In alle seinem Tun und Lassen hatte das Kind etwas Sonderbares. Es
ging die Treppe weder auf noch ab, sondern sprang; es stieg auf den
Geländern der Gänge weg, und eh man sich's versah, saß es oben auf dem
Schranke und blieb eine Weile ruhig. Auch hatte Wilhelm bemerkt, daß
es für jeden eine besondere Art von Gruß hatte. Ihn grüßte sie seit
einiger Zeit mit über die Brust geschlagenen Armen. Manche Tage war
sie ganz stumm, zuzeiten antwortete sie mehr auf verschiedene Fragen,
immer sonderbar, doch so, daß man nicht unterscheiden konnte, ob es
Witz oder Unkenntnis der Sprache war, indem sie ein gebrochnes, mit
Französisch und Italienisch durchflochtenes Deutsch sprach. In seinem
Dienste war das Kind unermüdet und früh mit der Sonne auf; es verlor
sich dagegen abends zeitig, schlief in einer Kammer auf der nackten
Erde und war durch nichts zu bewegen, ein Bette oder einen Strohsack
anzunehmen. Er fand sie oft, daß sie sich wusch. Auch ihre Kleider
waren reinlich, obgleich alles fast doppelt und dreifach an ihr
geflickt war. Man sagte Wilhelmen auch, daß sie alle Morgen ganz früh
in die Messe gehe, wohin er ihr einmal folgte und sie in der Ecke der
Kirche mit dem Rosenkranze knien und andächtig beten sah. Sie
bemerkte ihn nicht, er ging nach Hause, machte sich vielerlei Gedanken
über diese Gestalt und konnte sich bei ihr nichts Bestimmtes denken.
Neues Andringen Melinas um eine Summe Geldes zur Auslösung der mehr
erwähnten Theatergerätschaften bestimmte Wilhelmen noch mehr, an seine
Abreise zu denken. Er wollte den Seinigen, die lange nichts von ihm
gehört hatten, noch mit dem heutigen Posttage schreiben; er fing auch
wirklich einen Brief an Wernern an und war mit Erzählung seiner
Abenteuer, wobei er, ohne es selbst zu bemerken, sich mehrmal von der
Wahrheit entfernt hatte, schon ziemlich weit gekommen, als er zu
seinem Verdruß auf der hintern Seite des Briefblatts schon einige
Verse geschrieben fand, die er für Madame Melina aus seiner
Schreibtafel zu kopieren angefangen hatte. Unwillig zerriß er das
Blatt und verschob die Wiederholung seines Bekenntnisses auf den
nächsten Posttag.
II. Buch, 7. Kapitel
Siebentes Kapitel
Unsre Gesellschaft befand sich abermals beisammen, und Philine, die
auf jedes Pferd, das vorbeikam, auf jeden Wagen, der anfuhr, äußerst
aufmerksam war, rief mit großer Lebhaftigkeit: "Unser Pedant! Da
kommt unser allerliebster Pedant! Wen mag er bei sich haben?" Sie
rief und winkte zum Fenster hinaus, und der Wagen hielt stille.
Ein kümmerlich armer Teufel, den man an seinem verschabten,
graulich-braunen Rocke und an seinen übelkonditionierten Unterkleidern
für einen Magister, wie sie auf Akademien zu vermodern pflegen, hätte
halten sollen, stieg aus dem Wagen und entblößte, indem er, Philinen
zu grüßen, den Hut abtat, eine übelgepuderte, aber übrigens sehr
steife Perücke, und Philine warf ihm hundert Kußhände zu.
So wie sie ihre Glückseligkeit fand, einen Teil der Männer zu lieben
und ihre Liebe zu genießen, so war das Vergnügen nicht viel geringer,
das sie sich sooft als möglich gab, die übrigen, die sie eben in
diesem Augenblicke nicht liebte, auf eine sehr leichtfertige Weise zum
besten zu haben.
