aber teurer Hofmeister. Ich würde mich immer lieber an die Vernunft
eines menschlichen Meisters halten. Das Schicksal, für dessen
Weisheit ich alle Ehrfurcht trage, mag an dem Zufall, durch den es
wirkt, ein sehr ungelenkes Organ haben. Denn selten scheint dieser
genau und rein auszuführen, was jenes beschlossen hatte."
"Sie scheinen einen sehr sonderbaren Gedanken auszusprechen",
versetzte Wilhelm.
"Mitnichten! Das meiste, was in der Welt begegnet, rechtfertigt meine
Meinung. Zeigen viele Begebenheiten im Anfange nicht einen großen
Sinn, und gehen die meisten nicht auf etwas Albernes hinaus?"
"Sie wollen scherzen."
"Und ist es nicht", fuhr der andere fort, "mit dem, was einzelnen
Menschen begegnet, ebenso? Gesetzt, das Schicksal hätte einen zu
einem guten Schauspieler bestimmt (und warum sollt es uns nicht auch
mit guten Schauspielern versorgen?), unglücklicherweise führte der
Zufall aber den jungen Mann in ein Puppenspiel, wo er sich früh nicht
enthalten könnte, an etwas Abgeschmacktem teilzunehmen, etwas Albernes
leidlich, wohl gar interessant zu finden und so die jugendlichen
Eindrücke, welche nie verlöschen, denen wir eine gewisse
Anhänglichkeit nie entziehen können, von einer falschen Seite zu
empfangen."
"Wie kommen Sie aufs Puppenspiel?" fiel ihm Wilhelm mit einiger
Bestürzung ein.
"Es war nur ein willkürliches Beispiel; wenn es Ihnen nicht gefällt,
so nehmen wir ein andres. Gesetzt, das Schicksal hätte einen zu einem
großen Maler bestimmt, und dem Zufall beliebte es, seine Jugend in
schmutzige Hütten, Ställe und Scheunen zu verstoßen, glauben Sie, daß
ein solcher Mann sich jemals zur Reinlichkeit, zum Adel, zur Freiheit
der Seele erheben werde? Mit je lebhafterm Sinn er das Unreine in
seiner Jugend angefaßt und nach seiner Art veredelt hat, desto
gewaltsamer wird es sich in der Folge seines Lebens an ihm rächen,
indem es sich, inzwischen daß er es zu überwinden suchte, mit ihm aufs
innigste verbunden hat. Wer früh in schlechter, unbedeutender
Gesellschaft gelebt hat, wird sich, wenn er auch später eine bessere
haben kann, immer nach jener zurücksehnen, deren Eindruck ihm zugleich
mit der Erinnerung jugendlicher, nur selten zu wiederholender Freuden
geblieben ist."
Man kann denken, daß unter diesem Gespräch sich nach und nach die
übrige Gesellschaft entfernt hatte. Besonders war Philine gleich vom
Anfang auf die Seite getreten. Man kam durch einen Seitenweg zu ihnen
zurück. Philine brachte die Pfänder hervor, welche auf allerlei Weise
gelöst werden mußten, wobei der Fremde sich durch die artigsten
Erfindungen und durch eine ungezwungene Teilnahme der ganzen
Gesellschaft und besonders den Frauenzimmern sehr empfahl, und so
flossen die Stunden des Tages unter Scherzen, Singen, Küssen und
allerlei Neckereien auf das angenehmste vorbei.
II. Buch, 10. Kapitel
Zehntes Kapitel
Als sie sich wieder nach Hause begeben wollten, sahen sie sich nach
ihrem Geistlichen um; allein er war verschwunden und an keinem Orte zu
finden.
"Es ist nicht artig von dem Manne, der sonst viel Lebensart zu haben
scheint", sagte Madame Melina, "eine Gesellschaft, die ihn so
freundlich aufgenommen, ohne Abschied zu verlassen."
"Ich habe mich die ganze Zeit her schon besonnen", sagte Laertes, "wo
ich diesen sonderbaren Mann schon ehemals möchte gesehen haben. Ich
war eben im Begriff, ihn beim Abschiede darüber zu befragen."
