ganz vermürbtes Knochenrüstwerk behutsam ausgestreckt, da schlief er
auch schon wie ein Dachs und so in einem fort bis abends spät, wo ihm
die Frau eine Suppe mit Fleisch hinaufbrachte und noch ein wenig mit ihm
diskurierte. Nun wünschte sie ihm gute Nacht und ging mit ihrem Licht.
Sie war aber die Stiege noch nicht gar hinunter, so ruckt etwas an
seinem Stuhl, ein Lämplein macht die Kammer klar, und eine Stimme sagte:
»Grüß dich Gott, Seppe! verschrick nit! der Pechschwitzer ist es, der
Hutzelmann, der Tröster. So, so, auch wieder hiesig? Sorg nit, ich plag'
dich lang'! du brauchst der Ruh'. Und auf ein Wort: sag an! gelt,
Bursch, hast's Klötzle?«
»Jo freile han i's, Meister.«
»Laß sehn! wo steckt's? im Bündel? -- Hab' es schon! bei meinem Leisten!
ja, da glotzt er 'raus, der Krackenzahn. Du erzigs Narrenglückskind, du!
Und hast fein nur mit seinem Hund gejagt! Du Malefizglücksspitzbub, du!«
-- Mit diesen und viel andern närrischen Ausrufungen bewies das Männlein
seine Freude. Drauf sagte es mit Ernst: »Mein Sohn, du hast dies teuere
Stück, wie du zwar schuldig warst, deinem Patron getreulich überliefert,
da du es nicht allein im Nonnenhof können vertrumpeln um einen
Pfifferling aus des Wasserweibs Hafen, sondern konntest vor Kaiser und
Könige gehen damit, die hätten dir dies schlechte Blei gern sechsmal und
mehr mit Gold aufgewogen. Nun, Seppe, denk an mich! Das sollt du nicht
bereuen. Hab gute Nacht!« -- Im Gehen frug er noch: »Wie sicht's mit dem
Laiblein?«
»Ja, Meister, um sell bin i komm^a, sell ist --«
»Gfressen?«
»Jo, aber ett vo mir!«
»Ei, daß dich! hat das auch müssen verhansleartlet sein! Nun, wenn's nur
gfressen ist! gibt wieder einmal ein anders vielleicht. Bhüt Gott!
Morgen bei rechter Zeit siehst mich wieder.«
* * * * *
Die Sonne ging am andern Morgen glatt und schön herauf am Himmel und
hatte die Nebel über der Stadt mit Macht in der Früh' schon vertrieben.
Man hörte die Gassen aus und ein vielfach Geläufe, Lachen und Gesprang;
es war schon um die Achte, in einer halben Stunde ging der Aufzug an. Da
hielt es die Base nun hoch an der Zeit, daß sie ihr Patlein wecke, denn,
meinte sie, auf allen Fall muß er die Herrlichkeit mitmachen und soll so
gut wie jeder andere Bürgersohn an der Gesellentafel speisen auf des
Herrn Grafen Kosten. Mit Mühe hatte sie noch gestern abend einen langen
weißen Judenbart samt Mantel und Mütze für ihn bei einer Trödlerin
mietweis erlangt. Sie nahm den Plunder auf den Arm, den guten Burschen
gleich auf seiner Kammer damit zu erfreuen: da klopft es und kam ein
junger Gesell herein, wenig geringer als ein Edelknabe angezogen, mit
einem krachneuen, rotbraunen Wams von Samt, schwarzen Pluderhosen,
Kniebändern von Seide und gelben Strümpfen. Er hielt sein Barett vors
Gesicht gedeckt, und als er es wegnahm, stand da vor seiner lieben Dot
der Schuster Seppe mit Blicken, halb beschämt und halb von Freude
strahlend. Die Frau schlug in die Hände, rief: »Jemine! was soll das
heißen? Bub, sag! wo hast du das geborgt?« -- »Ihr sollt's schon heut'
noch hören, Bas': es ist eine weitläufe Sach', und ich muß gleich fort.«
-- »Nun sei's, woher es wolle: aus einem vornehmen Schrank muß es sein.
