Ver.04.29.93*END*
This etext was prepared by Michael Pullen,
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Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 2
Johann Wolfgang von Goethe
Zweites Buch
Erstes Kapitel
Jeder, der mit lebhaften Kräften vor unsern Augen eine Absicht zu
erreichen strebt, kann, wir mögen seinen Zweck loben oder tadeln, sich
unsre Teilnahme versprechen; sobald aber die Sache entschieden ist,
wenden wir unser Auge sogleich von ihm weg; alles, was geendigt, was
abgetan daliegt, kann unsre Aufmerksamkeit keineswegs fesseln,
besonders wenn wir schon frühe der Unternehmung einen übeln Ausgang
prophezeit haben.
Deswegen sollen unsre Leser nicht umständlich mit dem Jammer und der
Not unsers verunglückten Freundes, in die er geriet, als er seine
Hoffnungen und Wünsche auf eine so unerwartete Weise zerstört sah,
unterhalten werden. Wir überspringen vielmehr einige Jahre und suchen
ihn erst da wieder auf, wo wir ihn in einer Art von Tätigkeit und
Genuß zu finden hoffen, wenn wir vorher nur kürzlich so viel, als zum
Zusammenhang der Geschichte nötig ist, vorgetragen haben.
Die Pest oder ein böses Fieber rasen in einem gesunden, vollsaftigen
Körper, den sie anfallen, schneller und heftiger, und so ward der arme
Wilhelm unvermutet von einem unglücklichen Schicksale überwältigt, daß
in einem Augenblicke sein ganzes Wesen zerrüttet war. Wie wenn von
ungefähr unter der Zurüstung ein Feuerwerk in Brand gerät und die
künstlich gebohrten und gefüllten Hülsen, die, nach einem gewissen
Plane geordnet und abgebrannt, prächtig abwechselnde Feuerbilder in
die Luft zeichnen sollten, nunmehr unordentlich und gefährlich
durcheinander zischen und sausen: so gingen auch jetzt in seinem Busen
Glück und Hoffnung, Wollust und Freuden, Wirkliches und Geträumtes auf
einmal scheiternd durcheinander. In solchen wüsten Augenblicken
erstarrt der Freund, der zur Rettung hinzueilt, und dem, den es trifft,
ist es eine Wohltat, daß ihn die Sinne verlassen.
Tage des lauten, ewig wiederkehrenden und mit Vorsatz erneuerten
Schmerzens folgten darauf; doch sind auch diese für eine Gnade der
Natur zu achten. In solchen Stunden hatte Wilhelm seine Geliebte noch
nicht ganz verloren; seine Schmerzen waren unermüdet erneuerte
Versuche, das Glück, das ihm aus der Seele entfloh, noch festzuhalten,
die Möglichkeit desselben in der Vorstellung wieder zu erhaschen,
seinen auf immer abgeschiedenen Freuden ein kurzes Nachleben zu
verschaffen. Wie man einen Körper, solange die Verwesung dauert,
nicht ganz tot nennen kann, solange die Kräfte, die vergebens nach
ihren alten Bestimmungen zu wirken suchen, an der Zerstörung der Teile,
die sie sonst belebten, sich abarbeiten; nur dann, wenn sich alles
aneinander aufgerieben hat, wenn wir das Ganze in gleichgültigen Staub
zerlegt sehen, dann entsteht das erbärmliche, leere Gefühl des Todes
in uns, nur durch den Atem des Ewiglebenden zu erquicken.
In einem so neuen, ganzen, lieblichen Gemüte war viel zu zerreißen, zu
zerstören, zu ertöten, und die schnellheilende Kraft der Jugend gab
selbst der Gewalt des Schmerzens neue Nahrung und Heftigkeit. Der
Streich hatte sein ganzes Dasein an der Wurzel getroffen. Werner, aus
Not sein Vertrauter, griff voll Eifer zu Feuer und Schwert, um einer
verhaßten Leidenschaft, dem Ungeheuer, ins innerste Leben zu dringen.
Die Gelegenheit war so glücklich, das Zeugnis so bei der Hand, und
wieviel Geschichten und Erzählungen wußt er nicht zu nutzen. Er
trieb's mit solcher Heftigkeit und Grausamkeit Schritt vor Schritt,
ließ dem Freunde nicht das Labsal des mindesten augenblicklichen
Betruges, vertrat ihm jeden Schlupfwinkel, in welchen er sich vor der
Verzweiflung hätte retten können, daß die Natur, die ihren Liebling
nicht wollte zugrunde gehen lassen, ihn mit Krankheit anfiel, um ihm
von der andern Seite Luft zu machen.
Ein lebhaftes Fieber mit seinem Gefolge, den Arzeneien, der
überspannung und der Mattigkeit; dabei die Bemühungen der Familie, die
Liebe der Mitgebornen, die durch Mangel und Bedürfnisse sich erst
recht fühlbar macht, waren so viele Zerstreuungen eines veränderten
Zustandes und eine kümmerliche Unterhaltung. Erst als er wieder
besser wurde, das heißt, als seine Kräfte erschöpft waren, sah Wilhelm
mit Entsetzen in den qualvollen Abgrund eines dürren Elendes hinab,
wie man in den ausgebrannten, hohlen Becher eines Vulkans
hinunterblickt.
Nunmehr machte er sich selbst die bittersten Vorwürfe, daß er nach so
großem Verlust noch einen schmerzenlosen, ruhigen, gleichgültigen
Augenblick haben könne. Er verachtete sein eigen Herz und sehnte sich
nach dem Labsal des Jammers und der Tränen.
Um diese wieder in sich zu erwecken, brachte er vor sein Andenken alle
Szenen des vergangenen Glücks. Mit der größten Lebhaftigkeit malte er
sie sich aus, strebte wieder in sie hinein, und wenn er sich zur
möglichsten Höhe hinaufgearbeitet hatte, wenn ihm der Sonnenschein
voriger Tage wieder die Glieder zu beleben, den Busen zu heben schien,
sah er rückwärts auf den schrecklichen Abgrund, labte sein Auge an der
zerschmetternden Tiefe, warf sich hinunter und erzwang von der Natur
die bittersten Schmerzen. Mit so wiederholter Grausamkeit zerriß er
sich selbst; denn die Jugend, die so reich an eingehüllten Kräften ist,
weiß nicht, was sie verschleudert, wenn sie dem Schmerz, den ein
Verlust erregt, noch so viele erzwungene Leiden zugesellt, als wollte
sie dem Verlornen dadurch noch erst einen rechten Wert geben. Auch
war er so überzeugt, daß dieser Verlust der einzige, der erste und
letzte sei, den er in seinem Leben empfinden könne, daß er jeden Trost
verabscheute, der ihm diese Leiden als endlich vorzustellen unternahm.
II. Buch, 2. Kapitel
Zweites Kapitel
Gewöhnt, auf diese Weise sich selbst zu quälen, griff er nun auch das
übrige, was ihm nach der Liebe und mit der Liebe die größten Freuden
und Hoffnungen gegeben hatte, sein Talent als Dichter und Schauspieler,
mit hämischer Kritik von allen Seiten an. Er sah in seinen Arbeiten
nichts als eine geistlose Nachahmung einiger hergebrachten Formen,
ohne innern Wert; er wollte darin nur steife Schulexerzitien erkennen,
denen es an jedem Funken von Naturell, Wahrheit und Begeisterung fehle.
