Die Mutter todt, Alonso fort! -- Vielleicht auf immer und ewig fort! --

Die Unglückliche drückte das letzte Zeichen seiner Treue, die

brennende Liebe, an die Lippen, und überließ sich, still weinend, der

schmerzlichsten Trauer.

* * * * *

Die Leiche der Mutter zu sehen, hatte sie absichtlich gemieden; das

zürnende Drohgesicht -- es wich nicht von ihrem innern Auge; sie sah es

wachend und träumend.

Am Begräbnißtage -- sie hatte den entsetzlichen Augenblick lange

gefürchtet, wo sie der Hülle der Vorangegangenen zum letzten Mal sich

nähern sollte, um ihr der Kindesliebe frommen Dank zu bringen, und ihr

zur Nacht des langen Schlafs, die Ruhe der Seligen zu wünschen -- am

Begräbnißtage trat sie an den Sarg.

Der Mutter Züge hatten sich verändert; nichts trübte mehr die

qualerfüllte Brust, in der das frömmste Herz geschlagen. Der Kummer

dieses Lebens drückte nicht mehr auf die Engelreine. Versöhnt mit dem

Geschick, und harrend ihres Lohns, der droben guter Menschen wartet,

lag sie, wie eine Gottverklärte da. Ein mildes Lächeln schwebte in

jedem ihrer Züge; es war, als spräch’ ihr blasser Mund, mein Glück war

nicht von dieser Welt. Jetzt ist mir wohl. Der Gott, der jede still

geweinte Thräne zählt, wiegt jede mir durch tausend Freuden auf.

Mein Mütterchen, sagte Hulda mit der Wehmuth leisestem Tone, und kniete

am Sarge nieder: Du zürnest nicht mehr mit mir? Du behältst mir drüben

Deine Liebe? Dein Kind darf furchtlos an das Wiedersehen denken? --

Der in den letzten Augenblicken Deines Lebens den Frieden Deiner Seele

störte, er hat zum Opfer sich und mich gebracht. Das Kind soll folgsam

seiner Mutter seyn. So hat sein edles Herz gewollt. Laß nun auch ab

von Deinem Hasse gegen ihn, und kann aus jenen Lichtgefilden, in

denen Deine Seele schwebt, auf Dein verwais’tes Kind Dein mütterlicher

Segen wirken, so gib mir Kräfte, daß ich ertrage, was Dein Gebot mir

auferlegt; und ist es in dem Plane des Geschicks, daß des irdischen

Lebens Glück unwiderruflich mir verloren sey, so rufe Du mich bald,

daß ich Dir folge, denn diese arme Welt gewährt mir keine Freude mehr.

Schlaf sanft, mein Mütterchen! die Klage meiner Leiden soll in Deiner

Ruhe Dich nicht stören. Kein Vorwurf soll in Deine stille Kammer Dich

begleiten. Mein Heiland starb am martervollen Kreuze; er duldete und

schwieg; auch ich will schweigend dulden. Vergebung flehete er, weil

sie nicht wußten, was sie thaten. Vielleicht hast Du, mein Mütterchen,

auch nicht gewußt, warum Du mir gethan, was meines Lebens Blüthe

vernichtet hat, auf ewig. Mein Jesus lehrte mich, in diesem Fall,

Vergebung Dir erbitten; und so soll Gott sich Deiner mild erbarmen, und

wenn Du fehltest, mit seiner Liebe nur Dich richten. In Deinem Willen

lag gewiß mein Wohl, und darum sey entladen aller Schuld, und kehre ein

in Deiner Freuden Reich.

Sie neigte ihr Haupt auf die gefalteten Hände, und wimmerte, leise

schluchzend. Da traten die mit schwarzem Krepp umflorten Träger

ein, und verschlossen den Sarg. Einen Blick noch warf sie auf die

Entschlafene, einen Blick der Liebe, der Verzeihung und des Friedens;

und der Gott, der den schuldlosen Kindern das Himmelreich verheißet,

und in seinem unerforschlichen Willen von seinen Auserwählten oft der

Prüfung schwere Opfer fodert, schenkte ihrem Herzen wohlthätige Thränen

und sanften Trost.

* * * * *

Mit einem spanischen Schiffe, das einige Wochen später nach dem Hafen

von Calao[52] abging, hatte Hulda den Tod der Mutter deren Schwester,

der Tante Sophie in Lima berichtet, sie von ihren Verhältnissen zu

Alonso in Kenntniß gesetzt, und sie zugleich um die Aufschlüsse über

der Mutter unerklärliche Abneigung gegen letztern gebeten.

