Uf^am Kirchhof am Chor

Blüeht ^a Blo-Holder-Strauß,

Do fleugt ^a weiß Täuble,

Vor's tag^a tuet, aus.

Es streicht wohl ^a Gäss^ale

Nieder und zwu^a,

Es fliegt mer ins Fenster,

Es kommt uf mi zu^a.

Jetzt kenn' i mein' Schatz

Und sei linneweiß G'wand

Und sei silberes Ringle

Von mir an der Hand.

Es nickt mer en Grueß,

Setzt se nieder am Bett,

Frei luegt mer's ins G'sicht,

Aber a^nrüehrt me's net.

Drei Woch^a vor Ostr^a,

Wann's Nachthüehle schreit,

Do mach^a mer Hochzig,

Mei Schatz hot mer's g'sait.

Mer mach^a kein' Lebtag,

Mer halt^a kein' Tanz.

Wer goht mit zur Kirch^a?

Wer flicht mer d^a Kranz?

In währendem Zuhören dachte der Seppe: Die wird sich auch wohl wundern,

wenn sie hört, ich sei bei Nacht und Nebel fort als wie ein Dieb! Und

dachte ferner: Wenn diese Gundel deine Liebste hätte werden sollen und

wär' dir heute gestorben, ob du jetzt übler dran wärest denn so oder

besser? -- Er wußte in der Kürze sich selbst keinen Bescheid darauf,

stöhnte nur tief aus der Brust und ging weiter.

Beim Haus der Witwe angekommen, drehte er den Schlüssel in der Tür, so

leis er konnte, um, schlich auf den Zehen an ihrer Schlafkammer vorbei,

kam in die seinige, von den Gesellen unberufen, und packte seine Sachen

ein, nachdem er erst die guten Kleider aus- und andere angezogen, auch

mit herzlicher Reue des Hutzelmanns Schuhe, die es so gut mit ihm

gemeint, unter dem Stein hervorgenommen und sie nach langer Zeit das

erstemal wieder an die Füße getan.

Und also schied er auf zeitlebens aus dem Haus, darin er sich vor wenig

Stunden noch als wie in seinem Eigentum vergnüglich umgeschaut hatte. Er

kam an das Liebfrauentor und schellte dem Wächter; der ließ ihn hinaus

und war der einzige Mensch in ganz Ulm, welcher ihm Glück auf die Reise

gewünscht.

Als er so in der Nacht auf trockener Landstraße und bei gelinder Luft

nicht völlig eine halbe Stunde weit gewandert war, so regte sich sein

Linker allbereits mit Jucken, Treten, Hopsen und sonst viel Ungebühr. So

rief der Seppe grimmig: »Moi^nst, di^a Gugelfu^ahr gang wieder a^n? I

will d'r beizeit d'rfür tu^a!«, saß nieder, riß den linken ab und faßte

auch den rechten -- da fiel ihm ein: Den könnt'st du anbehalten; mit

_einem_ Fuß im Glück ist besser denn mit keinem! Zog also einen Stiefel

an zum andern Schuh, probiert' es eine Strecke, und wahrlich, es tat

gut.

In seinem Innern aber, so arg es auch darin noch durcheinander ging, daß

ihm das Heulen näher als das Pfeifen lag, so gab er sich doch selbst

schon kühnlicheren Zuspruch mit Vernunft, nahm sein versehrtes Herz,

drückt' es, gleich wie die Hausfrauen pflegen mit einem zertretenen

Hühnlein zu tun, in sanften Händen wieder zurecht, und endlich ging sein

Trost und letzter Schluß dahin, wie sein Vetter als sagte: »Es hat nur

drei gute Weiber gegeben: die eine ist im Bad ersoffen, die ander' ist

aus der Welt geloffen, die dritte sucht man noch.«

Unweit Gerhausen kam schon allgemach der Tag; bald sah er auch

Blaubeuren liegen, und auf den Dächern rauchte hie und da schon ein

Kamin.

Eine Ackerlänge vor dem Tor geschah ihm etwas unverhofft.

Dort zog der Weg sich unter den Felsen linker Hand an einer Steile hin.