In seinen Gedichten fand er nur ein monotones Silbenmaß, in welchem,
durch einen armseligen Reim zusammengehalten, ganz gemeine Gedanken
und Empfindungen sich hinschleppten; und so benahm er sich auch jede
Aussicht, jede Lust, die ihn von dieser Seite noch allenfalls hätte
wieder aufrichten können.
Seinem Schauspielertalente ging es nicht besser. Er schalt sich, daß
er nicht früher die Eitelkeit entdeckt, die allein dieser Anmaßung zum
Grunde gelegen. Seine Figur, sein Gang, seine Bewegung und
Deklamation mußten herhalten; er sprach sich jede Art von Vorzug,
jedes Verdienst, das ihn über das Gemeine emporgehoben hätte,
entscheidend ab und vermehrte seine stumme Verzweiflung dadurch auf
den höchsten Grad. Denn wenn es hart ist, der Liebe eines Weibes zu
entsagen, so ist die Empfindung nicht weniger schmerzlich, von dem
Umgange der Musen sich loszureißen, sich ihrer Gemeinschaft auf immer
unwürdig zu erklären und auf den schönsten und nächsten Beifall, der
unsrer Person, unserm Betragen, unsrer Stimme öffentlich gegeben wird,
Verzicht zu tun.
So hatte sich denn unser Freund völlig resigniert und sich zugleich
mit großem Eifer den Handelsgeschäften gewidmet. Zum Erstaunen seines
Freundes und zur größten Zufriedenheit seines Vaters war niemand auf
dem Comptoir und der Börse, im Laden und Gewölbe tätiger als er;
Korrespondenz und Rechnungen, und was ihm aufgetragen wurde, besorgte
und verrichtete er mit größtem Fleiß und Eifer. Freilich nicht mit
dem heitern Fleiße, der zugleich dem Geschäftigen Belohnung ist, wenn
wir dasjenige, wozu wir geboren sind, mit Ordnung und Folge verrichten,
sondern mit dem stillen Fleiße der Pflicht, der den besten Vorsatz
zum Grunde hat, der durch überzeugung genährt und durch ein innres
Selbstgefühl belohnt wird; der aber doch oft, selbst dann, wenn ihm
das schönste Bewußtsein die Krone reicht, einen vordringenden Seufzer
kaum zu ersticken vermag.
Auf diese Weise hatte Wilhelm eine Zeitlang sehr emsig fortgelebt und
sich überzeugt, daß jene harte Prüfung vom Schicksale zu seinem Besten
veranstaltet worden. Er war froh, auf dem Wege des Lebens sich
beizeiten, obgleich unfreundlich genug, gewarnt zu sehen, anstatt daß
andere später und schwerer die Mißgriffe büßen, wozu sie ein
jugendlicher Dünkel verleitet hat. Denn gewöhnlich wehrt sich der
Mensch so lange, als er kann, den Toren, den er im Busen hegt, zu
verabschieden, einen Hauptirrtum zu bekennen und eine Wahrheit
einzugestehen, die ihn zur Verzweiflung bringt.
So entschlossen er war, seinen liebsten Vorstellungen zu entsagen, so
war doch einige Zeit nötig, um ihn von seinem Unglücke völlig zu
überzeugen. Endlich aber hatte er jede Hoffnung der Liebe, des
poetischen Hervorbringens und der persönlichen Darstellung mit
triftigen Gründen so ganz in sich vernichtet, daß er Mut faßte, alle
Spuren seiner Torheit, alles, was ihn irgend noch daran erinnern
könnte, völlig auszulöschen. Er hatte daher an einem kühlen Abende
ein Kaminfeuer angezündet und holte ein Reliquienkästchen hervor, in
welchem sich hunderterlei Kleinigkeiten fanden, die er in bedeutenden
Augenblicken von Marianen erhalten oder derselben geraubt hatte. Jede
vertrocknete Blume erinnerte ihn an die Zeit, da sie noch frisch in
ihren Haaren blühte; jedes Zettelchen an die glückliche Stunde, wozu
sie ihn dadurch einlud; jede Schleife an den lieblichen Ruheplatz
seines Hauptes, ihren schönen Busen. Mußte nicht auf diese Weise jede
Empfindung, die er schon lange getötet glaubte, sich wieder zu bewegen
anfangen? Mußte nicht die Leidenschaft, über die er, abgeschieden von
seiner Geliebten, Herr geworden war, in der Gegenwart dieser
Kleinigkeiten wieder mächtig werden? Denn wir merken erst, wie
traurig und unangenehm ein trüber Tag ist, wenn ein einziger
durchdringender Sonnenblick uns den aufmunternden Glanz einer heitern
Stunde darstellt.
Nicht ohne Bewegung sah er daher diese so lange bewahrten Heiligtümer
nacheinander in Rauch und Flamme vor sich aufgehen. Einigemal hielt
er zaudernd inne und hatte noch eine Perlenschnur und ein flornes
Halstuch übrig, als er sich entschloß, mit den dichterischen Versuchen
seiner Jugend das abnehmende Feuer wieder aufzufrischen.
Bis jetzt hatte er alles sorgfältig aufgehoben, was ihm, von der
frühsten Entwicklung seines Geistes an, aus der Feder geflossen war.
Noch lagen seine Schriften in Bündel gebunden auf dem Boden des
Koffers, wohin er sie gepackt hatte, als er sie auf seiner Flucht
mitzunehmen hoffte. Wie ganz anders eröffnete er sie jetzt, als er
sie damals zusammenband!
Wenn wir einen Brief, den wir unter gewissen Umständen geschrieben und
gesiegelt haben, der aber den Freund, an den er gerichtet war, nicht
antrifft, sondern wieder zu uns zurückgebracht wird, nach einiger Zeit
eröffnen, überfällt uns eine sonderbare Empfindung, indem wir unser
eignes Siegel erbrechen und uns mit unserm veränderten Selbst wie mit
einer dritten Person unterhalten. Ein ähnliches Gefühl ergriff mit
Heftigkeit unsern Freund, als er das erste Paket eröffnete und die
zerteilten Hefte ins Feuer warf, die eben gewaltsam aufloderten, als
Werner hereintrat, sich über die lebhafte Flamme verwunderte und
fragte, was hier vorgehe.
"Ich gebe einen Beweis", sagte Wilhelm, "daß es mir Ernst sei, ein
Handwerk aufzugeben, wozu ich nicht geboren ward"; und mit diesen
Worten warf er das zweite Paket in das Feuer. Werner wollte ihn
abhalten, allein es war geschehen.
"Ich sehe nicht ein, wie du zu diesem Extrem kommst", sagte dieser.
"Warum sollen denn nun diese Arbeiten, wenn sie nicht vortrefflich
sind, gar vernichtet werden?"
