Sämtliche hohe Herrschaften empfingen sie im Angesicht des Volks mit

Glückwünschen und großen Lobsprüchen, dabei sie sich mit höflicher

Bescheidung annoch alles weiteren Fragens enthielten, indem sie zwar

nicht zweifelten, daß es mit dem Gesehenen seine besondere Bewandtnis

haben müsse, doch aber solchem nachzuforschen nicht dem Ort und der Zeit

gemäß hielten. Der Seppe nahm bald der Gelegenheit wahr, ein wenig

rückwärts der Gesellschaft den zwilchenen Sack aufzumachen, nahm die

Laiblein heraus und legte sie, höfischer Sitte unkundig, nur frei auf

die Brüstung vor die Frau Gräfin Mutter als eine kleine Verehrung für

sie, vergaß auch nicht dabei zu sagen, daß man an diesem Brot sein

ganzes Leben haben könne. Sie bedankte sich freundlich der Gabe, obwohl

sie, des Gesellen Wort für einen Scherz hinnehmend, den besten Wert

derselben erst nachderhand erfuhr. Dann zog er sein Geschenk für den

erlauchten Herrn heraus. Wie sehr erstaunte dieser nicht bei der

Eröffnung der Kapsel! und aber wieviel mehr noch, als er das goldene

Büchslein aufschraubte! Denn er erriet urplötzlich, was für ein Zahn das

sei, bemeisterte jedoch in Mienen und Gebärden Verwunderung und Freude.

Er wollte den Gesellen gleichwohl seines Danks versichern, tat eben den

Mund dazu auf, als an der andern Seite drüben der schönen Irmengard ein

Freudenruf entfuhr, daß alles auf sie blickte. Die Vrone nämlich hatte

ihr ein kleines Lädlein dargebracht, worin die verlorene Perlenschnur

lag. (Der kluge Leser denkt schon selbst, wer früh am Morgen heimlich

bei der Dirne war.) Nicht aber könnte ich beschreiben das holde

Frohlocken der Dame, mit welchem sie den Schmuck ihrem Gemahl und den

andern der Reihe nach wies. Er war unverletzt, ohne Makel geblieben, und

jedermann beteuerte, so edle große Perlen noch niemals gesehen zu haben.

Nunmehr verlangte man zu wissen, was Graf Eberhard bekam. »Seht an!«

sprach er, »ein Reliquienstück, mir werter als manch köstliche Medey an

einer Kleinodschnur: des Königs Salomo Zahnstocher, so er im täglichen

Gebrauch gehabt. Mein guter Freund, der hochwürdige Abt vom Kloster

Hirschau sendet ihn mir zum Geschenk. Er soll, wenn man bisweilen das

Zahnfleisch etwas damit ritzet, den Weisheitszahn noch vor dem

Schwabenalter treiben. Da wir für unsere Person, so Gott will, solcher

Fördernis nicht mehr bedürfen, so denken wir dies edle Werkzeug auf

ausdrücklich Begehren hie und da in unserer Freundschaft hinzuleihen, es

auch gleich heut', da wir etliche Junker zu Gast haben werden, bei Tafel

mit dem Nachtrunk herumgehen zu lassen.« -- So scherzte der betagte

Held, und alles war erfreut, ihn so vergnügt zu sehen.

Jetzt wurde den Bürgern das Zeichen zum Essen gegeben. Für jede Gasse,

wo gespeist ward, hatte man etliche Männer bestellt, welche dafür

besorgt sein mußten, daß die Geladenen in Ordnung ihre Sitze nahmen.

Solang, bis dies geschehn war, pflogen die Herren und Damen heiteren

Gesprächs mit dem Gesellen und der Vrone. Ein Diener reichte Spanierwein

in Stotzengläsern, Hohlippen und Krapfen herum, davon die beiden auch

ihr Teil genießen mußten. -- »Ihr seid wohl Bräutigam und Braut?« frug

die Frau Mutter. -- »Ja, Ihro Gnaden,« sprach der Seppe, »dafern des

Mädchens Mutter nichts dawider hat, sind wir's seit einer halben

Stunde.« -- »Was?« rief der Graf, »ihr habt euch auf dem Seil

versprochen? Nun, bei den Heiligen zusammen, der Streich gefällt mir

noch am allerbesten! So etwas mag doch nur im Schwabenland passieren.

