ein Kegel, des sich im Anfang beide sehr verwunderten, bis sie
erkannten, was es sei. Wie nun das Lot mit neunzig Schuh den Boden
berührte, da ergriff die scherzlustige Zofe die Schnur und zog gemach
mit beiden Händen, zog und zog so lang', bis sie nicht mehr nachgab.
Alsdann nahm sie geschwind die Schere und schnitt das Lot hinweg,
erlangte einen dicken Zwiebel (der war erst gestern in den Topf gefallen
und war fast eines Kinderkopfes groß) und band ihn bei dem grünen
Schossen an die Schnur, damit der Mann erstaune, ein ander Lot zu
finden, als das er ausgeworfen. Derweile aber hatte die schöne Lau den
Krackenzahn im Blei mit Freuden und Verwunderung entdeckt. Sie wußte
seine Kraft gar wohl, und ob zwar für sich selbst die Wasserweiber oder
-Männer nicht viel danach fragen, so gönnen sie den Menschen doch so
großen Vorteil nicht, zumalen sie das Meer und was sich darin findet von
Anbeginn als ihren Pacht und Lehn ansprechen. Deswegen denn die schöne
Lau mit dieser ungefähren Beute sich dereinst, wenn sie zu Hause käme,
beim alten Nix, ihrem Gemahl, Lobs zu erholen hoffte. Doch wollte sie
den Mann, der oben stund, nicht lassen ohn' Entgelt, nahm also alles,
was sie eben auf dem Leibe hatte, nämlich die schöne Perlenschnur an
ihrem Hals, schlang selbe um den großen Zwiebel, gerade als er sich
nunmehr erhob; und daran war es nicht genug: sie hing zuteuerst auch die
goldene Schere noch daran und sah mit hellem Aug', wie das Gewicht
hinaufgezogen ward. Die Zofe aber, neubegierig, wie sich das
Menschenkind dabei gebärde, stieg hinten dem Lot in die Höhe und weidete
sich zwo Spannen unterhalb dem Spiegel an des Alten Schreck und
Verwirrung. Zuletzt fuhr sie mit ihren beiden aufgehobenen Händen ein
maler viere in der Luft herum, die weißen Finger als zu einem Fächer
oder Wadel ausgespreizt. Es waren aber schon zuvor auf des Vetters
Seilers Geschrei viel Leute aus der Stadt herausgekommen, die standen um
den Blautopf her und sahn dem Abenteuer zu, bis wo die grausigen Hände
erschienen; da stob mit eins die Menge voneinander und entrann.
Der alte Diener aber war von Stund an irrsch im Kopf ganzer sieben Tage,
und sah der Lau ihre Geschenke gar nicht an, sondern saß da bei seinem
Vetter hinterm Ofen und sprach des Tags wohl hundertmal ein altes
Sprüchlein vor sich hin, von welchem kein Gelehrter in ganz Schwabenland
Bescheid zu geben weiß, woher und wie oder wann erstmals es unter die
Leute gekommen. Denn von ihm selber hatte es der Alte nicht; man gab es
lang' vor seiner Zeit, gleichwie noch heutiges Tags, den Kindern
scherzweis auf, wer es ganz hurtig nacheinander ohne Tadel am öftesten
hersagen könne; und lauten die Worte:
's leit ^a Klötzle Blei glei bei Blaubeur^a,
glei bei Blaubeur^a leit ^a Klötzle Blei.