Der Seppe dachte eben, wenn er jetzt in das Städtlein käme, ein warmes

Frühstück täte seinem Magen wohl, und rechnete, wie weit er damit komme;

denn sein Beutel mochte nicht viel leiden. Bei dem Bräumeister konnte er

aber mit Ehren nicht wieder einsprechen; er meinte, die Leute möchten

sagen: »Dem hat das Handwerksburschen-Einmaleins im Nonnenhof gefallen

und mag ihm ganz eine kommode Rechnung sein!« Dies denkend, schritt er

hitziger fürbaß -- mit eins aber kann er nicht weiter, und ist er mit

dem Schuh wie angenagelt an den Boden, zieht, reißt und schnellt, zockt

noch einmal aus Leibeskräften: da fuhr er endlich aus dem Schuh, der

aber flog zugleich den Rain hinunter, wohl eines Hauses Höhe, in einen

Felsenspalt.

Gern oder ungern mußte ihm der Seppe nach. Als er nun mit Gefahr den

Fleck erreicht, wo er ihn hatte fallen sehen, und in dem Steinriß mit

der Hand herumsuchte, auch alsbald ihn erwischte, indem so stieß er an

ein fremdes Ding, das zog er mit ans Licht. -- »Hoho! davon kam dir die

Witterung!?« rief er und hielt das Bleilot in der Hand, betrachtet' es

mit Freuden, schlupft in den Schuh und ist wie der Wind wieder oben.

Nachdem er den Fund in den Ranzen gesteckt, der jetzo freilich das

Zwiefache wog, ging er nicht wenig getröstet hinein in die Stadt.

Die Leute machten erst die Läden auf und trieben das Vieh an die Tränke.

Er kam an einem Bäckerhaus vorbei: da roch gerade so ein guter, warmer

Dunst heraus, daß es ihn recht bei der Nase hineinzog. Er ließ sich

einen Schnaps und keinen kleinen Ranken Brot dazu geben; das hielt dann

wieder Leib und Seele auf etliche Stunden zusammen.

Sofort auf seinem Weg probierte er das Lot auf alle Weise, wenn hin und

wieder ein Metzger oder sonst ein Mensch bei ihm vorüberkam, und als er

nur den Vorteil erst mit rechts und links weg hatte, vertrieb er sich

die Zeit samt seinem Herzensbrast auf das anmutigste und beste.

Auf der Höhe der Feldstätter Markung fuhr hinter ihm daher mit einem

leeren Wagen und zween starken Ochsen ein Böhringer Bauer. Der Seppe

wollte gern ein Stück weit von ihm mitgenommen sein und sprach ihn gar

bescheiden und ziemlich darum an; der aber war ein grober Knollfink,

tat, als hört' er ihn nicht. Ei, denkt mein Schuster, hörst du mich

nicht, so hab' mich auch gesehn, und sollst mich dennoch führen! --

verschwand wie ein Luftgeist im Rücken des Manns und setzte sich hinten

aufs Brett. Da sprach der Bauer mit sich selbst und maulte: »Hätt' i

viel z'tau^n wenn i di^a Kerle äll uflad^a wött -- Hott ane, Scheck! --

di^a Scheur^aburzler do! äll Hunds-Od^am lauft o^ar d'rher. Mi^ar kommt

ko^ar über d'Schwell und uf d^a Wag^a, mi^ar ett!« -- Das hörte der

Gesell mit großem Ergötzen und hielt sich immer still, gleichwie der

andre auch still ward. Nach einer Weile holt der Böhringer just aus, auf

schwäbische Manier die Nas' zu putzen, hielt aber jäh betroffen inn',

denn hinter ihm sprach es, als wie aus einem hohlen Faß heraus die

Wort': »Zehn Ochsen und ein Bauer sind zwölf Stück Rindvieh.«

Der Bauer, mit offenem Maul, schaut um, schaut über sich gen die

Sperlachen, horcht, ruft Oha dem Gespann, steigt ab dem Wagen, guckt

unterhalb zwischen die Räder, und da kein Mensch zu sehen war und auf

der Ebene weit und breit kein Baum oder Grube noch sonst des Orts

Gelegenheit danach gewesen wäre, daß sich ein Mensch verbergen mochte:

stand ihm das Haar gen Berg, saß eilends auf und trieb die Tiere streng

in einem Trott, was sie erlaufen mochten, bis vor seinen Ort; denn er

vermeinte nicht anders, als der Teufel habe ihm Spitzfündiges

aufgegeben, und wenn er den Verstand nicht dazu habe, so gehe es ihm an

das Leben.