"Weil ein Gedicht entweder vortrefflich sein oder gar nicht existieren
soll; weil jeder, der keine Anlage hat, das Beste zu leisten, sich der
Kunst enthalten und sich vor jeder Verführung dazu ernstlich in acht
nehmen sollte. Denn freilich regt sich in jedem Menschen ein gewisses
unbestimmtes Verlangen, dasjenige, was er sieht, nachzuahmen; aber
dieses Verlangen beweist gar nicht, daß auch die Kraft in uns wohne,
mit dem, was wir unternehmen, zustande zu kommen. Sieh nur die Knaben
an, wie sie jedesmal, sooft Seiltänzer in der Stadt gewesen, auf allen
Planken und Balken hin und wider gehen und balancieren, bis ein
anderer Reiz sie wieder zu einem ähnlichen Spiele hinzieht. Hast du
es nicht in dem Zirkel unsrer Freunde bemerkt? Sooft sich ein
Virtuose hören läßt, finden sich immer einige, die sogleich dasselbe
Instrument zu lernen anfangen. Wie viele irren auf diesem Wege herum!
Glücklich, wer den Fehlschluß von seinen Wünschen auf seine Kräfte
bald gewahr wird!"
Werner widersprach; die Unterredung ward lebhaft, und Wilhelm konnte
nicht ohne Bewegung die Argumente, mit denen er sich selbst so oft
gequält hatte, gegen seinen Freund wiederholen. Werner behauptete, es
sei nicht vernünftig, ein Talent, zu dem man nur einigermaßen Neigung
und Geschick habe, deswegen, weil man es niemals in der größten
Vollkommenheit ausüben werde, ganz aufzugeben. Es finde sich ja so
manche leere Zeit, die man dadurch ausfüllen und nach und nach etwas
hervorbringen könne, wodurch wir uns und andern ein Vergnügen bereiten.
Unser Freund, der hierin ganz anderer Meinung war, fiel ihm sogleich
ein und sagte mit großer Lebhaftigkeit:
"Wie sehr irrst du, lieber Freund, wenn du glaubst, daß ein Werk,
dessen erste Vorstellung die ganze Seele füllen muß, in unterbrochenen,
zusammengegeizten Stunden könne hervorgebracht werden. Nein, der
Dichter muß ganz sich, ganz in seinen geliebten Gegenständen leben.
Er, der vom Himmel innerlich auf das köstlichste begabt ist, der einen
sich immer selbst vermehrenden Schatz im Busen bewahrt, er muß auch
von außen ungestört mit seinen Schätzen in der stillen Glückseligkeit
leben, die ein Reicher vergebens mit aufgehäuften Gütern um sich
hervorzubringen sucht. Sieh die Menschen an, wie sie nach Glück und
Vergnügen rennen! Ihre Wünsche, ihre Mühe, ihr Geld jagen rastlos,
und wonach? Nach dem, was der Dichter von der Natur erhalten hat,
nach dem Genuß der Welt, nach dem Mitgefühl seiner selbst in andern,
nach einem harmonischen Zusammensein mit vielen oft unvereinbaren
Dingen.
Was beunruhiget die Menschen, als daß sie ihre Begriffe nicht mit den
Sachen verbinden können, daß der Genuß sich ihnen unter den Händen
wegstiehlt, daß das Gewünschte zu spät kommt und daß alles Erreichte
und Erlangte auf ihr Herz nicht die Wirkung tut, welche die Begierde
uns in der Ferne ahnen läßt. Gleichsam wie einen Gott hat das
Schicksal den Dichter über dieses alles hinübergesetzt. Er sieht das
Gewirre der Leidenschaften, Familien und Reiche sich zwecklos bewegen,
er sieht die unauflöslichen Rätsel der Mißverständnisse, denen oft nur
ein einsilbiges Wort zur Entwicklung fehlt, unsäglich verderbliche
Verwirrungen verursachen. Er fühlt das Traurige und das Freudige
jedes Menschenschicksals mit. Wenn der Weltmensch in einer
abzehrenden Melancholie über großen Verlust seine Tage hinschleicht
oder in ausgelassener Freude seinem Schicksale entgegengeht, so
schreitet die empfängliche, leichtbewegliche Seele des Dichters wie
die wandelnde Sonne von Nacht zu Tag fort, und mit leisen übergängen
stimmt seine Harfe zu Freude und Leid. Eingeboren auf dem Grund
seines Herzens wächst die schöne Blume der Weisheit hervor, und wenn
die andern wachend träumen und von ungeheuren Vorstellungen aus allen
ihren Sinnen geängstiget werden, so lebt er den Traum des Lebens als
ein Wachender, und das Seltenste, was geschieht, ist ihm zugleich
Vergangenheit und Zukunft. Und so ist der Dichter zugleich Lehrer
Wahrsager, Freund der Götter und der Menschen. Wie! willst du, daß er
zu einem kümmerlichen Gewerbe heruntersteige? Er, der wie ein Vogel
gebaut ist, um die Welt zu überschweben, auf hohen Gipfeln zu nisten
und seine Nahrung von Knospen und Früchten, einen Zweig mit dem andern
leicht verwechselnd, zu nehmen, er sollte zugleich wie der Stier am
Pfluge ziehen, wie der Hund sich auf eine Fährte gewöhnen oder
vielleicht gar, an die Kette geschlossen, einen Meierhof durch sein
Bellen sichern?"
Werner hatte, wie man sich denken kann, mit Verwunderung zugehört.
"Wenn nur auch die Menschen", fiel er ihm ein, "wie die Vögel gemacht
wären und, ohne daß sie spinnen und weben, holdselige Tage in
beständigem Genuß zubringen könnten! Wenn sie nur auch bei Ankunft
des Winters sich so leicht in ferne Gegenden begäben, dem Mangel
auszuweichen und sich vor dem Froste zu sichern!"
"So haben die Dichter in Zeiten gelebt, wo das Ehrwürdige mehr erkannt
ward", rief Wilhelm aus, "und so sollten sie immer leben. Genugsam in
ihrem Innersten ausgestattet, bedurften sie wenig von außen; die Gabe,
schöne Empfindungen, herrliche Bilder den Menschen in süßen, sich an
jeden Gegenstand anschmiegenden Worten und Melodien mitzuteilen,
bezauberte von jeher die Welt und war für den Begabten ein reichliches
Erbteil. An der Könige Höfen, an den Tischen der Reichen, vor den
Türen der Verliebten horchte man auf sie, indem sich das Ohr und die
Seele für alles andere verschloß, wie man sich seligpreist und
entzückt stillesteht, wenn aus den Gebüschen, durch die man wandelt,
die Stimme der Nachtigall gewaltig rührend hervordringt! Sie fanden
eine gastfreie Welt, und ihr niedrig scheinender Stand erhöhte sie nur
desto mehr. Der Held lauschte ihren Gesängen, und der überwinder der
Welt huldigte einem Dichter, weil er fühlte, daß ohne diesen sein
ungeheures Dasein nur wie ein Sturmwind vorüberfahren würde; der
Liebende wünschte sein Verlangen und seinen Genuß so tausendfach und
so harmonisch zu fühlen, als ihn die beseelte Lippe zu schildern
verstand; und selbst der Reiche konnte seine Besitztümer, seine
Abgötter, nicht mit eigenen Augen so kostbar sehen, als sie ihm vom
Glanz des allen Wert fühlenden und erhöhenden Geistes beleuchtet
erschienen. Ja, wer hat, wenn du willst, Götter gebildet, uns zu
ihnen erhoben, sie zu uns herniedergebracht, als der Dichter?"