"Mir ging es ebenso", versetzte Wilhelm, "und ich hätte ihn gewiß
nicht entlassen, bis er uns etwas Näheres von seinen Umständen
entdeckt hätte. Ich müßte mich sehr irren, wenn ich ihn nicht schon
irgendwo gesprochen hätte."
"Und doch könntet ihr euch", sagte Philine, "darin wirklich irren.
Dieser Mann hat eigentlich nur das falsche Ansehen eines Bekannten,
weil er aussieht wie ein Mensch und nicht wie Hans oder Kunz."
"Was soll das heißen", sagte Laertes, "sehen wir nicht auch aus wie
Menschen?"
"Ich weiß, was ich sage", versetzte Philine, "und wenn ihr mich nicht
begreift, so laßt's gut sein. Ich werde nicht am Ende noch gar meine
Worte auslegen sollen."
Zwei Kutschen fuhren vor. Man lobte die Sorgfalt des Laertes, der sie
bestellt hatte. Philine nahm neben Madame Melina, Wilhelmen gegenüber,
Platz, und die übrigen richteten sich ein, so gut sie konnten.
Laertes selbst ritt auf Wilhelms Pferde, das auch mit herausgekommen
war, nach der Stadt zurück.
Philine saß kaum in dem Wagen, als sie artige Lieder zu singen und das
Gespräch auf Geschichten zu lenken wußte, von denen sie behauptete,
daß sie mit Glück dramatisch behandelt werden könnten. Durch diese
kluge Wendung hatte sie gar bald ihren jungen Freund in seine beste
Laune gesetzt, und er komponierte aus dem Reichtum seines lebendigen
Bildervorrats sogleich ein ganzes Schauspiel mit allen seinen Akten,
Szenen, Charakteren und Verwicklungen. Man fand für gut, einige Arien
und Gesänge einzuflechten; man dichtete sie, und Philine, die in alles
einging, paßte ihnen gleich bekannte Melodien an und sang sie aus dem
Stegreife.
Sie hatte eben heute ihren schönen, sehr schönen Tag; sie wußte mit
allerlei Neckereien unsern Freund zu beleben; es ward ihm wohl, wie es
ihm lange nicht gewesen war.
Seitdem ihn jene grausame Entdeckung von der Seite Marianens gerissen
hatte, war er dem Gelübde treu geblieben, sich vor der
zusammenschlagenden Falle einer weiblichen Umarmung zu hüten, das
treulose Geschlecht zu meiden, seine Schmerzen, seine Neigung, seine
süßen Wünsche in seinem Busen zu verschließen. Die Gewissenhaftigkeit,
womit er dies Gelübde beobachtete, gab seinem ganzen Wesen eine
geheime Nahrung, und da sein Herz nicht ohne Teilnehmung bleiben
konnte, so ward eine liebevolle Mitteilung nun zum Bedürfnisse. Er
ging wieder wie von dem ersten Jugendnebel begleitet umher, seine
Augen faßten jeden reizenden Gegenstand mit Freuden auf, und nie war
sein Urteil über eine liebenswürdige Gestalt schonender gewesen. Wie
gefährlich ihm in einer solchen Lage das verwegene Mädchen werden
mußte, läßt sich leider nur zu gut einsehen.
Zu Hause fanden sie auf Wilhelms Zimmer schon alles zum Empfange
bereit, die Stühle zu einer Vorlesung zurechtegestellt und den Tisch
in die Mitte gesetzt, auf welchem der Punschnapf seinen Platz nehmen
sollte.
Die deutschen Ritterstücke waren damals eben neu und hatten die
Aufmerksamkeit und Neigung des Publikums an sich gezogen. Der alte
Polterer hatte eines dieser Art mitgebracht, und die Vorlesung war
beschlossen worden. Man setzte sich nieder. Wilhelm bemächtigte sich
des Exemplars und fing zu lesen an.
Die geharnischten Ritter, die alten Burgen, die Treuherzigkeit,
Rechtlichkeit und Redlichkeit, besonders aber die Unabhängigkeit der
handelnden Personen wurden mit großem Beifall aufgenommen. Der
Vorleser tat sein möglichstes, und die Gesellschaft kam außer sich.
