Die Stangen hingen alle voll, er hätte können gehen; allein der

Angstschweiß brach ihm aus: er wußte nicht, wie er am hellen Tagslicht

vor die Frau hintreten, noch was er weiter sagen solle. Drum nestelt' er

und ruckt' und zappelte noch eifrig eine Weile an den Würsten hin und

wieder. Auf einmal aber sprach er: »Meisterin, ich hab' schon je und je

gedacht, wir wären füreinander. Ich hätte eine Lieb' zu Ihr und groß

Zutrauen.«

»Davon läßt sich schon reden!« sagte sie. -- Nun stieg er flugs herab

und stand vor ihr mit einem schwarzen Rußfleck um die Nase, darüber sie

ein wenig lächelte, einen Zipfel ihrer weißen Schürze nahm und ihn

abwischte. Das tat ihm ganz im Herzen wohl, er faßte ihre Hand und hatte

ihren Mund geküßt, eh' sie sich des versah. Sie aber gab ihm ein

Gleiches zurück. -- »So seid Ihr nicht mehr meine Meisterin, Ihr seid

jetzt meine Braut!« -- Sie bejaht' es, und waren sie beide vergnügt,

schwatzten und kosten noch lang' miteinander.

Bevor er wieder in die Werkstatt ging, sagte sie noch: »Wir wollen

niemand etwas merken lassen, bis Ihr das Meisterrecht habt und wir bald

fürsche machen können.«

Selbigen Abend eilte es dem Seppe nicht, wie sonst, nach dem Essen zum

Bier. Er freute sich schon seit dem Morgen auf diese gute Stunde. Sobald

die andern aus dem Haus, begab er sich auf seine Kammer, wusch und

kämmte sich, legte ein sauberes Hemd und sein Sonntagswams an, zu Ehren

dem Verspruch, und als er dann neben der Frau so recht in Ruh und

Frieden saß, die Läden und die Haustür zugeschlossen waren, ein frisches

Licht im Leuchter angesteckt, so legt' er ihr zuvörderst die silberne

Haube, seine Brautschenke, hin. Ja, da empfing er freilich Lobs und

Danks mit Haufen. Wo bringt's der Fantel her? mochte sie denken, da er

es nicht gekauft noch hoffentlich vom Markt gestohlen hat. -- Sie hätte

es gar gern gewußt, doch band er sich die Zunge fest und lachte nur so.

Sie holte Wein herauf vom Keller, und er brachte den Schnitzlaib

herunter. Der Leser bildet sich schon selber ein, sie werde heute

schwerlich das erstemal davon gekostet haben: o nein! Den Seppe kränkte

nur, daß er ihr nicht füglich Tag für Tag ein neues Stück zum Imbiß

bringen konnte, indem die Meisterin schon ohnedas sich wunderte, was

doch der Bursch für einen guten Döte habe an dem Stuttgarter

Hofzuckerbäcken (wie er ihr weisgemacht), dem's auf ein Laiblein alle

acht Tag nicht ankomme. Denn ob es ihm schon nicht verboten war, zu

offenbaren, wie es damit bewandt, so scheute er sich doch. Jetzt fühlte

sie ihm besser auf den Zahn und sagte: »Gesteht's nur, Seppe! Gelt, Brot

und Haube sind aus _einem_ Haus!« -- »Das nicht,« erwidert' er. »Das

eine anbelangend, so will ich meine herzliebe Braut von Grund der

Wahrheit berichten: denn mit dem Zuckerbäck, das war gespaßt. Habt Ihr

in Ulm auch schon gehört vom Hutzelmann?« -- »Kein Wort.« -- »Vom

Pechschwitzer? vom Tröster?« -- »Nichts.« -- »Gut denn!« -- Er nahm sein

Glas, tat ihr Bescheid, fing an, der Frau treuherzig zu eröffnen alles,

was ihm die Nacht vor seiner Reise widerfahren. Im Anfang schaute sie

ihm so in das Gesicht dabei, als gält' es eben Scherz; doch weil er gar

zu ernsthaft dreinsah, dachte sie: Er ist ein Wunderlecker und ein

Träumer. Je mehr sie aber zweifelte, je mehr ereiferte er sich. »Da will

ich meiner Liebsten zum Exempel vom Doktor Veylland eine Geschichte

erzählen, die ist gewiß und wahr, ich hab' sie von meinem Großvater. Ihr

höret sie einmal zum Zeitvertreib, nachher mögt Ihr dran glauben oder

nicht!

