Hinaufgehen und nachsehen? --

Um keinen Preis! War er es, was mußte er von ihr denken! -- War es ein

Dritter, so setzte sie sich der Gefahr aus, einen Todesschreck davon zu

tragen. -- Die Leute aus dem Hause rufen? -- wenn er es nun war, -- die

Geschichte wäre ja morgen in der ganzen Stadt bekannt geworden! -- War

es gar nichts, hatte sie sich getäuscht, so mußten die Leute, die sie

vorhin erst hatten Sturm läuten sehen, und fest von ihr aufgefordert

wurden, etwas zu suchen, was gar nicht da war, in allem Ernste glauben,

sie sey zum Tollhause reif, und ein Dritter -- konnte in dem leeren

Gartenhause nicht viel nehmen.

Sie stand, unverwandten Blickes auf den Balkon gerichtet. Das

Auge, jetzt mehr an die Dunkelheit gewöhnt, erkannte endlich in

dem Verdächtigen, den unschuldigen Orangeriebaum; und die daneben

befindlichen großen Levkoibüsche bewegten sich, wenn sie wirklich

vielleicht ein wenig auf und ab geschwankt hatten, vom Windzuge

berührt, der aus der halb offen gelassenen Balkonthür kommen mochte.

Es zog sie unwiderstehlich auf den Balkon; sie mußte ja die Thür

zumachen.

Im Hinaufgehen -- es war, als hörte sie die Flöte wieder. Sie eilte auf

den Balkon!

Millionen Sterne flimmerten am schwarzen Himmelszelte; am fernen

Gestade rauschte das Meer in sanfter Brandung; im Hafen aber schlief

alles; nur die kupferne Lampe im Nachthause, wo der Steuercompaß steht,

brannte auf jedem Schiffe, und hier und da war noch ein Lichtchen in

den Kajüten sichtbar. Auch den Bord der Antoinette schien der Gott des

Schlafes geentert zu haben, denn es rührte sich da unten kein Mäuschen.

Aber -- jetzt ertönte die himmlische Flöte noch einmal. Es klang, wie

das Locken der Liebe, in dem der Sprosser zu seinem Nachtigallweibchen

spricht; so sehnsüchtig und so schmelzend; erst bittender Scherz,

in kurzen, rund abgebrochenen Sätzen, dann lange, lange Töne gezogen

durch die Gluth der zärtlichsten Leidenschaft, und immer stärker und

stärker werdend, und hoch hinausgehend über das Reich alles Irdischen,

und endlich, zum Zeichen des Glaubens an freundliche Erhörung der

schüchternen Bitte, ein sich bald in kräftige Volltöne, bald in ein

süßes, hinsterbendes Pianissimo auflösender Doppeltriller.

Allerliebst, allerliebst, sagte Hulda leise, und holte jetzt erst

wieder Athem, denn sie hatte ihn in der überseligen Brust verhalten,

so lange die süßen Laute zu ihr sprachen, um von der Sphärenmusik

nichts zu verlieren. Sie kamen ja doch vom Deck der Antoinette herauf;

sie sah, so viel die Sternenhelle es gestattete, ganz deutlich da

unten, auf der Tasche[6] des Schiffes, nach ihrer Seite zu, etwas

sich bewegen, und aus dem wehmüthigen spanischen Liedchen, das die

Flöte spielte, zog Hulda die Ueberzeugung, daß sie sich nicht irrte.

Der Mexikaner mußte ja ein spanisches Lied blasen! Ihr kam es recht

eigentlich spanisch vor. Konsuls Alwine besaß bei einem vollständigen

Musikalien-Vorrath aller National-Melodien, dasselbe Lied, und hatte es

früher schon zwanzigmal wohl gesungen, aber so klang es nie.

Man konnte aber auch nichts weicheres, nichts rührenderes hören, als

diese Melodie aus dieser Brust. Es war, als wollte der junge hübsche

Mensch da unten, seine ganze Seele aushauchen, so deutlich sprach das

Instrument den süßen Schmerz seines liebekranken Herzens aus. Vorhin so

läppisch, und jetzt so sanft, so leidend, so schmachtend.

Was für ein kurioser Mensch muß das seyn, dachte Hulda bei sich selbst,

heimlich lachend, und fragte nach einer Weile, durch seine süße Klage

weich geworden, halb leise herab: warum so traurig mein Freund? und die

milden Sterne am dunkeln Himmelszelte, spiegelten sich in den Perlen,

die ihr an den seidenen Wimpern hingen. Das Wasser war ihr in die Augen

gekommen, sie wußte selbst nicht wie. Sie hätte zerfließen mögen in nie

gekannte Lust und Freude. Seine zarte Klage that ihr unaussprechlich

wohl; sie verstand jeden Hauch seiner Lippen; sie verriethen ihr,

durch das heimliche Dunkel der Nacht, die frischblutende Wunde, die ihr

Liebreiz dem Schwärmer schlug, das süße Wehe, in dem der glückliche

Dulder schier zu vergehen glaubte, und die Südgluth seiner Leidenschaft.

Aber vom Meere herüber zog jetzt der Wind schärfer, durchreifte

die warme Sommernacht mit eisigen Schauern und mahnte Hulda an das

Nachhausegehen. Sie warf -- es sah es ja niemand, als der liebe Herr

Gott, der die ungeheure Gewalt der Liebe in die Brust des Menschen

gesenkt hat, und dieser deutete es gewiß nicht übel, -- sie warf,

zum Danke für das hübsche Abendständchen, einen recht herzlichen Kuß

herab, und sagte kaum hörbar, gute Nacht, mein lieber, lieber Freund,

gute Nacht, und eilte in das Haus zurück; noch im Gehen warf sie

einen scheuen Blick in die Himmelsgegend, wo sie, heute Abend, die

sonderbaren Figuren und Gestalten sah; aber der Grabstein und das

Kreuz, und das Drohbild der zürnenden Mutter, hatten die schwarzen

Nachtwolken längst mit undurchdringlichem Schleier verhüllt.

Reiße, mitleidiges Schicksal, den Vorhang vor den Schrecknissen der

Zukunft nicht zu früh von einander; laß den armen Menschen ihren Wahn,

daß sie geboren sind, um immer glücklich zu seyn.

Hulda hatte sich gefreut, von ihm zu träumen, aber damit war es dießmal

nichts; sie träumte wohl, doch nicht von ihm. Tante Sophie sandte ihr

von Lima aus, schwarzen Krepp zu einem Ballkleide, und einen Schmuck

von böhmischen Glasperlen, und schrieb ihr einen solchen launigen,

verwirrten Brief dazu, daß sie, als sie am Morgen erwachte, noch

darüber lachen mußte. Sie erzählte der Mutter davon, diese lachte mit,

und sagte mit sonderbarer Betonung, schwarzer Krepp von daher, hat

eine recht eigene Bedeutung; Hulda wollte fragen, welche, aber die

Mutter fuhr, des Ballkleides Erwähnung eingedenk, gleich fort, von

Huldas heutigem Anzuge zu sprechen, und meinte, daß, wie sie hörte, bei

Directors sehr große Gesellschaft seyn werde, und äußerte daher den

Wunsch, daß Hulda heute vorzüglich elegant erscheinen möge.

Diese schien dazu keine rechte Lust zu haben, denn Er war ja doch nicht

dort, und Anderen gefallen zu wollen, kam ihr nicht im entferntesten

in den Sinn; indessen um der Mutter den Willen zu thun, schmückte sie

sich mit dem Beßten ihrer geschmackvollen Garderobe.

Sie war verstimmt und konnte den ganzen Tag platterdings ihren Frohsinn

nicht wieder finden. Zweimal war sie auf dem Balkon gewesen; verkaufte

er an seiner mitgebrachten Ladung, oder lief er nach der Leinwand zur

Rückfracht herum, oder hatte er eine Andere gefunden, die ihm -- als

schnitt ihr Jemand mit scharfschneidigem Stahle das Herz mitten von

einander, so zuckte sie bei dem Gedanken zusammen -- sie krampfte die

Hand in einander, und sah mit recht bösem Blick hinab auf das Deck

der Antoinette; aber er war nicht da; zum vierten Male, kurz zuvor,

ehe sie zu Directors fuhr, bestieg sie noch einmal den Balkon; sie

mußte sich da noch einen recht schönen Orangenzweig holen, und all

die hundert Orangerie-Bäume im Garten unten, blühten nicht so schön,

als der auf dem Balkon. Wie ein Engel vom Himmel gekommen, sah das

bildschöne Mädchen in ihrem blendendweißen Prachtgewande, auf dem, in

luftiger Höhe kühn schwebenden Balkon aus. Von den Verdecken aller

Schiffe im Hafen, sahen sie nach der himmlischen Gestalt herauf, und

in den Sprachen aller Völker der Erde, ertönte einstimmig das Urtheil,

daß das ein wunderhübsches Kind sey; aber Er -- Er war immer noch

nicht da. Abscheulicher Mexikaner, rief sie im drohenden Scherz leise

hinab: wo steckst Du? In dem Augenblick kommandirte eine Stimme auf der

Antoinette, spanisch: ~Saldat a la banda~, (fallt auf’s Fallreep)

und die Matrosen ließen die Fallreepstreppe an der Steuerbordseite

hinab, und der alte Doctor Brehme stieg am Bord.

Er ist krank, sagte sie mit gebrochener Stimme: und er hat keine, die

ihn pflegt, und ich bin böse auf ihn gewesen, daß er nicht da war, und

er ist doch so unschuldig. Ich, ich bin die Ursache seiner Krankheit,

denn bestimmt hat er sich gestern Abend, da draußen auf der Galerie, in

dem kalten Meeres-Thau erkältet, und nun kann ich ihm meine Sorgfalt,

meine herzliche Theilnahme mit nichts, mit gar nichts beweisen. Gott,

wenn es nur nicht gefährlich ist -- der Tante schwarzes Kreppkleid aus

Lima! -- da habe ich ja die schreckliche Lösung des Traumes, über den

ich und die Mutter heute früh noch lachten.