Glückzu, ihr braven Kinder! Auf einem Becher lieset man den Spruch:

Lottospiel und Heiratstag Ohn' groß' Gefahr nie bleiben mag. Ihr nun,

nach solcher Probe, seid quitt mit der Gefahr euer Leben lang.« -- Dann

sprach er zu seinem Gemahl und den andern: »Jetzt laßt uns in die Gassen

gehn, unsern wackeren Stuttgarter Bürgern gesegnete Mahlzeit zu

wünschen! darauf wollen wir gleichfalls zu Tisch. Das Brautpaar wird

dabei sein; hört ihr? Kommt in das Schloß zu uns! Ihr habt Urlaub auf

eine Stunde; das mag hinreichen, euch den mütterlichen Segen zu

erbitten; wo nicht, so will ich selbst Fürsprecher sein.«

* * * * *

Begehrt nun der Leser noch weiteres zu wissen, als da ist: wie sich das

Brautpaar heimgefunden? ob sie von Freunden und Neugierigen nicht

unterwegs erdrückt, zerrissen und gefressen worden? was Mutter Kiderlen

und was die Base sagte? wie es denn bei der gräflichen Tafel herging?

auch was nachher der Graf mit dem Seppe besonders verhandelt und so mehr

-- so würde ich bekennen, daß meine Spule abgelaufen sei bis auf das

wenige, das hier nachfolgt.

Am Markt gegen dem Adler über sieht man dermalen noch ein merkwürdiges

altes Haus, vornher versehen mit drei Erkern, davon ein paar auf den

Ecken gar heiter wie Türmlein stehn mit Knöpfen und Windfahnen, hüben

und drüben unterhalb der Eckvorsprünge zwei Heiligenbilder aus Stein

gehauen, je mit einem kleinen Baldachin von durchbrochener Arbeit

gedeckt: Maria mit dem Kind samt dem jungen Johannes einerseits und St.

Christoph, der Riese, andrerseits, wie er den Knaben Jesus auf seiner

Schulter über das Wasser trägt, einen Baumstamm in der Faust zum Stab.

Dies Haus -- in seinen Grundfesten samt dem Warengewölb vermutlich noch

dasselbige -- gehörte von Voreltern her dem Grafen eigentümlich und ward

von ihm auf jenen Tag unserem Schuster in Erkenntlichkeit für seine

kostbare Gabe und zum Beweis besonderer Gnade als freie Schenkung

überlassen, nebst einem Teil des inbefindlichen Hausrats, welchem der

Graf schalkhaftigerweise noch einen neuen Schleifstein mit Rad beifügte.

Die Vrone bekam von den gnädigen Frauen einen künstlich geschnitzten

Eichenschrank voll Linnenzeug zu ihrer Aussteuer.

Am Hochzeittag gaben sich beide das Wort, ihre Glücksschuh zwar zum

ewigen Gedächtnis dankbar aufzuheben, doch nie mehr an den Fuß zu

bringen, indem sie alles hätten, vornehmlich aneinander selbst, was sie

nur wünschen könnten, auch überdies hofften, mit christlichem Fleiß ihr

Zeitliches zu mehren.

Der Seppe, jetzt Meister Joseph geheißen, blieb seinem Gewerbe getreu

noch über achtundzwanzig Jahr; dann lebte er als ein wohlhabender Mann

und achtbarer Ratsherr, mit Kindern gesegnet, seine Tage in Ruh mit der

Vrone.