Zwischen dem zweiten und dritten Akt kam der Punsch in einem großen
Napfe, und da in dem Stücke selbst sehr viel getrunken und angestoßen
wurde, so war nichts natürlicher, als daß die Gesellschaft bei jedem
solchen Falle sich lebhaft an den Platz der Helden versetzte,
gleichfalls anklingte und die Günstlinge unter den handelnden Personen
hochleben ließ.
Jedermann war von dem Feuer des edelsten Nationalgeistes entzündet.
Wie sehr gefiel es dieser deutschen Gesellschaft, sich ihrem Charakter
gemäß auf eignem Grund und Boden poetisch zu ergötzen! Besonders
taten die Gewölbe und Keller, die verfallenen Schlösser, das Moos und
die hohlen Bäume, über alles aber die nächtlichen Zigeunerszenen und
das heimliche Gericht eine ganz unglaubliche Wirkung. Jeder
Schauspieler sah nun, wie er bald in Helm und Harnisch, jede
Schauspielerin, wie sie mit einem großen stehenden Kragen ihre
Deutschheit vor dem Publiko produzieren werde. Jeder wollte sich
sogleich einen Namen aus dem Stücke oder aus der deutschen Geschichte
zueignen, und Madame Melina beteuerte, Sohn oder Tochter, wozu sie
Hoffnung hatte, nicht anders als Adelbert oder Mechtilde taufen zu
lassen.
Gegen den fünften Akt ward der Beifall lärmender und lauter, ja
zuletzt, als der Held wirklich seinem Unterdrücker entging und der
Tyrann gestraft wurde, war das Entzücken so groß, daß man schwur, man
habe nie so glückliche Stunden gehabt. Melina, den der Trank
begeistert hatte, war der lauteste, und da der zweite Punschnapf
geleert war und Mitternacht herannahte, schwur Laertes hoch und teuer,
es sei kein Mensch würdig, an diese Gläser jemals wieder eine Lippe zu
setzen, und warf mit dieser Beteurung sein Glas hinter sich und durch
die Scheiben auf die Gasse hinaus. Die übrigen folgten seinem
Beispiele, und ungeachtet der Protestationen des herbeieilenden Wirtes
wurde der Punschnapf selbst, der nach einem solchen Feste durch
unheiliges Getränk nicht wieder entweiht werden sollte, in tausend
Stücke geschlagen. Philine, der man ihren Rausch am wenigsten ansah,
indes die beiden Mädchen nicht in den anständigsten Stellungen auf dem
Kanapee lagen, reizte die andern mit Schadenfreude zum Lärm. Madame
Melina rezitierte einige erhabene Gedichte, und ihr Mann, der im
Rausche nicht sehr liebenswürdig war, fing an, auf die schlechte
Bereitung des Punsches zu schelten, versicherte, daß er ein Fest ganz
anders einzurichten verstehe, und ward zuletzt, als Laertes
Stillschweigen gebot, immer gröber und lauter, so daß dieser, ohne
sich lange zu bedenken, ihm die Scherben des Napfs an den Kopf warf
und dadurch den Lärm nicht wenig vermehrte.
Indessen war die Scharwache herbeigekommen und verlangte, ins Haus
eingelassen zu werden. Wilhelm, vom Lesen sehr erhitzt, ob er gleich
nur wenig getrunken, hatte genug zu tun, um mit Beihülfe des Wirts die
Leute durch Geld und gute Worte zu befriedigen und die Glieder der
Gesellschaft in ihren mißlichen Umständen nach Hause zu schaffen. Er
warf sich, als er zurückkam, vom Schlafe überwältigt, voller Unmut
unausgekleidet aufs Bette, und nichts glich der unangenehmen
Empfindung, als er des andern Morgens die Augen aufschlug und mit
düsterm Blick auf die Verwüstungen des vergangenen Tages, den Unrat
und die bösen Wirkungen hinsah, die ein geistreiches, lebhaftes und
wohlgemeintes Dichterwerk hervorgebracht hatte.
II. Buch, 11. Kapitel
Eilftes Kapitel
Nach einem kurzen Bedenken rief er sogleich den Wirt herbei und ließ
sowohl den Schaden als die Zeche auf seine Rechnung schreiben.