über den Lärm, womit sie diesen alten Freund empfing, vergaß man, auf
die übrigen zu achten, die ihm nachfolgten. Doch glaubte Wilhelm die
zwei Frauenzimmer und einen ältlichen Mann, der mit ihnen hereintrat,
zu kennen. Auch entdeckte sich's bald, daß er sie alle drei vor
einigen Jahren bei der Gesellschaft, die in seiner Vaterstadt spielte,
mehrmals gesehen hatte. Die Töchter waren seit der Zeit
herangewachsen; der Alte aber hatte sich wenig verändert. Dieser
spielte gewöhnlich die gutmütigen, polternden Alten, wovon das
deutsche Theater nicht leer wird und die man auch im gemeinen Leben
nicht selten antrifft. Denn da es der Charakter unsrer Landsleute ist,
das Gute ohne viel Prunk zu tun und zu leisten, so denken sie selten
daran, daß es auch eine Art gebe, das Rechte mit Zierlichkeit und
Anmut zu tun, und verfallen vielmehr, von einem Geiste des
Widerspruchs getrieben, leicht in den Fehler, durch ein mürrisches
Wesen ihre liebste Tugend im Kontraste darzustellen.
Solche Rollen spielte unser Schauspieler sehr gut, und er spielte sie
so oft und ausschließlich, daß er darüber eine ähnliche Art sich zu
betragen im gemeinen Leben angenommen hatte.
Wilhelm geriet in große Bewegung, sobald er ihn erkannte; denn er
erinnerte sich, wie oft er diesen Mann neben seiner geliebten Mariane
auf dem Theater gesehen hatte; er hörte ihn noch schelten, er hörte
ihre schmeichelnde Stimme, mit der sie seinem rauhen Wesen in manchen
Rollen zu begegnen hatte.
Die erste lebhafte Frage an die neuen Ankömmlinge, ob ein Unterkommen
auswärts zu finden und zu hoffen sei, ward leider mit Nein beantwortet,
und man mußte vernehmen, daß die Gesellschaften, bei denen man sich
erkundigt, besetzt und einige davon sogar in Sorgen seien, wegen des
bevorstehenden Krieges auseinandergehen zu müssen. Der polternde Alte
hatte mit seinen Töchtern aus Verdruß und Liebe zur Abwechselung ein
vorteilhaftes Engagement aufgegeben, hatte mit dem Pedanten, den er
unterwegs antraf, einen Wagen gemietet, um hieherzukommen, wo denn
auch, wie sie fanden, guter Rat teuer war.
Die Zeit, in welcher sich die übrigen über ihre Angelegenheiten sehr
lebhaft unterhielten, brachte Wilhelm nachdenklich zu. Er wünschte
den Alten allein zu sprechen, wünschte und fürchtete, von Marianen zu
hören, und befand sich in der größten Unruhe.
Die Artigkeiten der neuangekommenen Frauenzimmer konnten ihn nicht aus
seinem Traume reißen; aber ein Wortwechsel, der sich erhub, machte ihn
aufmerksam. Es war Friedrich, der blonde Knabe, der Philinen
aufzuwerten pflegte, sich aber diesmal lebhaft widersetzte, als er den
Tisch decken und Essen herbeischaffen sollte. "Ich habe mich
verpflichtet", rief er aus, "Ihnen zu dienen, aber nicht, allen
Menschen aufzuwarten." Sie gerieten darüber in einen heftigen Streit.
Philine bestand darauf, er habe seine Schuldigkeit zu tun, und als er
sich hartnäckig widersetzte, sagte sie ihm ohne Umstände, er könnte
gehn, wohin er wolle.
"Glauben Sie etwa, daß ich mich nicht von Ihnen entfernen könne?" rief
er aus, ging trotzig weg, machte seinen Bündel zusammen und eilte
sogleich zum Hause hinaus. "Geh, Mignon", sagte Philine, "und schaff
uns, was wir brauchen; sag es dem Kellner, und hilf aufwarten!"
Mignon trat vor Wilhelm hin und fragte in ihrer lakonischen Art: "Soll
ich? darf ich?" Und Wilhelm versetzte: "Tu, mein Kind, was
Mademoiselle dir sagt."
Das Kind besorgte alles und wartete den ganzen Abend mit großer
Sorgfalt den Gästen auf. Nach Tische suchte Wilhelm mit dem Alten
einen Spaziergang allein zu machen: es gelang ihm, und nach mancherlei
Fragen, wie es ihm bisher gegangen, wendete sich das Gespräch auf die
ehemalige Gesellschaft, und Wilhelm wagte zuletzt, nach Marianen zu
fragen.
