übel; insonderheit auf der Gesellenkammer war oft die halbe Nacht in
Seppes Kasten, wo sie standen, ein Gepolter und Gerutsch, als hätten sie
die ärgsten Händel miteinander, und die Gesellen schimpften und fluchten
nicht wenig deshalb. »Es ist der Marder,« sagten sie. »Er hat den alten
Schlupf zwischen den Dielen wieder gefunden; wird nicht viel fehlen, hat
er Junge; wir brechen morgen auf und bescheren ins Kindbett.« -- Der
Seppe schwieg dazu; am andern Morgen aber holt' er in der Stille einen
schweren platten Stein aus einem Bühnenwinkel vor, den stellte er
bedachtsam mit dem Rand auf sie, quer über den Reihen. »So,« sprach er,
»jetzt, ihr Ketzer, ihr schwernötige, jetzt bocket, gampet und
durnieret, wenn ihr könnt!« -- Da molestierten sie hinfort auch niemand
mehr.
* * * * *
Nun, lieber Leser, ist es Zeit, daß du erfahrest, wie es derweil
ergangen mit dem andern Paar, das der Gesell an jenem Morgen auf der
Brücke ließ, als er aus Stuttgart wanderte.
Nicht tausend Schritt war er hinweg, kam eine Bäuerin von Häslach her
und sah die Schuh. Die hat der Böse hingestellt mir zur Versuchung!
dachte sie, bekreuzte sich und lief ihrer Wege. Spazierte drauf -- denn
es war Feiertag -- ein Seifensieder aus der Stadt gemächlich, nach
seinem Weinberg auszuschauen. Derselbe aber war ein Frommer. Wie er die
herrenlose Ware sieht, denkt er: Wie geht das zu? Die wären meiner Frau
wie angemessen! Ich will mich nicht vergreifen, das sei fern: nur wenn
ich wiederkomme und sie stehn noch da, mag mir's ein Zeichen sein, daß
sie der liebe Gott mir schenkt für meine Christel. Damit das Pärlein
aber nicht etwan von der Sonnenhitze leide, nahm es der kluge Mann und
stellte es unter die Brücke in Schatten, wo es nicht leicht ein Mensch
entdecken mochte.
Bald darauf kommt aus dem Tor ein sauberes Bürgermädchen, Vrone
Kiderlen, einer Witfrau Tochter; trug ein Grättlein am Arm und wollte
Himbeeren lesen im Bupsinger Wald (der hatte seinen Namen von einer
Ortschaft auf dem Berg, von welcher heutzutag die Spur nicht mehr
vorhanden ist, doch heißt der Wald daher noch jetzo der Bopser). Indem
sie nun über das Brücklein geht, patscht etwas unten, und so ein paarmal
nacheinander. Was mag das sein? denkt sie und steigt hinunter an den
Bach. »Heilige Mutter! nagelneue Schuh!« ruft sie und schaut sich um, ob
sie nicht jemand sehe, der sie vexieren wollte oder ihr den schönen Fund
tun ließ, weil eben heut' ihr Wiegentag war. Sie nahm das Paar, zog es
zur Probe einmal an und freute sich, wie gut es ihr paßte, und wie gar
leicht sich darin gehen ließ. Bald aber kam ihr ein Bedenken an, und
schon hat sie den einen wieder abgestreift; der andere hingegen wollte
ihr nicht mehr vom Fuß. Sie drückte, zog und preßte, daß ihr der Schweiß
ausbrach, half nichts -- und war sie doch so leicht hineingekommen!
Je mehr sie diesem Ding nachdachte, desto verwunderlicher kam's ihr vor.
So eine verständige Dirne sie war, am Ende glaubte sie gewiß, die Schuhe
seien ihr von ihrer Namensheiligen Veronika auf diesen Tag beschert, und
dankte alsbald der Patronin aus ehrlichem Herzen. Dann zog sie ohne
weiteres auch den andern wieder an, schob ihre alten in den Deckelkorb
und stieg getrost den Berg hinauf.
Im Wald traf sie ein altes Weib bereits im Himbeerlesen an. Diese
gesellte sich zu ihr, obwohl sie einander nicht kannten. Während aber
nun beide so hin und her suchten, geschah's, daß sich der Vrone an den
linken Fuß eine kostbare Perlenschnur hing, die da im Moos verloren lag.
