warten? Auf was bildest Du Dir denn ein,

Ansprüche machen zu können. Unsere Umstände sind, wie Du weißt, im

Gegensatz vieler hier weit reicheren Häuser, nicht glänzend; und Dein

Bischen Larve -- mein Kind, es hat schönere Mädchen gegeben, und sie

sind alle verblüht. Also sehe ich nicht ab, auf was Du glaubst groß

pochen zu können, oder -- fragte sie nach einer kurzen Pause, die Worte

scharf und hart betonend, und durchbohrte das Mädchen mit stechendem

Blick: steckt Dir etwas anders im Kopfe?

Nichts, als der gestrige Ball, entgegnete erschrocken das wahrhafte

Kind, das noch nie gelogen, und bückte sich auf die Hand der Mutter

tief nieder, denn das erste Morgenroth der heimlichen Liebe überhauchte

die Lilienwangen der Liebreizenden, mit dem dunkelsten Purpur.

Warum nicht auch Deine Puppen, erwiederte die Mutter mit saurer

Bitterkeit: wahrhaftig, man sollte denken, Du hättest noch gestern

damit gespielt, so kindisch benimmst Du Dich heute. Geh und sammle

Dich; und wenn Du Deinen Ball, und Deine Narrenpossen verschlafen hast,

so komme wieder, daß wir, wie es einem Mädchen Deines Alters ziemt, ein

verständiges Wort weiter über die Sache reden können.

Sie wendete sich in ihrem Bette verdrüßlich nach der Wand zu, und

Hulda, der es nun anfing recht ernsthaft zu Muthe zu werden, flüchtete

zum Vater, der von einem Geschäftsgange eben jetzt zu Hause kam.

Nun Mädchen, rief dieser ihr entgegen: Du siehst ja recht bedeutsam

aus! hat die Mutter mit Dir schon gesprochen?

Ich habe drei Tage Bedenkzeit, entgegnete triumphirend die Tochter, und

sah den Vater, der sie so unaussprechlich liebte, der so herzensgut

war, und von dem jungen Seemanne gestern und vorgestern nichts als

Liebes und Gutes gesprochen hatte, mit einem Blicke an, als fragte

sie sich, ob sie es wagen dürfe, ihm ehrlich und offen zu beichten.

Väterchen, hob sie an, und lehnte die Wange an seine Brust, damit er

ihr zu dem, was sie ihm zu sagen habe, nicht in das Gesicht sehen möge:

liebes Väterchen, mit dem Caspar ist es nichts.

Gut, mein Kind, erwiederte der Alte lächelnd: darüber sind wir, Gott

sey Dank, einverstanden, und die Mutter wird am Ende auch die Idee

aufgeben.

Aber, fuhr sie leiser fort, und senkte die Augenlieder, als schäme sie

sich vor sich selber: aber mit einem andern -- vielleicht -- da ist es

nicht ganz richtig. Sie lag mit dem Ohr dicht an des Vaters Herzen; sie

hörte es schlagen -- das Herz, das es so redlich mit ihr meinte, es

schlug ruhig fort -- der Vater sprach kein Wort, er schien noch Näheres

von ihr zu gewärtigen.

Dir, mein liebes Väterchen, fuhr sie mit verhaltener Stimme fort, und

schlang beide Arme dichter um ihn: muß ich mich vertrauen; noch ist das

heilige Geheimniß über meine Lippen nicht gekommen, noch weiß es, außer

Dir --

Die ganze Stadt, fiel ihr der Vater lachend in das Wort, und küßte

segnend dem einzigen, dem lieblichen Kinde Stirne und Mund, und die

hellen Thränen der süßesten Freude des Menschen, der Elternfreude über

das Glück des geliebten Kindes, zitterten ihm im Auge.

Die ganze Stadt? wiederholte Hulda staunend, und sah dem Vater in das

freundlich naße Auge, und las in diesem ihr Glück und ihre Hoffnungen.

Wo ich bei unsern Bekannten heute früh hinkam, versetzte der Vater:

machte man mir große Gratulationen; die Menschen waren gestern auf

dem Balle gewesen, und hatten von da das Gerücht Deiner Brautschaft

mitgebracht; ich werde neugierig, der Sache näher auf die Spur zu

kommen, steige zu Directors, und höre denn da zu meiner nicht geringen

Verwunderung, daß mein Herr Mexikaner -- o, nun weiß ich wohl, warum

mich der Patron immer bei der Hauptwache abgepaßt hat. Höre, Huldchen,

etwas Schlechtes hast Du Dir nicht ausgesucht, den alten Linsing hat er

zu seinem Brautwerber erkohren, und sich an den Rechten gewendet; der

Mann ist in ihn selber verliebt, wie ein Mädchen. Wenn er nur halb so

brav und gut ist, als der Director ihn schildert, so mag er um Deine

Hand werben, Hulda, und er soll mir willkommen seyn.

Mein Vater, mein einziger lieber englischer Vater! rief Hulda im

Uebermaße ihres Entzückens, und sank ihm, trunken vor Freude und Wonne,

in die Arme.

Sein Vermögen, fuhr der Alte fort, und hob die Brust höher, denn

es that ihm wohl, seine Tochter im Besitz solcher unermeßlichen

Reichthümer zu sehen, -- der alte wackere Linsing hat ihm gesagt, daß,

wenn er sich mit der Sache befassen solle, der junge Mann ihm über

seine Lage reinen Wein einschenken, und seine Angaben ihm möglichst

belegen müsse; die Nachweisung seines Vermögens wird nur glaubhaft,

wenn man sie nach dem Maßstabe berechnet, der nur dort, in jener

Heimath des Reichthums und Ueberflusses denkbar ist. Nach unserm Gelde

angeschlagen, reicht Dir der Ehrenmann mit seiner Hand, ein Besitzthum

von ungefähr funfzehn Millionen[32] Thalern -- ich kann Dir zehn

deutsche Fürsten nennen, die mit diesem mexikanischen Krösus gern

tauschen würden, und von +der+ Seite also betrachtet, ist das

Glück meines Kindes gesichert; er hat zwar geäußert, sich, wenn Du

es durchaus wünschest, hier ansiedeln zu wollen: allein, wenn es ihm

irgend schwer wird, sein Vaterland Preis zu geben -- ich ziehe mit

der Mutter den Augenblick hin; dort, wo der Oelbaum gedeiht, und der

Paradiesfeigenbaum, wo der Weitzen dreißigfältig trägt, die Ananas, wie

bei uns die Heidelbeeren, in den Wäldern überall wild wachsen, und die

Sonnenblume sechsmal größer ist, als hier zu Lande; dort, wo ein ewiger

Frühling blüht, und den dunkelblauen Himmel keine Wolke trübt; wo nur

leichte Morgennebel und des Thaues Perlentropfen die blumenbedeckten

Fluren netzen, und des Meeres Winde die Lüfte kühlen; dort muß ja auch

der Mensch kräftiger aufleben und der Kranke genesen -- Der einzige

Zweifel --

Hulda zog die schönen Augenbrauen zusammen, und harrte mit ängstlichem

Blick auf die Zweifel des Vaters, der recht bedenklich den Kopf wiegte,

und mit der Sprache nicht heraus zu wollen schien.