Der Seppe stieg nicht bälder von dem Wagen, als bis der Bauer in seiner

Hofrait hielt; dann wandelte er durchs Dorf, unsichtbarlich, und hatte

mit diesem Abenteuer, die schöne Kurzweil ungerechnet, wohl eine halbe

Meil' Weges Profit.

Er kam ins Tal hinunter und auf Urach, er wußte nicht wie.

Vor dem Gasthaus, demselben, wo er im Herweg übernachtet war, stiegen

etliche reisende Herren von Adel samt ihren Knechten gerade zu Roß; er

hörte, sie ritten auf Stuttgart. Herrn Eberhards Tochter hatte Hochzeit,

als gestern, gehabt mit Graf Rudolf von Hohenberg; auf eben diese Zeit

beging ihr Herr Vater, der Graf, seine silberne Hochzeit. Es dauerten

die Lustbarkeiten noch drei Tage lang am Hof und in der Stadt: Turnier

und andre Spiele. Das hörte der Geselle gern; er dachte: Da hat man

deiner nicht viel acht und mögen deine Freunde glauben, du kamst des

Lebtags wegen heim. Ihm lüstete nicht sehr danach; demungeachtet säumte

er sich nicht auf seinem Weg, und als er sich um die drei Groschen und

etliche Heller, so er aus allen Taschen elendiglich zusammenzwickte,

noch einmal wacker satt gegessen und getrunken, so setzt' er seinen Stab

gestärkt und mutig weiter. Stets einem flinken Wässerlein, der Erms,

nachgehend, befand er sich gar bald vor Metzingen.

Er dachte trutzig und getrost vor jedermanns Augen den Ort zu passieren,

wo er vor einem halben Jahr den Schabernack erlitten, und war auf

Schimpf und Glimpf gefaßt; nur wollte er zuvor den zweiten Stiefel noch

außen vor dem Ort antun, damit er doch nicht mit Gewalt den Spott der

Gaffer auf sich ziehe. Aber wie er sich dazu anschicken will, kommt ihm

ein anderes dazwischen, das ließ ihm keine Zeit.

Gleich vor dem Flecken, frei auf einem Gutstück lag eines Schönfärbers

Haus; an dessen einer Seite hingen allerhand Stück Zeug, in Rot, Blau,

Gelb und Grün gefärbt, auf Stangen und im Rahmen aufgezogen, davor ein

grüner Grasplatz war. Dort nun, doch näher bei der Straße sah der Seppe

nur einen Steinwurf weit von ihm das nasenweise Färberlein stehn, das

Gesicht nach dem Flecken gekehrt. Das Bürschlein hatte Gähnaffen feil,

weil seine Meistersleute nicht daheim, oder paßte es auf eine hübsche

Dirne, sah und hörte deshalb weiter nichts.

»Wohl bei der Heck', du Laff!« sagte der Seppe frohlockend vor sich,

indem er risch seitab der Straße sprang. »Jetzt will ich dir den Plirum

geigen!« -- warf seinen Ranzen links herum, lief eilig zu und stand

unsichtbar auf dem Wasen ein Dutzend Schritte hinter dem Färber.

