Das Volk ist die persönliche, das Land die dingliche Grundlage des

Staates. Und von diesen beiden Grundlagen ist die persönliche die

wichtigere. Es gibt zum Beispiel eine Souveränetät ohne dingliche

Grundlage, und sie ist sogar die geachtetste der Erde: es ist die

Souveränetät des Papstes.

In der Wissenschaft vom Staate herrscht gegenwärtig die Theorie der

Vernunftnothwendigkeit. Diese Theorie reicht aus, um die Entstehung des

Staates zu rechtfertigen, und sie kann nicht geschichtlich widerlegt

werden, wie die Vertragstheorie. So weit es sich um die Entstehung des

Judenstaates handelt, befinde ich mich in dieser Schrift vollkommen auf

dem Boden der Vernunftnothwendigkeits-Theorie. Diese weicht aber dem

Rechtsgrunde des Staates aus. Der modernen Anschauung entsprechen die

Theorie der göttlichen Stiftung, die der Uebermacht, die Patriarchal-,

Patrimonial- und Vertragstheorie nicht. Der Rechtsgrund des Staates wird

bald zu sehr in den Menschen (Uebermachts-, Patriarchal- und

Vertragstheorie), bald rein über den Menschen (göttliche Stiftung), bald

unter den Menschen (dingliche Patrimonialtheorie) gesucht. Die

Vernunftnothwendigkeit lässt die Frage bequem oder vorsichtig

unbeantwortet. Eine Frage, mit der sich die grössten Rechtsphilosophen

aller Zeiten so tief beschäftigt haben, kann jedoch nicht ganz müssig

sein. Thatsächlich liegt im Staat eine Mischung von Menschlichem und

Uebermenschlichem vor. Für das zuweilen drückende Verhältniss, in

welchem die Regierten zu den Regierenden stehen, ist ein Rechtsgrund

unerlässlich. Ich glaube, er kann in der »negotiorum gestio« gefunden

werden. Wobei man sich die Gesammtheit der Bürger als Dominus negotiorum

und die Regierung als den Gestor zu denken hat.

Der wunderbare Rechtssinn der Römer hat in der negotiorum gestio ein

edles Meisterwerk geschaffen. Wenn das Gut eines Behinderten in Gefahr

ist, darf Jeder hinzutreten und es retten. Das ist der Gestor, der

Führer fremder Geschäfte. Er hat keinen Auftrag, das heisst keinen

menschlichen Auftrag. Sein Auftrag ist ihm von einer höheren

Nothwendigkeit ertheilt. Diese höhere Nothwendigkeit kann für den Staat

auf verschiedene Weise formulirt werden und wird auch auf den einzelnen

Culturstufen dem jeweiligen allgemeinen Begriffsvermögen entsprechend

verschiedenartig formulirt. Gerichtet ist die Gestio auf das Wohl des

Dominus, des Volkes, zu dem ja auch der Gestor selbst gehört.

Der Gestor verwaltet ein Gut, dessen Miteigenthümer er ist. Aus seinem

Miteigenthum schöpft er wohl die Kenntnis des Nothstandes, der das

Eingreifen, die Führung in Krieg und Frieden erfordert; aber keineswegs

gibt er sich als Miteigenthümer selbst einen giltigen Auftrag. Er kann

die Zustimmung der unzähligen Miteigenthümer im günstigsten Falle nur

vermuthen.

Der Staat entsteht durch den Daseinskampf eines Volkes. In diesem Kampfe

ist es nicht möglich, erst auf umständliche Weise einen ordentlichen

Auftrag einzuholen. Ja, es würde jede Unternehmung für die Gesammtheit

von vorneherein scheitern, wenn man zuvor einen regelrechten

Mehrheitsbeschluss erzielen wollte. Die innere Parteiung würde das Volk

gegen den äusseren Nothstand wehrlos machen. Alle Köpfe sind nicht unter

einen Hut zu bringen, wie man gewöhnlich sagt. Darum setzt der Gestor

einfach den Hut auf und geht voran.