Nein, aber, Seppe, wie gut dir's steht, alles, bis auf den feinen
Hemdkragen hinaus! Ich sag' dir, es wär' Sünd und Schad, wenn du eine
Larve umbändest. Mein Jud, so viel ist ausgemacht, darf seinen Spieß
jetzt nur wo anders hintragen. Da schau einmal, was ich dir Schönes
hatte!« -- Und hiermit lief sie in die Küche, dem Knaben eine gute
Eiergerste zum Morgenatz zu bringen.
Derweil er seine Schüssel leerte, zog sich die Base im Alkoven festtägig
an. Sie wollte des Getreibes gern auch Zeuge sein, von einem obern
Fenster aus bei einem Schneider auf dem Markt. Der Seppe aber eilte ihr
voraus, Sankt Leonhards Kapelle und der Wette zu, stracks auf den Platz.
Von keiner Seele unterwegs ward er erkannt noch auch gesehn. Warum? Er
wird doch nicht das Lot mitschleppen? Nein, aber seine linke Brusttasche
barg eine zierliche Kapsel, darinne lag der ausgezogene Krackenzahn,
gefaßt in Gold und überdies in ein goldenes Büchslein geschraubt, samt
einer grünen Schnur daran. Der Hutzelmann ließ alles über Nacht von
einem Meister in der Stadt, mit welchem er gut Freund war, fertigen und
übergab dem Seppe das Kleinod mit der Weisung, dasselbe seinem
Landesherrn, dem Grafen, zu Ehren seines Jubeltags nachträglich zu
behändigen, sobald er merke, daß der Scherz zu Ende gehe und die
Herrschaft am Aufstehen wäre.
Wie der Gesell nunmehr an Ort und Stelle kam, sah er den weiten Markt
bereits an dreien Seiten dicht mit Volk besetzt und Kopf an Kopf in
allen Fenstern. Er nahm seinen Stand beim Gasthof zum Adler, und zwar
zuvörderst unsichtbar, außer den Schranken. Etliche Schritt weit von den
Häusern nämlich liefen Planken hin, dahinter mußten sich die
Schaulustigen halten, daß innerhalb der ganze Raum frei bleibe für die
Faßnachtsspiele, sowie auch für die fremden Tänzer und Springer, welche
ihr großes Seil ganz in der Mitte querüber vom Rathaus aufgespannt
hatten, dergestalt, daß es an beiden Seiten gleich schräg herunterlief
und hüben und drüben noch ein breiter Weg für den Maskenzug blieb.
Am Rathaus auf der großen Altane erhub sich ein Gezelt von
safranfarbigem Samt mit golddurchwirkten Quasten, den gräflichen Wappen
und prächtigen Bannern geschmückt. Den Eingang schützten sechs
Hellebardierer aus der Stadtbürgerschaft. Es hingen aus den Fenstern
aller Häuser bunte Teppiche heraus, und an den Schranken standen,
gleichweit voneinander, grüne Tännlein aufgerichtet. Von den sechs
Straßen am Markt waren viere bewacht: darin sah man die Tische gedeckt
für das Volk, Garküchen und Schankbuden, wo nachher Bier und Wein
gezapft wurde und fünfzig Keller- und Hofbartzefanten die Speisen
empfingen.
Gegen dem Rathaus über sodann, am andern Ende des Markts, war der
Spielleute Stand. Dieselben machten jetzo einen großen Tusch, denn aus
der Gasse hinter ihnen nahete der Hof, nämlich Graf Eberhard mit dem von
Hohenberg, dem Vater, das jüngst vermählte Paar wie auch des Grafen
Sohn, Herr Ulrich, auf weißen, köstlich geschirrten Rossen, die Gemahlin
des Grafen und andre hohe Frauen aber in Sänften getragen; zu deren
beiden Seiten gingen Pagen und ritten Kavaliere hinterdrein.
Sobald die Herrschaften, vom Schultheiß gebührend empfangen und in das
Rathaus geleitet, auf der Altane Platz genommen, einige vornehme Gäste
jedoch an den Fenstern, begann sogleich der Mummenschanz.