Zugleich vernahm er nicht ohne Verdruß, daß sein Pferd von Laertes
gestern bei dem Hereinreiten dergestalt angegriffen worden, daß es
wahrscheinlich, wie man zu sagen pflegt, verschlagen habe und daß der
Schmied wenig Hoffnung zu seinem Aufkommen gebe.
Ein Gruß von Philinen, den sie ihm aus ihrem Fenster zuwinkte,
versetzte ihn dagegen wieder in einen heitern Zustand, und er ging
sogleich in den nächsten Laden, um ihr ein kleines Geschenk, das er
ihr gegen das Pudermesser noch schuldig war, zu kaufen, und wir müssen
bekennen, er hielt sich nicht in den Grenzen eines proportionierten
Gegengeschenks. Er kaufte ihr nicht allein ein Paar sehr niedliche
Ohrringe, sondern nahm dazu noch einen Hut und Halstuch und einige
andere Kleinigkeiten, die er sie den ersten Tag hatte verschwenderisch
wegwerfen sehen.
Madame Melina, die ihn eben, als er seine Gaben überreichte, zu
beobachten kam, suchte noch vor Tische eine Gelegenheit, ihn sehr
ernstlich über die Empfindung für dieses Mädchen zur Rede zu setzen,
und er war um so erstaunter, als er nichts weniger denn diese Vorwürfe
zu verdienen glaubte. Er schwur hoch und teuer, daß es ihm keineswegs
eingefallen sei, sich an diese Person, deren ganzen Wandel er wohl
kenne, zu wenden; er entschuldigte sich, so gut er konnte, über sein
freundliches und artiges Betragen gegen sie, befriedigte aber Madame
Melina auf keine Weise, vielmehr ward diese immer verdrießlicher, da
sie bemerken mußte, daß die Schmeichelei, wodurch sie sich eine Art
von Neigung unsers Freundes erworben hatte, nicht hinreiche, diesen
Besitz gegen die Angriffe einer lebhaften, jüngern und von der Natur
glücklicher begabten Person zu verteidigen.
Ihren Mann fanden sie gleichfalls, da sie zu Tische kamen, bei sehr
üblem Humor, und er fing schon an, ihn über Kleinigkeiten auszulassen,
als der Wirt hereintrat und einen Harfenspieler anmeldete. "Sie
werden", sagte er, "gewiß Vergnügen an der Musik und an den Gesängen
dieses Mannes finden; es kann sich niemand, der ihn hört, enthalten,
ihn zu bewundern und ihm etwas weniges mitzuteilen."
"Lassen Sie ihn weg", versetzte Melina, "ich bin nichts weniger als
gestimmt, einen Leiermann zu hören, und wir haben allenfalls Sänger
unter uns, die gern etwas verdienten." Er begleitete diese Worte mit
einem tückischen Seitenblicke, den er auf Philinen warf. Sie verstand
ihn und war gleich bereit, zu seinem Verdruß den angemeldeten Sänger
zu beschützen. Sie wendete sich zu Wilhelmen und sagte: "Sollen wir
den Mann nicht hören, sollen wir nichts tun, um uns aus der
erbärmlichen Langenweile zu retten?"
Melina wollte ihr antworten, und der Streit wäre lebhafter geworden,
wenn nicht Wilhelm den im Augenblick hereintretenden Mann begrüßt und
ihn herbeigewinkt hätte.
Die Gestalt dieses seltsamen Gastes setzte die ganze Gesellschaft in
Erstaunen, und er hatte schon von einem Stuhle Besitz genommen, ehe
jemand ihn zu fragen oder sonst etwas vorzubringen das Herz hatte.
Sein kahler Scheitel war von wenig grauen Haaren umkränzt, große blaue
Augen blickten sanft unter langen weißen Augenbrauen hervor. An eine
wohlgebildete Nase schloß sich ein langer weißer Bart an, ohne die
gefällige Lippe zu bedecken, und ein langes dunkelbraunes Gewand
umhüllte den schlanken Körper vom Halse bis zu den Füßen; und so fing
er auf der Harfe, die er vor sich genommen hatte, zu präludieren an.
Die angenehmen Töne, die er aus dem Instrumente hervorlockte,
erheiterten gar bald die Gesellschaft.
"Ihr pflegt auch zu singen, guter Alter", sagte Philine.