Unter seinen Hausfreunden war einer, man hieß ihn den Datte, der kam an

jedem dritten Samstagabend auf ein Glas Wein und einen guten Käs zu ihm

mit dem Beding, daß niemand sonst dabei sei als die liebwerte Frau und

die Kinder (diese hatte er gern, und sie taten und spielten als klein

mit ihm, wie wenn er ihresgleichen wäre). Da ward alsdann geschwatzt von

Zunftgeschäften und von den alten Zeiten, ingleichen gern von einem und

dem andern ein starker Schwank erzählt. Derselbe Hausfreund brachte den

werten Eheleuten an ihrem goldenen Jubeltag ein silbernes

Handleuchterlein, vergoldet, in Figur eines gebückten Männleins, so

einen schweren Stiefel auf dem Haupte trägt und einen Laib unter dem

Arm. Rings aber um den Fuß des Leuchters waren eingegraben diese Reime:

Will jemand sehn mein frazzengsicht,

ich halt ihm selbs darzu das licht.

mich kränket nur daß noch zur stund

mich geküßt kein frauenmund.

die mir allein gefallen hat

ein cron und schaufalt dieser stadt

hab ich vor funfzig jaren heunt

müeßen lassen meinem freund.

zum datte hant sie mich erkorn

zu schlichten zwilauf hadder zorn.

deß gieng ich müeßig all die jar

mag es auch bleiben immerdar.

* * * * *

Und nun, mein Leser, liebe Leserin, leb' wohl! Deucht dir etwa, du

habest jetzt genug auf eine Weile an Märchen: wohl, ich verspreche,

dergleichen sobald nicht wieder zu Markte zu bringen; gefiel dir aber

dieser Scherz, will ich es gleichwohl also halten. Es gelte, wie

geschrieben steht zum Schluß des andern Buchs der Makkabäer: »Allezeit

Wein oder Wasser trinken ist nicht lustig, sondern zuweilen Wein,

zuweilen Wasser trinken, das ist lustig; also ist es auch lustig, so man

mancherlei lieset. Das sei das Ende!«

Anhang Mörikes zum Stuttgarter Hutzelmännlein.

Seite 5. _Zochen_, Docht.

S. 6. _Unbeschrien_, ohne daß dich jemand darüber anredet. --

_Hutzelbrot_, Schnitzbrot, ein Backwerk, hauptsächlich aus gedörrten

Früchten, Birnen (Hutzeln), Feigen, Nußkern usw. bestehend, in Schwaben

gewöhnlich zu Weihnachten beschert.

S. 7. Eine _Ungüte_, unvergleichlich gut; wie man sagt: eine Unmenge,

ein Unlärm usf.

S. 8. _Hepsisau_, ein Dörfchen unweit Kirchheim unter Teck. --

_Guckigauch_, Kuckuck. Dieser Scherz ist auch in E. Meiers schöner

Sammlung von Sagen, Sitten und Gebräuchen aus Schwaben (S. 448)

angeführt. -- _Urdrutz_, Urdruß, Widerwille gegen eine Speise, an

welcher man sich übergessen hat.