Die Wirtin nannt' es einen rechten Leirenbendel und sagte: »Wer hätte
auch den mindesten Verstand da drin gesucht, geschweige eine
Prophezeiung!«
Als endlich der Kurt mit dem siebenten Morgen seine gute Besinnung
wiederfand und ihm der Vetter die kostbaren Sachen darwies, so sein
rechtliches Eigentum wären, da schmunzelte er doch, tat sie in sichern
Verschluß und ging mit des Seilers zu Rat, was damit anzufangen. Sie
achteten alle fürs beste, er reise mit Perlen und Schere gen Stuttgart,
wo eben Graf Ludwig sein Hoflager hatte, und biete sie demselben an zum
Kauf. So tat er denn. Der hohe Herr war auch nicht karg und gleich
bereit, so seltene Zier nach Schätzung eines Meisters für seine Frau zu
nehmen; nur als er von dem Alten hörte, wie er dazu gekommen, fuhr er
auf und drehte sich voll Aerger auf dem Absatz um, daß ihm der
Wunderzahn verloren sei. Ihm war vordem etwas von diesem kund geworden,
und hatte er dem Doktor, bald nach Herrn Konrads Hintritt, seines
Vaters, sehr darum angelegen, doch umsonst.
Dies war nun die Geschichte, davon die Spinnerinnen damals plauderten.
Doch ihnen war das Beste daran unbekannt. Eine Gevatterin, so auch mit
ihrer Kunkel unter ihnen saß, hätte noch gar gern gehört, ob wohl die
schöne Lau das Lot noch habe, und was sie damit tue, und red'te so von
weitem darauf hin; da gab Frau Betha ihr nach ihrer Weise einen kleinen
Stich und sprach zur Lau: »Ja, gelt, jetzt macht Ihr Euch bisweilen
unsichtbar, geht herum in den Häusern und guckt den Weibern in die
Töpfe, was sie zu Mittag kochen? Eine schöne Sach' um so ein Lot für
fürwitzige Leute!«
Inmittelst fing der Dirnen eine an, halblaut das närrische Gesetzlein
herzusagen; die andern taten ein gleiches, und jede wollt' es besser
können, und keine brachte es zum dritten oder viertenmal glatt aus dem
Mund; dadurch gab es viel Lachen. Zum letzten mußte es die schöne Lau
probieren: die Jutta ließ ihr keine Ruh. Sie wurde rot bis an die
Schläfe, doch hub sie an und klüglicherweise gar langsam:
's leit ^a Klötzle Blei glei bei Blaubeur^a.
Die Wirtin rief ihr zu, so sei es keine Kunst; es müsse gehen wie
geschmiert! Da nahm sie ihren Anlauf frisch hinweg, kam auch alsbald vom
Pfad ins Stoppelfeld, fuhr buntüberecks und wußte nimmer gicks noch
gacks. Jetzt, wie man denken kann, gab es Gelächter einer Stuben voll,
das hättet ihr nur hören sollen, und mitten draus hervor der schönen Lau
ihr Lachen, so hell wie ihre Zähne, die man alle sah!
Doch unversehens, mitten in dieser Fröhlichkeit und Lust, begab sich ein
mächtiges Schrecken.
Der Sohn vom Haus, der Wirt -- er kam gerade mit dem Wagen heim von
Sonderbuch und fand die Knechte verschlafen im Stall -- sprang hastig
die Stiege herauf, rief seine Mutter vor die Tür und sagte, daß es alle
hören konnten: »Um Gottes willen, schickt die Lau nach Haus! Hört Ihr
denn nicht im Städtlein den Lärm? Der Blautopf leert sich aus, die
untere Gasse ist schon unter Wasser, und in dem Berg am Gumpen ist ein
Getös und Rollen, als wenn die Sintflut käme!« -- Indem er noch so
sprach, tat innen die Lau einen Schrei: »Das ist der König, mein Gemahl,
und ich bin nicht daheim!« -- Hiermit fiel sie von ihrem Stuhl sinnlos
zu Boden, daß die Stube zitterte. Der Sohn war wieder fort, die
Spinnerinnen liefen jammernd heim mit ihren Rocken, die andern wußten
aber nicht, was anzufangen mit der armen Lau, welche wie tot dalag. Eins
machte ihr die Kleider auf, ein anderes strich sie an, das dritte riß
die Fenster auf, und schafften doch alle miteinander nichts.