Der Veylland war ein alter Freund vom Graf Konrad von Wirtemberg,

demselbigen, welcher den Grund zu meiner Vaterstadt gelegt, und trieb

sein Wesen als ein stiller alter Herr in einem einzechten Gebäu, das

stand daselbst im Tal unweit dem Platz, wo dermalen das Schloß zu sehen

ist. Des Doktors vornehmstes Vergnügen war ein großer Garten hinter

seinem Haus, drin pflanzte er das schönste Obst im ganzen Gau; nur daß

ihm alle Herbst die Bupsinger Bauern die Hälfte wegstahlen trotz einer

hohen Mauer, so rings um das Haus und den Garten her lief. Dies ärgerte

den Herrn, daß er oft krank darüber ward. Jetzt kommt einmal am lichten

Tag, indem er eben bei verschlossener Tür in einem alten Buch studiert,

der Hutzelmann zu ihm, der Pechschwitzer, der Tröster (welchen zuvor der

Doktor noch nicht kannte) und bietet ihm ein Mittel wider diese Gauchen

mit dem Beding, daß er ihm alljährlich einen Scheffel gute Wadelbiren

liefere zu Hutzeln. Der Doktor ging das unschwer ein. Da brachte jener

unter seinem Schurzfell einen Stiefelknecht hervor von ordentlichem

Buchenholz, noch neu und als ein wundersamer Krebs geschnitzt, mit einem

platten Rücken und kurzen starken Scheren; am Bauch untenher war er

schwarz angestrichen, darauf mit weißer Farbe ein Drudenfuß gemacht.

Nehmt diesen meinen Knecht, sagte der Hutzelmann, und stellt ihn, wohin

Ihr wollt im Haus, doch daß er freien Paß in Garten habe, etwa durch

einen Kandel oder Katzenlauf! Im übrigen laßt ihn nur machen und kümmert

Euch gar nichts um ihn! Es kann geschehen, daß Ihr mitten in der Nacht

hört einen Menschen schreien, winslen und girmsen: da springet zu,

greifet den Dieb und stäupet ihn! Dann sprechet zu dem Knecht die Wort':

Zanges, Banges, laß ihn gahn,

Wohl hast du dein Amt getan!

Doch ehe Ihr den Bauern oder Nachtschach laufen laßt, sollt Ihr ihn

heißen seine Stiefel oder Schuh abtun, dabei mein Knecht ihm trefflich

helfen wird, und diese Pfandstück möget Ihr behalten, auch seinerzeit

nach Belieben verschenken! Dafern mein Krebs in seiner Pflicht saumselig

würde oder sonst sich unnütz machte, schenkt ihm nur etlich gute Tritt'

keck auf die Aberschanz! Ich hoff', es soll nicht nötig sein. Sonst ist

er ganz ein frommes Tier und zäh, man kann Holz auf ihm spalten; nur

allein vor der Küchen sollt Ihr ihn hüten: er steigt gern überall herum

und fällt einmal in einen Kessel mit heiß Wasser; das vertragt er nicht.

Aber ich komme schon wieder und sehe selbst nach, lieber Herr. Gehabt

Euch wohl!

Der Doktor Veylland stellte jetzt den Stiefelknecht vor seine Stubentür.

Da blieb er stehen bis zum Abend unverregt und sah so dumm wie ein ander

Stück Holz. Im Zwielichten aber, wie man just an nichts dachte, ging es

auf einmal Holterpolter, Holterpolter die Stiege hinab und durchs

Gußloch hinaus in den Garten. Da sahen Herr und Diener ihn vom Fenster

aus durchs grüne Gras an der Mauer hinschleichen und kratteln, an allen

vier Seiten herum und immer so fort, die ganze liebe lange Nacht.

Der alte Diener hatte seine Lagerstatt im untern Stock gegen den Garten;

nun streckt er sich in Kleidern auf sein Lotterbett. Eine Stunde

verstrich nach der andern, der Alte hörte nichts, als hin und wieder wie

durch das Geäst ein reifes Obst herunterrauscht' und plumpste. Doch

gegen Morgen, eben da er sich aufs andere Ohr hinlegte und sein Zudeck'

besser an sich nahm, denn es war frisch, erscholl von fernen her ein

Zetermordgeschrei, als wenn es einem Menschen an das Leben geht. Der

Diener sprang hinaus und sah auf sechzig Schritt, wie des Hutzelmanns

Knecht einen baumstarken Kerl am Fersen hatte und mit Gewalt gegen das

Haus herzerrte, also daß beide Teile rückwärts gingen, Dieb und Büttel

(wie ja der Krebse Art auch ohnedem so ist), und war ein Zerren, Würgen,

Sperren, Drängen und Reißen, dazu viel Keuchens und Schnaufens, Wimmerns

und Bittens, daß es erbärmlich war zu hören und sehen.

