gesellschaftliche Hass aus unseren Wohnorten und von unseren Gräbern.
Die Juden ziehen schon jetzt jeden Augenblick aus einem Land in's
andere; eine starke Bewegung geht sogar über's Meer nach den Vereinigten
Staaten -- wo man uns auch nicht mag. Wo wird man uns denn mögen,
solange wir keine eigene Heimat haben?
Wir wollen aber den Juden eine Heimat geben. Nicht, indem wir sie
gewaltsam aus ihrem Erdreich herausreissen. Nein, indem wir sie mit
ihrem ganzen Wurzelwerk vorsichtig ausheben und in einen besseren Boden
übersetzen. So wie wir im Wirthschaftlichen und Politischen neue
Verhältnisse schaffen wollen, so gedenken wir im Gemüthlichen alles Alte
heilig zu halten. Darüber nur wenige Andeutungen. Hier ist die Gefahr am
grössten, dass der Plan für eine Schwärmerei gehalten werde.
Und doch ist auch das möglich und wirklich, nur kommt es in der
Wirklichkeit als etwas verworrenes und hilfloses vor. Durch die
Organisirung kann es vernünftig werden.
Die Gruppenwanderung.
Unsere Leute sollen in Gruppen mit einander auswandern. In Gruppen von
Familien und Freunden. Niemand wird gezwungen, sich der Gruppe seines
bisherigen Wohnortes anzuschliessen. Jeder kann, nachdem er seine
Angelegenheiten liquidirt hat, fahren, wie er will. Jeder thut es ja auf
eigene Kosten, in der Bahn- und Schiffsclasse, die ihm zusagt. Unsere
Bahnzüge und unsere Schiffe werden vielleicht nur eine Classe haben. Der
Unterschied des Besitzes belästigt auf so langen Reisen die Aermeren.
Und wenn wir auch unsere Leute nicht zu einer Unterhaltung
hinüberführen, wollen wir ihnen doch nicht unterwegs die Laune
verderben.
Im Elend wird Keiner reisen. Dem eleganten Behagen hingegen soll Alles
möglich sein. Man wird sich schon lange vorher verabreden -- es wird ja
im günstigsten Falle noch Jahre dauern, bis die Bewegung in einzelnen
Besitzclassen in Fluss kommt -- die Wohlhabenden werden zu
Reisegesellschaften zusammentreten. Man nimmt die persönlichen
Beziehungen sämmtlich mit. Wir wissen ja, dass von den Reichsten
abgesehen, die Juden fast gar keinen Verkehr mit Christen haben. In
manchen Ländern ist es so, dass der Jude, der sich nicht ein paar
Tafelschmarotzer, Borgbrüder und Judenknechte aushält, überhaupt keinen
Christen kennt. Das Ghetto besteht innerlich fort.
Man wird sich also in den Mittelständen lange und sorgfältig zur Abreise
vorbereiten. Jeder Ort bildet seine Gruppe. In den grossen Städten
bilden sich nach Bezirken mehrere, die mit einander durch gewählte
Vertreter verkehren. Diese Bezirkseintheilung hat nichts Obligatorisches.
Sie ist eigentlich nur als Erleichterung für die Minderbemittelten
gedacht, und um während der Fahrt kein Unbehagen, kein Heimweh aufkommen
zu lassen. Jeder ist frei, allein zu fahren oder sich welcher Ortsgruppe
immer anzuschliessen. Die Bedingungen -- nach Classen eingetheilt -- sind
für alle gleich. Wenn eine Reisegesellschaft sich zahlreich genug
organisirt, bekommt sie von der Company einen ganzen Bahnzug und dann ein
ganzes Schiff.
Für die passende Unterkunft der Aermeren wird das Quartieramt der
Company gesorgt haben. In dem späteren Zeitpunkt, wo die Wohlhabenden
wandern, wird das erkannte, weil leicht vorauszusehende Bedürfniss schon
die Hotelbauten freier Unternehmer hervorgerufen haben. Auch werden ja
die wohlhabenden Auswanderer sich ihre Heimstätten schon früher gebaut
haben, so dass sie aus dem verlassenen alten Hause in das fertige neue
nur zu übersiedeln brauchen.