Da streckte unverhofft der lustige Koch den Kopf zur Tür herein,
sprechend: »Ich hab' mir's eingebildet, sie wär' bei euch! Doch, wie ich
sehe, geht's nicht allzu lustig her. Macht, daß die Ente in das Wasser
kommt, so wird sie schwimmen!« -- »Du hast gut reden!« sprach die Mutter
mit Beben. »Hat man sie auch im Keller und im Brunnen, kann sie sich
unten nicht den Hals abstürzen im Geklüft?« -- »Was Keller!« rief der
Sohn, »was Brunnen! Das geht ja freilich nicht. Laßt mich nur machen!
Not kennt kein Gebot: ich trag' sie in den Blautopf.« -- Und damit nahm
er, als ein starker Kerl, die Wasserfrau auf seine Arme. »Komm, Jutta --
nicht heulen! -- geh mir voran mit der Latern'!« -- »In Gottes Namen!«
sagte die Wirtin. »Doch nehmt den Weg hinten herum durch die Gärten! Es
wimmelt die Straße mit Leuten und Lichtern.« -- »Der Fisch hat sein
Gewicht,« sprach er im Gehn, schritt aber festen Tritts die Stiege
hinunter, dann über den Hof und links und rechts, zwischen Hecken und
Zäunen hindurch.
Am Gumpen fanden sie das Wasser schon merklich gefallen, gewahrten aber
nicht, wie die drei Zofen, mit den Köpfen dicht unter dem Spiegel,
ängstlich hin und wieder schwammen, nach ihrer Frau ausschauend. Das
Mädchen stellte die Laterne hin, der Koch entledigte sich seiner Last,
indem er sie behutsam mit dem Rücken an den Kürbishügel lehnte. Da
raunte ihm sein eigener Schalk ins Ohr: Wenn du sie küßtest, freute
dich's dein Leben lang, und könntest du doch sagen, du habest einmal
eine Wasserfrau geküßt. -- Und eh' er es recht dachte, war's geschehen.
Da löschte ein Schuck Wasser aus dem Topf das Licht urplötzlich aus, daß
es stichdunkel war umher, und tat es dann nicht anders, als wenn ein
ganz halb Dutzend nasser Hände auf ein paar kernige Backen fiel, und wo
es sonst hintraf. Die Schwester rief: »Was gibt es denn?« --
»Maulschellen heißt man's hier herum!« sprach er. »Ich hätte nicht
gedacht, daß sie am Schwarzen Meer sottige Ding' auch kenneten!« -- Dies
sagend stahl er sich eilends davon, doch weil es vom Widerhall drüben am
Kloster auf Mauern und Dächern und Wänden mit Maulschellen brazzelte,
stund er bestürzt, wußte nicht recht wohin, denn er glaubte den Feind
vorn und hinten. (Solch einer Witzung brauchte es, damit er sich des
Mundes nicht berühme, den er geküßt, unwissend zwar, daß er es _müssen_
tun der schönen Lau zum Heil.)
Inwährend diesem argen Lärm nun hörte man die Fürstin in ihrem
Ohnmachtschlaf so innig lachen, wie sie damals im Traum getan, wo sie
den Abt sah springen. Der Koch vernahm es noch von weitem, und ob er's
schon auf sich zog und mit Grund, erkannte er doch gern daraus, daß es
nicht weiter Not mehr habe mit der Frau.
Bald kam mit guter Zeitung auch die Jutte heim, die Kleider, den Rock
und das Leibchen im Arm, welche die schöne Lau zum letztenmal heut' am
Leibe gehabt. Von ihren Kammerjungfern, die sie am Topf in Beisein des
Mädchens empfingen, erfuhr sie gleich zu ihrem großen Trost, der König
sei noch nicht gekommen, doch mög' es nicht mehr lang' anstehn; die
große Wasserstraße sei schon angefüllt. Dies nämlich war ein breiter,
hoher Felsenweg, tief unterhalb den menschlichen Wohnstätten, schön grad
und eben mitten durch den Berg gezogen, zwo Meilen lang von da bis an
die Donau, wo des alten Nixen Schwester ihren Fürstensitz hatte.