Der arme Schächer, so ein Bupsinger Weinschröter war, trachtet' im

Anfang wohl, mitsamt dem Schergen durchzugehen, der aber hatte gut zwo

Ochsenstärken und strafte ihn mit Kneipen jedesmal so hart, daß er sich

bald gutwillig gab. Auf solche Weise kamen sie bis an das Haus; da hielt

der Krebs gerade vor der Tür und stand der Doktor schon daselbst in

seinem Schlafrock, lachend; sprach:

Zanges, Banges, laß ihn gahn,

Wohl hast du dein Amt getan!

Dann ließ er den Bauern die Bundschuh austun und mochte der laufen.

Die andere Nacht gleich wurden ihrer zween nacheinander eingebracht, die

dritte wieder einer und alsofort bis auf die dreißig, lauter Bupsinger.

Denn weil sich jeder schämte, sagt's keiner, die andern zu warnen. Der

gute Knecht verfehlte nicht leicht seinen Mann; ein einzigmal kam er mit

einem leeren Stiefel angerutscht und hielt denselben bis zum Morgen

unverruckt mit großer Kraft in seinen Zangen, bis ihn von ungefähr der

Herr vom Haus erblickte. Das Schuhwerk aber nagelte der Diener alles

nach der Reih' im leeren Pferdstall an der Wand herum. -- Es gibt noch

ein liebliches Stücklein davon: wie nämlich einst der Graf mit seiner

Frauen und zwei Söhnlein auf Besuch bei dem Veylland gewesen. Herr

Konrad baute bei dessen Garten eine Stuterei -- daher nachmals die Stadt

Stuttgarten hieß -- beschied seinen Werkmeister her auf den Platz und

zeigte selbst, wie alles werden sollte. Es wollte aber gern der Doktor

denen kleinen Junkherrn eine Kurzweil schaffen und bat den Hutzelmann

derhalben, um daß er ein unschuldig Zinselwerk bereite; der versprach's.

Als nun die Knaben nach der Mahlzeit in dem Garten spielten, da ward's

lebendig in dem Stall, und kam bald aus der Tür hervor ein ganzer Zug

von kleinen, zierlichen Rößlein, lauter Rappen mit Sattel und Zeug, und

das waren die Stiefel gewesen; sie gingen zwei und zwei und wurden von

kleinen Roßbuben geführt, und das waren die Bundschuh. Die Junker hatten

ihre Freude mit den ganzen Abend. Auf einmal tat es außen an dem Garten

einen Pfiff, der ganze Troß saß wie der Blitz ein jeder in seinem

Sattel, die Rößlein aber waren zumal Heupferde geworden, grasgrün, einen

Schuh lang, mit Flügeln, die setzten all' über die Mauer hinweg und

kamen nicht mehr. Doch nachderhand fand man so Stiefel als Schuh wie

zuvor an die Stallwand genagelt.

Vor Jahren habe ich zu Stuttgart auf dem Markt ein Spiel gesehen in

einem Dockenkasten, so auch von diesem handelte. Hätt' ich nur alles

noch so recht im Kopf! Da wird gesagt zum Vorbericht in wohlgesetzten

Reimen, was ich Euch erst erzählt, und sonst noch was voraus zu wissen

nötig ist, vom Bernd Jobsten, dem Hofnarrn. Der ward denselben Spätling

fortgejagt vom Grafen, weil er nicht wollte seiner bösen Zunge Zaum und

Zügel anlegen, absonderlich gegen die fremden Herrschaften und Gäste.

Nun klagte er sein Mißgeschick dem Doktor, als welcher ihm sonst einmal

Gnade beim Herrn derhalben ausgewirkt, jetzt aber sich dessen nicht mehr

unterstand; doch steuert' er ihm etwas auf den Weg und hieß ihn auch die

Schuh im Stall mitnehmen, wofern er etwa meinte, sich ein Geldlein mit

zu machen. Ja, sagte der Narr, das kommt mir schon recht. Vergelt' es

Gott! -- und holte sie gleich ab in einem großmächtigen Kräben und trug

sie auf dem Rücken weg, talabwärts, wußte auch schon, was anfangen

damit.