Aber hier sind Sie? unterbrach ihr Selbstgespräch die athemlose

Köchinn: die vierrädrige Barkasse liegt vor der Thür schon länger denn

eine halbe Stunde. Der Steuermann vorn auf dem Bratspill klatscht, zum

Zeichen, daß er da sey, mit seinem Steuerruderchen, daß alle Leute

auf der Straße stehen bleiben; er hat schon, Gott weiß wie lange, die

Pitsjahrs-Flagge am Vortop aufgehießt,[7] und ich kann Sie nirgends

finden. Wollen Sie nicht Extraliegegeld zahlen, so kommen Sie ja gleich.

Sie mußte fort, in die widrige Gesellschaft, in der sie keine Freude

finden konnte.

Das ist kein Ballgesicht, sagte die Mutter, als sie kam, um sich bei

dieser zu verabschieden: was fehlt dir Kind? Du hast ja nasse Augen,

Mädchen?

Nichts, mein Mütterchen, man hat so seine Tage, entgegnete Hulda

lächelnd: ich bliebe heute viel lieber zu Hause; die Mutter aber

meinte, wenn sie nicht krank sey, so müsse sie sich dergleichen

Mißlaunen nicht so hingeben; sie werde sich bestimmt recht wohl

dort befinden, und da viel Fremde eingeladen wären, gewiß manche

interessante Bekanntschaften machen. Dein Englisch, setzte sie

mütterlich wohlwollend hinzu: mußt Du noch viel mehr üben; wenn Du mit

jungen Britten sprichst, bist Du immer etwas befangen; hast Du daher

Gelegenheit, heute englisch zu sprechen, so versäume sie nicht; das ist

so gut, als hättest Du beim Lehrmeister zwei Stunden.

Desto geläufiger geht es jetzt mit dem Spanischen, entgegnete Hulda

selbstzufrieden, und dachte im Stillen, daß sie mit dem jungen

Mexikaner sich gewiß recht gut verständigen wollte, wenn sie ihn nur

einmal spräche; die Mutter aber erwiederte scharf, daß +die+

Sprache ihr eigentlich ganz überflüssig, und der Unterricht darin,

gleich vom Anbeginn an, ihrem Willen ganz entgegen gewesen sey;

sie empfahl ihr, beim Tanze sich recht in Acht zu nehmen, wünschte

ihr recht viel Vergnügen, und freute sich, morgen früh von ihr

umständlichen Bericht über das Fest zu vernehmen.

Der Wirrkopf mit den blauen Augen krank in der Kajüte, und sie auf dem

Balle! Ein recht widriger Kontrast! Sie nahm sich vor, keinen Schritt

zu tanzen, und recht zeitig nach Hause zu fahren; vielleicht war es

doch noch möglich, heute Abend, auf seinem Verdeck, von ihm etwas zu

erspähen, und wenn es auch nur das Licht in seiner Kajüte sey. In dem

Augenblick, als sie in das Vorzimmer des Gesellschaftsaales trat, holte

sie der Doktor Brehme ein, der ebenfalls als Gast hier erschien. Sie

waren, fragte sie, vom Zufall überrascht: eben am Bord der Antoinette

im Hafen; haben Sie dort einen Kranken? Sie erschrak, als sie die Frage

glücklich heraus hatte, aber so gestellt, konnte der Doctor ja ihren

Grund unmöglich bemerken; doch die Antwort blieb ihr der Gefragte

schuldig; denn die Flügel der Saalthüre öffneten sich, und sie mußte

eintreten.

Sie verneigte sich mit holder Anmuth gegen den großen glänzenden

Halbkreis der geschmückten Versammlung, und ein halbleiser Beifallslaut

in der ganzen Gesellschaft, sprach das stille Entzücken aus, mit dem

die Erscheinung der Liebreizenden alle Anwesenden überrascht hatte.

Schönheit, Unschuld und Jugend, diesen drei Grazien wird überall

die zarteste Huldigung zu Theil. Aber zauberischer als heute, hatten

auch des Mädchens älteste Bekanntinnen es nie gesehen. Hulda schaute

mit schüchterner Befangenheit im Zirkel umher, um die Frau vom Hause

herauszufinden, da traf ihr Blick auf den jungen Mexikaner. Der Wirth

des Hause wisperte ihm in das Ohr: das ist unser Admiralschiff, das

schönste Mädchen der Stadt, und der junge Fremde erwiederte freundlich

lächelnd: ich streiche die Flagge.[8] Der Director näherte sich dem

holden Mädchen, um es zu bewillkommen, führte es seiner Gattinn zu,

fragte nach dem Befinden der Mutter, und betheuerte mit schönen Worten,

daß Hulda immer liebenswürdig sey, aber heute müßte Adonis selbst ihre

Toilette gemacht haben, denn reizvoller sey sie nie gewesen. Europa,

setzte er scherzend hinzu: Europa nicht allein, liegt Ihnen zu Füßen;

die fernsten Welttheile bringen Ihnen sogar ihre Huldigungen dar.

Der glatte Freund aller schönen Mädchen und Frauen, ein deckenhoher

Spiegel, vor dem sie eben stand, und auf den sie verstohlen einen

halben Seitenblick warf, flüsterte ihrer kleinen Eitelkeit zu, daß sie

heute recht hübsch sey, und des Mexikaners seemännisches Kompliment

vom Streichen der Flagge, hatte ihrem Ohre wohlgefällig geschmeichelt.

Der junge Mann schien das Deutsche recht gut zu sprechen. Schade!

-- sie hätte sich lieber spanisch mit ihm unterhalten; die andern

hätten dann ihr Gespräch nicht verstanden, und ihm, meinte sie, wäre

es gewiß angenehm auffallend gewesen, hier ein Mädchen zu finden, das

seine Muttersprache verstehe. Sie war, wie wohl jedes anspruchlose

Mädchen, mit einer Art von Beklommenheit, in den großen eleganten

Kreis getreten, aber jetzt, -- war es der Beifall, den sie in jedem

Auge gelesen, oder das, was der Herr vom Hause, der Director, von den

Huldigungen der fernen Welttheile gesagt, oder was da drüben der junge

hübsche Mensch mit den dunkelblauen Augen, vom Flaggen hatte fallen

lassen, kurz sie fühlte, daß sie hier das Admiralschiff führe. Aber so

kühn sie auch jetzt in See stach, so konnte sie doch ihr Auge nicht

zu ihm selbst wenden; das Herz klopfte ihr unter dem Blumenstrauß am

Busen, daß alle Blätterchen zitterten.

Maklers Suschen war auch da. Hulda ging auf sie zu, um über ihren

gestrigen Sturmbesuch, von ihr näheren Aufschluß zu erhalten, diese

aber stellte der Neugierigen den neben ihr stehenden Herrn vor, und

fragte heimlich lachend, ob sie ihn nicht mehr kenne?

Ein linkischer, dürrer langer Stock, mit hängenden Knieen; mit, bis

über die klapperbeinigen Waden, herabhängenden endlosen Rockschößen

und, dem ganzen, allem Geschmack und allem Anstande Hohn sprechenden

Aeußern nach, ein forcirter Engländer; das Auge grau und matt; das

durch die enge Halsbinde roth geschnürte Gesicht mit Blüthchen und

Schwären bedeckt, und in jedem Zuge Spuren eines Londoner Wüstlings,

der nur in den ~Passages of Leicester, Fitzroy Square, Straffort

Street~, und ähnlichen Orten, seinen Freuden nachgejagt, und nichts,

als Langeweile und Lebensüberdruß aus jener Nebelinsel mitgebracht

hatte. Er redete Hulda englisch an, und versicherte, daß er das

Deutsche während der sechs Jahre seiner Abwesenheit fast ganz vergessen

habe, und Hulda erkannte in ihm, Suschens Bruder, Kasperchen, einen

sonst gewaltig dummen Jungen, den die ganze Stadt ehedem hänselte,

und der, als Deutschlands männliche Jugend das Schwerdt ergriff, um

Napoleons Tyrannenketten zu zerhauen, sich aus angeborner Abneigung

gegen das Kriegsleben, nach London verkrümelte, um dort die Sache

in Ruhe abzuwarten. Mit dem Vermögen und dem Kredit seines Vaters,

eines sehr wohlhabenden Mannes, führte ihm der Zufall einen jungen

mittellosen, aber höchst speculativen Engländer zu, der sich mit ihm

verband, und ihm, in der goldnen Zeit der brittischen Alleinherrschaft

auf allen Meeren, sehr große Reichthümer erwarb, und jetzt war

Kasperchen, nachdem die dummen Teufel, seine wackern Jugendbekannten,

Arm und Beine, Blut und Leben verloren hatten, mit fast einer Million

Thalern, auf dem gestrigen Kutter, nach Hause gekommen, weil in der

einfältigen Friedenszeit, drüben auf der Krämer-Insel, nichts Rechtes

mehr zu verdienen war. Das Alles erzählte Kasperchen der überraschten

Hulda englisch, und lag dabei mit dem lüsternen Blick seiner verlebten

Augen, so starr auf des wunderlieblichen Kindes frischen Liebesreizen,

daß diesem vor den Faunenblicken des achtundzwanzigjährigen Greises,

angst und bange ward, und sie mit heimlichem Grauen sich von ihm

wandte, denn es war ihr in seiner Nähe, als stände sie in einem

Dunstkreise von allerlei schmorenden Giften.