Derselben waren viele Flüsse, Bäche, Quellen dieses Gaues dienstbar; die
schwellten, wenn das Aufgebot an sie erging, besagte Straße in gar
kurzer Zeit so hoch mit ihren Wassern, daß sie mit allem Seegetier,
Meerrossen und Wagen füglich befahren werden mochte, welches bei
festlicher Gelegenheit zuweilen als ein schönes Schaugepräng mit vielen
Fackeln und Musik von Hörnern und Pauken geschah.
Die Zofen eilten jetzo sehr mit ihrer Herrin in das Putzgemach, um sie
zu salben, zöpfen und köstlich anzuziehen, das sie auch gern zuließ und
selbst mithalf; denn sie in ihrem Innern fühlte, es sei nun jegliches
erfüllt zusamt dem Fünften, so der alte Nix und sie nicht wissen durfte.
Drei Stunden wohl, nachdem der Wächter Mitternacht gerufen (es schlief
im Nonnenhof schon alles), erscholl die Kellerglocke zweimal mächtig,
zum Zeichen, daß es Eile habe, und hurtig waren auch die Frauen und die
Töchter auf dem Platz.
Die Lau begrüßte sie wie sonst vom Brunnen aus, nur war ihr Gesicht von
der Freude verschönt, und ihre Augen glänzten, wie man es nie an ihr
gesehen. Sie sprach: »Wißt, daß mein Ehgemahl um Mitternacht gekommen
ist! Die Schwieger hat es ihm voraus verkündigt ohnelängst, daß sich in
dieser Nacht mein gutes Glück vollenden soll, darauf er ohne Säumen
auszog mit Geleit der Fürsten, seinem Ohm und meinem Bruder Synd und
vielen Herren. Am Morgen reisen wir. Der König ist mir hold und gnädig,
als hieß' ich von heute an erst sein Gespons. Sie werden gleich vom Mahl
aufstehn, sobald sie den Umtrunk gehalten. Ich schlich auf meine Kammer
und hierher, noch meine Gastfreunde zu grüßen und zu herzen. Ich sage
Dank, Frau Ahne, liebe Jutta, Euch Söhnerin und Jüngste dir. Grüßet die
Männer und die Mägde! In jedem dritten Jahr wird euch Botschaft von mir;
auch mag es wohl geschehn, daß ich noch bälder komme selber: da bring'
ich mit auf diesen meinen Armen ein lebend Merkmal, daß die Lau bei euch
gelacht. Das wollen euch die Meinen allezeit gedenken, wie ich selbst.
Für jetzo, wisset, liebe Wirtin! ist mein Sinn, einen Segen zu stiften
in dieses Haus für viele seiner Gäste. Oft habe ich vernommen, wie Ihr
den armen wandernden Gesellen Guts getan mit freier Zehrung und
Herberg'. Damit Ihr solchen fortan mögt noch eine weitere Handreichung
tun, so werdet Ihr zu diesem Ende finden beim Brunnen hier einen
steinernen Krug voll guter Silbergroschen: davon teilt ihnen nach
Gutdünken mit! und will ich das Gefäß, bevor der letzte Pfennig
ausgegeben, wieder füllen. Zudem will ich noch stiften auf alle hundert
Jahr fünf Glückstage (denn dies ist meine holde Zahl) mit
unterschiedlichen Geschenken also, daß wer von reisenden Gesellen der
erste über Eure Schwelle tritt am Tag, der mir das erste Lachen brachte,
der soll empfangen aus Eurer oder Eurer Kinder Hand von fünferlei
Stücken das Haupt. Ein jeder, so den Preis gewinnt, gelobe, nicht Ort
noch Zeit dieser Bescherung zu verraten. Ihr findet aber solche Gaben
jedesmal hier nächst dem Brunnen. Die Stiftung, wisset! mache ich für
alle Zeit, solang' ein Glied von Eurem Stamme auf der Wirtschaft ist.«
Nach diesen Worten nahm sie nochmals Abschied und küßte ein jedes. Die
beiden Frauen und die Mädchen weinten sehr. Sie steckte Jutten einen
Fingerreif mit grünem Schmelzwerk an und sprach dabei: »Ade, Jutta! Wir
haben zusammen besondere Holdschaft gehabt, die müsse fernerhin
bestehen!« -- Nun tauchte sie hinunter, winkte und verschwand.