Der einzige Zweifel ist jetzt daher nur der, ob auch Du, meine Hulda,

in seine und meine Wünsche Dich fügen, ob Du Dich entschließen wirst,

ihm Deine Hand, und Dein Herz --

Mein Väterchen -- unterbrach ihn Hulda verschämt lächelnd: was können

Sie einem angst machen! Dieser einzige Zweifel wird sich wohl heben

lassen. Sprechen Sie ihn nur erst selbst, und sein treues biederes

Herz, sein fröhlicher Sinn, sein offenes trauliches Wesen, seine

anspruchlose Natürlichkeit werden Ihnen gewiß gefallen; auch ist er

-- setzte sie, mit gesenktem Köpfchen schmunzelnd hinzu: nicht ganz

häßlich.

Nun aber sag’ mir Kind, fragte der Vater, das Lächeln mit Mühe

verhaltend: wie hat sich das alles so schnell gemacht? Du bist ja kaum

drei, vier Stunden auf dem Balle gewesen?

Mit der Liebe? entgegnete Hulda, und machte ein recht naives

Professorgesicht dazu: mit der Liebe, ich meine die so recht

eigentliche liebe Liebe, ist es, glaube ich, wie mit der Ewigkeit;

sie hat keinen Anfang und kein Ende. Ich weiß selbst nicht, wie das

alles kam. Auf dem Balle aber sahen wir uns auch nicht zum ersten

Male; wir kennen uns schon viel länger, und nun erzählte sie, wie er

ihr in der Kirche gegenüber saß, und von dem Zusammentreffen in der

Modehandlung, und von der Unglücksgeschichte mit der Glashändlerinn und

dem Gipsitaliener, und von den Kinderstreichen auf dem Verdecke seines

Dreimasters, und oben im Mars, und von dem verwünschten Sehrohre, und

der schmachtenden Flöte, und von -- Babette platzte zum Zimmer herein,

und meldete den Capitain Don Mantequilla.

Hulda rief fröhlich: das ist er! schlüpfte -- denn wie sie war, im

nachlässigsten Morgenputz, konnte sie sich nicht vor ihm sehen lassen,

-- schlüpfte durch eine Seitenthür und eilte auf ihr Zimmer, um sich

anzukleiden.

Er war gekommen, er hatte Wort gehalten. Er sprach die Eltern um ihre

Hand an.

Wer mahlt des Mädchens Entzücken, wer das süße Beben ihres in Liebe

und Freude erglühenden Busens!

Blumen, Band, Perlen, Häubchen, nichts paßte ihr heute in das Haar;

die Locken liefen nicht, wie sie sollten; beide Händchen flogen ihr

zitternd; sie konnte nicht zu Stande kommen. Das Morgenkleid war zu

einfach, +das+ zu geschmückt, alle Kasten standen offen, alle

Kommodenfächer, alle Schränke, alle Cartons! Sie holte aus allen das

Beßte, und nichts war gut genug; der Spiegel -- sie kam sich bleich,

reizlos, nicht ein Bischen hübsch vor; nein der Spiegel war Schuld

daran, der hing im allerschlechtesten Lichte -- aber der in der

Toilette, den sie nach allen Weltgegenden richtete, gab ihr Bild um

kein Haar besser zurück; am Ende war sie in ein blaßblaues Kleid und in

rothe Schuhe gefahren, und hatte auf den gelben Morgenhut ein grünes

Bouquet gesteckt -- blau, roth, gelb und grün -- i Gott bewahre, rief

sie lachend: lieber gar alle Farben mit einander, daß er denkt, es

komme ein lebendiges Prisma, -- in zwei Minuten hatte sie alles wieder

von sich geworfen, und machte ihre Toilette von Neuem -- lassen wir die

Selige in dem bunten Chaos ihrer Garderobenherrlichkeiten fröhlich

gewähren -- es war ja ohnehin fast das letzte Scheide-Lächeln ihrer

untergehenden Freudensonne; denn ach! nur zu bald trübten sich am

Horizonte ihres Lebens die Wolken, aus denen der Sturm sich gestaltete,

der alle ihre Blumen entblättern, alle ihre Bänder zerreißen, alle ihre

Hoffnungen zertrümmern, ihr ganzes Lebens-Glück auf immer und ewig

vernichten sollte! --

Wahr und ehrlich, kurz und offen hatte Alonso mit dem Vater gesprochen.

Es bedurfte keines weitläufigen Eingangs; Director Linsing hatte beiden

schon die nöthigen Präliminarien eröffnet. Alonso machte seinen Antrag

mit so zarter Bescheidenheit; legte in denselben so viel Feierliches;

sprach von der Unmöglichkeit, ohne Hulda leben zu können, mit so vieler

Rührung; entschuldigte seine, durch den Drang der für den Seemann

vollgiltigen Umstände herbeigeführte Eile, die ihn nöthige, vielleicht

schon in wenigen Tagen die Anker zu lichten, so wahr und einfach, und

gelobte, den Pflichten des Gatten und des Sohnes bis zu seinem Tode

treu zu seyn, mit solch’ frommer Rede, daß der alte Herr sich der

Thränen nicht länger enthalten konnte, den jungen Mann an sein Herz

drückte, und ihm, aus voller Brust und im heiligsten Vertrauen auf

dessen Rechtlichkeit, sein einziges Kind, das Liebste dieser Welt, in

die neue mitzugeben unbedenklich versprach.

Auf Alonso’s Wunsch, der Mutter jetzt vorgestellt zu werden, erwiederte

indessen der Vater, daß er sie, ihrer Kränklichkeit halber, erst dazu

ein wenig vorbereiten müsse; er bäte daher, ihn morgen wieder mit

seinem Besuche zu beehren, wo er ihn bei ihr einführen wolle; zugleich

ersuchte er ihn, nicht gleich das erste Mal, des eigentlichen Zwecks

seines Besuches zu erwähnen, sondern unter dem Vorwand zu kommen, daß

er hörte, sie habe eine Schwester in Lima, und er wolle sich daher

erkundigen, ob sie dahin ihm etwa Aufträge mitgeben wolle.

Auch Hulda darf ich nicht sehen? fragte Alonso mit kindlicher

Befangenheit, und versicherte, daß ihm die Zeit von gestern Abend bis

jetzt eine halbe Ewigkeit gedauert habe; da ließ denn der Vater das

Mädchen holen, und es kam im einfachsten Hauskleide, bloß, dem neuen

Vaterlande zu Ehren, eine prächtige, blühende Datura[33] am Busen, und

drei von Tante Sophie zum Geschenk erhaltene Schnüre californischer

Perlen um den Hals. Aber schön war Hulda zum Entzücken; die Liebe hatte

ihre Wangen geröthet, die Freude lachte ihr im ganzen Gesichtchen, und

das bräutliche Schmachten der keuschesten Jungfräulichkeit schwamm in

dem Feuerblick ihres großen himmlischen Auges. Mit frommer Weihe legte

der Alte das unberührte Kleinod seines Vaterherzens an die Brust des

schönen jungen Mannes aus der neuen Welt, den der Zufall zweitausend

Meilen weit hergeführt hatte, um zu den Füßen eines der reizendsten

Mädchen unsers alten ehrlichen Welttheils, das zarte Geständniß

abzulegen, daß das eigentliche wahre Glück des Menschen nur in den

Armen einer liebenden Gattinn heimisch sey, die unsere Freuden und

Leiden redlich theile, und durch ihre Reize, wie durch ihre Tugenden,

unsere Tage verschönere.

