Die Gestaltung der socialen Frage hängt nur von der Entwicklung der

technischen Mittel ab. Der Dampf hat die Menschen um die Maschinen herum

in den Fabriken versammelt, wo sie aneinander gedrückt sind und durch

einander unglücklich werden. Die Production ist eine ungeheure,

wahllose, planlose, führt jeden Augenblick zu schweren Krisen, durch die

mit den Unternehmern auch die Arbeiter zugrunde gehen. Der Dampf hat die

Menschen aneinandergepresst, die Anwendung der Elektricität wird sie

vermuthlich wieder auseinander streuen und vielleicht in glücklichere

Arbeitszustände bringen. Jedenfalls werden die technischen Erfinder, die

wahren Wohlthäter der Menschheit, auch nach Beginn der Judenwanderung

weiterarbeiten und hoffentlich so wunderbare Dinge finden wie bisher,

nein, immer wunderbarere.

Schon scheint das Wort »unmöglich« aus der Sprache der Technik

verschwunden zu sein. Käme ein Mann des vorigen Jahrhunderts wieder, er

fände unser ganzes Leben voll unbegreiflicher Zaubereien. Wo wir

Modernen mit unseren Hilfsmitteln erscheinen, verwandeln wir die Wüste

in einen Garten. Zur Errichtung von Städten genügen uns jetzt soviele

Jahre, als man in früheren Epochen der Geschichte Jahrhunderte brauchte

-- dafür zahllose Beispiele in Amerika. Die Entfernungen sind als

Hinderniss überwunden. Die Schatzkammer des modernen Geistes enthält

schon unermessliche Reichthümer; jeder Tag vermehrt sie, hunderttausend

Köpfe sinnen, suchen auf allen Punkten der Erde, und was einer entdeckt

hat, gehört im nächsten Augenblick der ganzen Welt.

Wir selbst möchten im Judenlande alle neuen Versuche benützen,

fortbilden, und wie wir im Siebenstundentage ein Experiment zum Wohle

der ganzen Menschheit machen, so wollen wir in Allem Menschenfreundlichen

vorangehen und als neues Land ein Versuchsland und Musterland vorstellen.

Nach dem Abzug der Juden werden die von ihnen geschaffenen

Unternehmungen verbleiben wo sie waren. Und nicht einmal der jüdische

Unternehmungsgeist wird dort fehlen, wo man ihn gerne sieht. Das mobile

jüdische Capital wird auch fernerhin seine Anlagen dort suchen, wo

seinen Besitzern die Verhältnisse wohlbekannt sind. Und während jetzt

das jüdische Geldcapital wegen der Verfolgungen ausser Landes die

entlegensten Unternehmungen aufsucht, wird es bei dieser friedlichen

Lösung zurückkehren und zum weiteren Aufschwung der bisherigen Wohnorte

der Juden beitragen.

Schlusswort.

Wie Vieles ist noch unerörtert geblieben, wie viele Mängel, schädliche

Flüchtigkeiten und nutzlose Wiederholungen weist noch immer diese

Schrift auf, die ich mir lange wohl bedacht und oft überarbeitet habe.

Der redliche Leser, der auch verständig genug ist, im Inneren der Worte

zu lesen, wird sich von den Mängeln nicht abstossen lassen. Er wird sich

eher angeeifert fühlen, mit seinem Scharfsinn und seiner Kraft

theilzunehmen an einem Werk, das keinem Einzelnen gehört, und es zu

verbessern.

Habe ich nicht selbstverständliche Dinge erklärt und wichtige Bedenken

übersehen?

Einige Einwände habe ich zu widerlegen versucht; ich weiss, es gibt noch

andere, viele, es gibt hohe und niedere.

Zu den hohen Einwendungen gehört es, dass in der Welt die Nothlage der

Juden nicht die einzige ist. -- Ich meine aber, dass wir immerhin

anfangen sollen, ein wenig Elend hinwegzuräumen; wäre es auch vorläufig

nur unser eigenes.