"Sagen Sie mir nichts von dem abscheulichen Geschöpf!" rief der Alte,
"ich habe verschworen, nicht mehr an sie zu denken." Wilhelm erschrak
über diese äußerung, war aber noch in größerer Verlegenheit, als der
Alte fortfuhr, auf ihre Leichtfertigkeit und Liederlichkeit zu
schmälen. Wie gern hätte unser Freund das Gespräch abgebrochen;
allein er mußte nun einmal die polternden Ergießungen des wunderlichen
Mannes aushalten.
"Ich schäme mich", fuhr dieser fort, "daß ich ihr so geneigt war.
Doch hätten Sie das Mädchen näher gekannt, Sie würden mich gewiß
entschuldigen. Sie war so artig, natürlich und gut, so gefällig und
in jedem Sinne leidlich. Nie hätt ich mir vorgestellt, daß Frechheit
und Undank die Hauptzüge ihres Charakters sein sollten."
Schon hatte sich Wilhelm gefaßt gemacht, das Schlimmste von ihr zu
hören, als er auf einmal mit Verwunderung bemerkte, daß der Ton des
Alten milder wurde, seine Rede endlich stockte und er ein Schnupftuch
aus der Tasche nahm, um die Tränen zu trocknen, die zuletzt seine Rede
unterbrachen.
"Was ist Ihnen?" rief Wilhelm aus. "Was gibt Ihren Empfindungen auf
einmal eine so entgegengesetzte Richtung? Verbergen Sie mir es nicht;
ich nehme an dem Schicksale dieses Mädchens mehr Anteil, als Sie
glauben; nur lassen Sie mich alles wissen."
"Ich habe wenig zu sagen", versetzte der Alte, indem er wieder in
seinen ernstlichen, verdrießlichen Ton überging, "ich werde es ihr nie
vergeben, was ich um sie geduldet habe. Sie hatte", fuhr er fort,
"immer ein gewisses Zutrauen zu mir; ich liebte sie wie meine Tochter
und hatte, da meine Frau noch lebte, den Entschluß gefaßt, sie zu mir
zu nehmen und sie aus den Händen der Alten zu retten, von deren
Anleitung ich mir nicht viel Gutes versprach. Meine Frau starb, das
Projekt zerschlug sich.
Gegen das Ende des Aufenthalts in Ihrer Vaterstadt, es sind nicht gar
drei Jahre, merkte ich ihr eine sichtbare Traurigkeit an; ich fragte
sie, aber sie wich aus. Endlich machten wir uns auf die Reise. Sie
fuhr mit mir in einem Wagen, und ich bemerkte, was sie mir auch bald
gestand, daß sie guter Hoffnung sei und in der größten Furcht schwebe,
von unserm Direktor verstoßen zu werden. Auch dauerte es nur kurze
Zeit, so machte er die Entdeckung, kündigte ihr den Kontrakt, der
ohnedies nur auf sechs Wochen stand, sogleich auf, zahlte, was sie zu
fordern hatte, und ließ sie, aller Vorstellungen ungeachtet, in einem
kleinen Städtchen, in einem schlechten Wirtshause zurück.
Der Henker hole alle liederlichen Dirnen!" rief der Alte mit Verdruß,
"und besonders diese, die mir so manche Stunde meines Lebens verdorben
hat. Was soll ich lange erzählen, wie ich mich ihrer angenommen, was
ich für sie getan, was ich an sie gehängt, wie ich auch in der
Abwesenheit für sie gesorgt habe. Ich wollte lieber mein Geld in den
Teich werfen und meine Zeit hinbringen, räudige Hunde zu erziehen, als
nur jemals wieder auf so ein Geschöpf die mindeste Aufmerksamkeit
wenden. Was war's? Im Anfang erhielt ich Danksagungsbriefe,
Nachricht von einigen Orten ihres Aufenthalts, und zuletzt kein Wort
mehr, nicht einmal Dank für das Geld, das ich ihr zu ihren Wochen
geschickt hatte. O die Verstellung und der Leichtsinn der Weiber ist
so recht zusammengepaart, um ihnen ein bequemes Leben und einem
ehrlichen Kerl manche verdrießliche Stunde zu schaffen!"