* * * * *

Der Kummer über den Verlornen; der Schmerz, daß die erste Freundinn

ihres Herzens, ihre Mutter, ein Bündniß nicht gebilliget hatte, in dem

Hulda ihr ganzes Lebensglück zu finden meinte; die zweitausend Meilen

weite Trennung von dem Treugeliebten; der sich täglich mehr begründete

Zweifel eines möglichen Wiedersehens; das heimliche Spötteln mancher

werthlosen Menschen; die heimtückische Rachsucht der Makler-Familie,

die sich freute, das unglückliche Mädchen auf alle ersinnliche Art zu

kränken; das lange vergebliche Harren auf eine endliche Nachricht von

ihm und der Tante -- Alles dieß nagte zerstörend an Hulda’s frischer

Jugendkraft. Sie verlor allen Reiz am Leben, zog sich aus allen

gesellschaftlichen Kreisen, mied alle Zerstreuungen, und lebte nur

ihrem stillen Kummer und der Erinnerung der seligen Stunden, die ihr in

Alonso’s Nähe vom Geschick, nur viel zu spärlich, zugemessen gewesen

waren.

Einem reinen, zartfühlenden Mädchen ist kein Gift gefährlicher, als das

des Grams der Liebe. Wie schmerzlich hatte dieses hier gewüthet! Die

schöne Knospe, sie war geknickt. Verwelkt waren Blätter und Zweige;

verdorrt der Saft des Lebens!

Ich kannte Hulda’s Lage, und meine herzliche Theilnahme erwarb mir ihr

freundliches Wohlwollen.

Sie sprach, wenn sie mit Gustchen, ihrer vertrautesten Freundinn allein

war, gern von Alonso, -- aus der geheimsten Tiefe ihrer Seele schien

dann immer noch ein schwacher Strahl der Hoffnung aufzublitzen, daß

eine Verbindung mit dem Geliebten ihres Herzens doch möglich sey.

Ihre blasse Wange röthete sich dann ein wenig, und das thränenmüde Auge

blickte mit wehmüthigem Lächeln in die Zukunft. Sie glich der Sonne

am frühen Herbstabend, die, hinter trüben Wolken hinabsinkend, noch

einmal der Erde den freundlichen Scheideblick zuwirft. In ihrem großen,

geistvollen Auge lag ein Himmel voll Seligkeit, und wenn sie vom Herzen

zum Herzen sprach, glaubte man eine Heilige der christlichen Vorwelt zu

hören, so demüthig war ihr Sinn, so gottergeben ihr engelreines Gemüth,

so vorbereitet ihre Seele auf das Jenseit, dem sie, durch Vollendung

ihres edlen Selbst, entgegen reifte. Nur wenn die Rede auf ihn kam, an

dem ihr Herz mit unaussprechlicher Liebe hing, trat die Anhänglichkeit

an das Irdische mit all ihrem Zauber wieder vor; sie erschrak dann

über die kalte Hand des Todes, die ihr den Blüthenreiz der Jugend so

grausam abgestreift, das frische Purpurroth auf ihrer Lilienwange in

kranke Leichenblässe gewandelt, und des Fleisches kräftige Frische

so unerbittlich gewelkt hatte. Ihr Lieblingsaufenthalt war auf dem

Balkon; wer die süßeste Sehnsucht der Liebe mahlen wollte, mußte dieß

Mädchen sehen, wenn es oft Stunden lang, unverwendeten Blickes, in das

unermeßliche Weltmeer schauete; und dann, heimlich vor sich hin, die

Augen voll Wasser, den Kopf schüttelte, und leise sagte: er kömmt immer

noch nicht.

* * * * *

Endlich, nach vierzehn langen Monaten, trafen Briefe von der Tante

Sophie ein.

Der Mutter Wille, schrieb diese unter andern: ist, wie Du mir sagst,

daß ich Dir das dunkele Räthsel löse, das der Unglücklichen Leben bis

zur letzten Stunde trübte, und Dir, meine theure Hulda, alle Deine

Hoffnungen, all’ Dein Glück, unwiederbringlich vernichtet hat.

Ich erfülle diesen Willen mit schwerem Herzen, weil ich des

Unerforschlichen Wege, auf denen sich Folgen an Ursachen in ewiger

Kette fortreihen, hier so sichtbar gezeichnet finde, daß ich alle

Menschen laut und dringend beschwören möchte, jeden ihrer Schritte,

jede ihrer Handlungen, und alles, was der Natur der Dinge nach, daraus

entstehen muß, prüfend zu berathen, um seine Seele nicht mit Vorwürfen

zu belasten, die keine Macht der Welt von uns zu nehmen vermag.