Braut Hulda hob den Entzückten an ihre treue Brust, und wie die

bekannte wunderschöne Gruppe von Amor und Psyche, so lieblich in

einander verschlungen, stand das Paar, Auge in Auge, Mund an Mund,

und feierte die seligste Minute glücklich Liebender, die Minute des

Verlobung-Kusses.

Alonso zog sich einen prächtigen Smaragdring vom Finger, überreichte

ihn der überraschten Hulda, und sagte: aus +Deinen+ Brüchen an der

Küste von Manta[34] nimm dieß als Morgengabe von mir gütig an, doch

mein ganzes Hab’ ist ja Dein. Den leisesten Deiner Wünsche -- vertrau’

ihn mir, meine einzige, meine himmlische Hulda, und ich werde kein

größeres Glück kennen, als ihn Dir zu erfüllen. Ich könnte zehnmal

reicher seyn, als ich es bin; allein ich achtete des eiteln Geldes

nicht, weil ich tausendmal mehr hatte, als ich brauchte; jetzt Dir die

Welt zum Paradies zu schaffen, ist mein Streben; nun will ich erst mit

Freuden mich in die Geschäfte werfen; ich habe einen Zweck, das Lächeln

Deiner Huld! Des Meeres Wogen, der Winde Hauch, des Nordens Eis und

Schnee, der Sonne Gluth in unserm Süden, kurz, alle Elemente will ich

mir zinsbar machen, und meines Vaterlandes Kern ist rein gediegenes

Gold; heraus aus meiner Erde tiefen Schachten sollen, meine Hulda,

Dir, mein Fleiß und meine Kunst das mächtige Metall im Ueberflusse

fördern! Vor Dir will ich die Früchte meines Fleißes, die Schätze,

die des Handels Treiben mir zusammen häufet, niederlegen, und Deiner

Lippen süßer Kuß, ein Blick aus Deinem Augenpaar, und das Geständniß

Deines Rosenmundes, daß Dich es nicht gereut, Dein Herz und Deine Hand

mir fremdem Mann vertraut zu haben, -- dieß, Hulda, dieß soll mehr mir

seyn, als all das kalte Gold, das im ersten beßten Brennspiegel sich zu

+nichts+ verflüchtiget, das immer irdisch bleibt, und droben gar

nichts gilt.

Ehe sich Alonso verabschiedete, lud er den Vater und Hulda ein, sich es

bei ihm heute Abend, am Bord seiner Antoinette gefallen zu lassen.

Der Vater sah die Tochter, die Tochter den Vater an. Beiden war es um

die Mutter zu thun; sah man das Mädchen mit dem Vater am Bord des

mexikanischen Dreimasters, so war Huldas Verbindung mit Alonso, von dem

zur Zeit die Mutter noch kein Wort wußte, in den Augen der ganzen Stadt

keinem Zweifel mehr unterworfen, und daß dieß gegen die Mutter nicht

gerechtfertigt werden konnte, fühlten beide, indessen Hulda richtete

den bittenden Blick, daß er zusagen möge, zu freundlich auf den Vater,

und diesem that die kleine Eitelkeit, den Leuten möglichst bald kund

zu thun, daß der mexikanische Capitain Mantequilla mit dem Dutzend

dreimastigen Schiffen auf der See, und den Silbergruben in Loretto, den

Goldbergwerken in Oaxaca, den Zuckerplantagen unfern Vera-Crux und den

15 Millionen Thalern, und den andern unzähligen Herrlichkeiten, der

Herr Schwiegersohn des Herrn Admiralitätraths Splügen sey, zu wohl,

auch hatte der lebensfrohe Alte einen vergnügten Abend zu lieb, als daß

er abschlagen konnte.

Alonso eilte fröhlich von dannen, und der Vater und Hulda überboten

sich einander in dem Lobe des Liebenswürdigen; -- doch die Mutter, die

Mutter fiel beiden nur zu bald ein, aber sie wichen von einander in den

Ansichten ab, wie ihr die Sache, die den Plänen mit Casperchen so ganz

entgegen war, am beßten beizubringen sey.

Hulda, welche in ihrem süßen Liebeswahn die Ueberzeugung hatte, daß

Alonso’s persönliche Anmuth die Mutter am meisten bestimmen würde,

den werthlosen Caspar fallen zu lassen, war der Meinung, daß es

das Gerathenste gewesen wäre, den Capitain gleich jetzt der Mutter

vorzustellen, sie jedoch später erst, wenn sie den liebenswerthen

Mann hätte selbst näher kennen gelernt, von seinen Heirathanträgen

zu unterrichten; der Vater hingegen, der, wie alle fröhliche Leute,

jede Unannehmlichkeit gern so weit als möglich hinaus schob, der im

Voraus sah, daß die Erscheinung des jungen Mannes, welcher der Mutter

längst entworfenen Pläne mit einem Male vernichten sollte, sehr harte

Auftritte herbeiführen würde, und, nach seiner Ansicht sehr richtig

berechnete, daß, wenn er mit Hulda diesen Nachmittag den Capitain am

Bord besuchte, und sich dadurch das Gerücht von dessen Verbindung

mit seiner Tochter gehörig in der Stadt verbreitet habe, die Mutter

dann, um der Ehre ihres Kindes willen, diesen einmal geschehenen

öffentlichen Schritt nicht zurück nehmen könnte, behauptete, daß es

viel besser sey, wenn er ihr heute den Mexikaner vorläufig auf morgen

anmelde, daß man, bei der Reizbarkeit ihres Charakters überhaupt alles

sogenannte, mit der Thüre in das Haus fallen, vermeiden müsse, und daß

daher alles viel besser gehen werde, wenn es nicht zu übertrieben rasch

gehe, weil, wie auch Hulda selbst wisse, der Mutter, im Allgemeinen,

jeder Schein von Uebereilung, besonders in einer so delikaten

Angelegenheit, verhaßt sey.

Hulda äußerte, auch wieder sehr richtig, die Besorgniß, daß Caspars

Eltern, die von ihrem bekannt gewordenen Verhältniß zu Alonso eben

so genau unterrichtet wären, als alle andere Leute auf dem gestrigen

Balle, es gewiß an nichts fehlen lassen würden, um die Mutter davon

in Kenntniß zu setzen; dadurch aber würde Alonso’s Spiel unendlich

erschwert werden, denn, daß ihn diese schleichende Kopfhänger-Familie

dabei in das allernachtheiligste Licht setzen werde, sey im Voraus

anzunehmen; doch der Vater beschwichtigte ihre Furcht durch die

Versicherung, dem vorzubauen. Er gab zu dem Ende allen Domestiken im

Hause, unter dem Vorwande, daß seine Frau, ihrer Gesundheit wegen,

aller lästigen Besuche heute überhoben seyn wolle, den Befehl,

Niemand, ohne Unterschied, zu ihr zu lassen, und um ihr, wenn sie es

etwa klingeln hörte, keinen Anlaß zu geben, zu fragen, wer da war, so

umwickelte er den Klöppel der Hausglocke eigenhändig mit Papier und

Leinwand.

So glaubte er, in jeder Hinsicht seine Sache ganz vortrefflich gemacht

zu haben, und lächelte bei sich selbst über die Heimlichkeit, zu der er

sich, wie er es entschuldigte, durch den Drang der Umstände bequemen

müsse.

