abließ, "und ich eine Törin, daß ich so viel Freundlichkeit an Sie
verschwende." Sie stand verdrießlich auf und ging einige Schritte;
dann kehrte sie lachend zurück und rief: "Ich glaube eben, daß ich
darum in dich vernarrt bin, ich will nur gehen und meinen
Strickstrumpf holen, daß ich etwas zu tun habe. Bleibe ja, damit ich
den steinernen Mann auf der steinernen Bank wiederfinde."
Diesmal tat sie ihm unrecht: denn sosehr er sich von ihr zu enthalten
strebte, so würde er doch in diesem Augenblicke, hätte er sich mit ihr
in einer einsamen Laube befunden, ihre Liebkosungen wahrscheinlich
nicht unerwidert gelassen haben.
Sie ging, nachdem sie ihm einen leichtfertigen Blick zugeworfen, in
das Haus. Er hatte keinen Beruf, ihr zu folgen, vielmehr hatte ihr
Betragen einen neuen Widerwillen in ihm erregt; doch hob er sich, ohne
selbst recht zu wissen warum, von der Bank, um ihr nachzugehen.
Er war eben im Begriff, in die Türe zu treten, als Melina herbeikam,
ihn bescheiden anredete und ihn wegen einiger im Wortwechsel zu hart
ausgesprochenen Ausdrücke um Verzeihung bat. "Sie nehmen mir nicht
übel", fuhr er fort, "wenn ich in dem Zustande, in dem ich mich
befinde, mich vielleicht zu ängstlich bezeige; aber die Sorge für eine
Frau, vielleicht bald für ein Kind, verhindert mich von einem Tag zum
andern, ruhig zu leben und meine Zeit mit dem Genuß angenehmer
Empfindungen hinzubringen, wie Ihnen noch erlaubt ist. überdenken Sie,
und wenn es Ihnen möglich ist, so setzen Sie mich in den Besitz der
theatralischen Gerätschaften, die sich hier vorfinden. Ich werde
nicht lange Ihr Schuldner und Ihnen dafür ewig dankbar bleiben."
Wilhelm, der sich ungern auf der Schwelle aufgehalten sah, über die
ihn eine unwiderstehliche Neigung in diesem Augenblicke zu Philinen
hinüberzog, sagte mit einer überraschten Zerstreuung und eilfertigen
Gutmütigkeit: "Wenn ich Sie dadurch glücklich und zufrieden machen
kann, so will ich mich nicht länger bedenken. Gehn Sie hin, machen
Sie alles richtig. Ich bin bereit, noch diesen Abend oder morgen früh
das Geld zu zahlen." Er gab hierauf Melinan die Hand zur Bestätigung
seines Versprechens und war sehr zufrieden, als er ihn eilig über die
Straße weggehen sah; leider aber wurde er von seinem Eindringen ins
Haus zum zweitenmal und auf eine unangenehmere Weise zurückgehalten.
Ein junger Mensch mit einem Bündel auf dem Rücken kam eilig die Straße
her und trat zu Wilhelmen, der ihn gleich für Friedrichen erkannte.
"Da bin ich wieder!" rief er aus, indem er seine großen blauen Augen
freudig umher und hinauf an alle Fenster gehen ließ; "wo ist Mamsell?
Der Henker mag es länger in der Welt aushalten, ohne sie zu sehen!"
Der Wirt, der eben dazugetreten war, versetzte: "Sie ist oben", und
mit wenigen Sprüngen war er die Treppe hinauf, und Wilhelm blieb auf
der Schwelle wie eingewurzelt stehen. Er hätte in den ersten
Augenblicken den Jungen bei den Haaren rückwärts die Treppe
herunterreißen mögen; dann hemmte der heftige Krampf einer gewaltsamen
Eifersucht auf einmal den Lauf seiner Lebensgeister und seiner Ideen,
und da er sich nach und nach von seiner Erstarrung erholte, überfiel
ihn eine Unruhe, ein Unbehagen, dergleichen er in seinem Leben noch
nicht empfunden hatte.
Er ging auf seine Stube und fand Mignon mit Schreiben beschäftigt.