Antoinette ward, in der Blüthe ihrer Jahre, von einem jungen Manne

geliebt, der ihren Reizen und ihren Tugenden mit unbeschreiblicher

Leidenschaftlichkeit huldigte. Selbst ohne Vermögen, bot er, in

leichter Hoffnung auf künftiges Glück, und ohne zu überrechnen, was zur

Führung eines auch nur mittelmäßigen Hausstandes unentbehrlich nöthig

ist, dem Mädchen seines Herzens die Hand; unsere Eltern aber, wie die

seinigen, konnten diesen raschen Schritt nicht billigen, und empfahlen

dem Heirathlustigen, die Verbesserung seiner Lage abzuwarten, die ihm,

bei seinen Kenntnissen, mit der Zeit nicht entstehen könne.

Man hielt die Trennung beider Liebenden für das zweckmäßigste Mittel,

ihn von allen Zerstreuungen abzuhalten, um sich desto bestimmter seinem

Berufe widmen, und die Begründung seiner künftigen Selbständigkeit

desto ungestörter bewirken zu können.

Er verließ, unter den heiligsten Schwüren ewiger Treue, unser

Frankfurt, und ging nach Hamburg, um auf dem Comptoir eines der ersten

dasigen Häuser zu arbeiten. Mangel an festen Grundsätzen, rasches

Temperament, und Gelegenheit -- wie viele junge Männer unsrer Zeit

mögen diesen verführerischen Dämonen ihres Lebensglücks sich nicht

schon in die Arme geworfen haben, ohne die Folgen ihrer Unbesonnenheit

zu berechnen -- Ein junges, unerfahrnes Mädchen von gutem Herkommen,

wohnt mit ihm in einem und dem nämlichen Hause; sie sehen sich

täglich; ihr beiderseitiger Umgang wird vertrauter, und der Mann, der

vor wenigen Monaten noch, zu Antoinettens Füßen die Reinheit seiner

Liebe mit tausend Eiden bekräftigte, mußte, um die Gefallene nicht

dem Spotte der Welt Preis zu geben, mit ihr flüchten. In Mexiko gebar

sie Alonso, und starb vor Gram über ihren Leichtsinn, der sie aus dem

Kreise ihrer achtbaren Familie in einen fremden Erdstrich bannte, worin

sie sich arm und verlassen fühlte und, nachdem der erste Rausch der

Leidenschaft verflogen war, sich von dem nicht mehr geliebt sah, dem

sie alles geopfert hatte. Alonso’s Vater machte seine Talente bald

geltend; wer hier Thätigkeit mit Umsicht verbindet, +muß+ sein

Ziel erreichen; das Glück war dem Manne, der sich nun mit rastlosem

Eifer in die Geschäfte warf, vorzüglich günstig, und so hinterließ er

seinem eingebornen Sohne ein Vermögen, welches, selbst nach hiesigem

Maßstabe, zu den bedeutendern gehört. Seinen deutschen Namen, Schmalz,

hatte er, wahrscheinlich um unentdeckt zu bleiben, oder weil die sechs

Consonanten in Einer Sylbe, dem spanischen und indischen Munde seiner

Geschäftsverbündeten und Untergebenen unaussprechbar waren, in das

Spanische übersetzt, und sich daher Mantequilla genannt; oft schon

hatte ich von dem reichen Mantequilla in Mexiko gehört, ohne zu ahnen,

daß dieß der Unbesonnene sey, der meiner Antoinette das Herz gebrochen

hat.

Auf diese hatte seine Treulosigkeit einen furchtbaren Eindruck

gemacht. Sie war von dem Augenblicke an, da sie die Nachricht seiner

Flucht hörte, wie umgewandelt; sonst die fröhliche Unbefangenheit,

die Gutmüthigkeit, die Liebe selbst, ward sie kalt und verschlossen;

sie haßte das Leben und seine Freuden; in ihrem Innern gährte eine

Säure, eine Bitterkeit, die sie gegen alle Menschen immer mehr und mehr

verfeindeten; ihre Vernunft nur und ihr Pflichtgefühl, zügelten ihren

heimlichen Ingrimm gegen die ganze Welt; sie glaubte an keine Eide

mehr; sie hielt das ganze Menschengeschlecht für entwürdiget.