"Mein Freund", versetzte Werner nach einigem Nachdenken, "ich habe
schon oft bedauert, daß du das, was du so lebhaft fühlst, mit Gewalt
aus deiner Seele zu verbannen strebst. Ich müßte mich sehr irren,
wenn du nicht besser tätest, dir selbst einigermaßen nachzugeben, als
dich durch die Widersprüche eines so harten Entsagens aufzureiben und
dir mit der einen unschuldigen Freude den Genuß aller übrigen zu
entziehen."
"Darf ich dir's gestehen, mein Freund",versetzte der andre, "und wirst
du mich nicht lächerlich finden, wenn ich dir bekenne, daß jene Bilder
mich noch immer verfolgen, sosehr ich sie fliehe, und daß, wenn ich
mein Herz untersuche, alle frühen Wünsche fest, ja noch fester als
sonst darin haften? Doch was bleibt mir Unglücklichem gegenwärtig
übrig? Ach, wer mir vorausgesagt hätte, daß die Arme meines Geistes
so bald zerschmettert werden sollten, mit denen ich ins Unendliche
griff und mit denen ich doch gewiß ein Großes zu umfassen hoffte, wer
mir das vorausgesagt hätte, würde mich zur Verzweiflung gebracht haben.
Und noch jetzt, da das Gericht über mich ergangen ist, jetzt, da ich
die verloren habe, die anstatt einer Gottheit mich zu meinen Wünschen
hinüberführen sollte, was bleibt mir übrig, als mich den bittersten
Schmerzen zu überlassen? O mein Bruder", fuhr er fort, "ich leugne
nicht, sie war mir bei meinen heimlichen Anschlägen der Kloben, an den
eine Strickleiter befestigt ist; gefährlich hoffend schwebt der
Abenteurer in der Luft, das Eisen bricht, und er liegt zerschmettert
am Fuße seiner Wünsche. Es ist auch nun für mich kein Trost, keine
Hoffnung mehr! Ich werde", rief er aus, indem er aufsprang, "von
diesen unglückseligen Papieren keines übriglassen." Er faßte abermals
ein paar Hefte an, riß sie auf und warf sie ins Feuer. Werner wollte
ihn abhalten, aber vergebens. "Laß mich!" rief Wilhelm, "was sollen
diese elenden Blätter? Für mich sind sie weder Stufe noch
Aufmunterung mehr. Sollen sie übrigbleiben, um mich bis ans Ende
meines Lebens zu peinigen? Sollen sie vielleicht einmal der Welt zum
Gespötte dienen, anstatt Mitleiden und Schauer zu erregen? Weh über
mich und über mein Schicksal! Nun verstehe ich erst die Klagen der
Dichter, der aus Not weise gewordnen Traurigen. Wie lange hielt ich
mich für unzerstörbar, für unverwundlich, und ach! nun seh ich, daß
ein tiefer früher Schade nicht wieder auswachsen, sich nicht wieder
herstellen kann; ich fühle, daß ich ihn mit ins Grab nehmen muß. Nein!
keinen Tag des Lebens soll der Schmerz von mir weichen, der mich noch
zuletzt umbringt, und auch ihr Andenken soll bei mir bleiben, mit mir
leben und sterben, das Andenken der Unwürdigen--ach, mein Freund! wenn
ich von Herzen reden soll--der gewiß nicht ganz Unwürdigen! Ihr Stand,
ihre Schicksale haben sie tausendmal bei mir entschuldigt. Ich bin
zu grausam gewesen, du hast mich in deine Kälte, in deine Härte
unbarmherzig eingeweiht, meine zerrütteten Sinne gefangengehalten und
mich verhindert, das für sie und für mich zu tun, was ich uns beiden
schuldig war. Wer weiß, in welchen Zustand ich sie versetzt habe, und
erst nach und nach fällt mir's aufs Gewissen, in welcher Verzweiflung,
in welcher Hülflosigkeit ich sie verließ! War's nicht möglich, daß
sie sich entschuldigen konnte? War's nicht möglich? Wieviel
Mißverständnisse können die Welt verwirren, wieviel Umstände können
dem größten Fehler Vergebung erflehen!--Wie oft denke ich mir sie, in
der Stille für sich sitzend, auf ihren Ellenbogen gestützt.--"Das ist",
sagt sie, "die Treue, die Liebe, die er mir zuschwur! Mit diesem
unsanften Schlag das schöne Leben zu endigen, das uns verband!""--Er
brach in einen Strom von Tränen aus, indem er sich mit dem Gesichte
auf den Tisch warf und die übergebliebenen Papiere benetzte.
Werner stand in der größten Verlegenheit dabei. Er hatte sich dieses
rasche Auflodern der Leidenschaft nicht vermutet. Etlichemal wollte
er seinem Freunde in die Rede fallen, etlichemal das Gespräch
woandershin lenken, vergebens! er widerstand dem Strome nicht. Auch
hier übernahm die ausdauernde Freundschaft wieder ihr Amt. Er ließ
den heftigsten Anfall des Schmerzens vorüber, indem er durch seine
stille Gegenwart eine aufrichtige, reine Teilnehmung am besten sehen
ließ, und so blieben sie diesen Abend; Wilhelm ins stille Nachgefühl
des Schmerzens versenkt und der andere erschreckt durch den neuen
Ausbruch einer Leidenschaft, die er lange bemeistert und durch guten
Rat und eifriges Zureden überwältigt zu haben glaubte.
II. Buch, 3. Kapitel
Drittes Kapitel
Nach solchen Rückfällen pflegte Wilhelm meist nur desto eifriger sich
den Geschäften und der Tätigkeit zu widmen, und es war der beste Weg,
dem Labyrinthe, das ihn wieder anzulocken suchte, zu entfliehen.
Seine gute Art, sich gegen Fremde zu betragen, seine Leichtigkeit,
fast in allen lebenden Sprachen Korrespondenz zu führen, gaben seinem
Vater und dessen Handelsfreunde immer mehr Hoffnung und trösteten sie
über die Krankheit, deren Ursache ihnen nicht bekannt geworden war,
und über die Pause, die ihren Plan unterbrochen hatte. Man beschloß
Wilhelms Abreise zum zweitenmal, und wir finden ihn auf seinem Pferde,
den Mantelsack hinter sich, erheitert durch freie Luft und Bewegung,
dem Gebirge sich nähern, wo er einige Aufträge ausrichten sollte.