Der Staatsgestor ist genügend legitimirt, wenn die allgemeine Sache in

Gefahr und der Dominus durch Willensunfähigkeit oder auf andere Art

verhindert ist, sich selbst zu helfen.

Aber durch sein Eingreifen wird der Gestor dem Dominus ähnlich wie aus

einem Vertrage, quasi ex contractu, verpflichtet. Das ist das

vorbestandene oder richtiger: mitentstehende Rechtsverhältniss im

Staate.

Der Gestor muss dann für jede Fahrlässigkeit haften, auch wegen

verschuldeter Nichtvollendung der einmal übernommenen Geschäfte und

Versäumung dessen, was damit im wesentlichen Zusammenhange steht u. s. w.

Ich will die negotiorum gestio hier nicht weiter ausführen und auf

den Staat übertragen. Das würde uns zu weit vom eigentlichen Gegenstande

ablenken. Nur das Eine sei noch angeführt: »Durch Genehmigung wird die

Geschäftsführung für den Geschäftsherrn in gleicher Art wirksam, als

wenn sie ursprünglich seinem Auftrag gemäss geschehen wäre.«

Und was bedeutet das Alles in unserem Falle?

Das Judenvolk ist gegenwärtig durch die Diaspora verhindert, seine

politischen Geschäfte selbst zu führen. Dabei ist es auf verschiedenen

Punkten in schwerer oder leichterer Bedrängniss. Es braucht vor Allem

einen Gestor.

Dieser Gestor darf nun freilich nicht ein einzelnes

Individuum sein. Ein solches wäre lächerlich oder -- weil es auf seinen

eigenen Vortheil auszugehen schiene -- verächtlich.

Der Gestor der Juden muss in jedem Sinne des Wortes eine moralische

Person sein.

Und das ist die Society of Jews.

Der Gestor der Juden.

Dieses Organ der Volksbewegung, dessen Art und Aufgaben wir erst jetzt

erörtern, wird thatsächlich vor allem Anderen entstehen. Die Entstehung

ist eine überaus einfache. Aus dem Kreise der wackeren englischen Juden,

denen ich in London den Plan mittheilte, wird sich diese moralische

Person bilden.

Die Society of Jews ist die Centralstelle der beginnenden Judenbewegung.

Die Society hat wissenschaftliche und politische Aufgaben. Die Gründung

des Judenstaates, wie ich mir sie denke, hat moderne wissenschaftliche

Voraussetzungen. Wenn wir heute aus Mizraim wandern, kann es nicht in

der naiven Weise der alten Zeit geschehen. Wir werden uns vorher anders

Rechenschaft geben von unserer Zahl und Kraft. Die Society of Jews ist

der neue Moses der Juden. Die Unternehmung des alten grossen Gestors der

Juden in den einfachen Zeiten verhält sich zur unserigen, wie ein

wunderschönes altes Singspiel zu einer modernen Oper. Wir spielen

dieselbe Melodie mit viel, viel mehr Violinen, Flöten, Harfen, Knie- und

Bassgeigen, elektrischem Licht, Decorationen, Chören, herrlicher

Ausstattung und mit den ersten Sängern.

Diese Schrift soll die allgemeine Discussion über die Judenfrage

eröffnen. Freunde und Feinde werden sich daran betheiligen -- ich hoffe,

nicht mehr in der bisherigen Form sentimentaler Vertheidigungen und

wüster Beschimpfungen. Die Debatte soll sachlich, gross, ernst und

politisch geführt werden.

Die Society of Jews wird alle Kundgebungen der Staatsmänner, Parlamente,

Judengemeinden, Vereine, die in Wort und Schrift, in Versammlungen,

Zeitungen und Büchern hervorkommen, sammeln.

So wird die Society zum

erstenmal erfahren und feststellen, ob die Juden schon in's Gelobte Land

wandern wollen und müssen. Die Society wird von den Judengemeinden in

aller Welt die Behelfe zu einer umfassenden Statistik der Juden

erhalten.

