"Wie nennest du dich?" fragte er. "Sie heißen mich Mignon."--"Wieviel

Jahre hast du?"--"Es hat sie niemand gezählt."--"Wer war dein

Vater?"--"Der große Teufel ist tot."

"Nun, das ist wunderlich genug!" rief Philine aus. Man fragte sie

noch einiges; sie brachte ihre Antworten in einem gebrochenen Deutsch

und mit einer sonderbar feierlichen Art vor; dabei legte sie jedesmal

die Hände an Brust und Haupt und neigte sich tief.

Wilhelm konnte sie nicht genug ansehen. Seine Augen und sein Herz

wurden unwiderstehlich von dem geheimnisvollen Zustande dieses Wesens

angezogen. Er schätzte sie zwölf bis dreizehn Jahre; ihr Körper war

gut gebaut, nur daß ihre Glieder einen stärkern Wuchs versprachen oder

einen zurückgehaltenen ankündigten. Ihre Bildung war nicht regelmäßig,

aber auffallend; ihre Stirne geheimnisvoll, ihre Nase außerordentlich

schön, und der Mund, ob er schon für ihr Alter zu sehr geschlossen

schien und sie manchmal mit den Lippen nach einer Seite zuckte, noch

immer treuherzig und reizend genug. Ihre bräunliche Gesichtsfarbe

konnte man durch die Schminke kaum erkennen. Diese Gestalt prägte

sich Wilhelmen sehr tief ein; er sah sie noch immer an, schwieg und

vergaß der Gegenwärtigen über seinen Betrachtungen. Philine weckte

ihn aus seinem Halbtraume, indem sie dem Kinde etwas übriggebliebenes

Zuckerwerk reichte und ihm ein Zeichen gab, sich zu entfernen. Es

machte seinen Bückling wie oben und fuhr blitzschnell zur Türe hinaus.

Als die Zeit nunmehr herbeikam, daß unsre neuen Bekannten sich für

diesen Abend trennen sollten, redeten sie vorher noch eine

Spazierfahrt auf den morgenden Tag ab. Sie wollten abermals an einem

andern Orte, auf einem benachbarten Jägerhause, ihr Mittagsmahl

einnehmen. Wilhelm sprach diesen Abend noch manches zu Philinens Lobe,

worauf Laertes nur kurz und leichtsinnig antwortete.

Den andern Morgen, als sie sich abermals eine Stunde im Fechten geübt

hatten, gingen sie nach Philinens Gasthofe, vor welchem sie die

bestellte Kutsche schon hatten anfahren sehen. Aber wie verwundert

war Wilhelm, als die Kutsche verschwunden, und wie noch mehr, als

Philine nicht zu Hause anzutreffen war. Sie hatte sich, so erzählte

man, mit ein paar Fremden, die diesen Morgen angekommen waren, in den

Wagen gesetzt und war mit ihnen davongefahren. Unser Freund, der sich

in ihrer Gesellschaft eine angenehme Unterhaltung versprochen hatte,

konnte seinen Verdruß nicht verbergen. Dagegen lachte Laertes und

rief: "So gefällt sie mir! Das sieht ihr ganz ähnlich! Lassen Sie

uns nur gerade nach dem Jagdhause gehen; sie mag sein, wo sie will,

wir wollen ihretwegen unsere Promenade nicht versäumen."

Als Wilhelm unterwegs diese Inkonsequenz des Betragens zu tadeln

fortfuhr, sagte Laertes: "Ich kann nicht inkonsequent finden, wenn

jemand seinem Charakter treu bleibt. Wenn sie sich etwas vornimmt

oder jemanden etwas verspricht, so geschieht es nur unter der

stillschweigenden Bedingung, daß es ihr auch bequem sein werde, den

Vorsatz auszuführen oder ihr Versprechen zu halten. Sie verschenkt

gern, aber man muß immer bereit sein, ihr das Geschenkte wiederzugeben."

"Dies ist ein seltsamer Charakter", versetzte Wilhelm.