Das Kind hatte sich eine Zeit her mit großem Fleiße bemüht, alles, was
es auswendig wußte, zu schreiben, und hatte seinem Herrn und Freund
das Geschriebene zu korrigieren gegeben. Sie war unermüdet und faßte
gut; aber die Buchstaben blieben ungleich und die Linien krumm. Auch
hier schien ihr Körper dem Geiste zu widersprechen. Wilhelm, dem die
Aufmerksamkeit des Kindes, wenn er ruhigen Sinnes war, große Freude
machte, achtete diesmal wenig auf das, was sie ihm zeigte; sie fühlte
es und betrübte sich darüber nur desto mehr, als sie glaubte, diesmal
ihre Sache recht gut gemacht zu haben.
Wilhelms Unruhe trieb ihn auf den Gängen des Hauses auf und ab und
bald wieder an die Haustüre. Ein Reiter sprengte vor, der ein gutes
Ansehn hatte und der bei gesetzten Jahren noch viel Munterkeit verriet.
Der Wirt eilte ihm entgegen, reichte ihm als einem bekannten Freunde
die Hand und rief: "Ei, Herr Stallmeister, sieht man Sie auch einmal
wieder!"
"Ich will nur hier füttern", versetzte der Fremde, "ich muß gleich
hinüber auf das Gut, um in der Geschwindigkeit allerlei einrichten zu
lassen. Der Graf kömmt morgen mit seiner Gemahlin, sie werden sich
eine Zeitlang drüben aufhalten, um den Prinzen von *** auf das beste
zu bewirten, der in dieser Gegend wahrscheinlich sein Hauptquartier
aufschlägt."
"Es ist schade, daß Sie nicht bei uns bleiben können", versetzte der
Wirt, "wir haben gute Gesellschaft." Der Reitknecht, der nachsprengte,
nahm dem Stallmeister das Pferd ab, der sich unter der Türe mit dem
Wirt unterhielt und Wilhelmen von der Seite ansah.
Dieser, da er merkte, daß von ihm die Rede sei, begab sich weg und
ging einige Straßen auf und ab.
II. Buch, 13. Kapitel
Dreizehntes Kapitel
In der verdrießlichen Unruhe, in der er sich befand, fiel ihm ein, den
Alten aufzusuchen, durch dessen Harfe er die bösen Geister zu
verscheuchen hoffte. Man wies ihn, als er nach dem Manne fragte, an
ein schlechtes Wirtshaus in einem entfernten Winkel des Städtchens und
in demselben die Treppe hinauf bis auf den Boden, wo ihm der süße
Harfenklang aus einer Kammer entgegenschallte. Es waren herzrührende,
klagende Töne, von einem traurigen, ängstlichen Gesange begleitet.
Wilhelm schlich an die Türe, und da der gute Alte eine Art von
Phantasie vortrug und wenige Strophen teils singend, teils rezitierend
immer wiederholte, konnte der Horcher nach einer kurzen Aufmerksamkeit
ungefähr folgendes verstehen:
Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf
seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.
Ihr führt ins Leben uns hinein, Ihr laßt den Armen schuldig werden,
Dann überlaßt ihr ihn der Pein; Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.
Die wehmütige, herzliche Klage drang tief in die Seele des Hörers. Es
schien ihm, als ob der Alte manchmal von Tränen gehindert würde
fortzufahren; dann klangen die Saiten allein, bis sich wieder die
Stimme leise in gebrochenen Lauten dareinmischte. Wilhelm stand an
dem Pfosten, seine Seele war tief gerührt, die Trauer des Unbekannten
schloß sein beklommenes Herz auf; er widerstand nicht dem Mitgefühl
und konnte und wollte die Tränen nicht zurückhalten, die des Alten
herzliche Klage endlich auch aus seinen Augen hervorlockte. Alle
Schmerzen, die seine Seele drückten, lösten sich zu gleicher Zeit auf,
er überließ sich ihnen ganz, stieß die Kammertüre auf und stand vor
dem Alten, der ein schlechtes Bette, den einzigen Hausrat dieser
armseligen Wohnung, zu seinem Sitze zu nehmen genötigt gewesen.