In guter Ordnung kamen aus der Gasse an dem Rathauseck beim Brunnen mit
dem steinernen Ritter so einzelne wie ganze Rotten aufgezogen.
Zum Anfang wandelte daher der Winter als ein alter Mann, den lichten
Sommer führend bei der Hand, als eine hübsche Frau. Sie hatte einen
Rosenkranz auf ihrem ungeflochtenen gelben Haar, ein Knäblein trug den
Schlepp ihres Gewands samt einem großen Blumenstrauß, ein anderes trug
ihm ein Kohlenbecken nach und einen dürren Dornbusch. Auf seinem Haupt
und Pelz war Schnee vom Zuckerbäcken; sie raubte ihm bisweilen einen
Bissen mit zierlichem Finger davon zur Letzung bei der Hitze, das er aus
Geiz ihr gern gewehrt hätte.
Nun ritt der hörnene Siegfried ein mit einer großen Schar, auch der
schreckliche Hagen und Volker.
Dann gingen zwanzig Schellennarren zumal an einer Leine, die stellten
sich sehr weise an, da jeder blindlings mit der Hand rückwärts den
Hintermann bei seiner Nase zupfen wollte; der letzte griff gar mühlich
immer in der Luft herum, wo niemand mehr kam. Auf einem höllischen
Wagen, gezogen von vier schwarzen Rossen, fuhr der Saufteufel, der
Spielteufel und ihr Geschwisterkind, Frau Hoffahrt, mit zweien
Korabellen, und hatten zum Fuhrmann den knöchernen Tod.
Jetzt segelte ein großes Schiff daher auf einem niederen Gestell; dies
war mit wasserblauem Zeug bedeckt, und sah man daran keine Räder noch
solche, die es schoben. Auf dem Verdeck stund der Patron, ein
niederländer Kaufherr, welcher sich die fremde Stadt so im Vorüberziehn
beschaute.
Dahinter kam ein Kropfiger und Knegler mit jämmerlichen dünnen Beinen
und führte seinen wundersamen Kropf auf einem Schubkarren vor sich her
mit Seufzen und häufigen Zähren, daß er der Ware keinen Käufer finde,
und rief dem Schiffsherrn nach, sein Fahrzeug hänge schief und mangele
Ballasts, er wolle ihm den Kropf um ein Billiges lassen. Gar ehrlich
beteuerte jener, desselben nicht benötigt zu sein; doch als ein
mitleidiger Herr hielt er ein wenig an und gab dem armen Sotterer viel
Trost und guten Rat: er möge seines Pfundes sich nicht äußern, vielmehr
fein hüten und pflegen, es sollte ihm wohl wuchern, wenn er nach
Schwaben führ auf Cannstadt zum ungeschaffenen Tag; es möge leicht für
ihn den Preis dort langen. Da dankte ihm der arm Gansgalli tausendmal
und fuhr gleich einen andern Weg; der Kaufmann aber schiffte weiter.
Mit andern Marktweibern, ausländischer Mundart und Tracht kam auch ein
frisches Bauermägdlein, rief: »Besen, liebe Frauen! Besen feil!« --
Sogleich erschien auf dem Verdeck des Schiffs ein leichtfertiger
Jüngling in abgerissenen Kleidern, eine lange Feder auf dem Hut und eine
Laute in der Hand. Sein Falkenauge suchte und fand die Verkäuferin flugs
aus dem Haufen der andern heraus, und zum Patron hinspringend, sagte er
mit Eifer, in dieser Stadt sei er zu Haus, er habe gerade geschlafen und
hätte schier die Zeit verpaßt; er wolle da am Hafendamm aussteigen,
wofern der Patron es erlauben und ein wenig anlegen möchte. Der gute
Herr rief dem Matrosen, es ward ein Brett vom Schiff ans Land gelegt,
der Jüngling küßte dem Kaufmann die Hände mit Dank, daß er ihn
mitgenommen, sprang hinüber und auf das Bauernmägdlein zu. Nun führten
sie ein Lied selbander auf, dazu er seine Saiten schlug. Während
desselben hielt der ganze Zug, und alles horchte still.