Geschwind besann er sich, was er zuerst beginne, trat an das Lattenwerk,

zog wie der Blitz einen trockenen Streif des roten Zeugs herab und

breitete denselben glatt aufs Gras; alsdann stellte er sich in

leibhafter Gestalt ohne Willkomm und Gruß, nicht in gutem noch bösem,

ganz dicht vor den Färber hin. Der, seinen Feind erkennend, macht' ein

Gesicht als wie der Esel, wenn er Teig gefressen hat, und plötzlich

wollte er auf und davon. Der Schuster aber hatt' ihn schon gefaßt: kein

Schraubstock zwängt ein Werkholz fester, denn unser Geselle das Büblein

hielt bei seinen zween Armstecken. Er hieß ihn stilleschweigen, so wolle

er ihm aus Barmherzigkeit an seinem Leib nichts tun, nahm ihn sodann

gelinde, legt' ihn aufs eine Tuchend überzwerch, drückt' ihm die

Ellbogen grad am Leib und wergelt ihn mit Händen geschickt im Tuch

hinab, wie man ein Mangelholz wälzet, daß er schön glatt gewickelt war

bis an das Kinn. Darauf band er ihm ein grünes Band, das er auch von der

Latte gezogen, kreuzweis von unten bis hinauf und knüpft's ihm auf der

Brust mit einer schönen Schlaufe. Nach allem diesem aber nahm und trug

er ihn, nicht anders als ein Pfätschenkind dahingetragen wird, auf

seinen Armen weg (in deren einem er den Wanderstock am Riemen hangen

hatte). Weil er jedoch bei diesem ganzen Vornehmen das Lot links trug,

und weil der Krackenzahn mehr nicht kann ungesehen machen, als das zum

Mann gehört, so war es wunderbarlich, ja grausig, fremd und lustig

gleichermaßen anzusehn, wie auf der breiten Straße mitten inne ein

gesunder Knab, wie Milch und Blut, mit schwarzem Kräuselhaar, in

Wickelkindsgestalt frei in der Luft herschwebte und schrie.

Das Volk lief zu aus allen Gassen, ein jedes lacht' und jammerte in

_einem_ Atem, die Weiblein schrien Mirakel und: »Hilf Gott! es ist des

Färbers Knab, der Vite! Springt ihm denn keiner bei von euch

Mannsnamen?« -- Doch niemand traute sich hinzu.

Da fing der Seppe an sangweis mit heller Stimme:

Scher^aschleifer, wetz, wetz, wetz,

Laß dei Rädle schnurr^a!

Stu^agart ist ^a grauße Stadt,

Lauft ^a Gä^nsbach dur^a.

Und als das Kind sich ungebärdigt stellte, schwang er's und flaigert's

hin und her und sang:

Färbersbü^able, schrei net so,

Mach mer keine Mändl^a!

D' Bü^asinger mit zwanzig Johr

Trait mer en de Wendl^a,

Heisasa! Hopsasa!

Wi^a de kleine Kendl^a.

Die Leute fanden ihrem Staunen, Schrecken, Dattern und Zagen nicht Worte

noch Gebärden mehr. Eins schob und stieß und drängte nur das andere dem

Abenteuer immer nach oder voraus. Bei dem Gemeindehaus aber schwenkte

sich der Seppe seitwärts nach dem Kirchplatz unversehens, daß alles vor

ihm schreiend auseinanderfuhr.

Dort, mitten auf dem Platz sah man den Vite sänftlich an die Erde

niederkommen. Da lag denn ein seltsamer Täufling, zornheulend, sonder

Hilfe, derweil der Schuster flüchtig durch die Menge wischte. Weit

draußen vor dem Ort noch hörte er das Lärmen und Brausen der Leute.

Bei Tolfingen am Neckar spürte er anfangen in den Beinen, daß er

verwichene Nacht in keinem Bett gewesen, jetzt fünfzehn Stunden Wegs in

einem Strich gemacht, daneben ihn der letzte Possen auch manchen Tropfen

Schweiß gekostet haben mag. Der Abend dämmerte schon stark, und er hatte

noch fünf gute Stunden heim. Bei frischen Kräften hätte er Stuttgart

nicht füglich vor Mitternacht können erlaufen, so schachmatt aber, wie

er war, und mit vier Pfennigen Zehrgeld im Sack, schien ihm nicht

ratsam, es nur zu probieren. Wo aber bleiben über die Nacht und doch

kein Scheurenburzler sein? -- Halt! dacht er, dient nicht in der Stadt

Nürtingen, nur anderthalb Stund von da, der Kilian aus Münster als

Mühlknapp? Das ist die beste Haut von der Welt, der läßt dich nicht auf

der Gasse liegen und borgt dir leicht ein Weniges auf den Weg. Jetzt ist

lang Tag! -- Er tat erst einen frischen Trunk in Tolfingen, wo das

Wasser nichts kostet, dann kaufte er sich ein Brot für seinen letzten

Kreuzer, verzehrt' es ungesäumt und lotterte, indem es finster ward,

gemächlich die Straße am Neckar hinauf. Mit der Letzte erschleppt' er

sich fast nicht mehr, doch endlich erschienen die Lichter der Stadt und

hörte er das große Wuhr ob der Brücke schon rauschen, hart neben welcher

jenseits die vielen Werke klapperten.

Der Müller aß eben zu Nacht mit seinen Leuten und Gesind, darunter nur

kein Kilian zu sehen war. Man sagte dem Schuster, der sei vor einem

Vierteljahr gewandert. Da stand der arme Schlucker mit seinem gottigen

Glücksschuh und seinem Stiefel! wußte nicht, was er jetzt machen sollte.