"Was hast du mir für Empfindungen rege gemacht, guter Alter!" rief er
aus, "alles, was in meinem Herzen stockte, hast du losgelöst; laß dich
nicht stören, sondern fahre fort, indem du deine Leiden linderst,
einen Freund glücklich zu machen." Der Alte wollte aufstehen und
etwas reden, Wilhelm verhinderte ihn daran; denn er hatte zu Mittage
bemerkt, daß der Mann ungern sprach; er setzte sich vielmehr zu ihm
auf den Strohsack nieder.
Der Alte trocknete seine Tränen und fragte mit einem freundlichen
Lächeln: "Wie kommen Sie hierher? Ich wollte Ihnen diesen Abend
wieder aufwarten."
"Wir sind hier ruhiger", versetzte Wilhelm, "singe mir, was du willst,
was zu deiner Lage paßt, und tue nur, als ob ich gar nicht hier wäre.
Es scheint mir, als ob du heute nicht irren könntest. Ich finde dich
sehr glücklich, daß du dich in der Einsamkeit so angenehm beschäftigen
und unterhalten kannst und, da du überall ein Fremdling bist, in
deinem Herzen die angenehmste Bekanntschaft findest."
Der Alte blickte auf seine Saiten, und nachdem er sanft präludiert
hatte, stimmte er an und sang:
Wer sich der Einsamkeit ergibt,
Ach! der ist bald allein;
Ein jeder lebt, ein jeder liebt
Und läßt ihn seiner Pein.
Ja! laßt mich meiner Qual!
Und kann ich nur einmal
Recht einsam sein,
Dann bin ich nicht allein.
Es schleicht ein Liebender lauschend sacht,
Ob seine Freundin allein?
So überschleicht bei Tag und Nacht
Mich Einsamen die Pein,
Mich Einsamen die Qual.
Ach werd ich erst einmal
Einsam im Grabe sein,
Da läßt sie mich allein!
Wir würden zu weitläufig werden und doch die Anmut der seltsamen
Unterredung nicht ausdrücken können, die unser Freund mit dem
abenteuerlichen Fremden hielt. Auf alles, was der Jüngling zu ihm
sagte, antwortete der Alte mit der reinsten übereinstimmung durch
Anklänge, die alle verwandten Empfindungen rege machten und der
Einbildungskraft ein weites Feld eröffneten.
Wer einer Versammlung frommer Menschen, die sich, abgesondert von der
Kirche, reiner, herzlicher und geistreicher zu erbauen glauben,
beigewohnt hat, wird sich auch einen Begriff von der gegenwärtigen
Szene machen können; er wird sich erinnern, wie der Liturg seinen
Worten den Vers eines Gesanges anzupassen weiß, der die Seele dahin
erhebt, wohin der Redner wünscht, daß sie ihren Flug nehmen möge, wie
bald darauf ein anderer aus der Gemeinde in einer andern Melodie den
Vers eines andern Liedes hinzufügt und an diesen wieder ein dritter
einen dritten anknüpft, wodurch die verwandten Ideen der Lieder, aus
denen sie entlehnt sind, zwar erregt werden, jede Stelle aber durch
die neue Verbindung neu und individuell wird, als wenn sie in dem
Augenblicke erfunden worden wäre; wodurch denn aus einem bekannten
Kreise von Ideen, aus bekannten Liedern und Sprüchen für diese
besondere Gesellschaft, für diesen Augenblick ein eigenes Ganzes
entsteht, durch dessen Genuß sie belebt, gestärkt und erquickt wird.
So erbaute der Alte seinen Gast, indem er durch bekannte und
unbekannte Lieder und Stellen nahe und ferne Gefühle, wachende und
schlummernde, angenehme und schmerzliche Empfindungen in eine
Zirkulation brachte, von der in dem gegenwärtigen Zustande unsers
Freundes das Beste zu hoffen war.
II. Buch, 14. Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Denn wirklich fing er auf dem Rückwege über seine Lage lebhafter, als
bisher geschehen, zu denken an und war mit dem Vorsatze, sich aus
derselben herauszureißen, nach Hause gelangt, als ihm der Wirt
sogleich im Vertrauen eröffnete, daß Mademoiselle Philine an dem
Stallmeister des Grafen eine Eroberung gemacht habe, der, nachdem er
seinen Auftrag auf dem Gute ausgerichtet, in höchster Eile
zurückgekommen sei und ein gutes Abendessen oben auf ihrem Zimmer mit
ihr verzehre.