In einer Nische hinter dem Brunnen fand sich richtig der Krug samt den
verheißenen Angebinden. Es war in der Mauer ein Loch mit eisernem
Türlein versehen, von dem man nie gewußt, wohin es führe; das stand
jetzt aufgeschlagen, und war daraus ersichtlich, daß die Sachen durch
dienstbare Hand auf diesem Weg seien hergebracht worden, deshalb auch
alles wohl trocken verblieb. Es lag dabei ein Würfelbecher aus
Drachenhaut, mit goldenen Buckeln beschlagen, ein Dolch mit kostbar
eingelegtem Griff, ein elfenbeinen Weberschifflein, ein schönes Tuch von
fremder Weberei und mehr dergleichen. Aparte aber lag ein Kochlöffel aus
Rosenholz mit langem Stiel, von oben herab fein gemalt und vergoldet,
den war die Wirtin angewiesen dem lustigen Koch zum Andenken zu geben.
Auch keins der andern war vergessen.
Frau Betha hielt bis an ihr Lebensende die Ordnung der guten Lau heilig,
und ihre Nachkommen nicht minder. Daß jene sich nachmals mit ihrem Kind
im Nonnenhof zum Besuch eingefunden, davon zwar steht nichts in dem
alten Buch, das diese Geschichten berichtet, doch mag ich es wohl
glauben.
* * * * *
Es waren seit der Fürstin Abschied nah bei hundert Jahr vergangen, als
unser Seppe, der Schuster, im Dörflein Suppingen vom Wagen stieg, dem
Bäuerlein noch vielmals dankte und sich von ihm den Weg Blaubeuren zu
nachweisen ließ. Bis Mittag, sagte der Mann, könne er gar wohl dort
sein.
Das hätte sich auch nicht gefehlt, bald aber fing sein Hühneraug' ihn
wieder zu buksieren an. Er mußte alle fünfzig Schritt hinsitzen, und
wenn er einmal saß, trat er das Rad so fleißig, als wenn er auf
Bestellung zu arbeiten hätte. Endlich zum letztenmal riß er sich auf und
hinkte vollends die Steig hinab.
Sie läuteten im Kloster drei, da er ins Städtlein kam.
Während er nun auf die Herberge zuging, lief eben Jörg Seysolff, der
Wirt und Bräumeister, über den Hof und sprach zu seinem Weib, die auf
der Hausbank saß und ihren Salat zum Abendessen putzte: »Schau, Emerenz,
da kommt auch schon der dritt'!« -- »Ei, weiß Gott!« sagte sie, »und ist
ein Unterländer.« -- »Ach mein, knappt der daher! dem sei es 'gunnt.«
Der Seppe sah hoch auf, als ihn die Leute so mit sonderlicher
Freundlichkeit begrüßten. Sie gingen alle beide gleich mit ihm hinauf.
Er ließ sich eine Halbe geben, ein Sauerkraut mit Schweinefleisch
aufwärmen.
Der Wirt, wie er vernahm, daß er von Stuttgart käme, frug ihn nach dem
und jenem: ob sie auch Hagelwetter drunten hätten, was jetzt die Gerste
gelte, bis wann des Grafen Jüngste Hochzeit habe, von deren Schönheit
man überall höre. Der Seppe diente ihm auf alles ordentlich, dagegen er
sich übers Essen manches von hiesigen Geschichten, besonders von dem
Wasserweib, erzählen ließ. Auch zeigte ihm der Wirt das alte Konterfei
von ihr im Hausgang an der Stiege sowie das herrliche Kunstwerk, den
Bauren-Schwaiger, an welchem er sich nicht satt sehen und hören konnte.