Die späteren Aufgaben, die gelehrte Erforschung des neuen Landes und

seiner natürlichen Hilfsmittel, der einheitliche Plan zur Wanderung und

Ansiedelung, die Vorarbeiten für die Gesetzgebung und Verwaltung etc.

sind aus dem Zweck vernünftig zu entwickeln.

Nach Aussen muss die Society versuchen, wie ich schon anfangs im

allgemeinen Theil erklärte, als staatsbildende Macht anerkannt zu

werden. Aus der freien Zustimmung vieler Juden kann sie den Regierungen

gegenüber die nöthige Autorität schöpfen.

Nach Innen, das heisst dem Judenvolke gegenüber, schafft die Society die

unentbehrlichen Einrichtungen der ersten Zeit -- die Urzelle, um es mit

einem naturwissenschaftlichen Worte zu sagen, aus der sich später die

öffentlichen Einrichtungen des Judenstaates entwickeln sollen.

Das erste Ziel ist, wie schon gesagt, die völkerrechtlich gesicherte

Souveränetät auf einem für unsere gerechten Bedürfnisse ausreichenden

Landstrich.

Was hat nachher zu geschehen?

Die Landergreifung.

Als die Völker in den historischen Zeiten wanderten, liessen sie sich

vom Weltzufall tragen, ziehen, schleudern. Wie Heuschreckenschwärme

gingen sie in ihrem bewusstlosen Zuge irgendwo nieder. In den

geschichtlichen Zeiten kannte man ja die Erde nicht.

Die neue Judenwanderung muss nach wissenschaftlichen Grundsätzen

erfolgen.

Noch vor einigen vierzig Jahren wurde die Goldgräberei auf eine

wunderlich einfältige Weise betrieben. Wie abenteuerlich ist es in

Californien zugegangen! Da liefen auf ein Gerücht hin die Desperados

aus aller Welt zusammen, stahlen der Erde, raubten einander das Gold ab

-- und verspielten es dann ebenso räubermässig.

Heute! Man sehe sich heute die Goldgräberei in Transvaal an. Keine

romantischen Strolche mehr, sondern nüchterne Geologen und Ingenieure

leiten die Goldindustrie. Sinnreiche Maschinen lösen das Gold aus dem

erkannten Gestein. Dem Zufall ist wenig überlassen.

So muss das neue Judenland mit allen modernen Hilfsmitteln erforscht und

in Besitz genommen werden.

Sobald uns das Land gesichert ist, fährt das Landnahmeschiff hinüber.

Auf dem Schiff befinden sich die Vertreter der Society, der Company und

der Ortsgruppen.

Diese Landnehmer haben drei Aufgaben: 1. die genaue wissenschaftliche

Erforschung aller natürlichen Eigenschaften des Landes, 2. die

Einrichtung einer straff centralisirten Verwaltung, 3. die

Landvertheilung. Diese Aufgaben greifen ineinander und sind dem schon

genügend bekannten Zweck entsprechend auszuführen.

Nur eins ist noch nicht klargemacht: nämlich wie die Landergreifung nach

Ortsgruppen vor sich gehen soll.

In Amerika occupirt man bei Erschliessung eines neuen Territoriums auch

noch auf eine recht naive Art. Die Landnehmer versammeln sich an der

Grenze und stürzen zur bestimmten Stunde gleichzeitig und gewaltsam

darauf los.

So wird es im neuen Judenlande nicht zu machen sein. Die Plätze der

Provinzen und Städte werden versteigert. Nicht etwa für Geld, sondern

für Leistungen. Es ist nach dem allgemeinen Plane festgestellt worden,

welche Strassen, Brücken, Wasserregulirungen u. s. w. nöthig sind für

den Verkehr. Das wird nach Provinzen zusammengelegt. Innerhalb der

Provinzen werden in ähnlicher Weise die Stadtplätze versteigert. Die

Ortsgruppen übernehmen die Verpflichtung, das ordentlich auszuführen.