Am Neckar unterm Kahlenstein fand er des Grafen Schäfer auf der Weid'

und stellte seine Bürde ein wenig bei ihm ab, erzählte ihm, wie er den

Dienst verscherzt, und was er da trage. Hiermit hebt denn die Handlung

an, und spricht sofort der Narr:

_Narr_: Ich bin jetzt alt und gichtbrüchig,

Und meine Sünden beißen mich;

Drum will ich bau'n ein Klösterlein

Und selber gehn zuerst hinein,

In angenehmer Schauenlichkeit

Verdrönsgen dieses Restlein Zeit.

Spricht der _Schäfer_: Klöster bauen kost't halt viel Geld.

_Der Narr_: Just darauf ist mein Sinn gestellt.

Hiezu bedarf es ein Heiltum,

Daß alle Leut' gleich laufen drum.

Ein Armes bringt sein Scherflein her,

Der Reich' schenkt Äcker, Hof, Wald und mehr.

_Der Schäfer_: Solch Heiltum kriegen ist nichts Kleins.

_Der Narr_: Hat mancher keins, er schnitzet eins.

Ich, Gott sei Dank! bin wohl versehn.

Diese Schuh', mußt du verstehn,

Der vielberühmt Doktor Veylland

Nächst an der Stadt Jerusalem fand

Unterm Schutt in einer eisen Truh

Ein gar alt Pergament dazu

Mit Judeng'schrift. Selbes bekennt:

Als Mose nun hätt' Israels Heer

Geführet durch das Rote Meer

Und König Pharao, Reiter und Wagen

Ersäufet in der Tiefe lagen,

Frohlockt das Volk auf diesen Strauß,

Zog weinend Schuh und Stiefel aus,

Am Stecken sie zu tragen heim

Ins Land, wo Milch und Honigseim,

In ihren Häusern sie aufzuhenken

Zu solches Wunders Angedenken.

Aus sechshunderttausend ohngefahr

Erlas man diese dreißig Paar

Und brachte sie an sichern Ort

Als einen künftigen Segenshort,

Daß, wer das Leder küssen mag,

Sei ledig seiner Lebetag

Von Allerweltsart Wassernot,

Auch Wassersucht und sottem Tod.

_Der Schäfer_: Hast du das G'schrift auch bei der Hand?

_Der Narr_: Das, meint' ich, gäb' dir dein Verstand.

Es liegt im Kräben unterst drin,

Und hätt' ich's nicht, gält's her wie hin.

Die War' blieb trocken auf Meeres Grund

Und ist brottrocken auf diese Stund'.

Nun kenn' ich einen guten Pfaffen,

Der soll mir helfen mein Ding beschaffen,

Soll es anrühmen dem Provinzial,

Der meld't's gen Rom dem General.

Da wird sehr bald Bescheid ergehn,

Man wöll der Sach nit widerstehn,

Sie soll'n nur forschen bei diesem Jobst,

Was er lieber wär': Prior oder Propst.

Als nun der Narr zum Pater in seine Zelle kommt und ihm den Antrag

stellt, begehrt derselbe allererst, das Pergament zu sehen. Ja, sagt der

Schelm, vorm Jahr noch hätt' er's ihm wohl weisen können; allein ganz

schrumpflig, mürb und brüchig, wie er es überkommen, sei es ihm nach und

nach zuschanden gegangen. Dafür zieht er aus seinem Korb hervor ein alt,

schwer eisen Marschloß, vorgebend, es sei vor der Truchen gelegen. Der

Mönch, wie leicht zu denken, hält ihm nichts drauf, verachtet ihm sein

ganz Beginnen, verwarnet und bedrohet ihn gar. Der Narr, weil er

vermeint, die Sach' an ihr selbsten gefiel' ihm schon, sie möchte wahr

sein oder nicht, er scheue minder den Betrug als den Genossen -- erboset

er sich sehr in anzüglichen Reden und spricht mit der Letzt:

Sag, Pfaff! tust du die Bibel les'n?

_Der Pater_: War die ganze Wuch'n drüber g'sess'n.

_Der Narr_: Ich dacht nur, weil sie in Latein.