II. Buch, 8. Kapitel
Achtes Kapitel
Man denke sich Wilhelms Zustand, als er von dieser Unterredung nach
Hause kam. Alle seine alten Wunden waren wieder aufgerissen und das
Gefühl, daß sie seiner Liebe nicht ganz unwürdig gewesen, wieder
lebhaft geworden; denn in dem Interesse des Alten, in dem Lobe, das er
ihr wider Willen geben mußte, war unserm Freunde ihre ganze
Liebenswürdigkeit wieder erschienen; ja selbst die heftige Anklage des
leidenschaftlichen Mannes enthielt nichts, was sie vor Wilhelms Augen
hätte herabsetzen können. Denn dieser bekannte sich selbst als
Mitschuldigen ihrer Vergehungen, und ihr Schweigen zuletzt schien ihm
nicht tadelhaft; er machte sich vielmehr nur traurige Gedanken darüber,
sah sie als Wöchnerin, als Mutter in der Welt ohne Hülfe herumirren,
wahrscheinlich mit seinem eigenen Kinde herumirren; Vorstellungen,
welche das schmerzlichste Gefühl in ihm erregten.
Mignon hatte auf ihn gewartet und leuchtete ihm die Treppe hinauf.
Als sie das Licht niedergesetzt hatte, bat sie ihn zu erlauben, daß
sie ihm heute abend mit einem Kunststücke aufwarten dürfe. Er hätte
es lieber verbeten, besonders da er nicht wußte, was es werden sollte.
Allein er konnte diesem guten Geschöpfe nichts abschlagen. Nach
einer kurzen Zeit trat sie wieder herein. Sie trug einen Teppich
unter dem Arme, den sie auf der Erde ausbreitete. Wilhelm ließ sie
gewähren. Sie brachte darauf vier Lichter, stellte eins auf jeden
Zipfel des Teppichs. Ein Körbchen mit Eiern, das sie darauf holte,
machte die Absicht deutlicher. Künstlich abgemessen schritt sie
nunmehr auf dem Teppich hin und her und legte in gewissen Maßen die
Eier auseinander, dann rief sie einen Menschen herein, der im Hause
aufwartete und die Violine spielte. Er trat mit seinem Instrumente in
die Ecke; sie verband sich die Augen, gab das Zeichen und fing
zugleich mit der Musik, wie ein aufgezogenes Räderwerk, ihre
Bewegungen an, indem sie Takt und Melodie mit dem Schlage der
Kastagnetten begleitete.
Behende, leicht, rasch, genau führte sie den Tanz. Sie trat so scharf
und so sicher zwischen die Eier hinein, bei den Eiern nieder, daß man
jeden Augenblick dachte, sie müsse eins zertreten oder bei schnellen
Wendungen das andre fortschleudern. Mitnichten! Sie berührte keines,
ob sie gleich mit allen Arten von Schritten, engen und weiten, ja
sogar mit Sprüngen und zuletzt halb kniend sich durch die Reihen
durchwand.
Unaufhaltsam wie ein Uhrwerk lief sie ihren Weg, und die sonderbare
Musik gab dem immer wieder von vorne anfangenden und losrauschenden
Tanze bei jeder Wiederholung einen neuen Stoß. Wilhelm war von dem
sonderbaren Schauspiele ganz hingerissen; er vergaß seiner Sorgen,
folgte jeder Bewegung der geliebten Kreatur und war verwundert, wie in
diesem Tanze sich ihr Charakter vorzüglich entwickelte.
Streng, scharf, trocken, heftig und in sanften Stellungen mehr
feierlich als angenehm zeigte sie sich. Er empfand, was er schon für
Mignon gefühlt, in diesem Augenblicke auf einmal. Er sehnte sich,
dieses verlassene Wesen an Kindes Statt seinem Herzen einzuverleiben,
es in seine Arme zu nehmen und mit der Liebe eines Vaters Freude des
Lebens in ihm zu erwecken.