Er durchstrich langsam Täler und Berge mit der Empfindung des größten
Vergnügens. überhangende Felsen, rauschende Wasserbäche, bewachsene
Wände, tiefe Gründe sah er hier zum erstenmal, und doch hatten seine
frühsten Jugendträume schon in solchen Gegenden geschwebt. Er fühlte
sich bei diesem Anblicke wieder verjüngt; alle erduldeten Schmerzen
waren aus seiner Seele weggewaschen, und mit völliger Heiterkeit sagte
er sich Stellen aus verschiedenen Gedichten, besonders aus dem "Pastor
fido" vor, die an diesen einsamen Plätzen scharenweis seinem
Gedächtnisse zuflossen. Auch erinnerte er sich mancher Stellen aus
seinen eigenen Liedern, die er mit einer besondern Zufriedenheit
rezitierte. Er belebte die Welt, die vor ihm lag, mit allen Gestalten
der Vergangenheit, und jeder Schritt in die Zukunft war ihm voll
Ahnung wichtiger Handlungen und merkwürdiger Begebenheiten.
Mehrere Menschen, die aufeinanderfolgend hinter ihm herkamen, an ihm
mit einem Gruße vorbeigingen und den Weg ins Gebirge, durch steile
Fußpfade, eilig fortsetzten, unterbrachen einigemal seine stille
Unterhaltung, ohne daß er jedoch aufmerksam auf sie geworden wäre.
Endlich gesellte sich ein gesprächiger Gefährte zu ihm und erzählte
die Ursache der starken Pilgerschaft.
"Zu Hochdorf", sagte er, "wird heute abend eine Komödie gegeben, wozu
sich die ganze Nachbarschaft versammelt."
"Wie!" rief Wilhelm, "in diesen einsamen Gebirgen, zwischen diesen
undurchdringlichen Wäldern hat die Schauspielkunst einen Weg gefunden
und sich einen Tempel aufgebaut? und ich muß zu ihrem Feste
wallfahrten?"
"Sie werden sich noch mehr wundern", sagte der andere, "wenn Sie hören,
durch wen das Stück aufgeführt wird. Es ist eine große Fabrik in dem
Orte, die viel Leute ernährt. Der Unternehmer, der sozusagen von
aller menschlichen Gesellschaft entfernt lebt, weiß seine Arbeiter im
Winter nicht besser zu beschäftigen, als daß er sie veranlaßt hat,
Komödie zu spielen. Er leidet keine Karten unter ihnen und wünscht
sie auch sonst von rohen Sitten abzuhalten. So bringen sie die langen
Abende zu, und heute, da des Alten Geburtstag ist, geben sie ihm zu
Ehren eine besondere Festlichkeit."
Wilhelm kam zu Hochdorf an, wo er übernachten sollte, und stieg bei
der Fabrik ab, deren Unternehmer auch als Schuldner auf seiner Liste
stand.
Als er seinen Namen nannte, rief der Alte verwundert aus: "Ei, mein
Herr, sind Sie der Sohn des braven Mannes, dem ich so viel Dank und
bis jetzt noch Geld schuldig bin? Ihr Herr Vater hat so viel Geduld
mit mir gehabt, daß ich ein Bösewicht sein müßte, wenn ich nicht eilig
und fröhlich bezahlte. Sie kommen eben zur rechten Zeit, um zu sehen,
daß es mir Ernst ist."
Er rief seine Frau herbei, welche ebenso erfreut war, den jungen Mann
zu sehen; sie versicherte, daß er seinem Vater gleiche, und bedauerte,
daß sie ihn wegen der vielen Fremden die Nacht nicht beherbergen könne.
Das Geschäft war klar und bald berichtigt; Wilhelm steckte ein
Röllchen Gold in die Tasche und wünschte, daß seine übrigen Geschäfte
auch so leicht gehen möchten.
Die Stunde des Schauspiels kam heran, man erwartete nur noch den
Oberforstmeister, der endlich auch anlangte, mit einigen Jägern
eintrat und mit der größten Verehrung empfangen wurde.
Die Gesellschaft wurde nunmehr ins Schauspielhaus geführt, wozu man
eine Scheune eingerichtet hatte, die gleich am Garten lag. Haus und
Theater waren, ohne sonderlichen Geschmack, munter und artig genug
angelegt. Einer von den Malern, die auf der Fabrik arbeiteten, hatte
bei dem Theater in der Residenz gehandlangt und hatte nun Wald, Straße
und Zimmer, freilich etwas roh, hingestellt. Das Stück hatten sie von
einer herumziehenden Truppe geborgt und nach ihrer eigenen Weise
zurechtgeschnitten. So wie es war, unterhielt es. Die Intrige, daß
zwei Liebhaber ein Mädchen ihrem Vormunde und wechselsweise sich
selbst entreißen wollen, brachte allerlei interessante Situationen
hervor. Es war das erste Stück, das unser Freund nach einer so langen
Zeit wieder sah; er machte mancherlei Betrachtungen. Es war voller
Handlung, aber ohne Schilderung wahrer Charaktere. Es gefiel und
ergötzte. So sind die Anfänge aller Schauspielkunst. Der rohe Mensch
ist zufrieden, wenn er nur etwas vorgehen sieht; der gebildete will
empfinden, und Nachdenken ist nur dem ganz ausgebildeten angenehm.
Den Schauspielern hätte er hie und da gerne nachgeholfen; denn es
fehlte nur wenig, so hätten sie um vieles besser sein können.
In seinen stillen Betrachtungen störte ihn der Tabaksdampf, der immer
stärker und stärker wurde. Der Oberforstmeister hatte bald nach
Anfang des Stücks seine Pfeife angezündet, und nach und nach nahmen
sich mehrere diese Freiheit heraus. Auch machten die großen Hunde
dieses Herrn schlimme Auftritte. Man hatte sie zwar ausgesperrt;
allein sie fanden bald den Weg zur Hintertüre herein, liefen auf das
Theater, rannten wider die Akteurs und gesellten sich endlich durch
einen Sprung über das Orchester zu ihrem Herrn, der den ersten Platz
im Parterre eingenommen hatte.
Zum Nachspiel ward ein Opfer dargebracht. Ein Porträt, das den Alten
in seinem Bräutigamskleide vorstellte, stand auf einem Altar, mit
Kränzen behangen. Alle Schauspieler huldigten ihm in demutvollen
Stellungen. Das jüngste Kind trat, weiß gekleidet, hervor und hielt
eine Rede in Versen, wodurch die ganze Familie und sogar der
Oberforstmeister, der sich dabei an seine Kinder erinnerte, zu Tränen
bewegt wurde. So endigte sich das Stück, und Wilhelm konnte nicht
umhin, das Theater zu besteigen, die Aktricen in der Nähe zu besehen,
sie wegen ihres Spiels zu loben und ihnen auf die Zukunft einigen Rat
zu geben.
Die übrigen Geschäfte unsers Freundes, die er nach und nach in größern
und kleinern Gebirgsorten verrichtete, liefen nicht alle so glücklich
noch so vergnügt ab. Manche Schuldner baten um Aufschub, manche waren
unhöflich, manche leugneten. Nach seinem Auftrage sollte er einige
verklagen; er mußte einen Advokaten aufsuchen, diesen instruieren,
sich vor Gericht stellen und was dergleichen verdrießliche Geschäfte
noch mehr waren.
Ebensoschlimm erging es ihm, wenn man ihm eine Ehre erzeigen wollte.