Die junge Welt rüstete sich zum Tanze, und Suschen fragte den Bruder,

ob er nicht Hulda auffordern wolle; dieser meinte aber, in London tanze

ein junger Mann von feinem Geschmack gar nicht; man stelle sich, den

Hut in der Hand, unter die Zuschauer und spiele ein Bischen Moquirens,

das wäre ein göttliches Vergnügen, und ergötze im geistreichen Cirkel

viel mehr, als die albernen Hopsasas, bei denen die Tänzer mehr Schweiß

vergössen, als das ganze Fest des einfältigen Wirthes gewöhnlich werth

sey.

Suschen lachte beifällig, und fragte Hulda, ob der Bruder sich

in den paar Jahren nicht sehr zu seinem Vortheil geändert habe.

Außerordentlich, erwiederte diese, von kaltem Schauder überreift, und

dankte ihrem Schöpfer, als der Director kam, und sie durch das Gesuch,

mit ihm den Ball zu eröffnen, der Fortsetzung dieser Unterhaltung

überhob.

Die Flügelthüren des hocherleuchteten Ballsaales flogen auf.

Eine herrliche Polonaise mit Trompeten und Pauken, begrüßte die

Eintretenden, an deren Spitze die engelschöne Hulda, an der Hand

des gastlichen Wirthes voranschwebte. Sie tanzte mit hinreißender

Anmuth, aber ihr war es, als hätte sie Blei in allen Gelenken, denn

der Mexikaner -- warum hatte sie aber auch hingesehen! doch, nur

vorbeigestreift war ihr Blick, ach nur so halb vorbei geflogen -- er

tanzte mit Gustchen, der Tochter vom Hause, und war, einen Augenblick

nur von ihr in einer Tour abgekommen, so verwirrt geworden, daß er alle

Gissing[9] verlor, einen wahren Wan-Cours in lauter loxodromischen

Linien[10] steuerte, und, wie ohne Compaß, verweht und verschlagen, im

Saale herumirrte, bis sein Convoi, Directors Gustchen, ihn wieder in

die Colonne bugsirte.

Der kühne Mensch, der die halbe Welt umsegelt, der mehr denn zwanzigmal

den dringendsten Gefahren des Lebens die Brust muthig gewiesen, und

wenn alles um ihn herum zu verzagen angefangen, den Kopf allein oben

behalten hatte -- jetzt -- ein einziger Blick von diesem zauberholden

Mädchen -- und er war in den Grund gebohrt. Ohne es selbst zu wissen,

legte er seine Rechte, so oft er sie in der Polonaise frei bekam, auf

das Herz, als ras’ten in diesem alle zwei und dreißig Compaß-Striche

vom Boreas bis zum Mesocircius gegen einander.

Ihr Schiff hat einen Leck gesprungen, sagte Gustchen lachend, darf ich

mit einem gespickten Bonnet[11] aufwarten, oder am Ende ist wohl gar

ein Pfröpfchen nöthig?[12]

Seyn Sie ein mitleidiger Lotsen, erwiederte der junge Mexikaner

bittend: und bringen Sie mich in die Docke[13]; Sie kennen das

Fahrwasser hier, und die Untiefen und Bänke; meine Anker und Taue sind

klar[14] und meine Pässe in beßter Ordnung.

Ich verstehe, mein Freund, entgegnete Gustchen schalkhaft: behalten Sie

aber nur die freundlich leuchtende Blüse da vorn an der Spitze unserer

Polonaisenzunge, hübsch im Auge, und Sie werden alle Bänke und Klippen

glücklich umfahren.

Während dieses sinnigen Zwiesprachs, in dem Gustchen, Hulda’s innern

Werth, des breiteren auseinandersetzte, fragte diese der Vater, was

sie denn zu dem englisirten Casperchen gesagt habe, und zog über den

unausstehlichen Gast waidlich her; nein, fuhr er fort und tanzte neben

der Horchenden plaudernd weiter: nein, da lobe ich mir den jungen

Mexikaner; das ist ein flottes Kerlchen; wie eine Tanne gewachsen,

Licht im Kopfe, Gesundheit auf den Wangen, Kraft im Arme, und Courage

in der Brust. Im vierzehnten Jahre schon hat er als Cadett bei der

Marine gedient, und zwei Seegefechte mitgemacht; Huldchen, das will

was sagen; so eine Geschichte ist wahrhaftig nicht spaßhaft; ringsum

Tod, und nirgends Rettung -- erlauben Sie! mein Sopha ist mir lieber;

so viel Haare der Mensch auch auf den Zähnen hat, aber davon spricht

er doch mit allem Respekt. Vom Despensero[15] hat er sich nach und

nach bis zum Teniente[16] hinauf geschwungen, und nach dem Frieden als

Capitain seinen Abschied genommen; seitdem hat er den Geschäften seines

früher schon verstorbenen Vaters sich selbst unterzogen und, Huldchen,

die gehen in das Ganze; solcher Schiffe, als er hier im Hafen liegen

hat, besitzt er netto ein Dutzend, und was kosten die, und was bringen

die ein! Huldchen, der Mensch scheint zum Anker gehen zu wollen, wird

-- er tippte ihr schelmisch-lächelnd auf das Herz -- wird hier der

Flügel[17] wohl Grund fassen?

Herr Direktor, entgegnete Hulda, im dunkelsten Purpur erglühend, und

haschte mit Hast nach einem andern Gegenstande des Gesprächs: wir

tanzen jetzt vor, und sollen nicht plaudern.

Lassen Sie, Huldchen, entgegnete der Tänzer mit gutmüthigem Spötteln:

die andern kommen schon nach, ich weiß, was ich weiß; umsonst klettert

so ein seefüßiges[18] Eichhörnchen nicht auf den Mars, umsonst bläs’t

der blöde Schäfer nicht stundenlang die zartesten Lieder seiner Leiden,

auf der schmachtenden Flöte; umsonst legt er sich am hellen lichten

Tage nicht auf die Astronomie! Huldchen erlauben Sie mir aber nun auch

bei Ihnen ein kleines Lothchen zu werfen.[19]

Unsere Polonaise nimmt kein Ende, sagte Hulda, -- halb todt vor

Schrecken, daß der Direktor, Gott weiß woher, des Mexikaners gestrige

Faseleien kannte, als hätte er sie selbst mit angesehen, -- wir werden

aufhören müssen.

Gleich, erwiederte der Direktor: sobald Sie mir gesagt haben, wie es

mit Ihrem Ankergrunde aussieht; und sollten wir bis morgen früh hier

herum polonisiren, eher lasse ich Sie nicht los.

Fürchten Sie, auf scharfen[20] oder auf Wellgrund[21] zu stoßen? fragte

Hulda lächelnd, und verbeugte sich, um den Tanz zu beendigen und dem

weitern Examen zu entgehen; da folgten denn die übrigen Tanzenden dem

Signale des Schlusses, und Gustchen kam als treuer Lotse, und führte

den blanken See-Capitain durch das Gewirre der aufgelös’ten Tanzpaare,

und stellte ihn der Lieblichen vor, mit der Bemerkung, daß er gekommen,

um sie um den nächsten Walzer zu bitten.

Der Capitain hatte unterdessen wieder Besinnung und Ruhe gewonnen;

er näherte sich der Königinn des Balles zwar Anfangs mit einiger

Schüchternheit, die ihm jedoch recht gut ließ, aber nach und nach ward

er unbefangener; er nannte Hulda seine schöne Nachbarinn, und machte

ihr im Scherz Vorwürfe über die Härte, mit der sie ihre armen Blumen

auf dem Balkon habe bisher verschmachten lassen. Gestern, meinte er,

hätten sie von ihrer stiefmütterlichen Milde die ersten Tröpfchen

Wasser endlich einmal bekommen, und so viel er von Weitem erkenne,

wären doch Blumen darunter, die täglich wollten begossen seyn. Die

schöne Zeit ihrer Blüthe, setzte er mit einem halb unterdrückten

Seufzer hinzu: dauert ja ohnehin nur einige Wochen noch; dann sind sie

vergangen, und dann ruft sie die herzlichste Pflege nicht wieder in das

Leben zurück.

Hulda -- kein Mensch in der Welt hatte sie die Spitzbuben Sprache der

Liebe gelehrt, aber, so sind die allerdurchtriebensten Spitzbuben

unter der Sonne, die Mädchen, wenn es die Linguistik des Herzens gilt;

Schlauköpfchen Hulda verstand jedes Wort.

Nach ihrer Grammaire übersetzte sie sich die sinnige Rede des

jungen Capitains, den sie jetzt in der Nähe noch viel tausendmal

liebenswürdiger fand, und dessen schönes, reines Deutsch ihrem Ohr

unbeschreiblich wohlklingend lautete, also: Seit ich im Hafen liege,

bist Du ein einziges Mal nur auf Deinem Balkon sichtbar gewesen. Ich

sehne mich nach Dir, wie deine Blumen nach frischem Wasser; in Kurzem

lichte ich die Anker. Sey barmherzig, und schenke mir bis dahin die

Freude, Dich zu sehen, täglich.

Es entspann sich von da ab, das Gespräch immer lebendiger, beide

waren bald wie vertraute Bekannte; in dem ganzen Wesen des jungen

Seemannes lag so etwas herzliches, offenes, biederes, und Hulda, das

reizende Himmelskind, ward so ungebunden, und entfaltete ihren tiefen

Werth mit solcher Anmuth, und gab sich ihm so natürlich hin, daß der

Handelsgerichts-Direktor, der Beide von Ferne bemerkte, zu Gustchen und

deren Bräutigam sagte: Kinder, die da drüben segeln vor dem Winde[22],

das Schiffchen lüstert auf’s Steuer, wie ein Häring[23].

Je mehr der Ueberglückliche das Mädchen ansah, desto bestimmter

überzeugte er sich, dieses Gesicht schon irgendwo im Leben gesehen

zu haben, nur war es, wie ihm dünkte, blässer, und vielleicht etwas

weniger schön gewesen. Er sann und sann, aber das war ja nicht möglich.