Ferner kann gesagt werden, dass wir nicht neue Unterschiede zwischen die

Menschen bringen sollten; keine neuen Grenzen errichten, lieber die

alten verschwinden machen. -- Ich meine, das sind liebenswerthe

Schwärmer, die so denken; aber der Staub ihrer Knochen wird schon

spurlos zerblasen sein, wenn die Vaterlandsidee noch immer blühen wird.

Die allgemeine Verbrüderung ist nicht einmal ein schöner Traum. Der

Feind ist nöthig für die höchsten Anstrengungen der Persönlichkeit.

Aber wie? Die Juden würden wohl in ihrem eigenen Staat keinen Feind mehr

haben, und da sie im Wohlergehen schwach werden und schwinden, so würde

das Judenvolk dann erst recht zu Grunde gehen? -- Ich meine, die Juden

werden immer genug Feinde haben, wie jede andere Nation. Wenn sie aber

auf ihrem eigenen Boden sitzen, können sie nie mehr in alle Welt

zerstreut werden. Wiederholt kann die Diaspora nicht werden, solange die

ganze Cultur der Welt nicht zusammenbricht. Und davor kann sich nur ein

Einfältiger fürchten. Die jetzige Cultur hat Machtmittel genug, um sich

zu vertheidigen.

Die niederen Einwendungen sind zahllos, wie es ja auch mehr niedere

Menschen gibt als hohe. Einige beschränkte Vorstellungen versuchte ich

niederzuringen. Wer sich hinter die weisse Fahne mit den sieben Sternen

stellen will, muss mithelfen in diesem Aufklärungs-Feldzug. Vielleicht

wird der Kampf zuerst gegen manche böse, engherzige, beschränkte Juden

geführt werden müssen.

Wird man nicht sagen, dass ich den Antisemiten Waffen liefere? Warum?

Weil ich das Wahre zugebe? Weil ich nicht behaupte, dass wir lauter

vortreffliche Menschen unter uns haben?

Wird man nicht sagen, dass ich einen Weg zeige, auf dem man uns schaden

könnte? Das bestreite ich auf das Entschiedenste. Was ich vorschlage,

kann nur ausgeführt werden mit freier Zustimmung der Judenmehrheit. Es

kann gegen einzelne, selbst gegen die Gruppen der jetzt mächtigsten

Juden gemacht werden -- aber nie und nimmermehr vom Staat aus gegen alle

Juden. Man kann die gesetzliche Gleichberechtigung der Juden, wo sie

einmal besteht, nicht mehr aufheben; denn schon die einleitenden

Versuche würden sofort alle Juden, Arm und Reich, den Umsturzparteien

zujagen. Schon der Beginn officieller Ungerechtigkeiten gegen die Juden

hat überall wirthschaftliche Krisen im Gefolge. Man kann also eigentlich

wenig Wirksames gegen uns thun, wenn man sich nicht selbst weh thun

will. Dabei wächst und wächst der Hass. Die Reichen spüren davon nicht

viel. Aber unsere Armen! Man frage unsere Armen, die seit der Erneuerung

des Antisemitismus furchtbarer proletarisirt wurden, als je vorher.

Werden einige Wohlhabende meinen, der Druck sei noch nicht gross genug

für die Auswanderung, und selbst bei gewaltsamen Judenaustreibungen

zeige sich, wie ungern unsere Leute gingen? Ja, weil sie nicht wissen,

wohin! Weil sie nur aus einem Elend in's andere kommen. Aber wir zeigen

ihnen den Weg in das Gelobte Land. Und mit der schrecklichen Macht der

Gewohnheit muss die herrliche Macht der Begeisterung ringen.

Die Verfolgungen sind nicht mehr so bösartig wie im Mittelalter? Ja,

aber unsere Empfindlichkeit ist gewachsen, so dass wir keine

Verminderung der Leiden spüren. Die lange Verfolgung hat unsere Nerven

überreizt.