Nur wenig Leute fand er, die ihn einigermaßen unterrichten konnten;
wenige, mit denen er in ein nützliches Handelsverhältnis zu kommen
hoffte. Da nun auch unglücklicherweise Regentage einfielen und eine
Reise zu Pferd in diesen Gegenden mit unerträglichen Beschwerden
verknüpft war, so dankte er dem Himmel, als er sich dem flachen Lande
wieder näherte und am Fuße des Gebirges in einer schönen und
fruchtbaren Ebene, an einem sanften Flusse, im Sonnenscheine ein
heiteres Landstädtchen liegen sah, in welchem er zwar keine Geschäfte
hatte, aber eben deswegen sich entschloß, ein paar Tage daselbst zu
verweilen, um sich und seinem Pferde, das von dem schlimmen Wege sehr
gelitten hatte, einige Erholung zu verschaffen.
II. Buch, 4. Kapitel--1
Viertes Kapitel
Als er in einem Wirtshause auf dem Markte abtrat, ging es darin sehr
lustig, wenigstens sehr lebhaft zu. Eine große Gesellschaft
Seiltänzer, Springer und Gaukler, die einen starken Mann bei sich
hatten, waren mit Weib und Kindern eingezogen und machten, indem sie
sich auf eine öffentliche Erscheinung bereiteten, einen Unfug über den
andern. Bald stritten sie mit dem Wirte, bald unter sich selbst; und
wenn ihr Zank unleidlich war, so waren die äußerungen ihres Vergnügens
ganz und gar unerträglich. Unschlüssig, ob er gehen oder bleiben
sollte, stand er unter dem Tore und sah den Arbeitern zu, die auf dem
Platze ein Gerüst aufzuschlagen anfingen.
Ein Mädchen, das Rosen und andere Blumen herumtrug, bot ihm ihren Korb
dar, und er kaufte sich einen schönen Strauß, den er mit Liebhaberei
anders band und mit Zufriedenheit betrachtete, als das Fenster eines
an der Seite des Platzes stehenden andern Gasthauses sich auftat und
ein wohlgebildetes Frauenzimmer sich an demselben zeigte. Er konnte
ungeachtet der Entfernung bemerken, daß eine angenehme Heiterkeit ihr
Gesicht belebte. Ihre blonden Haare fielen nachlässig aufgelöst um
ihren Nacken; sie schien sich nach dem Fremden umzusehen. Einige Zeit
darauf trat ein Knabe, der eine Frisierschürze umgegürtet und ein
weißes Jäckchen anhatte, aus der Türe jenes Hauses, ging auf Wilhelmen
zu, begrüßte ihn und sagte: "Das Frauenzimmer am Fenster läßt Sie
fragen, ob Sie ihr nicht einen Teil der schönen Blumen abtreten
wollen?"--"Sie stehn ihr alle zu Diensten", versetzte Wilhelm, indem
er dem leichten Boten das Bouquet überreichte und zugleich der Schönen
ein Kompliment machte, welches sie mit einem freundlichen Gegengruß
erwiderte und sich vom Fenster zurückzog.
Nachdenkend über dieses artige Abenteuer ging er nach seinem Zimmer
die Treppe hinauf, als ein junges Geschöpf ihm entgegensprang, das
seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein kurzes seidnes Westchen mit
geschlitzten spanischen ärmeln, knappe lange Beinkleider mit Puffen
standen dem Kinde gar artig. Lange schwarze Haare waren in Locken und
Zöpfen um den Kopf gekräuselt und gewunden. Er sah die Gestalt mit
Verwunderung an und konnte nicht mit sich einig werden, ob er sie für
einen Knaben oder für ein Mädchen erklären sollte. Doch entschied er
sich bald für das letzte und hielt sie auf, da sie bei ihm vorbeikam,
bot ihr einen guten Tag und fragte sie, wem sie angehöre, ob er schon
leicht sehen konnte, daß sie ein Glied der springenden und tanzenden
Gesellschaft sein müsse. Mit einem scharfen schwarzen Seitenblick sah
sie ihn an, indem sie sich von ihm losmachte und in die Küche lief,
ohne zu antworten.
Als er die Treppe hinaufkam, fand er auf dem weiten Vorsaale zwei
Mannspersonen, die sich im Fechten übten oder vielmehr ihre
Geschicklichkeit aneinander zu versuchen schienen. Der eine war
offenbar von der Gesellschaft, die sich im Hause befand, der andere
hatte ein weniger wildes Ansehn. Wilhelm sah ihnen zu und hatte
Ursache, sie beide zu bewundern, und als nicht lange darauf der
schwarzbärtige, nervige Streiter den Kampfplatz verließ, bot der
andere mit vieler Artigkeit Wilhelmen das Rapier an.
"Wenn Sie einen Schüler", versetzte dieser, "in die Lehre nehmen
wollen, so bin ich wohl zufrieden, mit Ihnen einige Gänge zu wagen."
Sie fochten zusammen, und obgleich der Fremde dem Ankömmling weit
überlegen war, so war er doch höflich genug zu versichern, daß alles
nur auf übung ankomme; und wirklich hatte Wilhelm auch gezeigt, daß er
früher von einem guten und gründlichen deutschen Fechtmeister
unterrichtet worden war.
Ihre Unterhaltung ward durch das Getöse unterbrochen, mit welchem die
bunte Gesellschaft aus dem Wirtshause auszog, um die Stadt von ihrem
Schauspiel zu benachrichtigen und auf ihre Künste begierig zu machen.
Einem Tambour folgte der Entrepreneur zu Pferde, hinter ihm eine
Tänzerin auf einem ähnlichen Gerippe, die ein Kind vor sich hielt, das
mit Bändern und Flintern wohl herausgeputzt war. Darauf kam die
übrige Truppe zu Fuß, wovon einige auf ihren Schultern Kinder, in
abenteuerlichen Stellungen, leicht und bequem dahertrugen, unter denen
die junge, schwarzköpfige, düstere Gestalt Wilhelms Aufmerksamkeit
aufs neue erregte.
Pagliasso lief unter der andringenden Menge drollig hin und her und
teilte mit sehr begreiflichen Späßen, indem er bald ein Mädchen küßte,
bald einen Knaben pritschte, seine Zettel aus und erweckte unter dem
Volke eine unüberwindliche Begierde, ihn näher kennenzulernen.
In den gedruckten Anzeigen waren die mannigfaltigen Künste der
Gesellschaft, besonders eines Monsieur Narziß und der Demoiselle
Landrinette herausgestrichen, welche beide als Hauptpersonen die
Klugheit gehabt hatten, sich von dem Zuge zu enthalten, sich dadurch
ein vornehmeres Ansehn zu geben und größere Neugier zu erwecken.
Während des Zuges hatte sich auch die schöne Nachbarin wieder am
Fenster sehen lassen, und Wilhelm hatte nicht verfehlt, sich bei
seinem Gesellschafter nach ihr zu erkundigen. Dieser, den wir
einstweilen Laertes nennen wollen, erbot sich, Wilhelmen zu ihr
hinüber zu begleiten. "Ich und das Frauenzimmer", sagte er lächelnd,
"sind ein paar Trümmer einer Schauspielergesellschaft, die vor kurzem
hier scheiterte. Die Anmut des Orts hat uns bewogen, einige Zeit hier
zu bleiben und unsre wenige gesammelte Barschaft in Ruhe zu verzehren,
indes ein Freund ausgezogen ist, ein Unterkommen für sich und uns zu
suchen."