Es war dieß der erste europäische Hafen, den er besuchte, und Hulda war

keine zehn Meilen über die Küste des Meeres hinaus gekommen.

Endlich -- ja, jetzt hatte er es. Ein musterhaft gearbeitetes

Miniatur-Bild mit goldenem Reif -- bei seinem verstorbenen Vater hatte

er es einmal -- doch eben begann der muntere Walzer.

Brust an Brust, Auge im Auge, die Arme süß verschlungen, drehte das

bildschöne Paar, im getäfelten spiegelglatten Saale lustig auf und

ab, daß die rasche Musik kaum Athem hatte, den beiden sausenden

Wirbelwinden zu folgen. Wie eine Luft-Säule um ihre Achse mit

Schnelligkeit sich dreht, und dabei immer weiter und weiter von dannen

braus’t, wie der gewaltsame Küsel[24] auf des Meeres Spiegelfläche,

so luftig und leicht flogen sie, eng in einander verschränkt, dahin,

und entzückten, durch ihre zauberische Anmuth, den ganzen Saal. Selbst

Caspar, der bei einem Ausfluge nach Paris, Anatole und die Bigottini,

den gewandten Hoguet und die vierte Grazie, die liebliche Lemiere,

und in London die Milanie und Lupino gesehen hatte, und alles, was

nicht von daher war, gern herabwürdigte, gerieth über die Federkraft

dieses Zephyrpaares in eine solche Exstase, daß er, von der haardünnen

Scheitel bis zu den schlotternden Knieen, ein hüpfendes Zucken im

ganzen Leibe verspürte, und jetzt gern mitgetanzt hätte, wenn die

kranken Röhren seiner schwachen Gebeine solches zu leisten nur irgend

im Stande gewesen wären.

Er trat, als der Walzer endete, näher zu Hulda, und wollte ihr etwas

Schönes sagen, aber es war ihr, als überflöge sie ein eisiger Reif,

so kalt wurden ihr Stirn und Wange, Hals und Busen, in der Nähe des

englischen Narren. Den Capitain ignorirte er, das war, meinte er,

brittische Sitte; wollte der Mensch Bekanntschaft mit ihm machen, so

konnte er ihn anreden; aber dazu schien der Mexikaner nicht viel Lust

zu haben. Hulda hatte Casperchen stehen lassen, ein Gleiches that der

Capitain; diese suchte dafür Hulda auf, und setzte sich auf den neben

ihr befindlichen Sessel.

Die deutschen Engländer sind mir in den Tod zuwider, sagte Hulda: der

Mensch ist bei uns geboren und erzogen, ein Paar Jahre nur in London

gewesen, und thut nun, als ob er von seiner lieben Muttersprache kein

Wort mehr kennte.

Unsere Eskimo’s, hob der Capitain lachend an, sehen nicht viel

besser aus; ziehen sie dem Patron einen grönländischen Frack von

Seehundsfellen an, so haben Sie in dem olivenfarbenen Gesichte mit dem

starren, dünnen kohlenschwarzen Haar, einen Grand von Labrador, wie er

leibt und lebt.

Hulda erschrack über das hingeworfene Gleichniß des Scherzenden; denn

sie gedachte des Eskimo’s am gestrigen Abendhimmel, dem Casperchen, bei

näherer Betrachtung, wie ein Ei dem andern glich. Der Capitain aber,

der jetzt Hulda in tiefem Sinnen bemerkt hatte, sprang auf, und rief:

sie ist es wahrhaftig selbst; -- nur bleibt mir ewig unbegreiflich, wie

das Bild --

Kolonne, Kolonne, ertönte es im Saale; man trat zur Ecossaise an, und

Hulda ward ihm von einem Dritten entführt.

Er sah ihr nach, und in seinem schmachtenden Blicke lag das Uebermaß

seines Entzückens, das Mädchen gefunden zu haben, das von der frühesten

Jugend ab, in jenem ferneren Welttheile, sein Herz so wunderbar

beschäftigt, und den ersten Träumen seiner Schwärmerei, wie ein

zauberisches Ideal vorgeschwebt hatte.

Gustchen, Bräutchen, Schutzgeist, rief er, als diese zufällig eben

bei ihm vorüberging, seiner nicht mehr mächtig: seyn Sie meine

Vermittlerinn.

Gustchen stutzte freundlich, und sah ihm staunend in das Gesicht.

Sie sind Braut, fuhr er fort: Sie verstehen mich daher, Sie müssen,

Sie werden mich verstehen. Sagen Sie dem Götterkinde mit den großen

brennenden Augen da drüben, daß es mich zum Glücklichsten aller

Glücklichen machen kann. Der Orizava bei uns, hat zwanzig Jahre lang

Feuer gespieen, aber er ist gegen die Glut, die mir hier in der Brust

lodert, ein wahrer Bärenberg[25] auf der Iwan-Maien-Insel.

Gustchen wehete sich, das Lachen verhaltend, Kühlung mit dem

Taschentuche zu.

Sprechen Sie mit dem Engelskinde, sagte der Capitain ängstlich bittend

und nahm Gustchens Hand zwischen die seinen: ohne Hulda kann ich nicht

zurück; ich bin ihr fremd, und in den Paar Tagen meines Hierseyns kann

sie mich nicht kennen lernen, nicht liebgewinnen; aber -- ach Gott,

wenn ich mich ihr nur so recht -- ich weiß selber nicht, wie ich sagen

soll; so ist mir in meinem Leben nicht gewesen; ich möchte, daß sie

durch mich durchsehen könnte, sie würde keinen Schattenfleck in mir

finden; ich bin rein und klar, und was ihr Herz nur wünschte, will ich

ihr gewähren. Auf den Händen will ich sie tragen, sie soll ein Leben

haben, wie im Himmel. Gustchen, liebes englisches Gustchen, sprechen

Sie mit ihr, aber heute noch; morgen ist dann unsere Verbindung, und --

Warum nicht lieber heute gleich? fiel ihm Gustchen, dem die

entsetzliche Eile höchst komisch vorkam, in das Wort.

Mir auch recht, fuhr er ernsthaft und dringend fort: auch heute noch.

Meine Ladung ist gelöscht, mein Schiff hat die Rückfracht eingenommen,

ich kann morgen fort -- mit ihr, mit ihr in See.

Aber, mein Himmel, fragte Gustchen, und schüttelte über den

unaufhaltsamen Ehelustigen den Kopf: warum denn das alles so rasch?

Ich kann, ich darf nicht warten, entgegnete der Capitain: ich gehe

von hier nach Vera Cruz, verweile ich hier zu lange, so komme ich im

März hin -- und Kind, dann wirthschaften dort unter dem brennenden

Himmel der Tropen-Länder, die Nordwestwinde so fürchterlich, daß das

auftobende Meer oft hoch über Stadtmauer schlägt -- dann ginge meine

Antoinette mit Mann und Maus zu Grunde -- und ach Gott, meine Hulda,

mein liebes, niedliches Herzensmäuschen -- ich gäbe mich ja selbst

jenseits nicht zufrieden, wenn diese durch mein Zaudern hier, dort im

Angesichte des +Cofers von Perote+ und der Gebirge von +Villa

Ricca+ ihr Blüthenleben in der Tiefe des Meeres endete. Gustchen,

seyn Sie christlich. Sprechen Sie für mich. Im Tempel des Mondes,

der auf dem Hügel von +Toatihuacan+ noch aus den Zeiten der

+Olmeken+ dicht vor Mexico prangt, lasse ich, zum ewigen Danke,

Ihren Namen in Gold graben.

Liebster Capitain, erwiederte Gustchen und legte sorglich die Hand auf

seine Stirn: haben Sie Pulk[26] am Bord ihrer Fregatte?

Berauscht bin ich, Gustchen, versetzte Alonso: aber nur von der Liebe,

und dieser selige Rausch soll nicht eher verfliegen, als bis die

Granitwände des Hafens +Acapulco+ zu Staub zermürmelt sind.

Aber lieber Freund, erwiederte Gustchen, mit herzlicher Theilnahme:

Ihre Liebe, verzeihen Sie meiner Offenheit, aber sie kommt mir vor, wie

die +Nortes de Hueso colorado+, in ihrem Meerbusen, von denen Sie

uns heute Mittag erzählten.

Ein Windstoß -- ein rasender Windstoß nur sollte meine Liebe seyn?

fragte Alonso laut lachend. Mein Kind, lesen Sie +Halley+, und

+d’Alembert+, +Bernoulli+ und +de Luc+; die werden Ihnen

von den +beständigen+ Ostwinden zwischen den Wendekreisen ein

Mehreres erzählen; zu +der+ Sorte, Engel, gehört meine Liebe.

Also immer doch Wind, und Wind und Wind, fiel ihm Gustchen bedenklich

in das Wort.

Der Wind ist mein Element, Gustchen, sagte Alonso entschuldigend: er

führte mich hierher und mit seiner Hülfe werde ich meine himmlische

Hulda, die glänzendste aller Prisen, glücklich aufbringen.

Haben Sie denn schon den Marquebrief dazu, mein Herr Capitain, fragte

scherzend Gustchen: ohne diesen, nehmen Sie sich in Acht, unsere

See-Gesetze sind streng, ohne diesen sehen wir Sie als Räuber an.