Der Tanz ging zu Ende; sie rollte die Eier mit den Füßen sachte
zusammen auf ein Häufchen, ließ keines zurück, beschädigte keines und
stellte sich dazu, indem sie die Binde von den Augen nahm und ihr
Kunststück mit einem Bücklinge endigte.
Wilhelm dankte ihr, daß sie ihm den Tanz, den er zu sehen gewünscht,
so artig und unvermutet vorgetragen habe. Er streichelte sie und
bedauerte, daß sie sich's habe so sauer werden lassen. Er versprach
ihr ein neues Kleid, worauf sie heftig antwortete: "Deine Farbe!"
Auch das versprach er ihr, ob er gleich nicht deutlich wußte, was sie
darunter meine. Sie nahm die Eier zusammen, den Teppich unter den Arm,
fragte, ob er noch etwas zu befehlen habe, und schwang sich zur Türe
hinaus.
Von dem Musikus erfuhr er, daß sie sich seit einiger Zeit viele Mühe
gegeben, ihm den Tanz, welches der bekannte Fandango war, so lange
vorzusingen, bis er ihn habe spielen können. Auch habe sie ihm für
seine Bemühungen etwas Geld angeboten, das er aber nicht nehmen wollen.
II. Buch, 9. Kapitel
Neuntes Kapitel
Nach einer unruhigen Nacht, die unser Freund teils wachend, teils von
schweren Träumen geängstigt zubrachte, in denen er Marianen bald in
aller Schönheit, bald in kümmerlicher Gestalt, jetzt mit einem Kinde
auf dem Arm, bald desselben beraubt sah, war der Morgen kaum
angebrochen, als Mignon schon mit einem Schneider hereintrat. Sie
brachte graues Tuch und blauen Taffet und erklärte nach ihrer Art, daß
sie ein neues Westchen und Schifferhosen, wie sie solche an den Knaben
in der Stadt gesehen, mit blauen Aufschlägen und Bändern haben wolle.
Wilhelm hatte seit dem Verlust Marianens alle muntern Farben abgelegt.
Er hatte sich an das Grau, an die Kleidung der Schatten, gewöhnt, und
nur etwa ein himmelblaues Futter oder ein kleiner Kragen von dieser
Farbe belebte einigermaßen jene stille Kleidung. Mignon, begierig,
seine Farbe zu tragen, trieb den Schneider, der in kurzem die Arbeit
zu liefern versprach.
Die Tanz- und Fechtstunden, die unser Freund heute mit Laertes nahm,
wollten nicht zum besten glücken. Auch wurden sie bald durch Melinas
Ankunft unterbrochen, der umständlich zeigte, wie jetzt eine kleine
Gesellschaft beisammen sei, mit welcher man schon Stücke genug
aufführen könne. Er erneuerte seinen Antrag, daß Wilhelm einiges Geld
zum Etablissement vorstrecken solle, wobei dieser abermals seine
Unentschlossenheit zeigte.
Philine und die Mädchen kamen bald hierauf mit Lachen und Lärmen
herein. Sie hatten sich abermals eine Spazierfahrt ausgedacht: denn
Veränderung des Orts und der Gegenstände war eine Lust, nach der sie
sich immer sehnten. Täglich an einem andern Orte zu essen war ihr
höchster Wunsch. Diesmal sollte es eine Wasserfahrt werden.
Das Schiff, womit sie die Krümmungen des angenehmen Flusses
hinunterfahren wollten, war schon durch den Pedanten bestellt.
Philine trieb, die Gesellschaft zauderte nicht und war bald
eingeschifft.
"Was fangen wir nun an?" sagte Philine, indem sich alle auf die Bänke
niedergelassen hatten.
"Das kürzeste wäre", versetzte Laertes, "wir extemporierten ein Stück.
Nehme jeder eine Rolle, die seinem Charakter am angemessensten ist,
und wir wollen sehen, wie es uns gelingt."
"Fürtrefflich!" sagte Wilhelm, "denn in einer Gesellschaft, in der man
sich nicht verstellt, in welcher jedes nur seinem Sinne folgt, kann
Anmut und Zufriedenheit nicht lange wohnen, und wo man sich immer
verstellt, dahin kommen sie gar nicht. Es ist also nicht übel getan,
wir geben uns die Verstellung gleich von Anfang zu und sind nachher
unter der Maske so aufrichtig, als wir wollen."