Indes hieß ihn die Müllerin ablegen und mitessen, und nach dem

Tischgebet, dieweil der Mann leicht merken mochte, es sei ein

ordentlicher Mensch und habe Kummer, bot er ihm an, über Nacht im

Wartstüblein, wo die Mahlknechte rasten, auf eine der Pritschen zu

liegen. Das ließ er sich nicht zweimal sagen und machte sich alsbald

hinunter, ein Jung wies ihm den Weg zwischen sechs Gängen hindurch, die

gellten ihm die Ohren im Vorbeigehn nicht schlecht aus. Zwei Stieglein

hinunter und eins hinauf, kam er in ein gar wohnliches, vertäfertes

Gemach und streckte sich auf so ein schmales Lager hin. Wie grausam müd

er aber war, ein Schlaf kam nicht in seine Augen: Fenster und Boden

zitterten in einem fort, es schellte bald da, bald dort, die Knechte

tappten aus und ein, und die ganze Nacht brannte das Licht.

Um eins, da ihn der Oberknecht noch wachen sah, sprach der zu ihm, wenn

er auf Nachtruh halte, hier sei er in die unrechte Herberge geraten, das

Schlafen in der Mühle woll' gelernt sein wie das Psalmenbeten in der

Hölle; er soll' aufstehn, sie wollten sich selbdritt die Zeit vertreiben

mit Trischacken -- langte die Karten vom Wandbrett herunter und stellte

einen vollen Bierkrug auf den Tisch. Der Seppe wollte nicht, bekannte

auch, daß er Gelds ohne sei; allein da hieß es: »Schuster! dein

Schnappsack hat ein leidlich Gewicht, und Stein hast du keineswegs

darin; wenn aber, so sei uns ein ehrlicher Schuldner!« So gab er endlich

nach und nahm sein Spiel vor sich. Wetter! wie paßten gleich die Kerl da

auf! Was er nur zog und hinwarf: allemal die besten Stiche! Jetzt wurden

seine Sinne hell und wach zumal, er dachte: Hei, da springt ein

Wandergeld heraus! Das erste Spiel gewonnen, das zweite desgleichen!

Beim dritten und beim vierten zog er heimlich den Schuh aus unter dem

Tisch, daß es nicht merklich würde, und verspielt's damit

hintereinander, doch brachte er es vier- und sechsfach wieder ein, und

pünktlich machte einer jedesmal die Striche auf die Tafel, daß man's

nachher zusammenrechnen könne. Es war ihm über einen Gulden gut

geschrieben, und als den andern endlich so die Lust verging, war es ihm

eben recht und legte er sich noch ein Stündlein nieder. Da fiel der

Schlaf auch bald auf ihn als wie ein Maltersack, doch ohne Letzung. Er

war mit seinem Geist in Ulm und träumte nur von Greuel, Gift und

peinlichem Gericht. Ein Mahljung, welcher durch das Stüblein lief,

vernahm von ungefähr, wie er im Schlaf die Worte redete: »Fürn Galgen

hilft kein Goller und fürs Kopfweh kein Kranz!« -- ging hin und

hinterbracht's den Knechten; die kamen juxeshalber und standen um den

Schlafenden, sein bitterlich Gesicht bescherzend. Auch nestelten sie ihm

den Ranzen auf aus Fürwitz, was er Schatzwerts darin habe, zogen das

schwere Blei heraus und lachten ob des Knaben Einfalt solchermaßen, daß

ihnen gleich das Schiedfell hätte platzen mögen. »Tropf!« sprach der

eine, »hast du sonst nichts gestohlen, darum springt dir der Strick

nicht nach!« -- und packten's ihm wieder säuberlich ein.

Als nun der Seppe endlich am lichten Tag erwacht war, gürtete er sich

gleich, nahm Hut und Stock und fand die beiden Spielgesellen in der

Mühle am Geschäft. Er hätte gern sein Geld gehabt, wenn es auch nur die

Hälfte oder ein Drittel sein sollte. Sie aber lachten mit Faxen und

Zeichen, bedeuteten ihm, sie verstünden nicht über dem Lärm, was er

wolle, und hätten unmöglich der Zeit. Nun sah er wohl, er sei betrogen,

kehrte den seellosen Schelmen den Rücken und ging hinauf, dem Müller

seinen schuldigen Dank abzustatten. Dort in der Küche gab man ihm noch

einen glatt geschmälzten Hirsenbrei; damit im Leibe wohl verwarmt, zog

er zum Tor hinaus und über die Brücke, dann rechts Oberensingen zu. Gern

hätte er zuvor den Herbergvater in der Stadt um eine Wegspend

angegangen, er traute aber nicht, weil er in Ulm sich keinen Abschied in

sein Büchlein hatte schreiben lassen.