Das Mädchen merkt' es nicht und trat beim nächsten Schritt von ungefähr
sich mit dem andern Schuh die Schnur vom linken los; das sah das Weib
von hinten, hob heimlich das Geschmeide auf und barg's in ihrem Rock.
Die Schnur war aber keine andere denn jene von der schönen Lau und war
an die Tochter des jetzigen Grafen, die schöne Irmengard, von dessen
Frau Ahne vererbt.
Als endlich die zwei nacheinander heimgingen, verkündigte just in den
Straßen des Grafen Ausrufer, daß gestern im Bupsinger Forst unfern dem
Lusthaus ein Nuster mit Perlen verloren gegangen, und wer es wieder
schaffe, dem sollten fünfzehn Goldgulden Finderlohn werden. Da freute
sich das Weib, zog eilig ihre besten Kleider daheim an, kam in das
Schloß und ward sogleich vor die junge Gräfin gelassen. »Ach Frau, ach
liebe Frau!« rief diese ihr schon in der Tür entgegen, »Ihr habt wohl
mein Nuster gefunden? Gebt her, ich will es Euch lohnen!«
Nun zog das Weib ein Schächtelein hervor, und wie das Fräulein es
aufmachte, lagen sechs oder sieben zierliche Mausschwänze darin, nach
Art eines Halsbands künstlich geschlungen. Das Fräulein tat einen Schrei
und fiel vor Entsetzen in Ohnmacht. Das Weib, in Todesängsten, lief
davon, ward aber von der Wache auf den Gängen festgenommen und in Haft
zu peinlichem Verhör gebracht. Darin bekannte sie nichts weiter, als daß
sie da und da den Perlenschmuck vom Boden aufgehoben und ihn, so schön,
wie er gewesen, daheim in die Schachtel getan, der guten und ehrlichen
Meinung, das gnädige Fräulein damit zu erfreuen. Im Wald sei aber eine
Dirn an sie geraten, die müss' es mit dem Bösen haben; von dieser sei
der Streich. -- Weil nun der Graf nicht wollte, daß man bei so bewandten
Sachen viel Aufhebens mache, da mit Gewalt hier nichts zu richten sei,
ließ man das Weib mit Frieden. Zum Glück kam nichts von ihren Reden an
die Vrone: sie wäre ihres guten Leumunds wegen drob verzweifelt.
Auch anderweits erlebte sie in ihren Wunderschuhen viel Unheil, obwohl
der Segen nicht ganz mangelte. Als zum Exempel ging sie Sonntag
nachmittag gern über einen Wiesplatz hinter ihrem Haus, eine Gespielin
zu besuchen, da stieß sie sich ein wie das anderemal an so ein kleines
verwünschtes Ding von einem Stotzen, wie sie pflegen auf Bleichen im
Wasen zu stecken, fiel hin, so lang sie war, hub aber sicher einen Fund
vom Boden auf: nicht allemal ein Stücklein altes Heidengold, einen
silbernen Knopf oder Wirtel, dergleichen oft der Maulwurf aus der Erde
stößt, doch war ihr ein ehrliches Gänsei, noch warm vom Legen, gewiß.
Besonders ging es ihr beim Tanz: da sah man sie zuweilen so konträre,
wiewohl kunstreiche Sprünge tun, daß alles aus der Richte kam und sie
sich schämen mußte. Als ein gutes und fröhliches Blut zwar zog sie
sich's nicht mehr als billig zu Gemüt und lachte immer selbst am ersten
über sich; nur hieß es hinterdrein: »Schad' um die hübsche Dirne, sie
wird mit einem Mal ein ganzer Dapp!« Die eigne Mutter schüttelte den
Kopf bedenklich, und eines Tages sagte sie, als ginge ihr ein Licht wie
eine Fackel auf, zur Tochter: »Ich wette, die vertrackten Schuh allein
sind schuld! Der Alfanz hat mir gleich nur halb gefallen; wer weiß, was
für ein Rauner sie hingestellt hat!« -- Das Mädchen hatte selber schon
an so etwas gedacht, jedoch verstand sie sich nicht leicht dazu, sie
gänzlich abzuschaffen; sie waren eben gar zu gut und dauerhaft. Indes
ging sie noch jenen Tag zum Meister Bläse, sich ein Paar neue zu
bestellen. Es war derselbige, bei welchem es der Seppe nicht aushalten
mögen. Die Vrone sah auf dessen Stühlchen ungern einen andern sitzen;
sie hatte ihn gekannt und gar wohl leiden können.