S. 9. _Letzkopf_, Querkopf; letz, verkehrt, schlimm.

S. 10. _A grauße_, eine große. -- _Stiefelszorn_, gewaltiger Zorn.

S. 11. _Der Blautopf._ Die dunkle, vollkommen blaue Farbe der Quelle,

ihre verborgene Tiefe und die wilde Natur der ganzen Umgebung verleihen

ihr ein feierliches, geheimnisvolles Ansehn. Kein Wunder, wenn sie in

alten Zeiten als heilig betrachtet wurde, und wenn das Volk noch jetzt

mit abenteuerlichen Vorstellungen davon sich trägt. -- Der Durchmesser

des Beckens ist in der einen Richtung vom Wehr an 125', in der anderen

130', der Umfang ist also 408'. Der Prälat Weißensee nahm im Jahre 1718

eine Untersuchung vor und fand die Tiefe zu 63½ Fuß, gegen welchen

Erfund, besonders von seiten des Volks, das sich die Unergründlichkeit

nicht nehmen lassen wollte, mancherlei Einwendungen gemacht wurden. Das

Ergebnis einer späteren Untersuchung, im Sommer 1829, war aber auch nur

71' am Punkt der größten Tiefe. Dieselbe befindet sich ziemlich in der

Mitte des Topfs; nach den Seiten nimmt sie überall ab, so daß sich

daraus wirklich eine trichterförmige Gestalt des Beckens ergibt. Die

Untersuchung widerlegte auch die Meinung, daß Bäume und Baumstämme auf

dem Grund versenkt liegen, denn das Senkblei fand nirgends den mindesten

Widerstand. Mit Verwunderung vernahmen einzelne die Messung und fragten,

ob denn das Senkblei unten nicht geschmolzen sei; denn eine alte Sage

sprach von glühender Hitze in den untersten Schichten. -- Die schöne

Bläue des übrigens kristallhellen Wassers verstärkt sich mit zunehmender

Tiefe; nur an dem Rande, wo die Vegetation einwirkt, fällt sie ins

Grüne. Bis jetzt ist dieses Blau noch nicht genügend erklärt. Weder in

der Umgebung noch in der Farbe des Grundes kann die Ursache liegen, weil

das Wasser sein bläuliches Ansehen bis zum Ausfluß in die Donau behält.

Ebensowenig hat eine chemische Untersuchung durch Prof. Schübler einen

Gehalt an Metallen oder andern Stoffen, wodurch die Erscheinung

veranlaßt werden könnte, gezeigt: das Wasser stellte sich nur reiner als

die meisten Trinkwasser dar. -- Sein Spiegel ist gewöhnlich ganz ruhig,

so daß man kein Hervorquellen bemerkt; dennoch ist der Abfluß so stark,

daß er nicht nur mittels des an der Quelle angebrachten Brunnenhauses

die ganze Stadt und das Kloster mit Wasser versieht, sondern auch ein

ebenfalls daranstehendes Hammerwerk und unmittelbar darauf vier Mühlen

treibt. Bei anhaltendem Regen- und Tauwetter trübt sich die Quelle, wird

auffallend stärker und so unruhig, daß sie beträchtliche Wellen aufwirft

und Ueberschwemmungen verursacht. Im Jahre 1641 soll die Gefahr so groß

gewesen sein, daß ein Bettag gehalten, eine Prozession zum Blautopf

veranstaltet und zur Versöhnung der erzürnten Gottheit (allerdings

keiner Nymphe) zwei vergoldete Becher hineingeworfen wurden, worauf das

Toben nachgelassen habe. Unstreitig steht der Blautopf durch

unterirdische Klüfte in Verbindung mit der Albfläche und insbesondere

mit den darauf befindlichen Erdtrichtern. -- Einige hundert Schritte von

dem Topfe ist ein ähnlicher Quell, der Gieselbach, an welchem einst die

alte Niklauskapelle und ein Nonnenkloster stand. (Nach Memmingers

Beschr. d. Ob.-Amts Blaubeuren.)

S. 12. _Lau_, von La, Wasser, welches in lo, lau, b'lau überging, daher

nach Schmid[1] der Name des Flüßchens Blau (und Blautopf) abzuleiten

wäre. -- _Gumpen_ (der), gewöhnlich nur eine vertiefte Stelle auf dem

Grunde des Wassers, hier das ganze einer größeren Wassersammlung mit

bedeutender kesselartiger Vertiefung. Wer etwa, wie einige ohne Not

wollen, das Wort Topf im Sinne von Kreisel nimmt und es damit erklärt,

daß das Wasser, besonders bei starkem Regen- und Tauwetter, wo es sich

in der Mitte pyramidalisch erhebt, eine kreisende Bewegung macht, der

wird unsern Ausdruck doppelt gerechtfertigt finden, da gumpen, gampen

entschieden soviel ist als hüpfen, tanzen, mutwillig hinausschlagen. --

_Kleine Messer._ Es war eine alte Sitte, die noch nicht ganz abgekommen

ist, sich zum Zeichen der Freundschaft mit Messern zu beschenken;

vorzüglich herrschte sie in den Klöstern. Der Mystiker Meister Heinrich

von Nördlingen, Taulers und Susos Freund, schickte den Klosterfrauen zu

Medingen öfters Messer zum Geschenke. Daher vielleicht die Redensart:

Messerlein geben, d. h. nachgeben, Abbitte tun.

[Fußnote 1: Joh. Christoph v. Schmid, Schwäb. Wörterbuch (Stuttgart

1831) S. 73.]