Unserer ganzen Intelligenz brauchen wir ihre Aufgabe nicht erst
zuzuweisen. Jeder, der sich dem nationalen Gedanken anschliesst, wird
wissen, wie er in seinem Kreise für die Verbreitung und Bethätigung zu
wirken hat. Wir werden vornehmlich an die Mitwirkung unserer Seelsorger
appelliren.
Unsere Seelsorger.
Jede Gruppe hat ihren Rabbiner, der mit seiner Gemeinde geht. Alle
gruppiren sich zwanglos. Die Ortsgruppe bildet sich um den Rabbiner
herum. So viele Rabbiner, so viele Ortsgruppen. Die Rabbiner werden uns
auch zuerst verstehen, sich zuerst für die Sache begeistern und von der
Kanzel herab die andern begeistern. Es brauchen keine besonderen
Versammlungen mit Geschwätz einberufen zu werden. Im Gottesdienste wird
das eingeschaltet. Und so soll es sein. Wir erkennen unsere historische
Zusammengehörigkeit nur am Glauben unserer Väter, weil wir ja längst die
Sprache verschiedener Nationen unverlöschbar in uns aufgenommen haben.
Die Rabbiner werden nun regelmässig die Mittheilungen der Society und
Company erhalten und sie ihrer Gemeinde verkünden und erklären. Israel
wird für uns, für sich beten.
Vertrauensmänner der Ortsgruppen.
Die Ortsgruppen werden kleine Vertrauensmänner-Commissionen unter dem
Vorsitz des Rabbiners einsetzen. Hier wird alles Praktische nach den
Ortsbedürfnissen berathen und festgesetzt werden.
Die Wohlthätigkeitsanstalten werden durch die Ortsgruppen frei
verpflanzt. Die Stiftungen werden auch drüben in der ehemaligen
Ortsgruppe verbleiben, die Gebäude sollten nach meiner Ansicht nicht
verkauft, sondern den christlichen Hilfsbedürftigen der verlassenen
Städte gewidmet werden. Bei der Landvertheilung drüben wird das den
Ortsgruppen eingerechnet, indem sie unentgeltlich Bauplätze und jede
Bauerleichterung erhalten.
Es wird bei der Verpflanzung der Wohlthätigkeitsanstalten wieder, wie an
manchen anderen Punkten dieses Planes, Gelegenheit geboten, einen
Versuch zum Wohle der ganzen Menschheit zu machen. Unsere jetzige
verworrene Privatwohlthätigkeit stiftet im Verhältniss zum gemachten
Aufwand wenig Gutes. Die Wohlthätigkeitsanstalten können und müssen in
ein System gebracht werden, wo sie sich gegenseitig ergänzen. In einer
neuen Gesellschaft können diese Einrichtungen aus dem modernen
Bewusstsein heraus und auf Grund aller socialpolitischen Erfahrungen
gemacht werden. Die Sache ist für uns sehr wichtig, weil wir viele
Bettler haben. Durch den äusseren Druck, der sie muthlos macht und durch
die weichliche Wohlthätigkeit der Reichen, die sie verwöhnt, lassen sich
die schwächeren Naturen unter unseren Leuten leicht im Bettel gehen.
Die Society wird, unterstützt von den Ortsgruppen, der Volkserziehung in
dieser Hinsicht die grösste Aufmerksamkeit zuwenden. Für viele Kräfte,
die jetzt nutzlos hinwelken, wird ja ein fruchtbarer Boden geschaffen.
Wer nur den guten Willen hat, soll angemessen verwendet werden. Bettler
werden nicht geduldet. Wer als Freier nichts thun will, kommt in's
Arbeitshaus.