Dein Vater, von dem Reize ihrer blendenden Schönheit hingerissen,

warb um ihre Hand; er ward von allen seinen Freunden gewarnt; allein

der joviale Mann hielt ihre Kälte für Tiefe des Gemüths; ihre

Zurückgezogenheit für Folge ihrer bisher eingeschränkten Lebensweise;

ihre Bitterkeit, für Witz. Sie gab ihm ihre Hand ohne Liebe; sie gab

sie ihm, weil es unsere Aeltern wünschten, weil sie jede ihrer Wünsche

als unwiderrufliches Gesetz ansah, und weil sie jede ihrer Pflichten

mit einer Strenge gegen sich selbst erfüllte, die an Märtyrerwahn

gränzte. Es that ihr wohl, sich dem älterlichen Willen zum Opfer

zu bringen; ihr Leben hatte, nach ihrer trüben Ansicht, doch nun

wenigstens +einen+ Zweck gehabt.

Es gibt, für den Mann von Gefühl, kein entsetzlicheres Loos unter dem

Monde, als mit einer Gattinn verbunden zu seyn, die ihm, aus mehreren

bewegenden Nebenumständen, nur nicht aus dem Drange ihres Herzens,

ihre Hand gegeben. Antoinette erkannte alle Bemühungen Deines Vaters,

ihr das Leben angenehm zu machen, sich in ihre unermüdlichen Launen

zu fügen, und ihr Beweise seines herzlichsten Wohlwollens, seiner

innigsten Liebe zu geben, an; aber sie konnte ihm dafür nichts, als

bloßen Dank wiedergeben; sie haßte sich darüber selbst; sie klagte, in

jedem ihrer Briefe, sich deßhalb selber an; die engelgleiche Schonung,

mit der Dein Vater ihr zurückstoßendes Benehmen trug, und gegen andere

sogar entschuldigte, drückte sie noch tiefer nieder; sie setzte sich

in ihren schwermüthigen Selbstbetrachtungen zusammen, daß sie ihm und

andern eine Last sey, und zerfiel so mit dem innern Glauben an sich

und ihren Werth immer mehr. Eine sonderbare Frömmelei, der sie sich,

nach ihren Briefen, besonders in der spätern Zeit, hingegeben zu haben,

und in der sie, wie aus mehreren ihrer Aeußerungen hervorging, von

einem dortigen mit ihr befreundetem Hause, bestärkt zu werden schien,

dämpfte ihre zuweilen rege werdenden Bemühungen, sich aus sich selbst

heraus zu reißen, noch mehr. Sie hielt jede Widerwärtigkeit für eine

ausdrückliche Schickung Gottes, welcher die züchtige, die er lieb

habe, und fügte sich zur Duldsamkeit der strengsten Büßerinnen unsrer

christlichen Vorzeit. Ewig und ewig wühlte aber das Andenken an die

Wehthat des Meineidigen, in ihrem tausendfach zerrissenen Herzen. Ach

könnten die Männer das Unermeßliche der Liebe ahnen, das im keuschen

Busen der Jungfrau so allmächtig wogt, sie würden die ungeheure Qual

verstehen, die eine solche Liebe leidet, wenn sie betrogen wird!

Verdamme nicht Deine unglückliche Mutter, wenn sie, -- diese brennende

Qual mehr denn zwanzig Jahre im gewaltsam verschlossenen Herzen, in

der Stunde des ersehnten Todes, Alonso erkennend, -- den wortbrüchigen

Vater verfluchte! Es liegt in diesem Fluche etwas so schauderhaft

Gräßliches, daß mir die Sinne vergingen, als ich ihn las. Hörten ihn

doch alle, die sich eines gleichen Verbrechens schuldig wissen!

Deine Briefe, meine Hulda, bestimmten mich zu einer Reise nach Mexiko.

Nach meiner festen Ueberzeugung galten die grausenden Verwünschungen

der Sterbenden nicht dem schuldlosen Sohne, sondern der Sünde des

Vaters. Alonso’s Aehnlichkeit mit diesem hatte der Unglücklichen, die

auf der furchtbaren Schauerbrücke zwischen dieß und jenseits stand, wo

alle Sehnen, alle Nerven, alle Fibern im Kampfe mit dem wüthenden Tode,

bis zum Zerspringen gereizt, wo ihre Sinne krampfhaft zerrüttet, wo die

unsichtbaren Bande zwischen Seele und Körper, von der erbarmunglosen

Parze schon halb zerschnitten waren, jene Aehnlichkeit, sage ich, hatte

in diesem entsetzlichen Augenblicke, ihrer verworrenen Phantasie das

Bild des Treulosen wie mit einem Zauberschlage vorgeführt; dem Jahre

lang, unter der Gewalt der Vernunft erlegenen Herzen entstürzte fest

das bitterste aller Gifte, das Gift gekränkter Liebe. Das Recht, was

sie sich anmaßte, den Vater im Sohne noch zu hassen, ist ein Beweis

ihres Wahnsinns mehr. Ihr frommer Geist war schon von ihr gewichen;

diese Aeußerung war nur die letzte Zuckung ihres verblutenden Herzens.