Auf dem Berg, wo der Wolfschluger Wald anfangt, sah man damals auf einem

freien Platz ein paar uralte Lindenbäume, ein offen Bethäuslein dabei,

samt etlichen Ruhebänken. Allhie beschaute sich der Seppe noch einmal

die ausgestreckte blaue Alb, den Breitenstein, den Teckberg mit der

großen Burg der Herzoge, so einer Stadt beinah gleichkam, und

Hohenneuffen, dessen Fenster er von weitem hell herblinken sah. Er hielt

dafür, in allen deutschen Landen möge wohl Herrlicheres nicht viel zu

finden sein als dies Gebirg zur Sommerszeit und diese weit gesegnete

Gegend. Uns hat an dem Gesellen wohl gefallen, daß er bei aller

Uebelfahrt und Kümmernis noch solcher Augenweide pflegen mochte.

Von ungefähr, als er sich wandte, fand er auf einem von den Ruhebänken

ein Verslein mit Kreide geschrieben, das konnte er nicht sonder Müh

entziffern; denn sichtlich stand es nicht seit jüngst, und Schnee und

Regen waren darüber ergangen. Es hieß:

Ich habe Kreuz und Leiden,

Das schreib' ich mit der Kreiden,

Und wer kein Kreuz und Leiden hat,

Der wische meinen Reimen ab!

Der Seppe ruhte lang' mit starren Blicken auf der Schrift. Er dachte:

Dem, welcher dies geschrieben, war der Mut so weit herunter als wie dir,

kann sein: noch weiter. Tröst ihn Gott! -- Nachdenksam kehrte er sich

zur Kapelle, legte Ranzen, Hut und Stock, wie sich gebührte, haußen ab

und ging, seine Andacht zu halten, hinein; nach deren Verrichtung er

sich bei den Namen und Sprüchen verweilte, so von allerhand Volk, von

frommen Pilgrimen und müßigen Betern, an den Wänden umher mit Rotstein

oder mit dem Messer angeschrieben waren. In einem Eck ganz hinten stund

zu lesen dieser Reim:

Bitt, Wandrer, für mich!

So bittst du für dich.

Mit Schmerzen ich büße,

In Tränen ich fließe.

Das _Erbe der Armen_,

Das heißet _Erbarmen_.

Recht wie ein Blitzstrahl zückten die Worte in ihn, und war ihm eben,

als flehet' es ihn aus den Zeilen an mit gerungenen Händen um seine

Fürbitte, als eine letzte Guttat an der Frau, so ihrer vor allen den

lebenden Menschen bedürfe. Seit jener Stunde, wo er sich im stillen von

ihr schied, war ihm noch kein Bedenken oder Sorge angekommen um das

verderbte und verlorene Weib; nun aber fiel das treue Schwabenherz

gleich williglich auf seine Knie, vergab an seinem Teil und wünschte

redlich, Gott möge ihren bösen Sinn zur Buße kehren und ihr dereinstens

gnädig sein; für sich insonderheit bat er, Gott wolle seiner schonen und

ihn kein blutig Ende an ihr erleben lassen. Hierauf erhob er sich, die

Augen mit dem Aermel wischend, und setzte seine Reise fort.