"Ja", sagte Laertes, "deswegen geht sich's so angenehm mit Weibern um,
die sich niemals in ihrer natürlichen Gestalt sehen lassen."
"Das macht", versetzte Madame Melina, "daß sie nicht so eitel sind wie
die Männer, welche sich einbilden, sie seien schon immer liebenswürdig
genug, wie sie die Natur hervorgebracht hat."
Indessen war man zwischen angenehmen Büschen und Hügeln, zwischen
Gärten und Weinbergen hingefahren, und die jungen Frauenzimmer,
besonders aber Madame Melina, drückten ihr Entzücken über die Gegend
aus. Letztre fing sogar an, ein artiges Gedicht von der
beschreibenden Gattung über eine ähnliche Naturszene feierlich
herzusagen; allein Philine unterbrach sie und schlug ein Gesetz vor,
daß sich niemand unterfangen solle, von einem unbelebten Gegenstande
zu sprechen; sie setzte vielmehr den Vorschlag zur extemporierten
Komödie mit Eifer durch. Der polternde Alte sollte einen
pensionierten Offizier, Laertes einen vazierenden Fechtmeister, der
Pedant einen Juden vorstellen, sie selbst wolle eine Tirolerin machen
und überließ den übrigen, sich ihre Rollen zu wählen. Man sollte
fingieren, als ob sie eine Gesellschaft weltfremder Menschen seien,
die soeben auf einem Marktschiffe zusammenkomme.
Sie fing sogleich mit dem Juden ihre Rolle zu spielen an, und eine
allgemeine Heiterkeit verbreitete sich.
Man war nicht lange gefahren, als der Schiffer stillehielt, um mit
Erlaubnis der Gesellschaft noch jemand einzunehmen, der am Ufer stand
und gewinkt hatte.
"Das ist eben noch, was wir brauchten", rief Philine, "ein blinder
Passagier fehlte noch der Reisegesellschaft."
Ein wohlgebildeter Mann stieg in das Schiff, den man an seiner
Kleidung und seiner ehrwürdigen Miene wohl für einen Geistlichen hätte
nehmen können. Er begrüßte die Gesellschaft, die ihm nach ihrer Weise
dankte und ihn bald mit ihrem Scherz bekannt machte. Er nahm darauf
die Rolle eines Landgeistlichen an, die er zur Verwunderung aller auf
das artigste durchsetzte, indem er bald ermahnte, bald Histörchen
erzählte, einige schwache Seiten blicken ließ und sich doch im Respekt
zu erhalten wußte.
Indessen hatte jeder, der nur ein einziges Mal aus seinem Charakter
herausgegangen war, ein Pfand geben müssen. Philine hatte sie mit
großer Sorgfalt gesammelt und besonders den geistlichen Herrn mit
vielen Küssen bei der künftigen Einlösung bedroht, ob er gleich selbst
nie in Strafe genommen ward. Melina dagegen war völlig ausgeplündert,
Hemdenknöpfe und Schnallen und alles, was Bewegliches an seinem Leibe
war, hatte Philine zu sich genommen; denn er wollte einen reisenden
Engländer vorstellen und konnte auf keine Weise in seine Rolle
hineinkommen.
Die Zeit war indes auf das angenehmste vergangen, jedes hatte seine
Einbildungskraft und seinen Witz aufs möglichste angestrengt und jedes
seine Rolle mit angenehmen und unterhaltenden Scherzen ausstaffiert.
So kam man an dem Ort an, wo man sich den Tag über aufhalten wollte,
und Wilhelm geriet mit dem Geistlichen, wie wir ihn seinem Aussehn und
seiner Rolle nach nennen wollen, auf dem Spaziergange bald in ein
interessantes Gespräch.