Sie bestreiten die Kosten aus autonomen Umlagen. Die Society wird ja in

der Lage sein, vorauszuwissen, ob sich die Ortsgruppen keiner zu grossen

Opfer vermessen. Die grossen Gemeinwesen erhalten grosse Schauplätze für

ihre Thätigkeit. Grössere Opfer werden durch gewisse Zuwendungen

belohnt: Universitäten, Fach-, Hochschulen, Versuchsanstalten etc. und

jene Staatsinstitute, die nicht in der Hauptstadt sein müssen, werden

über das Land zerstreut.

Für die richtige Ausführung des Uebernommenen haftet das eigene

Interesse der Ersteher und im Nothfall die Ortsumlage. Denn so wie wir

den Unterschied einzelner Individuen nicht aufheben können und wollen,

so bleibt auch der Unterschied zwischen den Ortsgruppen bestehen. Alles

gliedert sich auf natürliche Weise. Alle erworbenen Rechte werden

geschützt, jede neue Entwicklung erhält genügenden Spielraum.

Diese Dinge werden sämmtlich unseren Leuten deutlich bekannt sein.

So wie wir die Anderen nicht überrumpeln oder betrügen, so täuschen wir

uns auch selbst nicht.

Von vornherein wird alles auf eine planvolle Art festgestellt sein. An

der Ausarbeitung dieses Planes, den ich nur anzudeuten vermag,

werden sich unsere scharfsinnigsten Köpfe betheiligen. Alle

socialwissenschaftlichen und technischen Errungenschaften der Zeit, in

der wir leben, und der immer höheren Zeit, in welche die langwierige

Ausführung des Planes fallen wird, sind für den Zweck zu verwenden. Alle

glücklichen Erfindungen, die schon da sind und die noch kommen werden,

sind zu benützen. So kann es eine in der Geschichte beispiellose Form

der Landnahme und Staatgründung werden, mit bisher nicht dagewesenen

Chancen des Gelingens.

Verfassung.

Eine der von der Society einzusetzenden grossen Commissionen wird der

Rath der Staatsjuristen sein. Diese müssen eine möglichst gute moderne

Verfassung zustandebringen. Ich glaube, eine gute Verfassung soll von

mässiger Elasticität sein. In einem anderen Werke habe ich

auseinandergesetzt, welche Staatsformen mir als die besten erscheinen.

Ich halte die demokratische Monarchie und die aristokratische Republik

für die feinsten Formen des Staates. Staatsform und Regierungsprincip

müssen in einem ausgleichenden Gegensatze zu einander stehen. Ich bin

ein überzeugter Freund monarchischer Einrichtungen, weil sie eine

beständige Politik ermöglichen und das mit der Staatserhaltung

verknüpfte Interesse einer geschichtlich berühmten, zum Herrschen

geborenen und erzogenen Familie vorstellen. Unsere Geschichte ist jedoch

so lange unterbrochen gewesen, dass wir an die Einrichtung nicht mehr

anknüpfen können. Der blosse Versuch unterläge dem Fluche der

Lächerlichkeit.

Die Demokratie ohne das nützliche Gegengewicht eines Monarchen ist masslos

in der Anerkennung und in der Verurtheilung, führt zu Parlamentsgeschwätz

und zur hässlichen Kategorie der Berufspolitiker. Auch sind die jetzigen

Völker nicht geeignet für die unbeschränkte Demokratie und ich glaube, sie

werden zukünftig immer weniger dazu geeignet sein. Die reine Demokratie

setzt nämlich sehr einfache Sitten voraus und unsere Sitten werden mit dem

Verkehr und mit der Cultur immer complicirter. Le ressort d'une démocratie

est la vertu, sagt der weise Montesquieu. Und wo findet man diese Tugend,

die politische meine ich? Ich glaube nicht an unsere politische Tugend,

weil wir nicht anders sind, als die anderen modernen Menschen, und weil

uns in der Freiheit zunächst der Kamm schwellen würde. Das Referendum halte

ich für unverständig, denn in der Politik gibt es keine einfachen Fragen,

die man blos mit Ja und Nein beantworten kann. Auch sind die Massen noch

ärger als die Parlamente, jedem Irrglauben unterworfen, jedem kräftigen

Schreier zugeneigt. Vor versammeltem Volke kann man weder äussere noch

innere Politik machen.