Hingegen wollen wir die Alten nicht in's Siechenhaus stecken. Das
Siechenhaus ist eine der grausamsten Wohlthaten, die unsere alberne
Gutmüthigkeit erfunden hat. Im Siechenhaus schämt und kränkt sich der
alte Mensch zu Tode. Er ist eigentlich schon begraben. Wir aber wollen
selbst denen, die auf den untersten Stufen der Intelligenz stehen, bis
an's Ende die tröstliche Illusion ihrer Nützlichkeit lassen. Die zu
körperlicher Arbeit Unfähigen sollen leichte Dienste erhalten. Wir
müssen mit den atrophirten Armen einer jetzt schon hinwelkenden
Generation rechnen. Aber die nachkommenden Generationen sollen in der
Freiheit für die Freiheit anders erzogen werden.
Wir werden für alle Lebensalter, für alle Lebensstufen die sittliche
Beseligung der Arbeit suchen. So wird unser Volk seine Tüchtigkeit
wiederfinden im Siebenstundenlande.
Stadtpläne.
Die Ortsgruppen werden ihre Bevollmächtigten zur Ortswahl delegiren. Bei
der Landvertheilung wird darauf Rücksicht genommen werden, dass die
schonende Verpflanzung, die Erhaltung alles Berechtigten möglich sei.
In den Ortsgruppen werden die Stadtpläne aufliegen. Unsere Leute werden
im vorhinein wissen, wohin sie gehen, in welchen Städten, in welchen
Häusern sie wohnen werden. Es wurde schon von den Bauplänen und
verständlichen Abbildungen gesprochen, die an die Ortsgruppen zu
vertheilen sind.
Wie in der Verwaltung eine straffe Centralisirung, ist in den Ortsgruppen
die vollste Autonomie das Princip. Nur so kann die Verpflanzung schmerzlos
vor sich gehen.
Ich stelle mir das nicht leichter vor, als es ist; man darf es sich auch
nicht schwerer vorstellen.
Der Zug des Mittelstandes.
Der Mittelstand wird unwillkürlich von der Bewegung mit hinübergezogen.
Die Einen haben ihre Söhne als Beamte der Society oder Angestellte der
Company drüben. Juristen, Mediciner, Techniker aller Zweige, junge
Kaufleute, alle jüdischen Wegsucher, die jetzt aus der Bedrängniss ihrer
Vaterländer hinaus in andere Welttheile erwerben gehen, werden sich auf
dem hoffnungsvollen Boden versammeln. Andere haben ihre Töchter an
solche aufstrebende Leute verheiratet. Dann lässt sich von unseren
jungen Leuten der eine seine Braut, der andere seine Eltern und
Geschwister nachkommen. In neuen Culturen heiratet man früh. Das kann
der allgemeinen Sittlichkeit nur zu Statten kommen, und wir erhalten
kräftigen Nachwuchs; nicht jene schwachen Kinder spätverheirateter
Väter, die zuerst ihre Energie im Lebenskampf abgenützt haben.
Im Mittelstande zieht jeder unserer Auswanderer andere nach sich.
Den Muthigsten gehört natürlich das Beste von der neuen Welt.
Es scheint nun freilich, als wäre hier die grösste Schwierigkeit des
Planes.
Selbst wenn es uns gelingt, die Judenfrage in einer ernsten Weise zur
Weltdiscussion zu stellen --
selbst wenn aus dieser Erörterung auf das Bestimmteste hervorgeht, dass
der Judenstaat ein Weltbedürfniss ist --
selbst wenn wir durch die Unterstützung der Mächte die Souveränetät
eines Territoriums erlangten:
wie bringen wir die Judenmassen ohne Zwang aus ihren jetzigen Wohnorten
in dieses neue Land?
Die Wanderung ist doch immer als eine freie gedacht?
Das Phänomen der Menge.