»Der den gemacht hat,« sagt' er, »den laßt mir einmal einen Dreher
heißen!« -- »Ja,« meinte Jörg, »die Arbeit ist auch nicht an einem Tag
gemacht.« -- »Will's glauben!« sagte der Seppe und seufzte, denn er
gedachte an seine Dreherei.
Nachdem er nun gegessen und getrunken, frug er nach seiner Schuldigkeit.
»Zween Batzen!« war die Antwort. Die legte der Seppe auf den Tisch.
»Bekämt Ihr sechzehn Kreuzer 'naus,« sagte der Wirt, zählte sie hin und
steckte die zween Batzen ein, wie wenn es sich so in der ganzen Welt von
selbst verstünde. Es war jedoch ein alter Brauch von der Frau Betha
Zeiten her, den Reisenden auf solche Weise ihren Zehrpfennig zu reichen.
Der Schuster lächelte, als wollt' er fragen: »Wie ist das gemeint?« --
»Laßt's gut sein, lieber Gesell!« sprach Jörg Seysolff. »Kommt mit zu
meinem Ehni! der sagt Euch schon mehr.«
Er führte ihn durch einen langen Gang an eine stille Tür, die tat er vor
ihm auf. Da saß in einer säuberlichen Stube ein gar schöner Greis von
achtzig Jahr in einem Sorgenstuhl beim Fenster. Die Sonne fiel eben ein
wenig zwischen den Vorhänglein durch auf einen kleinen Tisch, so vor ihm
stand, schneeweiß gedeckt, darauf nichts weiter denn ein blauer Topf mit
Wasser und noch etwas in einem Tuche war. Der Alte aber war der kleine
Hans, Frau Bethas Herzblatt gewesen. Er redete den Schuster in Gegenwart
des Wirtes also an:
Hab' Gott zum Gruß auf dieser Schwell'!
Obwohl das Glück dein Reis'gesell,
Ob solches mit dir in der Wiegen
Von Mutterleib aus kam zu liegen,
Ob du es in dem Gürtel hegest,
Ob du es in den Sohlen trägest.
Hierauf behändigte der Greis dem Seppe das Tüchlein und sprach: »Du
magst es einmal, wenn du Meister bist und gründest deinen eignen Herd,
deiner Liebsten verehren, am Heiratstag, dazu dir aller Segen werde.«
Was aber war im Tuch? Eine silberne Haube; man konnte nichts Schöneres
sehen. Der Seppe wäre deckenhoch gesprungen, wenn sich's geschickt
hätte.
Nun sagte ihm der Alte, wem er das Angebind verdanke; dann ließ er ihn
Verschwiegenheit geloben, zu dessen sichtlicher Bekräftigung er einen
Finger in dem Topf netzen und auf den Mund legen mußte. Auch gab er dem
Gesellen noch eine christliche Vermahnung, empfing den Dank desselben,
und ganz am End' empfahl er ihm, wenn er ein Klötzlein Blei von ungefähr
wo finde hier herum, so möge er solches daher in den Nonnenhof bringen.
In seines Herzens Freude fast hätte er's versprochen: da fiel ihm zum
Glück noch der Pechschwitzer ein; deswegen er sagte: »Ich will sehn.«
Jetzt machte er sich auf die Bahn und lenkte seine Schritte zuvörderst
hinter das Kloster, wo ihm der Quell gleich in die Augen strahlte. So
viel man ihm davon gerühmt, doch hätte er sich solche Wunderpracht in
seinem Sinn nicht eingebildet, und meinte er bei sich, es sei nicht
anders denn als wenn zum wenigsten ein Stücker sechs Blaufärber samt
einem vollen Kessel eben erst darin ersoffen wären.