Nur einen lichten Augenblick hätte sie noch haben dürfen, nur der

ernsten Zusprache eines verständigen Freundes hätte es bedurft, und

jene unseligen Worte wären über ihre Lippen nicht gekommen, oder von

ihr, mit ihrem milden christlichen Sinne, widerrufen worden.

Im Plane der Vorsehung hat es anders gelegen! Jene Sünde des Vaters

hat den schuldlosen Sohn zum Opfer gefordert.

Bereite Dich vor, meine Hulda, das Schmerzlichste zu hören.

Ein Schwarzer empfing mich und meinen Gatten in Alonso’s fürstlichem

Palaste.

Auf unsere Frage nach seinem Herrn, brach der Mann in sanfte Thränen

aus. Nur zu seiner Ruhestätte kann ich Euch geleiten, entgegnete er,

mein edler Herr ist todt!

Hulda, halte fest an Gott und seinen Glauben! Alonso ist in der Blüthe

seines Lebens, in des Todes kalte Arme gesunken.

Wenige Tage nach seiner Abfahrt aus Euerm Hafen, hatte ihn, wie der

Neger erzählte, ein hitziges Fieber befallen. Der Steuermann, der

Bootsmann, der Guardian, alle bitten ihn, zurückzukehren; er aber

besteht auf der Fortsetzung der Fahrt; nach zwei langen Monaten fängt

die Kraft des Rüstigen endlich an, sich allmählig wieder zu regen;

alles preis’t Gott, der ihn, ohne ärztliche Hülfe wieder genesen ließ;

nur ihm macht die Rückkehr in das Leben keine Freude; er, sonst der

Lebendigste, der Heiterste auf dem Schiffe, sitzt in sich gekehrt

und still, mit dem Gesichte nach Europa gewendet; spricht kein Wort,

ist weich wie ein Kind, und hat oft heiße Thränen im Auge. Der Pilot,

ein verständiger Mann, naht sich ihm mit bescheidener Frage nach der

Ursache seines Kummers, glaubt, daß er körperlich leide, und bitter,

seinen Cours auf die zunächst liegende Insel richten zu dürfen, um da

für seine Gesundheit besser sorgen zu können; Alonso aber reicht ihm

freundlich dankend die Hand, bittet, die Fahrt nach Vera-Cruz möglichst

zu beschleunigen, behauptet, daß ihm auf dieser Welt Niemand helfen

könne, setzt späterhin sein Testament auf, und übergibt es, für den

Fall seines Todes auf der See, gedachten drei Schiffsoffizieren mit den

gewöhnlichen Förmlichkeiten.

Ein anhaltender, sehr bedeutender Sturm, der das Schiff mehrere

hundert Meilen verschlägt, und die angreifendsten Anstrengungen

nöthig macht, deren sich Alonso, um die Mannschaft zu retten, Tag und

Nacht unterzieht, bewirken in seiner Krankheit einen gefährlichen

Rückfall. Seine Kräfte schwinden immer mehr, und nur mit Mühe gelingt

es ihm, kaum noch lebend nach einer höchst mühvollen Fahrt, im Hafen

von Vera-Cruz, endlich an das Land zu setzen. Man bringt ihn in das

benachbarte Xalappa[53], das eine gesündere und angenehmere Lage hat,

als Vera-Cruz selbst; allein er dringt darauf, nach Mexiko geschafft zu

werden; die erdrückende Hitze auf den Dünen[54], über die ihn, in einem

Ruhebette, seine treuen Sclaven tragen, verschlimmert seine Krankheit,

und kaum in Mexiko angelangt, verscheidet er nach kurzem Leiden.