Grüß dich Gott, herzlieber Schatz,
Dich und deine Besen! --
Grüß dich Gott, du schlimmer Wicht!
Wo bist du gewesen? --
Schatz, wo ich gewesen bin,
Darf ich dir wohl sagen:
War in fremde Lande hin,
Hab' gar viel erfahren.
Sah am Ende von der Welt,
Wie die Bretter paßten,
Noch die alten Monden hell
All' in einem Kasten:
Sahn wie schlechte Fischtuch aus,
Sonne kam gegangen,
Tupft' ich nur ein wenig drauf,
Brannt' mich wie mit Zangen.
Hätt' ich noch ein' Schritt getan,
Hätt' ich nichts mehr funden.
Sage nun, mein Liebchen, an,
Wie du dich befunden!
In der kalten Wintersnacht
Ließest du mich sitzen:
Ach, mein' schwarzbraun Äugelein
Mußten Wasser schwitzen!
Darum reis' in Sommernacht
Nur zur all'r Welt Ende!
Wer sich gar zu lustig macht,
Nimmt ein schlechtes Ende.
Mit diesem Abschiedsgruß ließ sie ihn stehen. Er spielte, der Dirne
gelassen nachschauend, seine Weise noch vollends hinaus, stieß sich den
Hut aufs linke Ohr und lief hinweg.
Es traten ferner ein fünf Wurstelmaukeler. Das waren von alters her bei
der Stuttgarter Faßnacht fünf Metzgerknechte, mit Kreuzerwürsten über
und über behangen, daß man sonst nichts von ihnen sah. Sie hatten jeder
über das Gesicht eine große Rindsblase gezogen, mit ausgeschnittenen
Augen, das Haupt bekränzt mit einem Blunzenring. Wenn es nachher zur
Mahlzeit ging, dann durften die Kinder der Stadt, für die kein Platz war
an den Tischen, kommen und durfte sich jedes ein Würstlein abbinden, der
Maukeler hielt still und bückte sich, wenn es nötig war; dazu wurden
Wecken in Menge verteilt.
Noch gab es viel mutwillige und schöne Stampaneyen, deren ich ungern
geschweige.
Nachdem der ganze Mummenschanz an den drei Seiten des Markts langsam
heruntergekommen und links vom Rathaus abgezogen war, dem Hirschen zu,
bestiegen die Springer und Tänzer das Seil.
Der Seppe war die ganze Zeit an seinem Platz verharrt, auch hatte er
sich lang' nicht offenbar gemacht, doch endlich tat er dies auf schlaue
Art, indem er sich geheim zur Erde bückte und sichtbarlich aufstand,
dadurch es etwa denen, so zunächst an ihm gestanden, schien, als
schlupfet' er unter den Planken hervor. Von wegen seiner edlen Kleidung
wiesen ihn die Wärtel auch nicht weg, deren keiner ihn kannte; nur seine
alten guten Freunde grüßten ihn von da und dort mit Winken der
Verwunderung.
Der Seppe hatte bis daher alles und jedes, die ganze Mummerei, geruhig,
obwohl mit unverwandtem Aug' und Ohr an ihm vorbeiziehen lassen. Wie
aber jetzt die fremden Gaukler, lauter schöne Männer, Frauen und Kinder,
in ihrer lüftigen Tracht ihre herrliche Kunst sehen ließen und ihnen
jegliche Verrichtung, als Tanzen, Schweben, Sichverwenden, Niederfallen,
Knien, so gar unschwer von statten ging, als wär' es nur geblasen, kam
ihn auf einmal große Unruh an, ja ein unsägliches Verlangen, es ihnen
gleich zu tun. Er merkte aber bald, daß solche Lust ihm von den Füßen
kam, denn alle beede, jetzt zum erstenmal einträchtig, zogen und
drängten ihn sanft mit Gewalt nach jenem Fleck hin, wo das Seil an einem
starken Pflock am Boden festgemacht war und schief hinauflief bis an die
vordere Gabel. Der Seppe dachte: Dieses ist nur wieder so ein Handel wie
mit der Dreherei, und fiel ihm auch gleich ein, daß Meister Hutzelmann,
auf dessen Geheiß er heut' die Glücksschuh alle zween anlegen müssen,
das Lachen habe fast nicht bergen können. Er stieß die Zehen hart wider
das Pflaster, strafte sich selbst mit innerlichem Schelten ob solcher
törichten, ja gottlosen Versuchung und hielt sich unablässig vor im
Geist Schmach, Spott, Gelächter dieser großen Menge Menschen, dazu
Schwindel, jähen Sturz und Tod, so lang' bis ihm der Siedig auf der Haut
ausging und er seine Augen hinwegwenden mußte.