S. 13. _Glusam_, mäßig erwärmt (auch in moralischer Bedeutung: stillen

Charakters). -- _Gänge Pfade_, begangene.

S. 14. _Küllhasen_, Kaninchen.

S. 15. _Schachzagel_ (das), Schachspiel.-- _Fernd_, voriges Jahr. --

_Kappis_, Kohl.

S. 17. _Oehrn_, Hausflur.

S. 18. _Habergeis_, von heben, wegen der hüpfenden, hoppelnden Bewegung

des Kreisels. -- _Bauren-Schwaiger_, von geschweigen, stillen. Die alten

Griechen und Römer hatten magische Kreisel, Rollen und Räder, meist aus

Erz, deren sich Frauen und Mädchen zum Liebeszauber bedienten, indem sie

dieselben unter seltsamen Bannsprüchen herumdrehten. So in der zweiten

Idylle des Theokrit. Nach einem Epigramm der griechischen Anthologie

hatten vornehme Thessalierinnen dergleichen aus Edelstein und Gold, mit

Fäden purpurner Wolle umwickelt, welcher besonders eine geheime Kraft

inwohnen sollte. Natürlich hat man sich diese Kreisel weit kleiner,

überhaupt von anderer Form als den unsern zu denken. In jenem Epigramm

wird der Venus ein solches Weihgeschenk gebracht.

Nikos Kreisel, mit dem sie den Mann fern über das Meer zieht

Oder dem stillen Gemach sittige Mädchen entlockt,

Lieget, ein hell Amethystengerät und mit Gold verzieret,

Kypris, ein lieber Besitz, deinem Altare geweiht,

Mitten von Wolle des purpurnen Lamms umwunden. Larissas

_Zauberin_ bracht' ihn dir, Göttin, ein gastlich Geschenk.

s. Jacobs, Leben und Kunst der Alten.[2]

[Fußnote 2: Vgl. Reclams Univ.-Bibl. 1921-24, S. 59. Anm. d. Hrsgs.]

Während der Stoff, woraus das Instrument der Larisserin bestand, zum

Zweck selbst nichts beitrug, wird er in unserm Fall Hauptsache, und die

von den Alten dem Amethyst zugeschriebene Wirkung, derenwegen man sonst

den Stein in Schmuckform bei sich trug, ist hier an den tönenden Kreisel

geknüpft. -- _Das Selige._ Selig, berauscht, ist nicht gleichbedeutend

mit glückselig, obwohl darauf hinspielend, sondern gleichen Stamms mit

Sal, Rausch, niedersächsisch; #soûl#, betrunken, französisch. -- »Als

verfälschten die Bürger den Landwein auf eine so unleidentliche Weise,

daß mehrere Leute das Selige berührt hätte.« Gemeiners Regensb. Chron.

zum Jahre 1474. -- _Söhnerin_, Schwiegertochter.

S. 19. _Susanne Preisnestel._ Scherzhafte Bezeichnung aufgeputzter

Mädchen. Preis heißt der Saum am Hemd; prisen, einfassen; mit einer

Kette, gewöhnlich von Silber, einschnüren, um den bei der vormaligen

oberschwäbischen Frauentracht üblichen Brustvorstecker zu befestigen;

der hierzu gebrauchte seidene oder wollene Bändel hieß Preisnestel.--

_Aschengruttel_ (Aschenbrödel), sonst im Schwäbischen auch Aschengrittel

und Aeschengrusel genannt.

S. 21. _Einen roten Rock._ Ein alter Reim, welchen die Wärterinnen

hersagen, wenn sie die Kinder auf den Knien reiten lassen, enthält schon

diese Vorstellung:

Hott^a, Hott^a, Rößle,

Z'Stu^agart steht a Schlößle,

Z'Stu^agart steht a Gart^ahaus,

Guck^at drei schöne Jungfr^a raus:

Die ein' spinnt Seide,

die ander' spinnt Weide,

Die dritt' spinnt ^an rot^a Rock

Für unsern li^ab^a Herr^agott.

s. E. Meiers Kinderreime, S. 5.