Ein mühsames Anfachen der Bewegung wird wohl kaum nöthig sein. Die
Antisemiten besorgen das schon für uns. Sie brauchen nur soviel zu thun
wie bisher und die Auswanderlust der Juden wird erwachen, wo sie nicht
besteht und sich verstärken, wo sie schon vorhanden ist. Wenn die Juden
jetzt in antisemitischen Ländern verbleiben, so geschieht das
hauptsächlich aus dem Grunde, weil selbst die historisch Ungebildeten
wissen, dass wir uns durch die zahlreichen Ortswechsel in den
Jahrhunderten nie dauernd geholfen haben. Gäbe es heute ein Land, wo man
die Juden willkommen hiesse und ihnen auch viel weniger Vortheil böte,
als im Judenstaate, wenn er entsteht, gesichert sind, so fände
augenblicklich ein starker Zug von Juden dahin statt. Die Aermsten, die
nichts zu verlieren haben, würden sich hinschleppen. Ich behaupte aber
und Jeder wird ja bei sich wissen, ob es wahr ist, dass die
Auswanderlust wegen des Druckes, der auf uns lastet, bei uns selbst in
wohlhabenden Schichten vorhanden ist. Nun würden ja schon die Aermsten
zur Gründung des Staates genügen, ja sie sind das tüchtigste
Menschenmaterial für eine Landnahme, weil man zu grossen Unternehmungen
ein bischen Verzweiflung in sich haben muss.
Aber indem unsere Desperados durch ihr Erscheinen, durch ihre Arbeit den
Werth des Landes heben, machen sie allmälig auch für Besitzkräftigere
die Verlockung entstehen, nachzuziehen.
Immer höhere Schichten werden ein Interesse bekommen, hinüberzugehen.
Den Zug der Ersten, Aermsten werden ja Society und Company gemeinsam
leiten und dabei doch wohl die Unterstützung der schon bestehenden
Auswanderungs- und Zionsvereine finden.
Wie lässt sich eine Menge ohne Befehl nach einem Punkte hin dirigiren?
Es gibt einzelne jüdische Wohlthäter in grossem Stile, welche die Leiden
der Juden durch zionistische Versuche mildern wollen. Solche Wohlthäter
mussten sich schon mit dieser Frage beschäftigen, und sie glaubten, sie
zu lösen, wenn sie den Auswanderern Geld oder Arbeitsmittel in die Hand
gaben. Der Wohlthäter sagte also: »Ich zahle den Leuten, damit sie
hingehen.«
Das ist grundfalsch und mit allem Gelde der Erde nicht zu erschwingen.
Die Company wird im Gegentheil sagen: »Wir zahlen ihnen nicht, wir
lassen sie zahlen. Nur setzen wir ihnen etwas vor.«
Ich will das an einem scherzhaften Beispiele anschaulich machen. Einer
dieser Wohlthäter, den wir den Baron nennen wollen, und ich möchten eine
Menschenmenge an einem heissen Sonntagnachmittag auf der Ebene von
Longchamp bei Paris haben. Der Baron wird, wenn er jedem Einzelnen 10
Francs verspricht, für 200.000 Francs 20.000 schwitzende, unglückliche
Leute hinausbringen, die ihm fluchen werden, weil er ihnen diese Plage
auferlegte.
Ich hingegen werde diese 200.000 Francs als Rennpreis aussetzen für das
schnellste Pferd -- und dann lasse ich die Leute durch Schranken von
Longchamp abhalten. Wer hinein will, muss zahlen: 1 Francs, 5 Francs, 20
Francs.
Die Folge ist, dass ich eine halbe Million Menschen hinausbekomme, der
Präsident der Republik fährt à la Daumont vor, die Menge erfreut und
belustigt sich an sich selbst. Es ist für die Meisten, trotz Sonnenbrand
und Staub, eine glückliche Bewegung im Freien, und ich habe für die
200.000 Francs eine Million an Eintrittsgeldern und Spielsteuer
eingenommen. Ich werde dieselben Leute, wann ich will, wieder dort
haben; der Baron nicht -- der Baron um keinen Preis.