Sie sollen mir den Marquebrief ausfertigen, Gustchen, Sie, entgegnete

Alonso, und schien die Idee zu haben, daß sie die Sache gleich in’s

Werk setzen sollte; aber Gustchen fragte, was er wohl glaube, daß

Hulda von ihm denken werde, wenn er nach der ersten Unterhaltung von

wenigen Minuten ihr, ohne sie im mindesten näher zu kennen, seine Hand

antrage, und von ihr verlangen wolle, sich hierüber gleich stehenden

Fußes zu erklären. Vater und Mutter auf immer und ewig zu verlassen,

setzte Gustchen hinzu: und einem Manne, mit dem man keine tausend Worte

gewechselt, den man kaum sechszig Minuten gesehen hat, zwei tausend

Meilen weit zu folgen, und ihm die ganze Lebenszeit zu gehören, Freund

Capitain, ist diese Idee kein Windstoß? und dann, Sie selbst, Sie

wissen ja vom Mädchen nichts, als daß es hübsch ist. Von seinem frommen

Wandel, von der Reinheit seiner Sitte, von seiner Häuslichkeit, von

seinen Kenntnissen und Fähigkeiten, von seinem fröhlichen, heiteren

Sinn, von seiner himmlischen Herzensgüte, wissen Sie noch kein Wort!

Lernen Sie dieses seltene Wesen, mit seinem rein kindlichen Gemüth,

mit seinem Zartgefühl, im ganzen Umfange seines Werthes erst kennen,

recht genau kennen, ergründen Sie in der Tiefe dieser schönen Seele,

die in ihrer Lage wahrhaft heilige Gabe, zwischen Vater und Mutter,

die ewig kalt neben einander durch das Leben gehen, die versöhnende

Vermittlerinn zu seyn; betrachten Sie die namenlose Liebe, mit der

jedes der unter sich heimlich verfeindeten Eltern, an diesem ihnen, im

eigentlichen Sinne des Worts, von Gott gesandten Kinde hängt, und wie

es jedem derselben, das, durch ihre sonderbare gegenseitige Stellung

freudenleere Leben, durch die zarteste Pflichterfüllung, durch die

anständigste Beseitigung aller Veranlassungen zu Mißhelligkeiten, und

durch Scherz und Frohsinn zu versüßen weiß, und Sie werden es lieben

müssen.

Aber da soll doch mein großes Raa-Segel, mit allen Bolten, Schoten,

Halsen und Nockbindseln, wie mitten von einander reißen! Gott verzeih

mir die schwere Sünde, aber ich liebe das Mädchen ja schon bis zum

Rasendwerden. Gustchen, wenn Sie das noch nicht weg haben, so ist ihr

Peil-Compaß keinen Schuß Pulver werth. Sie reden vom Kennenlernen;

als ob ich das Himmelskind nicht schon durch und durch kennte; alle

Menschen, die ich hier spreche, sagen, was Sie sagen; überall höre ich

nichts als Gutes -- und ach, schon in Mexico -- ich war, glaube ich,

noch nicht einmal wohlbestallter Seecadet -- betete ich dieses Ideal

schon an, mit einer Gluth, mit einer --

In Mexiko? fragte Gustchen gespannter und war nahe daran, ihn für

wenigstens halb wahnsinnig zu erklären.

Sagen Sie, hob er über etwas tief brütend an: hat sich Hulda je mahlen

-- doch das ist ja wieder nicht möglich; ich sah das Bild vor länger

denn zehn Jahren, und da war Hulda ja noch ein Kind.

Wahrhaftig, ich glaube, Sie reden irre, hob Gustchen scherzend an: was

denn vor ein Bild?

Hat Hulda, versetzte Alonso, im Sinnen und Nachdenken ganz verloren:

irgend eine ältere Person ihrer Familie, etwa die Mutter oder eine

Verwandte, der sie ähnlich, aber sehr ähnlich sieht?

Der Mutter, entgegnete Gustchen, den Sinn der sonderbaren Frage nicht

verstehend: gleicht sie zum Sprechen, nur daß diese natürlich 20-22

Jahre älter ist und durch beständiges Kränkeln --

Zum Sprechen? fiel er ihr hastig in das Wort; ist die Mutter hier?

Die finden Sie in keiner Gesellschaft; seit dem ersten Augenblicke

ihres Hierseyns ist, wie die Eltern mir oft erzählt haben, die Kirche

der einzige Ort gewesen, den sie besucht; sie scheint mit der Welt

zerfallen zu seyn, und meidet alle Menschen. Außer alten Maklers, die

zu den Stillen im Lande gehören, geht sie mit keiner Seele um.

Seit dem ersten Augenblicke ihres Hierseyns sagen Sie, fuhr Alonso in

großer Spannung fort: ist die Mutter nicht von hier?

Nein, erwiederte Gustchen, und konnte nicht begreifen, was der

Großinquisitor mit allen diesen umständlichen Fragen wollte: sie ist,

wenn ich nicht irre, aus Frankfurt am Main.

Alonso fuhr bei dem Worte, wie vom Blitz getroffen auf. Merkwürdig,

rief er und legte sich die Hand vor die Augen, als starre er vor dem

verworrenen Gewebe der menschlichen Schicksale, zu dem er den Faden

fand, erschrocken zurück: aus Frankfurt am Main? Gustchen, wäre ich

Intendant von Mexico, für diese Nachricht beliehe ich Sie auf ewige

Zeiten mit den Silbergängen von +Guanaxuato+, +Zacatacas+ und

+Tasco+.

Gustchen hielt lachend die Hand hin, um den Muthschein auf diese

unermeßlichen Gruben in Empfang zu nehmen, aber Alonso eilte fort, ging

in eines der entlegensten Zimmer, das eine Alabaster-Lampe mit ihrem

traulichen Halbdunkel beleuchtete, warf sich dann auf das Sopha, und

verlor sich in die Erinnerung seiner Jugend, und in die Pläne seiner

Zukunft. Die Stille des Kabinets that ihm unendlich wohl, und das

Rauschen der fernen Tanzmusik wiegte ihn in die süßesten Träume.

Nach länger denn einer Stunde fand ihn Gustchen, das mit dem Bräutigam

jetzt kam, um ihn aufzusuchen.

Ist das, hob die Muthwillige an: auf Ihren mexikanischen Bällen Mode,

daß die jungen Herren, statt fröhlich zu tanzen und guter Dinge zu

seyn, -- sie wollte weiter reden, aber da fiel ihr Blick in seine

nassen Augen, die durch zerdrückte Thränen die sanfte Bitte thaten,

seiner nicht zu spotten.

Was ist Ihnen, Freund? fragte Woldemar, der Bräutigam, mit milder Rede:

Auguste hat mir mitgetheilt, was Sie ihr vertraut; seyn Sie offen gegen

uns, wir meinen es ehrlich und gut; was ist Ihnen?

Nichts, nichts, entgegnete Alonso wehmüthig lächelnd: ich dachte nur an

meinen Vater! wenn der noch lebte, und ich führte ihm Hulda als Tochter

zu -- ich kenne kein seligeres Glück. Laßt, ich bitte Euch Kinder,

laßt Euch durch das sonderbare Gefühl, was mich überrascht hat, in

Eurer Freude nicht stören. Auf der ganzen Erde, in Eurer alten und in

meiner neuen Welt, habe ich Niemand, der die entsetzliche Leere füllt,

die mir das Herz so weit und so öde macht; ich habe mich in Arbeit

und Geschäfte gestürzt, und meinte, darüber das himmlische Sehnen

zu vergessen, was mit süßem Schmerze die Brust mir zerquält. Aber

an all dem Gelde, womit Fleiß und Ordnung sich bei uns so reichlich

belohnt sehen, konnte ich keine Freude haben; es fehlte mir immer

und immer, was ich zu nennen nicht vermochte, da sah ich Euch Beide,

vom trauten Familienkreise umschlossen, täglich im Arme bräutlicher

Liebe, hörte von Euren Lippen Euer Glück preisen, las in Euern Augen

Euer neidenswerthes Loos, und wußte nun, was mir gefehlt hatte. Hulda

-- Ihr kennt ja die Scham der Liebe; sie kann und mag die Geschichte

ihres Geheimnisses nicht verrathen; ich weiß auch selbst nicht mehr,

wie das Alles kam; aber wie ich sie das Erstemal sah -- mein Vater,

ich war noch Kind, als er starb, aber jene Stunde, die letzte seines

Lebens, werde ich nie vergessen -- der ließ sich von Manuel, seinem

treuen Sclaven, aus dem Wand-Schränkchen, wozu er Schlüssel unterm

Kopfkissen hervorholte, ein Miniaturgemälde bringen -- ich sehe es noch

vor mir; ein schön gestalteter Frauenkopf; vor allem fiel mir die

Lockenpracht des dunkelen Haares auf; accurat so hatte mein Vater einen

Onyx, auf dem sich eine herrliche Camee der Julia, der Tochter des

Kaisers August befand; mit kindischer Neugierde fragte ich ihn, ob das

die Kaisertochter Julia sey; aber, als ich das schwarze brennende Auge

sah, und die Purpurlippen und das Lächeln in den Mundwinkeln, da meinte

ich, es sey wohl meine selige Mutter, denn so hatte Manuel mir sie oft

beschrieben, der sie gesehen, als sie mit dem Vater eben aus Europa

gekommen war.

Sie sollte es seyn, entgegnete mein Vater, und betrachtete das Bild

lange mit thränenschwerem Auge, und drückte es an seine, in leisen

Todesschauern zuckenden Lippen. Seitdem habe ich das Bild nie wieder

gesehen, ich weiß auch nicht, wohin es nach dem Tode des Vaters kam,

aber die sanften Züge dieses himmlischen Gesichts, waren mir geblieben;

allmählich war die Idee an die wunderschöne Kaisertochter und an die

Mutter, aus meiner Seele geschwunden, und an beider Stelle ein Wesen

mir vor die Phantasie getreten, das meine Heilige ward. Ich sah es in

meinen Träumen, ich liebte es als meinen Schutzgeist, bis ich nach und

nach älter ward, und dieß Nebelbild meiner jugendlichen Schwärmereien

allmählich aus dem Gedächtnisse verlor. Aber als ich hier Hulda das

erste Mal sah, das schwarzbraune Haar in Flechten und Locken wie die

Camee der römischen Kaisertochter; die seelenvollen großen Augen unter

den schön geschweiften Bogen; die würzigen Lippen; den Carmin auf der

pfirsichsammetnen Wange, den zartgeformten Hals; die volle, in frommer

Keuschheit ruhig wogende Schwanenbrust, und über das alles den Geist

der höchsten Anmuth, den Himmelsglanz der reinsten Unschuld, den

unnennbaren Zauber der süßesten Liebe, da hatte ich meinen Schutzgeist,

die Heilige meiner Jugend wiedergefunden. Sie oder keine! hat mein Herz

laut gesprochen. Jetzt wißt Ihr, meine Freunde, wie es mit mir steht!

helft mir, mein Glück mit erringen. Ohne Hulda kann ich nicht leben.