Dem Zartfühlenden regte sich wohl etwas in der Brust, was ihm sagte,

daß nicht recht sey, was er thue, daß alle Heimlichkeiten zwischen

Eheleuten nichts taugen, und daß aber -- beruhigte er sein Gewissen:

hat es nicht Antoinette an Dich gebracht? warum besteht sie auf Hulda’s

Verbindung mit dem unerträglichen Caspar, als läge alles Heil der

Erden in diesem widrigen Menschen? Warum hört sie auf das Zuflistern

gehaltloser Frömmelei mehr, als auf das Wort der Vernunft und des

Herzens? Warum gibt sie gleich Krämpfe und Schwindel und Anwandelung

von Ohnmachten vor, wenn irgend ein Gegenstand im Gespräch berührt

wird, von dem sie nicht sprechen will? Mit den Waffen, mit denen

sie, aus blinder Vorliebe für eine einmal eingewurzelte Marotte, auf

das Glück ihres eigenen Kindes los geht, als wollte und müßte sie es

vernichten, wollen wir ihre Batterie demontiren. Maklers müssen außer

Einfluß gesetzt, das heißt, entfernt gehalten werden; heute sind wir

auf dem Dreimaster unten im Hafen noch recht lustig, und morgen stelle

ich meine Heeresmasse in Schlachtordnung; die Mutter wird totaliter

aus dem Felde geschlagen, und über’s Jahr, wenn wir das Kind in seinem

Mexiko besuchen, und dieses uns einen bausbäckigen Enkel entgegen

bringt, und unser europäisches genügsames Auge fast erblindet, vor dem

Glanz des Ueberflusses und des Glücks, in dem Hulda dort schwelgt,

und ihr Mund freudig bekennet, daß sie, an Alonso’s Seite, die

neidenswertheste Frau in allen fünf Welttheilen sey, da, da -- soll

die Mutter mir danken, daß ich ihrem kleinen Eigensinne nicht fröhnte,

sondern dem herz- und marklosen Casperchen die Thür wies, und --

Die gedämpfte Klingel klapperte draußen; der Admiralitätrath hielt

lauschend mitten in seinem Monologe inne.

Es war richtig Casperchen. Die Frau Räthinn schlafe, hieß es, und

der Ehelustige zog ab. Später kam Suschen; dann der Herr Makler; den

Beschluß machte dessen liebwertheste Hälfte.

Dasselbe Manöuvre begann auch nach dem Essen; alle viere kamen einzeln

und alle viere wurden abgewiesen.

Schlafen, schlafen, und immer schlafen, hatte die Maklerinn, vor

innerer Bosheit kochend, mit freundlichem Lächeln zu Babette gesagt:

sie haben der Frau am Ende ein Ruhepülverchen gegeben, aber, und wenn

sie Mithridat genossen, ich muß sie aufwecken, aufrütteln muß ich sie,

da es noch Zeit ist; ich komme wieder, mein Lämmchen, und zum dritten

Male laß ich mich nicht abweisen.

Meine Frau will allein seyn, entgegnete der Admiralitätrath der

berichtenden Babette: verstehst Du, sie +will+ heute Niemand

sprechen; darnach wird sich gerichtet.

Mit diesen Worten ging er, Hulda am Arme, in den Hafen. Der Mutter

hatte er gesagt, sie wollten nur einen kleinen Spaziergang machen,

weil der Nachmittag gar zu schön sey.

Schon lange lag Alonso’s große Barkasse nebst der Travalje und

der Kapitains-Schaluppe am Lande; alle drei Fahrzeuge hatten sich

unterdessen allmählig mit den eingeladenen Gästen aus der Stadt

gefüllt, und sobald jetzt Hulda und der Admiralitätrath an den Bord

der Barkasse gekommen waren, und sich die drei Fahrzeuge, nach der

Antoinette zu, in Bewegung setzten, gab der mexikanische stolze

Dreimaster eine Kanonensalve, daß alle Fenster in der Stadt klirrten;

-- und sämmtliche, im Hafen liegende Schiffe begrüßten die Ankommenden

mit dem Donner ihres Geschützes, denn auf alle Fahrzeuge klein und groß

im ganzen Hafen, hatte der überglückliche Alonso, Speise und Trank in

Ueberfluß vertheilt, so daß die Matrosen, ohne Ausnahme, des süßen

Weines voll waren und die neue Capitainfrau immer drauf los leben

ließen, noch ehe sie dieselbe gesehen hatten; alle Capitaine aber, so

viel ihrer im Hafen vor Anker lagen, hatte Alonso auf seinem Schiffe,

heute Mittag schon, stattlich bewirthet, und hielt sie noch um sich

versammelt, so daß die Herren lustig und guter Dinge waren, und der

heranschwimmenden jungen, himmelschönen Frau Kolleginn zur See, die

gebührende Ehre, von den, unter ihren Befehlen stehenden Schiffen aus,

geziemend erweisen zu lassen, sich nicht versagen mochten. Und Alonso’s

scharf gebautes Prachtschiff, und die Fahrzeuge aller Nationen im

Hafen, strichen vor der liebreizenden Königinn des Tages, Flaggen und

Segel, und von den buntbewimpelten Masten und im hohen Tauwerk aller

Schiffe, erscholl aus dem Munde des Schiffvolks aller Welttheile, ein

tausendstimmiges Hurrah, Hurrah, Hurrah! und in dieß alles schmetterte

und wirbelte das, aus der Stadt geholte große Musikchor auf der

Antoinette, mit Trompeten und Pauken, daß kein Mensch sein eigenes Wort

zu hören im Stande war. Alonso selbst, in der herrlichen Uniform der

spanischen Marine, stand, kräftig und schön, wie ein junger Gott, auf

der Steuerbordseite der Antoinette, und kommandirte ~Listo, Saltad

a la banda!~[35] und ein Theil seiner Neger, die alle sich in das

beßte Zeug geworfen hatten, und recht stattlich aussahen, stellten sich

eilends an beiden Seiten der Fallreepstreppe, von oben nach unten,

in Parade; und das Fallreep[36] selbst war oben am Schiffe, an einem

metallenen Köcher mit Kupidos goldenen Pfeilen befestiget, und mit

purpurrothem Tuche überzogen, und von Knopf zu Knopf[37] hingen leichte

Gewinde von brennender Liebe, deren Deutung Hulda, bei der Erinnerung

ihrer ersten Bekanntschaft mit Alonso im Putzladen, nicht schwer ward.