Ich will das Phänomen der Menge übrigens gleich ernster beim Broterwerbe
zeigen. Man versuche es einmal, in den Strassen einer Stadt ausrufen zu
lassen: »Wer in einer nach allen Seiten freistehenden eisernen Halle im
Winter bei schrecklicher Kälte, im Sommer bei quälender Hitze, den
ganzen Tag auf seinen Beinen stehend, jeden Vorübergehenden anreden und
DEM Trödelkram oder Fische oder Obst anbieten wird, bekommt 2 fl. oder 4
Francs oder was Sie wollen.«
Wie viel Leute bekommt man wohl da hin? Wenn sie der Hunger hintreibt,
wie viel Tage halten sie aus? Wenn sie aushalten, mit welchem Eifer
werden sie wohl die Vorübergehenden zum Kaufe von Obst, Fischen oder
Trödelkram zu bestimmen versuchen?
Wir machen es anders. An den Punkten, wo ein grosser Verkehr besteht,
und diese Punkte können wir umso leichter finden, als wir selbst ja den
Verkehr leiten wohin wir wollen, an diesen Punkten errichten wir grosse
Hallen und nennen sie: Märkte. Wir könnten die Hallen schlechter,
gesundheitswidriger bauen als jene, und doch würden uns die Leute
hinströmen. Aber wir werden sie schöner und besser, mit unserem ganzen
Wohlwollen bauen. Und diese Leute, denen wir nichts versprochen haben,
weil wir ihnen, ohne Betrüger zu sein, nichts versprechen können, diese
braven geschäftslustigen Leute werden unter Scherzen einen lebhaften
Marktverkehr hervorbringen. Sie werden unermüdlich die Käufer
haranguiren, sie werden auf ihren Beinen dastehen und die Müdigkeit kaum
merken. Sie werden nicht nur Tag um Tag herbeieilen, um die Ersten zu
sein, sie werden sogar Verbände, Cartelle, alles Mögliche schliessen, um
nur dieses Erwerbsleben ungestört führen zu können. Und wenn sich auch
am Feierabend herausstellt, dass sie mit all der braven Arbeit nur 1 fl.
50 kr. oder 3 Francs oder was Sie wollen, verdient haben, werden sie
doch mit Hoffnung in den nächsten Tag blicken, der vielleicht besser
sein wird.
Wir haben ihnen die Hoffnung geschenkt.
Will man wissen, wo wir die Bedürfnisse hernehmen, die wir für die
Märkte brauchen? Muss das wirklich noch gesagt werden?
Ich zeigte früher, dass durch die Assistance par le travail der
fünfzehnfache Verdienst erzeugt wird. Für eine Million fünfzehn
Millionen, für eine Milliarde fünfzehn Milliarden.
Ja, ob dies im Grossen auch so richtig ist wie im Kleinen? Der Ertrag
des Capitales hat doch in der Höhe eine abnehmende Progression? Ja, des
schlafenden, feige verkrochenen Capitals, nicht der des arbeitenden. Das
arbeitende Capital hat sogar in der Höhe eine furchtbar zunehmende
Ertragskraft. Da steckt ja die sociale Frage.
Ob das richtig ist, was ich sage? Ich rufe dafür die reichsten Juden als
Zeugen auf. Warum betreiben diese so viele verschiedene Industrien?
Warum schicken sie Leute unter die Erde, um für mageren Lohn unter
entsetzlichen Gefahren Kohle heraufzuschaffen. Ich denke mir das nicht
angenehm, auch nicht für die Grubenbesitzer. Ich glaube ja nicht an die
Herzlosigkeit der Capitalisten, und stelle mich nicht als ob ich es
glaubte. Ich will ja nicht hetzen, sondern versöhnen.
Brauche ich das Phänomen der Menge, und wie man sie nach beliebigen
Punkten zieht, auch noch an den frommen Wanderungen zu erklären?
Ich möchte Niemandes heilige Empfindungen durch Worte verletzen, die
falsch ausgelegt werden könnten.
Nur kurz deute ich an, was in der mohammedanischen Welt der Zug der
Pilger nach Mekka ist, in der katholischen Welt Lourdes und so zahllose
andere Punkte, von wo Menschen durch ihren Glauben getröstet heimkehren,
und der heilige Rock zu Trier. So werden auch wir dem tiefen
Glaubensbedürfnisse unserer Leute Zielpunkte errichten. Unsere
Geistlichen werden uns ja zuerst verstehen, und mit uns gehen.