Nun aber zum Beschluß der Gauklerkünste erschien in Bergmannshabit, mit
einer halben Larve vorm Gesicht, ein neuer Springer, ein kleiner,
stumpiger Knorp; der nahte sich dem Haupt der Tänzer, bescheidentlich
anfragend, ob ihm vergönnt sei, auch ein Pröblein abzulegen. Es ward ihm
mit spöttischer Miene verwilligt, und alsbald beschritt er das Seil,
ohne Stange. Er trug ein leines Säcklein auf dem Rücken, das er an eines
der gekreuzten Schlaghölzer hing, dann prüfte er mit einem Fuß die
Spannung, lief vor bis in die Mitte und hub jetzt an so wunderwürdige
und gewaltige Dinge, daß alles, was zuvor gesehen war, nur Stümperarbeit
schien. Kopfunter hing er plötzlich, der kurze Zagstock, an dem Seil
herab und zangelte sich so daran vorwärts und auf das behendeste und
wiederum zurück, schwang sich empor und stand bolzgrad, fiel auf sein
Hinterteil: da schnellte ihn das Seil hinauf mit solcher Macht, daß er
dem Rathausgiebel um ein kleines gleichgekommen wär', und dennoch kam er
wieder jedesmal schön auf denselben Fleck zu stehen und zu sitzen.
Zuletzt schlug er ein Rad von einem End des Seils zum andern, das ging
-- man sah nicht mehr, was Arm oder Bein an ihm sei! So oft auch schon
seit dreien Stunden der Beifallsruf erschollen war, solch ein Gejubel
und Getöbe, wie über den trefflichen Bergmann, war noch nicht erhört.
Die Gaukler schauten ganz verblüfft darein, fragten und rieten
untereinander, wer dieser Satan wäre, indes die andern Leute alle
meinten, dies sei nur so ein Scherz, und das Männlein gehöre zu ihnen.
Hanswurst insonderheit stand als ein armer, ungesalzener Tropf mit
seinem Gugel da: sein Possenwerk war alles Leiresblosel neben solchem
Meister, ob dieser schon das Maul nicht dabei brauchte.
Nachdem der Bergmann so geendigt und sich mit unterschiedlichen
Scharrfüßen allerseits verneigt, sprang er hinab aufs Pflaster. Auf
seinen Wink kam der Hanswurst mit Schalksehrfurcht zu ihm gesprungen,
fing einen Taler Trinkgeld auf in seinem spitzigen Hut und nahm
zugleich, höflich das Ohr herunter zu dem Männlein neigend, einen
Auftrag hin, welchen er gleichbald vollzog, indem er rund herum mit
lauter Stimme rief: »Wer will von euch noch, liebe Leut', den hänfenen
Richtweg versuchen? Es ist ein jeder freundlich und sonder Schimpf und
Arges eingeladen, wes Standes und Geschlechts er sei, das Säcklein dort
am Schragen für sich herabzuholen. Es sind drei Hutzellaib darin. Er
möge aber, rat' ich ihm, in der Geschwindigkeit sein Testament noch
machen -- des Säckleins wegen, mein' ich nur -- denn der Geschickteste
bricht oftermals den Hals am ersten; es ist mir selbst einmal passiert,
in Bamberg auf dem Domplatz -- ja lacht nur!«
Jetzt aber, liebe Leser, möget ihr euch selbst einbilden, was für
Gemurmel, Staunen und Schrecken unter der Menge entstund, als der Seppe
vortrat bei den Schranken und sich zu dem Wagstück anschickte! Mehr denn
zehn Stimmen mahnten eifrig ab, ernsthafte Männer, mancher Kamerad,
zumal einige Frauen setzten sich dawider: allein der Jüngling, dem der
Mut und die Begier wie Feuer aus den Augen witterte, sah fast ergrimmt
und achtete gar nicht darauf. Hanswurst sprang lustig herzu mit der
Kreide, rieb ihm die Sohlen tüchtig ein und wollt' ihm die Bleistange
reichen; doch wies der Gesell sie mit Kopfschütteln weg. Bereits aber
wurden die Dienste des Narren am andern Ende des Seils auch nötig. Denn
zum größten Verwundern der Zuschauer trat dort auch eins aus den Reihen
hervor: man wußte nicht, sei es ein Knabe oder eine Dirne. Es trug ein
rosenrotes, weißgeschlitztes Wams von Seiden zu dergleichen lichtgrünen
Beinkleidern samt Federhut und hatte eine feine Larve vor.