Laertes begleitete sogleich seinen neuen Bekannten zu Philinens Türe,
wo er ihn einen Augenblick stehenließ, um in einem benachbarten Laden
Zuckerwerk zu holen. "Sie werden mir es gewiß danken", sagte er,
indem er zurückkam, "daß ich Ihnen diese artige Bekanntschaft
verschaffe."
Das Frauenzimmer kam ihnen auf ein Paar leichten Pantöffelchen mit
hohen Absätzen aus der Stube entgegengetreten. Sie hatte eine
schwarze Mantille über ein weißes Neglige geworfen, das, eben weil es
nicht ganz reinlich war, ihr ein häusliches und bequemes Ansehn gab;
ihr kurzes Röckchen ließ die niedlichsten Füße von der Welt sehen.
"Sein Sie mir willkommen!" rief sie Wilhelmen zu, "und nehmen Sie
meinen Dank für die schönen Blumen." Sie führte ihn mit der einen
Hand ins Zimmer, indem sie mit der andern den Strauß an die Brust
drückte. Als sie sich niedergesetzt hatten und in gleichgültigen
Gesprächen begriffen waren, denen sie eine reizende Wendung zu geben
wußte, schüttete ihr Laertes gebrannte Mandeln in den Schoß, von denen
sie sogleich zu naschen anfing. "Sehn Sie, welch ein Kind dieser
junge Mensch ist!" rief sie aus, "er wird Sie überreden wollen, daß
ich eine große Freundin von solchen Näschereien sei, und er ist's, der
nicht leben kann, ohne irgend etwas Leckeres zu genießen."
"Lassen Sie uns nur gestehn", versetzte Laertes, "daß wir hierin, wie
in mehrerem, einander gern Gesellschaft leisten. Zum Beispiel", sagte
er, "es ist heute ein sehr schöner Tag; ich dächte, wir führen
spazieren und nähmen unser Mittagsmahl auf der Mühle."--"Recht gern",
sagte Philine, "wir müssen unserm neuen Bekannten eine kleine
Veränderung machen." Laertes sprang fort, denn er ging niemals, und
Wilhelm wollte einen Augenblick nach Hause, um seine Haare, die von
der Reise noch verworren aussahen, in Ordnung bringen zu lassen. "Das
können Sie hier!" sagte sie, rief ihren kleinen Diener, nötigte
Wilhelmen auf die artigste Weise, seinen Rock auszuziehen, ihren
Pudermantel anzulegen und sich in ihrer Gegenwart frisieren zu lassen.
"Man muß ja keine Zeit versäumen", sagte sie; "man weiß nicht, wie
lange man beisammen bleibt."
Der Knabe, mehr trotzig und unwillig als ungeschickt, benahm sich
nicht zum besten, raufte Wilhelmen und schien so bald nicht fertig
werden zu wollen. Philine verwies ihm einigemal seine Unart, stieß
ihn endlich ungeduldig hinweg und jagte ihn zur Türe hinaus. Nun
übernahm sie selbst die Bemühung und kräuselte die Haare unsers
Freundes mit großer Leichtigkeit und Zierlichkeit, ob sie gleich auch
nicht zu eilen schien und bald dieses, bald jenes an ihrer Arbeit
auszusetzen hatte, indem sie nicht vermeiden konnte, mit ihren Knien
die seinigen zu berühren und Strauß und Busen so nahe an seine Lippen
zu bringen, daß er mehr als einmal in Versuchung gesetzt ward, einen
Kuß darauf zu drücken.
Als Wilhelm mit einem kleinen Pudermesser seine Stirne gereinigt hatte,
sagte sie zu ihm: "Stecken Sie es ein, und gedenken Sie meiner dabei."
Es war ein artiges Messer; der Griff von eingelegtem Stahl zeigte
die freundlichen Worte: "Gedenkt mein". Wilhelm steckte es zu sich,
dankte ihr und bat um die Erlaubnis, ihr ein kleines Gegengeschenk
machen zu dürfen.
Nun war man fertig geworden. Laertes hatte die Kutsche gebracht, und
nun begann eine sehr lustige Fahrt. Philine warf jedem Armen, der sie
anbettelte, etwas zum Schlage hinaus, indem sie ihm zugleich ein
munteres und freundliches Wort zurief.
Sie waren kaum auf der Mühle angekommen und hatten ein Essen bestellt,
als eine Musik vor dem Hause sich hören ließ. Es waren Bergleute, die
zu Zither und Triangel mit lebhaften und grellen Stimmen verschiedene
artige Lieder vortrugen. Es dauerte nicht lange, so hatte eine
herbeiströmende Menge einen Kreis um sie geschlossen, und die
Gesellschaft nickte ihnen ihren Beifall aus den Fenstern zu. Als sie
diese Aufmerksamkeit gesehen, erweiterten sie ihren Kreis und schienen
sich zu ihrem wichtigsten Stückchen vorzubereiten. Nach einer Pause
trat ein Bergmann mit einer Hacke hervor und stellte, indes die andern
eine ernsthafte Melodie spielten, die Handlung des Schürfens vor.
Es währte nicht lange, so trat ein Bauer aus der Menge und gab jenem
pantomimisch drohend zu verstehen, daß er sich von hier hinwegbegeben
solle. Die Gesellschaft war darüber verwundert und erkannte erst den
in einen Bauer verkleideten Bergmann, als er den Mund auftat und in
einer Art von Rezitativ den andern schalt, daß er wage, auf seinem
Acker zu hantieren. Jener kam nicht aus der Fassung, sondern fing an,
den Landmann zu belehren, daß er recht habe, hier einzuschlagen, und
gab ihm dabei die ersten Begriffe vom Bergbau. Der Bauer, der die
fremde Terminologie nicht verstand, tat allerlei alberne Fragen,
worüber die Zuschauer, die sich klüger fühlten, ein herzliches
Gelächter aufschlugen. Der Bergmann suchte ihn zu berichten und
bewies ihm den Vorteil, der zuletzt auch auf ihn fließe, wenn die
unterirdischen Schätze des Landes herausgewühlt würden. Der Bauer,
der jenem zuerst mit Schlägen gedroht hatte, ließ sich nach und nach
besänftigen, und sie schieden als gute Freunde voneinander; besonders
aber zog sich der Bergmann auf die honorabelste Art aus diesem Streite.
"Wir haben", sagte Wilhelm bei Tische, "an diesem kleinen Dialog das
lebhafteste Beispiel, wie nützlich allen Ständen das Theater sein
könnte, wie vielen Vorteil der Staat selbst daraus ziehen müßte, wenn
man die Handlungen, Gewerbe und Unternehmungen der Menschen von ihrer
guten, lobenswürdigen Seite und in dem Gesichtspunkte auf das Theater
brächte, aus welchem sie der Staat selbst ehren und schützen muß.