Sein letztes Wort war Dein Name, meine unglückliche Hulda. An Dich

sind die Zeilen gerichtet, die er am Bord der Antoinette geschrieben,

und unter Deiner Adresse versiegelt hinterlassen hat, und die mir, da

ich mich als Deiner Mutter Schwester auswies, zur Weiterbeförderung

an Dich, ausgehändigt worden sind. Alonso muß ein sehr edler Mensch

gewesen seyn. Er hat im Testamente seinen sämmtlichen Sclaven die

Freiheit geschenkt, und sie mit Mitteln zur Rückkehr in ihre Heimath

versehen. Ganz Mexiko rühmt ihn, als ein Muster von Sittenreinheit; der

Ruf seiner Tugend, seiner Kenntnisse und seines Wandels hat ihm die

Liebe und Achtung der ganzen Stadt gewonnen, und ein recht rührender

Beweis der zarten Anhänglichkeit seiner Umgebungen war, daß uns alle

Personen im Hause, als wir nach seinem Grabmal wandelten, schweigend

Hand und Fuß küßten, als wollten sie uns für die letzte Ehre danken,

die wir ihrem angebeteten Herrn erwiesen. Das Monument, unter dem seine

Hülle ruht, ist ein einfacher Würfel von weißlich grauem, sehr schön

geschliffenen Granit. Es liegt unfern der Stadt, auf dem Hügel von

Toatihuacan, zwischen den majestätischen Trümmern der, den indischen

Göttern, dem Monde und der Sonne, geweihten Pyramiden, in der Mitte

eines heiligen Palmenhains, rings umgeben von einem Kranze frisch

gepflanzter brennender Liebe. Wir knieten, vom Dunkel der stillen

Friedens-Palmen umschattet, am Grabe nieder, und beteten für Alonso und

für Dich. --

Alonso’s mit schwacher Hand geschriebene Zeilen lauten also:

Meine ewig einzige Hulda! Nur, wenn ich hinüber gegangen bin in die

Gefilde der Seligen, empfängst Du dieses Blatt. Ruht Dein Auge also

darauf, so bin ich schon drüben in dem Lande des Friedens, in dem keine

Täuschung mehr gilt, in dem nur die Wahrheit und das Recht dem Throne

des Allmächtigen zur Seite stehen.

Ich habe eine schwere Krankheit überstanden; meine Leute glauben

mich genesen, aber ich fühle, daß meiner Stunden nur wenige noch

sind. Erinnert an meine Sterblichkeit, habe ich meinen letzten Willen

aufgesetzt, Kraft dessen Du die alleinige Erbinn dessen bist, was die

Menschen zeitliches Glück nennen. Danke mir dafür nicht, denn es war

seit dem Augenblicke, als Du mir Deine Hand gabst, ja schon Dein. Das

Testament selbst, das gleich nach meiner Landung unserm Alcalde Mayor

wird eingehändigt werden, bedarf, nach unserm Gesetz, die Bestätigung

des Vicekönigs, für deren Bewirkung die nöthige Sorge getragen werden

soll.

Ich mag und kann nicht mehr leben. Ohne Dich, meine angebetete Hulda,

hat die ganze Welt keinen Werth für mich. Zwischen uns hat sich der

Fluch der sterbenden Mutter, wie ein glühender Markstein gestellt. Der

Geächtete, der Verfluchte konnte Dir nie seine Hand bieten! Es ist

mir gewesen, als wäre mein Gehirn aus dem Schädel gebrannt, denn ich

habe den Gedanken, Dich, Dich meine Hulda, auf diese Weise aufgeben zu

müssen, nicht fassen können.

Im Wahnwitz des hitzigen Fiebers, an dem ich krank lag, war mir am

wohlsten. Da hielt ich Dich noch für mein; da spann ich mir die

Sekunde, die ich mit Dir lebte, zu Tagen aus; jedes Wort, jeder Blick,

jedes Lächeln von Dir, Du alleiniger Engel meines Lebens, war mir

gegenwärtig, und in meiner glücklichen Einsamkeit störte mich nichts,

als das Toben der Wellen, die sich an den Seiten meines Dreimasters

schäumend brachen. Ich sprach, ich kos’te mit Dir; ich sog aus Deinen

Augen, von Deinen Lippen, aus Deinen tausendfachen Reizen das Süßeste

der Liebe.

Nach und nach verflogen meine Fieberträume; ich kehrte in das

schauerkalte, der Verzweiflung heimgefallene Leben zurück, und bin

unterdessen tausend Meilen von Dir weggekommen. Sonst, Du in diesen

meinen Armen, an dieser meiner Brust! -- jetzt -- ein halbes Weltmeer

zwischen uns! -- Ich sehe und sehe, aber mitten auf dem unermeßlichen

Ozean erspähe ich nichts, als Himmel und Wasser, Dunst und Nebel; dieß

armselige Gewand unsers ganzen Erdballs begränzt mir den Blick nach

Deinen Küsten, und meine Einsamkeit ist fürchterlich, weil sie ewig

ist. Ich kann mit glühender Sehnsucht hinabblicken in den Abgrund des

Meeres, denn nur mit meinem Tode hört mein Unglück auf.