Die Spielleute, Bläser und Pauker, die Gaffens wegen ihres Amtes gar
vergessend saßen, griffen an und machten einen Marsch, nicht zu gemach
und nicht zu flink, nur eben recht. Da traten die beiden zugleich auf
das Seil, das nicht zu steil anstieg, setzten die Füße fest und zierlich
einen vor den andern, vorsichtig, doch nicht zaghaft, die freien Arme
jetzt weit ausgereckt, jetzt schnelle wieder eingezogen, wie es eben dem
Gleichgewicht diente.
Kein Laut noch Odemzug ward unter den tausend und tausend Zuschauern
gehört, ein jedes fürchtete wie für sein eigen Leben; es war, als wenn
jedermann wüßte, daß sich dies Paar jetzo das erstemal auf solche Bahn
verwage.
Die junge Gräfin bedeckte vor Angst das Gesicht mit der Hand; den Grafen
selber, ihren Vater, den eisenfesten Mann, litt es nicht mehr auf seinem
Sitz; gar leise stand er auf. Auch die Musik ging stiller, wie auf
Zehen, ihren Schritt, ja, wer nur acht darauf gegeben hätte, der
Rathausbrunnen mit seinen vier Rohren hörte allgemach zu rauschen und zu
laufen auf, und der steinerne Ritter krümmte sich merklich. -- -- -- Nur
stet! nur still! drei Schritt noch und -- Juchhe! scholl's himmelhoch:
das erste Ziel war gewonnen! Sie faßten beiderseits zumal, jedes an
seinem Ort, die Stangen an, verschnauften, gelehnt an die Gabel.
Der unbekannte Knabe wollte sich die Stirne wischen mit der Hand,
uneingedenk der Larve: da entfiel ihm dieselbe zusamt dem Hut und --
ach! ein Graus für alle Gefreundete, Vettern und Basen, Gespielen,
Bekannte, so Buben als Mädchen -- die Vrone ist's! »Die Vrone Kiderlen,
einer Witwe Tochter von hier!« so ging's von Mund zu Mund. »Ist es denn
eine Menschenmöglichkeit?« rief eine Bürstenbindersfrau. »Das Vronele,
meiner nächsten Nachbarin Kind? Je! Gott sei Dank, bärig vor einer
halben Stund' ist ihre Mutter heim -- es ward ihr übel schon über den
vorigen Künsten -- und jetzt das eigne Kind -- der Schlag hätt' sie
gerührt, wenn sie das hätte sehen sollen!« -- Schon erhoben sich
wiederum Stimmen im Kreis, und noch lauter als vorhin beim Seppe, mit
Drohen, Bitten und Flehn an die Dirne, nicht weiter zu gehen. Sie aber,
ganz verwirrt, flammrot vor Scham, nicht wissend selbst, wie ihr
geschehn, wie sie's vermocht, stand da, wie am Pranger, die Augen
schwammen ihr, und ihre Knie zitterten. Ein Mann lief fort, eine Leiter
zu holen.