"Gebt uns etwas, das Herz und Geist zugleich mit den Sinnen ergötze",
sagte Wilhelm. "Das Instrument sollte nur die Stimme begleiten; denn
Melodien, Gänge und Läufe ohne Worte und Sinn scheinen mir
Schmetterlingen oder schönen bunten Vögeln ähnlich zu sein, die in der
Luft vor unsern Augen herumschweben, die wir allenfalls haschen und
uns zueignen möchten; da sich der Gesang dagegen wie ein Genius gen
Himmel hebt und das bessere Ich in uns ihn zu begleiten anreizt."
Der Alte sah Wilhelmen an, alsdann in die Höhe, tat einige Griffe auf
der Harfe und begann sein Lied. Es enthielt ein Lob auf den Gesang,
pries das Glück der Sänger und ermahnte die Menschen, sie zu ehren.
Er trug das Lied mit so viel Leben und Wahrheit vor, daß es schien,
als hätte er es in diesem Augenblicke und bei diesem Anlasse gedichtet.
Wilhelm enthielt sich kaum, ihm um den Hals zu fallen; nur die
Furcht, ein lautes Gelächter zu erregen, zog ihn auf seinen Stuhl
zurück; denn die übrigen machten schon halblaut einige alberne
Anmerkungen und stritten, ob es ein Pfaffe oder ein Jude sei.
Als man nach dem Verfasser des Liedes fragte, gab er keine bestimmte
Antwort; nur versicherte er, daß er reich an Gesängen sei und wünsche
nur, daß sie gefallen möchten. Der größte Teil der Gesellschaft war
fröhlich und freudig, ja selbst Melina nach seiner Art offen geworden,
und indem man untereinander schwatzte und scherzte, fing der Alte das
Lob des geselligen Lebens auf das geistreichste zu singen an. Er
pries Einigkeit und Gefälligkeit mit einschmeichelnden Tönen. Auf
einmal ward sein Gesang trocken, rauh und verworren, als er gehässige
Verschlossenheit, kurzsinnige Feindschaft und gefährlichen Zwiespalt
bedauerte, und gern warf jede Seele diese unbequemen Fesseln ab, als
er, auf den Fittichen einer vordringenden Melodie getragen, die
Friedensstifter pries und das Glück der Seelen, die sich wiederfinden,
sang.
Kaum hatte er geendigt, als ihm Wilhelm zurief: "Wer du auch seist,
der du als ein hülfreicher Schutzgeist mit einer segnenden und
belebenden Stimme zu uns kommst, nimm meine Verehrung und meinen Dank!
fühle, daß wir alle dich bewundern, und vertrau uns, wenn du etwas
bedarfst!"
Der Alte schwieg, ließ erst seine Finger über die Saiten schleichen,
dann griff er sie stärker an und sang:
"Was hör ich draußen vor dem Tor,
Was auf der Brücke schallen?
Laßt den Gesang zu unserm Ohr
Im Saale widerhallen!"
Der König sprach's, der Page lief,
Der Knabe kam, der König rief:
"Bring ihn herein, den Alten!"
"Gegrüßet seid, ihr hohen Herrn,
Gegrüßt ihr, schöne Damen!
Welch reicher Himmel! Stern bei Stern!
Wer kennet ihre Namen?
Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit
Schließt, Augen, euch, hier ist nicht Zeit,
Sich staunend zu ergötzend
Der Sänger drückt' die Augen ein
Und schlug die vollen Töne;
Der Ritter schaute mutig drein,
Und in den Schoß die Schöne.
Der König, dem das Lied gefiel,
Ließ ihm, zum Lohne für sein Spiel,
Eine goldne Kette holen.
"Die goldne Kette gib mir nicht,
Die Kette gib den Rittern,
Vor deren kühnem Angesicht
Der Feinde Lanzen splittern.
Gib sie dem Kanzler, den du hast,
Und laß ihn noch die goldne Last
Zu andern Lasten tragen.
Ich singe, wie der Vogel singt,
Der in den Zweigen wohnet.
Das Lied, das aus der Kehle dringt,
Ist Lohn, der reichlich lohnet;
Doch darf ich bitten, bitt ich eins:
Laß einen Trunk des besten Weins
In reinem Glase bringen."