Die allgemeine Huldigung, mit der die Bescheidene, vor den Augen der,

am Ufer, in dichten Massen zusammengedrängten Neugierigen, vom ganzen

Hafen bewillkommt wurde, hatte Hulda sonderbar bewegt; es traten ihr,

als sie den Fuß auf die unterste Stufe der Fallreepstreppe setzte, und

mit diesem gleichsam den ersten Schritt in ihr nunmehriges Vaterland,

in die neue Welt that, Thränen in’s fröhlich lachende Auge. Alonso

umschlang öffentlich, vor Hafen und Stadt, im Angesichte seines Meeres

und ihrer Erde, die liebreizende Braut, und seine Neger, über funfzig

an der Zahl, riefen dreimal Hurrah, und warfen sich ihrer milden

Gebieterinn zu Füßen. Der Pilot,[38] der Primero Contramaestro[39]

und der Guardian[40] aber, näherten sich der neuen Herrinn, und

überreichten ihr, nach ächt altmexikanischer Sitte,[41] einen Strauß

von frischen Blumen; der Pilot, ein kräftig schöner, schwarzer

Mann, redete die Gefeierte spanisch an, prieß Don Alonso, als ihren

gütigen Herrn, und wünschte sich und all den tausend Sclaven in der

fernen Heimath Glück, daß der Kapitain ihnen eine Mutter zuführe,

deren Tugenden Don Alonso’s Auswahl verbürge. Du bist, setzte er im

Ueberwallen seines Gefühls, und im Glauben seiner Väter, hinzu: Du

bist herrlich, wie die Sonne, und freundlich, wie der Mond, und wer

den milden Sternen Deiner Augen folgt, wird den Pfad zum Himmel nicht

verfehlen. Sey, Du blendend weißer Engel, uns und unsern Kindern unsere

Sonne, unser Mond; Tonatiuh[42] hat Dich geschmückt mit ihrem Roth,

und Meztli Dich mit seinem Glanze; Du bist so schön, als wärest Du das

Kind von beiden; wir werden göttlich Dich verehren, denn nur in Deiner

zarten Hand liegt unser Glück. Sey immer gütig uns. Die Sonne zürnt

ja nie, und nie der Mond, und schwebst Du einstens spät hinüber, wo

keine Stürme heulen, und keine Donner brausen, so soll der Weg nach

Deinem Hügel unserer Enkel Alameda[43] seyn; sie werden räuchern Dir

das stille Blumen-Grab mit Cobans beßtem Weihrauch und mit Ambra von

Masaya, und Dir die Gruft umpflanzen mit Pomeranzen und Limonen, und

mit Cypressen und mit des ewigen Friedens schattenreichen Palmen. Da

sollst Du schlummern kühl, denn, unserer Enkel Thränen um die verlorne

Mutter, werden netzen jene Bäume, daß sie gedeihen, und noch in

fernster Zeit, wie feste Denksäulen des Dankes, hoch hinaus ragen in

unsers Himmels schöne Luft.

Hulda reichte dem Sprecher, dem die hellen Zähren über die schwarzen

Backen rollten, die weiße Hand, und beantwortete seine herzliche Rede,

in recht geläufigem Spanisch.

Der alte Admiralitätrath dachte, es wäre Pfingsten, so hatte sich der

Geist des Herrn über sein gelehriges Töchterlein ergossen. Es war aber

der heilige Geist der Liebe, der das holde Mädchen, das im Spanischen

früher wohl hinlänglichen Unterricht, aber wenige Uebung gehabt hatte,

jetzt ohne Anstoß und Furcht in fremder Zunge reden ließ, daß die

ganze Mannschaft der Antoinette darob laut entzückt war.

Der blendend weiße Engel, das himmlische Kind der Sonne und des

Mondes, versprach ihnen, ihr und der Ihrigen Schutzgeist zu seyn;

ihre Frauen und ihre Kinder begrüßte sie in der Ferne, als ihre

Pfleglinge; ihr Wohlstand solle das Ziel ihrer Wünsche werden, und im

Zauberergusse ihres glühenden Gefühls, gelobte sie ihnen und allen

ihren Familien, mit dem Beistande ihres Gottes, und von Don Alonso’s

menschenfreundlicher Güte unterstützt, ihr zeitliches Glück nach

Kräften begründen zu wollen.

Sämmtliche Neger drängten sich, von den Reizen des schneezarten

Seraphs, und dessen einfacher Rede tief ergriffen, um sie herum, und

küßten ihr den Saum ihres Gewandes, und schworen ihr unaufgefordert

Liebe, Treue und Gehorsam. Alonso aber, hingerissen von dem Entzücken

seiner ehrlichen Neger, und bezaubert von der, in ihrer Art einzigen

Gruppe der schwarzen Figuren, um seine schlanke Lilie, schenkte

mit feierlichen Worten, zum ewigen Andenken des heutigen Festes,

den Sclaven ihre Freiheit, und Hulda mischte in den Jubel der

Freigelassenen, ihren herzlichen Dank, und betheuerte dem edlen

Menschen, daß er ihr kein erfreulicheres Brautgeschenk hätte ersinnen

können.

Jetzt ging es zur Tafel, und was beide Welten, und das Meer und

die Erde dem leckern Gaum zu bieten nur vermochten, das war mit

verschwenderischer Pracht hier aufgetischt. So gegessen und getrunken

war in der ehrsamen Hafenstadt, seit der Legung ihres ersten

Grundsteins, nicht geworden, und alle Gäste versicherten einstimmig,

daß Capitain Mantequilla der vortrefflichste Mensch unter der Sonne

sey. Die Seeluft macht durstig; wenigstens leerte man alle Flaschen

des köstlichen Weins, so daß viele Gäste, die rank[44] worden waren

und übervolle Ladung hatten, das Wasser des ganzen Binnenhafens, für

lauter Champagner ansahen, andere den großen Mastbaum, als ihren

dicksten Freund, inbrünstiglich umarmten, und andere wieder, in der

Weinrührung, so windelweich wurden, daß sie in das Besahnsegel,

heimlicher Weise Thränen der zärtlichsten Freundschaft weinten. Alonso

hatte den Nachtisch mit lauter amerikanischen Früchten besetzen lassen;

Aepfel von Gili, von der Größe eines Menschenkopfs; sechszehnlöthige

Pfirsichen von Valparayso und Mendoza; zwölfpfündige Weintrauben von

Talca, Vanille von Paraguay, Pisangäpfel, Pomeranzen und Limonen, und

zwanzig andere saftreiche und kühlende Obstarten; jetzt aber zu guter

Letzt, credenzte er den feurigsten Liqueurwein seines Vaterlandes, den

kostbaren Rebensaft von Passo del Norte.[45] +Der+ brachte mit

seinem dunkelflüssigen Golde alle gute Geister in Aufruhr, und Alles

erklärte, mit tausend Freuden dahin zu gehen, wo dieses Götterblut

flösse. Alonso stand, vom rauschenden Gewühl der Gäste entfernt, mit

Hulda vorn am Bratspill, hielt die Glückliche im Arme, und fragte

scherzend: ob er die Anker lichten, und mit der ganzen Gesellschaft,

wie sie hier wäre, in die neue Welt segeln solle?

Ich bin wohl bereit, entgegnete Hulda mit bräutlicher Liebe, und

schmiegte sich dichter an den Mann, der sie zweitausend Meilen weit,

über das Meer führen wollte, und an dem sie sich fest halten sollte in

allen Stürmen des Lebens: die alle hier aber mag ich nicht mitnehmen.

Mit Dir allein, Alonso, will ich seyn; an Deiner Seite bedarf ich

keines Menschen. Dir will ich folgen, wohin Du willst. Auf Deinem

Eigenthume, hier auf Deinem Schiffe, auf dem Dein kühner Arm mich durch

des Meeres wilde Wogen, und durch der Winde grausende Gewalt hinüber

führen will, in Deines Vaterlandes weite Ferne, hier laß mich Liebe

Dir, und Treue schwören. Dein menschlich fühlend Herz, gab Deinen

armen Negern das höchste Gut, die Freiheit. Mir kann es Höheres nicht

geben, als sich selbst. Schwöre mir Alonso Deine Liebe, und auf Dein

Herz will ich meine Rechte legen, und Gott der Herr soll meinen Eid der

Treue hören. Ihr glaubig frommer Blick flog auf zu dem, den sie zum

Zeugen ihres Schwures gefordert hatte, da schwebte am Wolkenhimmel --

auf derselben Stelle -- sie schrak zurück, und barg das geisterbleiche

Antlitz an Don Alonso’s Brust.