Wir wollen drüben jeden nach seiner Façon selig werden lassen. Auch und
vor allem unsere theuren Freidenker, unser unsterbliches Heer, das für
die Menschheit immer neue Gebiete erobert.
Auf Niemanden soll ein anderer Zwang ausgeübt werden, als der zur
Erhaltung des Staates und der Ordnung nöthige. Und dieses Nöthige wird
nicht von der Willkür einer oder mehrerer Personen wechselnd bestimmt
sein, sondern in ehernen Gesetzen ruhen. Will man nun gerade aus den von
mir gewählten Beispielen folgern, dass die Menge nur vorübergehend nach
solchen Zielpunkten des Glaubens, des Erwerbes oder des Vergnügens
gezogen werden kann, so ist die Widerlegung dieses Einwurfs einfach. Ein
solcher Zielpunkt vermag die Massen nur anzulocken. Alle diese
Anziehungspunkte zusammen sind geeignet, sie festzuhalten und dauernd zu
befriedigen. Denn diese Anziehungspunkte bilden zusammengenommen eine
grosse Einheit, eine langgesuchte, nach der unser Volk nie aufgehört hat
sich zu sehnen; für die es sich erhalten hat, für die es durch den Druck
erhalten worden ist: die freie Heimat! Wenn die Bewegung entsteht,
werden wir die Einen nachziehen, die Anderen uns nachfliessen lassen,
die Dritten werden mitgerissen und die Vierten wird man uns nachdrängen.
Diese, die zögernden späten Nachzügler werden hüben und drüben am
Schlechtesten daran sein.
Aber die Ersten, die gläubig, begeistert und tapfer hinübergehen, werden
die besten Plätze haben.
Unser Menschenmaterial.
Ueber kein Volk sind so viele Irrthümer verbreitet, wie über die Juden.
Und wir sind durch unsere geschichtlichen Leiden so gedrückt und muthlos
geworden, dass wir diese Irrthümer selbst nachsprechen und nachglauben.
Eine der falschen Behauptungen ist die unmässige Handelslust der Juden.
Nun ist es bekannt, dass wir dort, wo wir die aufsteigende
Classenbewegung mitmachen können, uns eilig vom Handel entfernen.
Weitaus die meisten jüdischen Kaufleute lassen ihre Söhne studiren.
Daher kommt ja die sogenannte Verjudung aller gebildeten Berufe. Aber
auch in den wirthschaftlich schwächeren Schichten ist unsere Handelslust
keineswegs so gross, wie angenommen wird. In den östlichen Ländern
Europas gibt es grosse Massen von Juden, die keine Handeltreibenden sind
und vor schweren Arbeiten nicht zurückschrecken. Die Society of Jews
wird in der Lage sein, eine wissenschaftlich genaue Statistik unserer
Menschenkräfte vorzubereiten. Die neuen Aufgaben und Aussichten, die
unsere Leute im neuen Lande erwarten, werden die jetzigen Handarbeiter
befriedigen und viele der jetzigen kleinen Händler zu Handarbeitern
machen.
Ein Hausirer, der mit dem schweren Pack auf dem Rücken über Land geht,
fühlt sich nicht so glücklich wie seine Verfolger glauben. Mit dem
Siebenstundentage sind alle diese Leute zu Arbeitern zu machen. Es sind
so brave, verkannte Leute und leiden jetzt vielleicht am schwersten.
Uebrigens wird sich die Society of Jews von Anfang an mit ihrer
Erziehung zu Arbeitern beschäftigen. Die Erwerbslust wird auf eine
gesunde Weise anzuregen sein. Der Jude ist sparsam, findig und erfüllt
vom stärksten Familiensinn. Solche Menschen eignen sich zu jeder
Erwerbsthätigkeit und es wird genügen, den Kleinhandel zu einem
unergiebigen zu machen, um selbst die jetzigen Hausirer davon
abzubringen. Hierzu würde beispielsweise die Begünstigung grosser
Kaufhäuser, in denen man alles findet, dienen. Diese Universalkaufhäuser
erdrücken schon jetzt in den Grossstädten den kleinen Handel. In einer
neuen Cultur würden sie sein Entstehen geradezu verhindern. Ihre
Einrichtung hätte gleichzeitig den Vortheil, das Land auch für Menschen
mit vorgeschrittenen Bedürfnissen sofort bewohnbar zu machen.