Wie nun der alte Bläse ihr das Maß am Fuß nahm, stachen ihm die fremden
Schuhe alsbald in die Augen. Er nahm den einen so in seine feiste Hand,
betrachtete ihn stillschweigend lang' und sagte: »Da hat Sie was
Apartes. Darf man fragen, wo die gemacht sind?« -- Das Mädchen, welches
bis daher von ihrem Fund noch weiter niemand hatte sagen wollen, gab
scherzweis zur Antwort: »Ich hab' sie aus dem Bach gezogen.« -- Die fünf
Gesellen lachten, der Alte aber brummte vor sich hin: »Das könnt' erst
noch wahr sein!«
Am Abend in der Feierstunde sprach er zu seinem Weib und seiner Tochter
Sara: »Ich will euch etwas offenbaren. Die Kiderlen hat ein Paar
Glücksschuh am Fuß; ich kenne das Wahrzeichen.« -- »Ei,« meinte die
Tochter aus Neid, »sie haben ihr noch keinen Haufen Geld und auch noch
keinen Mann gebracht.« -- »Es kann noch kommen,« versetzte der Alte. --
»Wohl,« sagte die Mutter, »wenn man sie ihr nur abführen könnt'! Ich
wollte so etwas der Sare gönnen.« -- Da beschlossen sie dann
miteinander, der Vater solle ein Paar Schuh wie diese machen und die
Sare sie heimlich verwechseln.
Der Mann begab sich gleich den andern Morgen an die Arbeit. So häkelig
sie war, dennoch, die feinen, wundersam gezackten Nähte, die rote
Fütterung mit einem abgetragenen Stück Leder, alles zumal geriet so
wohl, daß er selbst sein Vergnügen dran hatte. Die böse List ins Werk zu
setzen, ersannen sie bald auch Mittel und Wege.
Dicht bei der Stadt, wo man herauskommt bei dem Tor, welches nachmals,
von dortiger Schießstatt her, das Büchsentor hieß, sah man zu jener Zeit
noch einen schönen, ansehnlichen Weiher, ähnlich dem Feuersee, der eine
gute Strecke weiter oben dermalen noch besteht. Am Ufer war ein Balken-
und Brettergerüst mit Tischen und Bänken hinein in das Wasser gebaut, wo
die Frauen und Dirnen der Stadt ihre Wäsche rein zu machen pflegten.
Hier stunden sie manchmal zu vierzig oder fünfzig, seiften und rieben um
die Wette und hatten ein Gescherz und Geschnatter, daß es eine Lust war,
alle mit bloßen Armen und Füßen. Nun paßten des Schusters wohl auf, bis
die Vrone das nächstemal wusch; denn Bläses Haus lag hart am See, und
stieß das Wasser unten an die Mauer. Auf einen Mittwoch Morgen, da eben
schönes warmes Wetter war, kam denn die junge Kiderlen mit einer Zaine:
geschwind sprang auch die Sare mit der ihren und traf es glücklich,
neben sie an einen Tisch zu kommen. Da stellten beide ihre Schuh, wie es
der Brauch war, unter die Bank. Die Vrone hatte seit acht Tagen heute
das erstemal ihr Glückspaar wieder angelegt, mit Fleiß: denn weil sie
richtig dieser ganzen Zeit das Melkfaß nimmer umgestoßen, das Spinnrad
nimmer ausgetreten noch sonst einen bösen Tritt getan, so wollte sie,
des Dinges ganz gewiß zu sein, jetzo die Gegenprobe machen. Die falsche
Diebin war mit den paar Laken, so sie mitgenommen, in einer Kürze
fertig, schlug sie zusammen, bückte sich, stak in einem Umsehn in des
Pechschwitzers Schuhen, schob ihres Vaters Wechselbälge dafür hin und:
»Bhüt' Gott, Vronele! mach' au bald ein End!« -- mit diesen Worten lief
sie fort, frohlockend ihrer wohlvollbrachten Hinterlist. Und als die
andre nach drei Stunden, um die Essenszeit, vergnügt auch heimging unter
den letzten, nahm sie der Täuscherei nicht im geringsten wahr.