"Nichts weniger als seltsam, nur daß sie keine Heuchlerin ist. Ich

liebe sie deswegen, ja ich bin ihr Freund, weil sie mir das Geschlecht

so rein darstellt, das ich zu hassen so viel Ursache habe. Sie ist

mir die wahre Eva, die Stammutter des weiblichen Geschlechts; so sind

alle, nur wollen sie es nicht Wort haben."

Unter mancherlei Gesprächen, in welchen Laertes seinen Haß gegen das

weibliche Geschlecht sehr lebhaft ausdrückte, ohne jedoch die Ursache

davon anzugeben, waren sie in den Wald gekommen, in welchen Wilhelm

sehr verstimmt eintrat, weil die äußerungen des Laertes ihm die

Erinnerung an sein Verhältnis zu Marianen wieder lebendig gemacht

hatten. Sie fanden nicht weit von einer beschatteten Quelle unter

herrlichen alten Bäumen Philinen allein an einem steinernen Tische

sitzen. Sie sang ihnen ein lustiges Liedchen entgegen, und als

Laertes nach ihrer Gesellschaft fragte, rief sie aus: "Ich habe sie

schön angeführt; ich habe sie zum besten gehabt, wie sie es verdienten.

Schon unterwegs setzte ich ihre Freigebigkeit auf die Probe, und da

ich bemerkte, daß sie von den kargen Näschern waren, nahm ich mir

gleich vor, sie zu bestrafen. Nach unsrer Ankunft fragten sie den

Kellner, was zu haben sei, der mit der gewöhnlichen Geläufigkeit

seiner Zunge alles, was da war, und mehr als da war, hererzählte. Ich

sah ihre Verlegenheit, sie blickten einander an, stotterten und

fragten nach dem Preise; "Was bedenken Sie sich lange", rief ich aus,

"die Tafel ist das Geschäft eines Frauenzimmers, lassen Sie mich dafür

sorgen." Ich fing darauf an, ein unsinniges Mittagmahl zu bestellen,

wozu noch manches durch Boten aus der Nachbarschaft geholt werden

sollte. Der Kellner, den ich durch ein paar schiefe Mäuler zum

Vertrauten gemacht hatte, half mir endlich, und so haben wir sie durch

die Vorstellung eines herrlichen Gastmahls dergestalt geängstigt, daß

sie sich kurz und gut zu einem Spaziergange in den Wald entschlossen,

von dem sie wohl schwerlich zurückkommen werden. Ich habe eine

Viertelstunde auf meine eigene Hand gelacht und werde lachen, sooft

ich an die Gesichter denke." Bei Tische erinnerte sich Laertes an

ähnliche Fälle; sie kamen in den Gang, lustige Geschichten,

Mißverständnisse und Prellereien zu erzählen.

Ein junger Mann von ihrer Bekanntschaft aus der Stadt kam mit einem

Buche durch den Wald geschlichen, setzte sich zu ihnen und rühmte den

schönen Platz. Er machte sie auf das Rieseln der Quelle, auf die

Bewegung der Zweige, auf die einfallenden Lichter und auf den Gesang

der Vögel aufmerksam. Philine sang ein Liedchen vom Kuckuck, welches

dem Ankömmling nicht zu behagen schien; er empfahl sich bald.

"Wenn ich nur nichts mehr von Natur und Naturszenen hören sollte",

rief Philine aus, als er weg war; "es ist nichts unerträglicher, als

sich das Vergnügen vorrechnen zu lassen, das man genießt. Wenn schön

Wetter ist, geht man spazieren, wie man tanzt wenn aufgespielt wird.

Wer mag aber nur einen Augenblick an die Musik, wer ans schöne Wetter

denken? Der Tänzer interessiert uns, nicht die Violine, und in ein

Paar schöne schwarze Augen zu sehen, tut einem Paar blauen Augen gar

zu wohl. Was sollen dagegen Quellen und Brunnen und alte, morsche

Linden!" Sie sah, indem sie so sprach, Wilhelmen, der ihr gegenüber

saß, mit einem Blick in die Augen, dem er nicht wehren konnte,

wenigstens bis an die Türe seines Herzens vorzudringen.