Politik muss von oben herab gemacht werden. Im Judenstaate soll darum

doch Niemand geknechtet werden, denn jeder Jude kann aufsteigen, jeder

wird aufsteigen wollen. So muss ein gewaltiger Zug nach oben in unser

Volk kommen. Jeder Einzelne wird nur glauben, sich selbst zu heben, und

dabei wird die Gesammtheit gehoben. Das Aufsteigen ist in sittliche, dem

Staate nützliche, der Volksidee dienende Formen zu binden.

Darum denke ich mir eine aristokratische Republik. Das entspricht auch

dem ehrgeizigen Sinne unseres Volkes, der jetzt zu alberner Eitelkeit

entartet ist. Manche Einrichtung Venedigs schwebt mir vor; aber alles,

woran Venedig zugrunde ging, ist zu vermeiden. Wir werden aus den

geschichtlichen Fehlern Anderer lernen, wie aus unseren eigenen. Denn

wir sind ein modernes Volk und wollen das modernste werden. Unser Volk,

dem die Society das neue Land bringt, wird auch die Verfassung, die ihm

die Society gibt, dankbar annehmen. Wo sich aber Widerstände zeigen,

wird die Society sie brechen. Sie kann sich im Werke durch beschränkte

oder böswillige Individuen nicht stören lassen.

Sprache.

Vielleicht denkt jemand, es werde eine Schwierigkeit sein, dass wir

keine gemeinsame Sprache mehr haben. Wir können doch nicht Hebräisch

miteinander reden. Wer von uns weiss genug Hebräisch, um in dieser

Sprache ein Bahnbillet zu verlangen? Das gibt es nicht. Dennoch ist die

Sache sehr einfach. Jeder behält seine Sprache, welche die liebe Heimat

seiner Gedanken ist. Für die Möglichkeit des Sprachenföderalismus ist

die Schweiz ein endgiltiges Beispiel. Wir werden auch drüben bleiben,

was wir jetzt sind, sowie wir nie aufhören werden, unsere Vaterländer,

aus denen wir verdrängt wurden, mit Wehmuth zu lieben.

Die verkümmerten und verdrückten Jargons, deren wir uns jetzt bedienen,

diese Ghettosprachen werden wir uns abgewöhnen. Es waren die

verstohlenen Sprachen von Gefangenen. Unsere Volkslehrer werden dieser

Sache ihre Aufmerksamkeit zuwenden. Die dem allgemeinen Verkehre am

meisten nützende Sprache wird sich zwanglos als Hauptsprache einsetzen.

Unsere Volksgemeinschaft ist ja eine eigenthümliche, einzige. Wir

erkennen uns eigentlich nur noch am väterlichen Glauben als

zusammengehörig.

Theokratie.

Werden wir also am Ende eine Theokratie haben? Nein! Der Glaube hält uns

zusammen, die Wissenschaft macht uns frei. Wir werden daher

theokratische Velleitäten unserer Geistlichen gar nicht aufkommen

lassen. Wir werden sie in ihren Tempeln festzuhalten wissen, wie wir

unser Berufsheer in den Kasernen festhalten werden. Heer und Clerus

sollen so hoch geehrt werden, wie es ihre schönen Functionen erfordern

und verdienen. In den Staat, der sie auszeichnet, haben sie nichts

dreinzureden, denn sie würden äussere und innere Schwierigkeiten

heraufbeschwören.