Der Pechschwitzer aber, der wußte den Handel haarklein und dachte jetzt
darauf, wie er dem Bläse gleich die nächste Nacht den Teufel im Glas
zeigen wolle.
Derselbe hatte allezeit, besonders auf die Krämermärkte, dergleichen
eben wieder einer vor der Türe war, einen großen Vorrat seiner Ware in
einer obern Kammer, die nach dem See hinausging, liegen. Nach zwölfe in
der Nacht vernahm die Schusterin ein seltsamliches Pflatschen auf dem
Wasser, stieß und erweckte ihren Mann, damit er sehe, was sei. -- »Ei,
was wird's sein! Die Fisch' hant öfters solche Possen.« -- Er war nicht
wohl bei Mute, hatte gestern beim Wein einen Bösen getan, und hub gleich
wieder an zu schnarchen und zu raunsen. Sie ließ ihm aber keine Ruh, bis
er herausfuhr und ein Fenster auftat. Erst rieb er sich die Augen,
alsdann sprach er verwundert: »Der See ist schwarz und g'rutzelt voll
mit Wasserratten, weit hinein, wohl fünfzehn Ellen von der Mauer. Junge
und alte, Kerl wie die Ferkel sind darunter! Man sicht's perfekt, es ist
sternhell. Ei, ei, sieh, sieh! die garstige Kogen! Wie sie die Schwänz'
für Wohlsein schwenken, schlurfen, rudern und schwimmen! Ursach ist
aber, weil es diese Zeit so heiß gewesen, da bad't das Schandvolk gern.«
Dem Bläse kam es so besonder und kurzweilig vor, daß er sich einen Stuhl
ans Fenster ruckte, die Arme auf den Simsen legte und das Kinn darauf.
So wollte er der Sache noch eine Weile warten. Die Augen wurden ihm
allgemach schwer und fielen ihm gar zu, doch fuhr er fort zu seinem Weib
zu sprechen, welches inmittelst wieder eingedoset war, unsinnige
verkehrte Reden, wie einer führt im Traum und in der Trunkenheit. »Du
Narr,« sprach er, »was Armbrust, Bolz und Spieß in solchen Haufen! das
würd' viel batten ... Mordsakerlot, ich wollt', das Bulver wär' erfunden
allbereits! Mit drei, vier Traubenschuß aus einer Quartan-Schlang' oder
Tarras wollt' ich nicht schlecht aufräumen da unter der Bagasche!«
Jetzt aber tat es wiederum Patsch auf Patsch. Der Schuster streckte
seinen Kopf hinaus und wußte nicht, woran er sei mit allen seinen fünf
Sinnen. Denn es flog nur so mit den Tieren aus dem Kammerladen über ihm,
ja unversehens fuhr ihm deren eines an den Schädel, und wie er's packt
in seiner Faust, da sah es wahrlich einem schweren Bauernstiefel von
seiner eigenen Arbeit gleich aufs Haar! Voll Schrecken rief er seinem
Weib, schrie die Gesellen aus dem Schlaf, und bis sie kamen, pflanzet'
er sich mit einem Prügel an der Tür der obern Bodenstiege, damit ihm der
Spitzbuben keiner entkomme. Allein es ließ sich niemand sehn noch hören,
und als die Gesellen erschienen, die Bühne wohl umstellten und der
beherzteste von ihnen die Kammertür aufriß und keine Menschenseele zu
verspüren war, fiel dem Bläse das Herz in die Hosen. Er sagte leis zu
seiner Frau: »Die Sach' steht auf Saufedern, Weib! Es steckt, schätz'
ich, ein anderer dahinter, der ist mir zu gewaltig!« Und nannt' ihr den
Pechschwitzer. Die Schusterin, die sonst ein Maul als wie ein Scharsach
führte, war da auf einmal zahm, bebte an allen Gliedern, und so die
Tochter auch. Der Bläse aber sprach zu den Gesellen: »Macht keinen Lärm!