Was ist Dir, Hulda? fragte dieser erstaunt; sie aber schauerte kalt in

einander, und wieß, ohne aufzusehen, nach dem Abendroth, und fragte:

siehst Du nichts?

Dort, erwiederte Alonso lächelnd: die Gottheit meiner Schwarzen,

schließt dort ihr müdes Auge, und zieht sich vor ihr Lager den

Wolkenvorhang lauschig zu; mit Gold hat sie die Zipfel all gesäumt; sie

macht das stets recht zierlich; und rechts am Bette steht ein Baum, ein

blühend schöner Bananas.

Ein Baum? fuhr Hulda ängstlich auf! Ein Kreuz, Alonso, ist’s. Ein

hohes, langes Kreuz -- und dicht daneben liegt -- mein Heiland und mein

Gott -- am Stamme des Kreuzes betet meine Mutter --

Aber liebholdes Wesen, entgegnete beruhigend Alonso: was regt Dich so

allmächtig auf! Ein Kreuz? -- nun ja, wenn Du ein Bischen davon, und

ein Bischen dazu thust, und überall mit Deiner Phantasie nachhelfen

willst, verwandelt sich am Ende mein Paradiesfeigenbaum[46] in Dein

Kreuz, und -- die Wolke da unten -- hm -- ja -- eine weibliche Figur

ist es -- aber, was bringst Du Deine gute Mutter in dieses Nebelspiel,

und wie, ich bitte Dich, wie kann ein bischen Wasserdunst solch

Gaukelwerk erhitzter Phantasie Dir gleich zusammen treiben? der Passo

del Norte hat Dich nicht etwa, setzte er in süßer Liebeständelei hinzu,

und tippte auf Hulda’s Stirn: mein trautes Kind, berückt?

O scherze nicht, Alonso, entgegnete Hulda erschüttert, und bat, sie und

den Vater bald zu entlassen, weil sie zur Mutter müsse.

Du kömmst mir nicht vom Bord, erwiederte Alonso, und umfaßte Hulda mit

inniger Liebe: ich bin fest segelklar[47] und warte nur auf guten Wind.

Beim ersten Lüftchen setze ich meine Segel bei, und steche frisch und

wohlgemuth, mit meinem Bräutchen, in die hohe See.

Alonso, doch nicht ohne meiner Mutter Segen? fragte Hulda ernst: und

doch nicht ohne des Dieners Christi fromme Weihe?

Das wird mir alles viel zu lang, entgegnete Alonso mit heißer Ungeduld.

Die Mutter -- ja; die werd’ ich morgen sprechen; sie soll uns segnen,

Hulda. Was aber das Copuliren hier betrifft -- ich bitte Dich, eh’ sich

das alles ordnet, der Trauschein meiner Eltern, das Zeugniß meiner

Taufe -- das alles muß herbei, ehe wir das Aufgebot verlangen können.

-- So lange kann und darf ich hier nicht warten. Viel besser ist’s,

Du gehst als Braut zu mir an Bord. Auch mitten auf der See ist unser

Gott bei uns. Wirf Deine Anker in mein Herz, sie greifen da in festen

Grund. Als Braut, vertraue mir, als unberührte Braut führt Dich Alonso

heim. Es liegt für mich ein namenloser Zauber in dem Gedanken! Gewähre

mir, zum Zeichen Deines Glaubens an meine Ehrfurcht vor Deiner Tugend,

diesen Wunsch. Sechs Monden sind es nur, dann steigt die Jungfrau an

das Land der neuen Welt, und sinkt in Mexiko, vor Gottes Hochaltar in

unsrer goldgeschmückten Kathedrale, als junge Frau an meine Brust, zu

lohnen mir die uns selbst aufgelegte süße Pein der schmerzlichsten

Entsagung, durch ihrer Liebe Vollgenuß.

Gib den Gedanken auf, versetzte bittend Hulda: ich traue Dir und mir,

denn keuscher Liebe ist die schwerste Prüfung leicht; die Eltern

aber würden darein sich nimmer fügen; doch morgen früh darüber mehr!

Vielleicht läßt sich das alles leichter machen, als Du denkst, das

liebe Gold ist ja der beßte Hebel aller Hindernisse, und auch die gute

Kirche läßt das Dispensiren sich bezahlen. Jetzt lebe wohl, Alonso,

gute Nacht, und süße Träume!

Ein langer, langer Abschiedkuß, und Hulda fuhr mit ihrem Vater an das

Land zurück. Trompeten schmetterten ihr nach, und wilde Paukenwirbel;

und Hurrah schrie das Schiffsvolk aller Decke, und des Kanonendonners

furchtbares Krachen verkündete dem Hafen und der Stadt, daß jetzt des

Mexikaners schöne Braut nach Hause fahre. Alonso wehte ihr mit weißem

Tuche, so lang sein Blick sie noch erreichen konnte, den Wunsch der

guten Nacht noch nach, und alle seine Gäste, die Becher in der Hand,

schrien Vivat, Vivat hoch, und blieben bis zur späten Mitternacht, und

tollten auf des Bräutigams Schiffe, als wäre morgen Hochzeit, und heute

Polterabend.

Alonso nahm, sobald Hulda ihn verlassen hatte, an dem Tanz und dem

rasenden Lärmen der fast überlustigen Gäste keinen unmittelbaren

Antheil; er blieb zwar der Rolle des gastlichen Wirths, mit der

artigsten Aufmerksamkeit, treu; aber, wo er konnte entfernte er sich,

und wenn er allein war, und ungesehen, so stellte er sich hin, und

schaute durch die Dunkelheit der Nacht hinauf nach dem bewußten Balkon.

Endlich erschien etwas Weißes da oben, und kaum gewahrten dieß einige,

die ihn belauscht hatten, als der Spektakel von neuem begann, und die

ganze Gesellschaft der weißen Erscheinung mit Trompeten und Pauken, und

dem Hurrah der Neger, ein Vivat ausbrachte, daß es drüben an den Mauern

der schlummernden Stadt widerhallte.

In dem Augenblicke zündeten die Mexikaner, und hundert Matrosen anderer

Schiffe, die sie sich zur Hülfe geholt hatten, mehrere tausend Laternen

an, die an den Seiten des Schiffes, am Tauwerk, und an den Mastbäumen,

bis zum Mars hinauf, in zierlicher Ordnung hingen, und einen

unbeschreiblich schönen Anblick gewährten. Oben auf dem Topp des großen

und des Fockmastes, waren Sonne und Mond in herrlichen Transparents

zu sehen, und die unzähligen Lichter auf dem kaum merkbar hin und her

schwankenden Schiffe, die sich in dem schillernden Wasser rings um,

hundertmal wiederspiegelten, stellten den ganzen hochbeleuchteten

Dreimaster in einen zauberisch schönen Feuerkreis.

Alonso freute sich, daß diese feenartige Ueberraschung, die er Hulda

zu Ehren veranstaltet hatte, nicht von ihr unbemerkt geblieben war;

sie hatte ihm, von der Höhe ihres Balkons herab, einen herzlichen

Kuß zugeworfen, und er schwamm nun in einem Meere von Fröhlichkeit.