Wie er sich recht daran ersättigt und im Andenken an das Wasserweib
etliche Vaterunser aus gutem Herzen für ihr Heil gebetet hatte (denn er
der Meinung war, sie sitze schon bei hundert Jahr samt andern armen
Heidenseelen auf der hellen Wiese, da sie in Wahrheit jung und schön wie
ehedem noch bei den Ihren lebte), vergaß er auch das Klötzlein nicht,
nach welchem so viel Fragens war. Er hatte von dem Doktor Veylland und
dem Lot schon als ein kleiner Bube den Urgroßvater hören erzählen. Der
Bauer wußte nichts davon; den Wirt im Nonnenhof befrug er aber nicht,
weil ihm erst jetzt einkam, es sei mit dem Blei wohl gar dasselbe Lot
gemeint. Nun sah er hinter manchen Busch und Baum und weiterhin an
seiner Straße hier und dort in einen Graben, fand aber nichts
dergleichen und ließ sich endlich deshalb keine grauen Haare wachsen.
Der Schmerzen seines Fußwerks ganz und gar vergessen und nichts als
Glücksgedanken und Habergeisen in dem Kopf, hinkt' er so immerfort das
Blautal hinunter. Bisweilen, wenn es ihm sein Linker zu arg machte,
hockt' er auf einen Stein, packte die silberne Haube heraus und legte
sie vor sich aufs Knie, an seinen zukünftigen Schatz dabei denkend. Es
war nur gut, daß ihm nicht wissend, was schon zween andere Gesellen, ein
Feilenhauer und ein Nagelschmied, nur eine halbe Stunde, eh' er kam, aus
dem Nonnenhof davongetragen: er hätte seine Haube nur noch mit halben
Freuden angesehen. Die beiden Bursche waren auf der Steig hinter der
Stadt an dem Schuster vorübergekommen und hatten ihn gegrüßt, doch weil
er eben saß und in Gedanken mit dem Rad im besten Werken war, so sah er
gar nicht auf und brummte nur so für sich hin: »Schön guten Morgen!« --
obzwar die Sonne ihm von Abend auf den Buckel schien. »Ja, Morgen nach
dem Bad!« sagte der eine, und lachten sich beide die Haut voll darüber.
Mit sinkender Nacht kam er wohl- oder übelbehalten nach Ulm.
Es war gerade Markt und hie und da Musik und Tanz. Er trat in eins der
nächsten Wirtshäuser, wo ihrer sechs Gesellen beim Wein an einem Tisch
beisammen saßen und einen Rundgesang anstimmten. Mann für Mann sang
einzeln sein Gesetz, darauf mit Macht der Chor einfiel und sie alle die
Gläser anstießen. Der Leser mag wohl so viel Verse vernehmen, als sie
eben jetzt sangen; das Lied im ganzen ist viermal so lang.
_Erster Gesell_: Seid ihr beisammen all'?
Ihr Freund', auf allen Fall
Zeigt eure Professionen an,
Daß wir nach Sitten stoßen an
Mit großem Freudenschall!
_Chor_: Zeigt eure Professionen an,
Daß wir nach Sitten stoßen an!
_Zweiter_: Eine Wiege vor die Freud',
Eine Bahre vor das Leid:
Meinem Hobel ist das alles gleich,
Der denkt: Ich mach' den Meister reich,
Spän' gibt es allezeit.
_Chor_: Seinem Hobel ist usw.
_Dritter_: Meine Arbeit ist wohl fein,
Von Gold und Edelstein!
Allein das kriegt man bald gar satt,
Zumal man es nicht eigen hat:
Gebt mir so güldnen Wein!
_Chor_: Ich glaub's ihm schon, das wird man satt usw.
_Vierter_: Wen freut ein kecker Mut,
Nicht dau'rt sein junges Blut,
Ich schaff' ihm Wehre mannigfalt,
Zu Scherz und Ernst, wid'r Feindsgewalt;
Mein Zeug ist allweg gut.
_Chor_: Und gilt es wider Feindsgewalt,
Ein Spieß und Schwert uns auch gefallt.
_Fünfter_: Der Schneider sitzt am Glas:
Vom Wirt nehm' ich die Maß.