_Der Pater_: Wohl! daß nit jed's Vieh stört hinein.

_Der Narr_: Wohlan, so weißt du baß dann ich,

Was dort geweissagt ist auf dich

Und die Frau Mutter der Christenheit,

Wie ihr es nämlich treibt die Zeit.

Zum Exempel §Proverbia§

Im dreiß'gsten, was steht allda?

Die Eigel hat zwo Töchter schnöd:

Bringher, Bringher, heißen alle beed;

Die ein' hat einen Ablaßkram,

Die ander heischet sonder Scham. --

Ei, das hofft' ich nur auch zu nutzen.

Pfaff, du tät'st mit, hätt's nicht sein Butzen!

So zieht er ab mit seinem Kräben unter heftigem Schelten und Drohen des

Mönchs. Noch aber läßt er sein Vorhaben nicht, ein Kloster zu erbauen,

und sollen ihm die Bundschuh und die Stiefel inallweg dazu helfen.

Sobald er wieder auf der Straßen ist, spricht er:

Jetzt, wüßt' ich nur 's Pechfisels Haus!

Der macht' mir ein' Trupp Münchlein draus;

Die schicket' ich dann in die Welt,

Zu kollektier'n ein Gottesgeld.

Vielleicht er macht sie mir gleich beritten

Auf Saumrößlein mit frommen Sitten:

Sie kämen doch viel 'ringer so 'rum,

Als wie §per pedes apostolorum§.

Nachdem er lang vergebens überall dem kleinen Schuster nachgefragt, so

findet er denselben von ungefähr beim Bupsinger Brünnlein sitzen, an dem

Berg, darin seine Wohnung und Werkstatt ist, und wo er eben einen Becher

Wassers schöpfte. Der Narr, mit großer Scheinheiligkeit, entdeckt ihm

sein Anliegen, doch der Pechschwitzer antwortet ihm:

Ich dient' Euch gern, mein guter Freund,

Aber was geistliche Sachen seind,

Laßt meine Kunst mit unverworr'n!

Es brächt' mir eitel Haß und Zorn.

Mein Rat ist darum: Geht zur Stund',

Verkauft, so gut Ihr könnt, den Schund!

Bei die Bupsinger droben, hör' ich, wär'

Großer Mangel eine Weil schon her.

So brauchet es kein lang Hausieren.

Doch müßt ihr nicht Eu'r Geld verlieren;

Woll'n sie mit dem Beutel nit schier heraus,

Droht, es käm' ihnen der Werr ins Haus,

Der Presser; das werden sie schon verstehn.

Darauf der _Narr_: Ich folg' Euch, Meister, und dank' Euch schön.

Jetzt kommt das Lustigste, das aber muß man sehen: wie nämlich Bernd

Jobst in dem Dorf seinen Korb auf der Gasse ausschüttet, die Bauern aus

den Häusern kommen und gleich ein groß Geriß anhebt, da jeder mit

Geschrei sein Eigentum aussucht und alle sich untereinander als Diebe

verraten. Sie weigern sich der Zahlung gar hartselig, bis sich der Jobst

anstellt zu gehen und sich etwas verlauten läßt vom Werr, daß er ihn

schicken wolle. Auf dieses ist mit eins ein jeder willig und bereit, ja

auch der gröbst Torangel zahlt, was ihn ein neues Paar vom Krämermarkt

nicht kostete.

Allmittelst hat der Schäfer bei Gelegenheit dem Grafen erzählt, was

Wunderliches der Jobst vorhabe, der Doktor aber bestätiget nach dem, wo

er vom Pechschwitzer vernommen, und ist das Ende von dem Lied, daß Herrn

Konrad dem Narren für diesmal Vergebung erteilt, weil ihm der Schwank

gefallen.«

So erzählte der Seppe. Die Meisterin hörte ihm nur so aus Gefälligkeit

zu und insgeheim mit Gähnen. »Ja, ja,« sprach sie am Ende, »das sind mir

einmal Sachen!« und nahm das Ränftlein in die Hand, das er von seinem

Brot übrig gelassen. Nun, muß man wissen, hatte sie am Fenster einen

schönen großen Vogel, der saß in seinem Ring frei da. Ihr erster Mann

nahm ihn einmal an Zahlungsstatt von einem bösen Kunden an; es war ein

weißer Sittich mit einem schwarzen Schnabel und auch dergleichen Füßen.