Jenseits sollen die in Gott Entschlafenen sich wieder finden! Hast

Du dieß Blatt in Deinen Händen, so habe ich, wenn jene wohlthuende

Hoffnung des himmlischen Wiedersehens kein leeres Trostwort unsers

Glaubens ist, und Deine Mutter unterdessen den letzten Todeskampf auch

überstanden hat, sie gefunden, und bin von ihr jener Unheil bringenden

Verwünschung entlastet worden. Ich bin dann rein von aller Sünde, auch

von der, die aus falscher Ansicht mir aufgebürdet wurde, und Du kannst

und darfst an mich denken, ohne mit Deinem engelreinen Herzen Dich

meiner zu schämen!

Weine um mich nicht, Hulda. Ich fürchte den Tod nicht, und wenn Du

diese Zeilen liesest, habe ich ja den letzten Kampf schon glücklich

gekämpft. Die Trennung von Dir, meine einzige geliebte Hulda, war mir

wahrhaftig schwerer, als mir die vom Leben werden kann. Nun Du mir

fehlst, fehlt mir alles. Athemholen und Essen und Trinken heißt noch

nicht Leben. Ehe ich Dich kannte, liebte ich neben Gott meinem Herrn,

meiner Neger sanfte Gottheiten, den Mond und die Sonne. Seit Dich mein

Auge sah, vergaß ich beide, denn beide, die alles belebende Kraft der

Sonne, und die stille Milde des freundlichen Mondes, fand ich in Dir

wieder. Nun ich Dich nicht mehr sehen kann, mag ich auch die Götter

meiner Neger nicht; nur nach des Grabes Dunkel sehnt sich mein müdes

Herz.

Lebe wohl, meine Treugeliebte! behalte die Ueberzeugung fest, daß der

Fluch Deiner Mutter mich unschuldig traf. Du warst meine erste, meine

einzige Liebe. Schuldlos wie das Kind, das in der frühesten Jugend

der himmlische Vater zu sich ruft, scheide ich aus diesem Leben. Die

Gluth der Liebe, die von Deinen zauberischen Reizen angefacht, in

meinem Herzen mit Riesengewalt empor loderte, sie soll nur im engen

finstern Grabe, oder wenn ich auf der See noch sterbe, nur in der

unergründlichen Tiefe des großen Weltmeeres erkalten. -- Dir meine

Hulda -- das Laster des Neides ist dem Sterbenden fremd -- Dir gebe

ich Dein Gelöbniß der Treue hiermit feierlich zurück. Findest Du einen

Mann Deiner Liebe werth, so reiche ihm Deine Hand, und sey mit ihm

glücklich. Vergiß meiner nie, und bete für das Heil meiner Seele.

Weiter hatte Alonso, vermuthlich wegen Körperschwäche, nicht schreiben

können; die letzten Worte waren ohnehin schon fast ganz unleserlich.

Hulda reichte leichenbleich die Blätter dem Vater. Sie war vom Schreck

so durchbebt, daß sie kein Wort sprechen konnte; ein Schauer jagte nach

dem andern ihr durch Mark und Blut, sie zitterte an allen Gliedern, und

das starre Auge netzte keine Thräne.

Ich konnte, sagte sie endlich nach langer Weile, ihre

Leichtgläubigkeit sich selbst verweisend, mit erschütternder Kälte: ich

konnte noch hoffen, und die Mutter hatte mir in jenem Wolkenbilde doch

schon seinen Grabstein gezeigt! Weißlich grau war damals das Gestein,

und daß jener schreckliche Spiegel meiner Zukunft nicht lüge, schleifen

sie den Würfel, der auf seinem Grabe ruht, von weißlich grauem Granit!

Mehr sprach sie keine Sylbe; sie ging, wie im Traume, nach dem

Garten-Saal, und trat auf den Balkon. Da erst, als sie in die Gegend

hinschaute, in die er gesegelt war, ohne je wieder zurückzukommen, trat

ihr das Wasser in die Augen, da erst fand das schwer belastete Herz

Erleichterung durch sanfte Thränen.

Ich will, sagte sie, und reichte dem Vater wehmüthig die Hand: mit der

Vorsehung nicht hadern; ich will nicht murren! aber womit habe ich

dieses entsetzliche Loos verdient? Was habe ich gegen den Allgerechten

verbrochen, daß ich dieser Strafe werth wäre? Für meinen Verlust ist

hienieden kein Ersatz denkbar; mißbillige daher, mein armer Vater,

mißbillige es nicht, wenn ich meinen Gott im Himmel bitte, mich bald

von hier abzurufen. Drüben soll ich ihn ja wieder sehen, dort darf

ich ihn ja lieben. Einen Vortheil, ja einen habe ich aus meinem

unermeßlichen Unglück gerettet, den Vortheil des leichten Todes.