"Sie haben recht", versetzte er mit einiger Verlegenheit, "der Mensch

ist dem Menschen das Interessanteste und sollte ihn vielleicht ganz

allein interessieren. Alles andere, was uns umgibt, ist entweder nur

Element, in dem wir leben, oder Werkzeug, dessen wir uns bedienen. Je

mehr wir uns dabei aufhalten, je mehr wir darauf merken und teil daran

nehmen, desto schwächer wird das Gefühl unsers eignen Wertes und das

Gefühl der Gesellschaft. Die Menschen, die einen großen Wert auf

Gärten, Gebäude, Kleider, Schmuck oder irgend ein Besitztum legen,

sind weniger gesellig und gefällig; sie verlieren die Menschen aus den

Augen, welche zu erfreuen und zu versammeln nur sehr wenigen glückt.

Sehn wir es nicht auch auf dem Theater? Ein guter Schauspieler macht

uns bald eine elende, unschickliche Dekoration vergessen, dahingegen

das schönste Theater den Mangel an guten Schauspielern erst recht

fühlbar macht."

Nach Tische setzte Philine sich in das beschattete hohe Gras. Ihre

beiden Freunde mußten ihr Blumen in Menge herbeischaffen. Sie wand

sich einen vollen Kranz und setzte ihn auf; sie sah unglaublich

reizend aus. Die Blumen reichten noch zu einem andern hin; auch den

flocht sie, indem sich beide Männer neben sie setzten. Als er unter

allerlei Scherz und Anspielungen fertig geworden war, drückte sie ihn

Wilhelmen mit der größten Anmut aufs Haupt und rückte ihn mehr als

einmal anders, bis er recht zu sitzen schien. "Und ich werde, wie es

scheint, leer ausgehen", sagte Laertes.

"Mitnichten", versetzte Philine. "Ihr sollt Euch keinesweges beklagen."

Sie nahm ihren Kranz vom Haupte und setzte ihn Laertes auf.

"Wären wir Nebenbuhler", sagte dieser, "so würden wir sehr heftig

streiten können, welchen von beiden du am meisten begünstigst."

"Da wärt ihr rechte Toren", versetzte sie, indem sie sich zu ihm

hinüberbog und ihm den Mund zum Kuß reichte, sich aber sogleich

umwendete, ihren Arm um Wilhelmen schlang und einen lebhaften Kuß auf

seine Lippen drückte. "Welcher schmeckt am besten?" fragte sie

neckisch.

"Wunderlich!" rief Laertes. "Es scheint, als wenn so etwas niemals

nach Wermut schmecken könne."

"Sowenig", sagte Philine, "als irgend eine Gabe, die jemand ohne Neid

und Eigensinn genießt. Nun hätte ich", rief sie aus, "noch Lust, eine

Stunde zu tanzen, und dann müssen wir wohl wieder nach unsern

Springern sehen."

Man ging nach dem Hause und fand Musik daselbst. Philine, die eine

gute Tänzerin war, belebte ihre beiden Gesellschafter. Wilhelm war

nicht ungeschickt, allein es fehlte ihm an einer künstlichen übung.

Seine beiden Freunde nahmen sich vor, ihn zu unterrichten.

Man verspätete sich. Die Seiltänzer hatten ihre Künste schon zu

produzieren angefangen. Auf dem Platze hatten sich viele Zuschauer

eingefunden, doch war unsern Freunden, als sie ausstiegen, ein

Getümmel merkwürdig, das eine große Anzahl Menschen nach dem Tore des

Gasthofes, in welchem Wilhelm eingekehrt war, hingezogen hatte.

Wilhelm sprang hinüber, um zu sehen, was es sei, und mit Entsetzen

erblickte er, als er sich durchs Volk drängte, den Herrn der

Seiltänzergesellschaft, der das interessante Kind bei den Haaren aus

dem Hause zu schleppen bemüht war und mit einem Peitschenstiel

unbarmherzig auf den kleinen Körper losschlug.

Wilhelm fuhr wie ein Blitz auf den Mann zu und faßte ihn bei der Brust.