Zu Hause schaff' ich gar nicht viel,
Meine Stich' mach' ich beim Kartenspiel,
Da weiß ich doch, für was.
_Chor_: Ei, Bruder Leipziger, bessr' Er sich!
Denn, sieht Er, das ist liederlich.
_Sechster_: Meine Kunst, das glaubt gewiß!
Schreibt sich vom Paradies.
Von Mägdlein bin ich wertgeschätzt,
Ich hab' ja, was ihr Herz ergötzt:
Veiel und Röslein süß.
_Chor_: Von Mägdlein ist er usw.
Jetzt kam die Reihe an den Schuster, und da derselbe sein Gesetzlein so
aus froher Kehle sang, ward es dem Seppe um den Brustfleck weh, daß er
sein gutes Handwerk lassen sollte. Dabei vermerkte er, wie ihn sein
rechter Schuh zweimal ganz weidlich vor Vergnügen zwickte, so zwar, wie
wenn er sagen wollte: Hörst du, Narr?
_Erster_: Gebt meinem Stand die Ehr'!
Den Schuster braucht man sehr.
Zwar führ' ich nicht den besten Gout,
Allein wer macht euch Hochzeitschuh,
Wenn ich kein Schuster wär'?
_Chor_: Zwar führt er nicht usw.
Dem Seppe quoll bereits das Wasser in den Augen; er sprach bei sich mit
ingrimmigen Schmerzen: Du bist kein Schuster und bist auch kein Dreher,
du bist der wirtembergisch Niemez! Und schwur in seiner Seele, hinfort
zu bleiben, was er war.
_Zweiter_: Und wer kein Pietist
Und auch kein Hundsfott ist,
Der mag sich wohl beim Wein erfreun.
Mein letzter Schluck soll ehrlich sein!
So meint's ein guter Christ.
_Chor_: Stoßt an, Kameraden, stimmet ein:
Mein letzter Schluck soll ehrlich sein!
Hier stand der Seppe auf, trat hin zu den Kompanen und grüßte mit
bescheidener Ansprache. Da machten sie ihm Platz an ihrem Tisch, tranken
ihm zu und hörten, was für ein Landsmann er sei, welches Gewerbs, wohin
er wollte. »Warum bleibt Ihr nicht hier?« sagte Vinzenz, der Schuster:
»In Ulm ist es schön, und Arbeit findet Ihr dermal genug.« -- Er ließ
sich nicht schwer überreden, und schon den andern Tag stand er bei einer
jungen Witwe ein, von welcher ihm der Herbergvater sagte.
Als er das erstemal in deren Haus einging, empfing er eine Warnung: sein
Rechter wollte nicht über die Schwelle; doch achtete er weiter nicht
darauf.
Die Witwe war eine schöne Person, und wie der Seppe schon nicht leicht
mehr eine ansah, daß ihm nicht einfiel, was der Pechschwitzer sagte:
»Vielleicht begegnet dir dein Glück einmal auf Füßen,« so prüfte er auch
jetzt, obwohl mit schüchternen Blicken, die stattliche Frau. Sie sah
sehr blaß, nicht gar vergnügt und sparte ihre Worte gegen jedermann. Ihr
Tun in allen Dingen war aber sanft und klug, so daß sie einen jungen
Mann wohl locken konnte.
Es mag zuvor schon manchem so mit ihr gegangen sein, beim Seppe blieb es
auch nicht aus, und desto minder, da ihm nach den ersten Wochen deuchte,
er gelte vor den andern etwas bei der Meisterin. Geschah es, daß sie
ihrer einen nötig hatte zu einer kleinen Hilfe außerhalb der Werkstatt,
dann rief sie immer zehnmal gegen eines ihn vom Stuhl hinweg, und wenn
er Samstags für die Küche Holz klein sägte, sie aber backte eben
Zwiebelkuchen, da trug sie ihm gewiß ein Stück, warm von dem Ofen weg,
zum voraus in den Schopf hinaus; das schmeckte zu solchem Geschäft aus
der Faust ganz außer Maßen.