Er sollte, hieß es, alles sprechen, wenn er das rechte Futter bekäme,

und ob er zwar die ganze Zeit nicht sprach und sich der Schuster

dessenthalb betrogen fand, so ward er doch der Frau Liebling.

Derselbe schaute jetzt der Meisterin, wie sie das Restlein Brot so

hielt, mit einem krummen Kopf begierig auf die Finger. Da sagte sie zu

ihrem Bräutigam: »Soll es der Heinz nicht haben?« -- Der Seppe dachte

freilich: Damit geht manches Hundert schöner Laiblein ungesehen

zuschanden; doch gab er ihr zur Antwort: »Was mein ist, das ist Euer,

und was Euch hin ist, soll auch mir hin sein.« -- So schnellte sie den

Brocken ihrem Heinz hinauf; der schnappte ihn, zerbiß und schluckt' ihn

nieder. Kaum aber war's geschehn, so hub der Sittich an zu reden und

brachte laut und deutlich diese Worte vor:

Gut, gut, gut -- ist des Hutzelmanns sein Brot.

Wer einen hat umgebracht und zween, schlägt auch den dritten tot.

Die Meisterin saß bleich, als wie die Wand, auf ihrem Stuhl, der Gesell

aber, wähnend, sie sei darob verwundert vielmehr denn entsetzt, lachte

und rief: »Der ist kein Narr! Er meint, wenn man es einmal recht

verschmeckte, fräß einer leicht auf einen Sitz drei Laib!« -- Darauf die

Frau zwar gleichermaßen groß Ergötzen an dem Tier bezeugte; doch mochte

es ihr wind und weh inwendig sein, und als der Bräutigam, nachdem er

lang genug von dem närrischen Vogel gered't und Scherz mit ihm

getrieben, jetzo von andern, nötigen Dingen zu handeln begann: wie sie

es künftighin im Haus einrichten wollten, wen von den Gesellen behalten,

wem kündigen und so mehr, war sie mit den Gedanken unstet immer

nebenaus; das wollten sie bei guter Zeit ausmachen, sagte sie, tat

schläfrig, besah die Haube noch einmal und setzte sie auf vor dem

Spiegel. -- »Puh! friert's mich in der Hauben!« rief sie zumal und

schüttelte sich ordentlich. »Das Silber kältet so.« -- Dann sagte sie:

»Wenn schwarze Band dran wären, mein! es wär' recht eine Armesünderhaube

für eine fürstliche Person!« und lachte über diese ihre Rede einen

Schochen, daß den Gesellen ein Gräusel ankam. Gleich aber war sie wieder

recht und gut, gespräch, liebkoste den Gespons und machte ihn vergnügt,

wie er nur je gewesen. Danach so gaben sie einander küssend gute Nacht

und ging er, aller guten Dinge voll, auf seine Kammer.

Den andern Morgen, es war am Sonntag, sah er den schönen Sittich nicht

mehr sitzen in dem Ring, und die Meisterin sagte mit unholder Miene:

»Das Schnitzbrot hat ihm schlecht getan, ich fand ihn unterm Bank da tot

und steif und schafft' ihn mir gleich aus den Augen.«

Das deuchte dem Gesellen doch fast fremde, auch sah er einen Blutfleck

am Boden. Am meisten aber wunderte und kränkte ihn, daß ihm die Frau so

schnorzig war.

Am Nachmittag, weil seine Braut nicht heim kam von der Kirche aus,

spazierte er mit seinen Kameraden um den Wall nach einer neuen Schenke

gegen Söflingen. Einer von ihnen schlug ein paarmal bei ihm auf den

Busch und stichelte auf seine Liebste; da denn ein anderer, ein loser

Hesse, den Scherz aufnahm und sagte: »Der Fang wär' recht für einen

Schwaben, die haben gute Mägen, Schuhnägel zu verdauen.«

Weil nun der Seppe nicht verstand, wie das gemeint sei, blieb er mit

seinem Nebenmann, einem ehrlichen Sindelfinger, ein wenig dahinten und

frug ihn darum. »Das ist dir eine neue Mär?« sprach der gar trocken.