Geht vor in Nachbar Lippens Hof, des Fischers, macht in der Stille ein
paar Nachen los, nehmt, was ihr findet an Stangen und Netzen! Wir müssen
alle Waren noch vor Tag zusammenbringen, sonst hab' ich Schand und Spott
der ganzen Stadt.«
Indem sie gingen, rannte schon der Fischer über die Gasse und auf sie
zu. Der hatte eben auf den See gehn wollen etlicher Karpfen wegen auf
die Freitagsfasten, sah das wunderliche Wesen und lief, es dem Schuster
zu melden. Indem sie nun zu sieben samt dem Lipp, in zwei Schifflein
verteilt, bald hier, bald dorthin stachen, faheten und suchten, begann
es von neuem zu werfen, und war es damit merklich auf ihre Köpfe
abgezielt. Zwar kamen weder Schuh noch Stiefel mehr, dafür aber Leisten,
deren auch eine Last droben lag: nicht alte, garstige Klötze allein,
vernutzet und vom Wurm zerstochen, auch schöne, neue zum Verkauf,
sämtlich von gutem hartem Holz, und kamen tapfer nacheinander durch die
Luft daher. Da schrie denn einer bald in dem, bald in dem andern
Schifflein: »Hopp! schaut auf!« -- und schlug doch links und rechts ein
mancher Donnerkeil nicht unrecht ein.
Der Fischer sagte zu dem Bläse: »Auf solche Weis', Gevatter, möcht' ich
mein Handwerk nicht das ganz Jahr treiben. In allweg aber sei's bezeugt,
Ihr wisset mit dem Netz wohl umzugehen. Von heut' an möget Ihr als
Obermeister einer ehrsamen Schuhmacherzunft ganz kecklich einen Hecht so
kreuzweis übern Leist in Euer Zeichen lassen malen, dem Sprichwort zum
Trutz!«
Der Morgen kam schon hell herbei, als sie nach vielem Schweiß, Angst,
Not und Schrecken den Weiher wieder glatt und sauber hatten. Der größte
Nachen wurde voll des nassen Zeuges, auch war wieder ziemlich alles
beisammen, nur da und dort fand man am Tag ein und das andre Stück noch
im Röhricht versteckt.
Von dieser Geschichte erging das Gerücht natürlicherweise gar bald an
die Einwohnerschaft. Die mehrsten achteten's für Satanswerk, und ahnete
es dem Meister schon, daß sich ein manches scheuen werde, ihm seine Ware
abzunehmen, wie sich's in Wahrheit auch nachher befand. Nach einem
Scherzwort etlicher Fazvögel aber hat man von dort an lange Zeit eine
besondere Gattung grober Schuhe, so hier gemacht und weit und breit
versendet wurden, nicht anderst mehr verschrieben oder ausgeboten als
mit dem Namen: Echte, genestelte Stuttgarter Wasserratten.
Jetzt war des Meisters erste Sorge, daß das gestohlene Gut nur wieder
fort aus seinem Haus und an die Eigentümerin komme. Zwar seiner Frau war
am lichten Tag der Mut wieder gewachsen; ja, meinte sie, es sollte
lieber alles, Kundschaft und Haus und Hof, hinfahren; nur diese Schuh'
wenn sie behielten, da rindere ihnen (wie ein Sprichwort sagt) der
Holzschlegel auf der Bühne. Der Bläse aber schüttelte das Haupt: »Meinst
du, er könne uns nicht auch am Leib was schaden? Behüt' uns Gott vor
Gabelstich! Dreimal gibt neun Löcher.« -- Er drohte seinem Weib mit
Schlägen, wenn sie noch etwas sage, ging unmüßig im ganzen Haus herum,
von einem Fenster zum andern, und wollte fast verzwatzeln, bis es dunkel
ward, wo seine Tochter die vermaledeiten Schuhe unter den Schurz nahm
und forttrug.
Sie schlich sich damit an der Kiderlen Scheuer von hinten und stellte
sie in eine Fensterluke, wo sie die Vrone, als sie früh in Stall ging,
ihre Kuh zu füttern, auch sicherlich gefunden hätte, wenn sie vom
Pechschwitzer nicht über Nacht wären wegstipitzt worden.
Indessen trug die gute Dirne das falsche Gemächt sonder Schaden, und
wenn ein Tag herum war, hieß es beim Bettgehn allemal: »Jetzt aber,
Mutter, glaubt Sie doch, daß es nicht Not gehabt hat selletwegen?« --
Die Mutter sprach: »Beschrei es nicht!« -- Auf solche Weise kam denn
alles wiederum in sein Geleis, und galt die Vrone wie vordem für ein
kluges, anstelliges Mädchen.