Kleine Gewohnheiten.
Verträgt es sich mit dem Ernste dieser Schrift, dass ich, wenn auch nur
flüchtig, von den kleinen Gewohnheiten und Bequemlichkeiten des
Alltagsmenschen spreche?
Ich glaube, ja. Es ist sogar sehr wichtig. Denn diese kleinen
Gewohnheiten sind wie tausend Zwirnfäden, von denen jeder einzelne dünn
und schwach ist -- zusammen sind sie ein unzerreissbares Seil.
Auch auf diesem Punkte muss man sich von beschränkten Vorstellungen
freimachen. Wer etwas von der Welt gesehen hat, der weiss, dass gerade
die kleinen Alltagsgewohnheiten schon jetzt mit Leichtigkeit überallhin
verpflanzt werden. Ja, die technischen Errungenschaften unserer Zeit,
welche dieser Plan für die Menschlichkeit verwenden möchte, sind bisher
hauptsächlich für die kleinen Gewohnheiten verwendet worden. Es gibt
englische Hotels in Egypten und auf den Berggipfeln der Schweiz, Wiener
Cafés in Südafrika, französische Theater in Russland, deutsche Opern in
Amerika und das beste bairische Bier in Paris.
Wenn wir noch einmal aus Mizraim wandern, werden wir die Fleischtöpfe
nicht vergessen.
In jeder Ortsgruppe kann und wird Jeder seine kleinen Gewohnheiten
wiederfinden, nur besser, schöner, angenehmer.
Society of Jews
und
Judenstaat.
Negotiorum gestio.
Diese Schrift ist nicht für Fachjuristen berechnet; darum kann ich meine
Theorie vom Rechtsgrunde des Staates auch nur flüchtig andeuten, wie
vieles Andere.
Dennoch muss ich einiges Gewicht auf meine neue Theorie legen, die sich
wohl selbst in einer rechtsgelehrten Discussion wird halten lassen.
Rousseau's heute schon veraltete Auffassung wollte dem Staat einen
Gesellschaftsvertrag zu Grunde legen. Rousseau meint: »Die Clauseln
dieses Vertrages sind durch die Natur der Verhandlung so bestimmt, dass
die geringste Abänderung sie nichtig und wirkungslos machen müsste. Die
Folge davon ist, dass sie, WENN SIE AUCH VIELLEICHT NIE AUSDRÜCKLICH
AUSGESPROCHEN WÄREN, doch überall gleich, überall stillschweigend
angenommen und anerkannt sind u. s. w.«
Die logische und geschichtliche Widerlegung von Rousseau's Theorie war
und ist nicht schwer, wie furchtbar und fruchtbar diese Theorie auch
gewirkt habe. Für die modernen Verfassungsstaaten ist die Frage, ob vor
der Constitution schon ein Gesellschaftsvertrag mit »nicht ausdrücklich
ausgesprochenen, aber unabänderlichen Clauseln« bestanden habe, ohne
praktisches Interesse. Jetzt ist das Rechtsverhältniss zwischen
Regierung und Bürgern jedenfalls festgesetzt.
Aber vor der Einrichtung einer Verfassung und beim Entstehen eines neuen
Staates sind diese Grundsätze auch praktisch wichtig. Dass neue Staaten
noch immer entstehen können, wissen wir ja, sehen wir ja. Colonien
fallen vom Mutterlande ab, Vasallen reissen sich vom Suzerän los,
neuerschlossene Territorien werden gleich als freie Staaten gegründet.
Der Judenstaat ist allerdings als eine ganz eigenthümliche Neubildung
auf noch unbestimmtem Territorium gedacht. Aber nicht die Länderstrecken
sind der Staat, sondern die durch eine Souveränetät zusammengefassten
Menschen sind es.