-- _Verkommen_, begegnen. -- _Baß_, sehr, gut, besser. -- _Unwirs_,

unwirsch, ungehalten. -- _Wetterblicken_, der Blick, Durnblick,

Wetterblick, Blitz. -- _Rusenschloß_ oder Hohen-Gerhausen, vormals eine

gewaltige Bergfeste, jetzt äußerst malerische Ruine über dem Dorfe

Gerhausen gelegen, in der Nähe vom Ruck, einer minder bedeutenden Burg.

-- _Mahd_ (das): 1. die zu mähende Wiese, 2. das Gemähte.

S. 22. _Jäst_, Jast, Gärung, aufbrausender Zorn.

S. 23. _Zuberklaus_, ein Mensch, der seltsame Einfälle hat; vielleicht,

sagt Schmid,[3] eine scherzhafte Verstümmelung des Wortes superklug,

zugleich anspielend auf den Klaus Narr. Letzterer ist ohne Zweifel in

dem Worte enthalten, im übrigen hat diese Erklärung etwas zu Modernes.

Ein humoristischer Etymolog nimmt die erste Worthälfte bar und will, ich

weiß nicht, wo, gefunden haben, daß sich Klaus Narr eines solchen Geräts

bei einem Ulmer Schifferstechen als Fahrzeugs in Ermangelung eines

ordentlichen Nachens bedient habe. -- _Lichtkarz_, Karz, entweder von

garten, müßig sein, umherschwärmen, z'Garten gehen, Besuch machen oder,

wahrscheinlicher, von Kerze. Versammlung von Spinnerinnen, auch Vorsitz

genannt. -- _Spitzweise_, spitzfindig; »mit spitzwysen Worten« (Ulmer

Urk.).

S. 25. _Ein steinernes Haus._ Es ist das der Stiftskirche westlich

gegenüberstehende Mäntlersche Haus (jetzt städtische Gebäude) gemeint,

das gegenwärtig noch »zum Schlößlein« heißt. Es soll den Herrn von

Kaltenthal gehört haben; Memminger, in seiner Beschreibung der Stadt,

macht es aber sehr wahrscheinlich, daß das Gebäude von Anfang gräflich

württembergisches Besitztum, und zwar einer der Sitze oder eine der

Burgen gewesen sei, die nächst dem Stutengarten die Entstehung von

Stuttgart veranlaßt haben mögen. -- _In natürlicher Kunst._ Natürlich,

naturkundig. »Von den sachen des siechtumbs nach gemainen löffen der

natur schreiben die natürlichen maister« (Steinhöwel, Ulmer Arzt).

Natürliche Meister sind aber nicht bloß Aerzte, sondern auch

Philosophen. In dem »Buch der sterbenden Menschheit« heißt es: »Ein

mächtiger wolgelerter man in philosophia, das ist in natürlicher kunst.«

S. 26. _Imperial_, war ehemals eine Goldmünze; der Name ist nur noch in

Rußland üblich.

S. 27. _Spiriguckes_, ein wunderwitziger, neugieriger, auf Kuriositäten

erpichter Mensch von sonderbarem Wesen.

S. 28. _Mir nex -- usgang^a_, sagt man am Schlusse der Erzählung einer

Sache, die auf nichts hinausläuft. -- _Bod^alaus_, bodenlos.

S. 29. _Zuteuerst_, sogar. -- _Irrsch_, nicht recht bei sich.

S. 30. _'s leit ^a Klötzle_, es liegt usw. Diese Zeilen finden sich

ebenso in E. Meiers Kinderreimen. -- _Leirenbendel_, langweiliges

Einerlei; zunächst der schwäbische Volksname für einen Vogel, Wendehals.

[Fußnote 3: A. a. O. S. 551.]

S. 31. _Gesetzlein_, Sprüchlein, Strophe eines Lieds. -- _Buntüberecks_,

verkehrt, durcheinander.

S. 33. _Sottige_, söttige, sotte, solche. -- _Witzung_, Witzigung,

Warnung.