Nach dreien Stunden, um Bernhausen auf den Fildern, hub sein Magen an

mit ihm zu hadern und zu brummen. Er hätte sich mit seinem Lot in

manches reichen Bauern Haus und Küche leichtlich wie Rolands Knappe

helfen können, welcher vermittelst seines Däumerlings dem Sultan sein

Leibessen samt der Schüssel frei vor dem Maul wegnahm. Ihm kam jedoch

vor Traurigkeit dergleichen gar nicht in den Sinn: auch hatte er sein

Leben lang weder gestohlen noch gebettelt. Kein leiderer Weggenoß ist

aber denn der Hunger. Er rauft, wenn er einmal recht anfangt, einem

Wandersmann schockweis die Kraft aus dem Gebein, nimmt von dem Herzen

Trost und Freudigkeit hinweg, schreit allen alten Jammer wach, recht wie

bei Nacht ein Hund den andern aufweckt, daß ihrer sieben miteinander

heulen. Das dauerte bei dem Gesellen, bis endlich Degerloch da war und

er nun um die Mittagszeit seine Vaterstadt im lichten Sonnenschein und

Rauch vom Berg aus liegen sah. Da brannten ihn die salzigen Tropfen vor

Freuden im Aug' und waren seine Füße alsbald wie neugeboren.

Von weitem hörte er Trompetenschall und sah es vor dem Tor und in den

Straßen blinken und wimmeln. Die Ritter kamen in Harnisch und Wehr

zurück vom großen Stechen: Roß und Mann bis an den Helmbusch voller

Staub. Es wogte bunt von Grafen, Edelherrn und Knappen, von

Bürgersleuten und vielem Landvolk.

Der Seppe drückte sich, wie er zur Stadt hineinkam, scheu nur an den

Häusern hin: denn ob er gleich unsichtbar ging um seiner schlechten

Kleidung willen, auch weil er übel, schwach und schwindlig war vor

übergroßer Anstrengung, weshalb er nicht viel Grüßens oder Redens

brauchen konnte, so war ihm doch bei jedem Schritt, wie wenn die Blicke

aller Leute auf ihn zielten, und wurde rot und blaß, so oft als ein

guter Bekannter oder ein Mädchen seiner alten Nachbarschaft bei ihm

vorüber lachte. Er strebte einem engen Gäßchen zu im Bohnenviertel, wo

eine alte Base von ihm wohnte. Am Eck schob er den Ranzen rechts herum,

und schon von ihrem Fenster aus begrüßte ihn das gute Fraulein, seine

Dot. Er sprang mit letzten Kräften die Stiege noch hinauf, aber unter

der Tür knickt' er in den Knien zusammen und schwanden ihm zumal die

Sinne. Die Frau rief ihren Hausmann, holte Wein und was sonst helfen

mochte. In Bälde hatten sie den armen Lungerer so weit zurecht gebracht,

daß er auf seinen Füßen stehn, sich hinter den Tisch setzen, essen und

trinken konnte.

Dabei erzählte ihm das Mütterlein, was sich alle die Zeit her begeben:

vom großen Beilager im Schloß wie auch, daß morgen noch ein Haupttag

sei. Weil nämlich eben Faßnacht in der Nähe war und die erlauchte Braut

nichts lieber sah als einen schönen Mummenschanz, so wurde von dem Rat

der Stadt beschlossen, daß ein solcher mit ausnehmender Pracht auf dem

Markt gehalten werde. Der Graf dagegen wollte zu Mittag die Bürgerschaft

in den Straßen bewirten, welches der Jahreszeit halben wohl geschehen

mochte, indem der Winter so gelind und kurz ausfiel, daß wahrlich im

Stuttgarter Tal fast die Bäume ausschlugen. »Auf diesen Tag nun, siehst

du,« sprach die Base, »tut jung und alt sein Bestes, der Arme wie der

Reiche: wer keinen Heiden oder Mohren machen kann, der findet einen

bunten Lappen zum Zigeuner, und wem die Larve fehlt, der färbt sich im

Gesicht. Da hat vorhin die Kiderlen, die Vrone, die du kennst, sich

Feierwams und Hosen von ihrem Vetter, meines Hausmanns Buben, abgeholt,

und er verbutzet sich mit seiner Ahne ihrem Hochzeitstaat. Seppe, wir

müssen uns für dich beizeiten auch nach was umtun. Für jetzo, schätz'

ich aber, hast du das Bett am nötigsten.« -- »Ach wohl, Frau Dot!«

sprach er, »und ich wollt' nur, die Nacht hätt' ihre achtundvierzig

Stund!« -- »Nun,« meinte sie, »vier hast du, bis wir essen; da läßt sich

schon ein schön Stück Schlafs vorweg herunterspinnen!« -- und führte ihn

hinauf in eine kleine Kammer, in welcher allezeit ein gutes Gastbett

aufgemacht war.

Das Stuttgarter Hutzelmännlein · 第 5 / 8 段