"Ich finde diese übung", sagte der Unbekannte, "unter Schauspielern,
ja in Gesellschaft von Freunden und Bekannten sehr nützlich. Es ist
die beste Art, die Menschen aus sich heraus- und durch einen Umweg
wieder in sich hineinzuführen. Es sollte bei jeder Truppe eingeführt
sein, daß sie sich manchmal auf diese Weise üben müßte, und das
Publikum würde gewiß dabei gewinnen, wenn alle Monate ein nicht
geschriebenes Stück aufgeführt würde, worauf sich freilich die
Schauspieler in mehrern Proben müßten vorbereitet haben."
"Man dürfte sich", versetzte Wilhelm, "ein extemporiertes Stück nicht
als ein solches denken, das aus dem Stegreife sogleich komponiert
würde, sondern als ein solches, wovon zwar Plan, Handlung und
Szeneneinteilung gegeben wären, dessen Ausführung aber dem
Schauspieler überlassen bliebe."
"Ganz richtig", sagte der Unbekannte, "und eben was diese Ausführung
betrifft, würde ein solches Stück, sobald die Schauspieler nur einmal
im Gang wären, außerordentlich gewinnen. Nicht die Ausführung durch
Worte, denn durch diese muß freilich der überlegende Schriftsteller
seine Arbeit zieren, sondern die Ausführung durch Gebärden und Mienen,
Ausrufungen und was dazu gehört, kurz, das stumme, halblaute Spiel,
welches nach und nach bei uns ganz verlorenzugehen scheint. Es sind
wohl Schauspieler in Deutschland, deren Körper das zeigt, was sie
denken und fühlen, die durch Schweigen, Zaudern, durch Winke, durch
zarte, anmutige Bewegungen des Körpers eine Rede vorzubereiten und die
Pausen des Gesprächs durch eine gefällige Pantomime mit dem Ganzen zu
verbinden wissen; aber eine übung, die einem glücklichen Naturell zu
Hülfe käme und es lehrte, mit dem Schriftsteller zu wetteifern, ist
nicht so im Gange, als es zum Troste derer, die das Theater besuchen,
wohl zu wünschen wäre."
"Sollte aber nicht", versetzte Wilhelm, "ein glückliches Naturell, als
das Erste und Letzte, einen Schauspieler wie jeden andern Künstler, ja
vielleicht wie jeden Menschen, allein zu einem so hochaufgesteckten
Ziele bringen?"
"Das Erste und Letzte, Anfang und Ende möchte es wohl sein und bleiben;
aber in der Mitte dürfte dem Künstler manches fehlen, wenn nicht
Bildung das erst aus ihm macht, was er sein soll, und zwar frühe
Bildung; denn vielleicht ist derjenige, dem man Genie zuschreibt,
übler daran als der, der nur gewöhnliche Fähigkeiten besitzt; denn
jener kann leichter verbildet und viel heftiger auf falsche Wege
gestoßen werden als dieser."
"Aber", versetzte Wilhelm, "wird das Genie sich nicht selbst retten,
die Wunden, die es sich geschlagen, selbst heilen?"
"Mitnichten", versetzte der andere, "Oder wenigstens nur notdürftig;
denn niemand glaube die ersten Eindrücke der Jugend überwinden zu
können. Ist er in einer löblichen Freiheit, umgeben von schönen und
edlen Gegenständen, in dem Umgange mit guten Menschen aufgewachsen,
haben ihn seine Meister das gelehrt, was er zuerst wissen mußte, um
das übrige leichter zu begreifen, hat er gelernt, was er nie zu
verlernen braucht, wurden seine ersten Handlungen so geleitet, daß er
das Gute künftig leichter und bequemer vollbringen kann, ohne sich
irgend etwas abgewöhnen zu müssen, so wird dieser Mensch ein reineres,
vollkommneres und glücklicheres Leben führen als ein anderer, der
seine ersten Jugendkräfte im Widerstand und im Irrtum zugesetzt hat.
Es wird so viel von Erziehung gesprochen und geschrieben, und ich sehe
nur wenig Menschen, die den einfachen, aber großen Begriff, der alles
andere in sich schließt, fassen und in die Ausführung übertragen
können."
"Das mag wohl wahr sein", sagte Wilhelm, "denn jeder Mensch ist
beschränkt genug, den andern zu seinem Ebenbild erziehen zu wollen.
Glücklich sind diejenigen daher, deren sich das Schicksal annimmt, das
jeden nach seiner Weise erzieht!"