Die letzte Stunde dieses freudenleeren Lebens -- wann schlägt sie

mir? Andere schaudern ihr entgegen, mir ist sie das Einzige, wornach

ich mich hier noch sehne. Allgütiger, ende bald mit mir. Sie sah

noch einmal über das Meer hinüber, sie lispelte leise: Mein Alonso,

schlummere im Schatten Deiner Friedenspalmen sanft und ruhig. Deine

brennende Liebe nehme ich mit in meine Gruft. Noch einen Blick -- es

war der letzte -- warf sie rund um auf Land und Meer, verließ, sanft

weinend, ihren Lieblingsplatz, den Balkon, und hat ihn nie wieder

betreten.

Denselben Abend noch -- dieß zarte Gemüth konnte die ungeheure Last

eines solchen Schmerzes nicht lange ertragen, der Gram zerfraß diese

noch nicht einmal ganz entfaltete Blüthenknospe mit eiliger Gier --

denselben Abend noch mußte sich Hulda legen; sie sandte nach Gustchen

und deren Bräutigam; sie fühlte das allmählige Verrinnen ihrer

Lebenskraft, und freute sich der Gewißheit dieses Gefühls. Sie sandte

zu der Familie, die durch heuchlerische Frömmelei Einfluß auf die

Mutter gehabt, und dadurch wohl manches Unheil gestiftet hatte, und

ließ ihr sagen, daß sie ohne Groll von hinnen scheide; sie ordnete ihr

Begräbniß an, und bat um das heilige Abendmahl.

Es war Mitternacht, als der Prediger, der nämliche, der Hulda getauft,

der sie confirmirt hatte, und der von ihr im Stillen schon bestimmt

gewesen war, den Bund ihrer Liebe mit Alonso vor dem Traualtar

einzusegnen, an ihr Lager trat, um ihr das letzte Mahl der Liebe und

Versöhnung zu reichen, und der Kirche Segen ihr in das dunkle Reich des

Todes mitzugeben.

Die Umstehenden knieten an ihrem Bette nieder; sie reichte ihnen allen

die Hand, als wolle sie Abschied von ihnen nehmen, um dann die letzten

Augenblicke ihres Lebens ungestört sich allein zu gehören, und nahm

nun mit unbeschreiblicher Rührung, aus der Hand des Dieners Christi,

eines ehrwürdigen alten Mannes, das Mahl, das der zu seinem Gedächtniß

einsetzte, der den Menschen die reinste Liebe und den Leidenden

das höchste Bild der frommen Duldung war, der in der strengsten

Pflichterfüllung unser Aller Meister ist, und der den Sterbenden

seine schützenden Engel mit dem Freudenlichte seines Worts und seiner

Hoffnungen entgegen sendet, daß sie die Gläubigen sicher geleiten durch

das Dunkel der langen Todesnacht.

Vor dem Hause hob jetzt das Schülerchor, mit gedämpfter Stimme, das

fromme Lied: +Jesus meine Zuversicht+, an; der Geistliche segnete

sie zur ewigen Ruhe ein, und noch hatte das Lied nicht geendiget, als

Hulda, des Lebens müde, ihr Haupt neigte, und lautlos, ohne Schmerz und

ohne Klage hinüber schlummerte in das Reich der Seligen. -- Noch ein

leiser Seufzer, und die Engelreine hatte vollendet.

Die Glocken der Stadt schlugen Eins. +Ihr+ dämmerte der Morgen der

ewigen Verklärung.

Auguste, ihre treueste Freundinn, drückte ihr die Augen zu -- Alonso’s

letztes Andenken, die brennende Liebe schmückte Hulda’s Brust im Sarge.

Auch ihr Grab deckt ein großer Würfel von geschliffenem Granit; statt

der nur in Alonso’s Heimath, im Freien gedeihenden Palmen, beschatten

Trauerweiden ihre Gruft. --

Sie ruhe in Frieden!

* * * * *

Uns allen aber einst solch einen sanften Tod.

Gedruckt in der Gerlachischen Buchdruckerei.

Bei der +Arnoldischen+ Buchhandlung in Dresden sind folgende

schöngeistige Schriften erschienen und um die beigesetzten Preise

durch alle Buchhandlungen zu bekommen:

Des Vaters Sünde, der Mutter Fluch · 第 12 / 15 题