Er setzt' es an, er trank es aus:
"O Trank der süßen Labe!
Oh! dreimal hochbeglücktes Haus,
Wo das ist kleine Gabe!
Ergeht's euch wohl, so denkt an mich,
Und danket Gott so warm, als ich
Für diesen Trunk euch danke."
Da der Sänger nach geendigtem Liede ein Glas Wein, das für ihn
eingeschenkt dastand, ergriff und es mit freundlicher Miene, sich
gegen seine Wohltäter wendend, austrank, entstand eine allgemeine
Freude in der Versammlung. Man klatschte und rief ihm zu, es möge
dieses Glas zu seiner Gesundheit, zur Stärkung seiner alten Glieder
gereichen. Er sang noch einige Romanzen und erregte immer mehr
Munterkeit in der Gesellschaft.
"Kannst du die Melodie, Alter", rief Philine, ""Der Schäfer putzte
sich zum Tanz"?"
"O ja", versetzte er; "wenn Sie das Lied singen und aufführen wollen,
an mir soll es nicht fehlen."
Philine stand auf und hielt sich fertig. Der Alte begann die Melodie,
und sie sang ein Lied, das wir unsern Lesern nicht mitteilen können,
weil sie es vielleicht abgeschmackt oder wohl gar unanständig finden
könnten.
Inzwischen hatte die Gesellschaft, die immer heiterer geworden war,
noch manche Flasche Wein ausgetrunken und fing an, sehr laut zu werden.
Da aber unserm Freunde die bösen Folgen ihrer Lust noch in frischem
Andenken schwebten, suchte er abzubrechen, steckte dem Alten für seine
Bemühung eine reichliche Belohnung in die Hand, die andern taten auch
etwas, man ließ ihn abtreten und ruhen und versprach sich auf den
Abend eine wiederholte Freude von seiner Geschicklichkeit.
Als er hinweg war, sagte Wilhelm zu Philinen: "Ich kann zwar in Ihrem
Leibgesange weder ein dichterisches oder sittliches Verdienst finden;
doch wenn Sie mit ebender Naivetät, Eigenheit und Zierlichkeit etwas
Schickliches auf dem Theater jemals ausführen, so wird Ihnen
allgemeiner, lebhafter Beifall gewiß zuteil werden."
"Ja", sagte Philine, "es müßte eine recht angenehme Empfindung sein,
sich am Eise zu wärmen."
"überhaupt", sagte Wilhelm, "wie sehr beschämt dieser Mann manchen
Schauspieler. Haben Sie bemerkt, wie richtig der dramatische Ausdruck
seiner Romanzen war? Gewiß, es lebte mehr Darstellung in seinem
Gesang als in unsern steifen Personen auf der Bühne; man sollte die
Aufführung mancher Stücke eher für eine Erzählung halten und diesen
musikalischen Erzählungen eine sinnliche Gegenwart zuschreiben."
"Sie sind ungerecht!" versetzte Laertes, "ich gebe mich weder für
einen großen Schauspieler noch Sänger; aber das weiß ich, daß, wenn
die Musik die Bewegungen des Körpers leitet, ihnen Leben gibt und
ihnen zugleich das Maß vorschreibt; wenn Deklamation und Ausdruck
schon von dem Kompositeur auf mich übertragen werden: so bin ich ein
ganz andrer Mensch, als wenn ich im prosaischen Drama das alles erst
erschaffen und Takt und Deklamation mir erst erfinden soll, worin mich
noch dazu jeder Mitspielende stören kann."
"Soviel weiß ich", sagte Melina, "daß uns dieser Mann in einem Punkte
gewiß beschämt, und zwar in einem Hauptpunkte. Die Stärke seiner
Talente zeigt sich in dem Nutzen, den er davon zieht. Uns, die wir
vielleicht bald in Verlegenheit sein werden, wo wir eine Mahlzeit
hernehmen, bewegt er, unsre Mahlzeit mit ihm zu teilen. Er weiß uns
das Geld, das wir anwenden könnten, um uns in einige Verfassung zu
setzen, durch ein Liedchen aus der Tasche zu locken. Es scheint so
angenehm zu sein, das Geld zu verschleudern, womit man sich und andern
eine Existenz verschaffen könnte."