Jeder ist in seinem Bekenntniss oder in seinem Unglauben so frei und

unbeschränkt, wie in seiner Nationalität. Und fügt es sich, dass auch

Andersgläubige, Andersnationale unter uns wohnen, so werden wir ihnen

einen ehrenvollen Schutz und die Rechtsgleichheit gewähren. Wir haben

die Toleranz in Europa gelernt. Ich sage das nicht einmal spöttisch. Den

jetzigen Antisemitismus kann man nur an vereinzelten Orten für die alte

religiöse Intoleranz halten. Zumeist ist er bei den Culturvölkern eine

Bewegung, mit der sie ein Gespenst ihrer eigenen Vergangenheit abwehren

möchten.

Gesetze.

Wenn die Verwirklichung des Staatsgedankens näher rückt, wird die

Society of Jews gesetzgeberische Vorarbeiten machen lassen durch ein

Juristencollegium. Für die Uebergangszeit lässt sich der Grundsatz

annehmen, dass Jeder der aus den verschiedenen Ländern einwandernden

Juden nach seinen bisherigen Landesgesetzen zu beurtheilen sei. Bald ist

die Rechtseinheit anzustreben. Es müssen moderne Gesetze sein, auch da

überall das Beste zu verwenden. Es kann eine vorbildliche Codification

werden, durchdrungen von allen gerechten socialen Forderungen der

Gegenwart.

Das Heer.

Der Judenstaat ist als ein neutraler gedacht. Er braucht nur ein

Berufsheer -- allerdings ein mit sämmtlichen modernen Kriegsmitteln

ausgerüstetes -- zur Aufrechterhaltung der Ordnung nach Aussen, wie nach

Innen.

Die Fahne.

Wir haben keine Fahne. Wir brauchen eine. Wenn man viele Menschen führen

will, muss man ein Symbol über ihre Häupter erheben.

Ich denke mir eine weisse Fahne, mit sieben goldenen Sternen. Das weisse

Feld bedeutet das neue, reine Leben; die Sterne sind die sieben

goldenen Stunden unseres Arbeitstages. Denn im Zeichen der Arbeit gehen

die Juden in das neue Land.

Reciprocität und Auslieferungsverträge.

Der neue Judenstaat muss anständig gegründet werden. Wir denken ja an

unsere künftige Ehre in der Welt.

Darum müssen alle Verpflichtungen in den bisherigen Wohnorten rechtschaffen

erfüllt werden. Billige Fahrt und alle Ansiedelungsbegünstigungen

werden Society of Jews und Jewish Company nur denjenigen gewähren, die

ein Amtszeugniss Ihrer bisherigen Behörden beibringen: »In guter Ordnung

fortgezogen«.

Alle privatrechtlichen Forderungen, die noch aus den verlassenen Ländern

stammen, sind im Judenstaate leichter klagbar als irgendwo. Wir werden

gar nicht auf Reciprocität warten. Wir thun das nur um unserer eigenen

Ehre willen. So werden späterhin auch unsere Forderungen willigere

Gerichte finden, als dies jetzt da und dort der Fall sein mag.

Von selbst versteht sich nach allem Bisherigen, dass wir auch die

jüdischen Verbrecher leichter ausliefern, als jeder andere Staat, bis zu

dem Augenblicke, wo wir die Strafhoheit nach denselben Grundsätzen

ausüben werden, wie alle übrigen civilisirten Völker. Es ist also eine

Uebergangszeit gedacht, während welcher wir unsere Verbrecher erst nach

abgebüsster Strafe aufnehmen. Haben sie aber gebüsst, so werden sie ohne

jede Restriction aufgenommen, es soll auch für die Verbrecher unter uns

ein neues Leben beginnen.

So kann für viele Juden die Auswanderung zu einer glücklich verlaufenden

Krise werden. Die schlechten äusseren Bedingungen, unter denen mancher

Charakter verdorben ist, werden behoben, und Verlorene können gerettet

werden.