Und wird man noch sagen: die Unternehmung sei hoffnungslos, selbst wenn

wir das Land und die Souveränetät bekommen -- weil nur die Armen

mitgehen werden? Gerade die brauchen wir zuerst! Nur die Desperados

taugen zum Erobern.

Wird Jemand sagen: Ja, wenn das möglich wäre, hätte man es schon

gemacht?

Früher war es nicht möglich. Jetzt ist es möglich. Noch vor

hundert, vor fünfzig Jahren wäre es eine Schwärmerei gewesen, Heute ist

das Alles wirklich. Die Reichen, die einen genussvollen Ueberblick über

sämmtliche technischen Errungenschaften haben, wissen sehr gut, was mit

Geld alles gemacht werden kann. Und so wird es zugehen: gerade die Armen

und Einfachen, die gar nicht ahnen, welche Gewalt über die Naturkräfte

der Mensch schon besitzt, werden die neue Botschaft am stärksten

glauben. Denn sie haben die Hoffnung auf das Gelobte Land nicht

verloren.

Da ist es, Juden! Kein Märchen, kein Betrug! Jeder kann sich davon

überzeugen, denn Jeder trägt ein Stück vom Gelobten Land hinüber: der in

seinem Kopf, und der in seinen Armen, und Jener in seinem erworbenen

Gut.

Nun könnte es scheinen, als wäre das eine langwierige Sache. Auch im

günstigsten Falle würde der Beginn der Staatsgründung noch viele Jahre

auf sich warten lassen. Inzwischen werden die Juden auf tausend Punkten

gehänselt, gekränkt, gescholten, geprügelt, geplündert und erschlagen.

Nein, wenn wir auch nur beginnen, den Plan auszuführen, kommt der

Antisemitismus überall und sofort zum Stillstand. Denn es ist der

Friedensschluss.

Wenn die Jewish Company gebildet ist, wird diese Nachricht in einem Tage

nach den fernsten Punkten der Erde durch den Blitz unserer Drähte

hinausgetragen worden sein.

Und augenblicklich beginnt auch die Erleichterung. Aus den Mittelständen

fliessen unsere überproducirten mittleren Intelligenzen, fliessen ab in

unsere ersten Organisationen, bilden unsere ersten Techniker, Officiere,

Professoren, Beamten, Juristen, Aerzte. Und so geht die Sache weiter,

eilig und doch ohne Erschütterung.

Man wird in den Tempeln beten für das Gelingen des Werkes. Aber in den

Kirchen auch! Es ist die Lösung eines alten Druckes, unter dem Alle

litten.

Aber zunächst muss es licht werden in den Köpfen. Der Gedanke muss

hinausfliegen bis in die letzten jammervollen Nester, wo unsere Leute

wohnen. Sie werden aufwachen aus ihrem dumpfen Brüten. Denn in unser

Aller Leben kommt ein neuer Inhalt. Jeder braucht nur an sich selbst zu

denken, und der Zug wird schon ein gewaltiger.

Und welcher Ruhm erwartet die selbstlosen Kämpfer für die Sache!

Darum glaube ich, dass ein Geschlecht wunderbarer Juden aus der Erde

wachsen wird. Die Makkabäer werden wieder aufstehen.

Noch einmal sei das Wort des Anfangs wiederholt: Die Juden, die wollen,

werden ihren Staat haben.

Wir sollen endlich als freie Männer auf unserer eigenen Scholle leben

und in unserer eigenen Heimat ruhig sterben.

Die Welt wird durch unsere Freiheit befreit, durch unseren Reichthum

bereichert, und vergrössert durch unsere Grösse.

Und was wir dort nur für unser eigenes Gedeihen versuchen, wirkt

machtvoll und beglückend hinaus zum Wohle aller Menschen.

Gesellschafts-Buchdruckerei Brüder Hollinek, III., Erdbergstrasse 3.

Der Judenstaat: Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage · 第 6 / 6 段