Der Bräutigam schloß Alonso herzlich an seine Brust, und stimmte in

Gustchens Versicherung ein, daß, so viel sie wüßten, Hulda’s Herz

noch frei sey, und -- doch sie trat mit Emma, Gustchens Schwester,

eben selbst in das Kabinet. Beide Mädchen hatten das Brautpaar in

allen Zimmern gesucht, und Hulda war nicht wenig überrascht, dasselbe

in tiefem und wie es schien, in recht ernstem Gespräch mit Alonso

verloren, hier zu finden.

Wir sprechen von Ihnen, hob Alonso an und erfaßte ihre Hand, und machte

ein so feierliches Gesicht dazu, daß Gustchen angst und bange wurde,

denn sie meinte, er würde gleich auf dem Fleck um Hulda förmlich

anhalten. Bei Unterhaltungen dieser Art war, nach ihrer Ansicht, jeder

Zeuge lästig; sie entfernte sich also mit ihrem Bräutigam und Emma

heimlich, und Alonso wußte dieß ihr Dank, denn er mußte seinem Herzen

Luft machen, und Hulda sagen, wie unendlich er sie liebe.

Hulda hörte ihm mit stillem Wohlgefallen zu; er sprach mit sanfter,

ernster Rede, wie es dem Manne ziemt, wenn er das heilige Geheimniß

seines Herzens dem Mädchen gesteht, das er sich zur Lebensgefährtinn

erkohr. Sie wußte selbst nicht, wie ihr geschah; sie hörte das

Geständniß seiner Liebe mit einer Fassung, als wäre sie darauf

vorbereitet. -- Sie war es ja auch wirklich; sein Benehmen, seine

Blicke hatten ihr ja längst gesagt, was jetzt seine Lippen mit so

reizender Schüchternheit wiederholten. Er setzte ihr mit der Offenheit,

die er ihr als rechtlicher Mann schuldig war, die Lage seiner Umstände

aus einander, und aus seinen schlichten Aeußerungen über diesen Punkt,

der ihr, einzig und allein um der Eltern willen, der Berücksichtigung

nicht unwerth zu seyn schien, konnte sie wohl abnehmen, daß Alonso, in

seinem Vaterlande, in welchem Personen von zehn und zwölf Millionen

Piastern[27] nichts Seltenes sind, nicht der Aermste war, und einen

ganz vorzüglichen Werth legte sie auf den Schluß seines Antrages, in

welchem er sich erbot, seinen Wohnsitz, wenn es ihr in Mexico nicht

gefallen sollte, künftig nach Europa, an jeden ihr beliebigen Ort

verlegen zu wollen. An ihrer Seite, meine Hulda, setzte er herzlich

und mit unbeschreiblicher Zartheit hinzu: werde ich in den milden

Bambuswäldern von Loxa, wie in den wüsten Steppen des goldreichen

Choco, in den ewig sanften Frühlingsländern von Xaleppa und Tasco, wie

zwischen den grauenhaften todtenstillen Eiswänden auf Smeerenborg an

der Spitze des Nordpols, glücklich und zufrieden leben; Sie schaffen

mir in der neuen, wie in der alten Welt, mein Paradies, und eben

so wenig, als der Vulkan von Masaya, dessen goldige Flammensäule,

beständig und immer, zwanzig Meilen weit in das Land leuchtet, seines

Feuerstrahls je beraubt werden wird, eben so wenig wird die Gluth

meiner Liebe je verl --

Herr Kapitain, unterbrach ihn Hulda mädchenhaft züchtig, und schlug den

Zauberblick ihrer zärtlichen Augen, in welchen das Entzücken der Liebe

lächelte, vor dem lodernden Liebesvulkan zur Erde nieder: Sie sehen

mich heute zum ersten Mal; diese Raschheit -- ich weiß nicht --

Entschuldigen Sie diese, hob Alonso bittend an, und legte ihre Hand auf

sein stürmisch bewegtes Herz: mit der heißen Zone meines Geburtlandes;

dort, wo die Ananas und der Pisang, das Zuckerrohr und die Fächerpalme,

die Sie hier nur mit Glasfenstern und Oefen treiben, wild wachsen, wo

alle, auch hier heimische Früchte, saftreicher und frischer gedeihen,

wo manches, wie z. B. die Mimosen, die Sie hier im Blumentopfe als

ärmliches Pflänzchen ziehen, mannhohes Buschwerk ist, wo die Tannen,

wie z. B. auf dem Olymp in Neugeorgien, eine Höhe von dreihundert

Fuß erreichen, dort sind auch die Menschen anders; ihre Leidenschaft

ist glühender, ihr Handeln rascher, ihr Wirken kräftiger. Langes

Zaudern, wie es das Ceremonielle der europäischen Sitte verlangen

mag, verstattet mir meine Lage nicht. Schlagen Sie ein, meine einzige

Hulda; mein Herz ist gediegen und schlackenfrei, wie das Gold im

Berge +Ilimani+,[28] krystallrein meine Seele, gesund und frisch

mein Blut; Gott sey mein Zeuge, daß ich Keine liebe, als nur Sie; die

allererste Liebe, Hulda, Himmelskind, sind Sie, und neben Ihnen kann

ich Keine denken.

Er umschlang das wunderschöne Mädchen, das in süßer Verwirrung sich

vergaß und, ohne es zu wissen, das schmachtende Auge zu ihm aufhob,

und ihm, mit beredtem Blicke, seine Gegenliebe schweigend gestand; da

zog der Ueberglückliche die Heißgeliebte enger an die, in Freude und

Seligkeit überströmende Brust, und die stummen Lippen näherten sich

einander zum feierlichen Verlobung-K --

Aber Kinder, rief der Bräutigam, und klatschte lachend in die Hände,

daß Beide auseinander prallten: der ganze Ball fragt nach dem Herrn

Mexicaner und nach Ihnen, meine Hulda, und unterdessen steht Ihr hier,

am fernsten Ende des Hauses, und raspelt mit einander Süßholz! Ja, wenn

man heut zu Tage das junge Volk nur eine Minute aus den Augen läßt!

Geben Sie mir den Arm, Hulda, und Sie, Capitain, folgen in einer Weile

nach.

Hulda ging willenlos, und ihrer selbst sich unbewußt, neben dem

Bräutigam her, denn sie war in diesem Augenblick mehr in Neuspanien,

als auf dem Balle; Alonso aber stand eine lange Weile noch, in

lautloser Verzückung in dem Cabinet, faltete die Hände hoch in die Luft

hinaus, und rief endlich, als hätte es ihm bis dahin an Athem gefehlt:

Hulda! Dein! mit treuer Liebe bis zum Tode, Dein.

Hulda hatte unterdessen zur Francaise antreten müssen; aber mit dem

Tanzen ging es heute platterdings nicht; sie machte nichts als lauter

Unordnung im ganzen Quarree, denn er stand ja da in dem Fensterbogen

des Saales, mit verschränkten Armen, und starrte bald nach ihr herüber,

bald sah er durch die schwitzenden Scheiben hinauf zu den Sternen.

Droben waren Vater und Mutter. Beide hatte er kaum recht gekannt, aber

es war ihm, als müsse er heute mit ihnen sprechen, ihnen sein Glück

erzählen, und Sie um ihren Segen bitten.

Ein bildschöner Abend, sagte Hafencapitains Lina, die schon lange

die Gelegenheit abgepaßt hatte, mit dem crösusreichen Capitain,

das Gespräch anzuknüpfen, näherte sich ihm mit einer leichten

Verbeugung, warf das Auge in den flimmernden Sternenhimmel, streifte

auf dem Rückwege auf die arme Erdenwelt, mit ihren Blicken an dem

reizenden Fremdling vorüber, und drückte die dürre Brust aus dem

kaffeegelben brabanter Kantenbesatz ihres heidnisch zusammengeschnürten

Ballleibchens möglichst heraus.

Bildschön, bildschön! entgegnete er, noch in tiefen Gedanken, und

beantwortete ihre entgegenkommende Verbeugung mit einem kurzen

Bückling.

Bei Ihnen zu Hause, fuhr sie fort, und fand den jungen Piaster-Adonis,

den sie bisher immer nur von ferne gesehen hatte, im Geheimen ganz

unaussprechlich liebenswürdig: ist es dort jetzt Tag oder Nacht?

Stockfinster, stockfinster, antwortete Alonso, ohne zu wissen, was er

sprach, denn er hatte in die Sterne am Himmel, und in die der Augen

seines Engels drüben in der Francaise gesehen, und sie hatten ihm

freundlich geleuchtet.