Das Gespräch bekam durch diese Bemerkung nicht die angenehmste Wendung.
Wilhelm, auf den der Vorwurf eigentlich gerichtet war, antwortete
mit einiger Leidenschaft, und Melina, der sich eben nicht der größten
Feinheit befliß, brachte zuletzt seine Beschwerden mit ziemlich
trockenen Worten vor. "Es sind nun schon vierzehn Tage", sagte er,
"daß wir das hier verpfändete Theater und die Garderobe besehen haben,
und beides konnten wir für eine sehr leidliche Summe haben. Sie
machten mir damals Hoffnung, daß Sie mir soviel kreditieren würden,
und bis jetzt habe ich noch nicht gesehen, daß Sie die Sache weiter
bedacht oder sich einem Entschluß genähert hätten. Griffen Sie damals
zu, so wären wir jetzt im Gange. Ihre Absicht zu verreisen haben Sie
auch noch nicht ausgeführt, und Geld scheinen Sie mir diese Zeit über
auch nicht gespart zu haben; wenigstens gibt es Personen, die immer
Gelegenheit zu verschaffen wissen, daß es geschwinder weggehe."
Dieser nicht ganz ungerechte Vorwurf traf unsern Freund. Er versetzte
einiges darauf mit Lebhaftigkeit, ja mit Heftigkeit und ergriff, da
die Gesellschaft aufstund und sich zerstreute, die Türe, indem er
nicht undeutlich zu erkennen gab, daß er sich nicht lange mehr bei so
unfreundlichen und undankbaren Menschen aufhalten wolle. Er eilte
verdrießlich hinunter, sich auf eine steinerne Bank zu setzen, die vor
dem Tore seines Gasthofs stand, und bemerkte nicht, daß er halb aus
Lust, halb aus Verdruß mehr als gewöhnlich getrunken hatte.
II. Buch, 12. Kapitel
Zwölftes Kapitel
Nach einer kurzen Zeit, die er, beunruhigt von mancherlei Gedanken,
sitzend und vor sich hin sehend zugebracht hatte, schlenderte Philine
singend zur Haustüre heraus, setzte sich zu ihm, ja man dürfte beinahe
sagen auf ihn, so nahe rückte sie an ihn heran, lehnte sich auf seine
Schultern, spielte mit seinen Locken, streichelte ihn und gab ihm die
besten Worte von der Welt. Sie bat ihn, er möchte ja bleiben und sie
nicht in der Gesellschaft allein lassen, in der sie vor Langerweile
sterben müßte; sie könne nicht mehr mit Melina unter einem Dache
ausdauern und habe sich deswegen herüberquartiert.
Vergebens suchte er sie abzuweisen, ihr begreiflich zu machen, daß er
länger weder bleiben könne noch dürfe. Sie ließ mit Bitten nicht ab,
ja unvermutet schlang sie ihren Arm um seinen Hals und küßte ihn mit
dem lebhaftesten Ausdrucke des Verlangens.
"Sind Sie toll, Philine?" rief Wilhelm aus, indem er sich loszumachen
suchte, "die öffentliche Straße zum Zeugen solcher Liebkosungen zu
machen, die ich auf keine Weise verdiene! Lassen Sie mich los, ich
kann nicht und ich werde nicht bleiben."
"Und ich werde dich festhalten", sagte sie, "und ich werde dich hier
auf öffentlicher Gasse so lange küssen, bis du mir versprichst, was
ich wünsche. Ich lache mich zu Tode", fuhr sie fort; "nach dieser
Vertraulichkeit halten mich die Leute gewiß für deine Frau von vier
Wochen, und die Ehemänner, die eine so anmutige Szene sehen, werden
mich ihren Weibern als ein Muster einer kindlich unbefangenen
Zärtlichkeit anpreisen."
Eben gingen einige Leute vorbei, und sie liebkoste ihn auf das
anmutigste, und er, um kein Skandal zu geben, war gezwungen, die Rolle
des geduldigen Ehemannes zu spielen. Dann schnitt sie den Leuten
Gesichter im Rücken und trieb voll übermut allerhand Ungezogenheiten,
bis er zuletzt versprechen mußte, noch heute und morgen und übermorgen
zu bleiben.