In eben diesem Augenblicke trat Melina mit dem Notarius herein; sie
gingen zusammen auf Wilhelms Zimmer, wo dieser, wiewohl mit einigem
Zaudern, seinem Versprechen Genüge leistete, dreihundert Taler auf
Wechsel an Melina auszahlte, welche dieser sogleich dem Notarius
übergab und dagegen das Dokument über den geschlossenen Kauf der
ganzen theatralischen Gerätschaft erhielt, welche ihm morgen früh
übergeben werden sollte.
Kaum waren sie auseinandergegangen, als Wilhelm ein entsetzliches
Geschrei in dem Hause vernahm. Er hörte eine jugendliche Stimme, die
zornig und drohend durch ein unmäßiges Weinen und Heulen durchbrach.
Er hörte diese Wehklage von oben herunter an seiner Stube vorbei nach
dem Hausplatze eilen.
Als die Neugierde unsern Freund herunterlockte, fand er Friedrichen in
einer Art von Raserei. Der Knabe weinte, knirschte, stampfte, drohte
mit geballten Fäusten und stellte sich ganz ungebärdig vor Zorn und
Verdruß, Mignon stand gegenüber und sah mit Verwunderung zu, und der
Wirt erklärte einigermaßen diese Erscheinung.
Der Knabe sei nach seiner Rückkunft, da ihn Philine gut aufgenommen,
zufrieden, lustig und munter gewesen, habe gesungen und gesprungen bis
zur Zeit, da der Stallmeister mit Philinen Bekanntschaft gemacht. Nun
habe das Mittelding zwischen Kind und Jüngling angefangen, seinen
Verdruß zu zeigen, die Türen zuzuschlagen und auf und nieder zu rennen.
Philine habe ihm befohlen, heute abend bei Tische aufzuwarten,
worüber er nur noch mürrischer und trotziger geworden; endlich habe er
eine Schüssel mit Ragout, anstatt sie auf den Tisch zu setzen,
zwischen Mademoiselle und den Gast, die ziemlich nahe zusammen
gesessen, hineingeworfen, worauf ihm der Stallmeister ein paar
tüchtige Ohrfeigen gegeben und ihn zur Türe hinausgeschmissen. Er,
der Wirt, habe darauf die beiden Personen säubern helfen, deren
Kleider sehr übel zugerichtet gewesen.
Als der Knabe die gute Wirkung seiner Rache vernahm, fing er laut zu
lachen an, indem ihm noch immer die Tränen an den Backen
herunterliefen. Er freute sich einige Zeit herzlich, bis ihm der
Schimpf, den ihm der Stärkere angetan, wieder einfiel, da er denn von
neuem zu heulen und zu drohen anfing.
Wilhelm stand nachdenklich und beschämt vor dieser Szene. Er sah sein
eignes Innerstes mit starken und übertriebenen Zügen dargestellt; auch
er war von einer unüberwindlichen Eifersucht entzündet; auch er, wenn
ihn der Wohlstand nicht zurückgehalten hätte, würde gern seine wilde
Laune befriedigt, gern mit tückischer Schadenfreude den geliebten
Gegenstand verletzt und seinen Nebenbuhler ausgefordert haben; er
hätte die Menschen, die nur zu seinem Verdrusse dazusein schienen,
vertilgen mögen.
Laertes, der auch herbeigekommen war und die Geschichte vernommen
hatte, bestärkte schelmisch den aufgebrachten Knaben, als dieser
beteuerte und schwur: der Stallmeister müsse ihm Satisfaktion geben,
er habe noch keine Beleidigung auf sich sitzen lassen; weigere sich
der Stallmeister, so werde er sich zu rächen wissen.
Laertes war hier grade in seinem Fache. Er ging ernsthaft hinauf, den
Stallmeister im Namen des Knaben herauszufordern.