Des Hafencapitains eitles Töchterchen vermeinte, in seiner

Kurzsylbigkeit ein stummes Zeichen seiner Huldigung zu finden; ihr

Liebesreiz hatte den blöden Schäfer befangen gemacht, er hatte vor

Entzücken die Sprache verloren; ich habe mir, hob sie, um das Gespräch

weiter zu führen, und nach und nach die unsichtbaren Fesseln zu lösen,

in die ihn ihr zartes Entgegenkommen geschlagen hatte, traulich an: ich

habe mir dort alle Menschen schwarz gedacht; indessen --

Pechschwarz, pechschwarz! fiel er ihr in das Wort, und ging aus dem

Fenster, als triebe ihn die Unleidliche von dannen; sie aber sah ihm

zärtlich lächelnd nach; zehnmal wiederholte sie sich sein bildschön,

stockfinster, und pechschwarz; mehr, als die drei Worte hatte sie von

ihm nicht gehört; aber sie hallten in ihrem girrenden Taubenherzen

wieder, als hätte sie ein Seraph zu ihr gesprochen.

Allen ihren Bekanntinnen erzählte sie, was der Mexikaner für ein ganz

allerliebster Mensch sey; ihr guter Geist müsse ihr gerathen haben, die

Francaise nicht mit zu tanzen; sie habe unterdessen eine Unterhaltung

mit dem Manne gehabt, die ihr tausendmal lieber gewesen sey, als

zehn Cottillons und alle Francaisen der Welt. Hulda, deren Tanz eben

beendigt war, stand in der Nähe und hörte jedes Wort.

Ein Glück war, setzte Lina mit recht feiner Koketterie hinzu: daß uns

Niemand behorchte, denn der Mensch hat die Gabe, einem so niedliche

Schmeicheleien zu sagen, daß man wahrhaftig recht bescheiden seyn muß,

um nicht ein Bischen sehr eitel zu werden.

Was sprach er denn von pechschwarz? fragte des reichen Rheders

goldgelockte Tochter Alma, die in ihrem Quarree, dem Fenster zunächst

gestanden hatte.

Was mußt Du für Oehrchen haben, erwiederte Lina mit sichtbarer Freude,

von ihm länger reden zu können. Wir sprachen von den Mexikanerinnen; er

lobte ihr schwarzes, seidenes Haar, aber solch pechrabenschwarzes, wie

das meine, betheuerte er, in ganz Südamerika nicht gefunden zu haben;

er bestand darauf, daß ich ihm eine Locke mitgeben sollte, -- da kann

der gute Freund aber lange warten.

Nun, und was war denn das mit dem stockfinster, fragte Alma weiter

und die umstehenden Mädchen stießen sich heimlich mit den Elnbogen

und ergötzten sich an des einfältigen Dinges ihnen längst bekanntem

unerträglichem Dünkel; Hulda aber fühlte, wie die bitterste Galle sich

auf die Frühlingssaat ihrer Liebe ergoß, und die frischen Keime alle,

wie Mehlthau, vergiftete.

Nein, auch das hast Du gehört, sagte staunend Lina, und lachte: ei,

das war nichts, als dummes verrücktes Zeug; ich lobte nämlich die

Beleuchtung des Saals, und sagte, bei ihm, unterm Aequator könnte es in

der Mittagsstunde nicht heller seyn; da meinte er aber, und legte die

Hand sich auf das Herz, ihm sey alles stockfinster gewesen, bis ich in

den Saal getreten; da habe ich ihm aber gut darauf gedient. Ich sage

Euch, er kann einem Dinge weiß machen, man traut seinen eigenen Ohren

nicht mehr. Aber liebste Alma, weiter hast Du doch nichts gehört?

Von bildschön war noch die Rede, versetzte diese, und wollte weiter

reden, aber Linchen hielt ihr den kleinen Schelmenmund zu, und rief:

nein das ist abscheulich von Dir; aber warte nur, ich will mich bei

Dir auch einmal auf’s Horchen legen, und dann alles ausplaudern, ohne

Schonung. Ich konnte ja nichts dafür, wenn Du Achtung gegeben hast,

so wirst Du gesehen haben, wie er mir auf allen Schritten und Tritten

nachging, und mich wie ein Schatten verfolgte, bis ich da, wo Du

tanztest, an das Fenster kam; da konnte ich vor vier, fünf Herren, die

dort standen, nicht weiter, und fing an zu sprechen, und --

Platz da, Platz da! erscholl es im Saale, und ein auf des Sturmwindes

brausenden Flügeln heranwalzendes Paar schob Linchen, des Teufels

Lügenkind, meuchlings auf die Seite, und sprengte das kleine, um sie

versammelte Auditorium aus einander; Hulda wendete sich, sagte,

im ganzen Gesicht kreideweiß und den zerreissendsten Krampf in der

gequälten Brust, halb laut vor sich hin: das ist abscheulich! und stand

vor Alonso, der sie zum Walzer aufforderte.

Was ist abscheulich, fragte Alonso freundlich, und wollte sich mit ihr

in die Reihe der Tanzpaare stellen; sie aber wand sich aus seinem Arme,

gab eine sie schnell anwandelnde Unpäßlichkeit vor, und eilte in das

nächste Seitenzimmer.

Alonso folgte ihr, doch sie bat ihn, sie allein zu lassen, so dringend,

daß er, in der Voraussetzung, weiblicher Hülfe zu bedürfen, zu Gustchen

eilte, und diese ersuchte, ihr Beistand zu leisten.

Gustchen fand sie in Thränen; auf alle Fragen, was ihr fehle, erhielt

die Bereitwillige keine Antwort, und als Gustchen erzählte, mit welcher

Todesangst Alonso sie aufsuchte und wie ängstlich Händeringend er bat,

ihr auf das Schleunigste beizuspringen, erwiederte sie schneidend kurz:

nichts von ihm, ich bitte Dich, um Gotteswillen, nie wieder ein Wort

von ihm; laß mir meinen Wagen holen, ich kann nicht bleiben.

Aber sage Mädchen, begann Gustchen theilnehmend: was hast Du, was ist

Dir?

Morgen, erwiederte bittend Hulda, und zitterte am ganzen Körper: morgen

will ich Dir alles erzählen; jetzt nur den Wagen.

Gustchen schüttelte bedenklich den Kopf; das Mädchen war vorhin, wie

sie kam, leichenbleich gewesen, jetzt brannte ihm dunkele Röthe auf

Stirn, Wange und Brust; es weinte schluchzend, und das Blut jagte ihm

mit solch’ tobendem Rasen durch alle Pulse, daß der Busen fieberhaft

schnell auf- und abwogte.

Gustchen ging, und Hulda sank auf das Sopha, und gab sich ihrem

Schmerze mit kindischer Schwäche hin.

Du bist nicht wohl, höre ich, fragte sie Alma, und legte ihr sorglich

die Hand auf die brennende Stirn; Hulda aber that sich Gewalt an, sich

vor ihr zu verbergen, und versicherte, ihr kleiner Unfall habe nicht

viel auf sich, und werde hoffentlich bald vorübergehen; was sagst

Du, hob Alma, um die Leidende ein wenig zu zerstreuen, lachend an:

was sagst Du zu der göttlichen Geschichte mit dem alten Dinge, der

Caroline? sieh, ich stand drei Schritte von ihr, und habe jede Sylbe

gehört; an dem ganzen Auftritte ist doch kein wahres Wort; das Mädchen

kann lügen, wie gedruckt.

Hulda horchte hoch auf, und Gustchen kam zurück, und berichtete, daß

der Wagen bestellt sey.

Sie -- fuhr Alma unbefangen fort, und ahnte nicht, welchen heilenden

Balsam sie auf die blutenden Wunden in Hulda’s zerrissenem Herzen

legte: +sie+ kam auf ihn zu! +sie+ drängte sich an ihn heran;

+sie+ knüpfte die Unterhaltung an! und er, Gott weiß, was ihm im

Kopfe stecken mochte, er hörte gar nicht auf sie, er antwortete, ohne

sie anzusehen, kurz und einsylbig, und ließ sie, da sie ihm anfing

unerträglich zu werden, im Fensterbogen stehen.

Und die Locke? fragte Hulda, wie aus bösem Traume erwachend, und die

Wolkenschleier, die ihren Blick trübten, verschwanden und das Auge

glänzte wieder, wie die Sonne nach schwerem überstandenem Gewitter.

Der Mensch hat nicht daran gedacht, entgegnete Alma: ich sage Dir

ja, die Caroline hat uns da, in aller Geschwindigkeit, eine Komödie

vorgelogen, an der auch nicht ein einziges --

Wieder besser? fragte Alonso zärtlich besorgt und steckte den braunen

Lockenkopf zur Thür herein, und in Hulda’s freundlichem Lächeln lag die

Versicherung ihrer völligen Genesung; sie hatte ihm ungeheuer Unrecht

gethan, und mußte das schon ein Bischen wieder gut machen; sie bot

ihm die zarte weiche Hand, und -- der Mensch ist seiner nicht immer

mächtig -- und drückte seine Rechte zum Dank für seine Theilnahme recht

herzlich; dieser sanfte Druck, so unmerklich er auch seyn mochte,

schlug in das südamerikanische glühende Blut so allmächtig ein,

daß Alonso, überglücklich, Hulda’s Händchen mit leidenschaftlicher

Heftigkeit an seine Lippen zog, und komisch naiv versicherte, daß er

ihrer Unpäßlichkeit noch recht viele kleine Rückfälle wünsche; denn

Krankheiten dieser Symptome machten sie unendlich liebenswürdig. Der

schuldlose Mensch! hätte er nur ihre Krankheit gekannt!

Der Bediente, der jetzt meldete, daß der Wagen vorgefahren sey,

setzte Hulda in unbeschreibliche Verlegenheit. Gustchen, das Alma’s

Erzählung mit angehört, und sich aus dieser Hulda’s plötzliches

Erkranken sattsam erklärt hatte, that, aus neckender Schadenfreude,

der Gepreßten nicht den Gefallen, ihr zum Bleiben zuzureden. Alma aber,

das schlaue Kind, das sich, die beiden Menschen einander gegenüber,

Hulda’s schnelles Uebelbefinden, die Heilkraft ihrer Erzählung, und

Hulda’s Freundlichkeit gegen Alonso, in der eine förmliche Abbitte

für begangenes schweres Unrecht lag, mit mathematischer Gewißheit aus

einandersetzte, sagte zum Bedienten mit einem launigen Seitenblick auf

Hulda: wir sind jetzt wieder besser, der Wagen kann abbestellt werden.