"Laß das Kind los!" schrie er wie ein Rasender, "Oder einer von uns

bleibt hier auf der Stelle." Er faßte zugleich den Kerl mit einer

Gewalt, die nur der Zorn geben kann, bei der Kehle, daß dieser zu

ersticken glaubte, das Kind losließ und sich gegen den Angreifenden zu

verteidigen suchte. Einige Leute, die mit dem Kinde Mitleiden fühlten,

aber Streit anzufangen nicht gewagt hatten, fielen dem Seiltänzer

sogleich in die Arme, entwaffneten ihn und drohten ihm mit vielen

Schimpfreden. Dieser, der sich jetzt nur auf die Waffen seines Mundes

reduziert sah, fing gräßlich zu drohen und zu fluchen an: die faule,

unnütze Kreatur wolle ihre Schuldigkeit nicht tun; sie verweigere, den

Eiertanz zu tanzen, den er dem Publiko versprochen habe; er wolle sie

totschlagen, und es solle ihn niemand daran hindern. Er suchte sich

loszumachen, um das Kind, das sich unter der Menge verkrochen hatte,

aufzusuchen. Wilhelm hielt ihn zurück und rief: "Du sollst nicht eher

dieses Geschöpf weder sehen noch berühren, bis du vor Gericht

Rechenschaft gibst, wo du es gestohlen hast; ich werde dich aufs

äußerste treiben; du sollst mir nicht entgehen." Diese Rede, welche

Wilhelm in der Hitze, ohne Gedanken und Absicht, aus einem dunklen

Gefühl oder, wenn man will, aus Inspiration ausgesprochen hatte,

brachte den wütenden Menschen auf einmal zur Ruhe. Er rief: "Was hab

ich mit der unnützen Kreatur zu schaffen! Zahlen Sie mir, was mich

ihre Kleider kosten, und Sie mögen sie behalten; wir wollen diesen

Abend noch einig werden." Er eilte darauf, die unterbrochene

Vorstellung fortzusetzen und die Unruhe des Publikums durch einige

bedeutende Kunststücke zu befriedigen.

Wilhelm suchte nunmehr, da es stille geworden war, nach dem Kinde, das

sich aber nirgends fand. Einige wollten es auf dem Boden, andere auf

den Dächern der benachbarten Häuser gesehen haben. Nachdem man es

allerorten gesucht hatte, mußte man sich beruhigen und abwarten, ob es

nicht von selbst wieder herbeikommen wolle.

Indes war Narziß nach Hause gekommen, welchen Wilhelm über die

Schicksale und die Herkunft des Kindes befragte. Dieser wußte nichts

davon, denn er war nicht lange bei der Gesellschaft, erzählte dagegen

mit großer Leichtigkeit und vielem Leichtsinne seine eigenen

Schicksale. Als ihm Wilhelm zu dem großen Beifall Glück wünschte,

dessen er sich zu erfreuen hatte, äußerte er sich sehr gleichgültig

darüber. "Wir sind gewohnt" sagte er, "daß man über uns lacht und

unsre Künste bewundert; aber wir werden durch den außerordentlichen

Beifall um nichts gebessert. Der Entrepreneur zahlt uns und mag sehen,

wie er zurechtekömmt." Er beurlaubte sich darauf und wollte sich

eilig entfernen.

Auf die Frage, wo er so schnell hinwolle, lächelte der junge Mensch

und gestand, daß seine Figur und Talente ihm einen solidern Beifall

zugezogen, als der des großen Publikums sei. Er habe von einigen

Frauenzimmern Botschaft erhalten, die sehr eifrig verlangten, ihn

näher kennenzulernen, und er fürchte, mit den Besuchen, die er

abzulegen habe, vor Mitternacht kaum fertig zu werden. Er fuhr fort,

mit der größten Aufrichtigkeit seine Abenteuer zu erzählen, und hätte

die Namen, Straßen und Häuser angezeigt, wenn nicht Wilhelm eine

solche Indiskretion abgelehnt und ihn höflich entlassen hätte.

Laertes hatte indessen Landrinetten unterhalten und versicherte, sie

sei vollkommen würdig, ein Weib zu sein und zu bleiben.