Er gab noch heraus, was Butlerei[48] und Kambüse[49] vermochten, und

man schwärmte bis zum hellen Morgen, wo die armen, diese Nacht oft

gestörten gelbgefiederten Schreihälse auf dem benachbarten canarischen

Schiffe, den Tag verkündeten, und man die gastliche Antoinette verließ.

Doch einen Augenblick noch auf Hulda zurück. Als sie mit dem Vater zu

Hause kam, empfing sie die Mutter mit verweinten Augen.

Ihr habt Euch auf Eurem Spaziergange ja recht lange verweilt, sagte sie

kalt, und durchbohrte Hulda mit einem pfeilscharfen Blicke.

Wir sind in Gesellschaft gewesen, entgegnete Hulda offen, und morgen

früh wird --

Erspare Deine Bekenntnisse, fiel sie dem Mädchen, das ihr jetzt das

Geständniß seiner glücklichen Liebe ablegen wollte, bitter in das Wort.

-- Deine zärtliche -- fuhr sie zum Manne fort: Deine zärtliche Vorsorge

für meine Ruhe hat Dir wenig geholfen; ich weiß alles, leider durch

Fremde. Mein Kind hat sein Vertrauen zu mir verloren; wo Vertrauen

fehlt, ist auch keine Liebe, Hulda, ich bitte Dich um Gotteswillen,

womit habe ich dieß verdient? Ich habe seit Empfang dieser Zeilen

-- sie wies auf ein Billet der Maklerin -- Stunden gelebt, die mir

den Abschied aus diesem Leben leider recht erleichtern. Ich träumte,

wenigstens von meinem einzigen Kinde geliebt zu seyn! -- und dieses

hintergeht mich, hintergeht mich da, wo andere gute Töchter sich der

Mutter, ihrer ersten, ihrer treuesten Freundin, vor allen andern

vertrauen. -- Die ganze Stadt weiß, was mir, von Dir, von meinem Kinde

verborgen wird. Gott im Himmel! habe ich denn auf der ganzen Welt

keinen Freund mehr, als den Tod? --

Antoinette! hob der Vater ruhig an: seit Du mir Deine Hand gabst, habe

ich nie hinter Deinem Rücken gehandelt; traue mir so viel Selbstgefühl

zu, daß ich jetzt nicht anfangen werde, mich einem Fehler Preis zu

geben, der -- er sagte das mit weicher Stimme -- auch den letzten

Pfeiler unsers häuslichen Glücks untergraben würde. Was ich gethan

habe, kann jeder wissen. Der Mann, der sich um Hulda’s Hand bewirbt,

wollte heute früh schon Dich begrüßen; ich hielt ihn davon ab, und

bat um Aufschub bis morgen, weil ich auf den Besuch Dich vorbereiten

wollte; von seiner jugendlichen Raschheit mußte ich fürchten, daß

er gleich heute mit seinem Anliegen hervortreten möchte; von Deiner

Liebe zum einmal gefaßten Plane aber, daß Du, krank und mißgelaunt,

nicht möchtest Dich ihm so erklären, wie wir mit ihm es wünschen. Ein

+solcher+ Schwiegersohn, ist er einmal gekränkt, kömmt nicht

leicht wieder, und darum rieth mir die Vernunft, mit Vorsicht hier

an’s Werk zu gehen. Er lud uns beide zu sich ein; ich sagte zu, um

unterdessen, bis ich mit Dir darüber sprechen konnte, den Mann, dem

wir das Kind auf Lebenszeit hingeben sollen, noch näher zu ergründen.

Daß seine Absicht ruchtbar ward, daß Maklers sie Dir hinterbringen,

und ihres Sohnes Nebenbuhler in schwarzen Schatten stellen würden,

konnte ich mir denken, und darum suchte ich die Menschen, wenigstens

bis morgen, von Dir zu entfernen, damit Du ihn dann ohne Vorurtheil

sähest, und zwischen ihm und Maklers Caspar freie Wahl hättest. Wenn

ich hierinn gefehlt habe, so verzeihe mir Gott; ich that es nur, um

Hulda’s Beßten willen. Du liebst das Kind, wie ich, und darum wirst

auch Du mir gern vergeben, wenn mein Verfahren Dich beleidigt hat.

Wehe wollte ich damit, beim Himmel, Dir nicht thun. Den Zweck, Alonso

näher zu erforschen, habe ich nun zwar ganz verfehlt, denn in dem Saus

und Braus von hundert frohen Gästen, ließ sich des Menschen Herz nicht

sonderlich sondiren; indeß, was ich sah und was ich hörte, bezeichnet

wohl den Mann, der unserm Kinde, außer Glanz und Reichthum, ein reines

Herz darbringt, und, gute Antoinette, das ist in der Liebe und in der

Ehe, ja doch immer der beßte Hausrath!

Die mexikanischen Weine müssen Euch über die europäischen Hindernisse

hinweggehoben haben, oder ich begreife Dich und Hulda nicht, entgegnete

die Mutter mit erzwungener Ruhe: lies doch den Brief meiner ehrlichen

Maklerin. Der Mensch kann der gefährlichste Abenteurer seyn; das

kümmert euch nicht. Er lügt Euch seine Piaster millionen weise her,

und ihr seyd, mit der ganzen Stadt, gutmüthig genug, seine Prahlereien

ihm auf’s Wort zu glauben. Er will von deutscher Abkunft seyn, und

nennt sich Mantequilla! er hat gar, hie und da, den kecken tollen

Wunsch geäußert, das Kind als Braut nach Mexiko zu nehmen, weil ihm der

Trauschein seiner Aeltern und sein Tauf-Zeugniß nicht herzuschaffen

seyen. Wer weiß, was für verlaufenes Gesindel seine Eltern sind! daß

sie niemals getraut, und daß er nicht getauft -- beweis’t sein leerer

Vorwand! Und einem solchen soll mein Kind, mein einziges Kind, geopfert

werden? Nein -- nimmermehr. Wär’ frommer Sinn in seiner Heidenbrust,

und hätte alles, was er sagt, recht seinen Grund, so gäbe er der Sache

Raum, und käm nach Jahresfrist zurück, und brächte die Documente alle

mit, die wir verlangen müssen, wenn uns der Vorwurf unsrer Mitwelt

nicht treffen soll, daß wir ganz ohne Kopf handelten.

Das alles, liebe Frau, begann der Vater sanft: läßt morgen sich

besprechen; das Mädchen ist noch jung, und kann das Jahr noch warten.

Zwei tausend Meilen hin, zwei tausend Meilen her, sind wohl kein

kleiner Weg; indessen muß Alonso sich, bestehest Du darauf, mit

kindlichem Gehorsam darein fügen; die Liebe mag ihm Zeit und Weg

verkürzen. Auch hat er sich, wenn Du es wünschest, schon erklärt, sein

Vaterland ganz aufzugeben, und hier bei uns sein Lebenlang zu bleiben;

ich mochte ihm sein Wort deßhalb nicht fodern, denn aus dem ungeheuern

Geschäft, was dort sich um ihn treibt, sich hieher in unsern Hökerkram

zu setzen, kann seine Jugendkraft, die immer höher strebt, nicht

reizen. Der zärtlichen Mutter aber, die das Kind ungern von sich ziehen

sieht, ist wohl ein Vorschlag dieser Art nicht zu verargen. Sprich

morgen selbst mit ihm. Vielleicht erfüllt er Deine Wünsche.