"Das ist lustig", sagte dieser; "einen solchen Spaß hätte ich mir heut
abend kaum vorgestellt." Sie gingen hinunter, und Philine folgte
ihnen. "Mein Sohn", sagte der Stallmeister zu Friedrichen, "du bist
ein braver Junge, und ich weigere mich nicht, mit dir zu fechten; nur
da die Ungleichheit unsrer Jahre und Kräfte die Sache ohnehin etwas
abenteuerlich macht, so schlage ich statt anderer Waffen ein Paar
Rapiere vor; wir wollen die Knöpfe mit Kreide bestreichen, und wer dem
andern den ersten oder die meisten Stöße auf den Rock zeichnet, soll
für den überwinder gehalten und von dem andern mit dem besten Weine,
der in der Stadt zu haben ist, traktiert werden."
Laertes entschied, daß dieser Vorschlag angenommen werden könnte;
Friedrich gehorchte ihm als seinem Lehrmeister. Die Rapiere kamen
herbei, Philine setzte sich hin, strickte und sah beiden Kämpfern mit
großer Gemütsruhe zu.
Der Stallmeister, der seht gut focht, war gefällig genug, seinen
Gegner zu schonen und sich einige Kreidenflecke auf den Rock bringen
zu lassen, worauf sie sich umarmten und Wein herbeigeschafft wurde.
Der Stallmeister wollte Friedrichs Herkunft und seine Geschichte
wissen, der denn ein Märchen erzählte, das er schon oft wiederholt
hatte und mit dem wir ein andermal unsre Leser bekannt zu machen
gedenken.
In Wilhelms Seele vollendete indessen dieser Zweikampf die Darstellung
seiner eigenen Gefühle: denn er konnte sich nicht leugnen, daß er das
Rapier, ja lieber noch einen Degen selbst gegen den Stallmeister zu
führen wünschte, wenn er schon einsah, daß ihm dieser in der
Fechtkunst weit überlegen sei. Doch würdigte er Philinen nicht eines
Blicks, hütete sich vor jeder äußerung, die seine Empfindung hätte
verraten können, und eilte, nachdem er einigemal auf die Gesundheit
der Kämpfer Bescheid getan, auf sein Zimmer, wo sich tausend
unangenehme Gedanken auf ihn zudrängten.
Er erinnerte sich der Zeit, in der sein Geist durch ein unbedingtes,
hoffnungsreiches Streben emporgehoben wurde, wo er in dem lebhaftesten
Genusse aller Art wie in einem Elemente schwamm. Es ward ihm deutlich,
wie er jetzt in ein unbestimmtes Schlendern geraten war, in welchem
er nur noch schlürfend kostete, was er sonst mit vollen Zügen
eingesogen hatte; aber deutlich konnte er nicht sehen, welches
unüberwindliche Bedürfnis ihm die Natur zum Gesetz gemacht hatte und
wie sehr dieses Bedürfnis durch Umstände nur gereizt, halb befriedigt
und irregeführt worden war.
Es darf also niemand wundern, wenn er bei Betrachtung seines Zustandes,
und indem er sich aus demselben herauszudenken arbeitete, in die
größte Verwirrung geriet. Es war nicht genug, daß er durch seine
Freundschaft zu Laertes, durch seine Neigung zu Philinen, durch seinen
Anteil an Mignon länger als billig an einem Orte und in einer
Gesellschaft festgehalten wurde, in welcher er seine Lieblingsneigung
hegen, gleichsam verstohlen seine Wünsche befriedigen und, ohne sich
einen Zweck vorzusetzen, seinen alten Träumen nachschleichen konnte.
Aus diesen Verhältnissen sich loszureißen und gleich zu scheiden,
glaubte er Kraft genug zu besitzen. Nun hatte er aber vor wenigen
Augenblicken sich mit Melina in ein Geldgeschäft eingelassen, er hatte
den rätselhaften Alten kennenlernen, welchen zu entziffern er eine
unbeschreibliche Begierde fühlte. Allein auch dadurch sich nicht
zurückhalten zu lassen, war er nach lang hin und her geworfenen
Gedanken entschlossen oder glaubte wenigstens entschlossen zu sein.
"Ich muß fort", rief er aus, "ich will fort!" Er warf sich in einen
Sessel und war sehr bewegt. Mignon trat herein und fragte, ob sie ihn
aufwickeln dürfe. Sie kam still; es schmerzte sie tief, daß er sie
heute so kurz abgefertigt hatte.