Nun ging die Unterhandlung mit dem Entrepreneur wegen des Kindes an,

das unserm Freunde für dreißig Taler überlassen wurde, gegen welche

der schwarzbärtige, heftige Italiener seine Ansprüche völlig abtrat,

von der Herkunft des Kindes aber weiter nichts bekennen wollte, als

daß er solches nach dem Tode seines Bruders, den man wegen seiner

außerordentlichen Geschicklichkeit den großen Teufel genannt, zu sich

genommen habe.

Der andere Morgen ging meist mit Aufsuchen des Kindes hin. Vergebens

durchkroch man alle Winkel des Hauses und der Nachbarschaft; es war

verschwunden, und man fürchtete, es möchte in ein Wasser gesprungen

sein oder sich sonst ein Leids angetan haben.

Philinens Reize konnten die Unruhe unsers Freundes nicht ableiten. Er

brachte einen traurigen, nachdenklichen Tag zu. Auch des Abends, da

Springer und Tänzer alle ihre Kräfte aufboten, um sich dem Publiko

aufs beste zu empfehlen, konnte sein Gemüt nicht erheitert und

zerstreut werden.

Durch den Zulauf aus benachbarten Ortschaften hatte die Anzahl der

Menschen außerordentlich zugenommen, und so wälzte sich auch der

Schneeball des Beifalls zu einer ungeheuren Größe. Der Sprung über

die Degen und durch das Faß mit papiernen Böden machte eine große

Sensation. Der starke Mann ließ zum allgemeinen Grausen, Entsetzen

und Erstaunen, indem er sich mit dem Kopf und den Füßen auf ein Paar

auseinandergeschobene Stühle legte, auf seinen hohlschwebenden Leib

einen Amboß heben und auf demselben von einigen wackern

Schmiedegesellen ein Hufeisen fertig schmieden.

Auch war die sogenannte Herkulesstärke, da eine Reihe Männer, auf den

Schultern einer ersten Reihe stehend, abermals Frauen und Jünglinge

trägt, so daß zuletzt eine lebendige Pyramide entsteht, deren Spitze

ein Kind, auf den Kopf gestellt, als Knopf und Wetterfahne ziert, in

diesen Gegenden noch nie gesehen worden und endigte würdig das ganze

Schauspiel. Narziß und Landrinette ließen sich in Tragsesseln auf den

Schultern der übrigen durch die vornehmsten Straßen der Stadt unter

lautem Freudengeschrei des Volks tragen. Man warf ihnen Bänder,

Blumensträuße und seidene Tücher zu und drängte sich, sie ins Gesicht

zu fassen. Jedermann schien glücklich zu sein, sie anzusehn und von

ihnen eines Blicks gewürdigt zu werden.

"Welcher Schauspieler, welcher Schriftsteller, ja welcher Mensch

überhaupt würde sich nicht auf dem Gipfel seiner Wünsche sehen, wenn

er durch irgendein edles Wort oder eine gute Tat einen so allgemeinen

Eindruck hervorbrächte? Welche köstliche Empfindung müßte es sein,

wenn man gute, edle, der Menschheit würdige Gefühle ebenso schnell

durch einen elektrischen Schlag ausbreiten, ein solches Entzücken

unter dem Volke erregen könnte, als diese Leute durch ihre körperliche

Geschicklichkeit getan haben; wenn man der Menge das Mitgefühl alles

Menschlichen geben, wenn man sie mit der Vorstellung des Glücks und

Unglücks, der Weisheit und Torheit, ja des Unsinns und der Albernheit

entzünden, erschüttern und ihr stockendes Innere in freie, lebhafte

und reine Bewegung setzen könntet" So sprach unser Freund, und da

weder Philine noch Laertes gestimmt schienen, einen solchen Diskurs

fortzusetzen, unterhielt er sich allein mit diesen

Lieblingsbetrachtungen, als er bis spät in die Nacht um die Stadt

spazierte und seinen alten Wunsch, das Gute, Edle, Große durch das

Schauspiel zu versinnlichen, wieder einmal mit aller Lebhaftigkeit und

aller Freiheit einer losgebundenen Einbildungskraft verfolgte.