Jetzt stellen wir nur die lächerliche Seite der Menschen dar; der
Lustspieldichter ist gleichsam nur ein hämischer Kontrolleur, der auf
die Fehler seiner Mitbürger überall ein wachsames Auge hat und froh zu
sein scheint, wenn er ihnen eins anhängen kann. Sollte es nicht eine
angenehme und würdige Arbeit für einen Staatsmann sein, den
natürlichen, wechselseitigen Einfluß aller Stände zu überschauen und
einen Dichter, der Humor genug hätte, bei seinen Arbeiten zu leiten?
Ich bin überzeugt, es könnten auf diesem Wege manche sehr
unterhaltende, zugleich nützliche und lustige Stücke ersonnen werden."
"Soviel ich", sagte Laertes, "überall, wo ich herumgeschwärmt bin,
habe bemerken können, weiß man nur zu verbieten, zu hindern und
abzulehnen; selten aber zu gebieten, zu befördern und zu belohnen.
Man läßt alles in der Welt gehn, bis es schädlich wird; dann zürnt man
und schlägt drein."
"Laßt mit den Staat und die Staatsleute weg", sagte Philine, "ich kann
mir sie nicht anders als in Perücken vorstellen, und eine Perücke, es
mag sie aufhaben, wer da will, erregt in meinen Fingern eine
krampfhafte Bewegung; ich möchte sie gleich dem ehrwürdigen Herrn
herunternehmen, in der Stube herumspringen und den Kahlkopf auslachen."
Mit einigen lebhaften Gesängen, welche sie sehr schön vortrug, schnitt
Philine das Gespräch ab und trieb zu einer schnellen Rückfahrt, damit
man die Künste der Seiltänzer am Abende zu sehen nicht versäumen
möchte. Drollig bis zur Ausgelassenheit, setzte sie ihre
Freigebigkeit gegen die Armen auf dem Heimwege fort, indem sie zuletzt,
da ihr und ihren Reisegefährten das Geld ausging, einem Mädchen ihren
Strohhut und einem alten Weibe ihr Halstuch zum Schlage hinauswarf.
Philine lud beide Begleiter zu sich in ihre Wohnung, weil man, wie sie
sagte, aus ihren Fenstern das öffentliche Schauspiel besser als im
andern Wirtshause sehen könne.
Als sie ankamen, fanden sie das Gerüst aufgeschlagen und den
Hintergrund mit aufgehängten Teppichen geziert. Die Schwungbretter
waren schon gelegt, das Schlappseil an die Pfosten befestigt und das
straffe Seil über die Böcke gezogen. Der Platz war ziemlich mit Volk
gefüllt und die Fenster mit Zuschauern einiger Art besetzt.
Pagliaß bereitete erst die Versammlung mit einigen Albernheiten,
worüber die Zuschauer immer zu lachen pflegen, zur Aufmerksamkeit und
guten Laune vor. Einige Kinder, deren Körper die seltsamsten
Verrenkungen darstellten, erregten bald Verwunderung, bald Grausen,
und Wilhelm konnte sich des tiefen Mitleidens nicht enthalten, als er
das Kind, an dem er beim ersten Anblicke teilgenommen, mit einiger
Mühe die sonderbaren Stellungen hervorbringen sah. Doch bald erregten
die lustigen Springer ein lebhaftes Vergnügen, wenn sie erst einzeln,
dann hintereinander und zuletzt alle zusammen sich vorwärts und
rückwärts in der Luft überschlugen. Ein lautes Händeklatschen und
Jauchzen erscholl aus der ganzen Versammlung.
Nun aber ward die Aufmerksamkeit auf einen ganz andern Gegenstand
gewendet. Die Kinder, eins nach dem andern, mußten das Seil betreten,
und zwar die Lehrlinge zuerst, damit sie durch ihre übungen das
Schauspiel verlängerten und die Schwierigkeit der Kunst ins Licht
setzten. Es zeigten sich auch einige Männer und erwachsene
Frauenspersonen mit ziemlicher Geschicklichkeit; allein es war noch
nicht Monsieur Narziß, noch nicht Demoiselle Landrinette.
Endlich traten auch diese aus einer Art von Zelt hinter aufgespannten
roten Vorhängen hervor und erfüllten durch ihre angenehme Gestalt und
zierlichen Putz die bisher glücklich genährte Hoffnung der Zuschauer.
Er ein munteres Bürschchen von mittlerer Größe, schwarzen Augen und
einem starken Haarzopf; sie nicht minder wohl und kräftig gebildet;
beide zeigten sich nacheinander auf dem Seile mit leichten Bewegungen,
Sprüngen und seltsamen Posituren. Ihre Leichtigkeit, seine
Verwegenheit, die Genauigkeit, womit beide ihre Kunststücke ausführten,
erhöhten mit jedem Schritt und Sprung das allgemeine Vergnügen. Der
Anstand, womit sie sich betrugen, die anscheinenden Bemühungen der
andern um sie gaben ihnen das Ansehn, als wenn sie Herr und Meister
der ganzen Truppe wären, und jedermann hielt sie des Ranges wert.
Die Begeisterung des Volks teilte sich den Zuschauern an den Fenstern
mit, die Damen sahen unverwandt nach Narzissen, die Herren nach
Landrinetten. Das Volk jauchzte, und das feinere Publikum enthielt
sich nicht des Klatschens; kaum daß man noch über Pagliassen lachte.
Wenige nur schlichen sich weg, als einige von der Truppe, um Geld zu
sammeln, sich mit zinnernen Tellern durch die Menge drängten.
"Sie haben ihre Sache, dünkt mich, gut gemacht", sagte Wilhelm zu
Philinen, die bei ihm am Fenster lag, "ich bewundere ihren Verstand,
womit sie auch geringe Kunststückchen, nach und nach und zur rechten
Zeit angebracht, gelten zu machen wußten, und wie sie aus der
Ungeschicklichkeit ihrer Kinder und aus der Virtuosität ihrer Besten
ein Ganzes zusammenarbeiteten, das erst unsre Aufmerksamkeit erregte
und dann uns auf das angenehmste unterhielt."
Das Volk hatte sich nach und nach verlaufen, und der Platz war leer
geworden, indes Philine und Laertes über die Gestalt und die
Geschicklichkeit Narzissens und Landrinettens in Streit gerieten und
sich wechselsweise neckten. Wilhelm sah das wunderbare Kind auf der
Straße bei andern spielenden Kindern stehen, machte Philinen darauf
aufmerksam, die sogleich nach ihrer lebhaften Art dem Kinde rief und
winkte und, da es nicht kommen wollte, singend die Treppe
hinunterklapperte und es heraufführte.
II. Buch, 4. Kapitel--2
"Hier ist das Rätsel", rief sie, als sie das Kind zur Türe hereinzog.
Es blieb am Eingange stehen, eben als wenn es gleich wieder
hinausschlüpfen wollte, legte die rechte Hand vor die Brust, die linke
vor die Stirn und bückte sich tief. "Fürchte dich nicht, liebe
Kleine", sagte Wilhelm, indem er auf sie losging. Sie sah ihn mit
unsicheren Blick an und trat einige Schritte näher.