Geraume Zeit, nachdem sich dies zugetragen, saß der Bläse in seinem
Weinberg draußen beim Herdweg auf der Bank am Gartenhaus, bekümmerten
Gemüts, weil es die Zeit her stark hinter sich ging in seinem Geschäft.
Indem er nun so in Gedanken den heurigen Herbst überschlug, was er
ertragen könne, samt den Zwetschgen, davon die Bäume schwer voll hingen
-- horch! wispert etwas hinter ihm, und wer steht da? der Pechschwitzer,
der Hutzelmann, der Tröster. Mein Schuster wurde käsebleich. --
»Erschreckt nicht, Zunftmeister! Ich komme nicht im Bösen. Wir haben
einen Stuß miteinander gehabt, das ist ja wieder gut, und wär' es nicht,
will ich's vergüten, soviel an mir ist. Jetzt aber hätte ich ein kleines
Anliegen, Obermeister.« -- »Und in was Stücken, liebes Herrlein, kann
ich Euch dienstlich sein?« -- »Mit Erlaubnis,« sprach der Hutzelmann und
nahm Platz auf der Bank und hieß den andern zu ihm sitzen. »Seht!
jensmal in der Nacht, da ich auf Eurem obern Boden war und Ihr am
Fenster unten, hörte ich Euch ein Wörtlein sprechen, das will mir nimmer
aus dem Sinn. Ihr habt gesagt: Ich wollt' nur, daß das Bulver schon
erfunden wär'! Was meintet Ihr damit?«
Der Bläse, sich besinnend, machte ein Gesicht, als wenn ein Mensch
aufwacht bei Nacht in einem Kuhstall, darein er seines Wissens auf
eigenen Füßen nicht gekommen ist, lachte und sprach: »Herrlein, das
hätte der Bläse gesagt? Nun, wenn ich es noch weiß, soll mich der Teufel
holen!« -- »Ei, schwöret nicht, mein Freund!« entgegnete ihm der andere.
»Warum wollt Ihr es leugnen? Vertrauet mir's, nur so beim Beilichen, was
das Bulver ist! Ich bin einmal in derlei Heimlichkeit ein
stiegelfizischer, seht! Euer Schaden soll's nicht sein, und möget Ihr
dafür etwas von meinen Künsten lernen.« -- Da stellte sich der Bläse an,
als wenn er freilich etwas wüßte, und sprach: »Weil Ihr es seid,
Pechschwitzer, so möcht' ich Euch wohl gern zu Willen sein; vergönnt mir
nur Bedenkfrist einen Tag, damit ich doch mein Weib auch erst darum
befrage!« -- Der andre fand das nicht unbillig, bat ihn beim Abschied
inständig nochmals, gelobte ihm Verschwiegenheit und wollte morgen
wiederkommen.
»Jetzt, Sante Blasi, hilf!« so rief der Alte aus, wie er allein war.
»Jetzt muß das Bulver 'raus aus meinem dicken Schustersgrind, und wenn's
die halbe Welt kostet!« -- Da saß er, hatte beide Ellbogen auf den
Knieen und beide Fäuste an den Backen. »Vor die Ratten,« sprach er,
»kann's nicht sein. Warum? sotts Bulver hat man lang! Selle Nacht aber
ist es mir wampel gewesen, mag leicht sein, hat mir's traumt vom güldnen
Magen-Triet, so allein der König in Persia hat. -- Es gibt ein
Kräutlein, heißt Allermanns-Harnisch, und gibt ein anders, das heißt
Dierletey, und wieder eins, #Mamortica#: kein Wurzler hat's noch Krämer.
Daraus hat meiner Mutter selig ihre Gschwey eine Salben gemacht, die war
vor alles gut. -- Ich will halt einmal gehn und schauen, was zu machen
ist, und will erst Spezies kaufen; Probieren ist über Studieren.«
Auf seinem Weg zur Stadt sann er scharf nach. Auf einmal schnellt er mit
dem Finger in die Luft, und -- »Wetter!« rief er aus, »kann einer so ein
Stier sein und noch lang' sinnieren hin und her, wo doch ein Ding glatt
auf der Hand liegt! Was mag ein Schuster bei dem andern sonst für einen
Vorteil suchen zu erfahren, wenn es nichts aus dem Handwerk ist? Da laß
ich mich schon finden.«
Er lief zum Krämer stracks, zu holen, was er brauchte. Daheim in einer
hintern Stube setzte er sich an einen langen Tisch mit einer Halbmaß
Wein, macht allda unterschiedliches Gemeng mit seinem besten Essig an zu
einem schwarzen Quatsch, knetet und knauzet's wohl unter dem Daum,
probiert's auf alle Weise, und war ihm lang' nicht fein genug. Das
dauerte bis an den andern Abend.