Ich möchte da kurz die Geschichte erzählen, die ich in einem Bericht

über die Goldminen von Witwatersrand gefunden habe. Ein Mann kam eines

Tages nach dem Rand, liess sich nieder, versuchte Einiges, nur nicht das

Goldgraben, gründete endlich eine Eisfabrik, die prosperirte, und erwarb

sich bald durch seine Anständigkeit die allgemeine Achtung. Da wurde er

nach Jahren plötzlich verhaftet. Er hatte in Frankfurt als Bankier

Betrügereien verübt, war entflohen und hatte hier unter falschem Namen

ein neues Leben begonnen. Als man ihn aber gefangen fortführte, da

erschienen die angesehensten Leute auf dem Bahnhof, sagten ihm herzlich

Lebewohl und -- Auf Wiedersehen! Denn er wird wiederkommen.

Was sagt diese Geschichte alles! Ein neues Leben vermag selbst

Verbrecher zu bessern. Und wir haben doch verhältnissmässig sehr wenige

Verbrecher. Man lese dazu eine interessante Statistik »Die Kriminalität

der Juden in Deutschland«, die von Dr. P. Nathan in Berlin -- im

Auftrage des Comités zur Abwehr antisemitischer Angriffe -- auf Grund

amtlicher Ausweise zusammengestellt wurde. Freilich geht aber diese

zahlenerfüllte Schrift, wie manche andere »Abwehr« von dem Irrthum aus,

dass sich der Antisemitismus vernünftig widerlegen lasse. Man hasst uns

vermuthlich ebensosehr wegen unserer Vorzüge, wie wegen unserer Fehler.

Vortheile der Judenwanderung.

Ich denke mir, dass die Regierungen diesem Entwurfe freiwillig oder

unter dem Drucke ihrer Antisemiten einige Aufmerksamkeit schenken

werden, und vielleicht wird man sogar da und dort von Anfang an dem

Plane mit Sympathie entgegenkommen, und es der Society of Jews auch

zeigen.

Denn durch die Judenwanderung, die ich meine, können keine

wirthschaftlichen Krisen entstehen. Solche Krisen, die im Gefolge von

Judenhetzen überall kommen müssten, würden durch die Ausführung dieses

Entwurfes vielmehr verhindert werden. Eine grosse Periode der Wohlfahrt

würde in den jetzt antisemitischen Ländern beginnen. Es wird ja, wie ich

schon oft sagte, eine innere Wanderung der christlichen Staatsbürger in

die langsam und planvoll evacuirten Positionen der Juden stattfinden.

Wenn man uns nicht nur gewähren lässt, sondern geradezu hilft, so wird

die Bewegung überall befruchtend wirken. Es ist auch eine bornirte

Vorstellung, von der man sich frei machen muss, dass durch den Abzug

vieler Juden eine Verarmung der Länder eintreten müsste. Anders stellt

sich ein Abzug infolge von Hetzen dar, wobei allerdings, wie in der

Verwirrung eines Krieges, Güter zerstört werden. Und anders ist der

friedliche freiwillige Abzug von Colonisten, wobei alles unter Schonung

erworbener Rechte, in vollster Gesetzlichkeit, frei und offen, am hellen

Tage, unter den Augen der Behörden, unter der Controle der öffentlichen

Meinung vollzogen werden kann. Die Auswanderung von christlichen

Proletariern nach anderen Welttheilen käme durch die Judenbewegung zum

Stillstande.

Die Staaten hätten ferner den Vortheil, dass ihr Exporthandel gewaltig

wüchse, denn da die ausgewanderten Juden drüben noch lange auf die

europäischen Erzeugnisse angewiesen wären, müssten sie sie nothwendig

beziehen. Durch die Ortsgruppen würde ein gerechter Ausgleich

geschaffen, die gewohnten Bedürfnisse müssten sich noch lange an den

gewohnten Orten decken.

Einer der grössten Vortheile wäre wohl die sociale Erleichterung. Die

sociale Unzufriedenheit könnte auf eine Zeit hinaus beschwichtigt

werden, die vielleicht 20 Jahre, vielleicht länger dauern würde,

jedenfalls aber die ganze Zeit der Judenwanderung hindurch anhielte.

Der Judenstaat: Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage · 第 5 / 6 段