Die Mutter hatte still und ruhig zugehört; ihr Gesicht schien sich bei

dem, was der Vater zuletzt anführte, ein wenig aufzuheitern.

Hulda kniete neben dem Bette nieder, und küßte ihre Hand, und fragte

leise, ob Mütterchen noch böse sey.

Sie schwieg und lächelte, und eine stille Thräne zitterte ihr im halb

erloschenen Auge.

Der Vater benutzte die in ihrem Innern vorgehende mildere Stimmung, und

erzählte, daß der alte Linsing, der recht geläufig spanisch spreche,

sich mit dem Steuermann und dem Guardian, so wie mit einigen Matrosen

auf der Antoinette unterhalten, und sie, hinsichtlich der Vermögenslage

ihres Capitains, recht umständlich über dieß und jenes ausgefragt, daß

aber, nach dem was sie darüber hätten fallen lassen, Alonso eher zu

wenig, als zu viel davon gesagt habe. Er kann, setzte er hinzu, weil er

bemerkt hatte, daß die Idee von Alonso’s hiesiger Niederlassung, der

Mutter vorzüglich zusagte: mit seinen funfzehn Millionen hier leben,

wie ein Fürst.

Und meine Hulda liebt den fremden Mann? fragte die Mutter mit mildem

Worte.

Wie keinen andern, lispelte Hulda leise, und bog sich auf der Mutter

Hand herab.

Ich werde, versetzte die Mutter mit einem Tone, als wolle sie Hulda und

den Vater überzeugen, daß beide sich in ihr geirrt hatten: ich werde

meines Kindes Glück nicht stören. Ich habe zwar geglaubt, daß der, den

ich im Stillen erwählte, auch Hulda werde wohlgefallen, doch, wenn das

nicht soll seyn, kann ich mich gern fügen. Ist das, was von Alonso’s

fabelhaftem Reichthum Ihr erzählt, zur Hälfte nur gegründet, und ist

er meines Kindes Liebe werth, und kann er meinen Wunsch erfüllen, und

seinen Wohnplatz bald, auf immer her verlegen! so kenne ich meine

Mutterpflicht, und werde ihr nichts schuldig bleiben. Mit Freuden

opfere ich dann jene kleine Grille, und segne Euren Bund.

Hulda traute ihrem Ohre kaum; sie umschlang die zärtliche Mutter, und

bedeckte ihre bleiche Wange mit den Küssen der kindlichsten Liebe. Noch

danke nicht, mein Kind, sagte die Mutter freundlich: erst wünsche ich

den Mann zu sehen, dem es gelang, dieß reine Herz so schnell für sich

zu gewinnen; doch -- jetzt nichts, nichts mehr davon. Ihr wißt, ich

liebe nicht viel Worte.

Da eilte Hulda von dannen und flog in den Garten, um dem vor Freude

und Entzücken fast zerspringenden Herzen Luft zu machen. So rasch, so

leicht der Mutter Sinn zu wenden, hatte sie sich nicht gedacht. Die

Schickung wollte alles so; der Finger dessen, der das Herz des Menschen

lenkt, ließ sich hier nicht verkennen. Den ganzen Tag war sie noch

nicht auf dem Balkon gewesen, und hatte es Alonso doch versprochen! Ein

wenig mußte sie hinauf, und kaum, als sie sich sehen ließ, stand, wie

durch einen Zauberschlag, das ganze Schiff, vom Wasserspiegel bis zum

Topp, so herrlich groß beleuchtet -- ganz oben -- höher noch als sie,

die Sonne und der Mond -- der Mexikaner sanfte Götter! verschwunden

war am schwarzen Himmel das Kreuz und alle dräuende Gestalten. Nur

Jauchzen hörte sie vom Schiff herauf und laute Freude, und mit der

Liebe glücklichstem Entzücken warf sie dem schönen Mann, der beide Arme

ihr entgegen breitete, die süßesten der Küsse zu.

Er kam den folgenden Morgen bei früher Tageszeit, hörte von Hulda und

dem Vater, wie die Sachen sich unterdessen gestaltet hatten, und welche

Wünsche ihm würden eröffnet werden, und trat, in beider Mitte, in das

Zimmer der Mutter.

Ein Fieberblitz zuckte dieser durch alle Glieder, als sie seiner

ansichtig ward; sie schrie laut auf und verhüllte das Gesicht mit ihrem

Tuche, als hätte sie ein Gespenst gesehen.

Der Capitain Don Mantequila, hob der Vater, wegen dieses sonderbaren

Auftritts, sehr verlegen an, und wollte ihr Alonso vorstellen. Sie aber

rief: um Gotteswillen weg, weg -- das ist sein Gesicht -- das ist er

selbst. Warum -- ich frage Dich furchtbare Allmacht, warum mir hier, am

Rande des Grabes, noch diese ungeheure Qual! --

Antoinette, sagte der Vater höchlich bestürzt: was ist Dir? Mütterchen,

rief Hulda, und stürzte vor ihr Bette auf die Knie nieder: um

Gotteswillen sprich -- was hast Du für ein böses Traumgesicht?

Laßt mich sterben! tödtet mich! macht meinem entsetzlichen Leben ein

Ende! entgegnete die Mutter aus schwer gepreßter Brust, und rang die

Hände mit abgewendetem Gesicht -- +das+, +das+ soll Hulda’s

Gatte seyn? Ein Teufel ist es, den die Hölle ausgespien! Ich habe ihm

geflucht! Sie richtete sich in die Höhe, die Augen rollten funkelnd

ihr im Kopfe, die bleichen Wangen brannten dunkelroth, und krampfhaft

bebten ihr die blassen Lippen -- Es ist die letzte Stunde meines

Lebens! des Todes Schauer rieseln kalt mir durch die Seele -- die Rache

Gottes führt Dich Sünder zum Gericht. Ich fluche dreimal Dir -- Fluch,

Fluch, Fluch, Dir schauderhaftem Ungeheuer! --

Um Jesus Christi willen, Mutter! schrie Hulda außer sich, und faßte

die drohende Rechte der Schrecklichen, die vor ihr grausend lag, wie

jenes Wolkenbild am Himmel.

Der Mutter aber war der Athem ausgegangen -- der Tod schlug grinsend

seine kalten Arme um die sichere Beute -- die Pulse stockten, und wie

das letzte Gift des unversöhnlichsten Ingrimms, so trat ihr der weiße

Schaum auf die zuckenden Lippen. --

Alonso schwankte vom Vater begleitet lautlos zur Thüre hinaus.

Der Mutter brechendes Auge suchte ihn, und da es ihn nicht mehr fand,

ward sie ruhiger. -- Sie athmete schwer. -- Sie seufzte tief -- eine

Riesenlast lag ihr auf dem Herzen. Sie hatte aber nicht die Kraft mehr,

sich sie abzuwälzen. Nur abgebrochene Worte, die kaum mehr verständlich

waren, konnte sie hervorbringen.

Sie faßte Hulda’s Hand, und drückte sie heftig in die ihrigen. Mit

höchster Anstrengung sammelte sie den Rest ihrer Kräfte, und sprach in

kurzen Sätzen, halb laut -- Die letzte Bitte Deiner Mutter! schwöre

mir, ihm nimmer zu gehören --

Des Vaters Sünde, der Mutter Fluch · 第 10 / 15 题