»Deine Meisterin, sagt man, hab' in Zeit von drei Jahr ihren zween

Männern mit Gift vergeben. Vom letzten soll es sicher sein, vom ersten

glaubt's darum ganz Ulm. Den zweiten hat man erst verwichenes Frühjahr

begraben. Die Richter hätten ihr das Urteil gern zum Tod gesprochen,

konnten aber nichts machen; denn auf dem Sterbebett sagte ihr Mann, er

habe Schuhnägel gefressen. Dergleichen fanden sich nachher auch richtig

in dem Leib, allein man glaubt, er habe sie in Schmerzen und

Verzweiflungswut, als er das Gift gemerkt, nur kurze Zeit vor seinem End

geschluckt.«

Dem Seppe verging das Gesicht. Er schritt und schwankte nur noch so wie

auf Wollsäcken bis in die Schenke. Dort stahl er sich hinweg und ließ

sein volles Glas dahinten.

Abwegs in einem einsamen Pfad saß er auf einer Gartenstaffel nieder,

seine Lebensgeister erst wieder zu sammeln. Alsdann dankte er Gott mit

gefalteten Händen, daß er ihn noch so gnädig errettet, überlegte und kam

bald zu dem Beschluß, gleich in der nächsten Nacht das Haus der

schlimmen Witwe, ja Ulm selbst insgeheim zu verlassen. Er blieb dort

sitzen auf dem gleichen Fleck, bis die Sonne hinab und es dunkel war.

Dann ging er in die Stadt, strich, wie ein armer Sünder und Meineider,

lang in den Straßen hin und her und suchte zuletzt, von Durst und Hunger

angetrieben, eine abgelegene Trinkstube, wo viele Gäste zechten, ihn

aber niemand kannte. Dort barg er sich in einem dunklen Sorgeneck bei

einem Fenster nach den Gärten und der Donau zu.

Er konnte, wie man spricht, von keinem Berg sein Unglück übersehen. Zu

allem Herzleid hin nicht gar sechs Batzen im Besitz -- denn einen Rest

Guthabens bei der Frau, wie hätte er ihn fordern mögen? -- dazu sein

gutes Hutzelbrot verheillost, das ihm jetzt auf der Reise für

Hungersterben hätte dienen können, und endlich Spott und Schande vor und

hinter ihm!

Er ging bei sich zu Rat, ob er in seine Heimat solle oder weiterziehen.

Das eine kam ihn schier so sauer wie das andere an. Was werden deine

Freunde sagen, wenn du schon wiederkommst, als wie der Brogel-Wenz vom

welschen Krieg? (derselbe nämlich grüßte die Weinsteig schon wieder am

siebenten Tag) -- so dachte er; allein die Welt, soweit es in der Fremde

heißt, kam ihm jetzt giftig, greulich vor, so öd und traurig wie das

Ulmer Elend, das er dort unten in den Gärten liegen sah: aus einem

Fenster dämmerte der kleine Schein vom Licht des Siechenwärters, dabei

vielleicht ein armer Tropf, fern von dem lieben Vaterland, jetzt seinen

Geist aufgab. Darum, es koste, was es wolle, heim ging sein Weg, nur

Stuttgart zu! Von keinem Menschen gedachte er Abschied zu nehmen, am

wenigsten von ihr, deren Gestalt und Mienen er mit Grauen immer vor sich

sah. Deshalb er auch nicht eher aus dem Wirtshaus ging, als bis er

sicher war, ihr nicht mehr zu begegnen, und seine Mitgesellen ebenfalls

schon schliefen. Es war schon zwölfe, und die Scharwich kam zum

zweitenmal, den letzten Gästen abzubieten.

Wie er nun langsam durch die leeren Gassen nach seinem Viertel lenkte,

vernahm er oben in dem Giebel eines kleinen Hauses den Gesang von zwo

Dirnen, deren eine, eines Kürschners Tochter, Kunigund, er wohl kannte,

ein braves und sehr schönes Mädchen, mit welchem er im Pflug manchen

Schleifer herumgetanzt hatte. Wär' er nicht gleich im Anfang so tief in

die Witwe verschossen gewesen, die hätte ihm vor allen Ulmer

Bürgerskindern wohl gefallen und er ihr auch.

Die Dirnen plauderten, wie es ihm vorkam, finsterlings im Bett und

sangen das Lied von dem traurigen Knaben, dem sein Schatz verstarb, das

hatte zum Titel »Lieb in den Tod« und eine so herrliche Weise als sonst

vielleicht kein anderes. Da sie es noch einmal von vorn anfingen, stand

er still und horchte hinter einer Beuge Faßholz stille zu.

Das Stuttgarter Hutzelmännlein · 第 4 / 8 段