S. 35. _Holdschaft_, Liebschaft, zärtliche Freundschaft.

S. 36. _Buksieren_, necken, plagen. -- _Knappen_, hinken.

S. 37. _Ehni_, Aehne, Großvater.

S. 38. _Heiratstag_, Verlobungstag.

S. 39. _Helle Wiese_, Hölle, Fegfeuer. »Der ward entzuckt vnd gefürt jn

die helle wise« (Legende). -- _Morgen nach dem Bad_, Sprichwort: du

kommst zu spät.

S. 41. _Der wirtembergische Niemez_ (Niemer, Niemand), einer der soviel

als nichts ist, kein Gewerbe versteht oder treibt.

S. 43. _Bocken_, mit den Köpfen aneinander stoßen, klopfen. --

_Durnieren_, lärmen, lautähnlich mit durnen, donnern.

S. 44. _Grättlein_, kleiner Korb. -- _Wiegentag_, Geburtstag

(Marchthalers von Eßlingen Hauschronik).

S. 45. _Irmengard_, eine der vier Töchter Eberhards von seiner zweiten

Gemahlin, Irmengard von Baden, »die prächtigste der Rosen«, wie ihre

Grabschrift sie nennt; starb 1329. -- _Nuster_, Halsschnur, von Pater

noster; daher auch Patter.

S. 46. _Wasen_, Rasen, Anger (auch S. 74). -- _Alfanz_, Gewinn, Vorteil.

-- _Rauner_ (raunen, leise reden, murmeln), Beschwörer. »Dye nit will

hören die stymen der rauner« (alte Uebersetzung des Psalm 58).

S. 47. _Einen ansehnlichen Weiher._ In Wirklichkeit wurde dieser

sogenannte mittlere See beim alten Sebastians-, nachmaligen Büchsentor

(welcher seit 1700 ausgetrocknet ist) um das Jahr 1393 angelegt. Die

obere Vorstadt entstand eigentlich unter Graf Ulrich dem Vielgeliebten

und Eberhard im Bart (Pfaffs Geschichte der Stadt Stuttgart).

S. 48. _Hatte einen Bösen getan_, war unmäßig. -- _G'rutzelt voll_, sehr

voll.

S. 49. _Traubenschuß_, ein Schuß mit vielen Schroten aus kleinem Gewehr,

hier angewendet auf grobes Geschütz, dergleichen die _Quartanschlange_

war, welche zehnpfündige Kugeln schoß, und der _Tarras_, der übrigens

auch als Büchse genannt wird. -- _Die Sach' steht auf Saufedern_, ist

mißlich.

S. 50. _Scharsach_, Schermesser. »Als ein geschliffen Scharsach« (Psalm

52).

S. 51. _Fazvögel_, von fazen, spotten. Italien. #fazio#, Possenreißer;

lat. #facetiae#, witzige Scherze. -- _Der Holzschlegel -- auf der Bühne_

(auf dem obern Boden unter dem Dach), ohne Aufwand und Mühe gelinge

ihnen alles.

S. 52. _Selletwegen_, jeneswegen. -- _Beschreien_, berufen

(abergläubische Warnung vor allzugroßer Sicherheit). -- _Stuß_, Stoß,

Verdruß. -- _Beim Beilichen_, ungefähr; die Beiliche, die Nähe. --

_Stiegelfizisch_, naseweis.

S. 53. _Grind_, pöpelhaft für Kopf. -- _Wampel_, wimbel, übel,

magenschwach; ähnlich #to wamble# im Engl. -- _Triet_ (die), ein

Magenpulver. Franz. #trisenet#. -- _Allermanns-Harnisch_, runde Siegwurz

(#Gladiolus communis#), ehemals in medizinischem Gebrauch; wurde als

Amulett gegen Verwundungen und verschiedene Krankheiten, sowie zu andern

abergläubischen Zwecken getragen und wird zuweilen noch vom Volke

gebraucht. -- _Dierletey_, nicht näher bekanntes Ingrediens einer Salbe;

in der Mörin des Herm. v. Sachsenheim erwähnt. -- _#Mamortica#_

(#Mamordica balsamina#), der echte Balsamapfel, wunderheilendes Mittel.