Gott gebe, setzte die Scharfsichtige, als der Bediente abgetreten war,

hinzu, und sah dabei recht drohend aus: Gott gebe, daß wir auf immer

kurirt sind.

Gustchen lachte laut auf, und klatschte vor Freude über Alma’s tiefen

Blick in die Hände; Hulda aber sagte, halb böse: das ist nicht hübsch

von Euch; sie legte das erglühende Gesichtchen auf Alma’s Achsel, denn

sie schämte sich vor den beiden Mädchen, denen die Geschichte der

viertelstündigen Krankheit und Genesung das Geheimniß ihrer unendlichen

Liebe, so wie die Gewalt der Eifersucht über ihr armes Herz, verrathen

hatte.

Mein liebreizendes Mädchen, flisterte ihr Alma, die Purpurwange

streichelnd, heimlich in das Ohr: zieh hin in Frieden, und hüte Dich

vor solchem Krankwerden. Dein Mexikaner ist entsetzlich hübsch, dem

kann kein Mädchen gram seyn; wehrst Du der Eifersucht nicht, so stirbst

Du in den ersten acht Tagen nach der Hochzeit.

Haben Sie Anfälle der Art schon öfter gehabt? fragte Alonso mit

gutmüthiger Besorglichkeit. Alle drei Mädchen mußten ihm in das Gesicht

lachen, und Alma versicherte, daß dieß der guten Hulda zum ersten

Male in ihrem Leben widerfahren sey; dießmal habe sie die arme Kranke

geheilt, hinsichtlich der Zukunft aber hänge es vorzüglich von ihm ab,

ob sich der Anlaß zu öfteren Rückfällen zeigen werde.

Aber Alma, rief Hulda verlegen und unwillig, und eilte, um den

Neckereien der beiden heillosen Mädchen zu entkommen, in den Saal;

Alonso, dem dieß alles Hieroglyphen waren, fragte Gustchen scherzend,

ob er verrathen oder verkauft sey, und diese entgegnete ihm mit

schäkerndem Muthwillen: verrathen +und+ verkauft.

Ein kurzer Trompetenschmetter rief zur langen Tafel. Alonso, dem dieses

europäische Speisesignal fremd war, fragte Alma nach der Bedeutung

desselben, und während ihm diese erklärte, daß der Trompetenschall für

jeden Herrn das Zeichen sey, der Dame, neben der er bei Tafel sitzen

sollte, den Arm zu bieten, und sie in den Speisesaal zu führen, war

Casperchen gekommen, und hatte der erschrockenen Hulda eröffnet, daß

ihm das Glück zu Theil worden sey, für diesen Abend ihr Tischnachbar

zu seyn; Alma, die im Gespräch mit Alonso, davon so wenig, als dieser

selbst bemerkt hatte, ward von einem jungen Herrn abgeholt; Gustchen

flog bereits mit ihrem Bräutigam der Tafel zu, und Alonso, der jetzt

allein im Ballsaale stand, und sich in der süßen Hoffnung, neben Hulda

zu sitzen, nach dieser umsah, bekam vor Unmuth fast eine Ohnmacht, als

Hafen-Capitains unausstehliches Linchen auf ihn zueilte, sich Glück

wünschte, vom umsichtigen Wirth des Hauses, einem so interessanten

Manne, zur Tischnachbarinn bestimmt zu seyn, ihn um seinen Arm bat, und

die Versicherung hinzufügte, daß sie sich über alle Maßen freue, recht

viel von seinem Vaterlande zu hören, daß Neuspanien ihr Lieblingsland,

und es, von ihrer frühesten Jugend an, ihr höchster Wunsch sey, in

jenen herrlichen Gefilden, wo Gold und Silber, wie hier zu Lande die

Feldsteine, umher lägen, das Hüttchen ihres häuslichen Friedens für

immer zu bauen.

Der häßliche Mischmasch mit den Tischplätzen war von Suschen und

Linchen gekartet worden. Caspar hatte, nach Gustchens Anordnung neben

letzterer, und Alonso, wie sich von selbst verstand, neben Hulda sitzen

sollen. Casperchen aber erklärte seiner Schwester, daß, wenn er nicht

neben Hulda zu sitzen komme, er gleich nach Hause fahre, und Linchen

steckte Suschen, der junge Mexikaner habe sich recht bitterlich bei ihr

beklagt, beim Tische ihre Nachbarschaft einzubüßen, und so hatte denn

Maklers Suschen den Wechsel der Plätze eigenmächtig veranstaltet, und

freute sich, dem Bruder der Freundinn und dem armen Capitain geholfen

zu haben; auch Hulda, meinte sie, werde ihr heimlich Dank wissen,

denn was konnte ihr an dem Amerikaner liegen, der in wenigen Tagen,

vielleicht auf ewig, wieder in See stach, statt daß Casperchen sich

mit seinem in London ihm zugeströmten Gelde hier niederließ, und nach

dem, zwischen den beiden Müttern längst verabredeten, der armen Hulda

aber noch nicht bekannten Plane, dieser ehestens seine Hand zu bieten

bestimmt war.

Hulda aß, vor Unmuth über den unwillkommenen Nachbar, an dessen Stelle

sie sich einen ganz andern gedacht hatte, keinen Bissen, und sprach

kein Wort. Casperchen erzählte ihr von London, von seinen Geschäften

und von seinem Gelde, lobte ihre schöne, weiße Haut und ihr Fleisch,

und versicherte recht spaßhafter Weise, daß eine Brittinn, mit der

er eine kleine vorübergehende Liebschaft gehabt habe, ihr ähnlich

sehe, wie eine Schwester der andern, ließ nicht undeutlich fallen,

daß er, des Herumschwärmens müde, nunmehr in den Stand der heiligen

Ehe zu treten, nicht übel Willens sey, daß er, wie er sich recht zart

ausdrückte, glaube, seine Hörner abgelaufen zu haben, und nun eine Frau

suche, die sich in der Welt zu zeigen wisse, ihn seinen Gang gehen

lasse, und dabei so hübsch sey, daß sich alle Leute wundern müßten, wie

er zu der schönen Frau kam.

Hulda hörte von dem unerträglichen Gespräche keine Sylbe; sie sah

links weg; schräg über, weit unten am Ende der fast unabsehbaren

langen Tafel, saß Alonso; er aß und trank, als sollte er von morgen

an, zeitlebens auf der Hungerinsel Kodiak hausen; man sah es ihm an,

er aß und trank nur aus Verdruß. Der zudringlichen Karoline, die

ihn mit tausend Fragen peinigte, antwortete er nur mit Kopfnicken

oder Schütteln, denn sprechen konnte er nicht, weil er beständig

entweder volle Backen, oder das Glas am Munde hatte. So ärgerlich

Hulda auch war, sie mußte doch über ihn lachen; je zärtlicher ihm

Karoline zusetzte, desto größere Bissen steckte er sich in den Mund;

je deutlicher die Ausbrüche ihres Liebesdranges wurden, in desto

längeren Zügen schlürfte er seinen Wein, so daß, als sie alle Register

vergeblich gezogen hatte, und er auf alles nichts, oder höchstens ein

kurzes hm, erwiederte, sie eher neben einem Kannibalen, als neben einem

Neuspanier zu sitzen wähnte.

Jetzt kam -- der Spaßvogel, der Herr Oberkonstabler hatte die witzige

Gesundheit:

Es lebe, wer gern trinkt und liebt,

Und seiner Nachbarinn ein Küßchen giebt

ausgebracht, -- die Reihe an Alonso. Linchen machte die Schalkhafte;

sie breitete die Serviette, wie einen Vorhang, zwischen sich und ihm,

und versteckte sich schäkernd dahinter, den Sturm des liebeglühenden

Amerikaners mit Verlangen erwartend. Alonso aber that, als habe er von

der ganzen Gesundheit keine Sylbe gehört, und als Linchen des längern

Harrens müde, den zärtlichen Schelmenblick über den obern Rand ihres

Keuschheitserviettchens warf, saß er ganz ruhig und bearbeitete die

gutgespickte Brust eines feisten Fasans, mit unendlichem Appetite; die

Umsitzenden lachten laut, und Linchen schmollte mit dem mexikanischen

Klotze, wie sie ihn nun nannte, von Grund des Herzens.

Gustchen, das am ganz entgegengesetzten Ende der Tafel saß, und in

der Meinung stand, Alonso und Hulda im traulichsten Gespräch zusammen

zu finden, erstaunte, als sie jetzt an des Bräutigams Arm die Runde

machte, um mit den Gästen ihres Vaters ein freundliches Tischwort zu

wechseln, nicht wenig, Freund Alonso hier neben Hafencapitains Linchen,

und drüben schräg über, Hulda neben Casperchen zu finden. Sie fragte

Alonso heimlich, was ihn bewog, seinen Platz, den sie ihm neben Hulda

bestimmte, zu wechseln; dieser aber, da er hörte, daß ihm sein Recht,

durch die Eigenmächtigkeit eines Dritten, gekürzt wurde, sprang auf,

eilte, mit zornfunkelnder Röthe im ganzen Gesichte, zu Casperchen,

tippte ihm so kräftig auf die Achseln, daß dieser noch acht Tage daran

zu fühlen hatte, und ersuchte ihn, augenblicklich aufzustehen, und

ihm Platz zu machen. Hulda zitterte vor Schreck am ganzen Körper,

Casperchen aber sah sich um, affektirte den Unbefangenen, und that, als

verstände er die sonderbare Zumuthung nicht.

Des Vaters Sünde, der Mutter Fluch · 第 9 / 15 题