II. Buch, 5. Kapitel

Fünftes Kapitel

Des andern Tages, als die Seiltänzer mit großem Geräusch abgezogen

waren, fand sich Mignon sogleich wieder ein und trat hinzu, als

Wilhelm und Laertes ihre Fechtübungen auf dem Saale fortsetzten. "Wo

hast du gesteckt?" fragte Wilhelm freundlich, "du hast uns viel Sorge

gemacht." Das Kind antwortete nichts und sah ihn an. "Du bist nun

unser", rief Laertes, "wir haben dich gekauft"--"Was hast du bezahlt?"

fragte das Kind ganz trocken. "Hundert Dukaten", versetzte Laertes;

"wenn du sie wiedergibst, kannst du frei sein."--"Das ist wohl viel?"

fragte das Kind. "O ja, du magst dich nur gut aufführen."--"Ich will

dienen", versetzte sie.

Von dem Augenblicke an merkte sie genau, was der Kellner den beiden

Freunden für Dienste zu leisten hatte, und litt schon des andern Tages

nicht mehr, daß er ins Zimmer kam. Sie wollte alles selbst tun und

machte auch ihre Geschäfte, zwar langsam und mitunter unbehülflich,

doch genau und mit großer Sorgfalt.

Sie stellte sich oft an ein Gefäß mit Wasser und wusch ihr Gesicht mit

so großer Emsigkeit und Heftigkeit, daß sie sich fast die Backen

aufrieb, bis Laertes durch Fragen und Necken erfuhr, daß sie die

Schminke von ihren Wangen auf alle Weise loszuwerden suche und über

dem Eifer, womit sie es tat, die Röte, die sie durchs Reiben

hervorgebracht hatte, für die hartnäckigste Schminke halte. Man

bedeutete sie, und sie ließ ab, und nachdem sie wieder zur Ruhe

gekommen war, zeigte sich eine schöne braune, obgleich nur von wenigem

Rot erhöhte Gesichtsfarbe.

Durch die frevelhaften Reize Philinens, durch die geheimnisvolle

Gegenwart des Kindes mehr, als er sich selbst gestehen durfte,

unterhalten, brachte Wilhelm verschiedene Tage in dieser sonderbaren

Gesellschaft zu und rechtfertigte sich bei sich selbst durch eine

fleißige übung in der Fecht- und Tanzkunst, wozu er so leicht nicht

wieder Gelegenheit zu finden glaubte.

Nicht wenig verwundert und gewissermaßen erfreut war er, als er eines

Tages Herrn und Frau Melina ankommen sah, welche gleich nach dem

ersten frohen Gruße sich nach der Direktrice und den übrigen

Schauspielern erkundigten und mit großem Schrecken vernahmen, daß jene

sich schon lange entfernt habe und diese bis auf wenige zerstreut

seien.

Das junge Paar hatte sich nach ihrer Verbindung, zu der, wie wir

wissen, Wilhelm behilflich gewesen, an einigen Orten nach Engagement

umgesehen, keines gefunden und war endlich in dieses Städtchen

gewiesen worden, wo einige Personen, die ihnen unterwegs begegneten,

ein gutes Theater gesehen haben wollten.

Philinen wollte Madame Melina, und Herr Melina dem lebhaften Laertes,

als sie Bekanntschaft machten, keinesweges gefallen. Sie wünschten

die neuen Ankömmlinge gleich wieder los zu sein, und Wilhelm konnte

ihnen keine günstigen Gesinnungen beibringen, ob er ihnen gleich

wiederholt versicherte, daß es recht gute Leute seien.

Eigentlich war auch das bisherige lustige Leben unsrer drei Abenteurer

durch die Erweiterung der Gesellschaft auf mehr als eine Weise gestört;

denn Melina fing im Wirtshause (er hatte in ebendemselben, in welchem

Philine wohnte, Platz gefunden) gleich zu markten und zu quengeln an.