Nichts ist rührender, als wenn eine Liebe, die sich im stillen genährt,
eine Treue, die sich im verborgenen befestigt hat, endlich dem, der
ihrer bisher nicht wert gewesen, zur rechten Stunde nahe kommt und ihm
offenbar wird. Die lange und streng verschlossene Knospe war reif,
und Wilhelms Herz konnte nicht empfänglicher sein.
Sie stand vor ihm und sah seine Unruhe. "Herr!" rief sie aus, "wenn
du unglücklich bist, was soll aus Mignon werden?"--"Liebes Geschöpf",
sagte er, indem er ihre Hände nahm, "du bist auch mit unter meinen
Schmerzen.--Ich muß fort." Sie sah ihm in die Augen, die von
verhaltenen Tränen blinkten, und kniete mit Heftigkeit vor ihm nieder.
Er behielt ihre Hände, sie legte ihr Haupt auf seine Knie und war
ganz still. Er spielte mit ihren Haaren und war freundlich. Sie
blieb lange ruhig. Endlich fühlte er an ihr eine Art Zucken, das ganz
sachte anfing und sich durch alle Glieder wachsend verbreitete. "Was
ist dir, Mignon?" rief er aus, "was ist dir?" Sie richtete ihr
Köpfchen auf und sah ihn an, fuhr auf einmal nach dem Herzen, wie mit
einer Gebärde, welche Schmerzen verbeißt. Er hob sie auf, und sie
fiel auf seinen Schoß; er drückte sie an sich und küßte sie. Sie
antwortete durch keinen Händedruck, durch keine Bewegung. Sie hielt
ihr Herz fest, und auf einmal tat sie einen Schrei, der mit krampfigen
Bewegungen des Körpers begleitet war. Sie fuhr auf und fiel auch
sogleich wie an allen Gelenken gebrochen vor ihm nieder. Es war ein
gräßlicher Anblick! "Mein Kind!" rief er aus, indem er sie aufhob und
fest umarmte, "mein Kind, was ist dir?" Die Zuckung dauerte fort, die
vom Herzen sich den schlotternden Gliedern mitteilte; sie hing nur in
seinen Armen. Er schloß sie an sein Herz und benetzte sie mit seinen
Tränen. Auf einmal schien sie wieder angespannt, wie eins, das den
höchsten körperlichen Schmerz erträgt; und bald mit einer neuen
Heftigkeit wurden alle ihre Glieder wieder lebendig, und sie warf sich
ihm, wie ein Ressort, das zuschlägt, um den Hals, indem in ihrem
Innersten wie ein gewaltiger Riß geschah, und in dem Augenblicke floß
ein Strom von Tränen aus ihren geschlossenen Augen in seinen Busen.
Er hielt sie fest. Sie weinte, und keine Zunge spricht die Gewalt
dieser Tränen aus. Ihre langen Haare waren aufgegangen und hingen von
der Weinenden nieder, und ihr ganzes Wesen schien in einen Bach von
Tränen unaufhaltsam dahinzuschmelzen. Ihre starren Glieder wurden
gelinde, es ergoß sich ihr Innerstes, und in der Verirrung des
Augenblickes fürchtete Wilhelm, sie werde in seinen Armen zerschmelzen
und er nichts von ihr übrigbehalten. Er hielt sie nur fester und
fester. "Mein Kind!" rief er aus, "mein Kind! Du bist ja mein! Wenn
dich das Wort trösten kann. Du bist mein! Ich werde dich behalten,
dich nicht verlassen!" Ihre Tränen flossen noch immer. Endlich
richtete sie sich auf. Eine weiche Heiterkeit glänzte von ihrem
Gesichte. "Mein Vater!" rief sie, "du willst mich nicht verlassen!
willst mein Vater sein!--Ich bin dein Kind!"
Sanft fing vor der Türe die Harfe an zu klingen; der Alte brachte
seine herzlichsten Lieder dem Freunde zum Abendopfer, der, sein Kind
immer fester in Armen haltend, des reinsten, unbeschreiblichsten
Glückes genoß.
Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 2"
von Johann Wolfgang von Goethe.
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