Wie nun der Hutzelmann auf die gesetzte Stunde pünktlich kam und ihm der
Bläse mit Geschmunzel seinen Teig hinhielt, roch der daran und sagte:
»Lieber Mann, da hätten wir halt eine neue Schuhwichs?« -- »Aufzuwarten,
ja.« -- »Mich will bedünken,« sprach lächelnder Miene der Kleine, »Ihr
habt selbst noch weit hin, bis Ihr das Bulver find't, und habt jetzt nur
viel Arbeit, Müh und Kösten unnötigerweis gehabt mit mir. Dafür wie auch
um andrer Einbuß willen soll Euch indes Vergütung werden. Ich will Euch
das Rezept zu meiner Fett-Glanz-Stiefelwichsen geben, die mögt Ihr
schachtelweis mit gutem Vorteil verkaufen.«
Das Männlein wußte wohl, was es hiermit verhieß: denn Meister Bläse ward
ein reicher Mann mit solcher Handelschaft in wenig Jahren. Seine Erben
bewahren annoch das Geheimnis, und allen feinen Leuten unsrer Tage wüßt'
ich fürwahr eine bessere Wichs nicht zu nennen, obwohl ich nicht
verschweigen darf, was der Pechschwitzer dazumal eben dem Bläse gar
ehrlich bekannte: »Ein Ledder, wohl zu halten nach Ledders Natur, ist
das fürnehmst der Schmeer allezeit, und hat er Glanzes genug an ihm
selbsten.« Welcher Ausspruch indes hier dahingestellt bleibe.
* * * * *
Laßt aber sehen, was seither der Gesell in Ulm für Glückssprünge mag
gemacht haben!
Zween Monat -- eher drunter als drüber -- kann er daselbst gewesen sein,
da war er mürb und gar bereits vor Liebe zu der Meisterin, und wenn er
wohl bisweilen meinte, ein wenig mehr Gespräch und Fröhlichkeit stünd'
ihr gut an, so dachte er doch immer gern eines alten wahrhaften Worts:
Stille Schaf seind mille- und wollereich, wird ihnen gewartet. Alle
Samstag nacht, wenn er auf seine Kammer ging, sprach er bei sich: Jetzt
morgen tragst du ihr die Heirat an! Und wenn er eben drauf und dran war,
ließ er's wieder aus Blödigkeit und Sorge, sie möchte ihn zuletzt doch
stolz ablaufen lassen.
Nun hatten sie einsmals ein Schweinlein gemetzelt, das zweite seitdem
man den Lichtbraten hatte -- es war schon im Hornung und schien ein
vorzeitiger Frühling zu werden -- da befand sich der Seppe am Morgen
allein mit ihr in der Küche, das Fleischwerk in den Rauch zu hängen.
Inmittelst, als er sich die Leiter unter dem Schlot zurechtstellte, die
Würste sich in Ringen um die Arme hing, erzählte er ihr von Regensburg
und Regensburger Würsten, was er vom Hörensagen wußte, und wie er so mit
seiner Tracht aufstieg in das Kamin, sie aber unten stand beim Herd,
sprach sie: »Nach Regensburg geht Ihr doch noch; es liegt Euch allfort
in Gedanken.«
Der Seppe, weil sie ihm nicht ins Gesicht sehn konnte -- denn oberhalb
stak er im Finstern -- nahm sich ein Herz und sagte: »Wenn es auf mich
ankäm', ich wollte leben und sterben bei Euch.«
»Ihr sollt auch unvertrieben sein!« gab sie zur Antwort.
»Ja,« sagte er und stockte, »es mag halt einer doch auch nicht sein
Leben lang ledig verbleiben.«
Sie sagte nichts darauf. Da fing er wieder an: »Nach einem rechten Weib
kann wohl ein armer Teufel heutigstags weit suchen.«
Darauf sie ihm entgegnete: »Man sucht erst einmal in der Nähe.«
Dem Seppe schossen bei dem Wort die Flammen in die Backen, als wollten
sie oben zum Schornstein ausschlagen.