Er wollte für weniges Geld besseres Quartier, reichlichere Mahlzeit

und promptere Bedienung haben. In kurzer Zeit machten Wirt und

Kellner verdrießliche Gesichter, und wenn die andern, um froh zu leben,

sich alles gefallen ließen und nur geschwind bezahlten, um nicht

länger an das zu denken, was schon verzehrt war, so mußte die Mahlzeit,

die Melina regelmäßig sogleich berichtigte, jederzeit von vorn wieder

durchgenommen werden, so daß Philine ihn ohne Umstände ein

wiederkäuendes Tier nannte.

Noch verhaßter war Madame Melina dem lustigen Mädchen. Diese junge

Frau war nicht ohne Bildung, doch fehlte es ihr gänzlich an Geist und

Seele. Sie deklamierte nicht übel und wollte immer deklamieren;

allein man merkte bald, daß es nur eine Wortdeklamation war, die auf

einzelnen Stellen lastete und die Empfindung des Ganzen nicht

ausdrückte. Bei diesem allen war sie nicht leicht jemanden, besonders

Männern, unangenehm. Vielmehr schrieben ihr diejenigen, die mit ihr

umgingen, gewöhnlich einen schönen Verstand zu: denn sie war, was ich

mit einem Worte eine Anempfinderin nennen möchte; sie wußte einem

Freunde, um dessen Achtung ihr zu tun war, mit einer besondern

Aufmerksamkeit zu schmeicheln, in seine Ideen so lange als möglich

einzugehen, sobald sie aber ganz über ihren Horizont waren, mit

Ekstase eine solche neue Erscheinung aufzunehmen. Sie verstand zu

sprechen und zu schweigen und, ob sie gleich kein tückisches Gemüt

hatte, mit großer Vorsicht aufzupassen, wo des andern schwache Seite

sein möchte.

II. Buch, 6. Kapitel

Sechstes Kapitel

Melina hatte sich indessen nach den Trümmern der vorigen Direktion

genau erkundigt. Sowohl Dekorationen als Garderobe waren an einige

Handelsleute versetzt, und ein Notarius hatte den Auftrag von der

Direktrice erhalten, unter gewissen Bedingungen, wenn sich Liebhaber

fänden, in den Verkauf aus freier Hand zu willigen. Melina wollte die

Sachen besehen und zog Wilhelmen mit sich. Dieser empfand, als man

ihnen die Zimmer eröffnete, eine gewisse Neigung dazu, die er sich

jedoch selbst nicht gestand. In so einem schlechten Zustande auch die

geklecksten Dekorationen waren, so wenig scheinbar auch türkische und

heidnische Kleider, alte Karikaturröcke für Männer und Frauen, Kutten

für Zauberer, Juden und Pfaffen sein mochten, so konnt er sich doch

der Empfindung nicht erwehren, daß er die glücklichsten Augenblicke

seines Lebens in der Nähe eines ähnlichen Trödelkrams gefunden hatte.

Hätte Melina in sein Herz sehen können, so würde er ihm eifriger

zugesetzt haben, eine Summe Geldes auf die Befreiung, Aufstellung und

neue Belebung dieser zerstreuten Glieder zu einem schönen Ganzen

herzugeben. "Welch ein glücklicher Mensch", rief Melina aus, "könnte

ich sein, wenn ich nur zweihundert Taler besäße, um zum Anfange den

Besitz dieser ersten theatralischen Bedürfnisse zu erlangen. Wie bald

wollt ich ein kleines Schauspiel beisammen haben, das uns in dieser

Stadt, in dieser Gegend gewiß sogleich ernähren sollte." Wilhelm

schwieg, und beide verließen nachdenklich die wieder eingesperrten

Schätze.

Melina hatte von dieser Zeit an keinen andern Diskurs als Projekte und

Vorschläge, wie man ein Theater einrichten und dabei seinen Vorteil

finden könnte. Er suchte Philinen und Laertes zu interessieren, und

man tat Wilhelmen Vorschläge, Geld herzuschießen und Sicherheit

dagegen anzunehmen. Diesem fiel aber erst bei dieser Gelegenheit

recht auf, daß er hier so lange nicht hätte verweilen sollen; er

entschuldigte sich und wollte Anstalten machen, seine Reise

fortzusetzen.

Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 2 · 第 2 / 5 段