Derweil war aber schon der flinke Bergmann an der andern Seite zum Seppe
auf das Seil gekommen und hatte ihm etwas ins Ohr geraunt, worauf der
ungesäumt den linken Schuh abzog und seiner Partnerin mutig die Worte
zurief: »Komm, Vrone, es hat keine Not! Trau auf mein Wort, faß dir ein
Herz und tu mit deinem rechten Schuh, wie du mich eben sahst mit meinem
linken tun, und wirf ihn mir keck zu!«
Sie folgte dem Geheiß, mit Lächeln halb und halb mit Weinen, warf -- da
flog der Schuh dem Burschen wie von selber an seinen ausgestreckten Fuß.
Nun warf er ebenfalls, und ihr geschah dasselbe.
»Jetzt, Vrone, mir entgegen! Es ist nur, bis ich dich einmal beim
kleinen Finger habe, und wenn du mit der Patschhand einschlägst, dann
soll es mir und dir etwas Gutes bedeuten! Frisch dran, ihr Spielleut,
macht uns auf, und einen lustigen!«
Das fehlte nicht. Die vier Füße begannen sich gleich nach dem Zeitmaß zu
regen, nicht schrittweis wie zuvor und bedächtig, vielmehr im
kunstgerechten Tanz, als hätten sie von klein auf mit dem Seil verkehrt,
und schien ihr ganzes Tun nur wie ein liebliches Gewebe, das sie mit der
Musik zustand zu bringen hätten. Von nun an waren alle Blicke sorglos
und wohlgefällig auf das hübsche Paar gerichtet und gingen immer von
einem zum andern. Der Mann auf dem Brunnen hatte längst wieder den Atem
gefunden und das Wasser sprang aus den vier Rohren noch einmal so
begierig als sonst. Auf jedem Mädchenantlitz, unten auf dem Platz und
oben in den Fenstern, war aber recht der Widerschein der Anmut zu
erblicken, die man vor Augen hatte. Kein Kriegsmann war so trutzig und
kein Graubart von der Ratsherrnbank so ernsthaft und gestreng, daß ihm
das Herz dabei nicht lachte, und die Handwerksgesellen der Stadt waren
stolz, daß einer von den Ihren vor all den fremden Gästen so herrlichen
Ruhm davontrage.
Der Seppe sah im Tanz nicht mehr auf seinen schmalen Pfad noch minder
nach den Leuten hin: er schaute allein auf das Mädchen, welches in
unverstellter Sittsamkeit nur je und je seine Augen aufhob.
Als beide in der Mitte jetzt zusammenkamen, ergriff er sie bei ihren
Händen. Sie standen still und blickten sich einander freundlich ins
Gesicht; auch sah man ihn ein Wörtlein heimlich mit ihr sprechen. Danach
auf einmal sprang er hinter sie und schritten beide, sich im Tanz den
Rücken kehrend, auseinander. Bei der Kreuzstange machte er Halt, schwang
seine Mütze und rief gar herzhaft: »Es sollen die gnädigsten
Herrschaften leben!« -- Da denn der ganze Markt zusammen Vivat rief,
dreimal, und einem jeden Teil besonders. Inwährend diesem Schreien und
Tumult unter dem Schall der Zinken, Pauken und Trompeten lief der Seppe
zur Vrone hinüber, die bei der andern Gabel stand, umfing sie mit den
Armen fest und küßte sie vor aller Welt. Das kam so unverhofft und sah
so schön und ehrlich, daß manchem vor Freude die Tränen los wurden, ja
die liebliche Gräfin erfaßte in jäher Bewegung den Arm ihres Manns und
drückt' ihn an sich. Nun wandte sich die Vrone, und unter dem Jauchzen
der Leute, dem Klatschen der Ritter und Damen wie hurtig eilte sie mit
glutroten Wangen das Seil hinab! der Seppe gleich hinter ihr drein, das
leinene Säcklein mitnehmend.
Kaum daß sie wiederum auf festem Boden waren, kam schon ein Laufer auf
sie zu und lud sie ein, auf die Altane zu kommen, das sie auch ohnedem
zu tun vorhatten.