-- _Wurzler_, Apotheker. -- _Gschwey_, Schwägerin.

S. 54. _Ledder_, statt Leder, sprechen alle gereisten Schuster in

Schwaben. -- _Mille_, Mil, Milch; ulmisch.

S. 55. _Lichtbraten_, Lichtgans, ein Braten, welchen Handwerker, die im

Winter auch des Nachts arbeiten, Schuster, Schneider, Weber u. dergl.,

ihren Gesellen beim Anfang des Winters zum besten geben. Bis zu Ende des

18. Jahrhunderts bestand in Ulm dieser Gebrauch in einem mit Musik,

Trommeln und Pfeifen und bisweilen mit öffentlichen Aufzügen verbundenen

Schmause.

S. 56. _Fürsche_, vor sich, vorwärts.

S. 57. _Döte_, männlicher, Dot, Dote, weiblicher Taufpate. --

_Wunderlecker_, ein Wundersüchtiger (ohne Vorgang). -- _Einzecht_,

einzeln.

S. 58. _Wadelbir_, eine Birnenart. »#Mit manchen bieren#« (Hugo v.

Trimberg). -- _Drudenfuß_, von Drude, Trut, Unholdin; eine magische

Figur, aus zwei zu einem Fünfeck verbundenen Triangeln bestehend. --

_Kandel_, Rinne, Abzugskanal. -- _Nachtschach_, Räuber, Dieb; von

Schach, Raub. -- _Aberschanz_, das Hintere.

S. 59. _Weinschröter_, Weingärtner.

S. 60. _Eine Stuterei._ Gabelkhover (in seiner handschriftlichen Chronik

vom Jahre 1621) will den Platz noch wissen, wo das alte Stutenhaus

gestanden. »Zwanzig Schritt ohngefehrlich,« sagt er, »von der jetzigen

Stiftskirche gegen Mitternacht, da Paulus Sautter, Provisor, sitzt.«

Dieser Sautter saß aber, einer Hausurkunde zufolge, in dem ehemaligen

Weinschenk Thumschen Haus, und nach einer bekannten Ueberlieferung wäre

dies Haus das älteste der Stadt. -- _Zinselwerk_, Gaukelwerk.

»Celestinus hat den introitum mit anderm zinselwerk hin dar gesetzt«

(Spreter, Bericht von der alt. christl. Meß). -- »On vnser verdienst,

vergebenlich, nit durch ablas oder eygen zinselwerk« (Spret, christl.

Instruktion). -- _Dockenkasten_, Puppentheater.

S. 61. _Kräben_, Tragkorb. -- _Schauenlichkeit_, Kontemplation,

beschauliches Leben. »Nit minder vorhalt mich vor disen gesellen, die

allein der Schawenlichkeit gleben (geleben) wend« (Spreter, christl.

Instr.). -- _Drönsgen_, Intensivform von trehnsen, langsam etwas

verrichten; entspricht dem Franz. #trainer#, ziehen, dem Engl. #to

train#, #to trone# und #to drowse#, schlummern, schläfrig sein. --

_Heiltum_, Reliquie. Der Pfarrer zu Leipheim, im Jahre 1500, bestrich

die Leute für ein Opfer mit dem Heiltum St. Veits.

S. 63. _Marschloß_, Maderschloß, Malschl. (Schweizerisch: Malle, Tasche;

franz. #malle#), Vorlegschloß. -- _Die Eigel_, der Blutigel; in den

ältern Ausgaben der Lutherischen Bibel, Sprüche Sal. 30, 15.

S. 64. _Ringer_, mit geringerer Mühe. -- _Schier_, bald. -- _Werr_,

Erdkrebs, ein den Fruchtfeldern schädliches großes Insekt.

S. 65. _Hartselig_, hartnäckig. »Durch Wunderzeichen wil Gott das

hartsälig volck ziehen vnd berüffen« (Spreter, Instr.). -- _Torangel_,

Schimpfname für grobe Bauern. -- _Sittich_, Sitter, #psittacus#,

Papagei.

Das Stuttgarter Hutzelmännlein · 第 7 / 8 段